Shane Gregory – Die Zombies von Clayfield

Das geschieht:

Clayfield, eine Kleinstadt im US-Staat Kentucky, zählt 12000 Einwohner. Viel war und ist hier nicht los; dazu passt ein ‚Museum‘, das eher ein Kabinett kurioser Überbleibsel aus der Ortsgeschichte darstellt. Selten verirrt sich ein Besucher hierher, was dem (namenlos bleibenden) ‚Kurator‘, immer wieder die Möglichkeit gibt, hinter den Kulissen höchstpersönlich den Besen zu schwingen.

Dieses Mal hat er sich so in seine Tätigkeit vertieft, dass er nur am Rande mitbekommt, dass ein Virus namens „Canton B“ die ganze Welt befällt. Wer davon infiziert wurde, verliert seinen Verstand. Nur noch elementare Triebe treiben die Kranken an, die über ihre Mitbürger herfallen, um sie zu vergewaltigen, zu töten und zu fressen.

Als sich herausstellt, dass sich die Befallenen nach dem Tod wieder aufrappeln, um nun als Zombies erst recht für Angst & Schrecken zu sorgen, liegt die Zivilisation bereits global darnieder. Nur lokale Widerstandsnester halten sich gegen die Untoten. Clayfield gehört nicht dazu. Hier haben die Zombies die Oberhand und jagen die wenigen Überlebenden.

Zu ihnen gehört der Museumsleiter, der noch Jen, eine Freundin, und später die junge Sara retten kann. Gemeinsam werden sie zu den „Kings of Clayfield“, denn nun können sie wie die Könige leben, die schönsten Häuser beziehen, sich jedes Auto nehmen und auch sonst im Luxus leben.

Die Realität sieht anders aus. Die Zombies sind allgegenwärtig und sehr hellhörig. Zudem haben einige Überlebende Banden gebildet, die durch die Straßen marodieren und es vor allem auf Jen und Sara abgesehen haben. Immer wieder muss sich das Trio gegen Tote und Lebende wehren. Moralische Standards bröckeln, wenn mit Gewalt getan wird, was getan werden muss …

Die Illusion des freien Lebens

Obwohl in beinahe jedem Zombie-Roman die Untoten auf allen Kontinenten umherwanken, bleiben sie stets Nebendarsteller in einem Drama, das sich ausschließlich um die überlebenden Menschen dreht. Grundsätzlich wundert dies nicht, ist doch der Zombie hirntot und deshalb zu keiner Handlungsfinesse fähig. Die wandernden Leichen fressen Menschen. Gefährlich werden sie durch ihre Überzahl sowie durch ihre permanente Präsenz: Wer tot ist, schläft nicht mehr und ist deshalb rund um die Uhr hungrig und aufmerksam.

Diese ‚Eigenschaften‘ in Kombination mit ihrem Aussehen (plus Geruch) machen den Zombie unheimlich. Interessant ist er jedoch nicht. Er kann nicht planen, keine Ränken schmieden. Hält man sich ihm fern, bleibt man unbeachtet und unbehelligt. Für die Handlung ist deshalb der tatsächlich lebende Mensch verantwortlich. Er behält auch in der Zombie-Krise seine Intelligenz, seinen Egoismus und seine Bosheit. Vor allem Letzteres wird fatal in einer Welt, deren Gesetze und moralischen Regeln außer Kraft gesetzt wurden. Wenn niemand für Ordnung sorgt, kommt die Stunde der Welterneuerer – und die der Warlords.

Natürlich treten beide Gruppen auch in „Die Zombies von Clayfield“ auf. Begleitet wird dies von den genreüblichen Erscheinungen. In der Stunde der Not vergisst der ‚echte‘ US-Amerikaner seinen Hang zum Luxus und schaltet zurück in den Pionier-Modus. Die Vereinigten Staaten wurden schon einmal erobert und ihrer lästigen Ureinwohner bereinigt. Wieso sollte dies nicht erneut klappen, zumal sich die Waffentechnik seit damals enorm entwickelt hat?

Ebenfalls der guten, alten Zeiten erinnert sich der gemeine Bandit, der erfreut die Abwesenheit jeglicher Ordnungskräfte nutzt, um sich zu nehmen, was ihm immer schon gefiel. Da auch Shane Gregory die Ansicht vertritt, dass die Zivilisation quasi mit einem Satz in die Ära des Höhlenmenschen zurückspringt, tun sich solche Lumpen zusammen, um zu rauben, nicht nur notfalls zu morden und vor allem junge, gebärfähige Frauen in ihre Höhlen zu schleppen.

Endlich König sein!

„Gregorys Roman steckt voller unerwarteter und einfallsreicher Wendungen, wie sie Zombie-Fans bisher nicht kannten.“ So wird auf dem hinteren Buchdeckel eine Quelle namens „The Bookie Monster“ zitiert. Der Name sorgt nicht unbedingt für Vertrauen. Dahinter verbirgt sich eine Website, die den hübschen Untertitel „Reviews you can really sink your teeth into“ trägt. Die Wahrheit scheint dabei weniger wichtig zu sein, denn „Die Zombies von Clayfield“ ist Zombie-Routine pur: Hier gibt es keine einzige neue Idee, kein Geschehen, das nicht jeder Freund des härteren Horrors spätestens kennt, seit „The Walking Dead“ über den Bildschirm stolpern.

Mit viel gutem Willen lässt sich ein Aspekt – bzw. Aspektchen – finden, das vielleicht nicht so deutlich ausgespielt wurde: „The Kings of Clayfield“ nennt Autor Gregory seine Serie. Er erinnert an einen alten Traum: Wenn die Welt plötzlich menschenleer ist, können sich die Überlebenden nehmen, was nun verwaist ist. Villen, Sportwagen, edle Schnäpse: Man kann sich bedienen und endlich den Amerikanischen Traum verwirklichen!

Natürlich steckt ein Gutteil Ironie in dieser Wunschvorstellung, die sich wie jeder Traum in Luft auflöst. Auch ein schönes Haus kann von Zombies und Kriminellen gestürmt werden. Autos benötigen Treibstoff, und Alkohol dimmt jene Wachsamkeit, die von nun an lebensnotwendig ist. Gregory vergisst genreüblich auch die übrigen Widrigkeiten nicht: Strom und Wasser versiegen, die Lebensmittel verderben. Der Mensch muss im Sommer wieder selbst anbauen, was er im Winter essen möchte. Das Leben wird auch ohne Zombies deutlich mühsamer.

Überlebende ohne Mission

Überlebende der Zombie-Apokalypse sind in der Regel Flüchtlinge. Oft haben sie ein Ziel. Sie suchen nach einer zombie- und lumpenfreien Zone, in der sie die Zivilisation auf einem möglichen (Wild-West-) Niveau wiedererrichten können. Womöglich gibt es irgendwo ein Shangri-La, in dem dies schon verwirklicht wurde. Gern als Element der Spannung eingesetzt wird auch ein geheimes Labor, in dem – vielleicht – ein Anti-Zombie-Mittel wartet.

Die „Könige von Clayfield“ spüren dagegen nicht den Drang, ihre Stadt zu verlassen. Hier fühlen sie sich sogar unter Untoten noch heimischer als in der Fremde, hier kennen sie sich aus. Also bleiben sie in Clayfield und weichen höchstens aufs Land aus, um den größten Zombie-Horden zu entgehen.

Jen, Sara und der namenslose Ich-Erzähler richten sich auf einer Pferde-Farm ein und planen den weiter oben skizzierten Neuanfang. Autor Gregory ist selbst ein passionierter Landwirt und Überlebensspezialist, der auf seiner Website u. a. verrät, wie sich Löwenzahn als Nahrungsmittel anrühren lässt. Viele Seiten vergehen über (recht planlosen) Beutezügen, auf denen unser Trio immer wieder auf Zombies und Redneck-Lumpenpack stößt.

Darunter mischen sich einige gutwillige Überlebende, die zumindest moralische Standards hochhalten. Meist überleben sie dies nicht lange. Auch unsere Hauptfiguren müssen mit Verlusten fertigwerden. Hinzu kommen die üblichen Missverständnisse, denn selbsternannte Heilsbringer folgen ihrem Cäsarenwahn und planen eine neue Welt nach ihren Vorstellungen, was in den USA gern den Ausschluss schon lange gehasster Störenfriede (Liberale, Schwule, Atheisten etc.) beinhaltet.

Erschreckend kurzer Weg zur Barbarei

Selbstverständlich stellt Gregory auch und gerade die Hauptfiguren vor moralische Dilemmas. Es sind betont ‚lebensuntüchtige‘ Charaktere, die er ins kalte Wasser wirft. Nun müssen sie lernen zu schwimmen oder untergehen, was in diesem Fall primär bedeutet, dass die Hemmschwelle, die zur ‚Tötung‘ eines Zombies oder gar eines Strolches führt, möglichst rasch eingeebnet werden muss. Aus dem weltfremden Museumsleiter wird ein Kämpfer, der selbst Gewalt auszuüben beginnt und dabei Fehler begeht.

Auch diese inneren Konflikte sind typisch für das Zombie-Genre. Oft hört man die Untoten nur am Seitenrand lärmen: Hallo, wir sind auch noch da! Wenn man genug gestritten und gegrübelt hat, bricht zuverlässig irgendwo ein Tür- oder Torriegel, und die Zombies sind (endlich) wieder im Spiel, bis die Seifenoper in eine neue Runde geht.

Die Mechanismen des Zombie-Horrors fügen sich zum Autopiloten. Gregory bietet wie gesagt nur Bekanntes und Bewährtes. Was „Die Zombies von Clayfield“ trotzdem lesenswert macht, ist das handwerkliche Geschick eines Verfassers, der gut erzählen kann, ohne der Populärliteratur den totalen Krieg zu erklären: Gregory hält sich an klassische Muster. Er foltert sein Publikum nicht mit Stakkato-Satzfetzen. Plakatives Gemetzel und die daraus resultierende Gefahr, sich durch gewaltpornografischen Overkill lächerlich zu machen, fallen aus.

Das Ende ist offen. Nach Gregorys eigener Aussage war keine Serie geplant; die Verlorenheit der letzten Überlebenden sollte die Aussichtslosigkeit der Situation unterstreichen. Doch „Die Zombies von Clayfield“ fanden ihr Publikum, und Gregory setzte seine Geschichte fort. Wer sie nicht kennt, verpasst nichts, doch wer gepflegten Horror – eigentlich ein Widerspruch in sich – mit bewährten Spannungselementen sucht, liegt hier richtig.

Autor

Donald Shane Gregory wurde 1971 im Städtchen Paducah, US-Staat Kentucky, geboren. Er studierte Kunst und Photographie an der Murray State University, die er mit einem Abschluss als Bachelor of Fine Arts verließ. In den nächsten Jahren arbeitete Gregory für Galerien, während er privat malte, fotografierte und schrieb. Seine Gemälde wurden im Rahmen mehrerer Ausstellungen in Kentucky und Tennessee gezeigt.

Im Selbstverlag und unter einem (sorgfältig gehüteten) Pseudonym veröffentlichte Gregory einen ersten Roman, den er als „Christian Science Fiction“ bezeichnete. Erfolgreicher war ein zweiter Versuch. „The King of Clayfield“ (dt. „Die Zombies von Clayfield“) wurde 2011 der Start einer Serie, die bis heute fortgesetzt wird.

Mit seiner Familie lebt Shane Gregory auf einer Farm nahe der Kleinstadt Mayfield in Kentucky. Er leitet eine (Non-Profit-) Kunstgalerie („The Mayfield/Graves County Art Guild“), der eine Galerie („The Ice House Art Gallery“) und kleines Museum angeschlossen sind.

Taschenbuch: 399 Seiten
Originaltitel: The King of Clayfield (Franklin/Tennessee : Permuted Press 2011)
Übersetzung: Claudia Rapp
www.brainofshane.com
www.deltus.de

eBook: 633 KB
ISBN-13: 978-3-940626-08-0
www.deltus.de

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