Priest, Christopher – Amok-Schleife, Die

_Showdown mit dem Amokläufer_

Eine FBI-Agentin ermittelt hinsichtlich Übereinstimmungen zwischen mehreren Amokläufen. Sie gerät in die Welt der simulierten Extreme Experiences, kurz ExEx: extreme Erfahrungen. Aber einer der Killer spürt sie im Netz der ExEx auf und setzt ihr hart zu.

_Der Autor_

1943 in Cheshire/England geboren, veröffentlichte Christopher Priest 1966 seine erste Erzählung „The Run“ in dem Science-Fiction-Magazin „Impulse“. In der Folge publizierte er verstärkt in „New Worlds“, jenem Magazin, das unter Michael Moorcock zum Bannerträger einer „neuen Art Science-Fiction“, der sogenannten „New Wave“, werden sollte. Priest jedoch sieht sich selbst nicht als Teil der New Wave, sondern als eigenständiger Autor.

1970 erschien sein erster Roman „Indoctrinaire“, der schon in der Szene aufhorchen ließ. Mit dem klassischen Katastrophenroman „Fugue for a Darkening Island“ (1972; „Die schwarze Explosion“) und dem Hard-SF-Roman „The Inverted World“ (1974, dt. als „Der steile Horizont“ bei |Heyne|) schrieb sich Priest in die erste Reihe der britischen Genre-Autoren.

Die zwei nächsten Romane waren eher Rückgriffe auf Bewährtes: „The Space Machine“ (1976, „Sir Williams Maschine“) lehnte sich an H. G. Wells‘ Klassiker „The Time Machine“ an. Und „A Dream of Wessex“ (1977; „Ein Traum von Wessex“, 1979) basiert auf der Idee der totalen Simulation einer Welt, die Daniel F. Galouye in „Simulacron-3“ (verfilmt als „The thirteenth Floor“ und als „Welt am Draht“) entwickelt hatte.

Inzwischen hat Priest weitere Romane und Erzählungen im deutschen Raum veröffentlicht:

– Die stille Frau (The quiet woman, 1990)
– Das Kabinett des Magiers (The prestige, 1995)
– Die Amok-Schleife (The Extremes, 1998)
– Der Traumarchipel

Für seine Erzählhaltung hat Priest den Ausdruck „Visionärer Realismus“ geprägt: „visionär“ insofern, als er radikale Ideen, die unausführbar sind, vorbringt, und realistisch, weil er sich der Erzähltechniken der Science-Fiction bediene. Diese Erzählhaltung sei sowohl resümierend, was die bisherigen Werke der Science-Fiction anbelange (BEschreibend), als auch VERschreibend, insofern als sie alle Einengungen des Genres durch Begriffe ablehne und vielmehr einbeziehend wirken wolle.

Der Ausgangspunkt für „Die Amok-Schleife“ ist ähnlich wie in „Ein Traum von Wessex“ die Technik für eine totale Simulation der Realität. Hier wie dort hat sie ihre Tücken.

_Handlung_

Teresa Simons wurde zwar in Großbritannien geboren, wanderte dann aber mit ihren Eltern – der Vater diente beim Militär – in die Vereinigten Staaten aus. Nach vielen Jahren kehrt Teresa in ihre Heimat zurück. Genauer gesagt in die kleine Stadt Bulverton an der Kanalküste. Was will die ältliche Dame hier bloß?, fragen sich nicht nur die Inhaber und Betreiber des Wirtshauses, in dem sie im Voraus ein Zimmer gebucht hat. Und auch dem Leser wird lange Zeit nicht klar, was Teresa hierher getrieben hat.

Aber sie schnüffelt herum, denn schließlich ist sie eine ausgebildete FBI-Agentin. Sie fragt die Leute, was bei dem Amoklauf passiert ist, der vor wenigen Jahren Dutzende von Einwohnern aus heiterem Himmel das Leben gekostet hat. Auch ihre Wirtsleute sind Leidtragende: Sie mussten das Gasthaus von den getöteten Eltern übernehmen, der Inhaber eine Karriere in London abbrechen. Der Amokläufer war damals ein gewisser Gerry Grove, und er schoss auf alles, was sich bewegte, kaltblütig, wie man sich erzählt. Teresa studiert den exakten Ablauf jenes Amoklaufs, so als ob sie das Geschehen simulieren oder nachstellen wolle.

Und genau das ist Teresas Aufgabe auch in den Staaten gewesen: Sie wurde darauf geschult, Feuergefechte mit Kriminellen zu simulieren – aber nicht am Fernseher, sondern mit Hilfe einer weitaus fortschrittlicheren Virtual-Reality-Technik: der Extreme Experience, kurz ExEx genannt. Bei einer ExEx sitzt Teresa nicht nur in der ersten Reihe: Sie wird quasi auch selbst getötet, wenn der Kriminelle auf ihr virtuelles Alter Ego schießt! Dass das ganz schön stressig wird, kann man sich leicht vorstellen.

Vor kurzem hat Teresa herausgefunden, dass die Schießerei, bei der ihr Ehemann getötet wurde, größe Ähnlichkeit mit dem Ablauf des Amoklaufs in Bulverton hat. Wenn sie die Ursachen in England aufdecken kann, gelingt es ihr vielleicht auch, die Ursache für den Tod ihres geliebten Mannes herauszufinden und endlich mit ihrem tiefen Kummer fertig zu werden.

Doch es kommt anders, als sie erwartet hat. In einem Gebäude vor den Toren der Kleinstadt stößt sie auf ein kommerzielles Institut, das so etwas wie eine Spielhalle für ExEx-Spieler ist. ExEx wird zur ihrer Verblüffung auf der ganzen Welt vermarktet und in immer realistischeren Varianten genutzt, von einer wachsenden Zahl von Usern. Jeder, der das nötige Kleingeld hat, kann seinen täglichen Amoklauf absolvieren. Und so arbeitet sich auch Teresa in ExEx-Spiele ein. In diesen Szenarien begegnet sie Gerry Grove, dem Killer von Bulverton, ebenso wie ihrem Mann – sie ist schwer erschüttert, denn Grove benutzt sie, und ihr Mann verbannt sie.

Im ExEx ist Teresa nicht nur passive Konsumentin, sondern Akteurin: Bei jedem Besuch erzeugt sie Hyperlinks. Je mehr Hyperlinks existieren, desto wichtiger und bekannter ist eine Figur oder ein Ereignis. Erstaunt stellt sie fest, dass sie selbst im ExEx so etwas wie ein Pin-up-Girl ist: eine Celebrity. Ihre zunehmende Verstrickung in die Ebenen der virtuellen Realität von ExEx haben jedoch eine Konsequenz, mit der Teresa nicht gerechnet hat: Sie kommt nicht mehr heraus, sondern hängt in einer Schleife fest.

Ein Showdown mit Gerry Grove und dem Mörder ihres Mannes ist unausweichlich …

_Mein Eindruck_

Chris Priest hatte sich bereits als Drehbuchautor für David Cronenbergs Film „eXistenZ“ einen Namen gemacht, der ja auch mit virtuellen Realitätsebenen spielt. Doch während die Pseudorealität bei Cronenberg skurril bis putzig aussieht, ist sie bei „Amokschleife“ zunächst recht unscheinbar. Alle Aspekte der fiktiven Realität werden vom Autor/Erzähler sehr genau beschrieben. Man fühlt sich sicher in dem, was er uns erzählt und dem, was Teresa sowie ihre Gastwirte erleben.

Dass dieses Gefühl der Sicherheit und Normalität trügerisch ist, merkt der Leser allerdings viel zu spät. Zusammen mit Teresa befinden wir uns dann schon in den Labyrinthen der ExEx-Welten. Hier ist es durchaus interessant: Teresa entdeckt nicht nur, wer Gerry Grove ist, sondern beispielsweise auch, was eine Pornodarstellerin bei ihrer Arbeit empfindet. Sex mit Lust zu genießen, ist etwas Neues für sie, und das praktiziert sie auch in der Realität, als ihr die Gelegenheit geboten wird.

|Columbine, Littleton, Erfurt – Bulverton|

Teresa ist von Kindesbeinen an mit Waffen vertraut: Ja, sie hat sogar einmal auf ihr Spiegelbild geschossen und geglaubt, sie habe ihre Schwester erschossen. Auch in der Simulation der ExEx kann sie gut mit Knarren umgehen und sich virtuell ein ganzes Arsenal zulegen. Das Problem nicht nur für sie besteht darin, ExEx und Wirklichkeit zu trennen. Die Realität ersten Grades verliert die Härte und erscheint beliebig. Häufig wendet Teresa ihren Wagen und fährt in die Gegenrichtung, so als wolle sie eine Spielebene erkunden. Doch nur in der ExEx ist Teresa unverwundbar, nicht jedoch in der Realität ersten Grades.

Als Gerry Grove Amok lief, glaubte er sich ebenfalls noch in der ExEx und erschoss seelenruhig ECHTE Menschen, als ob er Spielfiguren vor sich habe. Wo ist sein Gewissen geblieben? Dachten das die zwei Schüler an der Columbine High School von Littleton ebenfalls, als sie über ein Dutzend ihrer Mitschüler abknallten und dann sich selbst? Dachte das der Amokläufer von Erfurt, bevor er sich den Gnadenschuss gab? Um ein Gewissen zu haben, muss man sich offenbar in der Realität ersten Grades befinden. In der ExEx braucht man es nicht.

|Die Aufhebung der Zeit|

Je länger Teresa in der ExEx bleibt, desto mehr verschwimmen auch die Grenzen zwischen dem, was war, und dem, was ist. Tatsächlich werden Vergangenheit und Gegenwart mit zunehmender Verstrickung in die ExEx zu einem Kontinuum, in dem sich Teresa zu bewegen lernt. Sie beugt die ExEx-Landschaft ihrem Willen und erhascht dadurch einen Blick auf eine Zukunft, die für sie |und| für ihren getöteten Mann eine gemeinsame eXistenZ erlaubt.

|Die deutsche Ausgabe|

Für diesen 1998 veröffentlichten Roman erhielt Priest den |James Tait Black Award| und wurde für den |Arthur C. Clarke Award| nominiert – zwei der wichtigsten Literaturpreise in Großbritannien, neben dem |Whitbread Award| und dem |Booker Prize|. Kein Wunder, dass der |Heyne|-Verlag für seine damals ambitionierte Science-Fiction-Reihe sofort zuschlug.

Schon das Titelbild finde ich sehr gelungen: ein schönes Frauengesicht (Thora Birch aus „American Beauty“?) wurde überlagert mit transparenten Karten des Himmels und einem DNS-Strang. Damit nicht genug: Sämtliche kleinen a-Lettern wurden in Kapitelüberschriften und Abschnittstrennern durch das @-Zeichen ersetzt.

Die Übersetzung besorgte Usch Kiausch sehr professionell; dabei hat sie auch diverse Wortspiele, die Priest so liebt, in Fußnoten erklärt.

Der Ausgabe ist ein längeres Interview beigefügt, das Kiausch und Sascha Mamczak, der Herausgeber der Heyne-Science-Fiction-Reihe mit Priest im Oktober 200 geführt haben: „Science Fiction als ‚Literatur des visionären Realismus'“ (siehe meine Erläuterungen unter „Autor“). Darin spricht Priest über „Die Amokschleife“, aber auch über andere Romane: sehr aufschlussreich.

_Unterm Strich_

Wieder mal ein typischer Priest: sehr leicht zu lesen, aber schwer zu begreifen – jedenfalls ab einem gewissen Punkt. Für jeden Leser liegt dieser Punkt woanders, je nach Vorstellungsvermögen. Priest fordert dieses Vorstellungsvermögen auch diesmal wieder bis zum Maximum. Dennoch war mir stets möglich, mit den Erfahrungen, die Teresa Simons macht, Schritt zu halten und sie einzuordnen – selbst wenn die eigene Schullogik etwas anderes behauptet und am laufenden Band „Stop! Wrong way!“ kreischt.

Wie gesagt, ist das Thema des Romans ein sehr ernstes. Ähnlich wie Michael Moore in „Bowling for Columbine“ fragt Priest nach den Urachen des Waffenwahns und der sich häufenden Amokläufe. Er stellt eine Verbindung zu simulierten Realitätsebenen, den Extreme Experiences, her. In der Tat ergeben sich daraus sehr beunruhigende Schlussfolgerungen, über die man nachdenken sollte.

Wer sich an Bruce Sterling heranwagt und die Science-Fiction von Ursula K. Le Guin erkundet hat, wird auch diesen intellektuell anregenden Roman lieben. Wer lieber auf Actiongetümmel und Space-Operas steht, sollte die Finger von „Amokschleife“ lassen und sein Gehirn woanders abgeben. Bei Priest wird es nämlich gebraucht.

|Originaltitel: The Extremes, 1998
Aus dem Englischen übersetzt von Usch Kiausch|

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