Ross Macdonald – Blue City

Sozialkrimi: Ödipus sucht die Mörder seines Vaters

John ist aus dem Militärdienst in seine Heimatstadt im Mittleren Westen zurückgekehrt. Sein Vater ist inzwischen gestorben – wie John erfährt, ermordet worden. Auf der Suche nach dem Mörder erfährt John mehr und mehr von der Vergangenheit des Vaters…(Verlagsinfo)

„Blue City“ (die erste deutsche Übersetzung erschien 1961 unter dem Titel „Wettlauf mit dem Gestern“) ist ein Kriminalroman bzw. Thriller von Ross Macdonald aus dem Jahre 1947, der seinerzeit noch unter seinem realen Namen Kenneth Millar erschien.

Der Autor

Ross Macdonald, John Macdonald oder auch John Ross Macdonald (* 2. Juni 1915 als Kenneth Millar in Los Gatos, Kalifornien; † 11. Juli 1983 in Santa Barbara, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Dozent.

Nachdem er sich ursprünglich John Macdonald genannt hatte, wechselte er sein Pseudonym zu Ross Macdonald, um Verwechslungen mit dem gleichnamigen Krimi-Autor John D. MacDonald zu vermeiden. Ross MacDonald war mit der Schriftstellerin Margaret Millar verheiratet.

Zentrales Thema der Detektivromane Macdonalds sind gestrauchelte Jugendliche und die Schuld ihrer Eltern. Die meisten Romane Macdonalds beinhalten verästelte, weit in die Vergangenheit zurückreichende kriminelle Verstrickungen, die vom Privatdetektiv Lew Archer aufgelöst werden. Macdonald führte somit als einer der ersten Krimiautoren der Gattung die Gedanken der Psychoanalyse zu.

Neben Dashiell Hammett und Raymond Chandler gilt Ross Macdonald als einer der wichtigsten Vertreter der harten Schule des Detektivromans. James Ellroy nennt ihn als eines seiner Vorbilder.

Zwei Lew-Archer-Romane wurden mit Paul Newman als Detektiv verfilmt (Harper, 1966 und The Drowning Pool, 1975); allerdings heißt der Ermittler in den Filmen aus rechtlichen Gründen Harper statt Archer. Ross Macdonald starb 1983 an der Alzheimer-Krankheit. (Quelle: Wikipedia.de)

Handlung

Frühjahr 1946 in einer Stadt unweit von Chicago. Der 22-jährige Johnny Weather ist als Sergeant von der US-Armee entlassen worden, für die er in den Ardennen fast sein Leben ließ, und kehrt in seine Heimatstadt zurück. Er hat sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Damals war sein Dad der Bürgermeister und ein reicher Mann, der mit Spielautomaten Geld scheffelte. Doch nachdem seine Mutter sich 1936 hat scheiden lassen und 1941 verstarb, hat Johnny kein Wort mehr mit seinem Vater gewechselt.

Als er Arbeit sucht, ist er schockiert zu erfahren, dass sein Vater schon zwei Jahren verstarb, ermordet von einem Unbekannten. Seitdem haben in der Stadt drei Männer das Sagen: Roger Kerch betreibt das Spielautomaten- und Prostitutionsgeschäft; der neue Bürgermeister Freeman Allister, einst als Reformer angetreten, ist Kerch quasi hörig und ließ die polizeilichen Ermittlungen einstellen; und der Fabrikant Alonzo Sanford, der einst ein Freund von Dad war.

Verblüfft muss Johnny feststellen, dass Vaters zweite Frau Floraine im elterlichen Haus lebt, denn sie hat alles geerbt – und Kerch ihre Anteile am Weather-Geschäft überschrieben. Nun ist die frühere Sekretärin Johnnys reiche Stiefmutter und außerdem verdammt attraktiv. Aber Johnny hat nicht vor, es Ödipus nachzumachen und mit ihr zu schlafen. Vielmehr hinterfragt er den Mord: Inspektor Hanson, einst ein respektabler Polizist, musste seine Ermittlung auf Anweisung von ganz oben einstellen.

Aber Hanson gibt Johnny Hinweise. Die Mordwaffe stammt aus der Pfandleihe des Sozialisten Kaufman, und der hat eine hübsche Enkelin namens Carla, die jetzt in Kerchs Bordell, dem „Cathay Club“, anschaffen geht. Carla animiert Johnny zum Geldausgeben, doch dann wird viel mehr daraus: Sie erleben eine leidenschaftliche Nacht. Bis Carlas Unterweltkontakte auftauchen und die Luft zu brennen beginnt…

Mein Eindruck

König Ödipus, der Wanderer, der in seine heimatstadt zurückkehrt, wartet gleich um die Ecke dieser Rache-und-gerechtigkeitsgeschichte. Jeden Moment erwartet der Leser, den Helden mit seiner Stiefmutter und/oder seiner Schwester (Carla kennt ihre Eltern nicht…) schlafen zu sehen. Dass Alonzo Sanford mit dem leben davonkommt, grenzt an ein Wunder, aber dass der wahre Täter erst ganz Schluss entlarvt wird, dürfte keinen Krimikenner verwundern. Seine Identität ist eine kleine Überraschung.

Kenneth Millar, der sich später den stilechten Namen Ross Macdonald zulegte, wollte aber auch eine Geschichte schreiben, die anklagt. Ziel der Kritik ist die Verflechtung von Politik und kriminellem Milieu in einer Kleinstadt im Mittleren Westen. Kurz nach dem Krieg sind noch sozialistische Ideen ebenso verbreitet wie der Einfluss der Gewerkschaften. Gegen diese Arbeiterinteressen arbeiten nicht nur der Fabrikant Sanford an, sondern auch J.D. Weather, der das Verbrechen unter seine Herrschaft gebracht hat.

Wenn Johnny also die Wahrheit aufdeckt, fordert er auch echte Reformen. Allister, der als Reformer angetreten war, wurde erpresst und korrumpiert – bis ihn Johnny in die Enge trieb und ihm neue Chancen eröffnete. Nachdem alles gesagt und getan ist, will Johnny mit Carla in der Stadt bleiben, um den Schweinestall auszumisten. Ihm ist klar, dass er dafür Männer braucht, die bereit sind, …“ für mehr zu kämpfen als nur für Filet in ihren Mägen, Frauen in ihren Betten und die anschwellenden Champagnerbläschen der Macht in ihren Egos.“ Unwillkürlich musste ich an eine Kompanie der US-Armee denken, die Johnny gerne anführen möchte.

Der Roman ist deutlich von Hammetts Klassiker „Rote Ernte“ aus dem Jahr 1929 inspiriert. Leider bleibt „Blue City“ weit hinter der rasanten, blutigen Vorlage zurück. Es wird jede Menge palavert, und die Dialoge sind mitunter abgehoben und idealistisch. Nachdem Johnny Kerch in der Mitte des Romans auf schmerzhafte Weise kennengelernt hat, folgt eine Serie von Actionszenen und Johnny muss einiges einstecken. Er ruft Hilfe herbei, doch diese bleibt auf auffällige Weise aus, wie Stille, die von fernem Donner gestört wird. Genauso gleichgültig ist auch dem Leser Johnnys Schicksal.

Es gibt zudem zahlreiche, ja, zu viele Erzählstränge, die nicht zu Ende gebracht werden und nur vom roten Faden ablenken. Auch die Backstory ist verzwickt, mit einer Bigamistin und einem Karrieristen. Dass Ödipus nicht zu seinem Recht kommt, grenzt an ein Wunder. Erst mit Lew Archer fand der Autor seinen Protagonisten, um allfällige Schweineställe nach allen Regeln der Kunst auszumisten.

Die Übersetzung

Zwei Frauen haben diesen Roman angeblich vollständig und neu übersetzt. Der Stil ist nah an der Umgangssprache und gut lesbar. Doch es finden sich einige Druckfehler.

S. 23: „Ich wusste bis gestern nicht einmal von Ihrer Existenz.“ Mit „Ihrer“ ist aber offensichtlich nicht der Gesprächspartner gemeint, sondern Floraine Weather, die nicht anwesend ist. Es müsste also korrekt „von ihrer Existenz“ heißen.

S. 50: „Feiheit“ statt „Freiheit“. Das R fehlt.

S. 100: „ich schlug sie hinter mir zu[r]“. Das R ist überflüssig.

S. 109: „Fisch und Chips“ ist kein Druck-, sondern ein Sachfehler. Denn Chips sind keine Chips im heutigen Sinne, sondern schlicht und ergreifend Pommes frites.

S. 118: „Ich entwickelte[n] den… Verdacht“. Das N ist überflüssig.

S. 206: „Sie unterstü[t]zen in dieser Stadt…“ Das T fehlt.

S. 217: „Sault war ein Freund vom ihm“. Statt „vom“ sollte es „von“ heißen.

S. 240: „bohrte Löcher in die Be[n]zintanks ihrer Autos“. Das N fehlt.

Unterm Strich

Das Bild einer halb entkleideten Frau auf dem Titelbild mag den einen oder anderen männlichen Krimifreund dazu verleiten, nackte Tatsachen in diesem Roman vorzufinden. Doch bis auf zwei einschlägige Stellen mit Carla und Floraine wird er schwer enttäuscht. Man sollte sich nicht ködern lassen, diesen sehr frühen Macdonald-Krimi wegen Offenherzigkeit zu lesen. Vielmehr stellt das Buch eine Anklage mit den korrupten Verflechtungen zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Verbrechen dar – eben „Blue City“.

Mit Ausnahme des wahren Mörders von J. D. Weathers stellen die meisten Figuren noch Abziehbilder ihrer Vorlagen aus den klassischen Hammett- („Rote Ernte“) und Chandler-Krimis dar. In dieser Hinsicht hatte ich von einem Macdonald mehr erwartet. Auch Ödipus erwartete ich jeden Moment in Aktion treten zu sehen, doch diese Befürchtung wurde erfreulicherweise nicht bestätigt (obwohl ich mir bei Carla nicht sicher sein kann – sie kennt ihre Eltern nicht und könnte Johnnys Halbschwester sein).

Alles in allem eignet sich dieser Krimi mehr für Komplettisten und Sammler, die den gesamten Macdonald im Bücherregal stehen haben wollen. Die Spannung hält sich in Grenzen, der Sex auch, und nur der Täter sorgt für ein gewisses Überraschungsmoment. Die Übersetzung ist zwar stilecht und gut lesbar, kann ihre Druck- und Sachfehler nicht verbergen. Dennoch habe ich den Roman recht flott in nur wenigen Wochen lesen können.

Taschenbuch: 256 Seiten
Originaltitel: Blue City, 1947
Aus dem US-Englischen von Christina Sieg-Welt und Christa Hotz
ISBN-13: 978-3257213171

www.diogenes.ch

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