Stephen King – Danse Macabre. Die Welt des Horrors

Inhalt:

In zehn Kapiteln erklärt Autor Stephen King das Wesen des Horrors, der für ihn seit jeher die Ängste des Alltags widerspiegelt. Als Einstieg dient ihm die Erinnerung an eine dramatisch unterbrochene Kinovorstellung des Oktobers 1957, als der geschockte Manager ihn und das übrige Publikum darüber in Kenntnis setzte, dass die Sowjetunion – Heimat aller Übel, die den USA den Lebenssaft aussaugen wollten – soeben einen Satelliten ins Weltall geschossen hatten; die stillschweigend zu ziehende Schlussfolgerung lautete, dass nun die Russen quasi auf dem Dachfirst saßen und das Ende nahe war: 1957 die perfekte Definition der Verknüpfung zwischen Horror und Realität.

In „Geschichten vom Haken“ vertieft King das Prinzip eines Horrors, der vor allem im Kopf des Betrachters, Hörers oder Lesers wurzelt. Andeutungen genügen, um dessen Hirn in Gang zu setzen. Es produziert dann automatisch einen speziell auf seinen Besitzer zugeschnittenen Schrecken, der eine Intensität erreicht, die kein Schriftsteller oder Filmemacher in dieser Macht hervorrufen könnte. Erklärungen für das Wie und Warum dieses Prozesses schließen diese Lektion ab. Sie werden erneut aufgegriffen im Kapitel „Radio und die Kulisse der Wirklichkeit“, in dem King seine Hypothese am Beispiel eines Mediums erläutert, das die Kunst der überzeugenden Andeutung perfektionieren musste und perfektioniert hat.

Die „Geschichten vom Tarot“ greifen auf die Literaturgeschichte zurück. King beschäftigt sich mit den drei Archetypen des Horrors, die er anhand der jeweils wichtigsten Werke markiert: „der Andere“ = der Außenseiter, der Fremde, das Monster (Mary W. Shelley, „Frankenstein“), „der Vampir“ = der lebende Tote (Bram Stoker, „Dracula“), „der Werwolf“ = die Kreatur aus der Dunkelheit der Seele (Robert L. Stevenson, „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“).

Zwischen „Text und Subtext“ differenziert King auch in den Kapiteln „Der moderne amerikanische Horror-Film“ und „Der Horror-Film als Billigfraß“. Hier bricht er u. a. für den Horror-Trash, für Gore & Splatter eine Lanze, denen er die gleiche Bedeutung zubilligt wie der etablierten Film-Kunst, weil auch das übelste Machwerk an jene Saiten der Seele rühren kann, die den wahren Horror in der Definition Stephen Kings zum Klingen bringen. Dagegen ist Kings Meinung zum TV-Horror, die er in „Die Mattscheibe, oder: Dieses Monster brachte Ihnen Gainesburgers“ zur Sprache bringt, nicht nur kritisch, sondern vernichtend.

Den literarischen Horror illustriert King anhand zehn exemplarisch ausgewählter Bücher, wobei er wie unkonventionell bleibt und anerkannte Klassiker wie Shirley Jackson „Spuk in Hill House“ oder Ira Levins „Rosemarys Baby“ neben eher unbekannte oder obskure Werke wie James Herberts „Unheil“ oder Harlan Ellisons Storysammlung „Strange Wine“ stellt.

In „Der letzte Walzer – Horror und Moral, Horror und Magie“ befasst sich King abschließend mit der Frage, ob und in welchem Maße der literarische, filmische etc. Horror die ‚Schuld‘ an realen Gräueln trägt, deren Verursacher sich auf entsprechend anregende Vorbilder berufen.

Ein Spezialist erklärt sein Genre

Im Jahre 1978 stand Stephen King vor seinem Durchbruch als Schriftsteller. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht ahnen, welches Ausmaß sein Ruhm und vor allem die Verkaufszahlen seiner Bücher in den folgenden Jahren erreichen würden. Der junge King hatte deshalb ein offenes Ohr für seinen damaligen Verleger, der ihm, dem vielversprechenden, aber noch jungen Pferd in seinem Autorenstall, einen Vorschlag machte: Als neuer Star am Horror-Himmel sollte King eine Abhandlung über das Unheimliche in seinem (damals) gesamten Spektrum – Buch, Comic, Film, Radio, Fernsehen – schreiben.

Absurd war der Gedanke nicht. Zum einen sollte das später „Danse Macabre“ genannte Werk kein Fachbuch werden, das akademischen Ansprüchen genügen musste, sondern populärwissenschaftlich und allgemeinverständlich gehalten sein. Zum anderen war Stephen King durchaus prädestiniert für diese Aufgabe. Seit frühester Jugend liebte er den unterhaltsamen Horror in allen Spielarten. Mit der gesunden Neugier des wahrhaft Wissbegierigen hatte er Berührungsängste vor ‚Schund‘ und Trash gar nicht erst aufkommen lassen: Der junge Stephen sah, las und hörte alles voller Neugier.

Bald begann er, sich Gedanken über das zu machen, was ihm so große Freude bereitete. Auf dem College lernte King, wie man Fakten sammelt, auswertet und präsentiert. (Die Fans wissen selbstverständlich, dass der Meister seine berufliche Laufbahn als Universitätsdozent begann. Dass er damit ziemlich erfolglos blieb, war wohl nicht seine Schuld. Schlecht kann er nicht gewesen sein, wenn man „Danse Macabre“ als Maßstab für die Unterrichtsmethodik des Seminarleiters King nehmen werten möchte.)

Eine Stimme, die gehört wird

Ein Insider, der seine Arbeit reflektieren, in ihren thematischen Gesamtzusammenhang stellen und das Ergebnis auch noch verständlich ausdrücken kann, ist ein Geschenk für jene, die sich über das so präsentierte Thema informieren möchten. „Danse Macabre“ ist weit mehr als der Beweis für Kings immenses Wissen über die Welt und das Wesen des Horrors, sondern darüber hinaus ein Buch, das sich trotz seines eindrucksvollen Umfangs ebenso spannend wie ein King-Roman lesen lässt.

Kein Wunder: Weil ihn das Medium Sachbuch der Verpflichtung zu akademischer Sachlichkeit enthebt, kann King es sich leisten, seine Ausführungen mit autobiografischen Einsprengseln zu spicken. Bevor King Kult- und Klassikerstatus errang und seine Vita folgerichtig von diversen Biografen durchleuchtet wurde, bot dies eine frühe Möglichkeit, sich über diesen Mann bzw. sein Leben und vor allem seine Motive zu informieren. Heute, viele Jahrzehnte später, sind diese Passagen zwar bekannt, doch immer noch atmen sie Zeitgeist: Vor allem im Kapitel „Eine ärgerliche autobiografische Unterbrechung“ ‚hören‘ wir einen deutlich jüngeren Stephen King.

Tolles Buch mit großer Lücke

So lehrreich und unterhaltsam Kings Darstellung und seine Plaudereien über die Welt des Unheimlichen sich lesen, es bleibt nach der Lektüre eine Frage offen: Welchen Sinn ergibt „Danse Macabre“ heute? Entstanden ist dieses Buch im Jahre 1981, und es konzentriert sich auf die Periode von 1950 bis 1980, als deren Zeitzeuge King selbst auftritt. Zwar traut sich kein Verlag, es im 21. Jahrhundert unverändert neu aufzulegen. (Dies wurde wohl nur dem deutschen Publikum mit der Neuausgabe von 2000 zugemutet.) Der Verfasser ist allerdings längst reich und berühmt genug, dass er sich die Arbeit, sein Werk von Grund auf zu überarbeiten, zu aktualisieren und zu ergänzen, nicht mehr antun muss.

King wollte dies jedenfalls nicht und beschränkte sich darauf, ein Essay zur (US-) Neuausgabe (von 2010) zu verfassen („What’s Scary“), das der deutschen Ausgabe als Vorwort („Was Angst macht“) vorgeflanscht wird. King umreißt kurz, was 1981 seine Intention war, um dann diejenigen Horrorfilme Revue passieren zu lassen und zu kommentieren, die ihn seither fesseln konnten, um nach gerade einmal 35 Druckseiten zu dem Schluss zu kommen, dass seine grundsätzliche Hypothese weiterhin gilt: „Eine gute Horrorgeschichte funktioniert auf symbolischer Ebene und greift auf fiktionale (und gelegentlich übernatürliche) Ereignisse zurück, um uns beim Verstehen unserer eigenen tiefen echten Ängste zu helfen.“ (S. 15)

Unterhaltend ja, informativ – nun ja

Damit liegt er sicherlich richtig, zumal dies keine revolutionäre Erkenntnis ist. Doch drei Jahrzehnte sind eine kleine Ewigkeit, wenn sie in der populärkulturellen Welt verstreichen. Die Zeit ist nicht stehen geblieben, und sie lässt sich nicht auf 35 Seiten einholen. Ob gedruckt oder gedreht – die Historie des Horrors hat sich seit 1980 mehr als nur entwickelt. Dieser hat einige gänzlich neue Wege eingeschlagen und ist zudem digital geworden. King verliert darüber kein Wort.

Auch über Bücher, Comics und neue Autoren, die den Horror nach 1981 prägten, schweigt er sich aus. Womöglich interessiert ihn ihre Existenz in seinem Alter nicht mehr; im Vorwort verleiht King seinem Verdruss über (tatsächliche oder empfundene) Wiederholungen und Remakes mehrfach Ausdruck, was nichts daran ändert, dass sie zur Historie des Horrors gehören.

Schließlich haben viele Schlussfolgerungen, die King einst guten Gewissens und nicht selten genial gezogen hat, in der Zwischenzeit Neubewertungen erfahren. So hat der von King gescholtene weil „zu brave“ TV-Horror sicherlich einen Quantensprung erfahren. Aber auch, was wie Kings Überlegungen zur Moral des Horrors seine Gültigkeit behalten hat, wird mit Beispielen verdeutlicht, die zumindest dem heutigen ‚Normal-Leser‘ fremd sind. 1981 war das Wissen um Fernsehserien oder Autokino-Filme der fünfziger bis siebziger Jahre Allgemeingut. Heute kennt oft nur noch eine kleine Schar von Zeitgenossen oder historisch interessierten Fans der Titel, mit denen King jongliert.

Was von King kommt, geht immer

Es ist müßig darüber zu spekulieren, wieso ein nur marginal aktualisiertes und weiterhin veraltetes Buch neu aufgelegt wird: Sein Autor heißt Stephen King, und der gehört heute ebenso zu den Stars der Horror-Szene wie 1981. Die seither (bzw. seit der deutschen Erstausgabe von 1988) herangewachsenen Fan-Generationen werden die Gelegenheit, ‚neue‘ i. S. bisher unbekannte Worte aus der Feder des Meisters zu lesen, begeistert wahrnehmen.

Wer sich mit den durch das Alter bedingten sachlichen Mängeln arrangieren kann und sich in erster Linie eines kingtypisch schwungvoll geschriebenen Buches erfreuen möchte, kann freilich angesichts der unbestreitbaren Unterhaltungsqualitäten und des vergleichsweise günstigen Preises mit dem Kauf dieser Version von „Danse Macabre“ keinen Fehler machen.

Autor

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen, wie man auch keine Eulen nach Athen trägt. Der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend genannt. Sie bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

Taschenbuch: 799 Seiten
Originaltitel: Danse Macabre (New York : Everest House 1981; erweiterte Neuauflage New York : Gallery 2010)
Übersetzung: Joachim Körber, Corinna Wieja
www.randomhouse.de/heyne

eBook: 1432 KB
ISBN-13: 978-3-641-05401-4
www.randomhouse.de/heyne

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