Rowling, Joanne K. – Harry Potter and the Half-Blood Prince

Etwas mehr als zwei Jahre lang hat Joanne K. Rowling ihre Fans warten lassen auf die Fortsetzung ihrer Harry-Potter-Reihe. Am 16. Juli war es nun so weit, endlich durfte der lang ersehnte sechste Band verkauft werden, und damit ist auch die Zielrichtung für den abschließenden Band 7 klar.

_Ein ganz normales Schuljahr?_

Nach den schrecklichen Ereignissen am Ende von [Band 5,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=141 die mit dem Tod Sirius Blacks endeten und mit der offensichtlichen Rückkehr Lord Voldemorts, wurde Cornelius Fudge als Minister für Magie entlassen und durch einen offensiv arbeitenden Rufus Scrimgeur ersetzt, der nicht einmal davor zurückschreckt, unschuldige Zauberer nach Azkaban zu schicken, nur um den Eindruck zu erwecken, dass er etwas gegen die Todesesser unternimmt. Harry verbringt derweil bei seiner Tante Petunia und seinem Onkel Vernon seine Sommerferien, als ihn ein Brief von Dumbledore erreicht, der verspricht, Harry abzuholen, damit dieser für den Rest seiner Ferien bei der Familie Weasley wohnen kann. Doch bevor die beiden zu den Weasleys aufbrechen, machen sie noch einen Zwischenstopp bei Horace Slughorn, den Dumbledore gerne als neuen Lehrer in Hogwarts gewinnen möchte. Nur mit Harrys Hilfe gelingt es ihm schließlich, den ehemaligen Lehrer erneut einzustellen.

Im Hause Weasley angekommen, erreichen Harry, Ron und Hermione bald ihre O.W.L (ordinary wizarding level)-Ergebnisse, die selbst für Ron und Harry überraschend positiv ausgefallen sind. Doch muss Harry seinen Traum wohl aufgeben, Auror zu werden, denn mit seinem „exceeding expectations“ ist er leider bei Prof. Snape im Unterricht für Zaubertränke nicht zugelassen.

Der alljährliche Besuch in Diagon Alley zum Kauf aller nötigen Dinge für das kommende Schuljahr sorgt für das erste unliebsame Zusammentreffen mit Draco Malfoy, der sich unbemerkt nach Knockturn Alley zurückzieht. Harry, Ron und Hermione bleiben ihm unter dem unsichtbar machenden Umhang auf den Fersen und werden Zeuge eines merkwürdigen Gespräches. Harry vermutet sofort (zu Recht!), dass Draco etwas im Schilde führt.

Dieser Verdacht erhärtet sich, als Harry sich im Hogwarts Express in Dracos Zugabteil schleicht und einer Unterhaltung lauschen kann, doch leider wird er dort überwältigt und kann erst mit Tonks‘ Hilfe aus dem Zug befreit werden, um verspätet in Hogwarts einzutreffen. Dort beginnt das neue Schuljahr überschattet von verstärkten Sicherheitsmaßnahmen aufgrund von Voldemorts Rückkehr. Aber Dumbledore hat auch einige Überraschungen für seine Schüler auf Lager, denn Slughorn wird nicht wie erwartet die Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten, sondern Zaubertränke. Nun ist Professor Snape am Ziel, denn endlich darf er sein heiß geliebtes und lang ersehntes Fach unterrichten …

Das gibt Harry die Möglichkeit, Zaubertränke weiterhin zu belegen, doch da er kein passendes Schulbuch gekauft hat, muss er sich eines leihen. Dieses gebrauchte Schulbuch verhilft ihm dank einiger handschriftlicher Anmerkungen des so genannten Halbblutprinzen zu überraschenden Erfolgen im Mischen von Zaubertränken und zu unerwartetem Ruhm in Slughorns Unterricht. Aber wer ist bloß dieser geheimnisvolle Halbblutprinz? Und was führt Draco Malfoy im Schilde, der sich immer wieder unbemerkt davonstiehlt? Harry wird immer misstrauischer und wendet sich mit seinen Vermutungen an Dumbledore, der jedoch weiterhin unbesorgt bleibt. Doch das könnte sich als großer Fehler herausstellen …

_The same procedure as every year_

Zu Beginn des Buches lernen wir den britischen Premierminister kennen, der regelmäßigen Besuch vom Minister für Magie erhält und nun auch dem neuen Minister vorgestellt wird, der nach Cornelius Fudges Rauswurf diesen wichtigen Posten besetzt. Zunächst beginnt der Roman also gemächlich, Joanne K. Rowling lässt sich viel Zeit, um die neue Geschichte beginnen zu lassen, und auch in Harry Potters Leben hat sich seit Ende des fünften Teils nicht viel getan. Doch schon früh werden wir Zeuge einer Schlüsselszene, die vieles in ein anderes Licht setzt, das wir zuvor in anderen Büchern rund um den jungen Zauberlehrling gelesen haben. Spätestens nach dieser Szene zwischen Draco Malfoys Mutter und Severus Snape wird man gepackt von der beschriebenen Handlung, da man endlich hinter ein wichtiges Geheimnis kommen möchte.

Den Einstieg in den sechsten Band empfand ich als sehr einfach, da Joanne K. Rowling zwischendurch viele Informationen aus dem letzten Buch einfließen lässt, um das Gedächtnis ihrer Leser aufzufrischen, die es vielleicht nicht mehr geschafft haben, den Vorgängerband erneut zu lesen. Einige Schlüsselszenen werden nochmals beschrieben, sodass man sich schnell wieder einfindet in die Geschichte. Normalerweise mag ich derlei Wiederholungen nicht, doch da sie sich in Grenzen halten und bei zwei Jahren Pause zwischen den beiden Büchern sehr sinnvoll erscheinen, fielen sie mir positiv auf.

Auch „Harry Potter and the Half-Blood Prince“ folgt dem gleichen Strickmuster wie alle vorigen Potter-Bücher; die jungen Zauberschüler reisen wieder einmal gemeinsam nach Hogwarts, um dort ihre Ausbildung fortzusetzen. Daran ändert sich auch nach Voldemorts Rückkehr nichts. In Hogwarts ist praktisch nichts davon zu merken, dass außerhalb der Schulmauern schreckliche Dinge vor sich gehen. Leider kommt dadurch wenig Spannung auf und auch die ganze Atmosphäre verdüstert sich nicht. Nur nebenbei erfahren wir einige schlimme Nachrichten aus einer Zaubererzeitung, doch geht der Unterricht in Hogwarts unbeeindruckt weiter. Dies allerdings finde ich sehr unwahrscheinlich, denn in solchen Krisenzeiten würden Lehrer sicherlich nicht so weitermachen, als sei nichts geschehen. Immerhin eines scheint sicher: Im abschließenden Potter-Band wird Joanne K. Rowling nicht so weitermachen können wie bisher.

Den Spannungsaufbau fand ich nicht sonderlich gelungen, denn nach der einen wichtigen Szene relativ zu Anfang des Buches plätschert die Handlung gemächlich vor sich hin, im neuen Schuljahr passiert nicht viel und auch die Bedrohung durch Voldemort und seine Todesesser bleibt doch sehr im Hintergrund. Dumbledore lässt sich hier durch nichts aus der Ruhe bringen und seine Zuversicht scheint auch auf die meisten Schüler und Lehrer abzufärben. Rein inhaltlich gibt das Buch eigentlich keinen Stoff her für seine 600 Seiten, sodass sich gerade der Mittelteil ähnlich wie in Band 5 ziemlich lang hinzieht. Erst zum Ende hin beschleunigt Joanne K. Rowling drastisch ihr Erzähltempo, dann nämlich erfährt der Leser, mit welchen Mitteln Voldemort vernichtet werden kann. Auf den letzten hundert Seiten überschlagen sich die Ereignisse förmlich, an verschiedenen Schauplätzen geschehen hier entscheidende Dinge, die die Zielrichtung von Band 7 vorgeben. Wieder einmal denke ich, dass dem Buch hundert Seiten weniger gut getan hätten, um die Erzählung zu straffen.

_Ärgernisse_

Recht früh erfahren wir, dass Draco Malfoy dunkle Pläne schmiedet und etwas ganz Besonderes vorhat, und auch Harry Potter ahnt dies bald. Die Verdachtsmomente gegen Draco erhärten sich immer mehr, doch wird Harry von niemandem Glauben geschenkt. Stets trifft er auf Zweifler, die sich seine Argumente kaum anhören wollen. Angesichts der Ereignisse innerhalb und außerhalb der Schule fand ich dies reichlich merkwürdig.

Doch auch andere Ereignisse führen zu grauen Haaren beim Leser, denn in diesem Buch wird eine wichtige Frage geklärt: Endlich erfahren wir den Grund für Dumbledors stetes Vertrauen in Severus Snape, allerdings scheinen Rowling hier die Ideen ausgegangen zu sein, denn ihre vorgebrachte Erklärung erscheint mehr als dürftig und befriedigt den treuen Harry-Potter-Leser nicht sehr.

In diesem Band tauchen nun die sich bereits vorher angekündigten pubertären Nebenerscheinungen auf. Ron, Harry und Hermione sind sechzehn Jahre alt und entdecken schließlich die Liebe. Nach Harrys unglücklicher Schwärmerei für Cho Chang verliebt er sich in ein anderes Mädchen, das allerdings bereits vergeben ist. Ron zeigt mehr als übertriebene Eifersucht seiner Schwester und ihrem aktuellen Freund Dean gegenüber und beginnt daraufhin eine ebenso übertriebene Liebelei mit Lavender Brown. Diese wiederum ist Hermione ein Dorn im Auge, da sie ihre Gefühle für Ron entdeckt zu haben scheint, doch ist dem erwachsenen Leser sofort klar, dass auch dieser eigentlich nicht in Lavender verliebt ist, sondern in Hermione. Das Liebeskarussel in Hogwarts dreht sich in diesem Buch schneller denn je und drängt viele andere Ereignisse in den Hintergrund. Während des Schuljahres passiert eigentlich nicht viel außer Dracos geheimnisvollen Ausflügen, Harrys Unterricht bei Dumbledore und dem ständigen Liebeskummer in Harrys Freundeskreis. Während diese zarten Gefühle anfangs vielleicht noch unterhaltsam wirken, nerven sie auf Dauer schließlich doch. Da erwachsene Leser bekanntlich einen großen Teil der Harry-Potter-Fangemeinde ausmachen, hätte Rowling sich etwas zurücknehmen können in ihren ausschweifenden Beschreibungen dieser Liebesverwicklungen in Hogwarts.

_Vorbereitung zum Finale_

Mit ihrem sechsten Band rund um die Abenteuer Harry Potters legt Joanne K. Rowling den Grundstein zum Finale, das uns im abschließenden siebten Band erwarten wird. Der vorliegende Roman stellt lediglich eine Überbrückung dar und klärt viele bislang offene Fragen, wirft jedoch kaum neue auf. Harry erhält auch in diesem Jahr Einzelunterricht, dieses Mal von Dumbledore persönlich, doch geht es nicht mehr um das Erlernen neuer Zaubersprüche, sondern darum, Lord Voldemorts dunkle Vergangenheit kennen zu lernen. Dazu schleichen die beiden sich in Erinnerungen ein, die viele neue Informationen aus Tom Riddles Kindheit im Waisenheim zeigen und auch beleuchten, wie es zu seiner Wandlung zu Lord Voldemort kommen konnte. Harry Potter soll dabei so viele nützliche Geheimnisse seines Feindes kennen lernen wie möglich, denn seit der Prophezeiung aus dem fünften Teil ist offenkundig, dass nur einer überleben kann, Harry oder Voldemort. Die Zielsetzung ist also klar.

Durch diesen Unterricht spielt sich allerdings ein großer Teil des Buches in der Vergangenheit ab, sodass die aktuellen Ereignisse auf der Stelle treten und Rowling inhaltlich nicht viel weiter kommt. Die Informationen über Lord Voldemorts dunkle Vergangenheit hätte man vielleicht etwas geschickter in die Erzählung einflechten können als über die gesammelten Erinnerungen anderer Leute, in die sich Harry und Dumbledore einschleichen. Harrys Treffen mit seinem Schuldirektor stellen dadurch immer wieder einen Bruch in der aktuellen Erzählung dar, was ich etwas schade fand.

_Besonderheiten_

Wie auch schon in den Vorgängerbänden, so legt Joanne K. Rowling auch hier wieder viel Wert darauf, die auftauchenden Figuren und die sich abspielenden Szenen detailliert zu beschreiben. Jede Person wird uns so vorgestellt, dass wir sie bildlich vor Augen haben, und auch viele Charakterzüge und Eigenarten finden Erwähnung, die der jeweiligen Figur ein Profil geben – gerade was die Hauptcharaktere betrifft. So erkennt der treue Leser eine stete persönliche Weiterentwicklung, die sich nicht nur in den neuerdings auftauchenden Gefühlen dem anderen Geschlecht gegenüber ausdrückt. In vielen Situationen wirkt besonders Harry Potter schon sehr erwachsen, allerdings gibt es dann auch wieder Momente, in denen er sehr kindlich reagiert und wir deutlich merken, dass er eben noch nicht erwachsen ist. Realistisch ist die Charakterzeichnung eher nicht, aber das erwarten wir in einem Fantasybuch auch gar nicht; hier wollen wir Figuren kennen lernen, die uns Vorbilder sein können und die Wesenszüge tragen, die wir uns selbst manchmal vielleicht wünschen. Diesen Wünschen wird Rowling sicherlich gerecht, denn besonders Jugendliche werden in der Harry-Potter-Reihe eine eigene Identifikationsfigur finden.

Sprachlich macht das Buch einfach Freude. Obwohl es auf Englisch geschrieben ist, vergisst man oft beim Lesen, dass die Geschichte in einer fremden Sprache erzählt wird. Nur eine ganz kurze Einlesephase ist nötig, um völlig in die Geschichte einzutauchen, und dann stören auch nicht die wenigen unbekannten Vokabeln, die zwischendurch doch einmal auftauchen. Rowling bedient sich einer sehr blumigen Sprache, in den meisten Sätzen finden sich Adjektive, die die Erzählung ausschmücken und dabei helfen, alles genau vor Augen zu haben. So entstehen richtige Bilder der Figuren und der Szenerie im Kopf, die schließlich dazu führen, dass man Harry Potter trotz zwischenzeitlich schleppender Erzählweise doch mit Vergnügen liest.

_Kindgerecht?_

Wie sich schon ab Band 4 angedeutet hat, schreibt Joanne K. Rowling nicht mehr für Kinder, sondern eher für Jugendliche. In jedem Buch kommt mindestens eine Person ums Leben, viele werden verletzt und die Bedrohung durch Voldemort und seine Anhänger wird immer offensichtlicher. Kinder unter 12 Jahren dürften somit ziemlich überfordert sein von den beschriebenen Gefahren. Gerade in diesem Buch geschehen außerhalb von Hogwarts schreckliche Dinge, wie die Schüler immer wieder in der Zaubererzeitung „Daily Prophet“ nachlesen können. Die Brutalität, mit der die Todesesser gegen die Feinde ihres dunklen Lords vorgehen, nimmt stetig zu, sodass Eltern wirklich aufpassen sollten, was sie ihren Kindern zu lesen geben. Harry Potter ist inzwischen kein Kinderbuch mehr, sondern eindeutig ein Jugendbuch, das sicherlich kein zehnjähriges Kind mehr lesen sollte!

_Was am Ende übrig bleibt_

Insgesamt habe ich auch den neuen Harry Potter Band gerne lesen. Positiv fällt auf, dass das Buch deutlich kürzer ist als sein Vorgängerband und sich die Erzählung gerade im Mittelteil dadurch nicht ganz so sehr hinzieht. Dennoch hätte Rowling ihre Geschichte noch straffen können, um den Spannungsbogen geschickter ansteigen zu lassen. Während des Schuljahres passiert erneut nicht viel, sodass die komplizierten Liebesverwicklungen in der Schülerschaft nahezu das einzig Neue sind. Obwohl Voldemort omnipräsent ist nach seiner Rückkehr, läuft das Schuljahr praktisch ab wie gehabt; kaum jemand lässt sich davon beeindrucken, was ich reichlich merkwürdig finde. Hier hätte man mehr Spannung aufbauen und eine düstere Atmpsphäre entstehen lassen können. „Harry Potter and the Half-Blood Prince“ merkt man deutlich an, dass er eine Vorbereitung auf das ausstehende Finale darstellt. Rowling bereitet hier einen Showdown vor und setzt klare Erwartungen an den abschließenden Band. Lange Passagen beleuchten Tom Riddles Werdegang und seine Entwicklung hin zu Lord Voldemort; nun endlich wird uns klar, wie es weitergehen muss. Sprachlich gefällt das Buch äußerst gut, durch ausschmückende Beschreibungen lässt Joanne K. Rowling Bilder im Kopf ihrer Leser entstehen, die sehr zum Lesevergnügen beitragen. Dennoch kann auch Band 6 nicht an die fantastische Geschichte von „Harry Potter und der Feuerkelch“ anknüpfen, obwohl natürlich auch der aktuelle Band mehr als lesenswert ist.

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