Libor Schaffer – Tod am Galgen

Der Odenwald – das klingt nach einer behaglichen Gegend, in der sich Fuchs und Gans noch gute Nacht sagen. Doch der Odenwald ist neben den beschaulichen Landschaften und den vielen schönen Burgen auch der Ort, an dem Privatdetektiv Tobias Bloch seine Kriminalfälle löst. Dieses Mal beschäftigt ihn ein Mordfall am berühmten Beerfeldener Galgen. An diesem Galgen nämlich hängt eines schönen Morgens eine tote Frau, deren langer Rock an den Knöcheln zusammen gebunden ist, damit ihr auch niemand darunter schauen kann. Denn im Odenwald – da herrschen noch Zucht und Ordnung!

Bei der Toten handelt es sich um Charlotte Unger, eine Verhaltensforscherin, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Leo das Odenwälder Institut für Ethologie geleitet hat. Doch nun ist sie grausam ermordet worden, denn die Fallhöhe war so gewählt, dass sie weder durch Genickbruch gestorben ist, noch durch eine Ohnmacht von ihren Qualen erlöst wurde. Ihr Sohn Benjamin beauftragt daraufhin Bloch mit der Aufklärung des Mordfalls, da sein Vertrauen in die örtliche Polizei offensichtlich nicht sonderlich groß ist. Seelisch-moralisch unterstützt von Katze Muzel, versucht Tobias Bloch auch sogleich, seine Assistentin Susanne Kramer ins Boot zu holen, doch die hat zunächst vermeintlich Besseres zu tun, weil sie frisch verliebt ist und die Zeit lieber mit ihrem aktuellen Freund verbringen möchte. Tobias Bloch, dem seine Assistentin scheinbar etwas mehr bedeutet, ist in seiner Ehre tief gekränkt und spielt fortan die beleidigte Leberwurst. Erst Katze Muzel ist es, die die beiden Streithähne später wieder versöhnen kann, damit das Erfolgsgespann gemeinsam auf die Mörderjagd gehen kann.

Und die Zeit drängt, denn es dauert nicht lange, bis der nächste Tote am Galgen hängt, und zwar genau an der gleichen Stelle, an der auch Charlotte Unger gestorben ist. Es muss sich also um den gleichen Täter handeln oder um einen großen Zufall, doch an Zufälle glaubt Bloch schon lange nicht mehr. Mit penetranter Aufdringlichkeit befragt er immer wieder Leo Unger, da dieser ihm ein falsches Spiel zu treiben scheint. Schon bei seinem ersten Besuch im Institut für Ethologie bekommt Bloch spitz, dass Unger ein Verhältnis mit der Vorzimmerdame hat, und da er durch den Tod seiner Frau die meisten Vorteile hat, springt er einem als Kandidat für die Täterschaft sofort ins Auge. Doch ob Tobias Bloch da mal nicht zu kurz gedacht hat, das will herausgefunden werden …

Schauplatz von Libor Schaffers neuem Odenwald-Krimi sind die Städtchen Beerfelden, Erbach und Michelstadt, in denen Tobias Bloch mit unvergleichlichem Spürsinn dem Henker von Beerfelden nach und nach auf die Spur kommt. Wer den Odenwald noch nicht kennt, der lernt ihn durch Schaffer kennen, denn mit viel Liebe zum Detail beschreibt er alle Schauplätze so, als wäre man selbst vor Ort. Wir lernen nicht nur die Städte kennen, sondern auch die kulinarischen Hoch- und Tiefpunkte der Region, wie den von Tobias Bloch so sehr geschätzten Nierenspieß, an dem auch Katze Muzel ihre helle Freude hat. Schaffers Lokalkolorit wirkt dabei nie aufgesetzt, sondern passt sich immer wunderbar überzeugend in die Geschichte ein und verleiht dem Buch das besondere Flair.

Doch die Geschichte würde nicht funktionieren ohne ihre sympathischen Charaktere. Allen voran ist natürlich der Privatschnüffler Tobias Bloch zu nennen, der in seiner ganz eigenen Art und Weise die Beteiligten befragt und ihnen dabei durchaus auch einmal penetrant auf die Nerven gehen kann. Mit seiner hartnäckigen Art macht er sich nicht nur Freunde, besonders die heimische Polizei ist nicht gut auf Bloch zu sprechen, was aber auch daran liegen könnte, dass am Ende natürlich er es ist, der den Täter dingfest macht und die Tatmotive kennt. Bloch ist ein besonderer Charakter, der von Beginn an sympathisch wirkt, auch wenn seine kulinarischen Vorlieben sicher nicht nur Nachahmer finden werden. Doch seine Liebe zu Muzel und dem ganzen Odenwald, seine scharfsinnige Beobachtungsgabe und vor allem seine penetrante Verhörweise machen ihn zu etwas ganz Besonderem und vor allem zu einem Krimihelden, dem man gerne wieder begegnen möchte.

Alle anderen Charaktere verblassen ein wenig neben ihm, auch wenn seine Assistentin Susanne den einen oder anderen hellen Moment hat, in dem sie beweist, dass sie Bloch zumindest manchmal durchaus das Wasser reichen kann. Ihre Kombinationsgabe kommt allerdings an Blochs nicht annähernd heran, was dazu führt, dass er sie nach den Verhören immer erst wieder auf den neuesten Stand bringen muss. Und das tut er stets mit einem süffisanten Grinsen und ironischem Unterton, der ihn durchaus auch manchmal zum Oberlehrer abstempelt, aber dennoch büßt er dadurch keine Sympathiepunkte ein.

Neben den beiden Ermittlern lernen wir vor allem die Familie Bloch kennen, auch wenn Mutter Charlotte von Beginn an tot ist und wir ihr persönlich nicht mehr begegnen. Doch ihr unsympathischer und arroganter Ehemann Leo und ihr undurchschaubarer Sohn haben den einen oder anderen Auftritt, bei denen wir uns ein eigenes Bild von ihnen machen können – und das sieht sicherlich nicht immer gut aus. Auch Benjamins echter Vater, denn Leo ist nur sein Stiefvater, erhält genügend Raum im Buch, auch wenn er deutlich unauffälliger auftritt als Leo, der sich von Anfang an zum Verdächtigen macht. Diverse Institutsangestellte lernen wir kennen, wenn Bloch aus ihnen Informationen herauspressen will, und auch dort begegnen wir einigen verdächtigen Personen, die beispielsweise vor Bloch flüchten, weil sie seinem Verhör nicht gewachsen sind.

Was zunächst wie ein zwar nicht ganz alltäglicher, aber doch recht eindimensionaler Kriminalfall erscheint, entwickelt sich zu einem komplexen Fall, dessen Hintergründe weit in der Vergangenheit liegen. Und natürlich ist nichts so, wie es zunächst scheint, aber selbstverständlich bleibt keine Kleinigkeit vor Tobias Bloch verborgen, auch wenn er zugegebenermaßen immer auf die richtigen Informanten trifft, die ihn mit Wissen füttern können.

So bleibt unter dem Strich festzuhalten, dass „Tod am Galgen“ trotz des grausigen Mordes und des brutal anmutenden Buchtitels ein rundum gelungener und vor allem sympathischer Kriminalroman ist. Libor Schaffer zeichnet sympathische und authentische Charaktere, mit denen wir mitfiebern können und die uns im Laufe der Geschichte ans Herz wachsen. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund des schönen Odenwaldes, dessen Sehenswürdigkeiten und Eigenarten das Buch abrunden. Schon jetzt freue ich mich auf den nächsten Fall, den Tobias Bloch in seiner unvergleichlichen Art lösen wird!

Gebundene Ausgabe: 368 Seiten

www.societaetsverlag.de
www.fsd.de

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