Sussman, Ellen – Affäre, Die

_Am Abgrund der Leidenschaft_

Kann der Supermarkt Ihr Leben verändern? Sie mögen es nicht glauben, aber er kann’s (Aldi würd’s freuen). Sie müssen nur den richtigen Menschen treffen. Amour fou – Sie sind wie vom Blitz getroffen. Und ohne dass Sie sich’s versehen, ändert Ihr Leben seine Richtung um 180 Grad. Mal seh’n, was Ihre Lieben davon halten …

Ellen Sussman ist eine amerikanische Autorin von Drehbüchern und Kurzgeschichten. „Die Affäre“ ist ihr erster Roman. Kein Wunder, dass er sich ebenfalls wie ein Drehbuch liest – nur die Regieanweisungen fehlen. Das ist aber kein Nachteil, sondern trägt zu einer flüssigen Lektüre bei – ich habe das Buch in zwei Tagen verschlungen.

_Handlung_

In diesem Roman geht es um eine übersichtliche Schar von acht bis zehn Akteuren, deren Leben bislang in geordneten Bahnen verlaufen ist. Jessa, die weibliche Hauptfigur, und ihr Mann Roger sind schon 15 Jahre miteinander verheiratet, leben in einem sehr ruhigen Bezirk von San Francisco und sind stolz auf ihre beiden Töchter: Rosie ist ein süßer Fratz von sechs Jahren, während Lee mit 14 Jahren schon ernsthaft ein beunruhigendes Interesse an Jungs zeigt, besonders an Zack (der sich als genauso unschuldig herausstellt).

Jessa und Roger sind mit Matt und Grace befreundet, die stolz auf ihre zwei Söhne Jake und Peter sind. Grace ist Jessas beste Freundin, und die beiden erzählen einander alles. Sie fantasieren vom Ausbrechen aus ihren eingefahrenen Ehegleisen. Die beiden Familien fahren traditionell einmal im Jahr in die kalifornischen Berge. Bislang ist immer alles gut verlaufen …

Eines Abends, als beide Familien gemeinsam bei Jessa dinieren, fehlt ihr das Dessert. Sie hüpft kurz mal rüber in den Supermarkt. Bei den gesuchten Erdbeeren lernt sie den attraktiven Simon kennen. Mit einem Schlag fühlt sie, wie ihr der Boden unter den Füßen schwindet. Lange verdrängte Sehnsüchte und Begierden steigen mit einer Kraft empor, die es Jessa unmöglich macht, sich der erotischen Ausstrahlung Simons zu entziehen.

Er ruft sie an. Bei ihrer nächsten Begegnung gibt sie sich dem Unbekannten widerstandslos hin. Er sagt, er will sie. Das hatte ihr Roger zuletzt vor hundert Jahren gesagt. Ihre Rendezvous werden immer häufiger und gewagter. Aus dem harmlosen Seitensprung entwickelt sich eine leidenschaftliche, unkontrollierbare und alle Worte der vernünftigen Grace in den Wind schlagende Affäre. Jessa schläft nicht mehr mit Roger. Die strahlende Erotik in Jessas Leben beeinflusst ihren Ausflug in den Bergen auf verhängnisvolle Weise – die Jungs, die Männer wagen mehr und schließlich zu viel: Jake, Graces Sohn, verletzt sich schwer bei einem Sprung von einem Felsen.

Jessa weiß nicht, wie sie nach diesem Omen ihrer Obsession mit Simon entrinnen kann, denn schon steht alles, was ihr in ihrem Leben teuer war, auf dem Spiel: Ihre Ehe existiert nur noch auf dem Papier, ihre Tochter Lee ertappt Jessa beim Lügen und mit Simon, Grace schüttelt nur noch den Kopf vor lauter Lügen und Jessa droht ihren Job als Zeichnerin zu verlieren. Sie steht am Rande des Abgrunds.

Eines Tages verfolgt Jessa eine Frau, die aus Simons Haus kommt. Es ist Ruby, eine 1,90 m große Amazone, die in einer nahen Kunstschule als Aktmodell ein wenig dazuverdient. Ihr Mann Simon weiß nichts davon. Ruby und Jessa lernen sich näher kennen, eine extrem delikate Situation. Denn schließlich kennt sich Jessa mit Rubys Sachen und Verhältnissen sehr intim aus, darf dies aber nicht verraten.

Als Simon auf einem letzten gemeinsamen Wochenende besteht, kommt es zur erlösenden Katastrophe. In einem Strip-Club sieht Jessa, der jedes Gefühl für ihre eigene Identität bereits abhanden gekommen ist, ihre eigene mögliche Zukunft vor sich: als Stripperin, Prostituierte, Treibholz im Sexmarkt. In einem finalen Showdown, bei dem Simon sie nicht gehen lassen will, spielt sie die befreiende Ruby-Karte – jede Affäre verlangt ein Opfer …

_Fazit_

Man sollte erwarten, dass diese dramatische Handlung mit einem warnend erhobenen moralischen Zeigefinger der Autorin verbunden sei. Weit gefehlt. Sussman versteht zu erzählen, indem sie zeigt. Sie erklärt und deutelt nicht wie so viele schlechte Schriftsteller. Die Szenen folgen aufeinander, zusammengefasst zu thematischen Komplexen, und bauen aufeinander auf. Dementsprechend baut sich auch die erotische Spannung auf, die im Wochenende mit Simon in Santa Barbara gipfelt.

Jessa ist ein lebenshungriger Wildfang, kein Hausmütterchen, und daher erscheint es keineswegs unplausibel, dass sie aus ihrem Ehetrott ausbricht, als sich eine Gelegenheit bietet, die sie umhaut. Sie könnte mit Simon wie ein Komet zu anderen Welten des Lebens abschwenken, doch die Liebe zu ihren Töchtern bindet sie, bringt sie wieder auf die Erde zurück.

Und das ist gut so, denn auch Lee sieht – bereits mit ihren zarten 14 Jahren – eine mögliche Existenz im Sexmarkt vor sich liegen: Jeden Tag gehen sie und Zack zur Straßenecke, wo sich die Huren und Transen feilbieten. Jessa spürt die Verpflichtung, Lee verstehen zu lassen, was das Leben ausmacht, das es wert ist, gelebt zu werden. Insofern geht es in „Die Affäre“ um die Erkundung der Optionen, die modernen Frauen – nicht nur in den USA – offen stehen, um ihr Leben zu gestalten.

|Originaltitel: The Affair, 2001
Aus dem US-Englischen übertragen von Caroline Einhäupl|