Souhami, Diana – Selkirks Insel. Die wahre Geschichte von Robinson Crusoe

Ein (Seefahrer-) Leben im frühen 18. Jahrhundert: England befindet sich im Krieg mit Spanien, der auch auf den Weltmeeren ausgetragen wird. Mittel- und Südamerika sowie die Südsee und die Karibik befinden sich fest in spanischer Hand. Der katholische König lässt gewaltige Gold- und Silbermengen aus seinen Kolonien pressen. Die schwer beladenen Schatzschiffe stechen den Engländern begehrlich ins Auge. Mit königlicher Billigung werden Kaperschiffe ausgerüstet, die den dickbäuchigen Galeonen entlang der südamerikanischen Küsten auflauern.

Eines davon ist im Jahre 1704 die „Cinque Ports“. Sie gehört zu einem Verbund von zwei Schiffen unter dem Kommando des Abenteurers William Dampier. Dieser entpuppt sich als führungsuntauglicher, ständig betrunkener, cholerischer Mann. Der Steuermann Alexander Selkirk, ein junger Schotte, ist selbst ein grober, jähzorniger Mensch, der hart mit Thomas Stradling, dem Kapitän der „Cinque Ports“, aneinander gerät, als sich die schlecht vorbereitete Kaperfahrt als Desaster erweist.

Stradling macht kurzen Prozess mit dem „Meuterer“. Er setzt Selkirk im September 1704 auf einer einsamen Insel aus – ein seinerzeit nicht ungebräuchliches Verfahren. San Fernando liegt mehr als 600 km vor der chilenischen Westküste im Pazifik. Der unversöhnliche Kapitän lässt seinen Widersacher dort allein zurück, was allerdings ungewöhnlich grausam ist.

Selkirk erlebt seine erste Zeit auf San Fernando im Schockzustand. Ohne sehr viel Ausrüstung, ist er völlig auf sich gestellt. Bald setzt sich der Lebenshaltungstrieb durch. Der einsame Mann stellt sich der Herausforderung einer wilden, aber nicht generell lebensfeindlichen Umfeld und meistert sie, indem er sich ihr nach und nach anpasst, statt sich gegen sie zu stellen. Vier Jahre und vier Monate überlebt Selkirk auf seiner Insel. Im Februar 1709 wird er vom Segler „Duke“ entdeckt und gerettet.

Erst 1711 kehrt er zurück nach England und nimmt sein Leben wieder auf. Seine niedergeschriebene Geschichte sichert ihm eine gewisse Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Der Seefahrt bleibt er verbunden; trotz seiner Leiden zieht es ihn weiterhin in ferne Länder, wo er sein Glück sucht. Als er 1721 stirbt, geschieht dies auf einer weiteren „Geschäftsreise“ vor der afrikanischen Küste.

Immerhin kann Selkirk noch erleben, wie seine Geschichte sich in unsterbliche Literatur verwandelt: Sie dient dem Schriftsteller Daniel Defoe (1660-1731) als Vorlage für seinen Roman „Robinson Crusoe“ (1719). Ob sich Verfasser und Vorbild jemals persönlich getroffen haben, wird angenommen, ist aber nicht belegt.

Selkirks Biografie, die sich verständlicherweise auf jene vier Jahre vier Monate konzentriert, die er auf „seiner“ Insel hauste, ist hinter Defoes Roman lange verschwunden. Diana Souhami ist nicht die Erste, die sich bemüht hat, die Wahrheit hinter der Legende zu rekonstruieren. Die Autorin ist aber tiefer als ihre Vorgänger in die Archive der seefahrenden Welt hinabgestiegen und hat alte Logbücher, Berichte, Akten usw. gelesen und ausgewertet.

Wieder erstanden ist auf diese Weise nicht nur das Schicksal des Alexander Selkirk. Souhami entwirft ein Panorama des Seelebens um 1700, das wiederum einen wichtigen Aspekt des historischen Alltags mit seinen heute exotisch, ja barbarisch anmutenden Gesetzen und Regeln, Sitten und Bräuchen darstellt.

Diese versunkene Welt wird andererseits nicht in allen angelesenen Details vor uns ausgebreitet (oder breit getreten). Souhami hat ihren Stoff im Griff und verfügt über die Selbstdisziplin mit den Fakten zu arbeiten. Sie wählt aus, interpretiert, wertet, führt ihre Leser straff durch die Geschichte. Die Chronologie ist eine grobe, Zeitsprünge kommen vor. Kurze Kapitel werfen Schlaglichter auf manchmal dem Zusammenhang fremd wirkende Aspekte. Insgesamt fügen sie sich zum Gesamtbild: Selkirks Welt.

Das Kernstück der Darstellung bilden natürlich Selkirks Inseljahre. Ein Leben als „Aussteiger“ direkt am Busen der Natur hatte für den Zeitgenossen rein gar nichts Lockenswertes an sich. Die Wildnis hieß nicht umsonst so; sie galt als erschreckender Ort, den es zu „zähmen“, zu „kultivieren“ galt, bevor er menschenwürdig wurde. Dabei ermöglichten ein mildes Klima, Wasser, essbare Pflanzen und Tiere Selkirk durchaus ein erträgliches Auskommen – Souhami beschreibt die Insel und ihre Bewohner und vermittelt uns ein anschauliches Bild dieser exotischen Pazifikwelt.

Nicht zu leugnen sind Selkirks Einsamkeit und Ängste. Ein Mensch wird buchstäblich mutterseelenallein ausgesetzt und muss mit seiner fremden Umwelt, aber auch mit sich selbst leben. Diesen schwierigen Prozess fasst Souhami in Worte, die den Rahmen eines Sachbuches sicherlich verlassen und ins Romanhafte spielen. Selkirk selbst hat sich über sein Innenleben während des Exils nur ansatzweise bzw. mit dem Pathos seiner Zeit geäußert, so dass hier Vermutungen wohl statthaft sind. Auf jeden Fall ist Souhami zuzustimmen, die in Selkirk einen rauen, schurkenhaften und dadurch auch unempfindlichen und lebenstüchtigen Zeitgenossen sieht, der ganz sicher nicht wie sein geistvolles Spiegelbild Robinson Crusoe hochmoralischen Gedanken nachhängt – er verfügt nicht über den entsprechenden Intellekt und es bleibt ihm schlicht auch keine Zeit dafür in seinem Überlebenskampf. (Außerdem fällt Robinson nicht sexuell ausgehungert über die Ziegen seiner Insel her, wie Souhami es Selkirk unterstellt …)

Souhami rekonstruiert auch Selkirks Leben nach dem Inselaufenthalt. Die Rückkehr in die Zivilisation ist gleichzeitig die Rückkehr in alte Schwierigkeiten. Seine Charakterfehler hat Selkirk keineswegs überwunden. Rasch verwandelt er sich zurück in einen rauen, rücksichtslosen Gesellen, der alles vergisst, was er auf seiner Insel gelernt haben könnte. Sein Ende ist ebenso zeittypisch wie banal; ein Happy-End gibt es nicht.

Das letzte Kapitel beschreibt den Besuch der Verfasserin auf der heutigen Insel San Fernando (die aus touristischen Gründen in „Robinson-Insel“ umgetauft wurde …). Viel gibt es nicht mehr zu sehen von Selkirks Insel, die sich in drei Jahrhunderten stark verändert hat. Nie siedelten viele Menschen auf der Insel, doch sie haben sie nach Menschenart wahrlich „kultiviert“, d. h. die einzigartige Fauna und Flora nach Kräften ausgebeutet und zerstört. Erst heute wird Selkirks Insel, die ein wirklich ungastlicher Ort geworden war, naturgeschützt, was der Autorin Gelegenheit zu allerlei klugen philosophischen Exkursen über die Rätselhaftigkeit der menschlichen Natur gibt. (Von einer interessanten Reise auf die heutige Robinson-Insel berichtet übrigens http://www.ini.unizh.ch/~tobi/alex/alex.html.)

Diana Souhami ist eine überaus aktive Schriftstellerin, die Theaterstücke und Drehbücher für Radio und Fernsehen verfasst. Darüber hinaus ist sie durch ihre zahlreichen, von der Kritik hoch gelobten Bücher bekannt geworden. „The Trials of Radclyffe Hall“ wurde für den James Tait Black Prize for Biography vorgeschlagen und gewann den US Lambda Literary Award. „Mrs. Keppel and Her Daughter“, „Greta and Cecil“, „Gluck: Her Biography“ sowie das auch auf deutsch erschienene „Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Zwei Leben – eine Biografie“ wurden Erfolge. Für „Selkirks Insel“ erhielt Diana Souhami 2001 den renommierten britischen Whitbread-Preis in der Kategorie „beste Biografie“.

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