Susanne Rauchhaus – Die Übersinnlichen

Ihr Romandebüt von 2008 lag nicht mehr als ein Jahr zurück, als Susanne Rauchhaus mit „Die Übersinnlichen“ bei Ueberreuter ihren zweiten Jugendroman veröffentlichte. Bisher war sie in engen Kreisen für regelmäßig erscheinende Kurzgeschichten bekannt, umso mehr kann man sich über ihren erfolgreichen Start in einem großen Publikumsverlag freuen.

Seit frühester Kindheit fühlt sich Jana als Außenseiterin, ja Monster mit unkontrollierbaren Kräften – und unkontrollierbar sind sie für das junge Mädchen tatsächlich. Mit ihrem aufbrausenden Temperament einher geht die Fähigkeit, |Dinge entstehen zu lassen|. Für den Leser beginnt es mit ihrem Erlebnis nach einem Kinobesuch, nach dem eine Mitschülerin mit einem Lehrer anbandelt. Als sie ihn zur Rede stellt, macht er sich lustig und bedroht Jana mit schlechten Noten und was ein Lehrer noch tun kann. In ihrer Wut fühlt Jana, wie der Schatten des Lehrers sich verdichtet, auf ihn zu geht und nach ihm greift – bis Jana in Panik an frische Erdbeeren denkt und den Spuk damit beendet.

Ihre Eltern sind es Leid, ständig den Wohnort zu wechseln, um Jana einen Neustart zu ermöglichen, nachdem wieder unmögliche Dinge passiert sind. Sie glauben nicht an ihre Kräfte, schicken sie aber nun auf ein Internat, das sich mit außergewöhnlichen Fällen beschäftigt. Und tatsächlich offenbart der Schulleiter vor Jana, dass es sich um eine Schule für besonders begabte Menschen handelt, denen geholfen werden soll, ihre Kräfte in den Griff zu bekommen und nützlich einzusetzen. Und selbst die Lehrer der normalen Fächer wissen nichts von den unglaublichen Aktivitäten der Schüler im Nachmittagsunterricht. Klar, dass sich dubiose Organisationen für die Kinder interessieren, und der Schulleiter täuscht seine Hilfsbereitschaft auch nur vor – was Jana fast zu spät bemerkt …

Meist sind es gute Charaktere, die einen gelungenen Roman ausmachen. Bei Jugendromanen sind es Identifikationsfiguren für die jungen Leser, also oft coole Typen, die aber stark mit inneren Konflikten kämpfen. Rauchhaus gelingt es gut, verschiedene Typen zu skizzieren, die alle auf Grund besonderer Erfahrungen zu dem geworden sind – oder eher auf dem Weg sind, jemand zu werden -, als den man sie kennen lernt.

Jana leidet über große Teile der Handlung unter ihrer Gabe, die sie nicht kontrollieren kann. Schon ihre Eltern haben ihr jedwede Entwicklung von Selbstbewusstsein unmöglich gemacht, und so offenbaren die Gefahren am Internat und ihre Mitschüler für sie den bestmöglichen Auslöser der Selbstentwicklung, der Befreiung. Das ist eine Entwicklung, die sich über den gesamten Roman hinzieht, zeitlich gesehen allerdings in wenigen Wochen abläuft. Doch in der Abgeschlossenheit eines Internats sind derlei Wandlungen (gerade in dem Alter) durchaus denkbar. So nimmt Jana schließlich das Zepter in die Hand und kämpft für die Freiheit und Eigenverantwortung ihrer selbst und ihrer Mitschüler. Ihr Temperament ist ihr in dieser Phase ein oft hilfreicher Partner.

Nick, der Junge, der in tranceähnlichen Zuständen hellseherische Zeichnungen anfertigt, ohne aus ihnen schlau zu werden, ist deprimiert, weil er oft die Zeichnungen erst im Nachhinein deuten kann und damit nicht in der Lage ist, schlimme Ereignisse abzuwenden. Er ist ziemlich zurück gezogen, erst sein schüchternes Interesse an Jana lockt ihn aus seinem eigenbrödlerischen Schutzpanzer. Man könnte die Augen verdrehen, wenn man den beiden so zusieht: Jana merkt natürlich nichts von Nicks Interesse.

Hannah, Telepathin, scheint auf unergründliche Weise mit Jana verbunden zu sein. Doch kommen die beiden nicht richtig in Kontakt, so dass hier die tragische Figur der Geschichte gezeichnet wird: Mit Hannahs Tod kommen die Ereignisse richtig ins Rollen, doch ist dieses unschuldige Opfer nicht mehr rückgängig zu machen und nimmt seine Geheimnisse und eine interessante Persönlichkeit frühzeitig mit ins Grab. Schade, denn Hannah war ein geheimnisvoller, mysteriöser Charakter, dem Rauchhaus hätte noch einiges entlocken können. So entpuppt sie sich nur als einsames missverstandenes und irregeleitetes Mädchen.

Dann gibt es noch die obligatorische Schmink-und-Glamour-Fraktion, die augenscheinlichen Dummchen der Schule, die aber ihre eingeschworene Clique haben wie in Teeny-Filmen gern vertreten. Außerdem eine gehasste Außenseiterin, die allerdings nur im Schatten von Hannah gehasst und gemieden wird, da sie das Mädchen verteidigt und ihr nachstellt, um ihre Geheimnisse zu ergründen. Allerdings weiß sie dafür erstaunlich wenig über Hannah. Der Schulleiter ist eben ein Erwachsener, der mit viel größerer zwischenmenschlicher Erfahrung arbeiten kann als die Jugendlichen. Dadurch kann er sie gut beeinflussen und im Zaum halten, ohne dass man ihm schnell böse Absichten unterstellen könnte. Erst die zufällig aufgedeckten dubiosen Geschäfte, deren Gegenstand die Schüler selbst sind, entblößen sein wahres Wesen.

Interessanter Weise stellen sich die Übersinnlichen schließlich der Polizei, statt wie sonst in solchen Geschichten üblich auf eigene Faust und ja ohne Kenntnis der Behörden für Gerechtigkeit zu sorgen. Immerhin muss die Polizei nur noch den Dreck weg machen, den Rest erledigen die Jugendlichen – und haben schließlich doch noch einen Plan für ihre Zukunft.

Den echten Bösewicht der Geschichte darf man hier nicht unterschlagen: Erst sehr spät erkennt man sein Wesen, wirklich böse ist er natürlich auch nicht, doch ein echter Fall für die Super Nanny, und selbst die hätte es mit ihm schwer. Seine Liebesbeweise äußern sich zum Beispiel darin, dass er andere Schüler runter macht oder in Gefahr bringt oder mit seinen unerkannten Fähigkeiten beeinflusst. Er verschließt sich jedem Verständnis für Moral und Gemeinschaftssinn, und doch spürt man dahinter die Versäumnisse seiner Kindheit.

Der Roman vereint einige wichtige Eigenschaften in sich, die ihn zu einem empfehlenswerten Buch machen: Spannend, sehr zügig und flüssig, unterhaltsam und gut ausgefeilte Charaktere. Dabei eine fast klassische Entwicklungskurve mit sich überschlagenden Ereignissen zum Finale und dem nachdenklichen Ende. Die Autorin sollte man im Auge behalten!

Broschiert: 271 Seiten
Verlag: Ueberreuter (15. Januar 2009)
ISBN-13: 978-3800054558

http://www.ueberreuter.at/
http://www.susanne-rauchhaus.de/

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