Robinson, Peter – verschwundene Lächeln, Das

Eastvale, das kleine Städtchen in der englischen Grafschaft Yorkshire, vermarktet sich gern als idyllischer Wohn- und Ferienort. Doch das moderne Verbrechen hat auch diesen scheinbar abgelegenen Winkel in seiner Brutalität und Rücksichtslosigkeit längst erreicht. Detective Superintendent Gristhorpe und sein Untergebener, Freund und potenzieller Nachfolger Detective Chief Inspector Alan Banks von der örtlichen Polizei wissen nur zu gut ein Lied davon zu singen. Dieses Mal werden sie in ein Viertel von Eastvale gerufen, über das die Stadtväter allzu gern den Mantel des Schweigens breiten. Die Gestrauchelten und Gestrandeten hausen hier, arbeits-, antriebs- und hoffnungslos – Menschen wie Brenda Scupham, deren siebenjährige Tochter Gemma gerade entführt wurde. Die Kidnapper gaben sich als Mitarbeiter des örtlichen Sozialamtes aus, und Brenda, die glaubte, man sei ihr dahintergekommen, dass sie ihr Kind vernachlässigte, ließ dieses mit den Fremden gehen, die natürlich keineswegs für die genannte Behörde tätig waren.

Was ist mit Gemma geschehen? Wer hat sie entführt – und wieso? Lösegeld wird nicht gefordert, ein Sexualverbrechen seitens der Polizei befürchtet. Verdächtige gibt es genug. An oberster Stelle der Liste steht Les Poole, Brendas Lebensgefährte, ein kleiner Gauner, Säufer und Tagedieb, dem Gemma stets ein Dorn im Auge war. Aber hinter der Tat steckt kriminelle Energie, die Poole nie aufbringen könnte. Gristhorpe und seine Leute setzen die wenigen Indizien mit Unterstützung der Psychologie Jenny Fuller zu einem Furcht erregenden Bild zusammen: Offenbar treibt ein serienmordendes, eiskaltes und organisiertes Psychopathen-Pärchen sein Unwesen in den Yorkshires. Als Wanderer in einer aufgelassenen Bleimine eine Leiche finden, fürchtet die Polizei daher das Schlimmste. Aber sie birgt einen toten Mann: Carl Johnson, Teilzeit-Gärtner, Ex-Sträfling und Gelegenheits-Dieb, wurde ausgeweidet wie ein Fisch – eine Tat, die der Mörder mit Vorsatz und offensichtlichem Genuss begangen hat.

Zuletzt arbeitete Johnson für den reichen Geschäftsmann Adam Harkness, der sein Vermögen in Südafrika erwarb und sich dabei als so rücksichtslos erwies, dass er schleunigst das Land verließ. Von Johnsons Doppelleben will er nichts gewusst haben: Inzwischen hat die Polizei entdeckt, dass dieser einst mit Les Poole eine Zelle teilte. Als Banks den Ganoven in die Zange nimmt, enthüllt dieser, dass jüngst zwei neue Gesichter in Eastvales nicht gerade kopfstarken Unterwelt auftauchten: Jeremy Chivers, genannt der Lächler, und seine ihm hörige Freundin jagten sogar abgebrühten Gewohnheitsverbrechern wie Poole und Johnson Schauder über die Rücken, denn sie zeigten sich bemerkenswert fasziniert von Gewalt und Leid …

Ein noch recht früh in der Inspector-Banks-Saga anzusiedelnder, aber in Deutschland erst nach dem Publikumserfolg der späteren Bände erschienener Krimi von Peter Robinson. Nun, wir wollen uns nicht beschweren – es hätte auch schlimmer kommen können: Wer zählt die Serien, die hierzulande unvollständig bleiben, weil nicht genug zahlende Kundschaft zu ihr findet, und welchen Verlagskonzern kümmert der Zorn der düpierten Leser?

Aber ich schweife ab: Die Lebensgeschichte und Fälle des Alan Banks und seiner wackeren Kameraden von der Polizeistation Eastvale konnten wir jedenfalls inzwischen kennen und schätzen lernen. Das geschah sogar recht zügig, was freilich nicht wundert: Robinson plottet und schreibt zum einen grundsolide englische Polizei-Thriller, die zweitens zur Zeit genau den richtigen Ton beim deutschen Krimimainstream-Leser treffen: spannend, aber nicht zu aufregend oder gar düster und zynisch, platziert in der ländlich-heimeligen, typisch britischen Provinz und ordentlich versetzt mit Seifenoper-Elementen. Das Ergebnis ist die ideale Feierabend- und Ferienlektüre, was nicht abwertend gemeint ist: „Das verschwundene Lächeln“ liest sich flott und ohne Längen, wobei man sich nie vom Verfasser für dumm verkauft vorkommt. Nur gibt es eben keine Überraschungen; nicht eine. Auch die angeblichen Ecken und Kanten der Figuren sind eigentlich gar keine. Robinson stattet seine Protagonisten nur damit aus, weil so etwas im modernen Kriminalroman üblich ist. Wie halbherzig er dabei vorgeht, verrät der lang erwartete Auftritt des berüchtigten Sergeanten Hatchley, der als Polizist angeblich so über die Stränge schlug, dass man ihn vorsichtshalber in die tiefe Provinz versetzen musste: Es erscheint ein großmäuliger, aber liebenswerter Bär, der ein bisschen brummt, um damit einen verstockten Berufskriminellen zum Reden zu bringen – eine Episode, die man als Leser mit Humor nehmen sollte, weil sie einfach nicht funktioniert.

Auf der Haben-Seite haben wir eine Geschichte, die zum Teil auf einer wahren Begebenheit basiert. Robinson macht auch gar kein Geheimnis daraus, dass er sich auf den Fall des Yorkshire-Rippers stützt, der zwischen 1975 und 1980 als einer der bis dato seltenen echten Serienkiller der britischen Inseln für Angst und Schrecken (und Furore) sorgte. Als Robinson „Das verschwundene Lächeln“ 1992 niederschrieb, waren des Rippers Untaten (und das haarsträubende Versagen der Polizei) noch sehr präsent. Inzwischen kann dieses traurige Exemplar der Spezies Mensch schon längst keinen Ausnahme-Status mehr für sich beanspruchen: Auch England hat in Sachen Serienmord inzwischen gut aufgeholt. Man hat sich an diese seltsamen, furchtbaren Geschöpfe fast schon gewöhnt; jeder Grundschüler weiß heute, was ein Profiler ist. Das lässt jene Passagen, in denen Jenny Fuller quasi für den Leser über den Serienkiller doziert, ein wenig in die Länge gezogen erscheinen. Dazu überkommt den Verfasser hier und da der Drang, über die Schlechtigkeit der Welt zu lamentieren, was leicht in eine Pflichtübung abgleitet; Alans Banks schier endloses Telefonat mit seinem Kollegen Piet Kuypers von der Amsterdamer Polizei über das Thema Kindesmissbrauch ist eine dieser der Handlung aufgepfropften Gardinenpredigten. Versucht sich Robinson hier als Mahner & Warner vor den Schattenseiten der modernen Gesellschaft? Dazu fehlt ihm definitiv das Format!

Was gut geschürt wird, ist die dunkle Furcht vor menschlichen Abgründen, die besonders von den politisch korrekten Zeitgenossen gern totgeschwiegen werden, da diese der festen Überzeugung sind, Probleme ließen sich auf diese Weise am besten „lösen“. Robinson beschwört diese Angst beklemmend herauf. Das ist stets einfach, wenn Kinder zum Objekt des Verbrechens werden. Sofort greift der Reflex, die besonders Hilflosen und Schwachen dieser Gesellschaft zu schützen. Begleitet wird er von der deprimierenden Erkenntnis, dass dies selbst bei gutem Willen nicht immer gelingen kann. Als Autor spekuliert Robinson zunächst nicht auf diese beiden Reaktionen; nur notorisch unfähige Schriftsteller und C-Movie-Kurbler tun dies. Er bleibt zurückhaltend, arbeitet mit nur Andeutungen und überlässt es dem Leser, die Lücken selbst zu füllen – der Effekt ist noch weitaus Furcht erregender! Doch dann verrät Robinson sein scheinbares Anliegen durch ein allzu schmalziges, gut gemeintes, aber höchst unrealistisches und der Mainstream-Mehrheit nach dem Mund geredetes Final-Happy-End, und man erkennt, dass besagte Zurückhaltung womöglich nicht literarisches Instrument ist, sondern hauptsächlich aus der Angst vor der eigenen Courage oder dem Zorn der Leserschaft geboren wurde. Diese Kritik sei auf keinen Fall mit dem Ruf nach plakativer Gewalt und Blutbädern gleichgesetzt; die Tugendbolde sind da immer rasch bei der Hand. Nur: Wenn er über ein Feuer schreibt, muss der Chronist schon ein bisschen näher an die Flammen, um seinen Lesern mehr zu bieten als ein bisschen Qualm aus sicherer Entfernung!

Sollten noch Fragen zu Leben und Werk des Peter Robinson offen sein, hilft ein Blick auf des Schriftstellers eigene Website: http://www.inspectorbanks.com.