Daniel Stashower – Sherlock Holmes und der Fall Houdini

Das geschieht

Im April des Jahres 1910 steht das britische Empire auf dem Gipfel seiner Macht. Doch die Regierung weiß um die anstehenden Umwälzungen, die vor allem das aufstrebende Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. in den Kreis der Weltmächte drängen lassen. Diplomaten und Spione geben sich im Parlament und bei Hofe die Klinke in die Hand. Zu allem Überfluss lässt der fragile Gesundheitszustand des Königs sein rasches Ende erwarten. Seinem Sohn ist Edward leider nur als Weiberheld ein Vorbild gewesen. Kronprinz George konnte sich keinen unpassenderen Zeitpunkt für seine Liason mit der deutschen Gräfin Valenka aussuchen. Er hat ihr allerlei Briefe geschrieben, die ihn, den baldigen König George V., zu kompromittieren drohen.

Denn man hat sie gestohlen – aus dem hermetisch verschlossenen Tresorraum von Gairstone House, einem Landsitz der Regierung außerhalb Londons! Für Scotland Yard, hier vertreten durch Inspektor Lestrade, steht der Täter fest: Im Savoy-Theater tritt der Illusionist Harry Houdini auf, der als Ausländer ohnehin verdächtig ist sowie sich als Entfesselungskünster weltweit einen Namen gemacht hat. Indizien lassen auf eine Täterschaft des Künstlers schließen. Also setzt Lestrade Houdini fest. Glücklicherweise hat dessen Gattin Beatrice kurz zuvor den bekannten Detektiv Sherlock Holmes engagiert.

Holmes setzt seine Ermittlungskünste daran, Houdinis Unschuld zu beweisen. Mycroft Holmes, ein hoher Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, befiehlt seinem Bruder (vergeblich), den Fall fallen zu lassen. Im Savoy-Theater findet man die Leiche der Gräfin Valeska. Spione belauern Holmes und Watson: ein Durcheinander so recht nach dem Herzen des Detektivs, der sich seiner ganzen Deduktions- und Verkleidungskunst bedienen, manche Pfeife schmauchen und sogar ein Flugzeug steuern muss, bevor er die Lösung des vertrackten Falls präsentieren kann …

Die wundersame Vermehrung der Holmes-Geschichten

In drei Jahrzehnten hat Arthur Conan Doyle (1859-1930) insgesamt vier Romane und 56 Kurzgeschichten um Sherlock Holmes & Dr. John H. Watson verfasst. Er ließ sie zwischen ca. 1885 und 1914 spielen, eine Zeitspanne, die in der realen Welt durch tief greifende politische, gesellschaftliche oder künstlerische Umwälzungen gekennzeichnet wurde.

Diese fanden in Doyle Holmes-Erzählungen freilich nur am Rande oder gar nicht statt: Die Realität war für Doyle in diesem Zusammenhang wenig relevant. Er verzichtete dadurch auf ein Stilmittel, das er zu seiner Zeit nicht als solches erkannte bzw. ignorierte: Holmes-Abenteuer lassen sich publizistisch aufpeppen, wenn man „name dropping“ betreibt und den Detektiv mit berühmten (oder berüchtigten) Zeitgenossen konfrontiert. In einer Zeit, die Doyles Zurückhaltung nicht mehr kennt, ist er inzwischen gemeinsam mit Jack the Ripper, Sigmund Freud, H. G. Wells, dem tibetischen Dalai Lama oder Dracula aufgetreten; die Liste ist nicht einmal annähernd vollständig.

Solche Begegnungen können durchaus reizvoll wirken, wenn sie sich nicht auf das Sensationelle ihrer ‚Tatsache‘ beschränken. Daniel Stashower hat dies beherzigt. Harry Houdini ist ein integraler Bestandteil des hier vorliegenden Romans. Er stellt seine Taten und Worte in den Dienst der Handlung, die – das ist ein deutliches Indiz für ihre Qualität – auch ohne ihn funktionieren würde. Soll heißen: Verfasser Starshower könnte Houdinis Missgeschick auch einem anderen Magier zustoßen lassen. Er würde damit nur auf den Prominentenbonus verzichten, den ihm Houdinis Namen liefert. (Wobei die Frage im Raum steht, ob jüngere Leser überhaupt wissen, wer Harry Houdini war …)

Gut variiert statt schlecht selbst ausgedacht

In der Tat bietet „Sherlock Holmes und der Fall Houdini“ eine ‚neue‘ Holmes-&- Watson-Story mit den alten Qualitäten: nostalgische Krimikost im historischen (oder besser historisierenden) Gewand, wie sie Arthur Conan Doyle selbst zubereitet haben könnte – allerdings der Doyle der späteren Jahre, der sich emotional von seinem Meisterdetektiv längst gelöst hatte und neue Storys vor allem deshalb schrieb, weil man ihn fürstlich dafür entlohnte. Die Holmes-Erzählungen der 1910er und 20er Jahre stellen Variationen der frühen Geschichten dar, die für die Holmes-Saga wenig oder gar nichts Neues bringen.

Auf dieser Schiene bewegen sich auch die meisten Holmes-Geschichten nach Doyle: bloß keine Experimente! „Sherlock Holmes und der Fall Houdini“ ist da keine Ausnahme. Der Plot ist solide aber keinesfalls originell. Er besteht im Grunde aus den Elementen der alten Holmes-Stories, die für diesen Roman leicht variiert und neu zusammengesteckt wurden. Man muss freilich einige Vorkenntnisse in Sachen Holmes mitbringen, um dies zu bemerken.

Auch sonst stört es nicht, wenn man sich von dem Gedanken freimacht, dieses Buch trüge etwas Eigenes zum Mythos bei. Solche Holmesiana gibt es durchaus: Michael Dibdin nannte seinen Beitrag 1978 nicht ohne Grund „The Last Sherlock Holmes Story“ (dt. „Der letzte Sherlock-Holmes-Roman“, 1980); nach dem von ihm ausgetüftelten Finale war eine Fortsetzung wirklich nicht mehr möglich. (Allerdings hat der Mythos auch diesen Schlag letztlich mühelos eingesteckt.)

Gleichwertige Partner und Kontrahenten

Was für die Story gilt, ist für die Figuren sogar noch strenger zu beachten: Sherlock Holmes muss Sherlock Holmes, Watson muss Watson, sogar Lestrade muss Lestrade bleiben. Also bleibt der Detektiv dazu verdammt, Frauen im besten Fall skeptisch gegenüberzutreten, zur Aufhellung depressiver Stimmungen Geige zu spielen, grässlichen Knaster zu rauchen oder zum x-ten Male auf Händen und Füßen über spurenverdächtiges Gelände zu krabbeln. Watson gibt natürlich erneut den treuen aber geistig dem Meister unterlegenen Chronisten; so hat ihn Doyle einst konstruiert, um Holmes’ Licht umso heller strahlen zu lassen.

Zwar ist Harry Houdini im Gegensatz zu Holmes & Co. eine reale Gestalt. Allerdings starb er im Jahre 1926; seine Karriere fällt damit in eine Zeit, in der für die Mehrheit der heutigen Leser noch Dinosaurier lebten. Verfasser Stashower musste sich daher nur an wenige Eckdaten der Houdini-Biografie halten. Vor allem profitierte er jedoch von dem Ruf, dessen Houdini sich erfreute: Er war ein früher „Showman“, der sehr genau wusste, dass eine gelungene Selbstvermarktung mindestens ebenso wichtig ist wie ausgefeilte Zaubertricks. Houdini war ein Meister beider Fächer, wobei er als Publizist der eigenen Person bemerkenswert selbstbewusst auftrat und keinerlei Furcht vor Übertreibungen an den Tag legte.

Dieser Charakterzug wird von Stashower selbstverständlich dankbar aufgegriffen. Sein Houdini hat sich quasi selbst erschaffen; ob er mit der echten Person mehr oder weniger deckungsgleich ist, bleibt absolut nebensächlich. Auf diese Weise reiht sich Houdini nahtlos in das übrige Ensemble ein und trägt redlich seinen Teil dazu bei, eine eher nostalgische als aufregende Geschichte gut über die Runden zu bekommen.

Doppelungen und Parallelitäten

Die deutsche Ausgabe gefällt zusätzlich durch ein Nachwort von Michael Ross, der den Roman auch (durchweg lesbar) übersetzt hat. Kundig ordnet Ross „Sherlock Holmes und der Fall Houdini“ in die inzwischen fast endlose Reihe der Werke ein, die nach Arthur Conan Doyles Tod entstanden und den weiterhin vorhandenen Hunger des lesenden Publikums nach neuen Holmes & Watson-Geschichten stillen möchten. Unter anderem weist Ross auf ein Werk hin, das nach „Sherlock Holmes und der Fall Houdini“ (erschienen immerhin bereits 1985) veröffentlicht wurde und ebenfalls den Meistermagier in ein Verbrechen verwickelt: „Escapade“ von Walter Satterthwait (1995; dt. „Eskapaden“) konfrontiert Houdini allerdings nicht mit Sherlock Holmes, sondern mit dessen geistigen Vater Arthur Conan Doyle. Es ist das definitiv gelungenere Buch, welches sich der Freund des ‚historischen‘ Kriminalromans keineswegs entgehen lassen sollte.

In „Sherlock Holmes und der Fall Houdini“ schlüpfe man wie in alte, bequeme Pantoffel: Sie passen perfekt, es gibt keine Überraschungen, Erholung ist sicher. Das ist nicht abfällig gemeint, denn Stashower hat seinen Job gut getan und die Holmes-Magie, die es unbestritten gibt, zieht wieder einmal in ihren Bann.

Autor

Daniel Stashower arbeitet hauptberuflich als Journalist. Als Buchautor ist er auf Historienkrimis spezialisiert. 1985 ließ er Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes auf den Entfesselungskünstler Harry Houdini (1874-1926) treffen. Vier Jahre später schrieb Stashower die Fortsetzung „Elephants in the Distance“. Zwischen 1999 und 2001 folgten drei Romane, die Harry Houdini selbst in den Mittelpunkt stellten.

Bekannt wurde Stashower darüber hinaus als Sherlock-Holmes-Spezialist. Er gab mehrere Anthologien mit neuen Holmes-Storys heraus und schrieb mit „Teller of Tales“ 1999 eine Biografie von Sir Arthur Conan Doyle. Mit seiner Familie lebt Stashower in Bethesda, US-Staat Maryland.

Taschenbuch: 221 Seiten
Originaltitel: The Adventure of the Ectoplasmic Man (New York : William Morrow 1985)
Übersetzung: Michael Ross
http://www.luebbe.de

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