Rankin, Ian – Tore der Finsternis, Die

_Wider den Feind in den eigenen Reihen_

John Rebus soll drei korrupte schottische Polizisten in eine Falle locken. Doch der Auftrag des Polizeipräsidenten kommt ihm nur wenig koscher vor: Jemand will ihm nämlich bei den Ermittlungen eines alten Falles ein Bein stellen. Unterdessen stellt seine Kollegin Clarke bei der Untersuchung eines Mordes an einem Kunsthändler eine Verbindung zu jenem korrupten Trio her. Ein Zufall?

_Der Autor_

Ian Rankin gehört zu den wichtigsten Kriminalschriftstellern der britischen Insel. Sein Inspektor Rebus macht die schottische Hauptstadt Edinburgh nun schon in zahlreichen Abenteuern sicherer – soweit man ihn lässt!

_Handlung_

Der Edinburgher Inspektor John Rebus steckt mal wieder bis zum Hals in Schwierigkeiten. Er ist ja bekannt für seinen Eigensinn und seine unkonventionellen Ermittlungsmethoden. Aber er hätte seiner Chefin trotzdem nicht einen vollen Teebecher an den Kopf werfen sollen. Zugegeben, es war ein ziemlich schlechter Tee. Aber trotzdem: Prompt wird er vom Dienst suspendiert und muss zur Besserung einen mehrwöchigen Kurs im Scottish Police College absolvieren. Er soll Teamgeist und „korrektes“ Verhalten lernen, aber in Rebus‘ Augen sind seine Schicksalsgenossen am College nur Trottel: Sie sind der Errettungstrupp.

Immerhin darf er sich hier nützlich machen: Zusammen mit fünf anderen schwarzen Schafen soll er unter Leitung von Inspektor Archie Tennant einen alten ungelösten Fall wieder aufrollen, an dem er mal beteiligt war: den Jahre zurückliegenden Mord an Eric „Rico“ Lomax. Nur muss er befürchten, dass seine tragische Verstrickung in das Verbrechen ans Licht kommt und versucht, die Ermittler in die Irre zu führen.

Nicht genug damit: Der Polizeipräsident höchstpersönlich besucht ihn insgeheim am College. Die ganze Strafaktion gegen Rebus sei eine abgekartete Sache gewesen, um ihn aus der Überwachung durch seine Edinburgher Kollegen rauszuholen. Schon klar, aber wozu? Um den Maulwurf zu entlarven, der den Polizeibehörden das Leben schwer macht und der offenbar mit Rebus‘ Erzfeind Cafferty zusammenarbeitet. Möglicherweise sitzt der Maulwurf im „Errettungstrupp“. Wer mag es sein? Zudem wurde von Polizisten Drogengeld unterschlagen. Irgendwo muss es geblieben sein. Vielleicht bei den fünf schwarzen Schafen?

Unterdessen in Edinburgh: Seine Kollegin Siobhan* Clarke, der er ein wenig hilft, kommt bei ihren Ermittlungen wegen des Mordes an dem wohlgehassten Kunsthändler Edward Marber gut voran. Von Täter und Motiv keine Spur, aber einige Kunstmaler waren nicht gut auf ihn zu sprechen. Wie merkwürdig aber, dass Marber regelmäßig einen Sauna-Massage-Sexklub aufsuchte, der Unterweltboss Cafferty gehört.

Nach dieser werden noch weitere Verbindungen zwischen dem Mord an Eric Lomax und Edward Marber sichtbar. Die Spuren führen nicht nur in die Edinburgher Unterwelt, sondern, wie gesagt, auch zu Rebus‘ Kollegen im Police College. Das dürfte der Verräter in den eigenen Reihen höchst interessant finden – und bringt Siobhan wie auch Rebus in Lebensgefahr.

_Mein Eindruck_

Diesmal befindet sich der Feind nicht draußen auf freier Wildbahn, sondern in den eigenen Mauern. So stellt man Rebus zumindest die Lage dar. Korruption in den eigenen Reihen – das kommt zwar vor, kann aber natürlich nicht geduldet werden. Rebus wird als Agent des Poliezipräsidenten vorgeschickt,um das korrupte Trio zur Strecke zu bringen. Dazu muss er etwas anbieten, einen Coup etwa, was sich als nicht ganz ungefährlich erweist. Den Coup könnte man auch ihm anhängen.

Leider weiß Rebus viel zu gut, wie der Polizeiapparat funktioniert. Es gibt jede Menge Karrieristen, Radfahrer, die über Leichen gehen, wenn’s sein muss. Und eine dieser Leichen könnte Rebus selbst sein, wenn er nicht aufpasst. Denn nicht von ungefähr wird beim Auffrischungskurs der Fall Eric Lomax neu aufgerollt. Bei den ersten Ermittlungen in diesem Mordfall hatte nämlich Rebus selbst eine durchaus unrühmliche Rolle gespielt. Wenn das herauskäme, könnte Rebus Karriere und Rente in den Kamin schreiben. Aber wer hat ein Interesse daran, ihm ein Bein zu stellen? Francis Gray, der eiskalte Kopf des korrupten Trios, ist Rebus diesbezüglich schon viel zu nah auf den Fersen …

Die Lunte beginnt zu brennen, als Siobhan Clarke, sozusagen die Jüngerin des Heiligen Rebus, auf eine unwiderlegbare Spur stößt, die das Trio mit dem Mordfall Marber verbindet. Rebus und Clarke bleiben nur ein oder höchstens zwei Nächte, um den Sack zuzumachen, bevor das Trio zurückschlägt …

Der Roman beginnt recht gemütlich in der idyllischen schottischen Natur, an der nett gelegenen Polizeiakademie. Doch je mehr Rebus und seine Kollegen recherchieren, desto geringer wird der Abstand zum Polizeirevier, an dem Siobhan Clarke ermittelt, missgünstig beäugt von ihren männlichen Kollegen, die der aufstrebenden Polizistin gern am Stuhl sägen würden. In den Gassen von Alt-Edinburgh ergeben sich plötzlich verhängnisvolle Begegnungen, die auch noch vom Büro des Polizeipräsidenten überwacht und ausgenutzt werden: das reinste Pulverfass. Nach einem ersten Mord, den Clarke direkt vor ihren Augen ansehen und nicht verhindern kann, besteht jederzeit die Möglichkeit, auf weitere Leichen zu stoßen, etwa im Rotlichtmilieu oder im Dunstkreis von Big Ger Cafferty.

Der Autor zieht unmerklich, aber konstant die Daumenschraube der Spannung an. Dabei verliert er jedoch nie den Überblick, sondern erklärt dem Leser alles. Natürlich sollte man die Lektüre nicht für länger als eine Woche unterbrechen, um sich noch an die Vielzahl der Namen erinnern zu können. Eine derart lange Pause ist sowieso unwahrscheinlich: Dafür ist das Buch einfach viel zu spannend.

Selbst wenn die zwei Handlungsstränge im Vordergrund stehen, so versäumt es der Autor doch nicht, jede Figur angemessen zu charakterisieren. Dies geschieht nicht durch Behauptungen, sondern durch indirekte Reflexion: Dritte liefern Kommentare auf die zu beschreibende Figur, wie etwa Siobhan Clarke.

Dies geht bis zum letzten Kapitel, das quasi als Epilog und Kommentar dient: Siobhan lehnt indirekt das ernsthafte Gespräch mit Andrea, der Polizeipsychotherapeutin, ab. Sie legt dabei genau jene zynische Wurstigkeit gegenüber ihrem Beruf an den Tag, die sie bei John Rebus beobachtet hat und nun in sich selbst entdecken muss. Der Leser weiß nicht, ob er darüber lachen oder weinen soll: Was sind das nur für merkwürdige Polizisten?! Aber eins steht fest: Wir werden noch von der sympathischen Siobhan hören.

_Unterm Strich_

Selbst ein Leser, der noch nichts über John Rebus weiß, wird mit diesem Krimi etwas anfangen können. Der Autor liefert nämlich genügend Charakterisierungshinweise, die Rebus als Figur mit Leben erfüllen. Und durch seine und Siobhans Augen erleben wir die zwielichtigen Vorgänge in und um Edinburgh. Anfangs scheint es sich um zwei, drei separate Fälle zu handeln, doch sie verbinden sich schon auf halber Strecke zu einem explosiven Gemisch, das für so manchen Beteiligten unangenehme Folgen zeitigen kann. Die Spannung steigt kontinuierlich an, solange sich der Leser nicht durch die vordergründig harmlosen Gespräche und Begegnungen täuschen lässt.

Die volle Punktwertung hat dieser doppelbödige Krimi absolut verdient. Denn auch die Übersetzung ist einwandfrei gelungen, selbst wenn sie sicherlich nicht einfach war: Man muss nicht nur die Polizeibegriffe wie etwa Dienstgrade kennen, sondern auch die „Locations“ wie etwa Edinburgh, Dundee und Glasgow.

Ansonsten wundert sich der Leser nur noch darüber, dass der Autor so viel Schleichwerbung für schottische und britische Musikgruppen macht. Von Led Zeppelin dürft so mancher gehört haben, aber auch von Mogwai? Vielleicht wird Ian Rankin ja vom schottischen Tourismusministerium gesponsert. Nicht umsonst ist das jährliche Edinburgh Music Festival weltbekannt.

* Siobhan: ein gälischer Name, ausgesprochen

|Originaltitel: Resurrection men, 2001
Aus dem Englischen übersetzt von Claus Varrelmann und Annette von der Weppen|