Ross Macdonald – Unterwegs im Leichenwagen (Lew Archer 10)

Eigentlich hatte man Privatdetektiv Lew Archer nur auf Colonel Mark Blackwells ungeliebten Schwiegersohn in spe angesetzt. Doch kaum beginnt er zu ermitteln, stößt er auf eine heiße Spur, welche über verschiedene Leichen bis nach Mexiko und zurück nach Malibu führt. Dabei kreuzt ein als Fun Cruiser genutzter Leichenwagen immer wieder Archers Weg. Sixties, Surfkultur und Generationenkonflikt sorgen für Spannungen und für Spannung.

Besonderes Schmankerl dieser Neuübersetzung ist ein Nachwort der Krimiautorin Donna Leon, die ihren Commissario Guido Brunetti schon fast 30 Fälle hat lösen lassen.

Der Autor

Ross Macdonald hieß eigentlich Ross Millar und war der Gatte der erfolgreichen Krimiautorin Margaret Millar. Als er merkte, wie gut sie mit dem Schreiben verdiente, warf er seinen Dozentenjob auf und widmete sich fortan ebenfalls der Krimiliteratur. Die neuen Übersetzungen, die der Diogenes-Verlag veranstaltete, weisen ihn mittlerweile als Autor aus, der auf einer Stufe mit den Könnern Hammett und Chandler steht.

Ross Macdonald, John Macdonald oder auch John Ross Macdonald (* 2. Juni 1915 als Kenneth Millar in Los Gatos, Kalifornien; † 11. Juli 1983 in Santa Barbara, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Dozent.

Zentrales Thema der Detektivromane Macdonalds sind gestrauchelte Jugendliche und die Schuld ihrer Eltern. Die meisten Romane Macdonalds beinhalten verästelte, weit in die Vergangenheit zurückreichende kriminelle Verstrickungen, die vom Privatdetektiv Lew Archer aufgelöst werden. Macdonald führte somit als einer der ersten Krimiautoren der Gattung die Gedanken der Psychoanalyse ((http://de.wikipedia.org/wiki/Psychoanalyse)) zu.

Zwei Lew-Archer-Romane wurden mit Paul Newman als Detektiv verfilmt (Harper, 1966 und The Drowning Pool, 1975); allerdings heißt der Ermittler in den Filmen aus rechtlichen Gründen Harper statt Archer. Ross Macdonald starb 1983 an der Alzheimer-Krankheit. (Quelle: Wikipedia.de)

Romane ohne Lew Archer

• 1944: The Dark Tunnel
• 1946: Trouble Follows Me
• 1947: Blue City (dt. „Wettlauf mit dem Gestern“ und „Blue City„)
• 1948: The Three Roads (dt. Schwarze Vergangenheit und Der Mörder im Spiegel)
• 1953: Meet Me at the Morgue auch: Experience With Evil (dt. Triff mich in der Leichenhalle)
• 1961: The Ferguson Affair (dt. Die Akte Ferguson)

Lew-Archer-Romane

• 1949: The Moving Target auch: Harper (dt. Reiche sterben auch nicht anders)
• 1950: The Drowning Pool (dt. „Wer zögert ist verloren“, „Kein Öl für Mrs. Slocum“ und „Unter Wasser stirbt man nicht!“)
• 1951: The Way Some People Die (dt. Tote ertrinken nicht)
• 1952: The Ivory Grin, auch: Marked For Murder (dt. Bis auf die Knochen und Ein Grinsen aus Elfenbein)
• 1954: Find a Victim (dt. Anderer Leute Leichen)
• 1956: The Barbarous Coast (dt. Sprungbrett ins Nichts und Die Küste der Barbaren)
• 1958: The Doomsters (dt. Schuldkonto der Vergangenheit und Sanftes Unheil)
• 1959: The Galton Case (dt. Ein schwarzes Schaf verschwindet und Der Fall Galton)
• 1961: The Wycherly Woman (dt. Die wahre Mrs. Wycherly)
• 1962: The Zebra Striped Hearse (dt. Camping im Leichenwagen)
• 1964: The Chill (dt. Gänsehaut)
• 1965: The Far Side of the Dollar (dt. Die Kehrseite des Dollars)
• 1966: Black Money (dt. Geld zahlt nicht alles und Schwarzes Geld)
• 1968: The Instant Enemy (dt. Durchgebrannt)
• 1969: The Goodbye Look (dt. Geld kostet zuviel)
• 1971: The Underground Man (dt. Der Untergrundmann)
• 1973: Sleeping Beauty (dt. Dornröschen war ein schönes Kind)
• 1976: The Blue Hammer (dt. Der blaue Hammer)

Erzählungsbände

• 1955: The Name is Archer (dt. in zwei Bänden: Manche mögen’s kalt / Manche mögen’s eiskalt und Der Drahtzieher / Einer lügt immer)
• 1974: Great Stories of Suspense
• 1977: Lew Archer, Private Investigator
• 1982: Early Millar. 1st Stories of Ross Macdonald and Margaret Millar
• 2000: Strangers in Town. Three Newly Discovered Stories
(Quelle: Wikipedia.de)

Handlung

Colonel Mark Blackwell ist kein angenehmer Zeitgenosse, findet Privatdetektiv Lew Archer. Er wirkt wie von einem Dämon der Herrschsucht besessen, kommt ihm in den Sinn. Kaum hat Blackwells zweite Frau Isobel den Detektiv beauftragt, knallt ihm der Oberst 50 Dollar auf den Tisch, um den Auftrag zurückzunehmen. Nach einer Weile wird Archer und Blackwell klar, dass man sich um Harriet Blackwell und den Schwiegersohn in spe sorgt. Dieser Burke Damis versucht sich als Kunstmaler und hat sich mit seiner Geliebten in Daddys Strandhaus einquartiert.

Nachdem Archer den Oberst zu einem regulären Ermittlungsauftrag überredet hat, schaut er sich diesen Damis mal an: ein muskelbepackter Romeo, den Harriet irgendwo in Nordmexiko aufgegabelt hat. Wenige Wochen später will sie ihn schon heiraten. Als Archer sie zur Rede stellt, bekennt sie, nichts von Damis‘ Vorleben zu wissen, aber eine Einmischung weist sie brüsk zurück. Wenig später zieht sie bei Daddy aus und reist mit ihrem Romeo ab.

Doch in den Ritzen eines Kleiderschranks des Strandhauses entdeckt Archer anschließend einen Flugschein, der auf einen gewissen Q. R. Simpson ausgestellt ist. Als er nachforscht, erfährt, dass es tatsächlich einen solchen Passagier gab, der mit einer Harriet Blackwell von Chapala in Mexiko nach Los Angeles flog. Gibt es diesen Q.R. Simpson überhaupt? Er lässt den Staatsanwalt, der ihm diesen Auftrag vermittelte, die Polizeidienststellen abklappern und siehe da: Ein Ralph Simpson wird in Citrus Junction vermisst. Vicky Simpson weißt noch nicht, dass sie bereits Witwe war, als sie die Vermisstenanzeige stellte: Die Polizisten haben Simpsons Leiche mit einem Bulldozer ausgegraben. Aber wieso hat sich Damis des Namens eines Verstorbenen bedient? Wird er selbst bereits von den Unterweltlern gesucht, mit denen sich Simpson eingelassen hatte?

In Mexiko

Die Antwort muss in Mexiko zu finden sein, denkt Archer. In Chapala, um genau zu sein. Dort lebt Pauline, die erste Frau des Colonels, mit ihrem neuen Mann. Hier hielt sich Harriet auf, als sie Damis kennenlernte und ihm auf den Leim ging. Da Harriet nicht nur designierte Erbin ihres Vaters ist, sondern auch die einer Tante und ihres Treuhandvermögens sein wird, ist sie eine extrem gute Partie. Sie kann gut verstehen, wenn Damis – oder wie auch immer er heißen mag – sich so einen Goldfasan nicht entgehen lassen wollte.

Archer fragt sich in der amerikanischen Kolonie durch und stößt auf interessante Infos. So habe Damis wie ein Besessener an einem Frauenporträt gearbeitet, das ihm eine ehemalige Schauspielerin abgekauft habe. Doch weil sie deswegen Streit mit ihrem Mann bekam, habe der das Porträt kurzerhand im Kamin verbrannt. Darüber sei Damis sehr unglücklich gewesen. Und er sei bereits einmal verheiratet gewesen. Und die Schauspielerin habe ihn erpressen wollen – nur Gerüchte?

Los Angeles

Archer ergattert ein Selbstporträt des Gesuchten und lässt es von einem Kunstkritiker begutachten, ebenso wie das fotografierte Gemälde aus dem Strandhaus. Er erkennt den Künstler wieder: Bruce Campion, Der Polizei ist Campion kein Unbekannter: seit dem Koreakrieg vorbestraft und verdächtigt des Mordes an seiner ersten Frau Dolly Stone Campion. Sie sei erwürgt worden. Nun, das lässt für Harriet Blackwell nichts Gutes erwarten. Der Oberst erleidet einen Ohnmachtsanfall. Isobel zeigt mehr Verständnis. Sie engagiert Archer weiterhin. Seine einzige Spur führt nach Lake Tahoe, wo der Oberst ein Landhaus für sie hat errichten lassen. Archer alarmiert seine Kollegen vor Ort und hofft, dass er nicht zu spät kommt…

Mein Eindruck

Der Privatdetektiv Lew Archer ist vom Verlag mit seinen fiktiven Kollegen Philip Marlow und Sam Spade verglichen worden. Das einzig Korrekte an diesem Vergleich ist der Rang, den er mit ihnen einnimmt: ganz oben. Aber wo sie abgebrühte Zyniker sind, zeichnet sich Archer durch sein Mitgefühl und sein Einfühlungsvermögen aus. Immer wieder führt es ihn dorthin, wo gerade ein Drama stattfindet, ganz besonders im Finale.

Die Familie Blackwell hat es wirklich in sich. Ihr Werdegang erstreckt sich über Jahrzehnte und dennoch ist sie kurz vor dem Zerbrechen. Dieser Bruch ist sehr eng verknüpft mit dem Ausbrechen der jüngeren Generation – also Harriets – aus der engen, behütenden Umklammerung der Eltern, also des Obersts. Der hat seine Tochter quasi in eine fürsorgliche Belagerung eingesperrt. Die Frage ist, inwieweit die zweite Frau, Isobel, des Oberst in seine amourösen Machenschaften eingeweiht gewesen ist und wen sie selbst auf dem Gewissen hat, damals, als alles in Citrus Junction anfing…

Der Erzähler führt den Leser von Anfang an in die Irre, als er Bruce Campion, den Tunichtgut und scheinbaren Schmarotzer, als den Verführer der Tugend und Jugend hinstellt. Wen kann er schon mit seiner Malerei ernähren? Eine Familie sicher nicht. Es ist nicht gerade hilfreich, als Campion von der Polizei mithilfe Archers gefunden und festgehalten wird, aber allen Autoritäten jede Aussage verweigert: Wo ist Harriet Blackwell? Was hat er mit ihr gemacht?

Die Jugend wird zudem von den Surfern verkörpert, die mit ihrem umgemalten Leichenwagen der Pietät der Elterngeneration den Stinkefinger zeigen. So kommen sie ganz schon was rum, immer auf der Suche nach der perfekten Welle. Das führt allerdings dazu, dass sie ein eminent wichtiges Beweisstück aus dem Meer fischen. Es wird ihnen eine Menge Ärger bereiten, aber Archer ganze Bände erzählen.

Archer folgt der Spur, auf die ihn der Oberst setzt, durch Malibu über Nord-Mexiko bis nach Nevada. Am Lake Tahoe wollte der Oberst seiner neuen Frau Isobel ein Liebesnest im rustikalen Ranchstil einrichten. Doch zahlreiche Querverbindungen zu seinem verborgenen Liebesleben machen ihm einen Strich durch die Rechnung und bald steht das Liebesnest leer. Bruce Campion und Randy Simpson, der Möchtegern-Detektiv, tauchen auf, verschwinden wieder. Es ist eine Folge der inneren Logik dieses Geschehens, dass Harriet ihrem Vater ausgerechnet hier entkommen will. Archer findet im See nur ihren blutbefleckten Hut…

Die Brüche zwischen den Generationen ziehen sich weiter, und Archer stößt auf immer weitere Opfer dieses Konflikts. Für ihn kommt es darauf an, die verwirrenden, widersprüchlichen Indizien zu korrelieren, ihre Bedeutung zu verstehen und dementsprechend zu handeln. Selbst der wahre Täter sagt nicht die Wahrheit, und als er schließlich Harriet findet, erlebt der Leser eine handfeste Überraschung, die wie ein Schlag in die Magengrube wirkt.

Die Neuübersetzung

Karsten Singelmann hat seine Aufgabe ausgezeichnet erledigt. Kein Druckfehler entstellt den Text, und es gibt keine Verständnisprobleme. Eine Werkstatt heißt hier nicht mehr „Garage“ und ein Funkgerät nicht „Radio“. „Neger“ sucht man ebenfalls vergebens. All dies waren Ausdrücke, die Leser in Übersetzungen aus den 1970er Jahren ertragen mussten, etwa in Chandlers „Tote schlafen fest“.

Unterm Strich

Wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, der mich von der enormen literarischen Statur des Autors überzeugen sollte, so ist er mit diesem Kriminalroman erbracht. Archer ist nicht nur ein professionelles Ass unter den mir bekannten Detektiven, er hat auch viele Freunde unter den – gar nicht so üblen – Cops von Kalifornien. Wie Harry Bosch steht er mit seinen Mann, wen ihm ein Rechtsverdreher oder Gesetzeshüter blöd kommt, aber man könnte nicht behaupten, dass er wie Bosch auf einer Mission ist: „Jeder zählt oder keiner zählt.“ Nein, auch die Kasse muss stimmen. Geld zu nehmen, das vielleicht etwas anrüchig wird, bedeutet aber nicht, die Flinte ins Korn zu werfen. Wie ein Terrier folgt er dem Fall bis zu seiner finalen, schlimmstmöglichen Wendung.

Am Schluss wird sich der aufmerksame Leser an die Stirn schlagen und rufen: „Das hätte ich ja sofort kommen sehen müssen!“ Deshalb kommt es darauf, den Überblick über das vielköpfige Personal und die Phalanx von Indizien im Hinterkopf zu behalten. Denn nur so kann der Leser auf Augenhöhe mit dem Detektiv bleiben. Der Leser weiß nie mehr als der Ermittler, die Realität ist also durchweg ein Dschungel. Dieser Dschungel verkörpert die Bevölkerung von Kalifornien, dem gelobten Land. Es mag ja ein Surfer-Paradies sein, aber, wie schon der Leichenwagen zeigt, hat es eine Vergangenheit, die es am liebsten begraben würde. Und der Zukunft sehen junge Leute wie „die arme Harriet“, die dank ihres Vaters vom Leben keine Ahnung hat, ehr mit gemischten Gefühlen entgegen. Wie die Sache für Bruce Campion ausgeht, darf hier nicht verraten werden.

Donna Leons Nachwort

… ist teils Rekapitulation der Handlung (weshalb man es tunlichst erst nach dem Roman lesen sollte) und teils Loblied auf die Fähigkeiten des Autors und seines Protagonisten Lew Archer: „Die unerschütterliche, bis an die Schmerzgrenze gehende Menschlichkeit dieses Detektivs ist eins der Wunder dieses Buchs.“ Dieser Satz war einer der Gründe, warum ich dieses Buch sofort anfangen musste.

Taschenbuch: 316 Seiten
Originaltitel: The Zebra Striped Hearse, 1962;
Aus dem Englischen von Karsten Singelmann;
ISBN-13: 9783257300529

www.diogenes.de

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