Joyce Reardon [= Ridley Pearson] – Das Tagebuch der Ellen Rimbauer: Mein Leben auf Rose Red

pearson-rose-red-cover-kleinIm Jahre 1907 heiratet der Großindustrielle John Rimbauer die junge Ellen. Die Ehe ist unglücklich, Rimbauers Villa Rose Red verflucht. Das Haus nährt sich von negativen Gedanken und Gefühlen und wird ein Ort, in dessen Wänden viele Personen spurlos verschwinden … – Der Roman erzählt die Vorgeschichte der TV-Miniserie (2002) als angebliches Tagebuch. Das Werk setzt gemächlich ein, weist auch im Mittelteil Längen auf, gewinnt aber im Finale Tempo und verwandelt sich in eine echte Geistergeschichte, die den Leser nicht hellauf begeistert, aber durchaus unterhält.

Das geschieht:

Das 20. Jahrhundert ist noch jung, als John Rimbauer, sagenhaft reicher Industriemagnat und begehrtester Junggeselle der Stadt Seattle, die junge Ellen freit. Die naive Frau erkennt nicht, dass Rimbauer vor allem die Mutter eines männlichen Erben sucht und ansonsten sein Lotterleben voller Huren, Glücksspiel und Brachialkapitalismen fortzusetzen gedenkt. Schnell ist Ellen kreuzunglücklich.

Der Bruch erfolgt auf einer Weltreise im Jahre 1908. John steckt Ellen in Afrika mit der Syphilis an. Nur mühsam, unter Qualen und mit der Hilfe der heil- und zauberkundigen Sukeena überlebt Ellen das Leiden. Nun ist das Maß voll: Da eine Trennung in dieser Zeit nicht in Frage kommt, wird sie John auf andere Weise strafen. „Rose Red“, der feudale Wohnsitz der Rimbauers, soll nach ihrem Willen niemals fertig gestellt werden. Ewig wird Ellen die Bauarbeiten fortsetzen lassen und Johns Vermögen schmälern.

So geschieht es, aber Rose Red ist auch sonst ein verfluchter Ort. Erbaut über einem Indianerfriedhof, zieht das Böse in seine Mauern. Es findet seine Nahrung in dem stillen aber erbarmungslosen Ehekrieg der Rimbauers. Rose Red fordert mehr und mehr Opfer, die in seinen endlosen Hallen, Korridoren und Zimmerfluchten verschwinden. Ihre Geister verstärken den unguten Einfluss des stetig wachsenden, ständig gefährlicher werdenden Hauses, das schließlich auch nicht vor Ellen, seiner stillen Verbündeten, und ihrer Familie Halt macht.

Das herauszufinden ist freilich einer späteren Generation vorbehalten. Anfang des 21. Jahrhunderts stößt die Parapsychologin Dr. Joyce Reardon auf das Tagebuch der Ellen Rimbauer. Seine Lektüre wird zum Anlass einer Expedition in das schon lange verlassene Rose Red, um vor Ort die angeblich übernatürlichen Phänomene zu studieren. Freilich liest Dr. Reardon nicht gründlich genug, aber das ist eine andere Geschichte …

Ein Rosenkrieg der übernatürlichen Art

„Das Tagebuch der Ellen Rimbauer“ weist zwei zentrale Handlungsstränge auf. Da ist das Porträt einer Frau, die sich vom wohl behüteten Mädchen über die enttäuschte Ehefrau zur verbitterten, gefährlichen und wahnsinnigen Hüterin ihres verfluchten und verhassten Hauses entwickelt. Der Autor entwirft in der ersten Buchhälfte ein Bild, das der historischen Realität nahe kommt: Die Frau eines vermögenden und mächtigen Mannes ist dessen Eigentum. Eine Scheidung ist in den Gesellschaftskreisen, in denen die Rimbauers verkehren, unmöglich.

Repressionen betreffen selbstverständlich nur die Ehefrau. Diskretion ist die einzige Bedingung, die der Gatte zu erfüllen hat. Also kann sich John Rimbauer weiterhin seinen Ausschweifungen hingeben. Er muss keine Vorwürfe fürchten – höchstens seitens seiner Frau, die ihm jedoch ausgeliefert ist und indirekt erheblichen Schaden durch seine Eskapaden leidet: Rimbauer infiziert Ellen mit einer normalerweise tödlichen Krankheit.

Geisterjagd mit angezogener Bremse

Diesen Leidensweg breitet der Verfasser in Vertretung der angeblichen Autorin Ellen Rimbauer in Tagebuchform auf. Recht behäbig und allzu sehr den Duktus der Ära imitierend wird die Handlung in Gang gesetzt. Die heimische Tragödie der Ellen Rimbauer und das Grauen von Rose Red sollen nur allmählich zwischen den Zeilen aufscheinen, um später umso intensiver über die Leser hereinzubrechen. Dies ist löblich, scheitert aber in der Umsetzung. Das „Tagebuch“ irritiert in seiner Mischung aus historischem Gesellschafts- und Gruselroman. Zumal ist es gar nicht Ellen ist, deren Schmerz und Wut das Grauen weckt – das existiert offenbar aus sich heraus.

Aber auch der Horror von Rose Red – der zweite Handlungsstrang – kann nur bedingt überzeugen. Stattdessen beobachten wir die Fahrten einer Rummelplatz-Geisterbahn, die ihren Gästen mit uralten Buh!-Tricks einen Schrecken einjagen möchte. So vielversprechend die Idee geklungen haben mag, einen Zeitzeugen von den unerklärlichen Ereignissen, die beobachtet aber nicht verstanden werden, berichten zu lassen; die Umsetzung ist einfach zu altbacken. Nur in wenigen Szenen und besonders zum Finale hin geht die Rechnung auf, zumal endlich das Tempo anzieht und das Phantastische obsiegt.

Figuren eines Dramas

Im Vergleich zur TV-Serie weist das „Tagebuch“ die deutlich bessere Figurenzeichnung auf. Ellen Rimbauer als Opfer, das zur Täterin und wieder zum Opfer wird, tritt aus ihren Worten hervor. Wir lernen viel über das Dasein im Goldenen Käfig, in den Frauen wie sie vor gerade einem Jahrhundert gezwungen wurden. Erst langsam, dann immer schnell verfällt Ellen dem bösen Zauber des Hauses, lässt sich von ihm korrumpieren, nutzt seine Macht zur Rache am übermächtigen Ehemann – und bemerkt viel zu spät, dass für Rose Red nur die eigenen Bedürfnisse zählen. Letztlich vernichtet das Haus alle, die sich in seinen Bann ziehen lassen.

Sogar Ellens Seelengefährtin Sukeena, die aus ihrer afrikanischen Heimat einen reichen Schatz zauberischen Wissens mitgebracht hat, ist Rose Red nicht gewachsen. Sukeena ist Vertraute, Stütze und schließlich Geliebte von Ellen Rimbauer. Für sie gelten die unsichtbaren gesellschaftlichen Schranken nicht, die Ellen in ihrem Elend halten. So kann Sukeena Nachforschungen anstellen und kommt dem Geheimnis von Rose Red nahe genug, um sich sicher zu fühlen; eine fatale Fehleinschätzung, obwohl es zunächst das weltliche Gesetz in Gestalt der von John Rimbauer geschmierten Polizei von Seattle ist, die ihr härter zusetzt als das verfluchte Haus. John kann bezwungen werden, ihre Herrin mag Sukeena nicht verlassen. So muss auch sie eines Tages den Preis bezahlen, den Rose Red von seinen Bewohnern fordert.

Böser Mann & böses Haus

John Rimbauer bildet die dritte Seite des unheiligen Quadrats. Zunächst scheint er der eindimensionale Bösewicht in diesem Spiel zu sein: ein machtgieriger, rücksichtsloser Zeitgenosse, den Vermögen und sozialer Status quasi außerhalb jedes Gesetzes stellen. Doch der Autor schaut hinter diese Fassade. Zum Vorschein kommt ein durchaus gutherziger, aber charakterschwacher, gehemmter und gestörter Mensch, der eine jämmerliche Gestalt abgibt und dies auch weiß, was ihn wiederum noch unberechenbarer macht.

Rose Red schließlich vervollständigt besagtes Quadrat, denn dieses Haus verfügt in der Tat über eine Persönlichkeit. Ob diese sich selbst entwickelt oder die Summe der Geister aller Verschwundenen darstellt, bleibt offen. Rose Red verfügt jedenfalls über einen eigenen Willen und diabolische Intelligenz. Nur der eigene Nutzen zählt für dieses Haus, das locken, täuschen und morden kann, um seinen Willen durchzusetzen. Eine Erklärung zur Herkunft von Rose Red wird nicht gegeben: die richtige Entscheidung, da dieses Nichtwissen einen der nicht gerade zahlreichen gelungenen Aspekte der Geschichte darstellt.

Die Realität ist wesentlich interessanter

Inspiriert wurde die Story übrigens von einer durchaus wahren Geschichte. Rose Red ist die dramatisch überhöhte Kopie von Winchester Mansion in San José, Kalifornien. Sarah Winchester, die psychisch labile Erbin eines gewaltigen Vermögens, ließ es 1884 errichten. Weil die Erfindung ihres Vaters – das Winchester-Repetiergewehr – bekanntlich für Tod und Verderben steht, lebte sie in dem Wahn, sie werde von den Geistern der durch diese Waffe Gestorbenen verfolgt. Um sie zu verwirren, ließ sie ihr Haus permanent vergrößern und mit Blindgängen, im Nichts endenden Treppen und Fenstern im Inneren des Gebäudes einen wahren Irrgarten auf unzähligen Ebenen anlegen. 38 Jahre dauerten die Bauarbeiten; sie wurde erst nach Winchesters Tod eingestellt. Als „Winchester Mystery House“ ist ihre bizarre Schöpfung mit seinen (schätzungsweise) 160 Räumen heute eine beliebte Touristenattraktion. Gespukt hat es hier allerdings niemals …

„Rose Red“ im Film

„The Diary of Ellen Rimbauer“ entstand 2002 als Buch zum Film bzw. zur TV-Miniserie „Rose Red“. Stephen King, der Meister der phantastischen Literatur, verfasste ein Originaldrehbuch, welches er jedoch nicht zum Roman ausarbeitete. Stattdessen wurde der Auftrag das „Tagebuch“ zu schreiben an einen anderen Verfasser vergeben.

„Rose Red“, der Film, entpuppt sich als vierstündiger Langweiler der schlimmen Sorte. Wie fast alle Stephen-King-TV-Verfilmungen ist auch diese mit guten Schauspielern besetzt, prachtvoll ausgestattet und eindrucksvoll getrickst. Die dünne Story wird aber ausgewalzt bis zur Unerträglichkeit, allzu brav und bieder verfilmt, die Story lässt völlig kalt und langweilt bald schrecklich. Der Erfolg in Gestalt von guten Quoten stellte sich trotzdem ein, und das „Tagebuch“ wurde ein Bestseller. Das führte zu der Kuriosität, dass 2003 nunmehr das „Tagebuch“ selbst verfilmt wurde. „The Diary of Ellen Rimbauer“ dauert nur 120 Minuten, wurde aber, weil dynamischer und weniger weichgespült, von der Kritik etwas freundlicher aufgenommen als „Rose Red“.

Autor

Natürlich gibt es weder eine Ellen Rimbauer, die dieses Tagebuch schrieb, noch eine Dr. Joyce Reardon, die es auswertete und später veröffentlichte. Viel spekuliert wurde über die wahre Verfasserin oder den Verfasser. Gab die TV-Miniserie einen Hinweis? Stephen King hatte das Drehbuch geschrieben. Da lag es – den Wunsch zum Vater des Gedankens machend – nahe, den Gruselmeister auch für das Buch zur Serie namhaft zu machen. Schließlich schrieb er jahrelang als „Richard Bachman“.

Spekulationsförderlich halbherzig leugnete der Verlag diese den Verkauf ankurbelnde Fama. So ganz falsch lagen die King-Fans ja auch nicht: Der eigentliche Autor ist ein enger Freund des Bestseller-Fabrikanten aus Maine. Ridley Pearson macht kein Geheimnis daraus, diese Auftragsarbeit übernommen zu haben.

Pearson, geboren 1953 und aufgewachsen in Riverside im US-Staat Connecticut, gehört zur nicht gerade kopfstarken Gruppe von Kriminal-Schriftstellern, die den Zuspruch des Publikums ebenso wie das Wohlwollen der Kritik für sich in Anspruch nehmen können. Gelobt wird vor allem die Krimiserie um das Polizistenduo Lou Boldt und Daphne Matthews, die seit vielen Jahren ihr hohes Niveau halten kann.

Taschenbuch: 345 Seiten
Originaltitel: The Diary of Ellen Rimbauer (New York : Hyperion 2002)
Übersetzung: Antje Görnig
http://www.piper-verlag.de

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