Joachim Schmidt – Satanismus – Mythos und Wirklichkeit

Dr. Joachim Schmidt, Jahrgang 1961, studierte Religionswissenschaft, Psychologie und Europäische Ethnologie. In seinem Buch „Satanismus – Mythos und Wirklichkeit“, das nun in zweiter und überarbeiteter Auflage erschien, nimmt er sich eines allzu gern strapazierten Schlagwortes und ideologischen Kampfbegriffes an, wofür er neben seiner akademischen Ausbildung in besonderer Weise qualifiziert ist. Im Gegensatz zur unerfreulich hohen Zahl von allzu phantasiebegabten, weltanschaulich festgefahrenen und psychisch offenbar angeschlagenen Schreibtischtätern kann er neben gründlichen und sachkundigen Studien nämlich darauf zurückblicken, sich langjährig aktiv wie auch beobachtend in esoterisch-okkulten Kreisen bewegt zu haben.

Doch im Wesentlichen und von verhältnismäßig wenigen Absätzen abgesehen, wird vom Autor keine aktuelle Problem-Darstellung des Satanismus-Phänomens bemüht (zum Großteil auch deshalb, weil dazu kaum gesicherte Untersuchungen existieren, auf die man sich beziehen könnte; was aber diverse selbsternannte Sektenjäger nicht davon abhält, sich ausgesprochen durchschaubar und klischeeumnebelt zu Aktivitäten auszulassen, die in bewährter „Hexenhammer“-Manier schlechten Groschenromanen oder durchfieberten Wahnträumen entsprungen sein dürften), sondern eine religionswissenschaftliche Betrachtung angestrebt, die in den Details (auch gerade zu neuzeitlichen Gruppierungen) von profunder Kenntnis zeugt.

Diese beginnt, wie es sich gehört, mit einer begründeten Begriffsklärung und definitorischen Einordnung. Dieser würde ich persönlich nicht unumwunden zustimmen wollen, und gerade ein Untersuchungsfeld wie der Satanismus in all seinen verschiedenen Ausformungen lässt sich kaum in klar abgegrenzten Begriffsschubladen beschreiben. Doch Schmidt kann seine Begriffswahl nachvollziehbar und innerhalb des christlich-theologischen Rahmens legitim vorbringen, und somit geht diese Vorab-Erklärung seines Buches völlig in Ordnung und ist de facto auch die einzig wissenschaftlich belegbare Möglichkeit. Es folgen als Hauptteile eine historische Betrachtung des Satanismus im christlich-gnostischen Umfeld, die mit dem Alten Testament und den frühen gnostischen und apokryphen Schriften beginnt und mit dem viel strapazierten Aleister Crowley endet, sowie eine Darstellung der zeitgenössischen Satanismus-Ausformungen. Näheres dazu findet man unterhalb dieser Buchbesprechung im zitierten Buchinhalt.

Schmidt räumt auf mit urbanen Mythen und absichtlich verfälschter Mediendarstellung, die nach Sensationen giert und zudem im Schulterschluss mit diversen Amtskirchenstellen (welche man übrigens in den zuständigen Aufsichtsräten und Kontrollorganen wiederfindet) die gegenseitige Existenzberechtigung sichert. Der Autor versteht sein Handwerk und bemüht sich um eine möglichst akademische und klar strukturierte Darstellung, die Quellverweise anbringt, wo sie vonnöten sind, und zudem ein breites Basiswissen bis in Bereiche der Literatur, Philosophie, Geschichte und Psychologie hinein offenbart, das aber auch nötig ist, um die Entwicklung der satanistischen „Tradition“ in ausreichender Tiefe beleuchten zu können. Gerade diese variablen Betrachtungswinkel sowie der gelegentlich subtile Humor und persönliche Randbemerkungen machen Schmidts Satanismus-Buch zu einer Bildungsbereicherung und einem aufklärenden und aufgeklärten Lesevergnügen. Wesentlich hierbei ist, dass Schmidts Darstellung zwar akademischen Ansprüchen zu genügen weiß, aber niemals in das so beliebte Akademikervokabular verfällt, sondern stets gut lesbar und verständlich bleibt. Allerdings sind einige der oftmals längeren Zitate (zum Teil aus schwer zugänglichen internen Veröffentlichungen) im englischen Original belassen, so dass Grundkenntnisse in dieser Sprache ganz praktisch wären, aber nicht zwingend nötig sind.

Im Schlussteil geht Schmidt übrigens auch in gebotener Kürze auf den sogenannten „Jugendokkultismus“ ein sowie auf diverse Verweise zum Satanischen in der Rockmusik und kommt dabei zu sehr ähnlichen Grundaussagen wie Reto Wehrli in seinem monumentalen Werk „Verteufelter Heavy Metal“, wo der geneigte Leser zu diesen Themenbereichen ausführlichere Darstellungen finden kann.

Insgesamt ist „Satanismus – Mythos und Wirklichkeit“ das von religionswissenschaftlicher Seite fundierteste und empfehlenswerteste Werk zu diesem Themenbereich. Wer Schundwerke wie das „Schwatzbuch Satanismus“ der Gebrüder Grimm (Namen vom Rezensenten nicht ganz unbeabsichtigt verfälscht) oder „Lukas – Vier Jahre Hölle und zurück“ (die beide erstaunlicherweise immer noch gern als Belegmaterial herangezogen werden, obwohl der Phantasiegehalt dieser Pamphlete den sachlichen Inhalt bei weitem aussticht) bereits gelesen hat oder dies noch vorhaben sollte (aus welchem Grunde auch immer man derlei Machenschaften durch einen Buchkauf auch noch finanziell unterstützen wollte), dem sei Schmidts Buch als Musterexemplar für ein – im Gegensatz zu oben genannten Verbalergüssen – solide verfasstes Werk wärmstens empfohlen. Und wer einen wirklich guten Überblick (oder Einstieg) zu der Thematik bekommen möchte, der darf bedenkenlos ins Buchregal greifen und sich diese informative und lehrreiche Veröffentlichung zulegen.

Zum besseren Überblick sei hier das Inhaltsverzeichnis zitiert:

_Einleitung_
Satanismus – qu’est-ce que c’est?
Die Namen des Teufels

_Geschichte der Satansvorstellungen und des Satanismus_
Satan im Alten Testament
Wandlung der Satansvorstellungen in den apokryphen Schriften – iranischer Dualismus
Satan im Neuen Testament
Das Satansbild der Kirchenväter
Die Gnosis
Jüdische Dämonenlehren
Spätgnostische Lehren
Übergang vom Mittelalter zur Renaissance – die Hexenverfolgung
Der Teufelspakt
Grimoires – Zauberei und schwarze Magie
Die Wandlung des Satansbildes im 16. und 17. Jahrhundert
Schwarze Messen in Frankreich
Die britischen Hell Fire Clubs
Satan und die Philosophie der Aufklärung – das Böse ohne Teufel
Der literarische Satanismus des 19. Jahrhunderts
Antisatanismus und das Absurde
Luzifer in Theosophie und Anthroposophie
Luzifer und der Einzige
Aleister Crowley – das Tier 666 und der Satanismus

_Der zeitgenössische Satanismus_
Der Orphite Cultus Satanas
Die Process Church
Kalifornische Kulte
Anton Szandor LaVeys First Church of Satan
Das Diabolicon
Der Temple of Set
Die neuere amerikanische Satanismusszene
Satanistische Blutmessen in Frankreich
Die „Satanspriesterin“ Ulla von Bernus
Rezeption des modernen Satanismus in Deutschland
Neonazismus und Satanismus
Jugendokkultismus/ -satanismus
Satan und Rockmusik
Satanismus, Sensationen und urbaner Mythos

Anmerkungen
Bibliographie

Erstaunlicherweise führt Amazon weder die erste noch diese neue Auflage des Werkes in seinen Beständen (Ich Schelm vermute bei so etwas ja immer gleich hintertriebene Machenschaften). Daher werdet ihr zur Bestellung direkt auf die Verlagsseite unter http://www.diagonal-verlag.de ausweichen müssen.

Broschiert: 244 Seiten