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Montgomery, L. M. – Anne auf Green Gables. Folge 3: Jede Menge Missgeschicke

_Grüne Haare und andere Verbrechen_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. Das ältere Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert hat sich entschlossen, einen Waisenjungen aufzunehmen, der Matthew bei der Arbeit auf der Farm unterstützen soll. Versehentlich schickt das Waisenhaus jedoch ein Mädchen nach Prince Edward Island – die quicklebendige und sehr mitteilsame Anne Shirley. Als Anne Green Gables, das schöne Farmhaus der Cuthberts, erblickt, ist sie sich sicher, dass dies der Platz ist, an dem sie für immer bleiben möchte… (Verlagsinfo)

Folge 2: Mittlerweile hat sich Anne gut eingelebt. Sie erwartet aufgeregt den ersten Besuch auf der Nachbarfarm Orchard Slope, wo die Familie Barry mit ihren Töchtern lebt. Anne hofft, dass die gleichaltrige Diana die von ihr ersehnte „verwandte Seele“ sein wird, die erste leibhaftige beste Freundin. Allerdings ist Mrs. Barry eine sehr strenge Frau, die ihre Töchter nicht mit jedem spielen lässt…

Folge 3: Annes Leben auf Green Gables geht turbulent weiter. Der mit Spannung erwartete erste Besuch eines Balls mit ihrer Busenfreundin Diana endet in einer Katstrophe. Dianas griesgrämige Tante Josephine ist nämlich überraschend zu Besuch gekommen und die beiden übermütigen Mädchen erregen versehentlich ihren Zorn. Wird es Ann auch diesmal gelingen, die Wogen zu glätten?

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4827
Folge 2: [Verwandte Seelen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4852
Folge 3: Jede Menge Missgeschicke
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea (ab Herbst 2008)
Folgen 5 bis 8

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)
Folgen 9 bis 12

_Die Inszenierung:_

|Die Rollen und ihre Sprecher:|

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin (Bühnenschauspielerin, Hörspiel-Regisseurin für Europa, Stammsprecherin für |Titania Medien|)
Matthew Cuthbert: Jochen Schröder (James Cromwell, Lionel ‚Max‘ Stander, Lloyd Bridges)
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Whoopi Goldberg, Kathy Bates, Diane Keaton)
Diana Barry: Uschi Hugo (Brittany Murphy, Tara Reid, Julie ‚Darla‘ Benz)
Gilbert Blythe: Simon Jäger (Josh Hartnett, Heath Ledger, Matt Damon)
Tante Josephine: Barbara Adolph (Rosemary ‚Tante May Parker‘ Harris)
Muriel Stacy: Rita Engelmann (Catherine Deneuve, Gates ‚Dr. Crusher‘ McFadden)
Mrs. Allan: Traudel Haas (Diane Keaton, Kathleen Turner)
Mr. Allan: Uwe Büschken (Matthew Broderick, Hugh Grant)
Josie Pye: Anja Stadlober (Samaire Armstrong, Paris Hilton)
Ruby Gillis: Melanie Hinze (Holly Marie Combs, Busy Philipps)
Jane Andrews: Cathlen Gawlich (Jaime King, Amy ‚Fred‘ Acker)
Miss Blair: Dascha Lehmann (Katie Holmes, Jennifer Love Hewitt, Keira Knightley)
Mr. Barry: Roland Hemmo (Brendan Gleeson, Brian Cox, James Gandolfini, Colm Meaney)

Regie und Aufnahmeleitung lagen in den Händen von Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Tontechnik betreuten Martin Wittstock und Kazuya. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Februar 1877, bald wird Anne Shirley zwölf Jahre alt. Diana, ihre Busenfreundin, hat sie zu ihrem eigenen Geburtstag eingeladen – und zu einem Ball! Ob Anne auf den Ball darf, ist ein Gegenstand des Streits zwischen ihren Pflegeeltern Matthew (pro) und Marilla Cuthbert (contra). Der Geburtstag jedenfalls wird wunderbar, bis auf den Gedichtvortrag des ekligen Gilbert Blythe, Annes Intimfeind.

Um 23 Uhr wollen die erschöpften Mädels endlich ins Bett, und sie lassen sich hineinfallen. Doch o je! Da liegt ja schon jemand drin, und es ist keine andere als ausgerechnet Dianas Tante Josephine! Sie ist alt und sehr entrüstet. Na, das gibt garantiert ein Donnerwetter. Sie streicht das Geld für die Klavierstunden der beiden Mädchen. Nur wenn Anne sie in Charlottestown besuchen würde, könne sie sich erweichen lassen. Anne strengt sich an, und es gelingt ihr, sich mit Tante Josephine zu versöhnen.

Das Schuljahr endet Ende Juni mit dem Abschied von Lehrer Phillips. An der Sonntagsschule soll der neue Pfarrer Allan lehren, der mit seiner Frau bei Rachel Lynde logiert, bis er ein Haus gefunden hat. Weil er also gerade in der Nähe ist, lädt Marilla das neue Paar ein. Anne, die zurzeit unter einem Schnupfen leidet, hat eine Schichttorte gebacken, die nun serviert wird. Doch sie schmeckt ein wenig seltsam. Kein Wunder, denn Anne hat das Vanillearoma mit den Rheumatropfen verwechselt …

Mr. Phillips‘ Nachfolger an der Alltagsschule wird jedoch Miss Muriel Stacy. Diese überrascht die Schüler mit neuen Ideen: Sie will Gymnastik und Naturkunde als Fächer einführen – wow! Und dann auch noch Theater und Gedichte, Annes Lieblingsthemen! Kein Wunder, dass sich Anne nun sogar in Geometrie verbessert. Sie wird gebeten, auf der Weihnachtsfeier zwei Gedichte vorzutragen, damit von den Spenden eine neue Schulfahne gekauft werden kann.

Zu diesem besonderen Tag will Matthew seinem Schützling ein neues Kleid kaufen, doch alle seine Versuche scheitern an seiner Schüchternheit. Also näht Rachel Lynde liebenswürdigerweise ein neues: hellblau und aus Seide, sogar mit Annes geliebten Puffärmeln. Und Tante Josephine schenkt ihr Seidensandalen. Kein Wunder also, dass Annes Vortrag von Lord Alfred Tennysons „The Lady of Shalott“ ein voller Erfolg wird. Gilbert Blythe versteigt sich sogar zu der Äußerung, sie könnte Schauspielerin werden. Doch auch diese Freundlichkeit kann Annes Herz für ihn nicht erweichen.

Im März feiert Anne ihren 13. Geburtstag und gründet mit Diana einen Geschichtenklub. Eines Abends findet Marilla sie jedoch im Bett liegend, verzweifelt jammernd, dass sie Einsiedlerin werden will. Anne hat GRÜNE Haare! Sie hat ihre Farbe ändern wollen und sich ein Mittel von einem Hausierer gekauft. Das Mittel lässt sich nicht auswaschen. Marilla schüttelt den Kopf und meint nur: Da gibt’s nur eines: Die Haare müssen ab. O je, das wird einen Skandal geben!

Aber es soll noch schlimmer kommen …

_Mein Eindruck_

Auch Folge drei ist für Anne Shirley wieder eine wilde Achterbahnfahrt aus Erfolgen und Unglücken. Zwar begeht sie diesmal keine „Verbrechen“ mehr, aber es finden sich doch noch Fettnäpfchen, in die sie treten, und Kalamitäten, die sie erleiden muss.

Der eine oder andere heutige Hörer könnte sich allerdings fragen, warum es schlimmer sein soll, kurze Haare zu tragen als grüne (was ja schon schlimm genug wäre). Auch dies ist wieder eine geschlechtsspezifische Sache. Kurze Haare waren den Männern vorbehalten, und wenn eine Frau kurze Haare tragen musste, dann wurde sie damit als Verbrecherin gebrandmarkt. Kein schönes Schicksal, wenn man bedenkt, dass freie mittellose Frauen entweder im Arbeitshaus (= Ausbeutung der Arbeit) oder auf der Straße (= sexuelle Ausbeutung) landeten. Erst in den 1920er Jahren erkühnten sich junge Frauen, kurze Haare zu tragen, weil sie als besonders emanzipiert und gleichberechtigt angesehen werden wollten. Das wagten aber nur die Künstler und Intellektuellen.

Erst grüne, dann kurze Haare – kann es für Anne Shirley noch schlimmer kommen? Es kann! Anne wird für tot gehalten … Mehr darf aber nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

Der Höhepunkt an Erfolg in dieser Folge ist sicherlich Annes Auftritt mit dem Gedichtvortrag. „The Lady of Shalott“ ist ein schmachtend romantischer Klassiker von Tennyson. Im Umfeld der arthurischen Dichtung „Idylls of the King“ angesiedelt, schildert das Gedicht, wie besagte Lady sich – vermutlich im Liebeskummer – in ihr Boot legt, um sodann den Fluss hinunterzutreiben. Wird irgendein strahlender Ritter zu ihrer Hilfe und Rettung eilen? Ach und Weh, es soll nicht sein! So vergehen Liebe und Schönheit – und das stellten sich die Viktorianer als das edelste Motiv für hohe Dichtkunst vor. Na ja, Schwamm drüber! Hauptsache, Annes Vortrag ist ein voller Erfolg.

„Das schöne Geschlecht“ wurden Frauen genannt, aber auch „das schwächere Gefäß“ (im Gegensatz zum Mann), und „der Efeu an der Eiche“ (Efeu = Treue und Zierde, Eiche = Halt und Stärke) und was nicht alles mehr, um ihre Schwäche und Abhängigkeit zu betonen. Um ihr Gedicht vortragen zu dürfen, muss sie sich auch dem hohen Anlass gemäß ankleiden, denn schließlich geht erstens um Kunst und zweitens um einen öffentlichen Auftritt. Seide ist für sie gerade gut genug, ebenso Puffärmel und Halsketten von Tante Josephine. Welcher Mann würde eine solche junge Dame nicht schön finden und begehren? An dieser Stelle dürften einige junge Damenherzen höher schlagen.

Diese Pseudo-Romantik weiß die Autorin aber wenig später mit komischen Zwischenfällen zu konterkarieren und so dem Spott preiszugeben. Da ist zum einen die Sache mit den grünen Haaren, und zum zweiten „ertrinkt“ Anne, als sie „The Lady of Shalott“ mit ihrem Geschichtenklub aufführt – natürlich in einem Boot auf einem See, ganz wie es sich gehört.

Dumm nur, dass die Vision des Gedichts der profanen Wirklichkeit in keiner Hinsicht standhalten kann. Es kommt nur Komik dabei heraus, wenn beide aufeinandertreffen. Damit signalisiert die Autorin, wie überholt diese schwärmerische Romantik ist. Und sie lässt es Marilla in Worte fassen: Romantik ist ja schön und gut, aber bitte nur in Maßen.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die elfjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich kindlich. Später, sobald Anne älter ist, darf sie auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen.

In Episode eins überschlägt sich Annes Wortflut geradezu. Das fand ich sehr sympathisch und charmant. Den Cuthberts, so ist anzunehmen, muss es wohl ähnlich ergangen sein. Dagmar von Kurmin und Jochen Schröder klingen sehr sympathisch und ihrem fiktiven Alter entsprechend.

Sehr passend fand ich die Stimme der Nachbarin Rachel Lynde, gesprochen von Regina Lemnitz, der Stimmbandvertretung von Whoopi Goldberg. Wenn Rachel und Anne aufeinandertreffen, fliegen die Fetzen, und Anne darf sie schon mal anschreien. Sie ist ja in diesem Frühstadium ihrer Domestizierung noch sehr ungehobelt. Weitere tragende Rollen gibt es nur wenige.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1876, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Wenn gleichzeitig die Vögel sängen, die Brandung rauschte |und| noch eine Kutsche ratterte, würde das als etwas zu viel des Guten empfunden werden. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Hinzukommt ja noch die Musik.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Ebenso wie mit den Geräuschen darf man es nicht übertreiben.

Am Schluss erklingt als Outro die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Hörspiel hat mir auch im dritten Durchgang wider Erwarten Spaß gemacht. Ich dachte vor dem Anhören des ersten Teils, dies würde so eine romantische Schmonzette à la „Hanni und Nanni“ oder sogar „Heidi“ sein, aber die Umsetzung lässt nicht nur eine Menge Humor und ernste menschliche Probleme durchblicken, wie man sie in jedem alten Jugendroman findet, sondern legt auch einen Sinn für die ernsten wirtschaftlichen Hintergründe an den Tag.

Allerdings beschritt die Autorin den idealistischen Weg, um die gravierenden gesellschaftlichen Probleme der viktorianischen Epoche zu lösen: Statt wirtschaftlicher und politischer Reformen setzt sie auf die uramerikanische Tugend der Selbstverbesserung, ermöglicht durch Liebe, Bildung und Verantwortungsgefühl. Der Hörer darf sich auf das Aufblühen der Heldin freuen. Ihre Abenteuer sind stets leicht zu verstehen, dienen aber immer wieder der Bewältigung von mehr oder weniger ernsten Schwierigkeiten, auf die Anne Shirley stößt.

Besonderes Vergnügen bereitet auch die akustische Umsetzung des Buches. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, dass man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln. Diese Entwicklung ist in Folge drei zunehmend deutlich zu bemerken, aber da kommt noch einiges auf den treuen Hörer zu.

Fazit: Da ich mir nichts vorstellen kann, womit sich dieses teils romantische, teils komische Hörspiel verbessern ließe – allenfalls etwas mehr Spannung -, vergebe ich die Bestnote.

|Originaltitel: Anne of Green Gables, 1908
69 Minuten auf 1 CD
ISBN 978-3-7857-3527-5|
http://www.titania-medien.de
http://www.wellenreiter.la
http://www.luebbe-audio.de

Montgomery, L. M. / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Anne auf Green Gables. Folge 2: Verwandte Seelen

_Die Verbrechen der Heldin_

Folge 1: Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. Das ältere Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert hat sich entschlossen, einen Waisenjungen aufzunehmen, der Matthew bei der Arbeit auf der Farm unterstützen soll. Versehentlich schickt das Waisenhaus jedoch ein Mädchen nach Prince Edward Island – die quicklebendige und sehr mitteilsame Anne Shirley. Als Anne Green Gables, das schöne Farmhaus der Cuthberts, erblickt, ist sie sich sicher, dass dies der Platz ist, an dem sie für immer bleiben möchte …

Folge 2: Mittlerweile hat sich Anne gut eingelebt. Sie erwartet aufgeregt den ersten Besuch auf der Nachbarfarm Orchard Slope, wo die Familie Barry mit ihren Töchtern lebt. Anne hofft, dass die gleichaltrige Diana die von ihr ersehnte „verwandte Seele“ sein wird, die erste leibhaftige beste Freundin. Allerdings ist Mrs. Barry eine sehr strenge Frau, die ihre Töchter nicht mit jedem spielen lässt …

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: [Die Ankunft]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4827
Folge 2: Verwandte Seelen
Folge 3: Jede Menge Missgeschicke
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea (ab Herbst 2008)

Folgen 5 bis 8

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folgen 9 bis 12

_Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin (Bühnenschauspielerin, Hörspiel-Regisseurin für |Europa|, Stammsprecherin für |Titania Medien|)
Matthew Cuthbert: Jochen Schröder (James Cromwell, Lionel ‚Max‘ Stander, Lloyd Bridges)
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Whoopi Goldberg, Kathy Bates, Diane Keaton)
Diana Barry: Uschi Hugo (Brittany Murphy, Tara Reid, Julie ‚Darla‘ Benz)
Gilbert Blythe: Simon Jäger (Josh Hartnett, Heath Ledger, Matt Damon)
Mr. Phillips: Dennis Schmidt-Foß (Freddie Prinze jr.)
Mrs. Barry: Petra Barthel (Nicole Kidman, Uma Thurman, Julianne Moore, Bridget Fonda)
Doktor: Daniel Werner
Mary Joe: Dascha Lehmann (Katie Holmes, Jennifer Love Hewitt, Keira Knightley)
Minnie May Barry: Friedel Morgenstern (Abigail Breslin in „Little Miss Sunshine“ und „Vielleicht, vielleicht auch nicht“)

Regie und Aufnahmeleitung lagen in den Händen von Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Tontechnik betreuten Martin Wittstock und Kazuya. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Anne hat es geschafft, von ihren neuen Pflegeeltern/Arbeitgebern akzeptiert zu werden. Marilla schenkt ihr sogar eine wertvolle Amethystbrosche. Nun sucht sie sich eine Freundin, eine „Busenfreundin“. Zufällig sucht auch die gestrenge Mrs. Barry auf dem Nachbarhof Orchard Slope eine Freundin für ihre älteste Tochter Diana. Als Anne sie fragt, ist Diana einverstanden und schwört wie verlangt einen heiligen Eid: Sie geloben einander Treue für immer. Anne will im Wald ein Puppenhaus bauen und viel mit Diana unternehmen.

Die Brosche ist verschwunden! Und Anne war angeblich die Letzte, die sie in die Hand genommen hat. Sie beteuert ihre Unschuld, bekommt aber trotzdem Stubenarrest von Marilla. Ist sie eine gewissenlose Diebin? Am nächsten Tag gesteht sie endlich, dass sie die Brosche im nahen See verloren habe. Später erblickt Matthew die Brosche jedoch an einem Schal. Anne hat das Geständnis erfunden, damit Marilla nicht durch die Wahrheit, dass sie selbst ja die Brosche verloren haben könnte, beleidigt wird. Zur Belohnung darf Anne auch zu den anderen Kindern, um mit ihnen am See zu picknicken.

|Ernst des Lebens|

Im September beginnt die Schule – die erste richtige in Annes Leben. Sie darf neben Diana sitzen, mit der sie sich das Pausenbrot teilt. Anne macht unter der Obhut von Lehrer Phillips schnelle Fortschritte und strengt sich an. Daheim erzählt sie von ihrem vierzehnjährigen Mitschüler Gilbert Blythe, der aus der Provinz New Brunswick kommt und der Exfreund von Julie Bell ist. Er durfte drei Jahre lang nicht zur Schule gehen. Anne findet, er sehe „schrecklich gut“ aus.

Im Schulhaus von Avonlea braut sich etwas zusammen. Gilbert Blythe zieht Anne an den Zöpfen und nennt sie „Karotte“. Zur Strafe zerbricht sie eine Schiefertafel, auf die sie sonst schreibt, auf seinem Kopf. Mr. Phillips bestraft beide, und Gilbert entschuldigt sich bei ihr, doch Anne vergibt nicht so leicht. Sie ignoriert ihn, und das nicht bloß für Tage oder Wochen, sondern für Jahre!

Anne will nie wieder in die Schule, was Marilla doch einigermaßen ratlos macht. Vielleicht weiß Rachel Lynde Rat, die immerhin zehn Kinder großgezogen und zwei zu Grabe getragen hat. Ihr Rat lautet: Hausunterricht, denn offenbar sei Mr. Phillips ein schlechter Lehrer. Gegenüber Gilbert bleibt Anne weiter unversöhnlich.

Da Marilla zum Frauenverein gegangen ist, darf Anne Diana selbst bekochen und Johannisbeersaft kredenzen. Doch auf einmal wird Diana schwindlig und übel, sie geht heim und vor ihrem Elternhaus erbricht sie sich in die Büsche. Kein Wunder, dass Dianas Mutter bitterböse reagiert. Wollte Anne ihre beste Freundin etwa umbringen? Anne ist untröstlich. Da findet Matthew endlich die Erklärung: Statt Johannisbeersaft hat sie Johannisbeerwein kredenzt!

Schon wieder muss Marilla Feuerwehr spielen und versucht, Annes „Verbrechen“ auszubügeln. Doch Mrs. Barry stellt sich als harte Nuss heraus. Doch das wird sie bereuen, denn im Januar rettet Anne ihrem Töchterlein unter dramatischen Umständen das Leben …

_Mein Eindruck_

Auch diese Folge weist mehrere Höhepunkte auf und macht die Handlung sehr abwechslungsreich. Während Anne in Folge eins nur drei neue Menschen kennenlernte, nämlich Rachel Lynde und die beiden Cuthberts, bekommt sie es nun mit einer neuen Familie, den Barrys, und einer ganzen Schule zu tun. Folglich müssen ihre sozialen Kompetenzen erheblich ausgebaut werden.

Die Sache mit der „Busenfreundschaft“ bekommt sie ausgezeichnet hin, doch was die Freundschaft zum anderen Geschlecht angeht, muss sie noch üben. Gabriel Blythe ist es bestimmt, später Anne Shirleys Mann zu werden, aber davon sind die beiden weiter entfernt als je. Dass sich Männlein und Weiblein nicht zu nahe kommen, war den Lesern von Montgomerys Buch sicher nicht unrecht, denn die Viktorianer achteten anno 1908 noch streng auf Sitte und Anstand (zumindest äußerlich).

In dieser Folge begeht Anne zwei „Verbrechen“. Ist sie wirklich eine Diebin und Giftmischerin? In diesen Anschuldigungen spiegeln sich die Ängste der damaligen Gesellschaft vor unmoralischen und „gefallenen“ Frauen, die es an Anstand und Moral fehlen lassen. („Gefallene Frauen“ waren Frauen, die zum Beispiel ein uneheliches Kind hatten oder abtreiben ließen, wenn sie sich nicht gleich prostituierten.) Und da Prince Edward Island klein und exponiert gelegen ist, zählt jeder Verstoß eines Gemeindemitgliedes, das die Regeln nicht befolgt, doppelt schwer. Für die Leser war es ebenso wichtig wie für die Figuren im Buch herauszufinden, auf welcher Seite des Gesetzes Anne steht. Zum Glück ist das erste „Verbrechen“ schnell aufgeklärt: Anne ist unschuldig. Und das zweite „Verbrechen“ ist ein Unfall wegen eines Versehens.

Sollte aber dennoch ein Fleck auf Annes Ehre zurückgeblieben sein, wie Mrs. Barry annimmt, so wird dieser Fleck geradezu porentief abgewaschen, als Anne dem kleinen Töchterchen der Barrys das Leben rettet. Weit und breit ist kein Arzt zu bekommen, denn Telefon gibt es hier noch nicht, von Handys und E-Mail natürlich ganz schweigen. Hier ist jeder letzten Endes auf sich selbst angewiesen. In dieser Situation kann sich Anne bewähren und zeigen, dass sie die optimale Krankenschwester wäre.

Schon hier zeigt die Autorin, wo der Platz der Frau als Heldin ist: am Krankenbett, am Herd und später in der Schule und auf der Theaterbühne. Kunst, Bildung, Leben retten – das ist die Domäne der Frau, und sie sollte sich nicht in die Domäne des Mannes einmischen, die da Handel und Politik sowie Militär heißt. Solche Botschaften kommen heute nicht mehr allzu gut an, aber je mehr die Familie und der Nachwuchs schwinden, desto wichtiger werden genau die Werte, die sie erhalten sollen. Und wer weiß, ob die alten Rollenvorstellungen nicht wieder an Boden gewinnen werden.

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die elfjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich kindlich. Später, sobald Anne älter ist, darf sie auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen.

In Folge eins überschlug sich Annes Wortflut geradezu. Das fand ich sehr sympathisch und charmant. Den Cuthberts, so ist anzunehmen, muss es wohl ähnlich ergangen sein. Dagmar von Kurmin und Jochen Schröder klingen sehr sympathisch und ihrem fiktiven Alter entsprechend. In Folge zwei lässt die Redseligkeit Anne etwas nach, aber nicht besonders viel.

Sehr passend fand ich die Stimme der Nachbarin Rachel Lynde, gesprochen von Regina Lemnitz, der Stimmbandvertretung von Whoopi Goldberg. Wenn Rachel und Anne aufeinandertreffen, fliegen die Fetzen, und Anne darf sie schon mal anschreien. Sie ist ja in diesem Frühstadium ihrer Domestizierung noch sehr ungehobelt.

Etwas unerklärlich ist der durchgängig gemachte Aussprachefehler aller Sprecher: Sie sprechen Orchard Slope stets mit K statt Tsch aus, also [orkad] statt [ortschad]. „Orchard“ bedeutet Obstgarten.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1876, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Wenn gleichzeitig die Vögel sängen, die Brandung rauschte UND noch eine Kutsche ratterte, würde das als etwas zu viel des Guten empfunden werden. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Hinzu kommt ja noch die Musik.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Ebenso wie mit den Geräuschen darf man es nicht übertreiben.

An Anfang und Schluss erklingt als Intro und Outro die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Hörspiel hat mir wider Erwarten Spaß gemacht. Ich dachte, das würde so eine romantische Schmonzette à la „Hanni und Nanni“ oder sogar „Heidi“ sein, aber die Umsetzung lässt nicht nur eine Menge Humor und ernste menschliche Probleme durchblicken, wie man sie in jedem alten Jugendroman findet, sondern legt auch einen Sinn für die ernsten wirtschaftlichen Hintergründe an den Tag.

Allerdings beschritt die Autorin den idealistischen Weg, um die gravierenden gesellschaftlichen Probleme der viktorianischen Epoche zu lösen: Statt wirtschaftlicher und politischer Reformen setzt sie auf die uramerikanische Tugend der Selbstverbesserung, ermöglicht durch Liebe, Bildung und Verantwortungsgefühl. Der Hörer darf sich auf das Aufblühen der Heldin freuen. Ihre Abenteuer sind stets leicht zu verstehen, dienen aber immer wieder der Bewältigung von mehr oder weniger ernsten Schwierigkeiten, auf die Anne Shirley stößt.

Besonderes Vergnügen bereitet auch die akustische Umsetzung des Buches. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln. Diese Entwicklung ist nun zwar in Folge zwei viel deutlicher zu bemerken, aber da kommt noch einiges auf den treuen Hörer zu.

|Originaltitel: Anne of Green Gables, 1908
66 Minuten auf 1 CD
ISBN: 978-3-7857-3457-5|
http://www.titania-medien.de
http://www.wellenreiter.la
http://www.luebbe-audio.de

Montgomery, L. M. – Anne auf Green Gables. Folge 1: Die Ankunft (Hörspiel)

_Aufregender, vielversprechender Serienauftakt_

Kanada Ende des 19. Jahrhunderts. Das ältere Geschwisterpaar Marilla und Matthew Cuthbert hat sich entschlossen, einen Waisenjungen aufzunehmen, der Matthew bei der Arbeit auf der Farm unterstützen soll. Versehentlich schickt das Waisenhaus jedoch ein Mädchen nach Prince Edward Island – die quicklebendige und sehr mitteilsame Anne Shirley. Als Anne Green Gables, das schöne Farmhaus der Cuthberts, erblickt, ist sie sich sicher, dass dies der Platz ist, an dem sie für immer bleiben möchte … (Verlagsinfo)

Pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum gibt es die Abenteuer des Waisenmädchens Anne Shirley als Hörspiel-Serie, geeignet für die ganze Familie.

_Die Autorin_

Lucy Maud Montgomery (1874-1942) war eine kanadische Schriftstellerin, die besonders durch ihre Jugendbücher um Anne Shirley bekannt wurde: „Anne of Green Gables“ und sechs Fortsetzungen.

Das Manuskript wurde zunächst von mehreren Verlagen abgelehnt, bevor es Montgomery gelang, es zu platzieren. 1908 war sie bereits 34 Jahre alt. Das Buch wurde zu einem Theaterstück verarbeitet, mehrmals verfilmt und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.

Die erste Staffel: Anne auf Green Gables

Folge 1: Die Ankunft
Folge 2: Verwandte Seelen
Folge 3: Jede Menge Missgeschicke
Folge 4: Ein Abschied und ein Anfang

Die 2. Staffel: Anne auf Avonlea (ab Herbst 2008)

Folgen 5 bis 8

Die 3. Staffel: Anne in Kingsport (Frühjahr 2009)

Folgen 9 bis 12

_Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Erzähler: Lutz Mackensy (Rowan Atkinson, Christopher Lloyd, Al Pacino)
Anne Shirley: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst, Kate Beckinsale)
Marilla Cuthbert: Dagmar von Kurmin (Bühnenschauspielerin, Hörspiel-Regisseurin für |Europa|, Stammsprecherin für |Titania Medien|)
Matthew Cuthbert: Jochen Schröder (James Cromwell, Lionel ‚Max‘ Stander, Lloyd Bridges)
Rachel Lynde: Regina Lemnitz (Whoopi Goldberg, Kathy Bates, Diane Keaton)
Thomas Lynde: Wilfried Herbst (Charles Hawtrey, Barney ‚Morty Seinfeld‘ Martin)
Mrs. Spencer: Arianne Borbach (Diane Lane, Catherine Zeta-Jones, Emily Watson)
Mrs. Blewett: Heidrun Bartholomäus (Frances McDormand, Kim Delaney)
Stationsvorsteher: Lutz Riedel (Timothy Dalton)

Regie und Aufnahmeleitung lagen in den Händen von Stephan Bosenius und Marc Gruppe, der auch das „Drehbuch“ schrieb. Die Tontechnik betreuten Martin Wittstock und Kazuya. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Mrs. Rachel Lyndes Haus steht auf einer Anhöhe und gewährt seiner Bewohnerin einen Überblick über alle Dinge, die auf der Straße in die Stadt Avonlea auftauchen. Diese befindet sich auf der kanadischen Prince-Edward-Insel. Im Juni 1876 späht die Frau wieder mal auf die Straße und sieht um 14:30 Uhr Matthew Cuthbert auf seiner Kutsche vorbeirollen. Sehr ungewöhnlich. Was mag auf Green Gables, dem Haus der Cuthberts, passiert sein? Matthews Schwester Marilla wird es ihr bestimmt verraten.

Auf Marillas Tisch ist für drei gedeckt. Wird ein Gast erwartet? Marilla verrät, dass Matthew zum Bahnhof in Brightriver gefahren sei, um einen Jungen abzuholen, der auf der Farm helfen soll. Sie haben einen Waisenjungen aus Nova Scotia erbeten. Natürlich würden sie ihn auf die Schule schicken. Rachel Lynde befürchtet das Schlimmste für das Glück der Cuthberts, eilt aber fort, um die Sensation jedem zu erzählen, der es hören will.

|Am Bahnhof|

Auf dem Bahnhof von Brightriver sieht Matthew aber keinen Jungen, sondern bloß ein Mädchen. Sie trägt alte, abgerissene Kleidung, ihre Haare sind – omeingott! – feuerrot, und sie hat ein lustiges, offenes Gesicht. Sie ist tatsächlich die erbetene Haushaltshilfe.

Kaum hat er sie in die Kutsche gelassen, fängt sie an zu plappern und hört nicht wieder auf. Sie heiße Anne Shirley, würde aber viel lieber Cordelia heißen. Sie sei vier Monate im Waisenheim gewesen, das war eine schlimme Zeit nach ihren zwei Pflegefamilien, die sie aufzogen. Sie sei zwar hässlich wie die Nacht, wolle aber dereinst auch mal einen Mann heiraten. Sie findet die Landschaft wunderschön, denn jetzt im Juni blühen die Kirschbäume und sehen aus wie ein weißes Brautkleid auf dem Land. Matthew kommt gar nicht dazu, Anne wegen dieses blühenden Unsinns zurechtzuweisen, denn sie gibt ihm gar keine Gelegenheit dazu.

|Auf Green Gables|

Marilla ist entsetzt, als ihr Bruder ein Mädchen anschleppt statt eines Jungen. Anne – mit E – antwortet tränenerstickt, wie sie heißt, und wird vorerst im Ostflügel untergebracht. Das Zimmer ist karg, durch die Ritzen summt ständig der Wind, und Anne ist unglücklich. Am Abend verkündet Marilla Cuthbert, dass sie wieder gehen müsse, aber Matthew, der offenbar einen Narren an Anne gefressen hat, will, dass sie bleibt, wenigstens bis zum nächsten Tag.

Als Anne am nächsten Morgen erwacht, kann sie die Vögel zwitschern hören und wie die Brandung an der nahen Felsenküste braust. Nach dem Frühstück soll Anne abreisen, und sie ist verständlicherweise sehr traurig, redet von einem „Friedhof begrabener Hoffnungen“. Marilla seufzt. Herrje, das Mädchen redet immer so romantisch und geschwollen, gibt sogar gewöhnlichen Geranien einen Namen wie „Bonnie“! Sie will mehr über Anne erfahren. Anne ist seit März elf Jahre alt, sie erzählt ihre Lebensgeschichte. Sie besuchte kaum je die Schule, kann aber eine Menge romantischer Gedichte aufsagen. Das hat Marilla schon gemerkt.

|Abschiebung|

Marilla bringt Anne zu Mrs. Spencer, bei der sie einen Jungen angefordert hatte. Als Mrs. Spencer sagt, dass Mrs. Blewitt eine hart arbeitende und brav gehorchende Haushalfshilfe suche, ändert Marilla ihre Meinung. Wer weiß, was Anne noch bei Mrs. Blewitt blüht. Soll sie noch mehr Elend und Prügel ertragen, das arme Ding? Marilla beruft sich einfach auf Matthew und nimmt Anne wieder mit.

Wieder auf Green Gables, ist Marilla schockiert zu erfahren, dass Anne noch nie gebetet hat. Und das erste Gebet, das Anne improvisiert, hat nichts mit etwas zu tun, was Marilla je im Leben gehört hat: Anne zeichnet ihre Ansprache an Gott „mit vorzüglicher Hochachtung“. Marilla meint, sie solle fortan lieber „Amen“ sagen. Und am nächsten Tag verkündet sie, Anne dürfe bleiben – wenn sich Matthew nicht in ihre Erziehung einmische.

|Busenfreundin|

In zwei Wochen beginnen die Sommerferien, es hat also keinen Zweck, Anne zur Schule zu schicken. Anne sucht eine „Busenfreundin“. Nanu, was soll das denn sein? Bisher hatte Anne nur eine „Fensterfreundin“, jenes Mädchen, das erschien, wenn sich Annes Gesicht im Fenster spiegelte. Marilla empfiehlt ihr Diana Barry, die Tochter des Ehepaars Barry, das auf dem Gut Orchard Slope wohne. Dann stellt sie Anne ihrer Freundin Rachel Lynde vor.

|Stubenarrest|

Rachel Lynde hat eine schwere Grippe hinter sich und ist noch nicht ganz im Reinen mit der Welt. Sie macht Anne herunter: ungehobelt, ungezogen – und rothaarig! Anne antwortet heftig, rücksichtslos und laut. Rachel Lynde ist sprachlos und rauscht dann beleidigt ab. Oh je, dafür gibt es Stubenarrest. Wird Anne jemals lernen, ein gutes, braves Mädchen zu sein und die Klappe zu halten? Vermutlich nicht.

_Mein Eindruck_

Man kann sich leicht vorstellen, warum dieses Buch aus dem Jahr 1908 – aha, hundertjähriges Jubiläum! – stets so beliebt war. Die Heldin muss eine ganze Menge über die Welt und die Menschen lernen. Da bleibt es angesichts ihrer Ahnungslosigkeit nicht aus, dass sie aneckt und auf allen möglichen Unsinn verfällt. Immerhin ist Anne Shirley aber ein ungeschliffener Rohdiamant. An ihr kann die Kultur Kanadas demonstrieren, was sich aus einem abgerissenen armen Waisenmädchen machen lässt: nämlich ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Es fragt sich allerdings, welche Bedingungen dafür vorhanden sein müssen.

Das geistige Klima und die wirtschaftlichen Gegebenheiten sind nicht gerade förderlich für Anne Shirleys Aufstieg. Kinder wie sie werden stets ausgebeutet, je ärmer sie sind, desto übler. Ihre eigene Geschichte, die ich hier ausgespart habe, belegt das am besten. Stets war sie als billige – wenn sie überhaupt bezahlt wurde – Hilfskraft willkommen, doch an Bildung gab man ihr praktisch nichts mit. Vielleicht aus Angst, sie könnte auf dumme Gedanken kommen, wie etwa den, einen Lohn zu fordern?

Dass die Cuthberts sie behalten, ist extrem ungewöhnlich. Erst wird sie anstelle eines Farmgehilfen aufgenommen, dann zusätzlich zu ihm, was doch auf ein gutes Einkommen der Cuthberts schließen lässt. Wenn dem nicht so wäre, dann wäre die Autorin eine ebenso romantische Seele wie Anne Shirley selbst. Das würde aber gar nicht zur ständigen Romantikkritik passen, welche die Autorin fortwährend indirekt übt, indem sie Annes Versponnenheit den Kommentaren diverser Spötter aussetzt. Diese humorvollen Einlagen haben aber, bei genauerem Hinsehen, auch einen ernsteren Hintergrund – siehe oben.

Andererseits darf man sich nicht zu viel erhoffen: Die Autorin ist keine Sozialdemokratin, die nach der Gründung einer Gewerkschaft ruft, und erst recht keine Kommunistin, die die Verstaatlichung der Produktionsmittel fordert. Nein, hier bleibt alles im Rahmen der bestehenden Verhältnisse. Anne darf demonstrieren, dass mit Liebe, Verständnis, Kunst (sie trägt Gedichte vor) und vor allem Bildung (Schulen) aus ihr ein nützliches Mitglied der Gemeinschaft wird. Hier wird nicht auf Revolution, sondern auch Evolution gesetzt. Spannend wäre natürlich die Frage, ob neue soziale und politische Ideen wie etwa das Wahlrecht der Frauen angeschnitten werden. Dafür ist es aber in Episode eins, als Anne gerade mal elf Lenze zählt, definitiv noch zu früh.

_Die Inszenierung_

|Sprecher|

Die Hauptrolle der Anne Shirley wird von Marie Bierstedt, der deutschen Stimme von Kirsten Dunst und vielen anderen jungen Schauspielerinnen, mit Enthusiasmus und Einfühlungsvermögen gesprochen. Obwohl Bierstedt wesentlich älter ist als die elfjährige Heldin, klingt ihre Stimme doch ziemlich kindlich. Später, sobald Anne älter ist, darf sie auch ein wenig langsamer und überlegter sprechen.

In Episode eins überschlägt sich Annes Wortflut geradezu. Das fand ich sehr sympathisch und charmant. Den Cuthberts, so ist anzunehmen, muss es wohl ähnlich ergangen sein. Dagmar von Kurmin und Jochen Schröder klingen sehr sympathisch und ihrem fiktiven Alter entsprechend.

Sehr passend fand ich die Stimme der Nachbarin Rachel Lynde, gesprochen von Regina Lemnitz, der Stimmbandvertretung von Whoopi Goldberg. Wenn Rachel und Anne aufeinandertreffen, fliegen die Fetzen, und Anne darf sie schon mal anschreien. Sie ist ja in diesem Frühstadium ihrer Domestizierung noch sehr ungehobelt. Weitere Rollen gibt es nur sehr wenige.

|Geräusche|

Die Geräusche im Hintergrund sorgen für die Illusion einer zeitgenössischen Kulisse für das Jahr 1876, doch sind sie so sparsam und gezielt eingesetzt, dass sie einerseits den Dialog nicht beeinträchtigen, andererseits den Hörer nicht durch ein Übermaß verwirren. Wenn gleichzeitig die Vögel sängen, die Brandung rauschte UND noch eine Kutsche ratterte, würde das als etwas zu viel des Guten empfunden werden. Deshalb erklingen Geräusche in der Regel stets nacheinander. Hinzu kommt ja noch die Musik.

|Musik|

Die Musik ist ebenfalls ziemlich romantisch, voller Streichinstrumente, Harfen und Pianos. Das Klavier wird meist für melancholische Passagen eingesetzt, und diese sind ebenso wichtig wie die heiteren. Der kontrastreiche Wechsel zwischen Heiterkeit, Drama und Melancholie sorgt für die emotionale Faszination beim Zuhörer. Die Musik steuert die Emotionen und untermalt die wichtigsten Szenen, kommt aber nicht ständig im Hintergrund vor. Ebenso wie mit den Geräuschen darf man es nicht übertreiben.

Am Schluss erklingt als Outro die Erkennungsmelodie der Serie: In einem flotten Upbeat-Tempo lassen Streicher, Holzbläser und ein Glockenspiel Romantik, Heiterkeit und Humor anklingen. Alle diese Elemente sind wichtige Faktoren für den Erfolg des Buches gewesen. Warum sollten sie also ausgerechnet im Hörspiel fehlen?

_Unterm Strich_

Das Hörspiel hat mir wider Erwarten Spaß gemacht. Ich dachte, das würde so eine romantische Schmonzette à la „Hanni und Nanni“ oder sogar „Heidi“ sein, aber die Umsetzung lässt nicht nur eine Menge Humor und ernste menschliche Probleme durchblicken, wie man sie in jedem alten Jugendroman findet, sondern legt auch einen Sinn für die ernsten wirtschaftlichen Hintergründe an den Tag.

Allerdings beschritt die Autorin den idealistischen Weg, um die gravierenden gesellschaftlichen Probleme der viktorianischen Epoche zu lösen: Statt wirtschaftlicher und politischer Reformen setzt sie auf die uramerikanische Tugend der Selbstverbesserung, ermöglicht durch Liebe, Bildung und Verantwortungsgefühl. Der Hörer darf sich auf das Aufblühen der Heldin freuen. Ihre Abenteuer sind stets leicht zu verstehen, dienen aber immer wieder der Bewältigung von mehr oder weniger ernsten Schwierigkeiten, auf die Anne Shirley stößt.

Besonderes Vergnügen bereitet auch die akustische Umsetzung des Buches. Hörbaren Spaß haben die Sprecher an ihren Rollen, und insbesondere die Hauptfigur ist von Marie Bierstedt ausgezeichnet gestaltet. Sie schluchzt, lacht, schmollt, flüstert und quasselt, das man sich wundern muss, woher diese Vielseitigkeit stammt. In den Spider-Man-Filmen ist Kirsten Dunst nie so vielseitig. Bierstedts Anne muss sich nicht nur durch Höhen und Tiefen des Herzens lavieren, sondern auch noch weiterentwickeln. Diese Entwicklung ist zwar in Episode eins kaum zu bemerken, aber da kommt noch einiges auf den treuen Hörer zu.

Fazit: Da ich mir nichts vorstellen kann, womit sich dieses teils romantische, teils realistische Hörspiel verbessern ließe – allenfalls etwas mehr Spannung -, verdient es eine Bestnote in der Bewertung.

|Originaltitel: Anne of Green Gables, 1908
65 Minuten auf 1 CD|
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