Richard Stark – Der Gewinner geht leer aus

Gauner wollen wertvolle Gemälde aus dem schwergesicherten Geheimkeller eines Milliardärs stehlen; der ohnehin schwierige Coup wird durch Zeitdruck, unzuverlässige Jetzt-Kumpane, rachsüchtige Ex-Genossen und einen eiskalten Killer verkompliziert … – Zum 20. Mal muss Gangster-Profi Parker feststellen, dass sich ein todsicherer Bruch in eine tödliche Falle verwandeln kann; wie er sich herauswindet, schildert Autor Stark einmal mehr spannend, rasant und ohne Seifenoper-Kinkerlitzchen.

Das geschieht:

Gerade hat Berufsverbrecher Parker dem Auftragskiller Viktor Charov das Genick gebrochen, weil dieser sich seinem potenziellen Opfer zu ungeschickt genähert hatte, als ihn das telefonische Angebot erreicht, in einem lukrativen Coup einzusteigen. Frank Elkins, ein erfahrener Profi-Gauner, plant mit seinen Kumpanen Ralph Wiss (Safes/Schlösser) und Larry Lloyd (Elektronik/Internet), die geheime Galerie des Dotcom-Milliardärs Paxton Marino leerzuräumen. In einem villenähnlichen Jagdhaus an der Grenze zu Kanada hortet dieser kostbare Gemälde, die er in Museen und bei Privatleuten stehlen ließ. Würden die Kunstwerke verschwinden, wäre Marino kaum so dumm, dies der Polizei oder der Versicherung zu melden.

Der Coup hat allerdings seine Tücken: Marino lässt seinen Besitz durch eine Hightech-Anlage schützen, die Elkins und Wiss weder umgehen oder ausschalten können. Diesen Job soll Lloyd übernehmen, während Parker beim Ausschalten der Wachen und beim Abtransport der sperrigen Beute helfen soll.

Parker sagt zu, obwohl er sich den Planungen nicht gänzlich widmen kann, da er dringend klären muss, wer ihm Charov auf den Hals geschickt hat und wieso dies geschah. Dabei gerät er nicht nur an alte, längst tot geglaubte Feinde, sondern auch an das organisierte Verbrechen, das ihm den Tod eines verdienten Killers übelnimmt. Doch Parker wäre nicht Parker, würde er denen, die sich allzu sehr auf ihren üblen Ruf verlassen, nicht nachdrücklich daran erinnern, dass es stets jemanden gibt, der noch härter zuschlagen kann.

Während Parker seine privaten Probleme in den Griff bekommt, geraten jenseits seines Horizontes Dinge in Bewegung: Marino steckt in finanziellen Nöten und versucht, seine gestohlenen Gemälde zu Geld zu machen. Seine Handlanger geraten mit den ahnungslosen Dieben aneinander – und Parker steckt mittendrin …

Verbrechen lohnt nicht

„Crime doesn’t pay“: Dieses Sprichwort zielt eigentlich darauf ab, mögliche Gesetzesbrecher dahingehend zu warnen, dass sie den Augen (und Handschellen) der Justiz mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht entkommen werden. Die Folgen – Verhaftung, Gefängnis, soziale Ächtung etc. – sind hässlich und stehen selten in einem lohnenden Verhältnis zur erhofften Beute. Natürlich ließ sich trotzdem kein entschlossener Strolch jemals durch besagtes Sprichwort beirren, glaubten er oder sie doch fest daran, die Ausnahme von der Regel zu sein. Bestärkt wurden sie von denen, die nachweislich dem Gesetz durch die Maschen schlüpfen und sich an den Früchten ergaunerter Vermögen erfreuen konnten.

Folgerichtig bleibt auch Parker unbeeindruckt, obwohl er oft und schmerzhaft erfahren musste, dass dem Sprichwort eine weitere, weitgehend unbekannte Wahrheit innewohnt: Selbst die gelungene Straftat ist das Ergebnis harter Arbeit und angesichts der drohenden Bestrafung den Aufwand selbst dann nicht wert, wenn es große Summen zu erbeuten gibt. Kein Plan ist perfekt. Selbst wenn er es wäre, bleiben diejenigen, die ihn umsetzen, eine unbekannte Größe. In der Tat sind es immer wieder seine Kumpane, die Parker in Bedrängnis bringen. Viel zu selten sind es Profis seines Kalibers, die ihren Job nüchtern und sauber erledigen. Stattdessen tummeln sich Dilettanten in einem Gewerbe, das Fehler nicht verzeiht, sondern mit Haftstrafen oder dem Tod ahndet.

Doch die wirklich lohnenden Coups übersteigen die Kräfte eines einzelnen Verbrechers. Parker muss deshalb immer wieder in den sauren Apfel beißen und entscheiden, ob er das Risiko eingeht, mit Gangsterkollegen zu arbeiten, denen er nur bedingt traut. Also lässt sich Parker widerwillig auf Unternehmen ein, die zuverlässig außer Kontrolle geraten.

Was schiefgehen kann, wird schiefgehen

Dieses Mal baut Autor Stark einen wahren Parcours aus Stolperfallen auf, die sich zwischen Parker und seine Beute schieben. Man muss ihn eigentlich bewundern: Obwohl sich für jedes endlich beseitigte Hindernis zwei neue Probleme auftun, bleibt Parker am Ball. Innerhalb eines gewissen Rahmens lassen sich Schwierigkeiten beheben. Parker ist in dieser Hinsicht ein Pragmatiker. Wahrscheinlich wäre ein Mann mit seinen Fähigkeiten auch mit legal betriebenen Geschäften erfolgreich. Diese Frage stellt sich Parker jedoch nie. Er ist offenbar zufrieden mit dem selbst gewählten Gewerbe.

Wie üblich beginnt es trügerisch einfach. Stark ist ein Meister in der plastischen Darstellung zukünftiger Tatorte. In diesem Fall ist es eine ‚Jagdhütte‘ in der nordamerikanischen Wildnis, die als schwer gesicherte Festung dargestellt wird. Viele Zeilen füllt Stark mit entsprechenden Beschreibungen, wobei er, der als Schriftsteller in den 1950er Jahren begann, die digitale Gegenwart sehr gut im Griff hat. Außerdem muss sich Stark nicht in Details ergehen; seine Thriller sind plot-zentriert und zügig. Faktenhuberei ist weder erforderlich noch vom Verfasser vorgesehen. Was er beschreibt, ist Teil der Handlung bzw. ihr unterworfen. Die heutzutage grassierende Seuche, auch Thriller vom Nebenhandlungen und Abschweifungen zu überfrachten, ist Starks Sache nicht.

So wirkt es nie konstruiert, wenn sich der Coup bald als Sisyphos-Arbeit entpuppt. Immer neue Steine werden Parker und seinen Kumpanen in den Weg zum großen Geld gerollt. Manches verschulden sie selbst, anderes findet gänzlich außerhalb ihrer Reichweite ab. Letztlich braut sich über den Häuptern der Bande ein Sturm zusammen, dessen Gewalt sie nicht ahnen, als sie den großen Bruch schließlich doch versuchen.

Ende als Schrecken ohne Ende

Die zahlreichen Fäden, aus denen sich die Handlung zusammensetzt, gleiten dem Verfasser nie aus den Händen. Stattdessen strickt Stark daraus eine Geschichte, die an Geschwindigkeit gewinnt, je näher sie dem Finale kommt. Anders als Parker und seine Gang weiß der Leser mehr über die Hindernisse, die sich über der weitgehend ahnungslosen Bande auftürmen. Allerdings ist zumindest Parker auf entsprechende Zwischenfälle eingestellt. Er kann blitzschnell umdisponieren. Vor allem ist er in der Lage, die Beute zu ignorieren, wenn er sich zwischen ihr und einer gelungenen Flucht entscheiden muss.

Interessant ist wieder einmal, wie Stark es schafft, sein Publikum zu manipulieren. Selbst Parker ist nur Hauptfigur aber kein Held; Sympathie kann und soll man ihm nicht entgegenbringen, schließlich beschreibt der Verfasser, wie er schon im ersten Satz einen Mann mit bloßen Händen umbringt. Nichtsdestotrotz drückt man Parker unwillkürlich die Daumen: Der Coup soll gelingen. Dabei werden längst nicht alle Widersacher und Gesetzeshüter, die genau dies verhindern wollen, als Widerlinge gezeichnet.

Selbst der real gesetzestreue Leser stellt den kriminellen Coup über Recht & Gesetz, weil er – oder sie – den Aufwand honoriert, der in Vorbereitung und Umsetzung investiert wird. Damit schließt sich der Kreis: Verbrechen à la Parker ist eben doch wie ‚richtige‘ Arbeit. Der eigentliche Gewinner ist zwar nicht das Finanzamt. Trotzdem fühlt man selbst mit einem latent gewalttätigen Straftäter mit, wenn dieser am Ende mit leeren Händen dasteht. Glücklicherweise ist Parker anders gestrickt. Wir werden ihn im 21. Band der Serie dabei beobachten können, wie er es unverdrossen anderswo wieder probiert.

Autor

„Richard Stark“ ist einer von mehreren Künstlernamen des Thriller-Profis Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York), der sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen begann. So hoch war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“/„Parker“) verfasste Westlake als Richard Stark. „Richard“ borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, „Stark“ suggeriert – völlig zu Recht – die Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen „Walker“ trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert diese Website, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam.

Taschenbuch: 284 Seiten
Originaltitel: Firebreak (New York : Mysterious Press 2002/London : Hale 2003)
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
www.dtv.de

eBook: 244 KB
ISBN-13: 978-3-552-05521-6
www.dtv.de

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