Rowan Coleman – Einfach unvergesslich


Worum gehts?

Wie ist es wohl, wenn man sich nicht mehr an die Namen seiner eigenen Kinder erinnert? Wenn man im Auto sitzt und nicht mehr weiß, was das runde Ding vor einem ist und wozu man es braucht? Oder der Mann, mit dem man verheiratet ist, einem nicht näher steht als ein Fremder? Genau diese Erlebnisse hat Claire jeden Tag. Sie leidet als unter der erinnerungsfressenden Krankheit Alzheimer. Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit, bis sie sich an überhaupt nichts mehr aus ihrem Leben erinnern kann und dabei muss sie auf ihrer To Do-Liste im Kopf noch so viele Punkte abarbeiten. Dazu gehört zum Beispiel ihrem Mann Greg zu erklären, wie man die Lasagne, die ihre Tochter so liebt, zubereitet. Und so kommt es dazu, dass sie beginnt, ein sogenanntes Erinnerungsbuch zu schreiben. Ein Buch voller Momente ihres früheren Lebens, an die sie sich noch erinnern kann. Doch nicht nur Claire schreibt in dieses Buch, sondern auch ihr Mann Greg, ihre Tochter Caitlin und ihre Mutter Ruth. Es soll ein kunterbuntes Gemeinschaftswerk für die Ewigkeit werden, dass auch noch dann bleibt, wenn Claires Erinnerungen schon lange im Nirwana verschwunden sind.


Inhalt

Claire ist zwar noch eine junge Frau in den Vierzigern, dennoch leidet sie an der degenerativen Erkrankung Alzheimer. Sie führt quasi zwei Leben. Einmal das im Hier und Jetzt und einmal das im Jenseits, in dem ihr Kopf eine Art Wundertüte ist und sie sich an kaum etwas erinnert. Ihr bleibt nicht mehr viel Zeit, denn die Abstände, in denen sie wieder ins Jenseits befördert wird, werden immer kürzer. Während ihr Kurzzeitgedächtnis in diesen Phasen meist komplett weg ist, bleiben ihr Erinnerungen aus ihrer Kindheit und Jugendzeit teilweise erhalten.

Claire war immer eine gestandene Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Bis zu der Diagnose ihrer Erkrankung war sie von Beruf Lehrerin mit Leib und Seele. Doch als sie vor dem Schulgebäude einen Autounfall verursacht hat weil sie plötzlich das Autofahren verlernt hat, soll es mit der pädagogischen Tätigkeit ein Ende haben. Ihre älteste Tochter Caitlin hat Claire alleine großgezogen. In Greg fand sie vor wenigen Jahren die Liebe ihres Lebens. Aus dieser Beziehung geht die heute dreijährige Esther hervor. Es ist kein Wunder, dass Greg am meisten unter Claires Erkrankung leidet, da er derjenige ist, der die meiste Ablehnung ihrerseits zu spüren bekommt. Claire weiß zwar, dass er der Mann ist, den sie geheiratet hat und mit dem sie sehr glücklich war, jedoch sagt ihr Gefühl etwas völlig anderes, da ist er nicht mehr als ein Fremder.

Eines Tages kommt Greg der Gedanke für seine Frau ein schön eingebundenes, leeres Buch zu kaufen, in das sie alle Erinnerungen, die ihr noch geblieben sind aufschreiben kann – für sich und den Rest der Familie. Und auch die anderen Familienmitglieder nutzen die leeren Seiten, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und Anekdoten und Gefühle aus früheren Zeiten aufzuschreiben. Auch werden einzelne Erinnerungsstücke, wie zum Beispiel Fotos oder Schmuckstücke in das Buch eingeklebt, so dass ein kunterbuntes Familienwerk entsteht, das schon bald aus allen Nähten zu platzen droht.

Mein Eindruck

Allein der erste Eindruck des Buches besticht mit Liebe zum Detail. Das Cover ist mit dem floralen Muster und den neonorangen Punkten wunderschön gestaltet. Im Innenteil findet man Zitate und Statements von anderen Autoren, die dieses Buch bereits gelesen haben, sowie ein tolles Foto der Autorin. Auch auf den einzelnen Buchseiten wurde ebenfalls nicht an Liebe zum Detail gespart, so dass man zwischendurch immer auf klitzekleine gemalte Marienkäfer trifft.

Das Buch erwischt den Leser ungebremst. Der Schreibstil ist zwar oft sehr witzig aber dennoch stets mit einem Funken Brutalität im übertragenden Sinne. Nahezu die ganze Zeit fragt man sich „Wie würde ich reagieren, wenn ich oder Person in meinem Umfeld an dieser Krankheit erkranken würde?“. Dieser Gedanke macht einen im Laufe des Buches echt fertig. Es ist einfach eine Horror-Vorstellung seine Liebsten plötzlich nicht mehr zu erkennen und nicht mehr zu wissen wie die Dinger heißen, mit denen man essen kann – Besteck. Besonders treffen einen die Gedanken der Betroffenen, die sich selber in ihren „hellen“ Momenten damit belastet, dass sich ihre jüngste Tochter wahrscheinlich später nicht mehr an sie erinnern wird, weil die ersten drei Lebensjahre ja meist in der Erinnerung verschwimmen. Sie hat permanent Angst, dass sie irgendwann von der Bildfläche verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Genau diese Gefühle bringt die Autorin perfekt rüber und trifft dabei genau auf einen wunden Punkt im Herzen ihrer Leser.

Das Buch wird aus verschiedenen Sichtweisen geschrieben. Da sind zum einen die gegenwärtigen Kapitel, die das Hier und Jetzt schildern und zum andern die Kapitel, in denen man ein Einblick in das „Erinnerungsbuch“ bekommt, in das alle Familienmitglieder einschließlich Claire schreiben. Diese Kapitel handeln meiste von einer weit zurückliegenden Vergangenheit, zum Beispiel zur Geburt der ersten Tochter, der Hochzeit mit Greg oder Claires eigener Kindheit.

Fazit

Dieses Buch ist Emotion pur. Man muss schmunzeln, lachen, grübeln und auch weinen, wobei die traurigen Passagen deutlich überwiegen. Diese Tatsache liegt wahrscheinlich schlichtweg daran, dass man sich stets vorstellt, wie es einem selbst ergehen würde. Ich würde Angehörigen von Betroffenen dieser Erkrankung durchaus eine Kaufempfehlung für dieses Buch aussprechen, da ich mir sehr gut vorstellen kann, dass dieses Werk unterstützend dabei wirkt, die Erkrankten sowie deren Handlungen zu verstehen – auch wenn es ganz gewiss oft verdammt schwer ist. Doch möchte ich den Interessenkreis eigentlich gar nicht einschränken, da sich dieses Buch eigentlich für jedermann, der damit leben kann, ein vielleicht nicht komplett unbeschwertes, fröhliches Buch zu lesen.

Mich hat „Einfach unvergesslich“ mitten im Herz getroffen und gefesselt. Wenn jemand etwas anderes behauptet, so würde ich ernsthaft bezweifeln, dass diese Person lebt und aus Fleisch und Blut ist.

Über die Autorin

Rowan Coleman lebt mit ihrer Familie in Hertfordshire. Wenn sie nicht gerade ihren fünf Kindern hinterherjagt, darunter lebhafte Zwillinge, verbringt sie ihre Zeit am liebsten schlafend, sitzend oder mit dem Schreiben von Romanen. Da kann das Bügeln schon mal zu kurz kommen. Rowan wünschte, ihr Leben wäre ein Musical, auch wenn ihre Tochter ihr mittlerweile verboten hat, in der Öffentlichkeit zu singen. »Einfach unvergesslich« ist ihr elfter Roman. (Verlagsinfo)

Broschiert: 416 Seiten
Originaltitel: The Memory Book
Ins Deutsche übersetzt von Marieke Heimburger
ISBN: 3492060013

www.piper.de
www.rowancoleman.co.uk

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