Lucius Shepard – Endstation Louisiana

Louisiana: Orpheus in der Unterwelt

Mittsommer. Grail, Louisiana, ist ein entlegenes Dorf mitten im Mississippi-Delta. In diesen Ort verschlägt es den Musiker Mustaine durch eine Autopanne. Der geheime große Macker des Dorfes Joe Dill lädt ihn in eine Bar ein, während sein Wagen repariert wird. In der Bar Le Bon Chance lernt Mustaine eine geheimnisvolle Frau kennen, die ihn sofort abschleppt und eine heiße Nacht mit ihm verbringt. Doch die Freude an der heißen Liebe zu Vida währt nur kurz, denn am nächsten Tag endet die 20-jährige Regentschaft der Mittsommerkönigin Vida. Gut, dass Mustaine noch nicht erfahren hat, was mit Vidas Vorgängerin passiert ist …

Der Autor

Lucius Shepard, geboren 1947, zunächst ein Rockmusiker, Bordellrausschmeißer und Dichter, war in den achtziger Jahren einer der wichtigsten SF-Autoren, der mehrfach mit Preisen des Genres ausgezeichnet wurde. In seiner Erzählung „Salvador“ (1984) und dem Roman „Das Leben im Krieg“ (1987) setzte er sich sehr kritisch und provokativ mit dem Engagement der Vereinigten Statten unter Präsident Reagan in Mittelamerika auseinander. Die CIA, das Pentagon und sicherlich noch andere Behörden des Geheimdienstapparates bildeten Contras aus: Sie sollten in El Salvador und Nicaragua gegen das sozialistische Regime operieren. Die Folge war ein Stellvertreterkrieg, in dem nicht nur Tausende von Zivilisten ums Leben kamen, sondern auch die Iran-Contra-Affäre (Waffenschmuggel) die totale Amoralität der Verantwortlichen offenlegte.

Mit seinen anderen Werken war Shepard nicht so erfolgreich. In „Grüne Augen“ (1984) stellt die CIA illegale Experimente zur Wiederbelebung von Leichen an; in „Kalimantan“ wandelt die Hauptfigur auf den Spuren Joseph Conrads. Aber jede Erzählung Shepards hält ein gutes Leseerlebnis bereit, so etwa in „Delta Sly Honey“ (1989) und „Muschelkratzer-Bill“ (1994). „Der Mann, der den Drachen Griaule malte“ (1984) bildet mit „The Scalehunter’s Beautiful Daughter“ (1988) und „Father of Stones“ (1988) eine schöne Sequenz aus der High Fantasy.

Zuletzt veröffentlichte Edition Phantasia die Kurzromane „Aztech“, „Ein Handbuch amerikanischer Gebete“ und „Hobo Nation“.

Mehr von Lucius Shepard auf Buchwurm.info:

„Ein Handbuch amerikanischer Gebete“
„Hobo Nation“

Handlung

Es ist der 22. Juni, als Mustaine, aus Los Angeles von einer zerbrochenen Liebe kommend, in Grail, Louisiana, strandet, weil er eine Autopanne hat. Das Kaff im Mississippi-Delta wird von dem großen Macker Joe Dill regiert, der auch den Dorfpolizisten davon abhält, Mustaine weiter zu piesacken. Dill sorgt dafür, dass Mustaines Wagen repariert wird, und lädt ihn in die Bar Le Bon Chance ein. Dort entpuppt sich Mustaine als begnadeter Gitarrenspieler und sorgt für gute Stimmung.

Unterdessen hat die regierende Mittsommerkönigin Vida einen sehr schlechten Tag gehabt. Wieder einmal hatte sie albtraumhafte Visionen von jenem Mann, der sie zu seiner Sexsklavin machte und missbrauchte, bis sie ihm schließlich entkommen konnte. Das war kurz nach ihrer Wahl zur neuen Mittsommerkönigin, also vor 20 Jahren, und Vida war damals, wie jede neue Mittsommerkönigin, erst zehn Jahre alt. Es heißt, die Königin ziehe das Unglück auf sich, damit die Stadt Grail florieren könne, und so ist es schon seit Hunderten von Jahren. Versteht sich von selbst, dass kein Mann es lange mit einer Frau wie Vida aushält, die das Unglück anzieht. Als Restaurantbesitzerin schlägt sich Vida durchs Leben, geplagt von Halluzinationen und Tagträumen.

Doch heute Nacht endet Vidas Regentschaft und sie kann noch einmal das Glück versuchen, denn wer weiß, was morgen ist, wenn ihre Nachfolgerin auserkoren wird. Weil Vida von dem Fremden in Le Bon Chance gehört hat, begutachtet sie ihn und ist sehr angetan von seinem Gitarrenspiel. Mustaine weiß genau, dass er noch nie so inspiriert gespielt hat wie für diese geheimnisvolle Schönheit, die in die Bar getreten ist wie eine Königin (und sie ist ja in der Tat eine). Als sie ihm eine Bleibe für die Nacht anbietet, zögert er darum nicht lange, sie nach Hause zu begleiten. Die Umstehenden sehen es mit Wohlwollen und vielleicht einem verhohlenen Grinsen.

Die Nacht in Vidas Haus beziehungsweise in ihrem Bett ist spektakulär, denn im Bett ist sie eine Kanone. Mustaine fragt sich, woher sie nur all diese Tricks gelernt hat, mit denen sie ihn schier zum Wahnsinn treibt. Nach dem Sex zum Frühstück verbringen sie einen gemütlichen Vormittag am See, wo noch einmal ein amouröses Beisammensein angesagt ist. Das Einzige, was Mustaines Stimmung trübt, ist Vidas Weigerung, sich ihm anzuschließen und weiter nach Florida zu reisen, wo er seine nächste Platte komponieren will. Nein, sie will die Krönung der neuen Mittsommerkönigin abwarten, danach sehe man ja weiter. Versprochen!

In Grail herrscht Volksfeststimmung, als Mustaine und Vida eintreffen. Musik, Clowns, Umzüge, Festschmuck und schon die ersten Besoffenen. Schnell verliert Mustaine seine Geliebte aus den Augen, und er fragt alle Bekannten nach ihrem Verbleib. Er schaut zu, wie die neue Mittsommerkönigin gewählt wird, eine schüchterne Zehnjährige, die sich irgendwie nicht freuen will über ihre Kür. Als Joe Dill zu Mustaine eine ominöse Andeutung macht, dass er wahrscheinlich Vida nicht wiedersehen wird, gerät Mustaine in Panik. Er überholt den Festumzug der neuen Königin und gelangt auf verlassenes Gelände …

Unterdessen hat Vida im Nebel jenseits des Dorfes, unten am Fluss, einen geheimnisvollen Fremden kennengelernt, der mit seinem besonderen Zauber ihre Sinne verwirrt. Sie fällt in Ohnmacht – und erwacht in der schäbigen Hütte ihrer Vorgängerin. Doch was ist aus dieser geworden?

Mein Eindruck

Lucius Shepard ist in seinem Leben ganz schön was rumgekommen, unter anderem war er auch Rausschmeißer in einem Bordell in New Orleans. Es ist anzunehmen, dass er das Delta, die Cajun-Musik Zydeco und das dortige Bevölkerungsgemisch aus Franzosennachfahren und vietnamesischen Boat People eingehend kennenlernte, schließlich dürften auch die Freier im Bordell aus allen Schichten gekommen sein. Da er selbst auch Rockmusiker war, finden sich Beispiele seiner Poesie hin und wieder in seiner Prosa, so auch im vorliegenden Kurzroman.

„Maybe I’m a dreamer, maybe I’m a fool, / maybe I’m just a lonely man,
But maybe I got the answers to / those questions that are troublin‘ you …
All you gotta do is ask …
(Refrain) You can’t hide your love from me (2x),
Well, you can run but / you can’t hide your love from me …“ (S. 73)

Songs wie dieser tragen dazu bei, der Hauptfigur Jack Mustaine Glaubwürdigkeit als Musiker zu geben, und dienen zugleich dazu, den emotionalen Kontakt zu Vida Summers – ein passender Name für die Mittsommerkönigin – herzustellen. Wenn Grail der Ort der moralischen Finsternis ist, eine Art Hölle, dann ist Mustaine der Orpheus, der sich hierhin verirrt hat, um seine Eurydike in der Gestalt von Vida zu finden. Vidas Seele ist von Albträumen und Tagträumen gequält, man könnte also durchaus sagen, dass sie sich wünscht, diese innere Hölle zu verlassen.

Nachdem er in Vida seine Seelengefährtin erkannt hat, kommt es für Mustaine darauf an, sie aus ihrer Hölle herauszuholen. Das stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Denn natürlich sträuben sich sowohl die Mechanismen, die die Hölle von Grail beherrschen, gegen dieses Unternehmen, als auch die zu Rettende selbst. Es ist einfacher, die äußeren Zwänge zu beschreiben und zu erklären als den inneren Widerstand, den Vida empfindet. Zugleich lässt sich dadurch auch Grail als Hölle charakterisieren.

VORSICHT, SPOILER!

Vor Jahrhunderten schlossen die Stadtväter von Grail einen teuflischen Pakt mit dem „Guten Grauen Mann“. Der verlangte lediglich, dass die Tradition der Mittsommerkönigin gewahrt wird. Für die Betroffene ist der Beginn ihrer Regentschaft längst nicht so traumatisch wie deren Ende. Denn natürlich verlangt der Gute Graue Mann seine Belohnung für die Leistung, das Unglück ferngehalten zu haben. Sobald die neue Königin gewählt worden ist, wird ihm deren Vorgängerin zur freien Verfügung überlassen. Die Bewohner Grails drücken die Daumen, dass der Gute Graue Mann mit ihrem Opfer zufrieden sein möge.

Nun kann man sich alles Mögliche darunter vorstellen, was dieses übernatürliche Wesen mit Vida anstellt, doch die Wirklichkeit ist für die „alte“ Königin profaner. Eine Ohnmacht, ein Erwachen, ein Geist, der sich über sie beugt, um seinen Hunger zu stillen. Man frage lieber nicht, was mit Vidas Vorgängerin Madeleine passiert ist. Oder was mit Vida in den nächsten 20 Jahren passieren dürfte.

SPOILER ENDE

Das Menschenopfer in einem Teufelspakt hat bekanntlich eine lange Tradition, man denke nur an paganistische Kulturen oder an die Antike bzw. die Bibel, wo es vor Menschenopfern nur so wimmelt (Abraham und Isaak, Agamemnon und Iphigenie, die Azteken usw.). Das Interessante an Grail ist natürlich, dass sich diese Tradition auch in der heutigen Zeit an einem x-beliebigen Ort der USA finden könnte.

Nun ja, vielleicht nicht gerade in den von Yankees bewohnten Nordstaaten, aber in den abergläubischen Südstaaten auf jeden Fall. In Grail finden sich allenthalben Wahrsagerinnen und weise alte Frauen. Das Glück ist in einem Dorf von bescheidenem Wohlstand dennoch eine wackelige Sache, denn schon ein mittelschwerer Hurrikan könnte alles Aufgebaute wieder zunichte machen. Deshalb beginnt der Roman mit einer genauen, sehr realistischen Beschreibung von Ort und Menschen, die von Gabriel Garcia Marquez stammen könnte und an dessen Macondo erinnert. Dies ist also die Hölle, in der Orpheus landet?

Der Ort sieht harmlos genug aus, und die Bewohner sind freundlich genug, um Jack Mustaine zu täuschen. Man landet ja nicht jeden Tag in der Hölle. Der Knackpunkt ist jedoch, dass nicht ihm das Unglück widerfährt, sondern seiner Geliebten Vida. Ihre Liebe heilt seine Wunden, die ihm in Los Angeles geschlagen wurden. (Es gibt eine besonders schöne Liebesszene auf Seite 118.) Nur mit ihr zusammen sieht er eine Zukunft, aber – sie auch mit ihm?

Von Grail wegzugehen, bedeutet für sie einerseits, zu neuen Ufern aufzubrechen, aber auch alle Wurzeln auszureißen. Und sie kann nicht sicher sein, ob die Albträume und Halluzinationen aufhören werden, wenn sie nach Florida zieht. Daher braucht sie so etwas wie einen Schlusspunkt für ihre Zeit in Grail, und diesen liefert St. John’s Eve, das Fest der Mittsommerkönigin. Leider wird sie vom Guten Grauen Mann und seinen Helfern ausgetrickst. Es heißt „Game over“ für die gute Vida.

Was ist von einem solchen Verlauf zu halten? Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man das Menschenopfer im Teufelspakt betrachtet, gibt es Gewinner und Verlierer. Die Sache erscheint mal zynisch, mal tragisch, mal notwendig, mal horrormäßig. Was für Grail gut ausgehen mag – sofern der Gute Graue Mann mit dem Opfer zufrieden ist -, stellt sich für Vida und Mustaine als Unglück heraus. Für den Guten Grauen Mann – ein Abgesandter Gottes, ein emporgestiegener Teufel? – ist dieses Jahr nur eine winzige Episode in der Ewigkeit einer langen Verdammnis. Und es ist nicht sicher, dass Mustaine unbehelligt aus der Hölle entkommen ist, denn er hat etwas Wichtiges dort verloren: Hoffnung und den Glauben an die Liebe.

Die Übersetzung …

… durch Joachim Körber fand ich sehr gelungen, denn es ist wahrlich nicht einfach, die feinen Zwischentöne in Stimmungsbeschreibungen genau zu treffen, so dass sie auch im Deutschen stimmig klingen. Auch die zahlreichen Traum- und Visions-Szenen, welche die besondere Substanz dieser Novelle ausmachen, verlangen einer feinfühligen Übertragung. Alles einwandfrei.

Kein Werk ist allerdings fehlerfrei, und so bleiben auch Flüchtigkeitsfehler in diesem Text nicht aus. Buchstabendreher wie auf S. 116, wo es „Schwiegen“ statt „Schweigen“ heißt oder ausgelassene Buchstaben wie auf S. 139, wo es „akadische Frau“ statt „arkadische“ heißt, muss man stets gewärtigen.

Dies sind nur unbedeutende Fehler, aber einen echten Schnitzer hat Körber auf Seite 154 fabriziert. Der Leser wähnt sich schon auf den letzten Metern der Zielgeraden, da lässt ihn plötzlich ein völlig unsinniges „als“ statt eines „das“ ins Straucheln geraten. Der Satz lautet: „eine Wasserhose, deren transparente Spindel [als/das] Zerrbild von Anmut darstellt…“ Es bleibt dem Leser überlassen, zwischen „als“ und „das“ zu wählen, um dem Satz einen Sinn zu verleihen.

Unterm Strich

Wer einmal eine sprachlich wunderschön erzählte und phantasievolle Schauergeschichte lesen möchte, sollte hier zuschlagen. Selten habe ich auch so stimmig und poetisch erzählte Liebesszenen gefunden, wie sie der Autor hier – ich kann’s nicht anders ausdrücken – zelebriert (was von „feiern“ kommt). Dabei übertreibt er es nicht mit der Flut von Adjektiven, der sich weniger begabte Autoren stets befleißigen. Er findet vielmehr stimmige Metaphern, um die Seelenereignisse in Mustaine und Vida nachvollziehbar zu machen.

Die Verquickung der Orpheuslegende mit dem südstaatentypischen Mythos vom Guten Grauen Mann (von dem ich bislang noch nichts gehört habe) zu einer lebensbestimmenden Prüfung gelingt dem Autor ausgezeichnet. Die Story ergibt einen Sinn, wenn man von den vordergründigen Ereignissen zurücktritt und sich vor Augen hält, dass Glück und Unglück immer zwei Seiten derselben Medaille sind. Wer Glück will, der zahlt einen Preis. Es kommt darauf an, an wen. Früher wurde den Göttern im Tempel oder auf dem Berg geopfert, doch ein unscheinbares Dorf im Delta hat eine neue Methode entwickelt: die Wahl der Mittsommerkönigin.

Dass die amerikanische Kultur, auf die sich diese Methode übertragen lässt, ihre eigenen Opferungsmechanismen entwickelt hat, war schon öfter zu lesen. Man opfert auf den Altären von Mammon, Macht und Schönheit, mit vorgerücktem Alter auch der Gesundheit, und stets wird ein Preis entrichtet. In den Kasinos werden Unsummen dem Glück geopfert, doch nur die wenigsten Opfer werden glückbringend vergolten.

Die Novelle wurde vor dem Untergang New Orleans‘ unter der Wucht des Hurrikans Katrina im Jahr 2003 publiziert. Man kann der Stadt nur das Glück wünschen, das in Grail zu herrschen scheint, aber man zögert, der Stadt auch einen Besuch vom Guten Grauen Mann – einer Figur wie aus dem Reich des Voodoo – zu wünschen.

Wer handfesten Horror à la Koontz, King und Barker sucht, ist hier an der falschen Adresse, aber wer Stilisten wie Peter Straub oder Dan Simmons mag, der ist hier richtig. Die Werbung des Verlags vergleicht Lucius Shepard mit Joseph Conrad, aber dieser Vergleich ist hier fehl am Platz, denn an nichts erinnert Grail so sehr wie an Marquez‘ Städtchen Macondo, und dies ist inzwischen zum Markenzeichen für „magischen Realismus“ geworden. Sex und Magie, welche Mischung könnte lustvoller und verlockender sein?

Originaltitel: Louisiana Breakdown, 2003
Aus dem US-Englischen von Joachim Körber
157 Seiten, Paperback
ISBN-13: 978-3-937897-14-3
www.edition-phantasia.de

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