S. L. Huang – Nullsummenspiel. SF-Thriller

Als Mathegenie zur Superheldin

Cas Russell ist eine Wiederbeschafferin. Diesmal hat sie den Auftrag, die Schwester ihrer Auftraggeberin Dawna Polk, die scheinbar naive Courtney, zurückzuholen – aus den Fängen eines Drogenkartells. Cas‘ besondere Fähigkeit: Sie nimmt ihre Umgebung als Gleichungen und Vektoren wahr und ist so scheinbar schneller als eine Kugel.

Als sie den Weg des Privatdetektivs Arthur Tresting kreuzt, behauptet dieser, Courtney sei eine Serienmörderin – und dass es eine Dawna Polk überhaupt nicht gebe. Widerwillig muss Cas einsehen, dass ihr eigenes wunderbares Gehirn von einer unbekannten Macht manipuliert worden sein muss. Steckt diese hinter dem Codenamen „Pithica“, den sich irgendein US-Geheimdienst ausgedacht hat und der bislang jedem Schnüffler zum Verhängnis geworden ist? Cas ahnt nicht, dass sie an den Fäden des „Puppenspielers“ tanzt…

Die Autorin

S. L. Huang ist Hollywood-Stuntfrau und Schusswaffen-Expertin, die u.a. in „Battlestar Galactica“ und „Raising Hope“ mitgewirkt hat. Ihren MIT-Abschluss (MIT: Massachusetts Institute of Technology) rechtfertigt sie damit, durch ihn exzentrisch-mathematische Superhelden-Romane schreiben zu können. „Nullsummenspiel“ ist ihr Debüt. Derzeit lebt die Autorin in Tokio. (Verlagsinfo)

Handlung

Cas Russell ist eine professionelle Wiederbeschafferin. Diesmal hat sie den telefonischen Auftrag einer gewissen Dawna Polk aus L.A. angenommen, ihre kleine Schwester Courtney zu befreien. Der Grund, warum Cas den Auftrag angenommen hat, ist der, dass sich Dawna auf Cas‘ einzigen Freund, den mysteriösen Auftragskiller Rio, berufen hat. Und der steckt nun mit Cas im gleichen Raum, in dem sich zahlreiche Bewaffnete eines Drogenkartells befinden. Cass ist an einen Stuhl gefesselt und kurz davor, gefoltert zu werden.

Während sich die wiedergefundene Courtney in sicherer Entfernung befindet, muss sich Cas anstrengen, mithilfe ihrer einzigartigen Fähigkeit lebend aus dieser misslichen Lage herauszukommen. Diese Fähigkeit besteht darin, ihre Umgebung als eine Sammlung aus Gleichungen und Vektoren wahrzunehmen. Cas ist ein Mathegenie, aber eines von der gewalttätigen Sorte. Sie verwandelt Alltagsgegenstände in tödliche Waffen. Ihr ebenfalls anwesender Kollege Rio, der auf seine Undercover-Tarnung verzichtet, hilft ihr aus der Patsche – und trennt sich sofort von ihr. Zusammen mit der ängstlichen Courtney flüchtet Cas nordwärts Richtung L.A.

Das Netz

Dennoch erwischt ein Privatdetektiv namens Arthur Tresting die beiden in einem frisch angemieteten Motelzimmer irgendwo auf halber Strecke. Wie hat er sie nur orten können, fragt sich Cas – und geht sofort zum Angriff über. Er hat sie nach „Pithica“ gefragt, aber der Name sagt Cas nichts. Kaum hat sie ihn entwaffnet, düst sie mit einem geklauten Wagen ab.

Was ist Pithica? Ihr „Computertyp“ ist der dicke Anton, der mit seiner zwölfjährigen Tochter Penny eine verdeckte Ermittlerei betreibt, stößt nur auf Regierungsakten, die Pithica als Geheimprojekt bezeichnen. Wenige Stunden später fliegt sein Büro in die Luft. Ist es ein Zufall, dass ein paar Regierungsagenten kurz zuvor Courtneys Häuschen auseinandergenommen haben, fragt sich Cas. Was haben sie dort gesucht? Allmählich werden das ein paar Zufälle zuviel. Merkwürdig auch, dass Rio noch nie von einer Dawna Polk gehört haben will.

Attacke

Kaum hat sie Courtney in einem ihrer sicheren Häuser ins Land der Träume geschickt, trifft sie sich mit der angeblichen „Dawna Polk“. Diese wohlhabende Zicke spielt das heulende Elend so überzeugend, dass sich Cas dazu verleiten lässt, ihr ihren nächsten Aufenthaltsort zu verraten: Camarito. Später wundert sie sich, wie Dawna sie dazu bringen konnte. Mit einem geklauten Motorrad düst sie um Mitternacht dorthin, doch sie erlebt eine böse Überraschung. Eine Biker-Gang, die plötzlich auftaucht, hat es darauf abgesehen, sie und Arthur Tresting auszulöschen. Zum Glück erweisen sie sich beide als bessere Schützen als die Biker.

Es fällt Cas nicht ein, sich für die Schützenhilfe zu bedanken. Aber Tresting weiß einiges mehr über „Pithica“, denn er hat seinen eigenen „Computertypen“ an der Hand, den genialen Checker. Tresting berichtet von einem herausragenden Journalisten, der angeblich Selbstmord beging, nachdem er eine Serie ungewöhnlicher Ereignisse untersucht hatte. Dessen Witwe Leena hat Tresting angeheuert.

Verschwindibus

Mit Rio will der Privatdetektiv nichts zu tun haben, doch Rio ist es, der Cas mit der Nase darauf stößt, dass an diesem „Auftrag“ einfach gar nichts stimmt. Weder hat er eine Dawna Polk angerufen, noch gibt es eine Frau dieses Namens überhaupt. Bei einem Ausraster beleidigt Cas ihren einzigen Freund aufs Schlimmste, was ihr anschließend sowohl unerklärlich als auch extrem peinlich ist. Was ist nur los mit ihr? Sie hat Kopfschmerzen und hört Stimmen in ihrem Hinterkopf.

Aber Rio sind Gefühle fremd, so etwas wie Empathie kennt er nicht. Diese Lücke hat er durch das Wort Gottes ersetzt, das für ihn Gesetz ist. Wie zum Beweis, dass er mit seinem Verdacht recht hat, ist Courtney, obwohl mit Handschellen angekettet, spurlos aus Cas‘ Wohnung verschwunden. Doch sie hat einen Minisender geschluckt, anhand dessen Rio und Tresting sie verfolgen können. Während Rio nach „Dawna Polk“ sucht, trifft sich Cas mit Tresting und Checker.

Der Computertyp, der per Videochat zugeschaltet ist, erweist sich als wirklich gut, doch er wird bleich, als er melden muss: Courtneys Signal ist vom Radarschirm verschwunden. Und ihre Privatmaschine scheint Richtung Kolumbien unterwegs gewesen zu sein…

Entdeckung

OK, zurück zu Plan B: Wo Courtney weg ist, muss Dawna noch zu finden sein. Die Lady mit den bemerkenswerten Fähigkeiten hinsichtlich Hypnose – oder war’s doch Gedankenlesen? – arbeitet in einem Bürogebäude in Downtown L.A. Als Cas und Arthur im angegebenen Stockwerk aus dem Lift steigen, ist kein Mensch zu sehen. Unheimliche Stille herrscht. Als sie das erste Großraumbüro und den angrenzenden Besprechungsraum betreten, wird ihnen klar, warum es so still ist: Es ist die Stille des Todes. An allen Wänden finden sich Spuren von Blut. Viel Blut…

Mein Eindruck

Die Story fängt an wie ein x-beliebiger Klon von Raymond Chandlers Noir-Krimis. Das Figurenensemble wird genau gezeichnet, was zu den ersten hochgezogenen Augenbrauen führen dürfte. Die Hauptfigur Cas Russell ist aufgrund ihrer mathematischen Fähigkeiten so etwas wie eine Superheldin. Das ist heutzutage nichts Neues, denn sogar Terry Goodkind hat mit der Heldin seines Thrillers „The Girl in the Moon“ eine Superheldin geschaffen, die den Kerlen zeigt, wo der Hammer hängt. Sie kann mit einem Extra-Sinn lesen, wen ein Mörder getötet hat und wo er die Leiche versteckt hat.

Superheldin

Nun also Mathe – eine Fähigkeit, die jeden Bildungsminister in Entzücken versetzen dürfte. Sie führt ein paar hübsche Kabinettstückchen vor, um beispielsweise die Regierungsagenten in Courtneys Haus ohne Mikro abhören zu können. Und sie kennt sich mit Knarren aus. Ihre vernichtende Ansicht über Glocks, die Dienstwaffen der Polizei, dürfte Lee Child, der sich in seinen Jack-Reacher-Romanen ebenfalls als Waffenkenner profiliert hat, nicht gerade freuen: Nach zwei, drei Schüssen klemmt die sauteure Glock nämlich – ein strategischer Nachteil, der über Leben und Tod entscheiden kann.

Superschurkin

Nun trifft Cas, unsere Superheldin, auf Dawna Polk, die nichts anderes als eine Superschurkin ist. Cas hat bereits am eigenen Leib erfahren, wozu diese Dawna fähig ist: Sie kann Gedanken lesen. Als wäre das nicht schon schlimm genug: Dawna kann einem auch einreden, was man denken und fühlen soll. Sie dreht Menschen um und macht sie zu ihren Sklaven. Selbst eine mentale Mauer aus mathematischen Aufgaben, die Cas gegen diesen Einfluss errichtet, kann sie nicht vollständig schützen. Der einzige, der gegen die Gedankenkontrolle immun ist, scheint Rio zu sein. Und das soll sich als entscheidender Faktor erweisen.

Die dunkle Macht

Dawna Polk rekrutiert Menschen für ihre Organisation Pithica. Dieses Netzwerk hat bereits Regierungsbehörden unterwandert und errichtet allmählich eine auf Gedankenkontrolle basierende Herrschaft. Auf die harte Tour findet Cas heraus, dass Pithica nicht davor zurückschreckt, jedes notwendige Opfer zu bringen, das nötig ist, um die eigene Struktur verborgen zu halten. Dazu gehört auch das Eliminieren von lästigen zeugen. Cas hat Glück: Sie darf am Leben bleiben, nicht bloß wegen ihrer besonderen Fähigkeit, sondern weil sie als Köder dienen soll, um Rio einzufangen. Ob Cas diesen fiesen Plan durchkreuzen kann, darf hier nicht verraten werden…

Action mit Grips

Keine der zahlreichen Actionszenen dient dem Selbstzweck, sondern enthält stets auch eine Lektion für Cas und ihre ungleichen Mitstreiter Rio, Tresting und Checker. So wird etwa durch den Angriff der Biker klar, dass Cas verraten worden ist – von sich selbst. Sie kann sich selbst nicht mehr trauen, nachdem Dawna sie manipuliert hat. Sie wiederum muss Tresting genau beobachten, der von Dawna umgepolt worden ist. Unversehens kann aus einem Freund – naja, einem Kollegen – ein Feind werden. Dieser Faktor X macht die Handlung spannend und unvorhersehbar. Zwei wichtige Voraussetzungen für einen guten SF-Thriller.

Wo, bitte, geht’s hier zur SF?

Apropos: Der Gehalt an Science Fiction-Inventar und -Motiven hält sich sehr in Grenzen. Hier tauchen keine aufgerüsteten Cyborgs mit Biochips im Hirn auf. Superkräfte können ganz natürlichen Ursprungs sein – mit ein wenig Nachhilfe von finsteren Organisationen. Pithica ist so eine Organisation. Das der SF noch am nächsten kommende ist ein EMP-Schlag, also ein elektromagnetischer Puls, wie er mit einer Nuklearwaffe erzeugt werden kann. Der EMP, der über L.A. gezündet wird, erweist sich als sehr folgenreich, doch alte Autos, die nicht auf Elektronik angewiesen sind, fahren noch. Der Effekt ist der für gute SF charakteristische V-Effekt: Ein Wandel ist über die Welt gekommen, und der Mensch berappelt sich, ihn zu begreifen. Cas berappelt sich ungewöhnlich schnell – und hat sogar schon einen Plan C in ihrer Wundertüte. Er hat nur einen Haken: Er wird ihren Freunden nicht im geringsten gefallen…

Die Übersetzung

Der Text liest sich flott und ist in der aktuellen Umgangssprache abgefasst. Das bedeutet, dass auch eine Menge ironischer Humor zum Ausdruck kommt.

S. 77: Ein kleines, aber wichtiges Wort fehlt. „Wahrscheinlich hätten sie [ihn] gar nicht umbringen müssen…“ Damit ist der Journalist gemeint, der sich angeblich umgebracht hat.

S. 134: Fehlendes Wort. „Sie haben die einen verhört, während sie [die] anderen gefoltert und getötet haben.“ Das Wörtchen „die“ fehlt.

S. 183: „Ein Wanderer kreischte.“ Der Bezug von „Wanderer“ ist völlig unklar. Aber in jedem Thriller oder Western taucht an dieser spannenden, unheilvollen Stelle der Schrei eines Bussards auf (ein Sample). Das ist hier wohl gemeint.

S. 268: “ dass Sie es um jeden Preis schützen muss.“ Das S in Sie sollte klein geschrieben werden.

Unterm Strich

Ich habe diesen flotten Thriller in nur wenigen Tagen gelesen. Die Handlung um Superheldin und Superschurkin ist spannend und wenig vorhersehbar, selbst für den gewieften SF-Kenner. Wissenschaftliche Kenntnisse sind kaum erforderlich, bis auf den erwähnten EMP-Schlag, der glatt einem „Terminator“-Film entstammen könnte. Hingegen ist es empfehlenswerten, sich mit moderner Computertechnik auszukennen. Dazu gibt es keinerlei Fußnoten. Sich mit höherer Mathematik auszukennen, kann nicht schaden, ist aber kein Must-have. Wer vorher noch nie von Riemann, Gödel und Fourier gehört hat, wird auch nach der Lektüre bestens schlafen können.

Der Titel bezieht sich auf die Spieltheorie, die ein gewisser Nash, seines Zeichens Nobelpreisträger, ausgetüftelt hat. Das Nullsummenspiel bedeutet, dass, wenn eine Seite geschlagen ist, es keinen Nutzen durch die siegende Partei geben wird, ganz im Gegenteil. Konkret bedeutet das: Selbst wenn es Cas & Co. gelänge, Pithica durch Offenlegung ihrer illegalen Geldquellen bloßzustellen und teilweise lahmzulegen, so wäre nichts gewonnen. Denn die Inhaber dieser illegalen Geldquellen, mafiöse Banden und Kartelle, würden dadurch an Macht zurückgewinnen, was ihnen Pithica zeitweilig raubte. Auch keine wünschenswerte Perspektive. Plan B lautet also: einen Waffenstillstand abschließen. Aber um welchen Preis?

Dieser SF-Thriller demonstriert also nicht nur eine doppelbödige Handlung mit Grips, sondern auch eine Heldin, die sich selbst nicht trauen kann. Doch Cas muss sich weiterentwickeln, und das geht nur, indem sie Vertrauen schenkt und Vertrauen annimmt. So machen Freunde das eben. Aber es fällt ihr echt schwer.

Schwächen

Die einzige Schwäche, die ich in der Handlung fand, ist die nicht ganz schlüssige bzw. abgeschlossene Reise in Cas‘ psychische Vergangenheit. Hat ihr Dawna einen Gedankenvirus eingepflanzt? Nein, sie hat Cas gezwungen, diejenige Wahrheit über sich selbst herauszufinden, der sie sich immer verweigert hat. Die Rückblende ist, wie gesagt, eher assoziativ als eindeutig geschildert, und das fand ich in dieser Länge etwas frustrierend. Auch das fehlende Wort und den bezuglosen Satz führen zu Punktabzug.

Taschenbuch: 431 Seiten
Originaltitel: Zero Sum Game, 2018
Aus dem Englischen von Stefanie Adam und Kristof Kurz.
ISBN-13: 9783453320000

www.heyne.de

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