Ramez Naam – Crux. Upgrade (Nexus-Trilogie 2)

Spannender Mittelband der NEXUS-Trilogie

Das Jahr 2040, San Francisco. Die experimentelle Nano-Droge Nexus ermöglicht es Menschen, sich von Bewusstsein zu Bewusstsein auszutauschen. Es gibt aber einige Neurowissenschaftler, die Nexus verbessern wollen. Und es gibt Behörden wie das Heimatschutzministerium (DHS), die Nexus auslöschen wollen. Und es gibt welche, die Nexus für ihre eigenen Zwecke ausbeuten wollen.

Als der junge Neurowissenschaftler Kaden Lane von der DHS-Agentin Samantha Cataranes erwischt wird, wie er Nexus 5 auf einer illegalen Party verteilt und verwenden lässt, verhaftet sie ihn. Kadens einziger Ausweg, um die Leben und Karrieren seiner Freunde zu retten: völlige Kooperation und Übergabe aller Nexus-5-Materialien. Kaden sieht nur einen Ausweg: Er macht den Quellcode von Nexus 5 v0.7 öffentlich zugänglich.

Sechs Monate später kündigt der US-Präsident seinen Kampagne gegen den Transhumanismus an, d.h. gegen Mittel wie Nexus-5. Denn Nexus 5 ist bereits in über 10 Mio. Menschen implementiert. Kinder werden bereits mit Nexus geboren. Der Präsident wird schon in der Pressekonferenz das Ziel eines Anschlags der Posthumanen Befreiungsfront (PLF) und überlebt nur um Haaresbreite. Kaden Lane wird klar, dass es einen neuen Akteur im Machtspiel geben muss. Aber wie kann er die PLF-Terroristen aufspüren und stoppen, wenn ihn gerade die Kopfgeldjäger des Präsidenten zur Strecke bringen wollen?

Meine Besprechung beruht auf der englischsprachigen Taschenbuchausgabe.

Der Autor

Der Software-Entwickler Ramez Naam war an der Entwicklung von Internet Explorer und MS Outlook beteiligt. Er war der Geschäftsführer von Apex Nanotechnologies, bevor er zu Microsoft zurückkehrte. Er ist Mitglied der World Future Society und Bereit an mehreren Instituten und Komitees. Für sein Sachbuch „More Than Human: Embracing the Promise of Biological Enhancement“ ist er bekanntgeworden, doch den H.G. Wells Award 2015 erhielt er für seine Veröffentlichungen über Transhumanismus. Mehr Info: www.rameznaam.com.

Mit NEXUS gewann der Autor den PROMETHEUS Award 2014 und wurde für den Arthur C. Clarke Award 2014 nominiert. APEX gewann den PHILIP K. DICK AWARD.

Die NEXUS- alias ARC-Trilogie

1) Nexus. Install (2013, dt. 2014)
2) Crux: Upgrade (2014, dt. 2015)
3) Apex: Connect (2015, dt. 31.3.2018)

Vorgeschichte

Das Jahr 2040, San Francisco. Die experimentelle Nano-Droge Nexus ermöglicht es Menschen, sich von Bewusstsein zu Bewusstsein auszutauschen. Denn Nexus ist nicht nur eine Substanz, sondern auch ein Betriebssystem, das über Funkeigenschaften verfügt. Das menschliche Gehirn dient ihm lediglich als Hardware-Plattform. Noch verbreiten sich die Nanos kontrolliert, aber wie lange noch?

Die Nexus-Zelle

Es gibt aber einige Neurowissenschaftler, die Nexus verbessern wollen. Der junge Neurowissenschaftler Kaden Lane hat zusammen mit seinen Freunden, dem Programmierer Rangan, der Aktivistin Ilyana und dem Ex-Marine Watson Cole eine Zelle aufgebaut, um Nexus weiterzuentwickeln. Dabei er doch, dass es seit 2031 im Heimatschutzministerium (DHS) eine Abteilung für die Abwehr bedrohlicher Technologien, das ERD, gibt. Das ist eine Behörde, die Nexus auslöschen will. Er ahnt nicht, mit welchen Tricks deren Agenten arbeiten.

Die DHS-Agentin Samantha Cataranes bekommt von ihm eine Einladung zu einer illegalen Nexus-Party. Sie hat sich ihm als Reporterin Samara Chavez vorgestellt, die an neuester Forschung in der Bay Area interessiert ist. Damit sein siebter, mit Nexus aufgerüsteter Sinn sie nicht sofort durchschaut, hat sie sich mit Samara eine zweite Persönlichkeit zugelegt, an die sie bedingungslos glaubt. Er glaubt, er könne sie als Versuchskaninchen gebrauchen, aber da ist er schief gewickelt.

Kaden, der Agent

Kaden wird von zwei Männern vernommen, einem Direktor des ERD namens Becker und von Martin Holtzmann, einem deutschen Neurowissenschaftler. Becker erklärt Kaden, welche Verbrechen er gegen den Präsidentenerlass von 2031 begangen, der das ERD-Direktorat des DHS ins Leben rief. Das Schlimmste ist für ihn und seine Freunde jedoch, dass sie kein Recht auf einen Anwalt, geschweige denn einen Pflichtverteidiger haben. Es geht ja um ultrageheime Angelegenheiten wie das weiterentwickelte Nexus-Nanovirus. Die betreffen die nationale Sicherheit, und dieser Hinsicht versteht die Regierung keinen Spaß.

Kadens einziger Ausweg, um die Leben und Karrieren seiner Freunde zu retten, besteht in völliger Kooperation und der Übergabe aller Nexus-5-Materialien. Der Preis für die Freilassung bzw. Verschonung seiner Freunde ist das Ausspionieren einer chinesischen Nexus-Wissenschaftlerin. Er bekommt dafür acht Wochen Trainingszeit. Was man ihm nicht sagt: Es gibt Leute, die Nexus für ihre eigenen Zwecke ausbeuten wollen.

In Thailand

Die Chinesin Su-Yong Shu hat in der Tat übermenschliche Fähigkeiten, doch sie will Kaden für ihre Regierung gewinnen und hilft ihm, in brenzligen Situationen zu überleben. Davon gibt es eine ganze Menge. Sie bringt ihn in einem buddhistischen Kloster in den Bergen Thailands in Sicherheit, doch Becker vom ERD/DHS spürt ihn auf. Weil er ihn für einen Verräter hält der zu den Chinesen übergelaufen ist, befiehlt Becker einen massiven Militärschlag gegen das Kloster. Unterdessen verliebt sich Kaden in Ling Shu, die schöne Tochter der verstorbenen Su-Yong Shu…

Handlung

Su-Yong Shu ist keineswegs tot; sie hat nur ihren Körper verloren. Nun befindet sie sich auf einem Superrechner in einer virtuellen Realität und versucht verzweifelt herauszufinden, wie sie es schafft, den drohenden Wahnsinn zu vermeiden. Milliarden Millisekunden ticken vorüber, als sie ihre Nexus-5-Schnittstelle nutzt, um Ordnung in ihren virtuellen Körper zu bringen. Doch dann entdeckt sie per Zufall ein Zeitungsfoto, das die Bediener des Servers übersehen haben. Es zeigt Chen, ihren Mann, Ling, ihre kleine Tochter, und den Direktor der Universität, an der sie gearbeitet haben. Alle drei stehen vor einem Grab. Ihrem Grab. Der Wahnsinn verschlingt Su-Yong Shu.

Der Forscher (1)

Martin Holtzmann ist der Berater des Emerging Risks Directorate (ERD) innerhalb des US-amerikanischen Heimatschutzministeriums DHS. Das ERD hat bereits seine Agentin Samantha Cataranes irgendwo in Thailand verloren. Nur die Götter wissen, wo sie stecken mag. Holtzmann hat sich aus Neugier selbst Nexus-5 gegeben, ist glücklich mit der Wirkung, doch darf niemand in seiner ERD-Umgebung wissen, dass er es hat, und das macht ihn unglücklich und paranoid: Nexus ist eben für Verbindungen geschaffen, fürs Teilen. Gegen seine Depressionen nutzt er Nexus, um körpereigene Opiate und aufbauende Hormone auszuschütten. Schon nach wenigen Wochen ist Martin abhängig.

Der Anschlag

Heute verkündet US-Präsident Stockton in einer Pressekonferenz, dass alle mit Nexus aufgerüsteten Menschen – insbesondere Kinder – interniert würden und Nexus wie eine illegale Droge eingestuft würde. Da hört Holtzmann durch seine Nexus-Schnittstelle eine Warnung und unbekannten Code. Er ist sofort alarmiert und sucht nach dem Ursprung dieses Codes. Er dreht sich um und entdeckt einen Agenten des Secret Service, der eine Pistole in seinem Jackett versteckt hat. Holtzmann ruft: „Waffe! Er hat eine Waffe!“ Andere Agenten bewegen sich auf Agent Travers zu, um ihn zu stoppen, doch er feuert noch zwei Kugeln auf den Präsidenten. Die Schüsse verfehlen ihr Ziel, doch gleich darauf explodieren zwei Sprengkörper, Dutzende von Besuchern der Pressekonferenz töten. Holtzmann entgeht dem Tod um Haaresbreite. Als er wieder erwacht, fragt er sich, wer Travers umgepolt haben könnte.

Kaden

Kaden Lane hat in einem kambodschanischen Kloster der Buddhisten überlebt. Die militärischen Angriffe des ERD haben ihn nicht töten können, aber er hat seine rechte Hand verloren. Er lässt sie wieder nachwachsen. Aber das nun von Präsident auf ihn ausgesetzte Kopfgeld setzt Jäger in Marsch, die Kaden in einem Kloster und Dorf nach dem anderen aufstöbern, so dass er mit seinem Führer, Su-Yong Shus chinesischem Militärklon Feng, über die Grenze nach Vietnam fliehen muss.

Doch schon im ersten Kloster heißt es nach der Dusche, dass die Jäger zu nahe seien, als dass Kade und Feng bleiben könnten. Noch vor dem Essen müssen sie weiter. Kade schaudert bei dem Gedanken, dass sich in Kambodscha ein ganzes Kloster geopfert hat, um ihn zu decken. Und weitere könnten folgen. Er weiß, was das ERD so dringend haben will: die Hintertüren, die er in den Code von Nexus-5 eingebaut hat. Im Besitz dieser Hintertüren könnte eine skrupellose Regierung jeden Nexus-Nutzer auf der Welt manipulieren – und töten.

Enden und Anfänge

Ilyana Alexander, Kadens Komplizin, sieht die Gefahr, diesen Hintertür-Code preiszugeben, direkt vor sich. Mit Nexus infizierte „Befrager“ wollen sie dazu zwingen, doch sie übernimmt ihre Gehirne und bringt sie dazu, sich selbst oder einander zu töten. Ein kleiner Sieg von kurzer Wirkung. Ilyana sieht keinen Ausweg mehr für sich und zieht die ultimative Konsequenz. Ihr Herz verstummt für immer.

Ilyanas Komplize Rangan Shankari zeigt nicht so viel Standhaftigkeit. Nach Tagen der Folter durch Waterboarding knickt er ein und erzählt den ERD- und DHS-Agenten alles, was sie wissen wollen. Sie wollen die Passwörter zu den Hintertüren. Nach deren Preisgabe verachtet Rangan sich selbst. Da hört er Kinderstimmen aus anderen Zellen. Das ERD hat Kinder, die mit Nexus geboren worden waren, hier eingesperrt. Unter diesen Kindern ist auch Bob, der autistische Sohn eines vom DHS ermordeten Vaters, der es nicht mehr geschafft hat, den Kontrollen am Flughafen zu entkommen. Bob sucht verzweifelt Trost – und einen Freund.

Der Forscher (2)

Martin Holtzmann, der Retter des US-Präsidenten, wird von dem freien CIA-Mitarbeiter Nakamura gezwungen, Samantha Cataranes und Kaden Lane zu suchen. Martin beschließt, heimlich herauszufinden, wer ihm, Holtzmann, eine Nexus-Probe gestohlen hat. Die Spur führt in die Vergangenheit, zu den mexikanischen Drogenkartellen. Damals sagte ihm der Thailand umgekommene Kollege Becker, die Kartelle hätten auf Gehirnwäsche umgesattelt. Ihr erstes Opfer war eine Milliardärserbin, die ihn nach der Gehirnwäsche einen Großteil ihres Vermögens überschrieb. Nun erhält Martin einen Anruf seines Chefs: Der Präsident werde kommen, um sich die Nexus-Kinder anzusehen. Er wolle sie quasi auf Entzug setzen. Martin weiß durch seine eigene Nexus-Abhängigkeit genau, welcher Horror die wehrlosen Kinder erwarten würde…

Samantha

Nexus-Kinder gibt es auch in Südostasien, doch sie stehen unter dem Schutz eines indischen Tycoon namens Shiva Prasad. So auch die autistischen Nexus-Kinder in dem kleinen Kindergarten, in dem Samantha Cataranes unter einem falschen Namen ein Obdach gefunden hat und die Kinder betreut. Doch die Fähigkeiten der Kinder, ein vernetztes Schwarmbewusstsein zu bilden und damit übermenschliche Taten zu vollbringen, versetzt die umgebende Bevölkerung in Angst und Schrecken.

Die Gewalt nimmt zu, bis nicht nur Sam, sondern auch ihr Geliebter Jake die Wahl treffen müssen, wegzugehen. Das heißt: Nur Jake und die alte Heimleiterin dürfen mit den Kindern zu einer Hilfsorganisation gehen, Sam aber nicht. Denn Sam ist offensichtlich Amerikanerin. Und mit den Amis haben alle ein Problem. Shiva Prasad gibt den Befehl, diese Amerikanerin zu finden und zu ihm zu schaffen. Vielleicht weiß sie etwas über den weiterhin flüchtigen Kaden Lane. Doch er hat nicht mit Samanthas posthumanen Fähigkeiten gerechnet…

Shanghai

Die Chinesin Su-Yong Shu ist zwar gestorben, doch ihr Verstand hat überlebt. Über die Kommunikationsgeräte, die ihr Mann, der Informatiker Chen, stets in das Gewölbe mitnimmt, wo sich ihr Quantencomputer befindet, gelingt es ihr, Kontakt mit ihrer Tochter Ling aufzunehmen. Als Ling realisiert, dass sie ihre Mutter niemals wiedersehen wird, rebelliert sie mit einer von Nexus ermöglichten Cyber-Attacke von maximaler Wirkung: Überall in Shanghai, wo Su-Yong Shu „gefangen gehalten“ wird, werden sämtliche Kraftwerke und Umspannwerke zerstört, jede Art von IT wird überlastet. Die Lichter gehen aus, der Verkehr kommt zum Erliegen, die Plünderungen beginnen. Der Staatsschutz befreit Chen aus dem Sicherheitszentrum, in dem Su-Yong Shu gefangen ist, und bringt ihn direkt zum Sicherheitschef. Wider Erwarten glaubt ihm dieser seine Unschuldsbeteuerungen. Froh, noch am Leben sein zu dürfen, verspricht Chen, Su-Yong Shu zur Kooperation zu bewegen, um die Cyber-Attacke aufzuklären. Er ahnt (noch) nicht, dass seine eigene Tochter Ling dahintersteckt…

Saigon

Verkleidet als Rucksacktouristen quartieren sich Kaden und Feng über einem Nexusladen namens HEAVEN“ ein. Sie lassen sich interaktive Tattoos in die Haut injizieren und lauschen über die Nexus-Frequenz den Gesprächen der Jungen, welche sich meist um Mädchen oder Rauschdrogen drehen. Doch es gibt Arbeit zu tun, findet Kaden. Er findet heraus, wie es sein konnte, dass seine überall tätigen Software-Agenten ihn nicht rechtzeitig vor den Anschlägen in Chicago auf den Präsidenten und anderswo warnen konnten. Sie waren bis kurz vor dem Anschlag offline. Und die PLF-Terroristen, die ihre Opfer mit Nexus 5 in willfährige Zombies umwandelten, nutzten eine uralte Version von Nexus: Version 0.5 hatte er im Frühjahr – zusammen mit einer Hintertür – freigegeben, doch jetzt ist Herbst, und die aktuelle Version ist v1.32.

Als er einen vernetzten Mann entdeckt, der Nexus-Kinder und Kadens Freund Rangan Shankari gefangenhält, zwingt er ihn mittels Nexus-Override-Befehl, alle seine Taten dem Ziel, Rangan und die Kinder zu befreien unterzuordnen. Kade ist es egal, ob er den Mann in Lebensgefahr bringt. Es handelt sich um Martin Holtzmann, der in den Akten der ERD gerade eine brisante Entdeckung gemacht hat.

Shiva Prasad ist Kaden ebenso auf der Spur wie Kevin Nakamura von der CIA. In Saigon wird Kade aufgespürt. Als Shivas Truppe zuschlägt, kommt es zu einem verlustreichen Gefecht mit anschließender Verfolgungsjagd, die Saigons Altstadt in Trümmer legt…

Mein Eindruck

In der gleichen multiperspektivischen Erzählweise wie im Vorgängerband „Nexus“ führt der Autor diesmal drei Schauplätze zu ihrem jeweils dramatischen Höhepunkt: Washington, D.C., Saigon und Shanghai. Auf diese Weise erhält dieser Mittelband eine wichtige Drehscheibenfunktion innerhalb der Trilogie, um zentrale Fragen zu beantworten: Was ist der beste Zweck, den die Nexus-Technologie erfüllen kann, wie sieht der schlimmste Missbrauch aus und was soll mit den Nexuskindern geschehen?

Martin Holtzmann kümmert sich gezwungenermaßen um die Nexuskinder, die die US-Regierung in so etwas wie KZs sperren will, um die posthumane Evolution zu stoppen. Dass sie dabei höchst illegale Mittel einsetzt, ist Holtzmanns wichtigste Entdeckung: Die PLF-Terroristen werden von der Regierung gesteuert, um einen Krieg gegen die Posthumanen und alle ihre vermeintlichen Unterstützer zu entfachen. Das ist natürlich wichtig für die Wahl des nächsten Präsidenten: Stockton ist auf diese Wende angewiesen. Kann Holtzmann diesen Coup vereiteln?

Ling ist bereits ein solches Nexuskind – und sie ist auf übelste Weise ihrer Mutter Shu beraubt worden: Deren Verstand steckt jetzt in einem isolierten Quantenrechner, wo sie sich dem Wahnsinn nähert. Wozu Ling in Shanghai fähig ist, stellt sie eindrucksvoll unter Beweis, leider sehr zur Freude der Hardliner in der Partei, die endlich einen Grund sehen, die Bevölkerung stärker unterdrücken können. Erst ganz am Schluss findet Ling wieder zu ihrer Mutter, und zusammen dürften sie zu Dingen fähig sein, die das Maß eines normalen Menschen weit übersteigen.

Shiva Prasad, der Wohltäter

Der Tycoon Shiva scheint auf den ersten Blick die richtigen Absichten zu hegen, um über Nexus die Kontrolle zu übernehmen und die Menschheit damit in ein besseres Zeitalter führen zu können. Auf Shivas Privatinsel findet der Showdown statt. Samantha, Nakamura, Kaden und Feng sind vor Ort, aber mit völlig unterschiedlichen Zielen. Diese stehen diametral im Gegensatz zu denen Shivas. In der Folge soll sich zeigen, ob sich Shivas ZIELE auch mit seinen MITTELN, sie zu verfolgen, vereinbaren lassen.

Der Autor, vertreten durch Kaden, steht auf der Seite der Freiheit – der Wahlfreiheit, genauer gesagt. Jeder Mensch soll wählen können, ob er oder sie Nexus haben und sich mit anderen Menschen vernetzen will. Shiva, so zeigt sich, will diese Freiheit nicht gewähren. An Sam demonstriert er, was das bedeutet: rücksichtsloseste geistige Vergewaltigung.

Die Technik

Als Programmierer weiß der Autor ganz genau, wovon er schreibt. Das betrifft nicht nur die Software-Entwicklung und die hypermodernen Waffentechnologien aller Art, sondern auch die Ethik, die beim Einsatz dieser Technologien zu Rate zu ziehen ist. Er sitzt in mehreren wissenschaftlichen Beiräten und Ethikkommissionen. Doch statt zu dozieren, setzt er alle entsprechenden Erörterungen leicht lesbar in Dialoge um. In allen drei Disziplinen – Software, Waffen und Ethik – sollte der Leser firm sein, um mitreden zu können.

Unterm Strich

Das Buch eignet sich gut für Leser, die sich für die neueste Technologie interessieren, die verändert, und dafür, was es in der Folgezeit heißt, ein Mensch zu sein. Das iPhone war 2007 solch eine disruptive Technologie, brachte es doch das Telefonieren, Fotografieren, Computernutzung und das Internet auf einem einzigen, handlichen Gerät zusammen. Seitdem ist die Welt zu einem Dorf zusammengeschnurrt, so dass selbst kleinste Postings – wie etwa der Quellcode von Nexus-5, den Kaden hochlädt – in aller Welt erhebliche Umwälzungen zur Folge haben kann.

Was das Gruppen- oder Schwarmbewusstsein betrifft, so entwickelte bereits Theodore Sturgeon das Konzept mehrfach und auf nachdenklich und betroffen machende Weise, so etwa in „More Than Human“ (1953). Deshalb ist es auch kein Zufall, dass dieser Titel auch Naams gleichnamiges Sachbuch (siehe oben) schmückt. Naam beschreibt die posthumane Gesellschaft als eine, die vernetzt ist und daher innere emotionale Stärke und schnelleren Wissenserwerb aufweist, was wiederum zu gesteigerter Innovationsfähigkeit und höherem Selbstbewusstsein des Einzelnen führt. Entscheidend ist jedoch die Freiheit der Wahl, und genau die wird von Shiva Prasad, dem „Wohltäter“, seinen „Schützlingen“ vorenthalten.

Dieser Band führt vor, was die Macht, die Nexus bringt, bedeuten kann, nämlich entweder Missbrauch oder Menschlichkeit. Genau das ist die CRUX, vor der sich Kaden sieht, als er in Shivas Camp auf dessen Privatinsel dazu „überredet“ werden soll, Shiva den Code für die Nexus-Hintertür zu überlassen. Mit diese Hintertür könnte Shiva in alles per Nexus vernetzten Gehirne eindringen. Als Kaden sich weigert, lässt Shiva seine freundliche Maske fallen und überlistet Kaden, den Code preiszugeben. Das ist der Anlass für einen gewaltigen Showdown mit fünf Akteuren.

Wie man sieht, ist dieser Mittelband ganz anders strukturiert als der actionreiche Auftaktband. Weil es noch ein paar lose Enden gibt, freue ich mich schon auf den Abschlussband der Trilogie, der den vielversprechenden Titel „Apex“ (Gipfel, Scheitelpunkt) trägt.

Hinweis

Innerhalb der Science Fiction Literatur steht die „Nexus“-Trilogie auf einer Stufe mit dem UPLIFT-Zyklus von David Brin – einem vielfach ausgezeichneten Autor, der das gleiche Thema des Upliftings, also der künstlichen geistigen Höherentwicklung, in seinem mehrfach vielbändigen UPLIFT-Zyklus aufgegriffen hat. Zwar kommen bei Brin ebenfalls Konflikte und Raumschlachten vor, doch nie derart blutig wie bei Naam. Auf einem Kongress in an Francisco, dem ich beiwohnen durfte, diskutierten die beiden Autoren miteinander über disruptive Technologien. So wurde ich auf Ramez Naam überhaupt erst aufmerksam.

Taschenbuch: 752 Seiten
Originaltitel: Crux. Upgrade, 2013
Aus dem Englischen von Bernhard Kempen.
ISBN-13: 9783453316836

www.heyne.de

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