Ralph G. Kretschmann – Pesthauch (Blutdrachen 1)

Blutdrachen

Band 1: „Pesthauch“
Band 2: „Leichentuch“

Freiherr von Steinborn hat sich viel Mühe gegeben, dem holländischen Kaufmann Van Strout zu begegnen. Denn beide haben etwas gemeinsam: je ein geheimnisvolles Holzkästchen mit einem Drachenemblem darauf …

Die letzte Familienangehörige der jungen Rebekka ist ihre kleine Schwester Elisabeth. Als das Mädchen ermordet wird, schwört Rebekka Rache. Doch ihr ist nicht klar, wem sie da Rache geschworen hat!

Georgios Santos ist schon sehr, sehr alt und hat sein gesamtes Leben auf Reisen verbracht. Er hätte nicht das geringste dagegen zu sterben. Doch er hat eine Aufgabe zu erfüllen, die niemand sonst übernehmen kann. Eine sehr gefährliche Aufgabe …

General Courtyard ist ein kranker Mann und hat nicht mehr lange zu leben. Aber vor seinem Tod will er noch etwas zu Ende bringen, das er sich vor Jahren auf dem Schlachtfeld geschworen hat: Er will den Kerl zur Strecke bringen, der seine Soldaten auf dem Gewissen hat.

Sie alle jagen unabhängig voneinander dasselbe Übel … oder, na ja, fast dasselbe …

Ralph G. Kretschmanns Geschichte findet zur Zeit der Pest statt, wobei ich den Verdacht habe, dass die Pest lediglich als Aufhänger diente, um die Geschichte ins Rollen zu bringen. Denn danach spielt die Seuche nicht mehr die geringste Rolle, weder unterwegs, noch in Antwerpen, noch in London. Niemand, dem die Protagonisten begegnen, fragt, woher sie kommen, oder ergreift sonst irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen gegen eine mögliche Ansteckung. Selbst die Abreise aus der Peststadt wird einfach so festgestellt, einziges Zugeständnis ist die nüchterne Feststellung, dass die Ausreise aus einer Peststadt gefährlich sei, und dass die Reisenden deshalb alle Gasthäuser und Siedlungen meiden. Eigentlich jedoch hätte es gar nicht so ohne weiteres möglich sein dürfen, die Stadt zu verlassen. Natürlich handelt es sich bei dem vorliegenden Roman nicht um einen historischen, eine Peststadt abzuriegeln, ist jedoch nicht nur eine Sache der Historik, sondern auch der Logik. Zumindest ein paar Schwierigkeiten bei der Abreise hätte ich schon erwartet!

Der Autor konzentriert sich jedoch ganz auf seinen Magieentwurf, und der ist von der Idee her durchaus neu und gar nicht schlecht. Vampirismus ist hier keine Erscheinung für sich, sondern wird von etwas verursacht, das viel älter, fremder und bösartiger ist. Schade, dass die Ausarbeitung nur mäßig ins Detail geht, denn einige Dinge wirken dadurch unausgereift und in sich nicht stimmig. So fragt man sich, warum das erste weibliche Opfer des Vampirs nach seinem Angriff noch lange genug herumlaufen konnte, um zu verwesen, während Elisabeht sofort tot war. Falls es dafür eine Erklärung gibt, erfährt der Leser nichts davon.

Auch ein anderer Aspekt der Magie hat dieses Problem: der Golem. Laut Courtyards Aussage ist er der Meister des Golem, weil er den früheren Meister getötet hat, ohne den Golem vorher freizuspechen. Das war womöglich besser so, wer weiß schon, was ein freigesprochener Golem anstellen würde. Allerdings ist Courtyard von niemandem getötet worden. Müßte das nicht bedeuten, dass der Golem nach dem Tod des Generals keinen Meister mehr hatte? Und wenn nein, warum nicht?

Im Hinblick auf die Handlung stört der Mangel an Details nicht so sehr. Die Geschichte entwickelt sich daher auch recht zügig, die Zusammenführung der einzelnen Handlungsstränge ist flüssig gestaltet und liest sich problemlos. Und doch ist es auch hier nicht ganz ohne Haken abgegangen. Das häuft sich vor allem gegen Ende.

Die sich ungewöhnlich rasch entwickelnde Romanze ist da noch das Geringste, so was kommt öfter vor. Dass die beiden ihren Gefühlen allerdings ausgerechnet in einem Moment nachgeben, zu dem nicht nur die Zeit drängt, sondern sie sich auch noch in der Höhle des Löwen befinden, wo jederzeit das Böse, das sie eigentlich bekämpfen wollen, auftauchen und über sie herfallen kann, das war dann schon etwas viel der Hormone!

Der Schneesturm war ebenfalls eine zweischneidige Sache: einerseits hat er Steinborn bei seinem Ritt nach London massiv behindert. Beim Kämpfen scheint er ihn dagegen kaum gestört zu haben. Auch Rebekka ist in der Lage, trotz Sturm und massiven Schnneefalls mal schnell zurück in die Wohnung zu rennen, dort ein Schwert zu holen und rechtzeitig wieder an den Schauplatz des Kampfes zurückzukehren, als läge das Haus nur mal kurz um die Ecke, was wohl nicht der Fall war, denn immerhin musste Georgios einen Mindestabstand einhalten, um nicht als Bedrohung wahrgenommen zu werden.

Da fallen die Mengen an Schaulustigen, die trotz des Sturms, dessentwegen sie sich den ganzen Tag nicht vor die Tür getraut haben, hinausgerannt sind, anstatt das Ganze von ihrem Fenster aus zu beobachten, schon fast nicht mehr ins Gewicht.

Bleiben die Charaktere. Sie sind die Hauptleidtragenden der straffen Erzählweise, denn keiner von ihnen entfaltet echte Tiefe. Was man aus ihrer Vergangenheit erfährt, geht nicht über das absolut Notwendige hinaus, um die Motive zu liefern, warum zum Beispiel Steinborn unbedingt Van Strout treffen wollte, oder warum Van Strout und Courtyard Vampire jagen.
Dazu kommt, dass sowohl Steinborn als auch Rebekka und Van Strout Georgios sofort alles glauben, was er ihnen erzählt, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken, ob sie diese Aussagen irgendwie verifizieren können. Und sie glauben ihm nicht nur, sie sind auch sofort bereit, ihn zu unterstützen. Dabei kennen sie ihn überhaupt nicht.

Es hilft nicht einmal, dass in Steinborns Fall zunächst in der Ich-Form erzählt wird, denn die wenigen Gedanken und Gefühle, die erwähnt werden, sind genauso trocken formuliert wie die Mitteilung, dass Van Strout Steinborn pünktlich abgeholt hat, um mit ihm zu seiner Burg in Holland zu fahren. Außerdem wird diese Erzählweise im letzten Abschnitt des Buches fallen gelassen, und mir ist bis jetzt keine Idee gekommen, warum der Autor sie zu Anfang überhaupt gewählt hat, warum ausgerechnet für Steinborn, und warum ausschließlich für ihn.

Unterm Strich war dieses Buch eine Lektüre mit verschenktem Potential. Die Grundidee war sehr interessant und vielversprechend, aber nicht ausreichend und konsequent genug durchdacht. Auch die Sprache gefiel mir, und zunächst war die Handlung gut und interessant erzählt, verlor jedoch durch die Ereignisse im Verlies der Burg etwas an Zugkraft, bis ihr die vielen Ungereimtheiten in London schließlich den Garaus machten, als es eigentlich hätte richtig spannend werden sollen. Die Charaktere waren so leblos, dass sie nicht in der Lage waren, den Leser gefangen zu nehmen und wirklich mitfiebern zu lassen. Meine Lust, die Fortsetzung zu lesen, hält sich deshalb sehr in Grenzen.

Ralph G. Kretschmann ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Regisseur, Maler und Zeichner. Er selbst bezeichnet sich als „Geschichtenerzähler“, ganz gleich in welcher Ausdrucksform. Er lebt und arbeitet in Hamburg.

Taschenbuch 382 Seiten
ISBN-13: 978-0-615-85456-4

www.ralph-kretschmann.de
fantasyverlag.com

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