Sarah Lovett – Der Kreis der Hölle

Das geschieht:

John Freeman Dantes, Moralist mit Doktortitel, platziert dort, wo es seiner Meinung nach besonders sündig zugeht, kunstvoll konstruierte Höllenmaschinen. Deren Explosionen sichern ihm die Aufmerksamkeit der Medien, die sich willig für seinen ‚Kreuzzug‘ instrumentalisieren lassen. Seine letzte Bombe, die eine Lehrerin und ihren Schüler tötete, wurde ihm zum Verhängnis.

Dantes sitzt jetzt lebenslänglich und wird in der Isolationshaft, mit der ihn die Staatsgewalt doppelt straft, allmählich endgültig irre. Die Verantwortung für seine letzte Untat hat er immer geleugnet. Fatalerweise könnte er Recht haben: Ein bisher unbekannter Komplize, der sich „M“ nennt, kündigt an, das Werk seines „Meisters“ fortzusetzen. Er beginnt umgehend damit, Bomben von nie gesehener Perfektion und Sprengkraft in Los Angeles auszulegen. Man erkennt sie an Ms Unterschrift: Er zitiert aus den „Inferno“-Gesängen der „Göttlichen Komödie“, dem Hauptwerk des mittelalterlichen Dichters Dante (!) Alighieri, der die neun Kreise der Hölle beschreibt.

Der Schlüssel zu M ist ausgerechnet Dantes, und der will nicht bzw. nur mit einer bestimmten Frau reden: Dr. Sylvia Strange ist eine renommierte Psychologin, die seelisch selbst aus dem Lot ist. Belauert vom misstrauischen FBI, verwickelt Dante sein angeschlagenes Gegenüber in ein perfides Katz-und-Maus-Spiel um Macht und Manipulation. Während in der Stadt weitere Anschläge neue Opfer fordern, kommt Strange ein Verdacht: Könnte es sein, dass sich die Attacken weniger gegen das Establishment als gegen Dantes richten, mit dem M womöglich noch eine Rechnung offen hat? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn Dantes Geist verwirrt sich zusehends und droht dort verborgenen Informationen zu zerstreuen. Außerdem lauert im Hintergrund M, der eine Steigerung des Terrors ankündigt, sollten die Behörden Dantes aus seinem ‚Spiel‘ nehmen …

Ein Krimi – irgendwie

Die Inhaltsangabe macht es bereits mehr als deutlich: Hier wird uns ein Thriller von der Stange vorgesetzt. Er ist gut recherchiert; der Arbeitsalltag der Polizei, des FBI und diverser Spezialeinheiten, ihre Vorgehensweisen, ihr Slang, ihre Kooperationen und Kompetenzrangeleien werden schlüssig dargelegt und in die Handlung integriert. In diesen Passagen bereitet die Lektüre durchaus Vergnügen. (Keine Sorge übrigens: Die von der Autorin enthüllten Rezepte zum Brauen einer Bombe wurden literarisch ‚verfremdet‘; es ist ja allgemein bekannt, dass irre Attentäter darauf angewiesen sind, aus Thrillern ihr Handwerk zu lernen …)

Aber wir lesen hier ja kein kriminalistisches Sachbuch. In den liebevoll aufgebauten Kulissen sollte sich Spannendes abspielen. In dieser Beziehung scheint die Autorin freilich beim Schreiben den Autopiloten eingeschaltet zu haben. Die Handlungsmaschine hält unbeirrbar ihren Kurs; sie startet pünktlich, zwischenlandet an vielen interessanten Orten, trödelt nicht und kommt mit ordentlichem Getöse am Zielflughafen an. Leider kennen wir den Fahrplan ein bisschen zu gut. Bei wie vielen Psycho-Pokerspielen zwischen dämonisch-überlebensgroßen Verbrechergenies und nicht minder schlauen, aber durch das Gesetz, neidische Kollegen plus diverse private Nackenschläge gehandicapten Ermittlern haben wir dank Dr. Lecter und Agent Starling in den letzten Jahrzehnten kiebitzen können – oder müssen?

Es reicht nicht mehr, sich bewährter Spannungselemente zu bedienen. Sie sind längst zum Klischee verkommen. Das wissen natürlich auch Lovett und ihre Kolleginnen und Kollegen, die es nichtsdestotrotz unverdrossen versuchen. Dabei lassen sich zwei Wege beschreiten, den flüchtigen Fisch (= den Leser) zu fangen. Nr. 1 – mehr Morde, scheußlichere Details – erspart Lovett sich und uns. Sie wählt Variante 2, die indessen nicht wirklich besser ist, und setzt neben solider Action auf Zwischen- und allzu Menschliches, das unter ihrer Feder jedoch zur Seifenoper gerinnt.

Nerven und Herzen flattern

So steht Sylvia Strange (Lovett liebt sprechende Namen!) eigentlich mit mindestens einem Bein in der Nervenheilanstalt, noch bevor sie M hinterherjagt. Sie muss nach Lovetts Willen einerseits die moderne Powerfrau verkörpern, weshalb sie intelligent, arbeitswütig und erfolgreich ist sowie ein Gettokind adoptiert hat. Daheim wartet der ideale Lebenspartner.

Das ist dramaturgisch langweilig, deshalb geht Lovett sogleich daran, Stranges heile Welt in kleine Stücke zu schlagen. Also: Sylvias letzte Patientin hat sich umgebracht, was ihr ein schlechtes Gewissen, Albträume und beruflichen Ärger beschert. Sie raucht zu viel. (In den USA ist die Zigarette zum Symbol für seelische Nöte und/oder Verruchtheit geworden.) Für die Polizei und das FBI arbeiten nur Machos (Frauen inklusive), die sie nicht verstehen wollen oder können und ihr auf jeden Fall das Leben zur Hölle machen.

Resultat: Von äußeren Zwängen und inneren Dämonen gehetzt, klappert Sylvia Strange auf hohen Hacken durch das bombenverseuchte Los Angeles: Als tüchtig gilt nicht nur in den USA derjenige (männliche oder weibliche) Zeitgenosse, der permanent am Rande des Hirnschlags balanciert. Wie es Sylvia als Bündel aus Stress und Hysterie gelingt, stets pünktlich am Ort wichtiger Ereignisse zu sein, bleibt rätselhaft.

Munkelmann mit Murmelhirn

Der letzte Nagel zu ihrem Sarg ist John Dantes, der angeblich hypnotische Bösewicht. Tatsächlich ist Lovett hier (aber wohl unfreiwillig) ein sehr realistischer Schurke geglückt: Dantes ist ein Spinner, den seine Intelligenz und Ausbildung dazu befähigen, die Welt mit hohlen Phrasen und hehren Nichtigkeiten zu beeindrucken (welche Lovett zu jedem Kapitelanfang ausgiebig zitiert). Das soll ihn zum dramatischen Mittelpunkt dieses Romans machen: stets präsent, auch wenn gerade nicht handelnd. Stattdessen nervt dieser Dantes mächtig, wenn er seine dumpfen Tiraden gegen die verdorbene Welt schwingt und sich in schwer verständlichen, nur vordergründig eindrucksvollen Andeutungen über das hoch komplexe Strafgericht ergeht, das er und M über die Sünder bringen wollen.

Dantes erinnert fatal an die Dummschwätzer à la „Matrix“, die ein Nichts an Bedeutung in ein Maximum an bedeutungsschwangerer Schwafelei packen. Natürlich muss man Lovett zugestehen, dass die Wahrheit – Bombenleger sind hinterhältig, geisteskrank und alles andere als charismatisch – in einem Roman, der nur der reinen Unterhaltung geschuldet ist, womöglich keine Leser (oder potenzielle Verfilmer) lockt.

Recht flach ist aus identischen Gründen deshalb trotz seiner 250 Pfund Lebendgewicht Hauptfigur Nr. 3 geraten. Professor Edmond Sweetheart ist eiskalte Denkmaschine und Praktiker gleichzeitig. Beides versucht Lovett mit viel Brimborium zu inszenieren. Sweetheart meditiert in seinem perfekt gestylten japanischen Garten, während er per Hightech nach M fahndet. Er ist Dantes schlimmster Feind und blind in seinem Hass, sodass er seine überragenden Fähigkeiten falsch einsetzt. Das gibt Lovett die Gelegenheit, Sylvia Strange publikumswirksam in die entstehende Lücke springen zu lassen. So plant es die Verfasserin jedenfalls; geschaffen hat sie nur einen weiteren Pappkameraden, der gerade so lange zusammenhält, bis diese Geschichte ihr seichtes Finalufer erreicht hat.

Autorin

Sarah Lovett ist Jahrgang 1953. Wie so viele heute erfolgreiche Thriller-Autoren kommt sie aus der (schlecht bezahlten) Praxis: Lovett besitzt einen Abschluss in Kriminalrecht und arbeitete lange als Ermittlerin für die Staatsanwaltschaft des US-Staats New Mexico. (Gut im Lebenslauf machen sich außerdem exotische Zwischenstationen als Leiterin eines Theaters, als Jazz-Tänzerin, Barkeeperin, Tankstellenpächterin etc.) Auf den Erfahrungen, die sie im Laufe dieser Tätigkeit in diversen Strafanstalten machen konnte, basiert ihre Figur Dr. Sylvia Strange.

Nach „Dark Alchemy“, dem fünften und letzten Strange-Roman, legte Lovett eine zehnjährige Veröffentlichungspause ein, bevor sie ab 2013 der (spektakulär enttarnten) ehemaligen CIA-Agentin Valerie Plame Wilson bei deren Vanessa-Pierson-Serie ‚assistieren‘ durfte.

/www.sarahlovett.com

Taschenbuch: 447 Seiten
Originaltitel: Dantes’ Inferno (New York : Simon & Schuster 2001)
Übersetzung: Ellen Schlootz
http://www.randomhouse.de/goldmann

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