Sterling, Bruce – Brennendes Land

_Polit-SF: Alles ist machbar, lieber Nachbar!_

Dieser SF-Roman ist ein sehr witziges Buch für Leser, die zwischen den Zeilen zu lesen verstehen und die feine Ironie bemerken, die Sterling durchscheinen lässt. Natürlich geht es hier um Politik. Aber wie sich zeigt, geht es dieser Art von Politik um unser aller Zukunft.

„Distraction“ (Ablenkung) ist – besonders für Amerikaner – ein recht provokatives Buch, denn es stellt die allgemein verbreiteten Verhältnisse vollständig in Frage: öffentlich verwaltete Städte, Bundesfinanzierung, Bewegungsfreiheit zwischen den Staaten, Unterhalt der Streitkräfte – all dies gibt es nicht mehr, wohl aber untergegangene Inseln, Infokriege und die amerikanische Invasion der Niederlande …

Dieses Buch wurde mit dem Arthur C. Clarke-Preis als bester Roman des Jahres ausgezeichnet.

_Der Autor_

Bruce Sterling war der eigentliche Wortführer („Vincent Omniaveritas“) des Cyberpunk und neben William Gibson und Walter Jon Williams der wichtigste Autor dieser postmodernen Richtung der Science-Fiction. Seine Anthologie „Mirrorshades“ (dt. als „Spiegelschatten“, bei |Heyne| als Nr. 06/4544 erschienen) setzte seinerzeit Maßstäbe. Sie gilt als die beste und wichtigsten Anthologie der achtziger Jahre.

_Handlung_

Im November 2044 ist mal wieder Wahljahr. Der Zustand des Staatenverbundes der USA ist eine Farce. Die Bundesregierung ist pleite, die Städte gehören privaten Unternehmern, und das Militär betätigt sich als moderne Abart von Straßenbanditen an den Grenzen zwischen Bundesstaaten.

Washington, D.C., ist ein Zirkus, und keiner weiß das besser als Oscar Valparaiso, die schillernde Hauptfigur dieses Buches. Er ist der wichtigste Wahlhelfer eines Senators, den er nun erfolgreich ins Kapitol gebracht hat. Zusammen mit seiner zusammengewürfelten Truppe von Sicherheitsexperten, Praktikanten und Helfern lässt er die politische Botschaft seines Schützlings, eines ehemaligen Architekten, gut aussehen, und tatsächlich bekommt er später einen lukrativen Posten in einem Senatskomitee. Das heißt aber nicht viel, denn inzwischen macht nicht mehr der Kongress die Gesetze, sondern so genannte „Notstandsausschüsse“ – ein anderer Name für organisiertes Chaos.

Angesichts der Tatsache, dass alles den Bach runtergeht, versucht Oscar sein Möglichstes. Doch leider hat er eine „Leiche im Keller“: „War da nicht was mit Ihrem Vater, Valparaiso?“, hört er immer wieder und trägt’s mit Fassung. Sein Vater war eine Art Frank Sinatra: ein Schauspieler, der sich mit der Mafia einließ. Und Oscar selbst ist nicht ganz menschlich: Da er ein Klon aus einem illegalen kolumbinanischen Genlabor ist, kann er nicht mal wie andere Leute Geburtstag feiern.

Doch als ihn sein Senator nach Ost-Texas schickt, findet er in einem Forschungslabor des Bundes eine Verbündete: Dr. Greta Penninger ist eine talentierte Neurologin, die an der vordersten Front der Forschung arbeitet. Oscar modelt sie derartig um, dass sie zu einer Art Jeanne d’Arc der freien Wissenschaft wird.

Zusammen verbreitet dieses dynamische Duo eine sehr gefährliche Idee, deren Zeit gekommen ist (laut Victor Hugo gibt es nichts Mächtigeres!) und die den American Way of Life grundlegend verändern wird. Aber auch die Feinde der beiden sind auf den Trichter gekommen: jeder Technofreak, jeder Regierungsscherge und Laptop-Attentäter (es geht hier um den Infokrieg) in Amerika.

Ihr wichtigster Feind ist jedoch der Gouverneur des angrenzenden Louisiana, Green Huey, der sich das Labor gern selbst unter den Nagel reißen würde, um seine illegalen biotechnischen Experimente durchzuführen. Er ist der lebende Beweis, wie verrückt man dadurch werden kann.

Vielleicht überleben Oscar und Greta nicht, um die Änderung der Welt mitzuerleben, aber sie werden der Drehung der Welt auf jeden Fall einen Drall in eine neue Richtung verleihen.

_Mein Eindruck_

„Brennendes Land“ ist mehr als der futuristische Polit-Thriller, als den ihn der |Heyne|-Verlag vermarktet. Das Buch ist die verführerische, um nicht zu sagen: überzeugende Vision einer sozialen Umwälzung, die in ihren Ausmaßen ebenso biotechnisch wie philosophisch ist. Es schlägt genau dort zu, wo wir nicht hinschauen, weil wir es für das Normalste von der Welt halten: die Art und Weise, wie wir denken.

Für den Leser mit einer Antenne für neue, ungewöhnliche Ideen ist dieses Buch ein gefundenes Fressen. Fast auf jeder Seite verblüffte mich der Autor mit unerwarteten, aber gut fundierten Einfällen und Argumentationen. Literaturseminare fänden hier ebenso viel Stoff für Diskussionen wie Seminare der Politologen.

Die Lovestory zwischen Oscar und Greta mag zwar für den romantischen Geschmack zu kurz kommen, doch wirkt sie dadurch nie übertrieben oder gar abgeschmackt. Es ist typisch für Sterlings ironischen Humor, dass sich genau in jenem intensiven Gespräch, als Oscar seiner Greta einen Heiratsantrag macht (der prompt zurückgewiesen wird), herausstellt, dass beide durch eine biotechnische Waffe des verrückten Louisiana-Gouverneurs infiziert worden sind und außer Gefecht gesetzt werden.

Ich habe eingangs angedeutet, dass die USA die Niederlande erobern würden. Dies hat Präsident Two Feathers, ein amerikanischer Ureinwohner, veranlasst. Denn die Holländer führen mit den Amis schon seit langem einen Kalten Krieg. Die Bürger des kleinen Landes nehmen es den Bürgern des großen Landes sehr übel, dass sie einer der Hauptverursacher des Treibhauseffektes sind, in dessen Folge der Wasserpegel des Ozeans anstieg, der wiederum Holland großenteils unter Wasser setzte.

Wie man sieht, denkt Sterling die Entwicklungen, die wir aktuell staunend und ungläubig beobachten, konsequent zu Ende. Das Jahr 2044-45 ist ja nur noch zwei Generationen in der Zukunft. Und die Zukunft beginnt bekanntlich heute. Wir könnten die Hände in den Schoß legen und staunend zugucken, wie sie passiert. Oder wir könnten wie Oscar die Kunst des Machbaren, Politik, praktizieren. Alles ist machbar. Wir müssen es uns nur vorstellen können. Das ist meistens das Problem. Aber wozu haben wir denn Autoren wie Sterling?

|Die Übersetzung|

… von Norbert Stöbe (selbst ein SF-Autor) ist annehmbar und zutreffend, ja, stellenweise sogar richtig gelungen und im Ton treffsicher. Das kann man beileibe nicht von jeder Übersetzung behaupten.

|Originaltitel: Distraction, 1998|

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