Craig Russell – Blutadler

Das geschieht:

In Hamburg lauert ein Killer jungen Frauen auf, um ihnen den Leib aufzuschlitzen und die Lungenflügel um den Hals zu drapieren: Er zelebriert ein „Blutadler“ genanntes Opferritual, das den Wikingern zugeschrieben wird. Ganz auf der Höhe der Zeit zeigt sich der Täter daggen, wenn er seine Untaten per E-Mail kommentiert, die er als „Son of Sven“ unterzeichnet. Er sendet sie an Kriminalhauptkommissar Jan Fabel, der zum Leiter einer Sonderkommission ernannt wird, die den grausamen Morden ein Ende setzen soll, bevor die Medien der Polizei, der Justizbehörde und vor allem den örtlichen Politikern noch mehr Feuer unterm Hintern machen. An die Spitze dieser Meute setzt sich der ultrakonservative Konzernchef Wilhelm Eitel, dessen Sohn sich für den Sitz des Ersten Bürgermeisters der Hansestadt bewirbt.

Hauptverdächtiger im Blutadler-Fall ist ein ehemaliger Elitepolizist, der jetzt als für den Gangsterboss Ulugbay arbeitet. Im Hamburger Rotlichtmilieu tummelt sich außerdem die ukrainische Mafia. Der Ex-Soldat Wassyl Witrenko unterwirft sich die örtliche Szene mit Terror und mit militärischer Gewalt. Der Bundesnachrichtendienst hat bereits ein Auge auf diese Aktivitäten geworfen. Eines der weiblichen Opfer gehörte zu seinen Spitzeln.

Während „Son of Sven“ weiter mordet, beginnen Männer, die sich als nordischer Gott Odin maskieren, Frauen zu kidnappen, zu vergewaltigen und zu töten. Gehört „Son“ zu ihnen. Fabel sieht sich zwischen allen Fronten. Sein Hauptverdächtige fällt einem Mafiamord zum Opfer. Anscheinend gibt es nur die Möglichkeit, neue Morde abzuwarten und zu hoffen, dass der Täter einen Fehler macht. Diesen Weg mag der sensible Fabel nicht gehen. Er sucht die Konfrontation mit „Son of Sam“ – und er wird sie finden …

Baukasten für Bestseller-Thriller

Wir basteln uns einen Thriller für die Bestsellerlisten der westlichen Welt. Dazu nehmen wir:
– einen genial-irren Serienkiller, dem in Sachen blutiger Grausamkeit tatsächlich noch eine neue Variante eingefallen ist;
– geheimbündlerische Munkelmänner mit Wurzeln in einer Geschichte, die mit der historischen Realität wenig bis gar nichts zu tun hat, sondern sich primär von Fantasie und Dan-Brown-Theaterdonner nährt;
– richtig fiese, vertierte Mafiosi, hier wahlweise aus der Türkei sowie Russland stammend, sowie dem deutschen Schauplatz entsprechend & deshalb unverzichtbar „die Nazis“;
– gemeine Terroristen, die womöglich schon den nächsten Wolkenkratzer ins Visier nehmen;
– moralisch verkommene Schlipsschurken aus Politik & Hochfinanz, die verwickelten Verschwörungen frönen;
– einen grüblerischen Polizisten mit Außenseiterstatus, der dienstlich und privat tüchtig in die Zange genommen wird aber unverdrossen seinen Weg geht;
– allerlei unverzichtbare Randchargen: der abgebrühte Pathologe, die schöne Psychologin, der ausgemergelte Drogenfreak („Hansi“), der publicity- & machtgeile Politiker, der berufsparanoide Geheimdienstler, der schöngeistige Gangsterboss etc.

„Blutadler“ ist ein Erstlingswerk, das alle Fehler aber keine Tugenden eines Debüts aufweist. Der Plot ist hanebüchen, die Handlung tritt auf der Stelle, wird spannungsarm und ungemein lahm entwickelt. Hamburg wirkt wie eine Filmkulisse. Der Verfasser gibt vor, sich in der großen Hafenstadt auszukennen. Trotzdem lesen wir über ein fremdes, totes, unwirkliches Hamburg, dessen Geografie und Geschichte sich ein Ortsfremder betont sorgfältig angeeignet hat, ohne indes das Wesen der Stadt und ihrer Bewohner erfasst zu haben.

Land der Verdammten

Die Sprache ist gestelzt, der Stil umständlich. Das mag zum Teil der Übersetzung anzulasten sein. Eindeutig auf das Konto des Verfassers gehen die endlosen, schulbuchhaft beschreibenden Passagen, in denen uns Russell über Orte und Ereignisse aufklärt, die für das Geschehen nur am Rande oder überhaupt nicht relevant sind.

Dazu begeht er die Todsünde, einen simplen Thriller auf Biegen & Brechen zur feuilletontauglichen Literatur aufwerten zu wollen. Russell übt sich in philosophischen Betrachtungen über Gott und die Welt und kreist ausgiebig um ein Deutschland, dessen Bürger sich Tag & Nacht ihre Köpfe über die Last der eigenen Geschichte zerbrechen: „Es ist nicht leicht, Deutscher zu sein … Zehn Jahrhunderte der Kultur und der Leistung waren Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts durch zwölf Jahre, in denen sich das unbeschreiblich Böse durchgesetzt hatte, in den Hintergrund gedrängt worden. Jene zwölf Jahre hatten für die Welt und für die meisten Bürger des Landes den Kern dessen definiert, was es heißt, Deutscher zu sein. Nun konnte man ihnen nicht mehr trauen, und sie selbst konnten einander nie mehr Vertrauen schenken.“ „Third Reich“-Plattheiten, weitere Phrasen dieses und noch größeren Kalibers und moralinsaure Klagen über den moralischen Bankrott der Zivilisation ziehen sich durch das gesamte Werk.

Während man darüber nur den Kopf schütteln und sich ärgern kann, sorgen Russells grundsätzlich schiefe Aphorismen wenigstens für Heiterkeit: „Mittlerweile lag ein kräftiger Keil traumlosen Schlafes zwischen Fabel und den Ereignissen des Vortags“ ist ein schönes Beispiel für ein Bild, das man sich für das geistige Auge einmal bildhaft vorzustellen versuchen sollte …

Ein Mann zweier Welten

Ein halber Schotte in Hamburg, einer Stadt, in der es ständig regnet und „baltische Winde“ eiskalt blasen: Das ist Johann Rätsel, nein, Verzeihung, Jan Fabel, der überaus fähige aber an der Schlechtigkeit der Welt verzweifelnde Polizist. Er ist dienstlich wohlgelitten und privat ein netter Mensch und dennoch Außenseiter ist, der nicht mitmischen mag im Spiel um Macht und Geld, dem offenbar jede/r heutzutage verfallen ist. Entsprechende Klischees langweilen durch garantierte Anwesenheit, wie das eben so ist, wenn eine Figur nicht mit der Feder sondern mit dem Quast gezeichnet wird.

Wenn Fabel einmal so richtig leiden will, fährt er zur nahe gelegenen NS-Gedenkstätte Neuengamme und lässt in seinen Gedanken Nazi-Rohlinge auf wehrlose KZ-Insassen einprügeln. Auf solche plumpe Weise suggeriert Russell einen gedankentiefen Protagonisten, der doch eigentlich nur mit intellektuelloiden Grämlichkeiten nervt, Immerhin bleibt Fabel trotzdem die Zeit einer attraktiven Kollegin näher zu kommen, was natürlich weiteren Stoff für Bedenken liefert.

„Böse“ Deutsche sind – erkennbar schon am Namen – Vater und Sohn Eitel, der eine als Mischung aus Krupp & Hugenberg dargestellt, der andere ein Junior-Hitler mit ordentlichem Riss in der Hirnwaffel. Das organisierte Verbrechen gibt sich entweder ehrbar und globalisiert (Rotlichtzar Yilmaz sammelt deutsche Dichter in Originalausgaben) oder wirkt wie aus Dschinghis Khans Steppe importiert (Witrenkos & seine wilde Horde). Nahtlos ins schräge Bild fügen sich die Schlapphüte des Bundesnachrichtendienstes, die hier gemeinsam mit dem Bundesgrenzschutz zur schier unkontrollierbaren paramilitärischen Separatmacht mutieren und testosterongeschwängerte Untergrundattacken gegen allerlei Staatsfeinde reiten.

Endgültig von allen (guten) Geistern verlassen

Dann lässt Russell auch noch marodierende Neu-Wikinger auftreten, die sich dieser Rezensent – die Lektüre fördert solche obskuren Vorstellungen – nur in eine Art Ku-Klux-Klan-Kutte gewandet und mit Hörnerhelm auf dem Schädel vorstellen kann. „Son of Sven“ plagt uns immer wieder mit Ausschnitten aus einem Blog für Serienkiller; man muss seine gemailten Worte wohl so interpretieren, weisen sie doch die für diese moderne Kommunikationsform allzu typische, pagageienplapprige Informationsdichte auf. Anders gesagt: „Son of Sven“ hat uns bzw. Jan Fabel nur jenen hohlen Humbug zu verkünden, den wir schon aus den Mündern viel zu vieler Möchtegern-Lecters hören mussten.

Nein, dieser „Blutadler“ ist eine lahme Ente, die nie vom Boden hochkommt. Dem gewünschten Erfolg stand dies allerdings nicht im Weg, denn es gibt ein Publikum für Designer-Thriller, auf das Russell seine Werke genau zuschneidet. Jan Fabel hat inzwischen sechs Fälle gelöst und sich fest in der deutschen Mainstream-Krimiwelt etabliert. 2012 erreichte er das Fernsehen: In der deutsch-österreichischen Ko-Produktion „Blutadler“ wurde er vom Schauspieler Peter Lohmeyer verkörpert. An diesem Film schied sich die Kritik wie schon an den Romanen: Fabel kann man offenbar nur mögen oder hassen.

Autor

Craig Russell wurde 1956 im schottischen Fife geboren. Bevor er sich 1990 als freier Schriftsteller versuchte, arbeitete er als Polizist und in der Werbung, was sich für einen Verfasser möglichst erfolgreicher Kriminalromane als ideale Mischung erweist; Russell selbst weist auf die Parallelen zwischen der Planung einer Marketingstrategie und das Verfassen eines Romans hin.

Hamburg wählte Russell als Kulisse für den ersten Teil seiner Serie um Hauptkommissar Jan Fabel, weil er seit jeher recht germanophil (bzw. „deutschophil“ das Wort gibt es offenbar wirklich; ich habe es auf Russells Website entdeckt) veranlagt ist, wobei sein besonderes Interesse der deutschen Sprache und Geschichte gilt. Als alte Hafenstadt ist Hamburg darüber hinaus politisch, wirtschaftlich und kulturell eng mit der ganzen Welt verbunden, was sie zum internationalen Schauplatz aufwertet.

2009 begann Russell eine zweite Serie um den schottischen Privatdetektiv Lennox, der im Glasgow der 1950er Jahre ermittelt. Auch diese Romane waren erfolgreich, die Serie wird fortgesetzt.

Website

Taschenbuch: 412 Seiten
Originaltitel: Blood Eagle (London : Hutchinson 2005)
Übersetzung: Bernd Rullkötter
http://www.luebbe.de

eBook: 861 KB
ISBN-13: 978-3-8387-2632-8
http://www.luebbe.de

Hörbuch/Audio-Download (gekürzt): 412 min., gesprochen von David Nathan
ISBN: 978-3-8387-6436-8
http://www.luebbe.de

Hörbuch/Audio-Download (ungekürzt): 888 min., gesprochen von David Nathan
ISBN: 978-3-7857-3586-2
http://www.luebbe.de

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