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Andreas Steinhöfel – Die Mitte der Welt

Phil wächst in einem süddeutschen Dorf auf, aber nicht in dessen Mitte, sondern am Rande. Seine Mutter ist Amerikanerin, sein unbekannter Vater Amerikaner. Seine Entwicklung am Rande der Gesellschaft ist gekennzeichnet von Auseinandersetzungen, seine Liebe zu einem anderen Jungen bedeutet deshalb für ihn Anerkennung und Befreiung. Aus dieser Spannung zwischen Ausgrenzung einerseits und Liebe andererseits bezieht der Roman seine Spannung. Und da viele Geheimnisse erst am Schluss gelüftet werden, bleibt der Hörer bzw. Leser von Geschichte bis zum Schluss gefesselt.

Der Autor

Andreas Steinhöfel, geboren 1962 in Battenberg, studierte Amerikanistik, Anglistik und Medienwissenschaften. Er schreibt Drehbücher, Rezensionen und seit 1991 zahlreiche Kinder- und Jugendbücher.

Der Sprecher

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

Handlung

Als die Hauptfigur Phil mit 17 Jahren auf einem Frachtdampfer anheuert und nach Amerika fährt, um seinen Vater zu suchen, schließt sich ein Kreis, der im Jahr seiner Geburt begann.

In Boston geht die hochschwangere Glass, Phils Mutter, an Bord eines Dampfers nach Europa. Sie will zu ihrer Schwester Stella, die irgendwo im südlichen Deutschland lebt. Den Vater ihres Kindes, Nummer drei, lässt sie zurück. Doch niemand wartet auf sie am Zielbahnhof, es fahren keine Taxis, und so muss sie selbst den weiten Weg durch den Wald gehen. Durch die Anstrengung setzen die Wehen ein und in Sichtweite des schwesterlichen Hauses bringt sie Zwillinge zur Welt. Eine junge Frau kommt aus dem Haus, weil sie die Schreie gehört hat. Es ist Teresa, und sie sie berichtet, dass Stella tot sei. Glass bringt zweieiige Zwillinge zur Welt: Phil und Diane.

Das Haus ist eine große, teilweise leer stehende Villa auf einem Hügel. Sie beherbergt eine große alte Bibliothek, die für die Kinder zur „Mitte der Welt“ wird. Kern der Bücherei sind große Folianten mit gepressten Pflanzen darin. Sie spielen später eine unheilvolle Rolle. Hier geht Phils Phantasie auf Reisen. Das einzige Buch, das er mit 17 mitnimmt, stammt von hier: „Moby Dick“.

Die Leute aus dem Dorf misstrauen den neuen Bewohnern, und die selbstbewusste Glass nennt die Dörfler die „Jenseitigen“ und „die kleinen Leute“, wegen ihres kleinen Geistes. Denn Glass und ihre Brut tun alles, um die Normen zu verletzen. Das beginnt damit, dass Glass sich einen Liebhaber nach dem anderen ins Bett holt. Das ist gut für die Instandsetzung des Hauses. Aber sie prostituiert sich nicht, denn ihre Haupttätigkeit besteht in der psychologischen Beratung der ahnungs- und hilflosen Dorffrauen. Die holen sich bei ihr nicht nur Rat und Selbstvertrauen, sondern ab und zu auch mal eine Arznei.

Teresa ist Glass‘ Geliebte und Freundin, aber auch ihre Arbeitgeberin, denn Teresa hat von ihrem verstorbenen Vater eine Anwaltskanzlei geerbt, und als Teresa diese nach dem Studium übernimmt, kann Glass bei ihr als Sekretärin arbeiten. Auch Phil und Diane sind zunächst unzertrennlich, und der Höhepunkt dieser Freundschaft ist die glorreiche „Schlacht am großen Auge“. Um Phil gegen die Rüpel des Dorfs zu verteidigen, schießt Diane mit ihrem Bogen einen Pfeil auf deren Anführer und trift ihn in den Arm. Dafür wird sie von dessen Komplizen mit dem Messer angegriffen. Die Wunde am Schlüsselbein ist tief. Als sie das Messer herauszieht, vergrößert sie sie noch, ohne mit der Wimper zu zucken. Vor so viel Masochismus nehmen die feindlichen Jungs Reißaus. Phil ist schwer beeindruckt.

Obwohl Phil in der unkonventionellen und wagemutigen Kat bereits seitdem er fünf ist eine Freundin hat, verguckt er sich zunächst in einen schönen Jungen, den er vor der Kirche sieht. Wie er Jahre später herausfindet, handelt es sich um Nicholas, den an der Schule alle nur den „Läufer“ nennen. Aber Nicholas ist auch ein Sammler von Dingen, die er zufällig auf der Straße oder sonstwo findet. Phil fragt sich, was Nicholas damit macht. Und er selbst vermisst seit dem Tag vor der Kirche seine geliebte Schneekugel … Glass hingegen verliert ihr ungeborenes Baby und leidet monatelang unter Depressionen.

Als Phil etwa 17 Jahre alt ist, wird aus der Zuneigung zu Nicholas Ernst. Sie gehen miteinander ins Bett. Dies spricht sich langsam herum, denn so etwas ist natürlich ein gefundenes Fressen für alle Klatschtanten, ob nun weiblich oder männlich. Diane und Glass tragen’s ebenso gleichmütig wie Teresa, die selbst eine lesbische Geliebte hat. Diane scheint eine Freundin zu haben: Cora oder „Zephyr“, das hat Phil noch nicht herausgefunden. Er selbst wird heftig angefeindet, und zwar ausgerechnet von Kats Freund Thomas, wo doch seine Beziehung zu Kat völlig platonisch ist. Um seine Veranlagung zu demonstrieren, macht Phil den Fehler, Thomas zu küssen. Der, zunächst verblüfft, schwört bittere Rache. Und so kommt es zu einem schweren Unglück.

Diane hat sich lange Zeit von ihrer Mutter wegentwickelt. Phil vermutet, dass sie von Glass‘ zahlreichen Männerbekanntschaften abgestoßen ist. Das ändert sich, als Glass ihr Baby verliert. Da kümmert sich Diane plötzlich wieder wie ein Engel um sie. Phil ahnt nicht, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt und ein düsteres Geheimnis die Familie überschattet …

Mein Eindruck

Nicht nur auf einer symbolischen Ebene dürfte von vornherein klar sein, dass in „Visible“, der Villa im Wald, nur unkonventionelle Außenseiter leben. Wenn eine Mutter, wie Glass bei ihrer Ankunft, weder männlichen Beistand noch Dach überm Kopf hat, wenn sie ihre Kinder zur Welt bringt, dann ist bereits klar, welche ungewöhnlichen Umstände hier vorliegen. Spätestens wenn sich Glass und ihre Freundin Teresa als Leichenräuber betätigen, merkt der Leser, dass das Leben als Outcast auch ganz spaßig sein kann.

Aufgrund ihres unkonventionellen Verhaltens und ihrer liberalen Ansichten ist Glass schon bald der Gegenpol zur dörflichen Gemeinschaft, die von Konventionen zusammengehalten wird, nicht ohne dabei Opfer zu fordern. (Es spricht für die dörfliche Doppelmoral, dass sich die Frauen von Glass beraten lassen.) Dass auch Glass‘ Kinder ihr Außenseitertum ausbaden müssen, dürfte klar sein. Diane ist dies schon bald nach der Einschulung klar, und sie hasst es. Ihr fällt es zwar leicht, tapfer ihren Zwillingsbruder zu verteidigen, möchte aber spätestens in der Schule integriert werden.

Die Gefahren des Nacktbadens

Ein schlagendes und sehr komisches Kapitel für Dianes Nöte in der Gesellschaft ist ihr Auftritt vor dem Polizeihauptwachmeister Assmann. Ein Junge wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Die Anklage lautet, Diane habe einen Hund auf ihn gehetzt, während sie und ihre Freundin unbekleidet um Mitternacht (!) am Fluss badeten. Dass es sich beim Vollmondbaden keineswegs um ein todeswürdiges Verbrechen handelt, versucht Diane dem eifrigen Polizisten erfolgreich klarzumachen. Auch dass der Hund nicht ihr gehört, sondern dem Jungen, gelingt ihr noch zu erklären. Weniger leicht zu begreifen ist hingegen ihre Behauptung, der Hund habe sich beißend auf sein Herrchen gestürzt, während sich dieser beim Anblick der nackten Mädchen einen runterholte …

Ersatzväter

Die Abwesenheit eines Vaters öffnet alle möglichen Optionen des sozialen und sexuellen Miteinanders, die der Konvention entgegenstehen. Am ehesten ist dies am Werdegang der Hauptfigur Phil abzulesen. Er hat eine Art abwesenden Ersatzvater namens Gable, einem Seemann, bei dem er sich geborgen fühlt und der ihm von seinen Fahrten in alle Erdwinkel wundersame Dinge mitbringt, wenn er an Weihnachten „Visible“ besucht. Gable nimmt Phil auf einen Törn übers Mittelmeer mit und arrangiert für ihn eine zärtliche Liebesnacht mit einem griechischen Jungen. Später nimmt der heterosexuelle Anwalt Michael die Stelle des Vaters ein, aber zu ihm hat Phil einen ganz anderen Bezug. Er sucht viel lieber seinen leiblichen Vater.

Zärtliche Lover

Sehr feinfühlig, anschaulich und unverklemmt schildert der Autor Phils Beziehung zu dem ein bis zwei Jahre älteren Nicholas. Phil muss wie wir alle sämtliche Höhen und Tiefen einer Liebesbeziehung durchlaufen, um zu erfahren, was es bedeutet, jemanden wirklich zu lieben. Eine körperliche Beziehung ist ihm zu wenig, er würde zunächst am liebsten seelisch mit seinem Lover verschmelzen. Diese Liebesszenen sind keineswegs schwülstig oder verklemmt erzählt, sondern recht poetisch und einfühlsam.

Nicholas verrät Phil ein paar seiner Geheimnisse, so etwa sein „Museum der verlorenen Dinge“ und seine getippten Erzählungen darüber. Nicholas ist selbst quasi elternlos und offen für alternative Beziehungsformen. Wie weit dies gehen kann, hätte sich Phil aber nicht träumen lassen. Unabsichtlich beobachtet er Nicholas mit seiner Freundin Kat beim Sex. Dass für ihn beinahe die Welt untergeht, leuchtet ein, andererseits haben die drei schon einige Spritztouren in Nicholas‘ Sportwagen unternommen, also sollte Phil nicht so verwundert sein. Dennoch nagt die Eifersucht an ihm. Er ahnt aber nicht, wie sehr er durch sein Verhalten Nicholas in die Schusslinie von rachsüchtigen Leuten gebracht hat.

Durch psychologisch geschickte Detektivarbeit bei Glass und Diane gelingt es Phil, mehrere Top-Geheimnisse seiner Familie zu lüften und so einige Anlässe für Streit aus dem Weg zu räumen. Als er schließlich seiner Mutter sogar den Namen seines richtigen Vaters entlockt, gibt es für ihn kein Halten mehr. Diese letzten Kapitel sind total spannend zu verfolgen, denn hier geht es nicht um Leichenräuberei oder Nacktbaden bei Vollmond, sondern ganz einfach um Leben und Tod.

Der Sprecher

Rufus Beck hat diesmal nicht die Aufgabe, ein Dutzend verschiedener Figuren stimmlich zu charakterisieren. Es treten auch keine Zauberlehrlinge oder Wundertiere auf. Diesmal darf er im Gegenteil nur mit einer Stimme sprechen, und dies möglichst einfühlsam. (Einzige Ausnahme: Phils Lehrer.) Doch „Mitte der Welt“ ist nicht das erste von ihm vorgelesene Buch, in dem sehr ungewöhnliche Jungs die Hauptrolle spielen. Auch das rasend komische Buch „Der Fliegenfänger“ von Willy Russell (|Heyne|-Verlag) wurde von Beck vorgelesen.

Die heikelsten Stellen sind beim Vorlesen immer die leisen. Hier kann der Sprecher alles vermasseln. Beck hingegen spricht auch hier so souverän wie sonst auch, aber natürlich nicht im Plauderton, sondern sehr zärtlich, um die poetische Sprache, derer sich der Autor bedient, zur Geltung kommen zu lassen. So können selbst Leute, die mit Schwulen nichts anzufangen wissen, diesen erotischen und psychologisch intimen Szenen etwas abgewinnen. Sie machen deutlich, warum Phil so viel an seinem geliebten Nicholas liegt. Somit sind sie ein zentraler Bestandteil seiner Charakterisierung. Wer sie also missachtet, leugnet einen wichtigen Teil der Hauptfigur.

Unterm Strich

„Die Mitte der Welt“ ist eine wunderbar unterhaltsame, spannende und außergewöhnliche Kindheits- und Jugendgeschichte. Hier handelt es sich nicht um Genreliteratur, sondern vielmehr um einen künstlerischen wertvollen Roman über die Entwicklung eines homosexuellen Mannes. Das Kunststück, das dem Autor gelingt, besteht darin, die „Normalen“, die „kleinen Leute“, als die Kranken darzustellen und die Außenseiter, zu denen Phil zählt, als die Gesunden, die weitaus mehr vom Leben haben. Homosexualität entwickelt sich so selbstverständlich als alternative Verwirklichung von menschlicher Zuneigung, dass ihre Schilderung an keiner Stelle peinlich oder voyeuristisch wirkt. Rufus Becks Lesung trägt dazu entscheidend bei.

Die Abenteuer der kleinen Gemeinschaft in der Villa „Visible“ sind durchaus spannend und komisch, aber mitunter auch makaber. Sie verblassen vor dem ernsten Drama, das sich aus Phils Liebe zu Nicholas entwickelt und durch ein düsteres Geheimnis in Phils Familie überschattet wird. Phil, der zuweilen als Sprachrohr des Autors fungiert, weiß einige Weisheiten zu formulieren, die er durch seine Erfahrungen in Grenzsituationen gesammelt hat. Mit Spannung darf man seine Abenteuer erwarten, wenn er in New York City ankommt.

Umfang: 575 Minuten auf 8 CDs
Die Buchausgabe erschien 1998 bei Carlsen.
www.hoerbuch-hamburg.de