Rita Falk – Winterkartoffelknödel (Eberhofer 1)

Verdächtige Morde, rasante Frauen

Der erste Fall für Franz Eberhofer ist ein ganz bizarrer. Da ist diese Geschichte mit den Neuhofers. Die sterben ja an den komischsten Dingen. Mutter Neuhofer: erhängt im Wald. Vater Neuhofer (Elektromeister): Stromschlag. Jetzt ist da nur noch der Hans. Und wer weiß, was dem noch bevorsteht …

Normalerweise schiebt Dorfpolizist Franz Eberhofer in Niederkaltenkirchen eine ruhige Kugel. Aber jetzt: Vierfachmord! Stress pur! Zum Glück kocht die Oma den hammermäßigsten Schweinebraten, wo gibt. Und das beste Bier gibt‘s eh beim Wolfi. (Verlagsinfo)…

Die Autorin

Rita Falk wurde am 30.5.1964 in Oberammergau geboren – so steht’s in ihrer eigenen Vita im Buch.

„Sie lebte bis zu ihrem achten Lebensjahr in ihrem Geburtsort und zog dann mit ihren Eltern zunächst für ein Jahr nach München, danach nach Landshut, wo sie für einige Zeit das humanistische Gymnasium besuchte. Die Autorin lebte mit ihrem zweiten Mann, dem früheren Polizisten Robert Falk, in München. Robert Falk verstarb am 2. Juli 2020 im Alter von 60 Jahren. Sie hat drei erwachsene Kinder. Bis zu ihrem Durchbruch als Bestsellerautorin war sie als Bürokauffrau tätig.

Rita Falk wurde durch ihre in dem fiktiven Ort Niederkaltenkirchen spielenden „Provinzkrimis“ um den Dorfpolizisten Franz Eberhofer bekannt. In ihren Augen kommt der Drehort, die Marktgemeinde Frontenhausen, dem fiktiven Ort am nächsten. Nach drei von der Erzählweise her stark dialektal und umgangssprachlich geprägten Provinzkrimi-Bänden legte sie 2012 mit „Hannes“ ihren ersten Familienroman vor.“ (Quelle: Wikipedia.de)

Welche Bände bereits verfilmt worden sind, lässt sich im Wikipedia-Artikel ((https://de.wikipedia.org/wiki/Rita_Falk)) leicht nachlesen. Jeder Krimi enthält eine Reihe von „Rezepten von der Oma aus dem Jahr 1937“. Sie trugen möglicherweise ebenfalls zu dem Erfolg der Krimis bei. Ab Band 5 hat jeder Krimi die vordersten Ränge der SPIEGEL-Bestsellerliste „Belletristik“ erreicht.

Die Eberhofer-Krimis

1. Winterkartoffelknödel. Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, dtv premium, 2010, ISBN 978-3-423-24810-5.
2. Dampfnudelblues. Roman. dtv premium, 2011, ISBN 978-3-423-24850-1.
3. Schweinskopf al dente. Roman. dtv premium, 2011, ISBN 978-3-423-24892-1.
4. Grießnockerlaffäre. Roman. dtv premium, 2012, ISBN 978-3-423-24942-3.
5. Sauerkrautkoma. Roman. dtv premium, 2013, ISBN 978-3-423-24987-4.
6. Zwetschgendatschikomplott. Roman, dtv premium, München 2015, ISBN 978-3-423-26044-2.
7. Leberkäsjunkie. Roman. dtv premium, München 2016, ISBN 978-3-423-26085-5.
8. Weißwurstconnection. Roman. dtv premium, München 2016, ISBN 978-3-423-26127-2.
9. Kaiserschmarrndrama. Roman. dtv premium, München 2018, ISBN 978-3-423-26192-0.
10. Guglhupfgeschwader. Roman. dtv premium, München 2019, ISBN 978-3-423-26231-6.
11. Rehragout-Rendezvous. Roman. dtv premium, München 2021, ISBN 978-3-423-26273-6.

Handlung

Der Eberhofer Franz ist der Sheriff am Ort, und der Ort ist klein. Die tägliche Patrouille mit seinem Hund, dem Ludwig, dauert gerade mal anderthalb Minuten – aber das ist noch steigerungsfähig. Der Eberhofer wohnt im Saustall, also dem, was früher mal der Saustall von seinem Elternhaus gewesen ist. Das hat mehrere Vorteile: keine Miete und täglich geniales Essen, die die Großmutter kocht und serviert. Der Schweinebraten, die Dessert, Suppen und sonstige Köstlichkeiten sind einfach unbezahlbar. Schad nur, dass die Oma in den letzten Jahren wie eine Rosine geschrumpft ist. Daher auch ihr Codename: Rosine.

Der Ferrari

Der Eberhofer liebt Codenamen. Muss ihm ja nicht gleich auf die Schliche kommen. So wie bei dem Ferrari. Nein, das ist kein Auto, sondern ein Weibsbild mit den rassigen Kurven eines Ferrari, alles klar? Und diesen Ferrari erblicken Eberhofers Augen in einem bis dato ziemlich verlassenen Sonnleitner-Haus. Dieses soll jetzt der lokale Heizungspfuscher Flötzinger für den Ferrari wieder beheizbar machen. Aber weil der Flötzinger so ein Spanner ist und obendrein auch noch beim Spannen erwischt wird, muss er zur Strafe zuerst dem Eberhofer sein‘ Saustall renovieren: Heizung, Fliesen, Bad – wenn schon, denn schon.

Unfall oder Mord?

Der Eberhofer ist also sowohl gut genährt als auch aufmerksam. Da ist beispielsweise diese Geschichte mit den Neuhofers. Die sterben ja an den komischsten Dingen. Mutter Neuhofer: erhängt im Wald. Vater Neuhofer (Elektromeister): Stromschlag. Suizid und Unfall, sagt die Kripo. Nach dem Tod seines Bruders, des Haupterben – noch so ein dubioser „Unfall“ – , ist da nur noch der Neuhofer Hans. Und wer weiß, was dem noch bevorsteht. Denn der will jetzt endlich den Hof mitsamt Grundstück verkaufen, obwohl sich zuvor sämtliche anderen Familienmitgliedern geweigert hatten. Hat der Hans etwa Dreck am Stecken?

Connections

Fremde Gestalten treiben sich jetzt auf der Hauptstraße herum und nuscheln etwas von wegen geplanter Tankstelle. Sie fahren protzige Autos und sind aufgetakelt wie die Leute aus München. Die kennt der Eberhofer zur Genüge, denn dort hat er mehrere Jahre Dienst getan. Und deswegen hat er auch noch Connections zu den Münchner Chefetage, besonders zu Richter Moratschek und dessen Adlatus, dem Psychologen Dr. Spechtl. Viel lieber trifft der Eberhofer aber seinen Exkollegen, den Birkenberger. Der ist jetzt Privatdetektiv und observiert Ehebrecher*innen. Der könnte mit seiner neumodischen Videokamera doch auch mal in Niederkaltenkirchen „Beweismaterial sichern“, findet der Eberhofer.

Nur grad dann nicht, wenn der Eberhofer mit dem Ferrari – woaßt scho – ins Bett hüpft. Aber dann kreuzt der Ferrari mit einem Typen auf dem Sonnleitnerhof auf, den sie ihren „Architekten Klaus“ nennt und der einen verdächtig ostdeutschen Akzent aufweist. Nix gegen die Ossis, aber was will jetzt dieser Typ mit dem Ferrari?

Etwas ist hier nicht koscher, Herr Kommissar, und der Eberhofer beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen – selbst wenn ihn der Moratschek zurückpfeifen und der Dr. Spechtl ihn für verrückt erklären will: Er sehe ja bloß Gespenster, da in seinem Kaff, wo doch alle Unschuldslämmer sein müssten, gell. Doch der Eberhofer schaltet auf stur und legt seine Dienstwaffe auf den Schreibtisch, wenn ihm einer blöd kommt. Denn wie heißt es so schön: Wer zuletzt lacht, lacht am besten…

Mein Eindruck

Das Raffinierteste an diesem angeblichen Provinzkrimi ist die Ich-Perspektive des Erzählers, also vom Eberhofer selbst. Und schon nach wenigen Seiten ist klar, dass er nur eine sehr eingeschränkte Sicht auf die kleine Welt ringsum hat und der Leser ihn getrost als „unzuverlässigen Chronisten“ à la Henry James einstufen sollte. Das macht die Berichterstattung nur bedingt für die eigene Ermittlung des Lesers geeignet. Wie geahnt, kommt es deshalb zu unerwarteten Enthüllungen und Wendungen.

Und dann ständig diese Codenamen. Der Ferrari, die Rosine (Oma), die Susi (Sekretärin Susanne, dem Franz seine Flamme) und schließlich die „Schleimsau“. Das liebe Bruderherz, der Buchhändler Leopold, der mit seiner rumänischen Braut Roxana auf dem Eberhofer-Hof aufkreuzt, um vorm Vater zu renommieren. Der ist allerdings ein Alt-68er und dreht sich meist in aller Seelenruhe vor seinen Söhnen einen Joint. Ja, das verstößt gegen das Betäubungsmittelgesetzt, aber verhafte mal einer den eigenen Vater.

Die Familie

Das Beste an diesem Krimi sind also die herrlich schrägen Porträts, besonders die der Familie des Ich-Erzählers. Was diesen Leuten zustößt, geht auf keine Kuhhaut. So verletzt sich beispielsweise Eberhofer senior beim Rasenmähen, aber wem wird für den Verlust von zwei Zehnen die Schuld gegeben? Natürlich dem Franzl. Er hat die abgesäbelten Zehen nicht schnell genug gefunden.

Die Umgebung

Der zweite Kreis der Hölle ist für die menschliche Umgebung reserviert: der Flötzinger, der Ferrari, der Gastwirt Wolfi und schließlich der Metzger Simmerl. Und wenn es um die Neuhofers geht, die bereiten unserem Dorfgendarmen gehörig Kopfzerbrechen. Es dauert auch nicht allzu lange, bis auch der letzte Abkömmling dieser verfluchten Familie ins Gras gebissen hat, auf eine extrem bizarre Weise.

Auf Malle

Aufklärung muss schließlich ein Kurztrip nach Mallorca erbringen: quasi der siebte Kreis der Hölle. Sind die Verdachtsmomente ausreichend, um die Verdächtigen a) zur Rede zu stellen und b) zum Geständnis zu zwingen? Dummerweise müssen der Eberhofer und der Birkenberger – mitsamt Videokamera – ein gemeinsames Zimmer in einem Romantikhotel buchen. Saublöd, schon klar, und auf die blöden Schwulenwitze und anzüglichen Blicke kann der Eberhofer gut verzichten. Das ist Comedy pur.

Zutaten

Zu den unverzichtbaren Zutaten der Eberhofer-Krimis (s.o.) gehören die Kochrezepte. Hier sind es zwar nur fünf, aber sie haben es in sich. Damit auch Leser jenseits des Weißwurstäquators sie verstehen, ist ein GLOSSAR beigefügt, in dem man über „Lüngerl“ und „Flidscherl“ (Flittchen) aufgeklärt wird.

Unterm Strich

Ich habe diesen leckeren Krimi in nur zwei Tagen verschlungen. Man könnte ihn auch an einem ruhigen Sonntagnachmittag schaffen. Die Ermittlung folgt verschlungenen Pfaden, dass sich Raymond Chandler eine Scheibe davon hätte abschneiden können. Jedenfalls unvorhersehbar, sowieso. Alle haben sich gegen den Eberhofer verschworen, und er sich gegen sie. Da ist die zwielichtige Ferrari-Frau, die Roxana, die Susi – erotische Venusfallen allesamt. Es frag sich wirklich, auf welcher Seite die alle stehen.

Die Provinz als Sahnestück

Aber im Kern geht es um knallharte Wirtschaftsinteressen: Die Provinz wird aufgekauft, koste es, was es wolle. Und dieser Preis wird in Blut entrichtet. Siehe das ebenso traurige wie dubiose Schicksal der Neuhofers. Natürlich wird der Eberhofer für seinen verdacht gegen die Münchener Besucher für verrückt erklärt, denn es kann nicht sein, dass auf dem Dorf Mord und Totschlag herrschen. Deshalb ist knallharte Beweisbeschaffung angesagt. Und wenn ihm einer blöd kommt, dann zieht der Eberhofer andere Saiten auf. Er weiß, welche Möglichkeiten ein Dorfsheriff hat – und nutzt sie schamlos aus.

Dieser Typ

Der Eberhofer, in den Hörbüchern kongenial von Christian Tramitz („Huber & Staller“) gesprochen, war 2010 ein neuer Typ Held im deutschen Krimi. Nach zwölf Jahren hat er natürlich so viele Nachfolger und -ahmer, dass ein Provinzkrimi ohne den schrägen und eigensinnigen Dorfsheriff bzw. -detektiv*in nachgerade unmöglich ist. Sie heißen „Klufti“ alias Kluftinger und Frau Maier.

Hinweis

Der lohnenswerte Wikipedia-Artikel zur Autorin zeigt das Foto eines Verkehrskreisels in Frontenhausen, der bereits jetzt durch die Benennung nach dem Eberhofer geadelt worden ist. Der Dorfsheriff und sein Kollege mit der Videokamera zieren die Mitte des Kreisels – denn auf einem solchen Kreisel verliert der Sheriff des öfteren mal einen Verdächtigen aus den Augen.

Zum Titel

Warum der Titel „Winterkartoffelknödel“ lautet, erschließt nur demjenigen leser konkret, wenn er oder sie schon mal selbige Kartoffeln persönlich in Augenschein genommen hat – und das sind ja heutzutage immer weniger Menschen, besonders in der Stadt. Winterkartoffeln sind die bleichsten Kartoffeln, wo gibt. Diese Blässe entspricht der der Haut gewisser verdächtiger Gestalten, die Niederkaltenkirchen unsicher machen, wie der Eberhofer findet. Alles klar, Herr Kommissar?

Hardcover: 235 Seiten
ISBN-13: 9783868006841

www.weltbild.de

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