Ellery Queen – Der Giftbecher

Im großen Haus der Hatters geht ein trickreicher Mörder um. Ein knurriger Polizist und ein tauber Privatdetektiv ermitteln, aber sie erkennen beinahe zu spät, dass sich hinter den Verbrechen eine düstere Familientragödie verbirgt … – Klassischer „Whodunit“-Krimi aus der goldenen Ära dieses Genres, der alle erforderlichen Elemente – das alte und dunkle Haus, der Mord im vom innen verschlossenen Raum usw. – aufweist und durch die bizarre Figurenzeichnung besticht: ein nostalgischer Lektürespaß der Oberklasse.

Das geschieht:

Sie sind reich aber nicht angesehen: Die „mad Hatters“ nennt man die schreckliche Familie, die am New Yorker Washington Square residiert: Conrad, Wüstling und Säufer, seine verbitterte Gattin Martha, Mutter zweier grässlicher Kinder, Conrads Schwester Barbara, eine überspannte Dichterin, und Jill, die Jüngste, eine gefühlskalte Nymphomanin. Über allen thront Emily, die alte, bitterböse Matriarchin des Clans, die ihre Teufelsbrut eisern unter ihrem Dach und damit unter ihrer Fuchtel hält.

Seit zwei Monaten ist Emily Witwe: York, ihr seit Jahrzehnten gegängelter Gatte, hat seinem unglücklichen Leben in den Fluten des Atlantiks ein Ende gesetzt, wie ein bei der Leiche entdeckter Abschiedsbrief offenbarte. Kurz darauf muss Inspektor Thumm von der Mordkommission der New Yorker Polizei abermals den Familiensitz aufsuchen, denn es wurde ein Mordanschlag auf Louisa, Emilys Tochter aus erster Ehe, verübt.

Thumm findet keine Spuren, die auf den Täter hinweisen. In seiner Not sucht er Rat bei einem alten Freund: Drury Lane war ein berühmter Theaterschauspieler, bis ihn seine Taubheit zum Rückzug zwang. Nun betätigt er sich gern als Privatdetektiv. Auch er bleibt dieses Mal ratlos, kündigt aber weitere Anschläge an – und behält Recht: Einige Wochen später wird Emily tot in ihrem Bett aufgefunden, gestorben am Schock, nachdem man sie mit einer Mandoline (!) ihres Gatten geschlagen hatte. Einzige Zeugin ist Louisa, die mit der Mutter den Schlafraum teilte.

Leider ist Louisa blind, taub und stumm. Was sie dennoch in der Nacht bemerkte, lief durch den Filter ihrer Restsinne und muss quasi entschlüsselt werden – eine Herausforderung, der sich der ebenfalls gehandicapte Lane stellt. Eile ist angesagt, denn der Mörder treibt weiterhin sein Unwesen, legt Feuer und eignet sich aus Yorks altem Versuchslabor eine Auswahl brisanter Gifte an, mit deren Einsatz jederzeit zu rechnen ist …

Brutstätte des (Familien-) Wahnsinns

In einem von der Außenwelt isolierten Haus mit unzähligen Räumen voller Schatten und geheimen Schlupfwinkeln, bewohnt von einer überschaubaren Schar wenig harmonisierender Zeitgenossen, die sorgfältig diverse private Geheimnisse hüten, ereignet sich ein seltsamer und scheinbar perfekter Mord, ausgeführt mit einem Musikinstrument, wobei der Tod auch durch eine vergiftete Birne oder in anderer absurder Gestalt hätte kommen können.

Hier kann nur ein genialer Privatermittler helfen, denn die Polizei, viel zu stark eingefahrenen Denkmustern verhaftet, bringt nicht die erforderliche Fantasie mit, um den absichtsvoll verschlungenen Pfaden des Mörders folgen zu können. Es läuft auf ein geistiges Duell zwischen Detektiv und Täter hinaus, das im offenen und stets finalen Showdown endet, wenn alle Verdächtigen zusammengeführt werden und der oder die Schuldige in einem Akt voller Dramatik ausgesiebt wird.

Bis es soweit ist, dürfen die Leser in einem langen Mittelteil die Ermittlungen verfolgen und selbst rätseln. Im klassischen „Whodunit“ der Ära zwischen den Weltkriegen fühlten sich die Autoren verpflichtet, mit offenen Karten zu spielen. Wir finden die für die Lösung erforderlichen Indizien gemeinsam mit Drury Lane und Inspektor Thumm. Wie wir sie interpretieren, bleibt uns überlassen; Lane begnügt sich mit bedeutungsschwangeren Andeutungen und sichert sich seinen Informationsvorsprung, ohne den es die Handlung nicht ins genannte Finale schaffen könnte, denn was taugt ein Kriminalroman, dessen Katze zu früh aus dem Sack springt?

Krimi mit (Grusel-) Spannung

„Der Giftbecher“ zeigt das Autorenduo Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee auf der Höhe ihrer schöpferischen Kraft. Der Plot ist ausgetüftelt und voller überraschender Wendungen, was die Auflösung erfreulicherweise einschließt. Die Kulisse erfüllt lieb gewordene Erwartungen, spielt aber zum Teil auch mit ihnen; nicht der Mord findet dieses Mal im von innen fest verschlossenen Raum statt, sondern die Beschaffung des Giftes. Die formalen und inhaltlichen Klischees verzeiht man, weil sie noch keine Klischees waren, als dieser Roman entstand.

Auch die Atmosphäre ist stimmig – leicht surreal, ein wenig neben der Realität angesiedelt, mit effektvollen Gruselelementen angereichert; ein Meisterstück ist der Prolog, der die Bergung von York Hatters Leiche aus stürmischer See beschreibt. Aus der ‚Künstlichkeit‘ der Geschichte macht das Autorenduo keinen Hehl. „Der Giftbecher“ wird nicht in Kapitel und Unterkapitel gegliedert, sondern wie ein Theaterschauspiel in Akte und Szenen.

Das Rätsel Barnaby Ross

Wer hätte gedacht, dass Drury Lane es einst an Berühmtheit mit Ellery Queen aufnehmen konnte? Anfang der 1930er Jahre waren die Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee, die seit 1929 unter dem Pseudonym „Ellery Queen“ hoch gelobte und eifrig gelesene Krimis schrieben, jung und energisch genug, um mit „Barnaby Ross“ ein zweites Autoren-Alias aus der Taufe zu heben. Wie geplant rätselte die zeitgenössische Leserschar über die wahre Identität dieses Barnaby Ross – und kaufte dessen Romane, was die eigentliche Absicht von Dannay & Lee gewesen sein dürfte.

Den Kenner der klassischen Krimi-Szene wundert es nicht, dass u. a. S. S. van Dine (= Willard Huntington Wright, 1888–1939) hinter dem Pseudonym vermutet wurde, gab es doch Parallelen zwischen Drury Lane und van Dines schrecklich gescheiten Ermittler Philo Vance. Lane ist als Mann fortgeschrittenen Alters ein ganz anderer Charakter als der junge, bewegliche Ellery Queen. Er hat zudem mit einem persönlichen Handicap zu kämpfen, das ihm die Detektivarbeit einerseits erschwert, aber andererseits erleichtert: Lane ist taub und wird deshalb von seinen Gegnern leicht unterschätzt. Die Fähigkeit des Lippenlesens gleicht in Kombination mit der scharfen Intelligenz des Schauspielers, der hinter die Maske seines Gegenübers zu schauen vermag, die scheinbare Behinderung wieder aus.

Stummer Ermittler mit scharfem Geist

Lane ist wie die meisten genialen Ermittler kein zugänglicher Charakter. Deshalb stellen ihm Dannay & Lee den überaus bodenständigen Inspektor Thumm zur Seite. Er ist den prosaischen Seiten des Lebens gegenüber aufgeschlossen und ein vergleichsweise schlichter Geist, mit dem sich die Leser besser identifizieren können als mit dem ätherischen Lane. Thumm stellt in seiner Vertretung die dummen Fragen, durch deren Beantwortung Lane erst glänzen kann. Er ist der Mann fürs Grobe und leiht Lane die notwendige Autorität, mit der dieser seine unorthodoxen Nachforschungen anstellen kann. In „Der Giftbecher“ ist dies von besonderer Wichtigkeit, denn die Hatters ließen Lane ohne die Drohung durch die Polizei sicherlich kaum über ihre Schwelle treten.

Was für eine schreckliche, gar nicht nette Familie! Mit den Hatters aus New York ist dem Autorenduo Dannay & Lee eine bizarre Dämonensippe gelungen, die dem Leser im Gedächtnis haftet. Ihre Mitglieder stellen den „mad hatter“ = den „verrückten Hutmacher“ aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ – das Wortspiel kommt in der deutschen Sprache leider nicht zur Geltung – leicht in den Schatten. Selbst die Polizei würde die Hatters am liebsten sich selbst überlassen, bis sie sich gegenseitig ausgerottet haben, gäbe es da nicht eine Jungfrau in Not: die arme Louisa, die aufgrund ihrer Dreifachbehinderung schutzlos ihrem Mörder ausgeliefert ist.

Das Heim als Hölle

Oder sind es sogar mehrere Mörder? Die ‚gesunden‘ Hatter-Kinder hassen Louisa, deren Hilflosigkeit sie anwidert. Außerdem sind sie eifersüchtig, denn Emily widmet ihre mütterliche Aufmerksamkeit ausschließlich Louisa. Freilich spielt dabei echte Mutterliebe offensichtlich kaum eine Rolle; Emily liebt es, dass Louisa ihrer absoluten Kontrolle unterworfen ist.

Der Kreis der Verdächtigen ist deshalb groß. Alle Hatters kommen als Attentäter in Frage. Als sich der Verdacht erhärtet, dass Louisa gar nicht das eigentliche Mordziel darstellte, vergrößert sich der Kreis sogar: Praktisch jede Person, die mit den Hatters zu tun hatte, kann genug Gründe auflisten, die Familie zu hassen.

Ein so unbarmherziges Bild der Familie, die doch zu den tragenden Säulen des konservativen Weltbildes gehört, hätte man in einem ‚simplen‘ Kriminalroman vor allem aus der „guten, alten Zeit“ nicht erwartet. Womöglich besitzt der oft geschmähte Krimi ja eine zweite Deutungsebene, symbolisieren die Hatters menschliche Eigenschaften wie Gier, Lüsternheit, Rache, Kontrollzwang, Besessenheit oder Charakterschwäche. Die Familie ist ein Mikrokosmos, der ebenso Bollwerk wie Miniaturhölle sein kann. Frederic Dannay hatte acht Kinder; er dürfte folglich über die Schattenseiten im Bilde gewesen sein …

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half natürlich die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals so beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 60er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Anleitung der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich unter http://neptune.spaceports.com/~queen : eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

Drury-Lane-Serie:

(1932) Die Zange (The Tragedy of X)
(1932) Der Giftbecher/Die Tragödie von York (The Tragedy of Y)
(1933) Wettlauf mit dem Schicksal (The Tragedy of Z)
(1933) Drury Lanes letzter Fall (Drury Lane´s Last Case)

SPOILER (aber nur ein kleiner …)

Was ließ die Hatters eigentlich so verrückt werden? Die Antwort ist ebenso logisch wie grausam, und sie ist so ‚unanständig‘, dass sie 1933 auf gar keinen Fall gegeben werden durfte; die wie üblich bigotte Zensur gestattete aber ‚Andeutungen‘, die dem sprichwörtlichen Wink mit dem Zaunpfahl glichen, sodass eigentlich jeder Leser die Lösung gekannt haben dürfte: Die wahre „Tragedy of Y“ heißt Syphilis!

SPOILER Ende

Taschenbuch: 224 Seiten
Originaltitel: The Tragedy of Y (New York : The Viking Press 1932)
Übersetzung: Georg Kahn-Ackermann

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