Richard Stark – Verbrechen ist Vertrauenssache

Das geschieht:

Die Gangster Ed Mackey und George Liss haben einen lukrativen Coup ausbaldowert. Da sie noch einen dritten Mann benötigen, holen sie Parker ins Boot. Ziel ist ein Stadion, in dem ‚Reverend‘ William Archibald eine seiner gut besuchten Prediger-Shows im Rahmen des „Kreuzzugs für Christus“ aufführen wird. Mit 400.000 Dollar Einnahmen ist zu rechnen – Bargeld, das im Zeitalter des digitalen Geldverkehrs die drei Räuber magnetisch anzieht.

Kontaktmann ist Tom Carmody, ein unzufriedener ‚Jünger‘, der Archibalds Gier und Heuchelei nicht mehr erträgt, sich aber nicht ohne ein Stück des Kuchens aus dem Staub machen will. Der Überfall gelingt, niemand wird verletzt, die Summe stimmt. Für eine Weile wollen Parker, Mackey und Liss gemeinsam untertauchen und warten, bis die Polizei die landesweite Fahndung abbläst. Stattdessen will Liss seine Spießgesellen umbringen. Der misstrauische Parker hat ihn jedoch im Auge behalten. Liss kann flüchten, wird aber die Beute nicht aufgeben, sondern auf seine Gelegenheit lauern.

Ebenfalls mit im Spiel sind die drei Amateur-Gauner Ralph, Woody und Zack, die über den allzu redseligen Carmody Wind von dem Coup bekommen haben. Sie stellen sich so ungeschickt an, dass die Polizei aufmerksam wird und über das Trio an die wahren Räuber herankommen will. Zu schlechter Letzt hat der wütende Archibald seinen Sicherheitsmann Dwayn Thorsen in Marsch gesetzt, der das Geld zurückholen soll.

In der kleinen Stadt umkreisen die verschiedenen Fraktionen einander vorsichtig. Die erste Konfrontation lässt nicht lange auf sich warten. Aus einem Funken wird blitzschnell ein Flächenbrand der Gewalt. Allianzen zerbrechen und werden neu geschmiedet. Mittendrin steckt Parker, der von allen Seiten buchstäblich unter Beschuss gerät. Doch der Profi behält die Nerven: Statt zu weichen, geht er zum Gegenangriff an sämtlichen Fronten über …

Der zeitlose Kern des Verbrechens

1974 hatte ihn Richard Stark sein letztes kriminelles Abenteuer erleben lassen. 1997 kehrte er zurück. Was hatte Parker, der hartgesottene Berufsverbrecher ohne Vornamen, in den 23 dazwischenliegenden Jahren getrieben? Der Autor gibt uns keine direkte Antwort, die ohnehin nicht erforderlich ist: Wenn wir Parker wiedersehen, wissen wir sofort, dass er in dieser Zeit getan hat, was er immer tat und tun wird: Er arbeitet – hart und konzentriert, denn ein Verstoß gegen die Regeln bedeutet für ihn keine Abmahnung, sondern das langjährige Verschwinden hinter Gitterstäben.

Wenn er ‚Glück‘ hat, denn der Tod ist ein fixes Berufsrisiko. Er droht durch die Polizei, durch unberechenbare Opfer, die womöglich Helden spielen wollen, und sogar durch die eigenen Bandengenossen. In „Verbrechen ist Vertrauenssache“ sieht sich Parker mit sämtlichen lebensverkürzenden Nachteilen seines Jobs konfrontiert. Er reagiert, wie es ihm die Erfahrung vieler krimineller Jahre sowie sein Charakter gebieten: kühl und kalkulierend. Auch Parker muss an die Zukunft denken. Der ungeahndete Wortbruch eines verräterischen Komplizen würde sich im Verbrechermilieu herumsprechen, und jeder Strolch wäre verlockt, den allzu friedfertigen Spießgesellen umzulegen.

Es gibt nur wenige und ungeschriebene Regeln für den Berufsverbrecher. Sie bilden die Konstante, die eine Verbindung zwischen dem Parker von 1974 und dem von 1997 herstellen. Ansonsten hat sich die Welt weitergedreht, und Parker Er musste sich weiterentwickeln. Sein Metier ist deutlich arbeits- und risikointensiver geworden. Bereits 1997 ist Bargeld ein rares Gut. In der Regel werden große Summen überwiesen, was sie für Räuber unerreichbar macht. Die Sicherheitsmaßnahmen haben sich verschärft, und auch die polizeiliche Fahndung wird durch eine verbesserte Kommunikations- und Überwachungstechnologie effektiver und damit gefährlicher.

Die Suche nach der Lücke im System

Selbstverständlich finden Fachleute wie Parker die Schwachstellen. Es liegt eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass Parker dieses Mal einen ‚Geistlichen‘ beraubt. Doch Reverend Archibald ist einer jener Rattenfänger, die unter dem Deckmantel der Bibel ihre frommen Schäfchen tüchtig scheren. Parker überfällt einen anderen Gauner, der freilich geschickt das Gesetz auf seine Seite ziehen konnte: Es ist nicht verboten, dumme Menschen über ihre Ohren zu hauen, wenn diese damit einverstanden sind.

Folgerichtig hält Archibald Parker keineswegs die andere Wange hin, sondern sinnt auf Rückerhalt des ergaunerten Geldes sowie Rache. Nicht grundlos beschäftigt er einen Ex-Marine als Sicherheitsmann. Dennoch muss sich Archibald schließlich in die lange Reihe derer einreihen, die Parker nicht gewachsen sind. In einer denkwürdigen Szene mischt dieser Archibalds ‚Schutzengel‘-Truppe im Alleingang auf. Was bei einem anderen Autor leicht übertrieben und lächerlich wirken könnte, ist hier glaubwürdig, weil Stark zu verdeutlichen weiß, worin Parkers Überlegenheit wurzelt: Er hält sich nicht an die Regeln, weshalb Tiefschläge u. a. Verstöße für ihn selbstverständlich sind. Parker geht es ums Überleben. Rücksicht ist für ihn kein Muss, sondern eine Entscheidung, über deren Sinn von Fall zu Fall nachgedacht wird.

In diesem Umfeld erbarmungsfreier Professionalität ist selbst George Liss kein besonders verwerflicher Zeitgenosse, sondern ein Verbrecher, der das Prinzip der Täuschung auf seine Komplizen ausgeweitet hat. Was ihm blüht, als Parker ihn erwischt, ist Liss klar, weshalb er die Flucht unter Zurücklassung der Beute ergreift: Ein Schachzug ist fehlgeschlagen, kein Grund zur Panik. Liss wird später versuchen, sie sich anzueignen. Parker weiß es genau, und Liss weiß, dass man ihn erwartet.

Amateure sind gefährlich

Im scharfen Kontrast zu Parker und seiner Band stehen die drei Möchtegern-Gauner Ralph, Woody und Zack. Sie verkörpern ein Verbrechen, das ausschließlich auf Gewalt setzt. Intelligenz kommt nicht zum Einsatz. Die wahren Tragödien in dieser an Schüssen und Schlägen reichen Geschichte werden nicht durch Parker verursacht. Es sind die Amateure, die sofort zu den Waffen greifen und eine Kettenreaktion nutzloser Gewalt in Gang setzen. Woody und Zack sind zu dumm, Ralphs Schwester so zu ‚verhören‘, dass sie dies überlebt, und Ralph fragt nie danach, was seine ‚Freunde’ getan haben, um seine Schwester auszuhorchen; er hatte diese selbst zu ihr geschickt.

Weil Stark die Handlung auf die Welt des Verbrechens konzentriert, ertappt sich der Leser dabei, dass er Parker die Daumen drückt. Dieser ist kein netter Mensch, man könnte ihn als kontrollierten Psychopathen bezeichnen, der nicht grundlos aber eben auch ohne Bedauern tötet. Dennoch nimmt der Leser emotional Anteil, als sich Parker und Liss in einem leer stehenden Haus ein Duell auf Leben und Tod liefern. Wieder geht es darum, welcher Profi den anderen besser einschätzen kann.

In Parkers Welt ist durchaus Platz für Frauen. Dauerfreundin Claire weiß, wie sich Parker den Lebensunterhalt verdient. Sie beteiligt sich nicht, sondern blendet das Wissen aus. Gangster Mackey zieht mit seiner Brenda ins kriminelle Gefecht. Er akzeptiert, dass sie die Klügere ist, und tut recht damit, denn mehr als einmal ist es die besonnene Brenda, die Mackey und Parker in Sicherheit bringt oder ihre Verfolger in die Irre lockt.

Am Ende bleiben nur die Polizei und Reverend Archibald erfolglos zurück. Parkers Welt ist wieder in Ordnung, er hat aufgeräumt und den gerade überstandenen Kampf schon abgehakt. Frisch und unbelastet kann und wird er in den nächsten Coup einsteigen. Der (deutsche) Leser darf sich freuen: Alle sieben „Parker“-Romane, die Richard Stark nach „Verbrechen ist Vertrauenssache“ schrieb, sind hierzulande erschienen und problemlos zu erwerben – ein seltener Glücksfall, denn Stark war klug und rüttelte nicht daran, dass ein Parker-Thriller schnell und spannend und sonst nichts sein muss.

Autor

„Richard Stark“ ist einer von mehreren Künstlernamen des Thriller-Profis Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York), der sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen begann. So hoch war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

Bereits 1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“) verfasste Westlake als Richard Stark. „Richard“ borgte sich der Autor vom Schauspieler Richard Widmark, „Stark“ suggeriert – völlig zu Recht – die Machart dieses Romans. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben seinen vielen anderen Romanen – zu erwähnen ist hier vor allem seine berühmte Reihe um den erfolglosen Meisterdieb Dortmunder – immer neue Parker-Romane, bevor er die Reihe abbrach, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. Lee Marvin – der allerdings den Rollennamen „Walker“ trägt – und die fabelhafte Angie Dickinson spielen in einem Thriller, der zu den modernen Klassikern des Genres zählt. (1999 versuchte sich Brian Helgeland an einem Remake.) Westlake selbst adaptierte für Hollywood Geschichten anderer Autoren. Für sein Drehbuch zu „The Grifters“ (nach Jim Thompson) wurde er für den Oscar nominiert.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert die Website www.donaldwestlake.com, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam. Zu den „Parker“-Romanen (und -Filmen etc.) gibt es auch eine eigene, sehr schöne Website: www.violentworldofparker.com.

Zur „Parker“-Reihe gibt es diese deutschsprachige Website: www.richard-stark.de.

Die „Parker“-Reihe

(Die „Parker“-Romane bis 1974 erschienen in Deutschland in den Krimi-Reihen des Heyne- und des Ullstein-Verlags; sie wurden z. T. als „Bestseller-Krimis“ im Erich Pabel Verlag neu veröffentlicht.)

(1962) Jetzt sind wir quitt/Payback (The Hunter/Payback/Point Blank)
(1963) Parkers Rache (The Man with the Getaway Face/The Steel Hit)
(1963) Die Gorillas (The Outfit)
(1963) Ein Job für Parker (The Mourner)
(1964) Stadt im Würgegriff (The Score/Killtown)
(1965) Parkers Urteil (The Jugger)
(1966) Parker und der Amateur (The Seventh/The Split)
(1966) Das Kasino vor der Küste (The Handle/Run Lethal)
(1967) Sein Gewicht in Gold (The Rare Coin Score)
(1967) Unternehmen Grüner Schnee (The Green Eagle Score)
(1968) Unternehmen Schwarzes Eis (The Black Ice Score)
(1969) Eine Falle für Parker (The Sour Lemon Score)
(1971) Ein wunder Punkt kann töten (Deadly Edge)
(1971) Ich bin die dritte Leiche links (Slayground)
(1972) Harte Zeiten, weiche Knie (Plunder Quad)
(1974) Blutiger Mond (Butcher’s Moon )
(1997) Verbrechen ist Vertrauenssache (Comeback)* bzw. Dtv-Nr. 21502
(1998) Sein letzter Trumpf (Backflash)* bzw. Dtv-Nr. 21468
(2000) Irgendwann gibt jeder auf (Flashfire)* bzw. Dtv-Nr. 21419
(2001) Der Gewinner geht leer aus (Firebreak)* bzw. Dtv-Nr. 21382
(2002) Das große Gold (Breakout)* bzw. Dtv-Nr. 21337
(2004) Keiner rennt für immer (Nobody Runs Forever)* bzw. Dtv-Nr. 21266
(2006) Fragen Sie den Papagei (Ask the Parrot)* bzw. Dtv-Nr. 21210
(2008) Das Geld war schmutzig (Dirty Money)* bzw. Dtv-Nr. 21321

* Zsolnay-Verlag

Paperback: 255 Seiten
Originaltitel: The Comeback (New York : Mysterious Press 1997)
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
www.hanser-literaturverlage.de

eBook: 280 KB
ISBN-13: 978-3-552-05558-2
www.hanser-literaturverlage.de

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