Pratchett, Terry – Rincewind, der Zauberer

Rincewind ist der berühmteste Zauberer der Scheibenwelt: ein lächerlicher Charakter, feige und völlig inkompetent, er flieht meist vor Magie, denn seine Zaubersprüche bewegen meist nur heiße Luft. Er wird begleitet von dem geheimnisvollen Gepäckstück Truhe und einem unbedarften Touristen namens Zweiblume.

_Die Farben der Magie_

„Die Farben der Magie“ (The Colour of Magic, 1983) ist Pratchetts erster Scheibenwelt-Roman. Widerwillig begleitet hier der junge Unterzauberer Rincewind Zweiblum, den ersten Touristen auf der Scheibenwelt, und dessen ebenso vielbeiniges wie psychopathisches Gepäckstück Truhe. Im letzten Drittel werden alle von Drachenkriegern auf einen umgedrehten Berg entführt, was zu unsäglich komischen Verwicklungen führt. Außerdem wechselt Rincewind kurzzeitig in unsere Dimension, wo er mit seinem Dusel eine Flugzeugentführung beendet. Dass die Truhe am Schluss wieder einschreitet, ist auch klar.

Die Parodie in „Farben der Magie“ dient Pratchett dazu, die Fantasy durch den Kakao zu ziehen, vom Genre der Schwerter-und-Zauberei von Fritz Leiber, über H.P. Lovecraft bis hin zu den Drachenepen von Anne Caffrey.

_Das Licht der Phantasie_

Im zweiten Scheibenwelt-Roman, der direkten Fortsetzung von Band 1, treten erstmals auf: Ankh-Morpork, die übelriechende Metropole, und ihre Unsichtbare Universität. Die Zielscheibe von Pratchetts Parodie sind: Astrologie, Druiden, Zwerge, Heroische Fantasy (durch den neunzigjährigen Barbaren Cohen), magische Läden, Zaubersprüche, Trolle und anderes Genre-Inventar.

Dies ist die Geschichte der Scheibenwelt, die von einer riesigen Schildkröte durchs Universum getragen wird und die sich auf Kollisionskurs befindet: einem Roten Stern entgegen. Die Sprüche des Zauberbuchs „Octavo“ (octo = Acht ist die Glückszahl auf der Scheibenwelt!) könnten die Katastrophe verhindern; doch ausgerechnet der schusselige Zauberer Rincewind hat den wichtigsten Spruch im Kopf. Während die Kollegen von der Unsichtbaren Universität ihn auszuspüren versuchen, macht sich Rincewind in Begleitung des Touristen Zweiblum und dessen laufender Reisetruhe aus dem Staub.

Da stiehlt ein verrückt gewordener Magier das Buch „Octavo“ und ist drauf und dran, die Scheibenwelt dem Untergang preiszugeben. Rincewind muss sich entscheiden…

_Der Zauberhut_

In diesem Band ist die Kraft der Zauberei derartig gesteigert, dass die Magier der Scheibenwelt zu Überheblichkeit verführt werden – und zum Krieg: Als Folge dräuen gar bald die Apokalypse und ihre vier Reiter (Pest, Krieg usw.). Ein widerwillig unternommener Akt unzureichender Zauberei rettet zwar die Welt, versetzt aber zugleich Rincewind in eine Anderswelt, die den Kenner doch schwer an H.P. Lovecraft erinnert („Die Traumfahrt zum unbekannten Kadath“ und andere Werke). Für jede Magie gibt’s einen Verlust, um die Dinge im Gleichgewicht zu halten. (Magic and Loss – so heißt auch eine gute Platte von Lou Reed.)

_Eric_

Der etwa 14-jährige Eric ist so eine Art Möchtegernzauberer und macht Sachen, von denen seine Eltern nichts erfahren dürfen. Er beschwört einen Dämon und erhält statt dessen Rincewind. Er soll ihm drei Wünsche erfüllen: Eric möchte Herrscher der Welt sein, die schönste Frau besuchen und ewig leben. Na, denn prost, denkt sich Rincewind unwillig. Und ich meine: Das ist ja wie bei Dr. Faust.

Herrscher der Welt wird Eric im Urwald von Klatsch, wo auf Pyramiden Menschen den Göttern geopfert werden. Genau wie ihre Kulturgenossen, die Azteken, schneiden auch die Tezumaner ihren Opfern gern mit einem Obsidianmesser das Herz raus…

Nun hat aber der neue Herrscher der Hölle, Dämonenkönig Astfgl, neue Leitlinien für die Führung von dämonischen und höllischen Aktivitäten erlassen. Der Dämon, der für die Tezumaner zuständig ist, wird bei seiner Materialisierung auf der Steinpyramide leider das unerwartete Opfer einer vorbeikommende Truhe mit tausend Beinen. Eric und Rincewind sind gerettet.

Sogleich erfüllt sich der nächste Wunsch. Was bei „faust“ die schöne Helena in Troja, das ist für Eric die achtfache Mutter Elenor von Tsota, das nun von den Ephebianern umzingelt ist. Doch der schlaue Held Lavaeolus (= Odysseus) verschafft ihnen Einlass bei Elenor. Eric winkt dankend ab.

Das ewige Leben jedoch beginnt nirgendwo, das heißt im Nichts – denn eine Ewigkeit dauert von Anfang bis Ende einer Welt (Letzteres taucht ebenfalls auf, im Stil von H.G. Wells). Erst als ein (der?) Schöpfer auch die Scheibenwelt kreiert hat, dürfen Eric und Rincewind auf ihr landen. Wenig später stellt sich auch eine Truhe ein. Das ist auch nötig, denn den Dämonenkönig holt das Duo in die Hölle, wo dann der Showdown inklusive Revolution stattfindet.

_Fazit_

Viel Buch fürs Geld, wenn auch die vornehmlich ältesten Kamellen unter Pratchetts Büchern. Für den Einstieg ins Pratchett-Universum der Scheibenwelt eignet sich der Sammelband aber sehr gut. Ein fünfter Rincewind-Roman, „Interesting Times“, erwähnt auch wieder Cohen den Barbaren, wurde aber nicht in diesen Sammelband aufgenommen.

_Der Autor_

Terry Pratchett, geboren 1948, und seine Frau Lynda haben mit dem Scheibenwelt-Zyklus einen phänomenalen Erfolg gehabt, der dazu führte, dass bereits 1996 mindestens ein Prozent aller im Vereinigten Königreich verkauften Bücher von ihnen stammten! Inzwischen gibt es nach zahlreichen Romanen auch PC-Spiele sowie Comics, die auf der Discworld basieren.

_Michael Matzer_ © 2001ff

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