Speit, Andreas (Hrsg.) – Ästhetische Mobilmachung – Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien

Neben der klaren rassistischen und faschistischen Musikkultur – wie dem Neo-Nazi-Skinhead-Rock – hat sich in den letzten Jahren etwas etabliert, das nicht einzuordnen zu sein scheint. Die Gothics (vormals Gruftibewegung genannt) gerieten sehr schnell aus dem Fahrwasser der Satanistenvorwürfe in den Bereich der rechtsradikalen Mythen. Vor allem der Neofolk-Bereich ist davon betroffen, denn gerade die romantischen Lagerfeuerklänge und ihre Bezüge zur Naturreligion und Mystik geben Anlass, darüber Vermutungen anzustellen und zu recherchieren. Innerhalb der Gothic-Szene entstand schon vor Jahren die Gruftie-gegen-Rechts-Bewegung, die das alles sehr genau im Auge behält. Nun hat sich eine Reihe von Autoren aus dem Antifa-Bereich die Mühe gemacht und zeigt diese ganzen Verstrickungen schonungslos auf.

In einer recht netten Weise wird zuerst versucht, dem Leser den Durchblick zu verschaffen über die Entwicklung innerhalb des völlig unüberschaubaren Gewirrs der modernen Musik der schwarzen Szene. Dies sorgt auch für Überraschungen beim Lesen, woher das alles eigentlich kommt und seine Wurzeln hat. Der Autor hat viel entdeckt und sehr genau nachgedacht, aber er vergisst dabei, dass das nur eine sehr individuelle unter vielen möglichen Sichtweisen ist. Dennoch ein interessanter Einstieg.

In den anderen Kapiteln des Buches geht es dann aber richtig zur Sache, denn es gilt ja, die Rechtsradikalität nachzuweisen, die von der eigentlich unpolitischen Szene viel zu unreflektiert toleriert würde. Festzumachen ist das im Grunde nur an der besonderen Ästhetik, die auch im Faschismus zum Tragen kam. Es wird nicht toleriert, dass das alles Stilmittel des künstlerischen Ausdrucks sein könnten und was bei Gruppen wie KISS mit ihren SS-Runen im Namenszug, bei Hakenkreuz-T-Shirts der SEX PISTOLS, selbst in den Anfängen des Industrial noch als Protestausdruck durchging, findet hier nun keinerlei Verständnis mehr. Denn wenn genau nachgeschaut wird, entdecken die Antifa zu viele Zusammenhänge, die nicht so einfach unbeachtet bleiben können. Interessant ist, dass grundlegend von den angeprangerten Bands allesamt diese Vorwürfe dementiert werden, was aber keinerlei Beachtung findet. Das “Who is Who” in der Szene scheint zu gewichtig und die Art und Weise, wie das verpackt wird, ähnelt frappierend den ganzen Verschwörungstheoriebüchern, die eigentlich meist dem rechten Lager zugeschrieben werden.

Zwischen der Arbeit von links und rechts gibt es anscheinend keine wirklich grundlegenden Unterschiede mehr. Aber so etwas zu behaupten, sähe in den Augen der Autoren sicherlich auch schon sehr nach rechtsradikalen Ansichten aus, denn das ist eine Aussage, wie sie die “Neue Rechte” in ihrem Kulturverständnis nicht anders verwendet.
Einwandfrei als Nazis ausgemacht werden dann vor allem wieder Death in June und deren Neofolkfamilie – Kollaborateure genannt – Sol In Victus, Current 93, Ostara etc. und vor allem auch die in den letzten Jahren dazu gekommenen deutschen Bands wie Orplid, Forseti und andere. Als Hauptorgan der rechten Musikszene wird das in Dresden erscheinende “Zinnober” (vormals Sigill) und das damit verbundene “Eis und Licht”-Label ausgemacht und ausführlichst behandelt. Immerhin sind im Buch auch die Stellungnahmen dieser ausgemachten “Bösewichte” relativ unzensiert enthalten und in diesen wird auch klar, dass sich von Politik, sei es von rechts wie von links, eindeutig distanziert wird.

Aber: alles was da so behauptet wird, wird halt nicht geglaubt. Punkt. Die Beweisführung geschieht über Vernetzung und Nennung von Namen und Personen und das sollte nach Ansicht der Antifa doch wohl reichen. Wie man an den vielen Dementis der Angeprangerten sieht, nützt aber solche Kommunikation gar nichts, denn gleichgültig, wie man sich erklärt, die Autoren sind festgefahren und lassen sich von ihren Ansichten nicht abbringen. Sicherlich gibt es einige wirklich “braune Schafe” in der Szene, aber es sind zu viele, die zu “blauäugig” dem rechten Lager und der rechten Esoterik zugeordnet werden, bei denen das – sogar mehrheitlich – einfach nicht zutrifft. Ebenso ausführlich wie Death in June und Sigill in ihren jeweils eigenen Kapiteln sind auch CD-Compilations ausführlich dargestellt mit Coverbeschreibungen, mystischen konservativen Hintergründen, Songtexten und natürlich dem Background der einzelnen Bands. Ein einziges Kapitel im Buch – “Synergie-Effekte” – hat dagegen Niveau und dort werden die vermuteten Pläne und Konzeptionen der “Neuen Rechten” gesellschaftspolitisch genauestens untersucht. Das hat was und ist bedenkenswert. Aber auch dort steht die vorgefasste Meinung fest. Z.B. kann Stefan Ulbrich vom Arun-Verlag ausführlich seine Position zur “Rechten” darstellen und sich abgrenzen mit seinem Kulturverständnis gegenüber einer morbiden ewiggestrigen und menschenverachtenden Stoßrichtung, und offensichtlich ist das was er sagt, in keinem Sinne dem zuzurechnen, was auch nur in irgendeiner Weise dem entspricht, was man gemeinhin unter rechtsradikal einordnen kann. Wer allerdings mal in seiner Jugend der “Wiking-Jugend” angehörte und auch noch in der “Jungen Freiheit” schrieb – ungeachtet welchen Tenor das hatte – kann viel erzählen, bis die Sonne untergeht. Abgeschlossen wird das Buch mit der “Neuen Deutschen Härte” wie sie von Rammstein, Joachim Witt und Co. vertreten werden. Selbst, sich als Wähler der Grünen und PDS zu outen wie im Falle Witt nützt dann nichts mehr. Faschist ist eben Faschist – ungeachtet was man eigentlich im Leben so tut.

Bücher wie dieses sollten dennoch gelesen werden, es ist wichtig, sich damit auseinander zu setzen und auch immer zu hinterfragen, was dran sein könnte. Aber dabei auch offen bleiben können und bereit sein, seine vorgefertigte Ansicht zu ändern. Dem mangelt es angesichts des scheinbar so überwältigenden Faktenmaterials. Bedenklich ist die Wirkung solcher Bücher allerdings auch, denn sie schaffen Feindbilder und Bedrohungen. Ein gewalttätiger Faschismus wird den geschilderten Musikern nicht mal unterstellt, aber bei manchen Lesern solcher Bücher herrscht eine Gewaltbereitschaft, die ängstigend ist. So kam es in diesem Jahr von Seiten der Antifa und durch die “Aufklärung” der Grufti-gegen-Rechts-Sektion auf dem jährlichen Gothic-Festival zu Pfingsten in Leipzig erstmals zu Vorfällen, die viel mehr dem Nazi-Faschismus entsprechen als umgekehrt behauptet wird. Wahllos wurden einzelne private Konzertbesucher von Neofolk-Veranstaltungen auf ihrem Nachhauseweg abgegriffen und zusammengeschlagen. Einige davon mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Das ist eine gefährliche Entwicklung, der genauso mit Information und Aufklärung begegnet werden muss, wie es diese vermeintliche “Antifa” seit Jahren tut. Es reicht nicht, einfach wegzuschauen und abwinkend festzustellen, dass diese unverbesserlich wären.

Berthold Röth
für die [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de