Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe

Das geschieht:

Auf einer parallelen Erde des 21. Jahrhunderts haben die Neandertaler* den Homo sapiens abgelöst. Ohne ihre Naturverbundenheit zu verlieren, konnten die einstigen Höhlenmenschen eine auf Wissenschaft und Hightech basierende Zivilisation entwickeln. Ponter Boddit und Adikor Huld gehören zu den führenden Physikern ihrer Welt. In der Stadt Saldak haben sie in einer ehemaligen Mine ein Labor eingerichtet. Hier arbeiten sie intensiv an der Konstruktion eines Quantencomputers.

Während eines Experiments geschieht das Unerwartete: Ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum tut sich auf, durch den Ponter Boddit in ein paralleles Universum geschleudert wird. Zeit und Ort blieben unverändert, doch diese Erde wird von den kahlhäutigen „Gliksins“ bevölkert. Neandertaler gibt es nicht mehr. Ponter ist in einem Neutrino-Observatorium gelandet, das in der Tiefe der Creighton-Mine nahe Sudbury in Kanada angelegt wurde. Sein Erscheinen ist eine Sensation.

Doch wie soll man sich mit dem seltsamen Gast verständigen? Beide Seiten sind guten Willens, doch die Differenzen sind erheblich. Zudem erhebt die ganze Welt Anspruch auf den Neandertaler. Vor allem die Medien jagen ihn. Damit ist Ponter überfordert. Professor Mary Vaughan, eine Paläontologin, Dr. Reuben Montego und die Physikerin Louise Benoît helfen ihm, schirmen ihn ab und sprechen ihm Mut zu. Louise glaubt zudem, dass sich der Riss zwischen den Welten von Ponters Seite erneut öffnen ließe.

Das denkt auch Adikor Huld und versucht es auch, doch zu seinem Pech gilt er als Mörder seines verschwundenen Kollegen. Man stellt ihn vor Gericht und verbietet ihm die Rückkehr ins Labor. Es bedarf einiger weiterer Rechtsverstöße, bis Adikor endlich wieder vor dem Quantencomputer steht und das waghalsige Experiment wiederholt …

Furcht & Faszination des Fremden

„Ein Mann in einer fremden Welt“ – Dies ist nicht nur der (deutsche) Titel eines der bekanntesten Werke von Robert A. Heinlein (1907-1988), sondern auch ein Lieblingsthema der Science-Fiction: Aus dem All, einer anderen Zeit oder eben aus einem Paralleluniversum kommt ein Fremdling auf unsere Erde. Ungewöhnlich ist vielleicht nicht einmal seine (oder ihre) Gestalt; fremd meint hier: unvertraut mit den menschlichen Sitten und Regeln.

Die Handlung resultiert aus dem gegenseitigen Kennenlernen, das stets mit Missverständnissen und Überraschungen einhergeht. Das beginnt in unserem Fall mit der spektakulären Zweckentfremdung einer Homo-Sapiens-Toilette durch Ponter Boddit und endet noch längst nicht mit den für viele Menschen schockierenden Entdeckungen, dass Neandertaler keine Religion kennen, freiwillig in einem Überwachungsstaat leben oder ein geschlechtsspezifisch undifferenziertes Zusammenleben pflegen (um es neutral auszudrücken).

Der Zusammenprall zweier Kulturen ist faszinierend, komisch und tragisch. „Die Neanderthal-Parallaxe“ benötigt deshalb keine Handlung, die ihre Protagonisten kreuz und quer durch Galaxien jagt. Das Geschehen ist beinahe gemächlich, die Zahl der Figuren bleibt beschränkt. Es gibt keine kosmischen Kriege, niemand stirbt, stattdessen erfolgt die Kontaktaufnahme friedlich, man führt ausgiebige Diskussionen politischen, gesellschaftlichen oder philosophischen Inhalts und tauscht ein bisschen Technobabbel aus.

Zwei Welten, zwei Historien

Trotzdem ist es spannend zu verfolgen, wie sich die Handlung auf zwei Ebenen bzw. Welten entwickelt, bis sie schließlich in ein gemeinsames Finale mündet. Das Ende der Geschichte ist offen und verrät dem fachkundigen Leser, dass eine Fortsetzung folgen wird. Ein wenig abrupt lösen sich alle Konflikte in Wohlgefallen auf, aber vielleicht ist man als Mensch der realen Gegenwart zu zynisch geworden: Wieso eigentlich kein Happy-End?

‚Unsere‘ Welt wirkt als Kulisse überzeugend, zumal Sawyer sie bzw. ihre Bewohner nur dort in die Handlung einbringt, wo sie relevant sind. Die unterschiedlichen Reaktionen auf Ponters Erscheinen leiten als Schlagzeilen und Kurzmeldungen viele Kapitel ein. Mehr Hirnschmalz investiert Sawyer in die Erde der Neandertaler. Hier hat er sich viele exotische Eigenheiten einfallen lassen. Höchst komplex und kein bisschen primitiv ist die ‚naturnahe‘ Lebensweise der wulstbrauigen Altmenschen. Klug eingestreute Details verleihen dem Überzeugungskraft und Farbe; Neandertaler verwenden beispielsweise keine Handtücher, sondern ziehen ihr Badewasser mit Stricken über den stark behaarten Hautpartien ab. Das erscheint logisch, und Sawyer geizt nicht mit ähnlichen Einfällen.

Für „Die Neanderthal-Parallaxe“ hat der Autor einigen Rechercheaufwand getrieben, dessen Ergebnisse uns in diversen Anhängen (die von Sawyers Website übernommen wurden) ausschnitthaft vorgestellt werden. Es folgt eine „Einführung in die Zeitmessung der Neanderthaler“. Wer sich über diesen Roman hinaus mit dem Thema Neandertaler beschäftigen möchte (und der englischen Sprache mächtig ist), kann eine ausführliche Liste weiterführender Literatur heranziehen.

Wie heute üblich hat es der Verfasser nicht bei einer Geschichte um die Abenteuer der parallelweltlichen Neandertaler belassen. „Humans“ (2003) handelt von den Schwierigkeiten, welche aus den unterschiedlichen Gesellschaftssystemen der beiden Menschenarten entstehen, nachdem das Tor zwischen den Universen stabilisiert werden konnte. „Hybrids“ (ebenfalls 2003) erzählt die Geschichte von Ponter und Mary, die inzwischen ein Paar geworden sind und Familienzuwachs planen.

Vor- und Nachteile

Wissenschaftler sind auch nur Menschen – diese Meinung vertritt sehr offensichtlich Verfasser Sawyer, der seine Geschichte fast durchweg in Forscherkreisen spielen lässt. Das Ergebnis überzeugt; weder entpuppen sich unsere Protagonisten als „mad scientists“ mit dem Drang zur Weltherrschaft, noch verwandeln sie sich ansatzlos in feuerwaffenbepackte Superlinge, die etwaigem Gezücht aus der Fremde Mores lehren. Stattdessen haben wir es mit friedlichen, manchmal überforderten, findigen Zeitgenossen zu tun, die ihrem schwierigen aber erfüllenden Job mit Eifer und Freude nachgehen. (Schon das ist in der globalisierten Gegenwart ein gutes Stück Science Fiction.)

Seine eigentlichen Hauptfiguren hebt Sawyer deutlicher hervor. Dies sind vor allem die Neandertaler. Ponter Boddit, Adikor Huld und ihre Mitbürger/innen spiegeln trotz Hightech-Zivilisation die Visionen grüner Homo-Sapiens-Stammesmitglieder wider, die da glauben, die ‚Unschuld‘ der Urzeit könne irgendwie in die menschliche Gegenwart übertragen werden: Technik im Einklang mit Mutter Natur. Sawyers Neandertaler haben das geschafft, doch lässt der Verfasser keinen Zweifel daran, dass dafür ein hoher Preis zu zahlen sein könnte: Das parallelweltliche Paradies gleicht einem Polizeistaat, der seine Bürger – oder Untertanen – rund um die Uhr überwacht. Das erscheint der Mehrheit gut und richtig, aber es gibt Andersdenkende wie zum Beispiel die Familienangehörigen überführter Verbrecher, die wie der Täter als genetisch ‚entartet‘ und damit potenziell gefährlich gelten und zwangssterilisiert werden.

Diesseits des Dimensionsrisses wird Mary Vaughan zur zentralen Menschenfigur. Just ist sie auf dem Campus ihrer Universität vergewaltigt worden. Die daraus resultierenden psychischen Probleme prägen ihr Denken und Handeln und damit diese Geschichte entscheidend mit. Dabei übertreibt es der Verfasser manchmal und verliert das eigentliche Geschehen aus den Augen. Dies wird nach und nach ohnehin das Hauptproblem dieses Romans: Sawyer neigt zum Predigen, lässt seine Figuren endlos über Ethik, Religion, Politik und andere Themen diskutieren. (Anmerkung: Gerät die Unterhaltung auf sexuell geprägte Themen, wird „nun ja, öh“ zur beliebtesten Einschubphrase der deutschen Übersetzung, bis man es wirklich nicht mehr lesen kann!)

* Der Titel lautet „Die Neanderthal-Parallaxe“, obwohl sich „Neandertaler“ nach der neuen Rechtschreibung ohne „h“ schreibt. Für rechtschreiberische (bzw. -haberische) Puristen gibt es eine Begründung, wieso der Autor trotzdem vom „Neanderthaler“ spricht.

Autor

Robert J. Sawyer pflegt eine etwas schwer zu findende, aber überaus inhaltsreiche, in Sachen Selbstvermarktung Maßstäbe setzende (kein Literaturpreis und keine Nominierung bleibt unerwähnt) Website. Dort gibt es u. a. gleich zwei autobiografische Abrisse, von denen der längere stolze 10.000 Worte umfasst! Dass der Verfasser gern und ausführlich über sich, sein Werk und eigentlich alles redet, belegt auch die Tatsache, dass Sawyer zu den Pionieren des Bloggings gehört. Seit 1999 führt er ein Online-Tagebuch, das ebenfalls eingesehen werden kann.

In Deutschland ist der Kanadier Sawyer erstaunlich unbekannt geblieben. Eher unbemerkt warf der Goldmann-Verlag 1997 „The Terminal Experiment“ (1995; „Die dritte Simulation“) auf den Markt. Da die großen Verlagshäusern heutzutage & hierzulande Risiken scheuen und lieber auf Bewährtes setzen, gibt es für die Sawyers dieser Welt zwischen Star Wars-/Star-Trek-/Battletech-/Endlos-Serien und öder Military-SF offenbar kaum noch Nischen. Der kleine, aber feine Festa-Verlag hat hier sicher keine Diamantnadel im Heuhaufen gefunden. Robert J. Sawyer ist ein Geschichtenerzähler, ein Entertainer, kein Visionär, doch seinen Job beherrscht er gut genug, dass man gern mehr von ihm lesen möchte!

Auf die Fortsetzung der „Neanderthal-Parallaxe“ darf man dabei nicht hoffen. Mit der Einstellung der Serie „Festa SF“ wurden auch die bereits angekündigten Titel ersatzlos gestrichen.

Taschenbuch: 396 Seiten
Originaltitel: Hominids: Volume One of the Neanderthal Parallax (New York : Tor Books 2002)
Übersetzung: Alfons Winkelmann
http://www.festa-verlag.de

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