Robert Holdstock – Merlin’s Wood or The Vision of Magic (Ryhope Forest 5)

Der Zauberer in Broceliande: magische Geschichten

Dieser Sammelband enthält einen phantastischen Roman um Merlin und die Zauberin Vivien, mit Schauplatz in der Bretagne, sowie zwei Erzählungen, die in Irland beziehungsweise in Schottland spielen – die Kelten mit ihren Legenden lauern also immer im Hintergrund. Von diesen Texten wurde allein „Earth and Stone“ bislang bei uns veröffentlicht.

Der Autor

Robert Paul Holdstock, geboren 1948, begann mit dem Schreiben schon 1968, machte sich aber erst 1976 als Schriftsteller selbständig und schrieb daraufhin eine ganze Menge Genre-Fantasy. Dabei entstanden wenig interessante Trilogien und Kollaborationen an Sword and Sorcery-Romanen, u.a. mit Angus Wells.

Holdstock schrieb eine Erzählung mit dem Titel „The Dark Wheel“, die 1984 mit dem Computerspiel Elite verkauft wurde. Des Weiteren stammt „The Emerald Forest“ (Der Smaragdwald) aus seiner Feder, dessen Handlung auf dem gleichnamigen Film von John Boorman basiert. Holdstock veröffentlichte zudem mehrere Sachbücher, unter anderem „Alien Landscapes“, und eine „Encyclopedia of Science Fiction“ (1978). [zitiert nach Wikipedia]

Erst 1983 und 1984 taucht das für die Ryhope-Sequenz wichtige Motiv des Vater-Sohn-Konflikts auf. Beide Seiten werden getrennt und müssen wieder vereinigt werden. Das Besondere an dieser emotional aufgeladenen Konstellationen ist jedoch, dass die Bewegung, die dafür nötig ist, in der Seelenlandschaft einer Geisterwelt stattfindet: dem Ryhope-Forst.

In Holdstocks keltischer Fantasy befindet sich in diesem Urwald, der dem kollektiven Unbewussten C. G. Jungs entspricht, erstens ein Schacht, der mit weiterem Vordringen ins Innere immer weiter zurück in der Zeit führt. Und zweitens finden bei diesen seelischen Nachtreisen durch die Epochen permanent Verwandlungen, Metamorphosen statt. So verwandelt sich die Hauptfigur Tallis in „Lavondyss“ schließlich in eine Dryade, einen Baumgeist.

Mit Holdstock verlor die literarische Welt am 29. November 2009 einen ihrer besten, einfallsreichsten und einfühlsamsten Fantasyautoren. Der 61-Jährige starb an den Folgen einer Infektion mit E.coli-Bakterien.

Der MYTHAGO-Zyklus bis dato:

1. Mythago Wood (1984; Mythenwald)
2. Lavondyss (1988; Tallis im Mythenwald)
3. The Bone Forest (1991; Sammlung)
4. The Hollowing (1993)
5. Merlin’s Wood (1994, Sammlung inkl. Roman)
6. Ancient Echoes (1996)
7. Gate of Ivory (2000)
8. Avilion (2008)

1) Handlung von “Merlin’s Wood” (1994)

Martin, Sebastian und Rebecca sind Geschwister, die in einem Haus am Rande des großen Waldes von Broceliande in der Bretagne leben. Es ist ein böser, sumpfiger Wald, und ihre Mutter Eveline warnt sie immer wieder davor, zu tief hineinzugehen. Das Besondere an ihrem Zuhause ist der Geisterpfad. Regelmäßig passieren geisterhafte Gestalten eine Lichtung am Rande des Waldes, um zu einer Kirchenruine zu gehen, die auf einem prähistorischen Grabhügel errichtet wurde.

Übermütig stürzt sich Sebastian stets in die leuchtende Hülle dieser Geistergestalten und folgt ihrem Weg zu der Ruine. Martin ist etwas vorsichtiger und hält sich von den Schemen fern, wenn sie vorübergehen. Rebecca will gar nichts mit ihnen zu tun haben, sondern spioniert den Jungs lediglich nach. Die Geister kommen aus allen Epochen, sogar aus napoleonischer Zeit, und wenn Sebastian in sie eintaucht, glaubt er, schweben zu können.

15 Jahre später

Sebastian ist längst gestorben und Rebecca irrt irgendwo in Australiens Busch den Traumpfaden hinterher. Martin verließ den unheilvollen Wald schon im Alter von 16 Jahren. Mittlerweile lebt als Designer in Amsterdam. Diesmal ist er zurückgekommen, um seine Mutter nach einem uralten keltischen Ritus zu begraben. Bemerkenswerter kann der baskische Pfarrer die Schemen auf dem Geisterpfad, die die wieder aufgebaute Kirche passieren, sehen, Martin aber nicht.

Steine versetzen

Danach nimmt ihn sein Onkel Jacques, Evelines Bruder, beiseite. Er fährt mit ihm an die Westküste nach Quiberon, um ihm zwei Kreise aus stehenden Steinen zu zeigen, die nur bei Ebbe aus der Brandung ragen. Auf dem größten dieser Felsen wurde Jacques‘ und Evelines Vater, ein Fischer, von der hungrigen, stürmischen See erst zerschlagen und dann verschlungen.

Seitdem plagen Jacques Alpträume wegen seiner Gewissensbisse. Denn als er selbst mal in die geister auf dem Pfad eintauchte, bekam er eine Gabe geschenkt: Er sollte Steine versetzen können. Aus Angst, es nicht zu können, setzte er seine Gabe nicht ein, um seinen Vater vor dem sicheren Tod zu bewahren. Martin versteht nicht: Steine versetzen? Wie soll das denn gehen?

Rebecca

Vier Tage später kommt Rebecca aus Australien, allerdings ist sie zu spät, um am Begräbnis teilzunehmen. Sie ist Evelines Adoptivtochter, eine Vollwaise. Zusammen mit Sebastian tanzte sie im Wald mit den Geistern und bekam von diesen eine Gabe. Ihre besondere Art der Magie hat mit Musik und vor allem Gesang zu tun. Bei den Aborigines von Australien fand sie heraus, was dieser Gesang bewirken konnte. Sie brachte eine Quelle dazu zu sprudeln, wo zuvor nur trockener Fels gewesen war. Doch als ihr Gefährte Flynn verunglückte, gelang ihr ein noch weit größeres Kunststück: Sie sang ihn zurück ins Leben. Seitdem fürchtet er sie, erzählt sie Martin. Sie ist die erste, die die Geschichte von Merlin und der Zauberin Vivien erzählt.

Conrad

Doch Rebecca verbirgt ein noch größeres Geheimnis. Dieses wird Martin von Conrad enthüllt, dem Einsiedler, der seit 1944/45 in den Tiefen des Waldes lebt. Der Waldläufer hat immer wieder Eveline und ihre Familie besucht, hat auch in jungen Jahren die Geister auf dem Pfad gesehen. Eines Tages stieß er in seinem Revier auf einen wunderschönen See. Über diesen kamen immer wieder Boote voller Geister.

Was aber noch wichtiger ist: Immer wieder hört Conrad in den Abendstunden das Klagen eines Mannes und das spöttische Lachen einer Frau: Es sind der im Baum gefangene Merlin und seine Gefängniswärterin Vivien. Diese Laute sind der Grund, warum sich Conrad niemals in den Kernwald gewagt hat. Eines Abends begab es sich, dass Rebecca als 14-jähriges Mädchen in den Wald kam und vom geist einer Wölfin besessen war. Unglücklicherweise kam ihr Sebastian in die Quere und verspottet sie. Die Wölfin zerriss den Spötter. Am nächsten Tag wusste Rebecca nichts mehr von diesen Ereignissen, aber alle Welt suchte einen Wolf…

Gestaltwandler

Als Martin aus dem Wald zurückkehrt, findet er eine Rebecca vor, die sich in eine schöne, junge Zigeunerin verwandelt hat. So habe ihre Mutter ausgesehen, sagt sie und will ein leckeres Essen servieren, das sie für ihn zubereitet hat. Doch Martin düstere, rätselhafte Andeutungen über Sebastians Tod verderben ihr den Appetit. Erst mitten in den in der Nacht kommt sie zu ihm ans Sofa, auf dem er genächtigt hat: Sie habe diesen schrecklichen Traum, eine wilde Tänzerin zu sein und sich in eine Wölfin zu verwandeln…

Der Nehmer

Ihre Mutter hat sie davor gewarnt, der Priester ebenso und auch Onkel Jacques: Sie sollten Broceliande so bald wie möglich verlassen. Ja, es ist sogar eine Bedingung in Mutter Evelines Testament. Es nützt alles nichts: Der Wald hat beide bereits in seinen Bann geschlagen, und nun beginnt die Schlacht zwischen den beiden uralten Geistern, die hier seit Tausenden von Jahren ihren Kampf um die größte Macht ausfechten, den es gibt: Magie.

Rebecca nützt ihr Talent und wird Musiklehrerin, Martin zieht in den Bauernhof und richtet sich eine Designfirma in einer Stunde Entfernung ein. Kaum haben sie geheiratet – sie ist ja keineswegs seine leibliche Schwester -, kommt das Kind. Daniel ist ein großer Junge, doch auffällig still. Erst sind seine stolzen Eltern froh über die unerwartet ruhigen Nächte, doch nach einer Untersuchung wird klar, dass Daniel taub, blind und stumm ist.

Nach einer Weile beginnt er wortlos zu singen, doch der Preis, den Rebecca zu entrichten hat, ist hoch: Je mehr Lieder und Wörter Daniel erlernt, desto mehr vergisst sie an. Doch seine unheilvolle Macht als Nehmer endet hier nicht. Er nimmt ihr das Augenlicht und sieht fortan nicht mehr nur die Schatten der Geister, er nimmt ihr die Wörter. Das Ende ist vorhersehbar, erklärt der baskische Priester düster. Rebecca spricht nun in einer uralten, prähistorischen Sprache. Schon bald wird sie auch diese verlieren, und was dann?

Martin sieht sich der schrecklichen Möglichkeit gegenüber, zwischen seiner geliebten Frau und seinem besessenen Sohn wählen zu müssen. Merlin in Rebecca will freikommen, doch Vivien in Daniel kann dies nicht zulassen, sonst ist ihr magische Macht zu Ende. In einer Sturmnacht kommt es zu einer dramatischen Krise…

Auferstehung

Monate später hat Martin den Sachverhalt begriffen. Nun sind auch Rebecca und Daniel unter den Geistern auf dem Pfad, der unter die Kirche führt. In seiner Angst um die beiden gefährdet er sogar die lebenden Kinder, die diese Geister sehen können. Etwas muss geschehen. Da erinnert er sich an Sebastians Zeichnungen. Er dachte, sie zeigten Vasen, doch in Wahrheit sind es aufrecht verlaufende Gräber, erklärt ihm der baskische Priester. Viele weitere Zeichnungen hat er gesammelt, alle angefertigt von Kinder über die letzten beiden Jahrhunderte hinweg. Das tiefste Stehgrab ist nicht weniger als 140 Fuß tief. Es beherbergt ein missgebildetes Kind.

Merlin, so denkt Martin, ist in einem solchen keltischen Grab gefangen, und Vivien seine Gefängniswärterin, die ihm seine Magie geraubt hat. Es gibt nur eines zu tun: Merlin aus seinem Grab zu befreien. Doch dafür muss Martin, begleitet vom Priester, in den Herzwald jenseits des Sees vordringen. Und niemand weiß, was ihn dort in der unbekannten Region erwartet…

Mein Eindruck

„Der Zauber existiert, er ist nur vergessen.“ Dies war seit jeher die Ansicht des Autors. Und auch in seinem Roman setzt er diese Ansicht um, dass der vergessene beziehungsweise buchstäblich BEGRABENE Zauber wieder reaktiviert wird. Alle Geister und die Gaben, die sie bringen, sind nur ein Abklatsch des eigentlichen Zaubers, der mit Merlin begraben und gebannt wurde. Erst wenn Merlin frei ist, kann der ewige Kampf zwischen ihm und Vivien, seiner Kerkermeisterin, entschieden werden. Was aber passiert, wenn Merlin die Oberhand gewinnt und seine Zauberkunst beginnt, die Welt zu beherrschen?

Doch keine Bange. Merlin hat alle seine sieben primären Zauberkünste als SCHATTEN auf die Reise durch den Großkreis der Welt geschickt. Durch diesen schlauen Trick hat er sie vor Vivien, seiner listenreichen Widersacherin, in Sicherheit gebracht. Onkel Jacques, Rebecca und Sebastian – sie alle erbten ein wenig dieser sieben Künste. Merlin wusste, dass Vivien ihm seine Zauberkünste rauben wollte – schon seit ihrer ersten Begegnung vor Jahrtausenden im fernen Sibirien oder Finnland.

Merlins Liebe

Die Schilderung seiner verhängnisvollen Liebe zu der schönen Zauberin nimmt über 50 Seiten ein. Sie bilden das Kern- und Prunkstück des vorliegenden Romans. Dies ist Fantasyprosa vom Feinsten. Hier wird die Zauberergestalt aus den Artus-Epen der höfischen Franzosen und Engländer in ein ganz anderes Licht gerückt: Merlin ist ein potenziell Unsterblicher, dessen Magie-Runen auf die Knochen geschrieben sind. Seine Magie hilft einer Artus-Figur namens Peredur (= Perceval, Parzival), Barbarenangriffe abzuwehren und im walisischen Caerleon eine riesige Festung zu bauen.

Die Frau

Vivien, obwohl sie ebenfalls über große magische Künste verfügt, ist eine Naturgewalt: ungestüm, wild, wandlungsfähig – und ehrgeizig. Sie ist die Versucherin in Person, aber auch eine tüchtige Helferin. Leider ist sie auch sterblich, und ihre Uhr läuft ab – das macht sie gierig. Merlin merkt zu spät, dass sie ihn mit einem Verführungs- und Blendzauber belegt hat. Erst in letzter Sekunde kann er sie in Broceliande überlisten – um einen hohen Preis. Als sie ihn als Narren verhöhnt, ahnt sie noch nicht, dass sie selbst die Genarrte ist.

Der fortwährende Kampf dieser beiden Zauberer währt zwei Jahrtausende und führt in Martins Familie zu einer Tragödie. Diese Krise kann erst durch Merlins Befreiung bewältigt werden. Doch ist damit etwas gewonnen? Und wenn ja, wie hoch ist der Preis dafür?

2) Earth and Stone (1980, überarbeitet und aktualisiert)

John Farrel reist aus dem 21. Jahrhundert fünftausend Jahre zurück in die Jungsteinzeit. Er landet zwar etwa 400 Jahre neben der Zielzeit, aber wenigstens direkt im irischen Boyne-Tal, wo die ersten Königsgräber vier Tagesmärsche nördlich der späteren Königsstadt Tara gefunden wurden, unweit Dublins.

Die menschenleere, aber tierreiche Gegend hier ist teils verlassenes Dorf, teils Friedhof, und die herumschleichenden aggressiven Wölfe jagen John wirklich Angst ein. Nur herumstreunende Hunde halten ihm die Raubtiere vom Leib – und diese wiederum gehorchen einem allein hier lebenden Jungen namens Tig.

Tig leidet unter zwei schweren Tabus: Er darf weder eine Frau noch die Erde berühren. Als Außenseiter freundet er sich mit dem freundlichen Fremden an, der ihm zu essen gibt. Sie leben nahe eines Gräberfelds. Aber wo ist Tigs Stamm? Farrel ist nicht bloß Ethnologe, sondern sucht auch seinen Vorgänger Burton. Auf die Frage, ob Tig diesen Mann getroffen hat, antwortet Tig erst gar nicht, dann ausweichend: Burton hat die Erde berührt. Heißt das, er sei gestorben und begraben worden? Die Sprache Tigs lässt zu Farrels Leidwesen mehrere Deutungen zu.

Aber Tig lässt sich breitschlagen, dem Fremden etwas zu zeigen, was mit Burton zu tun hat: einen weiteren Friedhof. Dieser liegt jedoch weit entfernt, jenseits eines Waldes, den Tig sehr fürchtet. Als Farrel mal kurz in der feuchten Erde scharrt, stößt er auf Blut – und gerät total in Panik. Erst ein großer Schmerz bringt ihn wieder zu sich, und er ist in der Lage, einen weiteren Bericht in seine Herkunftszeit zu schicken.

Es kommt ihm aber so vor, als habe bei der Panikattacke ein böser Geist aus dem Grab Besitz von ihm ergriffen. Doch als er zurückkehrt und die Leiche ausgräbt, muss er feststellen, dass keine Verwesung eingetreten ist – und das Herz alle vier Minuten einmal schlägt! Was für eine Art Wesen ist dies? Die Antwort entdeckt Farrel wenige Tage später, als er beobachtet, wie sich aus den Grabhügeln des ersten Friedhofs eine Leiche erhebt: ein Mann mit einem erigierten Penis, als habe er mit der Erde kopuliert. Dieses Wesen läuft sofort zum Fluss, um sich zu reinigen.

Nach und nach kehrt das ganze verschwundene Dorf aus der Erde an die Oberfläche zurück. Sie werden die Tuthanach genannt, weiß Farrel, doch wieso haben sie den Jungen Tig, der keine Frau und nicht die Erde berühren darf, als einzigen aus ihrer Mitte zurückgelassen? Nachdem sie ihn auch sexuell in ihre Mitte aufgenommen haben, wird Farrel Zeuge des Baus der Königsgräber – nein, es ist ein großer Tempel. Zu wessen Ehre? Und kein anderer als der kleine Tig leitet die Errichtung der Steine und die Arbeit der Steinmetze.

Nun bekommt Farrel wirklich Angst vor Tig, doch dieser beruhigt ihn. Es werde nicht wehtun, wenn sich Farrel endlich wie die Tuthanach in die Erde legt, um mit ihr zu schlafen. Er werde wiedergeboren – als einer der Ihren, und mit vielen neuen Einsichten. Das grausame Schicksal, das seinen Vorgänger Burton ereilte, will Farrel so komplett vergessen. Und so kommt es, dass Farrel ein Jahr später am Tempelbau teilnehmen kann. Zu Ehren seiner Herrin und Geliebten, der Erde.

Mein Eindruck

In vielen seiner phantastischen Erzählungen ist der 2009 verstorbene Autor auf die Kräfte der Erde und des Waldes eingegangen. Für ihn sind sie ebenso wie für die Menschen der Jungsteinzeit mythische, göttliche Kräfte voller Geheimnisse und Macht. Warum also nicht auch die Macht zur Erneuerung? Dass Farrel sich nicht wirklich in die Erde legt, um mit dem Boden zu kopulieren, versteht sich von selbst: Er fühlt sich aber so, als täte er es. Die Vereinigung mit Mutter Gäa ist eine Metapher, die sich in vielen vorzeitlichen Religionen findet, besonders im Kult um Kybele und Astarte. Robert Ranke-Graves hat dazu seine fabelhafte Monografie über „Die weiße Göttin“ geschrieben.

3) The Silvering (1992)

Peterson lebt in einem kleinen Haus auf einer schottischen Orkney-Insel. Heute nacht erwartet er seine Freundin Selka und steht am Meer, lauscht der Brandung. Selka ist eine Bewohnerin des Meeres und pflegt in der Gestalt eines Seelöwen an Land zu kommen, ihre Haut abzuwerfen und in Menschengestalt zu ihm zu kommen. Dann würden sie zusammen die Nacht verbringen.

Doch diesmal kommt keine sanfte Selka, sondern eine junge Selkie. Dieses ausgemergelte Wesen der Tiefe nennt sich Seela und hat sehr merkwürdige Manieren, unzivilisiert und sehr gewöhnungsbedürftig. Aber am Ende kommt sie dennoch in sein Bett, wenn auch ohne mit ihm zu schlafen. Er sperrt ihre Haut, die sie am Strand abgelegt hat, in einen Schrank, so dass sie nicht mehr ins Meer zurückkehren kann. Skrupellos erpresst er sie: Entweder sie sagt ihm, wo Selka ist und sie bekommt ihre Haut zurück, oder nicht, dann wird Seela in ihrem eigenen Entwicklungszyklus zu einem Baum.

Seela erzählt lediglich etwas von Großzahn, dem Killerwal, und von Selkas Haut, die auf einem Felssims aufbewahrt werde. Damit kann Peterson nichts anfangen. Sobald sich Seela in eine Baumnymphe und dann in einen Baum verwandelt hat, stiehlt er die abgestreifte Haut der Baumnymphe, wickelt sich hinein und verwandelt sich selbst so in einen Selkie.

Auf der Suche nach Selka gelangt er zum Felssims unter Wasser, wo sich tatsächlich ein Überrest ihrer Haut findet. Wurde die Geliebte wirklich von einem Killerwal gefressen? Peterson kann es, will es nicht glauben. Während er in dem Wrack des Royal Air Force-Bombers aus dem 2. Weltkrieg, mit dem er hier abstürzte, taucht, erscheinen männliche und weibliche Selkies aus der Tiefe. Offenbar fliehen sie vor etwas. Tatsächlich, der Killer-Wal erscheint. Und er hat nur ein Ziel: Peterson. Es ist Selka in einer anderen Gestalt ihres Selkie-Zyklus, gekommen, um Peterson heimzuholen in ihr Reich…

Mein Eindruck

Wie schon „Earth and Stone“ ist auch „The Silvering“ eine Geschichte über Verwandlungen. Diesmal spielt das Geschehen auf einer rauhen Nordseeinsel, wo die schottischen Legenden um die Selkies lebendig sind: Die sagenhaften Selkies sind Menschen in Gestalt von Seehunden, die jedoch ihre Haut abstreifen können, um mit den Landmenschen in Kontakt zu treten.

Die Erzählung überbrückt vier Jahrzehnte, indem sie Petersons Vergangenheit schrittweise enthüllt: Er ist in vielerlei Hinsicht ein gewissenloser Verräter: erst, als er als einziger den Absturz seines Bombers im Weltkrieg überlebte; danach, als er die mit seinem Gesang angelockten Selkies um ihre Felle beraubte – bis dann Selka ihrerseits ihn verführte. Ihr verfallen, versucht er nun à la Orpheus, sie zu sich zurückzuholen, selbst von jenseits der Schwelle des Todes. Doch diese Reise geht schief: Der Verräter wird selbst verraten.

Unterm Strich

„Der Zauber ist nicht fort, er ist nur vergessen.“ Diese Maxime des Autors, die sich auch Charles de Lint zueigen gemacht hat, findet sich vielfach in den drei Texten dieses Sammelbandes.

Merlin’s Wood

Die bewegendste Geschichte über die Wiederentdeckung der Magie durch Sterbliche ist sicherlich „Merlin’s Wood or The Vision of Magic“. Aber in den 50-60 Seiten, die den wunderbaren Kern dieses zu kurz geratenen Romans ausmachen, geht es auch, wie im Nachwort angedeutet, um die verführerische, täuschende Macht der Wörter.

Sprache, wie wir sie heute verwenden, um „Illusionen“ wie Zeit, Demokratie, Freiheit oder Liebe zu beschreiben, wurde vor zehntausend Jahren erfunden – von Erzählern und Schamanenen, die die Welt beschreiben und beherrschen wollten. Die mächtigste, magischste Form der Sprache ist demnach der Gesang. Er bedarf nicht einmal der Wörter, so dass er vorbewusst wirken kann, um eines Menschen Herz zu berühren und zu verführen.

Merlin versteckte seine Gesangsmagie als allererstes vor der gierigen Vivien. Ein Schatten seiner Magie wurde von Rebecca eingefangen, und in Australien erweckt sie damit eine Quelle und einen Toten. Es ist also umso tragischer, wenn sie ihre Kunst an ihren unheimlichen Sohn Daniel verliert, in dem Vivien fortwirkt.

Die Geschichte von Martins Familie ist eine Tragödie um verlorene und wiedergewonnen Magie. Verlust, Verbrechen und Heilung halten sich die Waage. Die Schicksalskurve Martins zeigt am Ende des zweiten Drittels sehr tief, doch im letzten Drittel, als er Merlin befreit, zeigt seine Schicksalskurve nach oben – und vielleicht auch die des Rests der Welt. Ist Martins Wunsch, Rebecca und Daniel zurückzubekommen, vermessen, also faustisch? Das meint zumindest der Priester, aber die Frage sollte jeder Leser selbst beantworten.

Das Nachwort zu diesem Roman ist recht erhellend: Finnland spielte dabei eine ebenso große Rolle wie Bücher von Joseph Campbell und Tennysons „Idylls of the King“, die vielfach zitiert werden, entweder als Motti oder sogar mitten im Text. Was mir weniger gefiel, was die spürbare Kargheit am Anfang des Romans. Was machte Eveline, Martins Mutter, zu etwas Besonderem? Von wem stammt Rebecca wirklich ab? Die mangelnde Tiefe in der Figurenzeichnung bewirkt, dass der Roman etwas flach, kurzatmig und nicht hundertprozentig vollendet erscheint. Möglich, dass der Autor noch mehr daran arbeiten wollte, aber dafür entweder kein Geld oder keine Zeit mehr bekam.

Earth & Stone

Merlin wurde tief in der Erde begraben, doch dies ist keineswegs das Ende dieses magischen Wesens. Auch Farrel muss in die Erde, die zu seiner Geliebten wird. Er wird verwandelt und erneuert. In dieser bereits 1980 veröffentlichten Erzählung versucht der Wissenschaftler die Rätsel zu erklären, die die spiralförmigen Zeichnungen an den Wänden der Gräber von Knowth, Dowth und Newgrange uns bis heute stellen. Sie sind nicht weniger als 6000 Jahre alt. Dies ist der Tempel, den Farrel und Tig in der Erzählung errichten.

The Silvering

Vivien hat Merlin verraten, um ihm seine Zauberkünste zu rauben. Doch sie wurde von ihm überlistet. Wer ist denn nun der Narr? Ähnlich wie Vivien ergeht es auch dem Verräter Peterson, der jahrelang Selkies verraten hat. Nun tappt er seinerseits in deren Falle und begegnet seiner Nemesis. Holdstock hat einen ausgeprägten Sinn für ironische Gerechtigkeit des Schicksals. Die Geschichte aus dem Jahr 1992 spielt in einer kargen, schottischen Landschaft, doch der Kern der menschlichen Handlungen dreht sich um Lust, Raub und Vergeltung – heiße Leidenschaften also.

Zusammenfassung

Unterm Strich ist „Merlin’s Wood“ vielleicht nicht so gut wie die Sammlung „The Bone Forest“ und längst nicht so befriedigend wie die Romane um Ryhope Wood (s.o.). Doch „Merlin’s Wood“ enthält eine unvergleichlich schöne Sequenz von über 50 Seiten, deren Schönheit man lange vergeblich suchen dürfte.

Merlin („myrddin“ war ein Titel) entführt den Leser in jene lang vergangene Zeit, als die Sprache erfunden wurde. Kaum war ihre Macht erkannt, als auch schon das Ringen um deren Besitz begann. Dieses Ringen dauert bis heute an, denn sobald ein Krieg beginnt, ist die Wahrheit das erste Opfer. Und es sind seit jeher die Sieger, die die Historie schreiben. Doch der Zauber ist ebenso wenig vergessen wie die Wahrheit – sie müssen nur wiederentdeckt werden. Doch Obacht: Der Preis ist stets hoch.

Taschenbuch: 464 Seiten
Sprache: Englisch

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