Patrick Süskind – Das Parfum

Schaurig-schönes Kontrastprogramm

Die Suche nach der Essenz der Liebe treibt den Parfumeur Grenouille dazu, die schönsten Frauen in der Metropole der Parfümindustrie, in Grasse, zu töten, um ihren Duft zu gewinnen. Doch die schönste der Damen wird ihm von einem besorgten Vater vorenthalten. Aber wie lange noch?

„Im 18. Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden.“

So beginnt eines der bekanntesten deutschsprachigen Bücher – und es wurde erst anno 2006 von Tom Tykwer verfilmt, weil sich der geniale, aber keineswegs abscheuliche Autor jahrelang standhaft geweigert hatte, die Filmrechte an den Produzenten Bernd Eichinger zu verkaufen.

Der Autor

Patrick Süskind wurde 1949 in Ambach am Starnberger See geboren, hat in München und in Aix-en-Provence mittlere und neuere Geschichte studiert und seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Drehbüchern verdient. 1984 erschien sein Ein-Personen-Stück „Der Kontrabaß“, 1985 sein Roman „Das Parfum“, 1987 die Erzählung „Die Taube“ und 1991 „Die Geschichte von Herrn Sommer“. Die deutsche Auflage von „Das Parfum“ beträgt laut Verlag 4 Millionen, weltweit seien es 15 Millionen Exemplare. (Verlagsinfo)

Der Sprecher

Hans Korte, 1929 in Bochum geboren, stand schon als Kind auf der Bühne des Bochumer Schauspielhauses. Er war Ensemblemitglied an Bühnen in Frankfurt/Main und München. Im Fernsehen spielte er u. a. bei Dieter Wedel in „Der große Bellheim“ und bei Carlheinz Caspari in „Der Vater eines Mörders“. Korte wurde u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold und dem deutschen Schauspielpreis ausgezeichnet. (Verlagsinfo)

Korte liest die ungekürzte Textfassung. Regie führte Barbara Malisch. Für Aufnahme, Schnitt und Mastering war Detlef Fischer verantwortlich.

Handlung

Unter menschenunwürdigen Bedingungen kommt Jean-Baptiste Grenouille in Jahre 1738 auf einem Fischmarkt in Paris zur Welt. Ein außergewöhnliches Kind: ein Mensch ohne eigenen Geruch, aber versehen mit der sensibelsten Nase der Welt. Nach harten Lehrjahren lernt Grenouille den einst berühmten, aber inzwischen aus der Mode gekommenen Parfumeur Giuseppe Baldini kennen. Schnell übertrifft das Naturtalent seinen Meister in der Kunst des Duftmischens. Auf Baldinis Drängen muss Grenouille jahrelang in seinen Diensten bleiben, so lange, bis Baldini zum bedeutendsten Parfumeur Europas aufgestiegen ist.

Doch es gelingt ihm nicht, die Essenz eines Menschen einzufangen. Ein erster Annäherungsversuch an eine rothaarige Mirabellenverkäuferin verläuft fatal. Sein Lehrmeister schickt ihn nach Grasse, in die Hauptstadt der Parfumkunst. Doch zunächst hält sich Grenouille fern von allen menschlichen Wesen und verbringt sieben Jahre in einer Höhle im Gebirge der Auvergne. Dort erst entdeckt er, dass er über keinen eigenen Geruch verfügt. Und in seinem Kopf errichtet er sich einen Palast der Erinnerung, in dem er selbst absolut als ein Gott über die Welt der Gerüche herrscht. Das eine gehört zum anderen. Und der exquisiteste Geruch, der Duft, an dem sich der Gott berauscht, ist jener der Mirabellenverkäuferin. Ob er wohl in der Lage ist, solch ein Parfum zu kreieren? Beseelt von dem Gedanken, menschliches Aroma zu konservieren und damit den vollkommensten aller Düfte zu kreieren, begibt sich Grenouille wieder in die Welt hinaus.

Nach einem komischen Intermezzo in Montpellier, wo er sich zum Objekt der „Wissenschaft“ machen und gut bezahlen lässt, begibt er sich nach Grasse, in die Kapitale der Parfüme. In der Duftfabrik der Witwe Arnulfi erlernt er die drei grundlegenden Methoden, wie hier aus Blüten die teuersten Parfums der Welt hergestellt werden. Seine feine Nase erspürt in der dufterfüllten Luft von Grasse jenen einzigartigen Duft, der ihm aus seinen Gottesträumen in Erinnerung ist: Er muss ihn haben.

Doch das wunderschöne Mädchen, dem das exquisite Parfum anhaftet, ist erst am Erblühen, und Grenouille beschließt, noch zwei Jahre zu warten, bis sie reif ist. Bis dahin sollte er seine Technik des Extrahierens von Düften aus lebenden Wesens zu Vollkommenheit treiben. Daher ermordet er zahlreiche junge Mädchen, vergeht sich aber nie an ihnen. Denn nicht an ihrem Fleisch ist er interessiert, sondern nur an der vergänglichsten aller Eigenschaften: ihrem Duft.

Doch das vollkommenste aller weiblichen Geschöpfe ist natürlich Laura, die rothaarige Tochter des Kaufmanns Richis. Ihre Essenz wäre der krönende Höhepunkt seiner neuesten Duftkomposition. Grenouille wartet die zwei Jahre in wachsender Gefahr. Lauras Vater ahnt aufgrund der 24 ermordeten Mädchen in und um Grasse, dass Laura, nach dem Tod seiner Gattin sein Ein und Alles, in Lebensgefahr schwebt – sie ist der perfekte Schlussstein, den der Mörder, wer immer er sei, zur Vollendung seiner Taten benötigt. Richis ergreift in aller Eile Vorsichtsmaßnahmen gegen den Zugriff des landesweit gesuchten Frauenmörders.

Doch was können Mensch und Natur gegen einen Mann unternehmen, den man nicht riechen und kaum hören kann? Lauras Schicksal scheint besiegelt.

Mein Eindruck

Grenouilles Geschichte ist die eines Süchtigen und eines Vampirs. Süchtig ist er, ohne es artikulieren zu können, nach dem, was er all sein Leben lang entbehren musste: Liebe. Sogar seine Mutter wollte ihn gleich nach der Geburt krepieren lassen. Die Sucht nach dem weiblichen Urduft, der für ihn mit der Mutterliebe verbunden ist, treibt ihn dazu, Grenzen zu überschreiten und Frauen nicht als selbständige Wesen zu betrachten, sondern als entbehrliche Trägerinnen jener Essenz, die er so dringend benötigt.

Das ultimative Parfum

Er will nicht etwa das neueste modische Parfum kreieren, sondern das ultimative Parfum, das nicht nur Frauen verkörpert, sondern die Liebe an sich. Jenes, das macht, dass man ihn liebt. Seine Experimente führen in Grasse zum künstlerischen Erfolg – und zu einer Mordserie. Dass das eine nicht ohne das andere zu erringen ist, wird ihm schnell klar, aber es stört ihn nicht: Der Tod ist nur eine Begleiterscheinung der höheren Kunst, die er ausübt. Wie ein männlicher Vampir seinen – meist weiblichen – Opfern den Lebenssaft abzapft, so „erntet“ Grenouille ihre Duftessenz.

Die Spannung steigt, je rarer das gesuchte Wild wird. Erst verhängen die Grasser Bürger eine Ausgangssperre für ihre Frauen, so dass sogar Nonnen Grenouilles Opfer werden. Kaum hat sich in Grenoble ein anderer Kerl der Taten schuldig bekannt, feiert das Volk von Grasse wild in den Straßen – eine gute Gelegenheit, erneut zuzuschlagen. Denn die Krönung in der Sammlung des perfekten Parfumeurs fehlt noch: die schwer zu erringende Laura Richis.

Die Beute

Immer höher werden die aufgetürmten Hindernisse zwischen Grenouille und seiner scheuen Beute, und immer härter muss der Jäger bei seiner Jagd arbeiten, um sie zu erringen. Doch leider wähnt sich Antoine Richis an der Küste in Sicherheit. Ja, er nimmt zwar den schlafenden „Gerbergesellen“, den man ihm im Stall der Herberge zeigt, wahr, aber der sieht so harmlos aus, dass er bestimmt keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Falsch gedacht. Wenige Stunden später ist Laura tot. Die groteske Demut vor den Erfordernissen seiner Kunst lässt Grenouille sechs Stunden lang am Lager der Erschlagenen ausharren, bis die Enfleurage froid, die „kalte Beduftung“, vollzogen ist und er endlich die Stoffe, die ihren Duft angenommen haben, entfernen kann.

Das Prinzip der Übertragung ist dabei ein grundlegendes, nach dem Grenouille sein nächstes Werk vollbringen will: Denn zuerst muss der Körper seinen Duft aufs Fett übertragen, dann dieses seinen Duft auf Alkohol und dieser schließlich ergibt die feine Essenz, die „essence absolut“, in welcher der ursprüngliche Duft tausendfach konzentriert ist. Der kleine Flakon, den Grenouille aus Laura Richis, der Schönsten, der Heiligen, destilliert, birgt einen Duft, der machtvoll genug ist, um ein Wunder zu vollbringen, ein Wunder, dem sich absolut niemand entziehen kann, denn jeder muss auch atmen.

Triumph

Was Grenouille, der Außenseiter, der Nichtmensch, denn nun eigentlich vom exklusivsten – und an Lebenssaft teuersten – Parfum der Welt hat, zeigt sich erst in der Stunde seiner anberaumten Hinrichtung vor den Toren von Grasse. Alle Vorurteile der Zuschauer, die auf Hass und Rache ausgerichtet sind, verkehren sich aufgrund des überwältigenden Parfums, von dem er nur einen einzigen Tropfen auf sich verteilt hat, in ihr Gegenteil. Die Liebe triumphiert, wird sogar für göttlich gehalten. Der größte Triumph für den Parfumeur ist die Liebeserklärung von Richis: „Mein Sohn, vergib mir.“

Aber das reicht natürlich nicht – wie auch? Wie eine tönerne Schelle, um mit Salomo zu sprechen, ist Grenouilles Herz, denn er entbehrt die Essenz des Lebens selbst: die Liebe. Zwar ist er jetzt von einem Nobody ohne Eigengeruch zu einem König der Welt geworden, doch das kann nicht alles sein, oder? Die Liebe bleibt nur ein Traum, denn jedes Parfum ist nur eine Maske, nicht aber der Mensch an sich, und nur dieser Schein bleibt auch von Grenouille.

Dass diese Geschichte nur eine Parabel sein kann, macht der Erzähler dadurch deutlich, dass er jedem Triumph Grenouilles einen Todesfall folgen lässt. Mag der Tod auch manchmal verdient sein, so erscheint doch die Regelmäßigkeit, mit der er eintritt, märchenhaft und wie der Kommentar eines Allmächtigen. Grimal, der Gerber, hat Grenouille ausgebeutet – er stirbt einen unvorhergesehenen Tod. Baldini hat Grenouille ausgebildet? Prima, weg mit dem Kerl! Die Ironie ist überdeutlich aufgetragen, und wer die Geschichte allzu ernst nimmt, ist deshalb selbst schuld.

Wissenschaftssatire

Eine Episode, die im Film komplett gestrichen wurde, ist das Intermezzo in Montpellier. Hier, am westlichen Mittelmeer, herrscht der Marquis de Taillard. Er ist zwar schon betagt, hält aber seinen Geist mit allerlei wissenschaftlichen Experimenten und Theorien auf Trab. Seine ureigene Theorie postuliert ein Fluidum letale, ein Todesgas, welches von der Erde abgesondert wird und das dem menschlichen Körper alles andere als gut tut.

Als Grenouille nach sieben Jahren Höhlenleben auftaucht, wird er für einen heruntergekommenen Neandertaler gehalten, und als herauskommt, dass er von Räubern in einer Höhle gefangen gehalten worden sei, ist er der optimale Beweisgegenstand, um Taillards Theorie des Fluidum letale zu belegen. Es folgt eine Wissenschaftssatire reinsten Wassers. Aber das Fluidum letale bildet einen auffälligen Kontrast zu dem Parfum, das Grenouille im Sinn hat: Das Fluidum steht für den Tod, doch Grenouille will ein Parfum der Liebe kreieren.

Er mutet höchst ironisch an, dass es ausgerechnet sein Liebes-Parfum ist, das den Tod bringt, aber das Fluidum des Todes völlig ungefährlich ist. Wie bei den anderen Gönnern und Chefs Grenouilles ereilt auch den Marquis ein unzeitiger Tod. Nur ihn hat das Fluidum erwischt, sonst niemanden.

Der Sprecher

Hans Korte liest den in schöner, reizvoller Prosa erzählten Text mit hörbarem Genuss und Vergnügen vor. Er gibt jeder Figur eine möglichst unverwechselbare Ausdrucksweise, spricht mal tief, mal relativ, mal wütend, dann wieder traurig. Er kann auch zärtlich klingen, so etwa im Fall der Paters Therier, der Klein-Grenoille für ein paar Tage aufnimmt, bevor er ihn einer Amme und dann Madame Gaillard übergibt. Die Zärtlichkeit schlägt bei Therier in Ekel um, und auch dies auszudrücken fällt Korte leicht. Er ist eben das, was ein Bühnenschauspieler schon frühzeitig lernen muss: ein Sprecher, der mit Worten Gefühle transportiert und darstellt.

Aber er kann auch analytisch lesen. Schon der erste Satz ist eine ellelange Konstruktion, die Korete fein säuberlich in ihre Einzelteile zerlegt, um sie, durch Pausen sinnvoll aufgespalten, dem Zuhörer zu servieren. Ein weiteres Merkmal, das mir besonders gut gefallen hat, ist Kortes erstaunlich makellose Beherrschung der französischen Sprache, vor allem ihrer richtigen Aussprache. In Zeiten, da das Englische dem Französischen stark vorgezogen wird, ist die Fertigkeit von hohem Wert. Und sie verleiht dem Text eine Anmut und Eleganz, die das Zuhören angenehm machen – wie die Kopfnote eines angenehmen Parfums.

Es gibt leider einen Wermutstropfen. Wiederholt ist zu bemerken, dass die Aufnahme stellenweise nachgebessert, je geradezu „geflickt“ wurde. Mal hat der Sprecher einen Satz oder Satzteil vergessen und holt ihn nach, oder unvermittelt ändert sich die Tonlage bzw. Lautstärke, und man muss sich mühen, mit diesem abrupten Wechsel zurechtzukommen. Die Aufnahme hätte also besser sein können.

Da es weder Geräusche noch Musik gibt, brauche ich darüber keine Worte verlieren. Ihr Fehlen macht es aber umso unverständlicher, warum das Hörbuch so teuer ist. Am Booklet kann es nicht liegen, denn es besteht hauptsächlich nur aus Angaben über die Tracks – also die im Grunde unwichtigste Information, die ein Hörer sich wünscht.

Unterm Strich

Die ungekürzte Lesung ist beleibe keine langweilige Angelegenheit, allein schon wegen der reizvollen Prosa Süskinds. Doch auch der Sprecher trägt einen erheblichen Anteil daran, dass die Lesung stets die Faszination des Hörers hervorruft und seine Aufmerksamkeit fesselt. Deftige Szenen gibt es ebenso wie verstiegene Spekulationen, brutale und handgreifliche Szenen ebenso wie solche der ätherischsten Zuneigung (bei Grenouille sollte man mit dem Wörtchen „Liebe“ vorsichtig sein).

Was der Anti-Held an Schaurigem begeht, das liefert die Beschreibung an Schönheit und Humor. In stetig wechselndem Ausgleich treiben diese beiden ästhetischen Kräfte die Geschichte voran, und der Zuhörer merkt nach einer Weile, dass er das eine ohne das andere nicht recht genießen kann. Es ist der Kontrast, der unser Interesse wachhält: das Geniale wie das Abscheuliche, wie es am Anfang so treffend heißt.

Fazit: Wegen des hohen Preises und der unebenen Aufnahme sind Abstriche zu machen, ansonsten ist diese Lesung ausgezeichnet gelungen.

582 Minuten auf 8 CDs
Deutsche Erstveröffentlichung: 1985
www.diogenes.de