Sanderson, Brandon – Elantris

Eines Morgens erwacht Prinz Raoden von Arelon und stellt entsetzt fest, dass die Shaod ihn ereilt hat, die Verwandlung zum Elantrier. Noch vor zehn Jahren hätte ihn diese Verwandlung zu einem gottähnlichen, magischen Wesen gemacht. Doch heute, nach der Reod, die der strahlenden, magischen Stadt Elantris und ihren Bewohnern den Untergang brachte, bedeutet die Shaod ewige Verbannung ins Innere von Elantris‘ verrottenden Mauern. Doch Resignation liegt Prinz Raoden nicht …

Als Sarene, die Tochter des teoischen Königs und Raodens Braut, in Arelon eintrifft, wird ihr zu ihrer Überraschung mitgeteilt, dass Raoden verstorben sei. Dennoch beschließt Sarene zu bleiben. Zum einen verbieten ihr die Klauseln des Ehevertrages, einen anderen Mann als Raoden zu heiraten, zum anderen will sie das Bündnis zwischen Teod und Arelon nicht gefährden. Nur gemeinsam sind die beiden Länder in der Lage, sich gegen die wachsende Bedrohung aus Fjorden zu behaupten.

So kommt es, dass der hochrangige Priester namens Hrathen, der eben erst aus Fjorden eingetroffen ist, um die Arelenen zu bekehren, auf außergewöhnlich hartnäckigen Widerstand stößt. Es dauert allerdings nicht lange, da macht das Verhalten eines jungen Priesters namens Dilaf ihm weit mehr Sorgen als die Rückschläge im politischen Duell mit der teoischen Prinzessin …

Hrathen ist ein ziemlich leidenschaftsloser Mensch mit einem von Logik und Vernunft bestimmten Naturell. Seinem Gott bringt er weder Liebe noch Verehrung entgegen, er dient ihm, weil sein Verstand ihm sagt, dass die Religion des Shu-Dereth aufgrund ihrer Struktur die überlegene ist, zumindest in weltlicher Hinsicht. Die spirituelle Seite ist für den trockenen Denker zweitrangig. Kein Wunder, dass er seine Anhänger weniger durch seine Predigten gewinnt als durch sachliche und teilweise höchst handgreifliche Argumente, sprich: Bestechung und Erpressung. Zwar widersprechen diese Methoden den Lehren seiner Religion, doch diese Widersprüche argumentiert er geschickt weg. So lange, bis sich herausstellt, dass seine Maßnahmen nicht ausreichen.

Dilaf ist das genaue Gegenteil von Hrathen. Nur mit Mühe hält er seine Emotionen im Zaum, die fast ausschließlich aus fanatischem Hass gegen die Elantrier bestehen. Schon bald ist klar, dass ein so unversöhnlicher, gnadenloser Hass nicht allein aus religiösen Motiven entstanden sein kann. Und auch, dass er sich nicht allein durch Hrathens Befehle in Schach halten lässt. Obwohl Dilaf sich niemals offen widersetzt, kocht er sein eigenes Süppchen. Der Mann, den Hrathen ursprünglich für ein nützliches Werkzeug hielt, entpuppt sich als unbeherrschbar, und das in mehr als einer Hinsicht.

Sarene entspricht einem Frauentypus, der momentan äußerst beliebt ist: Sie ist intelligent, stark, selbstbewusst, politisch geschickt, und das alles in einer von Männern dominierten Gesellschaft, die diese Eigenschaften bei Frauen nur mäßig schätzt. Raodens Vater König Iadon nimmt sie nicht ernst, was er bald bereuen wird. Immerhin kann Sarene die Unterstützung von Raodens früherem Freundeskreis gewinnen und damit einige von Hrathens Maßnahmen durchkreuzen, was ihr den widerstrebenden Respekt des Priesters einbringt.

Raoden bekommt von all dem zunächst nichts mit. Er ist damit beschäftigt, seine Situation zu verbessern, und nicht nur seine. Raoden kann hervorragend mit Menschen umgehen, er ist verantwortungsbewusst, hartnäckig und ein unverwüstlicher Optimist. Nicht nur, dass er bestrebt ist, aus Elantris‘ Elend so viel Gutes wie möglich herauszuschlagen, er will auch unbedingt hinter das Geheimnis des AonDor, der elantrischen Magie kommen. Trotz der Skepsis seines Freundes Galladon ist Raoden überzeugt, dass in dem Geheimnis um Elantris‘ Untergang der Schlüssel zu ihrer aller Rettung liegt.

Sandersons Charakterzeichnung ist eine recht gemischte Angelegenheit. Die Personen sind zwar stellenweise durchaus detailliert dargestellt, haben Gedanken und Gefühle, diese bleiben aber doch noch zu sehr am Rande, um für eine wirklich tiefgründige Darstellung auszureichen. Auch haben Raoden und Sarene einen gewissen Hang zum Klischee: Raoden ist zu sehr der perfekte Prinz, und auch Sarene besitzt einfach zu wenig eigene Charakteristika, um aus dem Gros der emanzipierten Protagonistinnen herauszustechen. Dilaf ist allein deshalb ungewöhnlich, weil mir seine am Ende aufgedeckte Vorgeschichte nicht ganz stimmig schien: Ein Gefühl wie Liebe passt irgendwie nicht zu jemandem, der Dinge tut, wie dieser Mann sie getan hat. Gelungen fand ich dagegen die Darstellung Hrathens, der durch Dilaf immer mehr in Bedrängnis gerät und letztlich in einen Gewissenskonflikt stürzt, aus dem er sich nur mit Mühe befreien kann.

Nicht ganz so durchwachsen ist die Handlung geraten. Anfangs zieht sie sich etwas, Sanderson lässt sich viel Zeit mit der Einführung seiner Personen und Situationen. Auch sind die ersten kleinen Geplänkel zwischen Sarene und Hrathen noch nicht gerade weltbewegend. Erst als Raoden sich dem Studium des AonDor zuwendet und Sarene ihre Witwenprüfung ablegt, kommt allmählich Schwung in die Geschichte. Wirklich interessant wird es, als Sarene herausfindet, was es mit König Iadons Geheimgang auf sich hat. Ab diesem Zeitpunkt wartet der Autor immer wieder mit gelegentlichen Haken auf, die den Ereignissen eine neue Wendung geben, sowie mit diversen Andeutungen, die dem Leser einige unangenehme Ahnungen bescheren. Zugleich zieht das Erzähltempo spürbar an. All das führt dazu, dass sich der Spannungsbogen im letzten Drittel massiv strafft.

Abgesehen vom Spannungsbogen bietet die Geschichte auch einen gelungenen Handlungshintergrund. Die Aonen und ihre Verbindung zu Arelon fand ich eine interessante Idee. Auch wenn der Autor nur so weit ins Detail gegangen ist, wie es für die logischen Zusammenhänge der Ereignisse notwendig war, bildete die Knobelei, diese wenigen Dinge herauszufinden, eine angenehme Abwechslung zu den politischen Ränken außerhalb Elantris. Weitere Aspekte aus der „Umgebung“ – die Nachbarländer, die jeskerische Religion, ja selbst die eigentliche Religion der Arelenen, der Shu-Kareth – werden nur oberflächlich gestreift. Einerseits schade, andererseits nicht wirklich wichtig, und eine detaillierte Ausarbeitung all dieser Aspekte hätte auf jeden Fall den Rahmen des ohnehin schon knapp neunhundert Seiten dicken Romans gesprengt.

Umso erstaunlicher, dass es keine Fortsetzung gibt. Wie gesagt, Potenzial für eine weitere Ausarbeitung der Welt wäre vorhanden, und Sanderson selbst deutet mit den Überlegungen, die er Raoden am Ende des Buches in den Kopf setzt, durchaus in diese Richtung. Zudem ist eigentlich nicht anzunehmen, dass ein Mann mit so absolutem Herrschaftsanspruch wie der Wyrn von Fjorden diesen aufgibt, nur weil er ein paar Mönche verloren hat. So kommt es, dass die Geschichte letztlich fast ein wenig unfertig wirkt. Vielleicht gewöhnt man sich aber auch einfach nur daran, dass so viele Autoren beim Schreiben einer Geschichte einfach kein Ende finden.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen. Zwar war die Einlesephase etwas lang, und die Charaktere sowie der Entwurf der Welt blieben zugunsten der Handlung ein wenig auf der Strecke, letztlich aber entwickelte sich aus dem Schlagabtausch zwischen Hrathen und Sarene, Raodens Detektivarbeit in Elantris und dem zunehmenden Druck durch Dilaf ein interessanter und zunehmend spannender Roman mit rasantem Ende.

Das Lektorat war ausnehmend gut. Schade fand ich nur, dass der Kartenausschnitt so klein geraten ist. Ohne den ovalen Rahmen wären einige Dinge bezüglich des AonDor vielleicht leichter nachzuvollziehen gewesen. Dem Verständnis der Inhalte hat es aber nicht geschadet.

Brandon Sanderson gehört zu denjenigen, die bereits als Kinder phantastische Geschichten schrieben. Sein Debütroman „Elantris“ erschien 2005, seither hat er drei weitere Romane geschrieben. „The final Empire“ und „The Well of Ascension“ sind Teile seiner Trilogie Mistborn, sein neuestes Buch „Alcatraz versus the Evil Librarians“ ist ein Jugendbuch und erscheint jetzt im Herbst auf Englisch. Außerdem arbeitet der Autor an zwei weiteren Serien, Warbraker und Dragonsteel. Er lebt mit seiner Frau in Provo, Utah.

Originaltitel: Elantris
Übersetzt von Ute Brammertz
 Paperback, 896 Seiten, 13,5 x 20,6 cm
http://www.brandonsanderson.com
http://www.heyne.de

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