Clifford D. Simak – Als es noch Menschen gab

simak-menschen-cover-2010-kleinIn neun Geschichten erzählt der Verfasser vom Ende der Menschheit, das hier ohne Krieg und Gewalt stattfindet, sondern einerseits evolutionär begründet ist und andererseits gesteuert wird, wobei alte Untugenden immer wieder durchschlagen und schließlich einen radikalen Neubeginn erforderlich machen … – Geprägt von der Furcht vor einem III. und atomaren Weltkrieg, stellt der Verfasser grundsätzliche Fragen über das menschliche Wesen; er kommt zu eher pessimistischen Schlüssen, ohne darüber zu verzweifeln: Was verdächtig nach philosophischem Bierernst klingt, liest sich leicht melancholisch aber sehr unterhaltsam.

Das geschieht:

– Die Stadt (City, 1944): Gegen den Widerstand ihrer letzten Bürger soll eine US-Geisterstadt als lästiges Relikt der Vergangenheit zerstört werden.

– Das Haus (Huddling Place, 1944): Obwohl man an anderer Stelle dringend seiner Hilfe bedarf, kann ein Arzt sein zur Falle gewordenes Heim nicht verlassen.

– Census (Census, 1944): Sowohl die Zivilisation der Hunde als auch die Abspaltung der menschlichen Mutanten nimmt ihren Lauf.

– Die Flucht (Desertion, 1944): Ausgerechnet auf dem Planeten Jupiter entdecken Menschen ein reales Paradies.

– Das Paradies (Paradise, 1946): Die meisten Menschen verlassen die Erde und beginnen ein neues Leben auf dem Jupiter.

– Zeitvertreib (Hobbies, 1946): Die wenigen auf der Erde verbliebenen Menschen geben sich sinnlosen Beschäftigungen hin.

– Äsop (Aesop, 1947): Weil der Mensch von der Gewalt nicht lassen kann, wird er von der Erde entfernt; die Hunde übernehmen den Planeten.

– Die Lösung (The Trouble with Ants/The Simple Way, 1951): Roboter Jenkins wird Zeuge, wie die Zivilisation der Ameisen den Menschen in den Untergang folgt.

– Epilog (Epilog, 1973): Jenkins hält einsam Wache auf einer auch von den Hunden verlassenen Erde.

Eine (beinahe) friedliche Apokalypse

Die Welt ging und geht in der Science Fiction oft unter. Meist ist der Mensch selbst verantwortlich für sein Ende, das aber auch durch Fremdeinflüsse und dumme Zufälle (Asteroiden-Einschlag, außerirdische Attacke, Zombie-Epidemie) verursacht werden kann. Einigende Elemente sind viel Krawall und Sachschaden, während die Opferzahlen so dramatisch steigen wie die Spritpreise vor den Feiertagen: Wenn es schon aus ist, treten wir wenigstens mit Blitz und Donnergetöse ab!

Dass sich Clifford D. Simak nicht auf die bewährten Routinen des „Doomsday“-Subgenres stützen würde, ist zumindest denjenigen klar, die schon einmal einen Roman oder eine Kurzgeschichte dieses Verfassers gelesen haben. Simak bediente sich zwar sämtlicher Themen der SF, wobei er jedoch stets ein Mann der ruhigen Töne blieb. Wie „Als es noch Menschen gab“ beweist, vermochte er auch ohne schwere Geschütze sehr gut das Ende der Menschheit in Szene zu setzen, trotzdem für Betroffenheit bei seinen Lesern zu sorgen und dabei spannend zu bleiben.

Die der Handlung innewohnende Tragik liegt in der Natur des Menschen begründet. Simak beschreibt in einem ausführlichen Nachwort, wie die Erzählungen, die er später in dem vorliegenden Buch sammelte, in einer Zeit entstanden, als die Erdmenschen aus den Gräueln des gerade überstandenen II. Weltkriegs rein gar nichts gelernt zu haben schienen. Stattdessen standen sich nunmehr atomar gerüstete Gegner in einem „kalten“ Krieg gegenüber, der sehr schnell heiß und dieses Mal global tödlich werden konnte. Das Talent zur technischen Innovation, so schien es Simak, ging offensichtlich einher mit einem tief verankerten Hang zur Gewalt, und dieser würde sich immer wieder seinen Weg bahnen.

In „Als es noch Menschen gab“ fällt der III. Weltkrieg aus. Die Atomkraft wird friedlich genutzt. Die sozialen Strukturen beginnen sich gravierend zu ändern. Der Mensch gibt das kollektive Leben in der Stadt auf. Er zieht aufs Land, mutiert zum Individuum und verliert jenen Zusammenhalt, der ihn einerseits aggressiv und andererseits im Austausch von Meinungen und Theorien erfinderisch werden ließ. Noch später verlassen die meisten Menschen die Erde und gehen in der zivilisationslosen Gesellschaft vergeistigter Jupiter-Geschöpfe auf.

Der Wolf bleibt immer Wolf

Zurück bleiben wenige Menschen, die das außerirdische ‚Paradies‘ scheuen und auf der Erde ohne Sorgen oder Bedürfnisse aber auch ohne Ziele leben, sowie Hunde und Roboter. Die Hunde sind inzwischen intelligent geworden und können sprechen – eine vergangene Großtat der menschlichen Wissenschaft, hier einmal mehr verkörpert durch ein Mitglied der Familie Webster.

Simak stellt die Websters als Identifikationsfiguren in den Mittelpunkt der Ereignisse, die von ihnen erst gesteuert und später nur noch registriert werden. Auch die ‚Parallel-Zivilisation‘ der Hunde ist ein Projekt der Websters. Sie wollen dem Menschen eine Intelligenz zur Seite zu stellen, die von den beschriebenen Wesensmakeln rein ist. Als die Menschen nach und nach verschwinden, übernimmt der unsterbliche Roboter Jenkins die Rolle der Websters. Er führt die Hunde in eine neue Zeit, in der alle Tiere intelligent geworden sind, sich verständigen können und einen globalen Friedenspakt geschlossen haben.

Erst jetzt setzt die eigentliche Apokalypse ein: Der Zufall verdeutlicht Jenkins, dass der fast ausgestorbene Mensch sein Gewaltpotenzial bewahrt hat und es erneut über die Erde bringen könnte. Also macht er dem ein Ende und entführt die Menschen an einen fernen Ort, an dem sie Gebrauch von ihrer Aggression machen können. Zurück bleibt eine menschenleere Erde, auf der die friedfertigen Hunde das Sagen haben. In den letzten beiden Erzählungen gibt es keine Websters mehr, und auch die Hunde sind verschwunden; der Roboter Jenkins spielt die Rolle des Testamentsvollstreckers und Hüters einer Vergangenheit, die nur mehr ihm wichtig ist.

Chronik mit vielen absichtlichen Fragezeichen

Simak verzichtet auf die Stringenz einer Handlung, die er stattdessen in einzelne Erzählungen aufgliedert. Damit bewahrt er dem „City“-Zyklus seine ursprüngliche Struktur: Die zunächst acht Erzählungen entstanden zwischen 1946 und 1951 als Storys, die vom Verfasser 1952 zum gleichnamigen Buch zusammengefasst wurden. Erst jetzt entstanden die verbindenden Kommentare, in denen hündische Historiker und Philosophen einer fernen Zukunft sich an der Deutung der wenigen hinterlassenen Quellen versuchen. (22 Jahre später fügte Simak eine neunte Geschichte hinzu. Sie sollte dem „City“-Zyklus abrunden, entstand aber in einem deutlich veränderten Umfeld, sodass sie nur schlecht zu den originalen acht Storys – die sich außerdem längst zum Kanon gefügt hatten – passen wollte.)

Die Geschichten aus „Als es noch Menschen gab“ liegen auf einer Zeitachse, die im Jahre 1990 beginnt und viele Jahrtausende in die Zukunft reicht. Insgesamt ergibt sich trotz der Episoden-Struktur eine durchgängige Geschichte. Sie weist Lücken auf, die der Leser dank der Simakschen Andeutungen selbstständig zu füllen weiß. (Apropos Lücke: „Als es noch Menschen gab“ gehört zu den Meisterwerken der Science Fiction, obwohl dem Verfasser in Sachen Science gewaltige Patzer – Hunde werden nicht intelligent, nur weil sie sprechen können, Jupiter ist ein Gasplanet ohne begehbare Oberfläche, und die Stadt hat als Lebensraum überlebt – unterliefen, wie der nachgeborene SF-Kollege Peter Watts in seinem Vorwort einerseits nachweist, während er gleichzeitig die Beständigkeit der Fiction betont.)

Simak zeigt sich als Meister der Ökonomie; sein gewaltiges Epos einer möglichen Zukunft umfasst in der Originalausgabe von 1952 gerade 224 Seiten. Auch ergänzt durch die neunte Story, durch Vor- und Nachwort degeneriert „Als es noch Menschen gab“ nie zu einem jener endlosen, geschwätzigen Serienprodukte, zu der erfolgreiche SF-Ideen heutzutage viel zu oft ausgewalzt werden. Dass dieses Buch in seiner aktuellen deutschen Neuausgabe mehr als 400 Seiten stark ist, ‚verdankt‘ es einem überaus aufgelockerten Druckbild mit großen Buchstaben und großzügigen Rändern …

Übrigens wurden die acht ursprünglichen „City“-Storys nicht neu übersetzt; der Heyne-Verlag griff auf die Eindeutschung von Tony Westermayr aus dem Jahre 1964 zurück. Obwohl der oft geschmähte Übersetzer hier leistete gute Arbeit leistete, wäre eine neue deutsche Fassung nach beinahe fünf Jahrzehnten und anlässlich dieser Neuausgabe eigentlich fällig gewesen.

Autor

Clifford Donald Simak wurde am 3. August 1904 in Mil(l)ville, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates Wisconsin, geboren. Naturwissenschaft und Journalismus waren seine frühe und lebenslange Leidenschaft. Simak studierte an der Universität von Wisconsin und wurde 1922 zunächst Lehrer. 1929 wagte er den Absprung und wurde für diverse Zeitungen des Mittelwestens tätig. Ab 1939 war er fest beim „Minneapolis Star“ angestellt, wo er bis 1976 blieb und u. a. die Wissenschaftsbeilage betreute.

Der junge Simak war von den Science-Fiction-Magazinen fasziniert, die in den 1920er Jahre erschienen. Er wurde bald selbst schriftstellerisch aktiv. Eine erste Kurzgeschichte erschien 1931 in Hugo Gernsbacks „Wonder Stories“. 1938 wechselte Simak als Autor zu „Astounding Science Fiction“. Unter dem charismatischen Herausgeber John W. Campbell jr. (1910-1971) begann er seine eigene Stimme zu finden. In den nächsten Jahren entstanden jene Storys, die 1952 zum „City“-Zyklus zusammengefasst wurden.

Obwohl Simak zu den Gründervätern der Science Fiction gezählt wird, begann seine eigentliche Karriere erst nach dem II. Weltkrieg. Der Autor sperrte sich gegen aktuelle Modeströmungen und blieb ‚seiner‘ SF treu. Einfache Männer bilden seine Hauptfiguren: Handwerker, Journalisten, Lehrer, oft am Rande der Gesellschaft lebend, etwas verschroben aber aufgeschlossen, tolerant und neugierig (sowie in der Regel begleitet von einem Hund). Gern lässt Simak das Fremde in den vertrauten Landschaften des Mittelwestens auftauchen, wo außerhalb der großen, anonymen Städte Männer und Frauen in übersichtlichen Gemeinschaften leben und gesunder Menschenverstand allemal über weltfremdes Spezialistentum gestellt wird.

Mit seinen ‚pastoralen‘ SF-Werken schuf sich Simak eine literarische Nische, in der er sich behaglich einrichtete. Selbst die eifrigen und manchmal eifernden Vertreter der „New Wave“, die Ende der 1960er Jahre der SF grundlegende neue Impulse gaben, ließen ihn in Ruhe. Schon 1973 wurde Simak in die „Science Fiction Hall of Fame“ aufgenommen. In den 1970er Jahren erweiterte er sein Repertoire und verfasste erfolgreiche Fantasy-Romane. Erst sein Tod am 25. April 1988 in Minneapolis setzte dieser erstaunlichen, fast sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere ein Ende.

Taschenbuch: 412 Seiten
Originaltitel: City (New York : Ace Books 1981)
Übersetzung: Tony Westermayr u. Ulrich Thiele
http://www.randomhouse.de/heyne

eBook:450 KB
ISBN-13: 978-3-453-52628-0
http://www.randomhouse.de/heyne

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