Ruditis, Paul – Star Trek Voyager – Das offizielle Logbuch

172 Abenteuer erlebte die Crew des Föderationsraumschiffes „Voyager“ in sieben langen Fernsehjahren. Das ist eine stolze Leistung, die eines Rückblicks eindeutig würdig ist. Paul Ruditis widmet dem Anlass ein mächtiges Werk, das auf fast 500 Seiten fast alle Fragen beantwortet, die sich der Zuschauer womöglich gestellt hat. Er orientiert sich dabei naturgemäß an der Serienstruktur: Analog zu sieben TV-Staffeln gibt es sieben Großkapitel, welche jeweils mit den Neuigkeiten und Veränderungen eingeleitet werden, die zum Beginn und im Verlauf jeder Staffel zu vermelden sind.

Dieser Einleitung folgt eine eingehende Beschreibung der einzelnen Folgen. Was ansonsten geschehen ist bzw. wie diese Ereignisse in die Chronologien der „Voyager“, des Delta- sowie des Alpha-Quadranten einzupassen sind, wird in gesonderten Abschnitten aufgelistet. Dazu kommen die „persönlichen Logbücher“ der „Voyager“-Crew, in denen u. a. hochwichtige Fakten wie Captain Janeways Geburtstag (der 26. Mai) enthüllt werden. Ein „medizinischer Bericht“ vermerkt penibel sämtliche Verletzungen der agierenden Crew vom Schnitt in den Daumen bis zum Kopfschuss. Im „Episodenlogbuch“ werden einige Worte zur „Star Trek“-Saga und manchmal sogar zu den Dreharbeiten der „Voyager“-Serie verloren. Hinzu kommen Textboxen, in denen einzelne Besatzungsmitglieder ausführlich vorgestellt und pompös-weihevolle Worte der „Star Trek“-Macher zitiert werden, die sich selbst und ihren Einfallsreichtum hochleben lassen. Weitere Boxen listen auf, wann „Q“ auf der „Voyager“ erschien und welche witzigen Wortspiele er dabei zu Stande brachte. Dazu kommen tief schürfende Analysen, die sich mit Themen wie „Das Ende einer Beziehung: Kes und Neelix“ beschäftigen.

Zahlreiche Anhänge listet die Crew der „Voyager“ auf und scheiden sorgfältig die Toten von den Lebenden. Weiterhin gibt es endlose Listen der hinter den Kameras tätigen Crews. Selbstverständlich darf eine Aufzählung der „Voyager“-Folgen nicht fehlen, die seltsamerweise alphabetisch geordnet ist. Weitere Namenslisten sind den Drehbuchautoren und den Gastschauspielern gewidmet. Eine Art Ehrentafel mit den gewonnenen „Emmy“-TV-Auszeichnungen gibt es außerdem.

Jede Episode wird durch schwarzweiße Fotos illustriert, die offensichtlich direkt vom Bildschirm abgelichtet wurden und folglich reichlich grobgerastert, kontrastschwach und verschwommen daherkommen. Qualitativ besser sind diverse Standaufnahmen, die in den einleitenden Texten zu den einzelnen Saisons wiedergegeben werden. Insgesamt prunkt das „Logbuch“ mit ca. 400 Fotos.

Zunächst die positiven Aspekte (deren Aufzählung wenig Zeit beanspruchen wird): „Star Trek Voyager – das offizielle Handbuch“ ist ein schönes Stück Buchhandwerk. Ein Paperback zwar, aber großformatig, sachlich und „Star Trek“-bezogen layoutet, sorgfältig gebunden und auf gutes Papier gedruckt, so dass der Text und die meisten Abbildungen klar und deutlich zu erkennen sind. (Man denke nicht, dies sei eine Selbstverständlichkeit! Gerade Bücher zu beliebten Filmen oder TV-Serien setzen gern darauf, dass Fans gierig und ohne nachzudenken ohnehin alles kaufen, was die Qualität des Gebotenen offenbar zur Nebensache werden lässt.)

Dass Paul Ruditis vom „Star Trek“-Studio |Paramount |mit der Niederschrift dieses Buches beauftragt wurde, garantierte natürlich die Einhaltung gewisser Standards sowie den Zugriff auf Hintergrund- und Bildmaterial. Freilich hat dieses Privileg seinen Preis: Das „Offizielle Logbuch“ ist nicht mehr und nicht weniger als die rigoros positive Rückschau auf eine Serie, die demnach im Geiste roddenberryscher Eintracht von Idealisten, Genies und Menschenfreunden im Dienst des Zuschauers geschaffen wurde und zu den Sternstunden der Fernsehgeschichte gehört.

Tatsächlich war es wohl mehr als nur ein bisschen anders. „Star Trek Voyager“ gehört zu den ST-Serien, die recht ideenarm und lahm starteten, um erst im Laufe von Jahren an Fahrt und Qualität zu gewinnen, was nicht ohne Reibungsverluste und internen Ärger abging. Darüber verliert Ruditis kaum ein Wort. Er geht ohnehin anders an sein Thema heran. Die Ereignisse hinter den Kulissen sind für ihn Nebensache. Er schildert die Irrfahrt der „Voyager“ quasi als historische Realität, formt sie zu einer Chronik, beschreibt das Schiff, seine Besatzung, die unzähligen Spezies, mit denen es Janeway & Co. zu tun bekommen. Penibel listet Ruditis auf, wer wann auf dem Bildschirm erscheint und womöglich wiederkehrt, wie das in die „Voyager“- bzw. „Star Trek“-Chronologie passt (oder auch nicht), welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Dabei neigt der Verfasser zu Übertreibungen, verliert sich in eigentlich banalen Details, meint damit zu beeindrucken, wenn er aufklärt, in welcher Folge Tuvok Kaffee statt Wurzeltee trinkt. Als Fernsehzuschauer nimmt man solche Informationen am Rande auf, sie fügen sich ins Gesamtbild, lassen die Figuren plastisch, „menschlicher“ wirken. In einem Buch aufgelistet, sind sie unwichtig. Einige kritische Worte zu diversen Episoden – die eben nicht durchweg Science-Fiction der Oberklasse bieten – wären stattdessen angebrachter gewesen.

Doch über „Voyager“, das TV-Produkt, schweigt sich Rudditis recht beharrlich aus. Sein Schwelgen in „Star Trek“-Geschichte & Technobabbel ist kein Ersatz für diesen Aspekt der „Voyager“-Chronik, die Klassifizierung als „Logbuch“ wird ein wenig zu Ernst genommen. Dies setzt sich bei der Auswahl des Bildmaterials fort. Wiederum sehen wir nur die Schauspieler in ihren Rollen und Kulissen; auch hier fehlt der Blick aus der Perspektive des unabhängigen Beobachters, der Ruditis doch war während der Recherchen für dieses deshalb letztlich enttäuschende, weil wenig aussagekräftige Buch.

Paul Ruditis zählt zu jenen TV-Allessehern, die irgendwann auf den Gedanken kommen, aus ihrem Hobby klingende Münzen zu schlagen, indem sie darüber schreiben. „Schriftsteller“ sind sie deshalb noch längst nicht, auch „Sachbuch-Autor“ sollte ihnen als Berufsbezeichnung eigentlich verboten werden.

Denn es gehört mehr zu einem lesbaren und informativen Sachbuch als möglichst jeden Fakt zu sammeln und aufzulisten. Die Auswahl ist ein wichtiger Zwischenschritt, den diese Fan-Autoren gern überspringen. Für sie ist alles wichtig, was sie herausgefunden haben, sie können sich nicht davon trennen, weil sie es nicht verstehen oder wagen, zwischen Wichtigem, weniger Wichtigem und Unwichtigem zu differenzieen. Folglich wird der Leser mit einem Wust kaum gefilterter Informationen und Informationsspam konfrontiert. Das lässt solche Werke geschwätzig und vor allem langweilig wirken.

Ruditis ist nicht nur in dieser Hinsicht das Beispiel eines Fan-Autors. Ihm fehlt auch der Abstand zum Thema bzw. die Fähigkeit, buchstäblich hinter die Kulissen zu blicken. Dass sein „Star Trek“-Buch so bar jeder Kritik und jeglicher Insiderinfos ist, liegt sicherlich auch am Unvermögen des Verfassers, das Thema „Voyager“ sachlich zu betrachten, zwischen Werbung und Wahrheit zu differenzieren und aus den ausgewerteten Quellen ein ausgewogenes Bild der tatsächlichen „Voyager“-Historie zu destillieren. Dazu bedarf es nicht nur des Wissens, sondern einer Erfahrung und eines Selbstbewusstseins, die Ruditis offenbar abgehen. Vielleicht fehlt ihm auch die Zeit; er ist ein fleißiger Mann, der mit „Logbüchern“ sowie Ex-und-Hopp-Romanen zu Serien wie „Buffy the Vampire Slayer“, „Angel“, „Sabrina the Teenage Witch“ oder „Charmed“ auf dem Buchmarkt vertreten ist. Außerdem scheinen sich seine oberflächlichen Werke gut zu verkaufen – wieso also Zeit & Grips darauf verschwenden, ihnen mehr Tiefe, d. h. echte Informationsdichte zu verleihen?

Diese Haltung lässt Ruditis & Co. natürlich für die Filmstudios zu interessanten Partnern werden. Öffnet man ihnen die Türen, kann man sich darauf verlassen, dass der geblendete, plötzlich zum „Insider“ gewordene „Hausautor“ nur schreibt, was man veröffentlich sehen möchte, um auf diese Weise die Marketing-Maschine weiter unter Dampf zu setzen. Für solche Willfährigkeit gibt’s dann auch Interviews mit den Beteiligten, schöne Fotos – und Anschlussaufträge! Ruditis hat es längst „geschafft“ – er ist Profi geworden und veröffentlicht regelmäßig. Den nächsten logischen Schritt hat er inzwischen ebenfalls unternommen und mit „Enterprise: Shockwave“ einen Roman zur (fünften) Serie verfasst.