Ian Rankin – Der diskrete Mr. Flint

Eine Routineüberwachung wird für einen altgedienten Agenten zum Beginn eines Kesseltreibens, das mit seinem Tod enden soll. Der potenzielle Sündenbock kann entkommen und beginnt einen Rachefeldzug gegen seine verräterischen Kollegen … – Dieses frühe Werk des schottischen Meisterschriftstellers ist ein Spionagethriller aus der Zeit des Kalten Kriegs, der seine komplexe Story schnörkellos und mit enormem Tempo über die Runden bringt: eine Ausgrabung, die nicht unbedingt überfällig war aber einen anderen, ebenfalls lesenswerten Ian Rankin präsentiert.

Das geschieht:

Miles Flint ist wahrlich ein diskreter Mann. Privat lebt er zurückgezogen mit seiner Gattin und begeistert sich für Käfer, beruflich ist er in London für das Außenministerium tätig – eine Lüge, denn tatsächlich arbeitet Flint für den Geheimdienst MI5. Auch hier hat er eine ruhige Nische gefunden und beobachtet potenzielle Staatsfeinde, wenn ihm dies aufgetragen wird. Gefährlich ist das kaum, denn allzu wichtige Aufträge werden Flint nicht übertragen. Er liebt er seinen Job, der ihm Einblicke in das Leben fremder Menschen ermöglicht.

Die träge Routine wird unterbrochen, als ein möglicher Terrorist aus dem Nahen Osten erst einer Observation entwischt und später mit abgetrenntem Haupt aufgefunden wird. Flint war verantwortlich für die Überwachung und wird von seinen Vorgesetzten heftig kritisiert. Er will sich rehabilitieren und beginnt zu argwöhnen, dass seine Abteilung von einem Maulwurf, der für den Feind arbeitet, infiltriert wurde. Offenbar will ihm jemand schaden und dadurch von eigenen Aktivitäten ablenken.

Der Verdacht, dass man ihn manipuliert, bestätigt sich, als Flint erneut versagt. In die Enge getrieben erwacht der Agent aus seiner Lethargie und beginnt mit eigenen Nachforschungen. Die Ergebnis ist unerfreulich: Seine Gegner sitzen in der Tat im eigenen Haus, und dort in hohen Positionen. Deshalb findet sich Flint eines schlechten Tages in einem Flugzeug nach Nordirland wieder. Dort soll er als Beobachter an einem geheimen englischen Unternehmen gegen die IRA teilnehmen. Dass man ihn auf ein Himmelfahrtskommando geschickt hat, wird ihm spätestens dann klar, als seine ‚Kameraden‘ ihn gemeinsam mit den ‚Terroristen‘ umlegen wollen. Flint kann in letzter Sekunde entkommen und beschließt zurückzuschlagen, direkt in die Höhle des Löwen zu stürmen und sich an denen zu rächen, die ihn als Sündenbock missbrauchen wollen …

Ein wenig zu sehr zweiter Hand

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre war Ian Rankin noch weit vom schriftstellerischen Ruhm entfernt. Wie er selbst in einem interessanten Nachwort (entstanden zur englischen Neuausgabe von „Mr. Flint“ im Jahre 2003) beschreibt, setzte ihn sein Verleger sogar vor die Tür, als sich „Watchman“ – so der Originaltitel – als Ladenhüter erwies.

Rankin hatte sich offenbar für allzu ausgefahrene Geleise entschieden. Er schrieb eine Geschichte, die dort im Geheimdienstmilieu spielte, wo es ganz besonders schmutzig zugeht. Inspiriert hatten ihn die Meister dieses Genres, über denen Landsmann John le Carré damals wie heute turmhoch thront. Vielleicht hatte sich Rankin übernommen, denn solche Agenten-Ränken wollen sehr sorgfältig komponiert sein. Gesprächsduelle auf mehreren Ebenen – Spione denken stets um mindestens eine Ecke – gibt es auch in „Der diskrete Mr. Flint“, doch raffiniert kann man sie nicht nennen.

Viele Aspekte, die Rankin dem Geheimdienstalltag unterstellt, waren auch 1988 schon zum Klischee geronnen. Paranoia regiert, wobei die eigenen Kollegen gefährlicher oder heimtückischer sind als der Feind. Jeder bespitzelt jeden, Doppel- und Dreifachagenten treiben ihre verräterischen Spielchen, innerhalb des Geheimdienstes gibt es geheime Zirkel, vor lauter Intrigen kommt man kaum zum Spionieren, Macht wird primär zum eigenen Vorteil eingesetzt, und immer kommt der Moment, in dem sich Freund und Feind, Agent und Terrorist nicht mehr voneinander unterscheiden lassen.

Schmutzige Wäsche wird schwungvoll gewaschen

Besagter Feind lauert hier nicht in Moskau – „Mr. Flint“ spielt vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion -, sondern im (scheinbar) eigenen Land. Rankin legte schon zu diesem frühen Zeitpunkt seiner Karriere gern den Finger in offene Wunden, die von einem rechtlich wie moralisch verrottenden Regierungs- und Justizapparat gerissen werden.

Der brutale Bürgerkrieg in Nordirland erlebte Ende der 1980er Jahre einen neuen Höhepunkt. Er trug die Gewalt bis ins ferne London, wo die IRA eine Reihe verheerender Bombenanschläge verübte. Aus Rankins Sicht ist der Kampf zwischen Regierung und ‚Rebellen‘ längst zu einer sich selbst in Gang haltenden Blutfehde entartet, die auf die völlige Vernichtung des jeweiligen Gegners zielt. Diesen Punkt vermag er überzeugend in Worte zu fassen. Loben muss man ihn außerdem für die Auflösung seines Plots: Wer noch an hehre Motive der Beteiligten gehofft haben sollte, wird endgültig desillusioniert. Spione sind nicht nur Menschen, sondern können ganz simple Kriminelle sein.

Die Handlung mag in Sachen Logik manchmal etwas stottern, aber „Mr. Flint“ besitzt Qualitäten, die das ausgleichen. Der junge Ian Rankin mag es nicht langsam angehen. Er setzt zügig ein und steigert das Tempo ständig. Actionszenen kommen ab dem zweiten Großkapitel – insgesamt gliedert sich das Buch in drei Abschnitte, die in London, Nordirland und wieder in London spielen – hinzu: Schießereien, Verfolgungsjagden, die große Schlussabrechnung. Auf dieser Ebene bietet „Mr. Flint“ den Lesespaß eines straffen, schnörkellosen Thrillers. Als es dann zurück nach London geht, irritiert die Leichtigkeit, mit der Einzelkämpfer Flint die kunstvoll gesponnenen Fäden zerreißt, die ihn zuvor schier rettungslos banden. Aber inzwischen hat man es begriffen: „Der diskrete Mr. Flint“ mag zwar von John le Carré oder Graham Greene inspiriert sein, ist aber kein im realen Spionagemilieu geerdeter Roman, sondern wurzelt eher im Film, zu dem das absolut unrealistische Happy-End perfekt passt.

Lebensgefahr als Jungbrunnen

In gewisser Weise ist „Mr. Flint“ sowohl ein Agententhriller als auch eine „coming-of-age“-Story. Sie erzählt nicht vom Erwachsenwerden des Miles Flint, sondern vom Erwachen eines träge gewordenen Mannes, der einem wenig glamourösen Job nachgeht, über eine Beförderung längst nicht mehr nachdenkt und als Beobachter vor allem seinen heimlichen Drang zum Voyeurismus auslebt. Auch privat herrscht Totenstille; die Ehe ist zur Routine geworden, die Gattin langweilt sich, weil Miles Elan höchstens noch als Käfersammler entwickelt. (Sie hat ihm eine Zoo-Patenschaft für einen Mistkäfer geschenkt; der trockene Rankin-Humor funktioniert schon prächtig, in seinen John-Rebus-Romanen wird er ihn perfektionieren.)

Wie sich das ändert und Miles Flint sich vom hilflosen Sündenbock zum Rächer in eigener Sache entwickelt, bildet neben der eigentlichen Agentengeschichte eine zweite Handlungsebene. Die Intention ist klar, aber sie wird vom Verfasser wiederum ein wenig ungeschickt umgesetzt. Aus Miles, dem Weichei, wird gar zu abrupt der feuersteinharte Flint: ein Vorstadt-James-Bond. Die Veränderung erscheint dem Leser nicht logisch und kann schwer nachvollzogen werden, obwohl Rankin durchaus nicht mit Hinweisen spart, die schon früh andeuten, dass mehr an diesem Miles Flint sein könnte, als seine Kollegen, Vorgesetzten und die Leser ahnen.

Miles Flint, der Ehemann und Vater, soll der Figur Tiefe und Seele verleihen. Diese Rechnung geht nur bedingt auf; was sich im Privatleben des gejagten Agenten abspielt, schmeckt zu deutlich nach Seifenoper. In den Rebus-Romanen der späteren Jahre zeigt Rankin, wie Privates und Berufliches perfekt in eine integrale Handlung einfließen können.

Kollegen u. a. Lumpen

Die Kollegen von Miles Flint im MI5 werden unter Rankins Feder zu Gegnern, die man seinem ärgsten Feind nicht wünscht. Sie wurden in der Regel direkt von der Universität in den Geheimdienst gelockt. Welche Folgen ihre Tätigkeiten in der realen Welt zeitigen, wissen sie nicht, und es interessiert sie auch nicht. An ihren sicheren Schreibtischen hecken sie Pläne aus, die an der Front, die sie nie sehen, Menschenleben kosten.

Auch für Flint ist der Job lange ein Spiel, das ihm die Möglichkeit gibt, Mitmenschen zu belauschen, zu beobachten, zu bespitzeln: Als Agenten sind ansonsten kleine Geister wie Götter, die auf Ameisen herabschauen. Daran berauschen sie sich, und bald fühlen sie sich den Gesetzen, die nur für ‚normale‘ Menschen gelten, entrückt. Was sie als Rädchen im Getriebe der Geheimdienst-Maschine anrichten, erfährt Miles Flint erst, als er in Irland Will Collin kennenlernt. Dieser kennt beide Seiten und hat keinerlei Illusionen mehr: Sowohl die Engländer als auch die Iren haben ihn als Mörder missbraucht. Flint bildet keine Ausnahme. Als er seine Chance erkennt, baut er Collin eiskalt in seine Pläne ein.

So bereitet Rankin auch seinen zynischen Schlussgag vor: Als Collin, der nur noch aussteigen will, von Flint verlassen seinen Tod erwartet, ‚rettet‘ ihn eine neue Interessengruppe im „Großen Spiel“ der Spione, die ihn zu neuen Gräueltaten zwingen wird. Ein glückliches Ende gibt es nur für Flint, doch auch der muss sich fragen, ob man sich eines Tages an ihn erinnern und eliminieren wird: Den Geheimdienst verlässt man ebenso wenig wie die Mafia. Das hat Miles Flint endlich begriffen, und der Leser glaubt es ihm.

Autor

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox, kehrte aber bereits 2012 zu seiner Erfolgsfigur zurück.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

Ian Rankins Website ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

Taschenbuch: 350 Seiten
Originaltitel: Watchman (London : The Bodley Head Ltd. 1988/London : Orion Books Ltd. 2003)
Übersetzung: Claus Varrelmann
http://www.randomhouse.de/goldmann

eBook: 796 KB
ISBN-13: 978-3-641-12745-9
http://www.randomhouse.de/goldmann

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