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Lehane, Dennis – In tiefer Trauer

_Spannender Thriller mit Slapstick-Einlagen_

Das Privatschnüfflerteam Kenzie/Gennaro soll die verschwundene Tochter eines Milliardärs aufspüren. Ihre Spur führt zu einer Sekte, die es auf die Finanzen ihrer neuen Mitglieder abgesehen hat – Scientology lässt grüßen. Leider entpuppen sich für unsere Helden die erhaltenen Informationen als das Gegenteil der Wahrheit. Und das ist meist ganz schlecht für Geschäft und Gesundheit.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich“ war sein erster. „Spur der Wölfe“ wurde 2003 als „Mystic River“ von Clint Eastwood verfilmt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein| und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Seine Helden|

Zumeist stehen in den Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

Trevor Stone, ein angeblich todkranker Milliardär aus Boston, beauftragt unsere beiden Helden Kenzie/Gennaro mit der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Desiree. Ihre Mutter wurde bei einem Autounfall getötet, in dem er selbst, Stone, schwer im Gesicht verwundet wurde. Angela Gennaro, die selbst kürzlich ihren Ex-Gatten Phil verloren hat, fühlt daher Mitleid mit dem alten Mann und übernimmt den Auftrag. Kenzie hat bei der Sache gemischte Gefühle, kann aber Gennaro verstehen.

Die beiden Privatdetektive lesen die Berichte, die der erste Schnüffler geschrieben hat, den Stone auf Desirees Spur gesetzt hatte: Jay Becker war einst Kenzies Lehrer und Mentor bei einer der größten Detekteien Bostons.

Jay war Desirees Spur bis zu einer Seelsorger-Gesellschaft namens Trauer & Trost AG gefolgt, die eng mit einer Sekte namens ‚Die Botschafter‘ verbunden war. Beide geben vor, ihre „Klienten“ zu therapieren, verfolgen aber nur das Ziel, ihre Neumitglieder zu schröpfen. Parallelen zu Scientology kann jeder ziehen, wenn er mag.

Wie es scheint, verschwand Desiree zur gleichen Zeit Richtung Florida wie ein gewisser Jeff Price, seines Zeichens Verwalter von Trauer & Trost. Price ließ dabei zwei Millionen Dollar mitgehen. Doch seltsam: Kaum hatte Jay Becker diese Details über die junge Frau und die verschwundenen Gelder herausgefunden, verschwand auch er – irgendwo zwischen Boston und Stones feudalem Anwesen.

Kenzie und Gennaro stehen vor einem Rätsel. Es lässt sich nur in Florida aufklären, so viel steht fest. Mit Stones Privatjet werden sie aus dem kühlen Norden in den sonnigen Süden geflogen, zu ihren reservierten Hotelzimmern chauffiert und mit einem komfortablen Mietauto ausgestattet: Klarer Fall – bei so viel Sonderbehandlung ist etwas oberfaul.

In Nullkommanix büchsen sie aus, mieten einen schrottigen Toyota und futtern in einer heruntergekommen Cantina am Straßenrand. Hier sehen sie zu ihrem Erstaunen ein bekanntes Gesicht in der Zeitung …

Als sie den „verschwundenen“ Jay Becker gegen Kaution aus dem Gefängnis befreit haben, erzählt er ihnen die blutigen Details einer gar wundersamen Story, von der sie wiederum nur den geringsten Teil glauben. Desiree sei tot, behauptet Jay. Jeff Price sei ebenfalls tot. Na toll: Bleibt also nur die Heimreise. Leider kommt Jay Becker nicht einmal über die Distriktsgrenze, denn Stones Leute killen ihn. Kenzie/Gennaro werden mit Freuden wegen Mordes von der lokalen Polizei eingebuchtet – Ende des Falls?

Noch lange nicht. Vielmehr führt die Handlung wieder zurück nach Boston, wo es in Stones Anwesen zu einem genialen Finale mit zahlreichen Überraschungen kommt.

_Mein Eindruck_

Wie Kenzie selbst andeutet, ändert sich die Wahrheit hinter den Geschichten, die man Kenzie/Gennaro erzählt, je nachdem, welchen Standpunkt der jeweilige Erzähler gerade vertritt. Dies ist der Plot von Akira Kursosawas ausgezeichnetem Filmklassiker „Rashomon“. Darin ändert sich die Wahrheit hinter einem Fall von Vergewaltigung und Mord je nachdem, wer die Geschichte erzählt.

Folglich dreht sich der Fall dreimal: Zuerst glauben die zwei Schnüffler Stones Fassung, dann der von Becker und schließlich der von Desiree (die sich als recht lebendig erweist). Doch ist dies der Weisheit letzter Schluss? Natürlich nicht. Und je nach Fassung ändert sich, wer nun schuldiger Täter und wer unschuldiges Opfer ist, in einem fort. Der Leser hat alle Hände voll zu tun, diesen drei Fassungen zu folgen: „Schwarz ist weiß, oben ist unten, Norden ist Süden“ sagt Gennaro einmal. Genauso ist es. Und darum steckt der Plot voller Überraschungen.

|Schönheit, Wahrheit, Unschuld – alles Lüge?|

Die Stellung von Stone und seiner Tochter ändert sich sukzessive mit jeder neuen Fassung. Der Milliardär scheint ein menschenverachtender Ausbeuter zu sein, der seine Frau im Alter von 14 Jahren gekauft hatte und seine Tochter vergewaltigte, als diese selbst 14 war. Aber ist das wahr?

Zunächst scheint Desiree als das unschuldige Opfer einer Entführung durch eine Sekte und eines Sektenführers (Jeff Price), bis sie ihr Ende in Florida findet. Ihre überirdische Schönheit scheint ihre Unschuld zu belegen. Die wirkliche Wahrheit ist natürlich das genaue Gegenteil dieses Anscheins. Und das wiederum lässt Trevor Stone wie eines von Desirees Opfern aussehen, das sich lediglich wehrt, indem es sie von Detektiven jagen lässt.

Was Desiree so gefährlich macht, ist der geradezu magische Bann, den ihre äußere Schönheit auf die Männer ausübt, so dass sie ihr zu Willen sind. Die junge Frau lernt schon früh, diese Macht zu ihrem Vorteil auszunützen, und zwar ohne Skrupel. Beinahe wird dies auch Kenzie zum Verhängnis.

Erst sehr spät begreift er, worin Schönheit wirklich liegt. Sie liegt nicht in einem perfekten Äußeren, sondern in der charakterlichen Stärke und Güte von Angela Gennaro (oder einer ähnlich großartigen Frau). Angie mag ja vielleicht nicht umwerfend aussehen, aber sie liebt Kenzie, bangt um ihn, braucht ihn. Ohne sie wäre er wiederum völlig aufgeschmissen, „ein Nichts“, wie er bekennt. Kenzie findet Schönheit in der Innenwelt eines Menschen. Diese Schönheit ist ihm „heilig“ – das drückt der Originaltitel „Sacred“ des Buches aus. Und der Schluss des Buches setzt diese Erkenntnis angemessen um.

_Unterm Strich_

Auf den ersten Blick scheint der Handlungsverlauf von einer allzu unwahrscheinlichen Zahl von Zufällen getrieben zu sein. Aber man muss wie Kenzie/Gennaro lediglich seine eigene Sichtweise der präsentierten Fakten um 180 Grad drehen (schwierig genug!), um zu einer völlig anderen Interpretation der Geschehnisse zu gelangen – die sogar einen Sinn ergibt.

„In tiefer Trauer“ ist also nicht nur ein äußerst spannender und actiongeladener Krimi, sondern hat auch die Relativität der Wahrheit und anderer „ewiger Werte“ zum Thema.

|Sehr humorvoll|

Außerdem stieß ich hier auf einige der komischsten Dialoge, die ich seit langem gelesen habe. Lehane ist offenbar ein großer Fan der Marx Brothers – Kenzie überlegt einmal, wie sich Chico, Groucho und Harpo aus einer bestimmten misslichen Lage befreit hätten.

Manche Kabbeleien zwischen unserem dynamischen Heldenduo erinnern an Slapstick. Aber es ist genialer Slapstick. (Den deutschen Titel sollte man also nicht allzu wörtlich nehmen.)

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Lehane, Dennis – Streng vertraulich

_Coole Schreibe, harte Action_

Brisante Fotos bringen das Privatschnüfflerteam Kenzie und Gennaro schwer in die Bredouille: Sie geraten zwischen die Fronten eines Straßenbandenkrieges, und ihre Auftraggeber, zwei korrupte Politiker, wollen sie ebenfalls aufs Kreuz legen. Überlebens-Motto: Augen auf und durch!

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich“ war sein erster. „Spur der Wölfe“ wurde 2003 als „Mystic River“ von Clint Eastwood verfilmt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein| und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Seine Helden|

Zumeist stehen in den Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

Kenzie und Gennaro werden von zwei hochrangigen Bostoner Senatoren beauftragt, ihre verschwundene Putzfrau Jenna wiederzufinden, die vertrauliche Dokumente entwendet haben soll. Als Kenzie/Gennaro Jenna endlich bei deren Schwester auf dem Lande aufgestöbert haben, geht Kenzie mit Jenna zu einem Bankschließfach, woraufhin sie ihm einen Umschlag mit einem brisanten Foto übergibt: Es zeigt einen der obigen Senatoren mit einem schwarzen Straßenbandenführer namens Socia. Pikant: Der Senator will Straßenbanden verbieten; über den Gesetzesvorschlag soll in Kürze abgestimmt werden. Noch pikanter: Socia ist Jennas Ehemann. Und wie Jenna sagt, gibt es noch 22 weitere Bilder von diesem Treffen.

Wenige Sekunden später wird Jenna vor der Bank auf offener Straße mit einer Uzi-Maschinenpistole niedergemäht. Kenzie gelingt es, den Angreifer, einen von Socias „Soldaten“, niederzuschießen. Doch nun ist natürlich jeder hinter dem Foto und dem Leben seines derzeitigen Besitzers her.

Socia, einer der Drogenbosse der Bostoner Unterwelt, hat einen Gegenspieler, seinen Sohn Roland, der ihm den Krieg erklärt, als Jenna, Rolands Mutter, zu Grabe getragen wird. Damit er Socia schaden kann, will natürlich auch Roland an das Foto herankommen: Kenzie/Gennaro stehen genau zwischen den Fronten. Weil die Polizei sehr ungern einen Krieg in ihrer Stadt duldet, will sie natürlich auch das Foto, das zum Zankapfel geworden ist. Und die Senatoren sowieso.

Doch das Foto ist Kenzies Lebensversicherung. Erst versucht er, in mehreren nervenaufreibenden Aktionen seine nackte Haut zu retten. Sein psychopathischer Freund Bubba Rogowski, ein Beirut-geschädigter Ex-Marine, hilft ihm mit diverser Artillerie. Als Kenzie auch an die übrigen Fotos herankommt, packt ihn die kalte Wut: Die Bilder zeigen den Senator, wie er es im Beisein Socias mit dessen Sohn Roland treibt. Purer Sprengstoff!

Der Showdown lässt nicht lange auf sich warten …

_Mein Eindruck_

Der Originaltitel des Romans lautet „A drink before the war“. Mit dem Krieg ist natürlich der stattfindende Bandenkrieg gemeint. Und den Drink nehmen Kenzie/Gennaro mit einem abgetakelten Polizisten namens Devine in einer Kneipe ein, dem einzigen weißen in einem schwarzen Viertel. Natürlich kommt es dort zu einer recht hässlichen Szene mit den anderen Kneipenbesuchern.

|Heiße Eisen|

Der Autor packt mit dem Thema „Rassismus“ ein heißes Eisen an. Aber als sei das noch nicht genug, kritisiert er die korrupten Politiker einen nach dem anderen, wobei sich einer von denen als Pädophiler und Unterweltfreund herausstellt. Der Autor stellt sich jedoch nicht auf eine bestimmte Seite: sowohl Schwarze wie Weiße, Arbeiterklasse wie auch herrschende Klasse haben gleichermaßen Dreck am Stecken. Keiner kommt ungeschoren davon, nicht einmal Kenzie selbst. Und auch Gennaro, seine berufliche Partnerin, hat kein blütenreines Gewissen: Im Zorn bringt sie beinahe ihren gewalttätigen Ehemann Phil um.

|Eine Stadt am Abgrund|

Neben der actionreichen Handlung bleibt den abgehetzten Hauptfiguren noch genügend Zeit, sich über den Niedergang ihrer Stadt Gedanken zu machen. Im Grunde ist Boston noch wesentlich besser dran als etwa Washington, L.A. oder New York City, doch was seinen gesellschaftlichen Niedergang angeht, so ist auch dieser offenbar unabwendbar. Die wichtigsten Werte wie etwa Kinder- und Mutterliebe wurden bereits verraten, von Werten wie Schutz des Eigentums und des Lebens ganz abgesehen. Verlautbarungen von Politikern vergleicht der Autor mit Weihnachtsmärchen: Die Wähler wollen ja unbedingt daran glauben, um die deprimierende Realität, die das Märchen widerlegt, aushalten zu können.

|“Fear is the mother of violence“| (Peter Gabriel)

Dieser Roman spielt auf keinen Empfängen oder Partys – Kenzie/Gennaro halten das für etwas unangebracht, wenn sie mitten in einem Straßenkrieg versuchen, ihre nackte Haut zu retten. Schauplätze sind in der Regel das heiße Pflaster, ausgebrannte Straßenzüge, irgendwelche Kneipen, Polizeireviere usw. Nicht gerade Beverly Hills.

Und doch: Als Kenzie seine Auftraggeber trifft, so findet das Gespräch in einer feinen Hotel-Lobby statt, aber was dort geredet wird, möchte man nicht in einer Klatschkolumne lesen. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft. Kaum wieder daheim, reißt sich Kenzie den elenden Anzug vom Leib und schlüpft in seine Jeans. Er ist eben kein James Bond.

|Cooler Humor|

Ich musste beim Lesen mehrmals laut auflachen: Unsere beiden Helden lassen sich erstens von absolut gar nichts beeindrucken und führen zweitens ein geschliffenes Mundwerk, für das sie einen Waffenschein beantragen müssten. Selten so coole, harte Sprüche gelesen! Und das gilt auch für Miss Gennaro.

_Unterm Strich_

Ein kleiner, aber feiner Hard-boiled-Krimi, der jedem Raymond Chandler oder Ross MacDonald Ehre gemacht hätte. (Stephen King brauchte diese Krimis angeblich zum Überleben – nun ja.) Für jeden Krimifan sind Lehanes Bücher Pflicht, auch wenn man bei Amazon.de verschiedentlich anderes lesen kann. Leute mit zartem Gemüt sollen sich das neueste Schneewittchenabenteuer besorgen. (Obwohl Schneewittchen in der Urfassung auch ganz schön brutal ist – und die ist sicher nicht von den Brüdern Grimm!)

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Lehane, Dennis – Kein Kinderspiel

_Spannender Thriller, der an die Nieren geht_

Ein vierjähriges Mädchen wurde entführt, doch es gibt weder Botschaften noch Forderungen der Entführer. Die Detektive Kenzie und Gennaro stoßen zunächst auf einen Drogendealer-Hintergrund, doch der Fall nimmt eine unerwartete und für viele Beteiligte unangenehme Wendung.

Dieser exzellente Thriller wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2001 ausgezeichnet.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. „Spur der Wölfe“ wurde 2003 als „Mystic River“ von Clint Eastwood verfilmt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein| und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Seine Helden|

Zumeist stehen in den Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

In ihrem vierten Fall werden Kenzie und Gennaro von einem ungleichen Ehepaar beauftragt, ein vierjähriges Mädchen wiederzufinden: Amanda McCready. Zunächst lehnen die beiden Bostoner Detektive den Fall als absolut hoffnungslos ab, denn es wurden bereits alle Suchmaßnahmen ausgeführt. Amandas Mutter Helene ist psychisch unfähig, sich um den Fall zu kümmern, und Amandas Vater ist über alle Berge. Helene betäubt sich mit Alkohol und ab und zu auch mit Härterem.

Als sich der Fall als Kidnapping herausstellt, arbeitet das Duo mit zwei Polizisten zusammen, die in einer Sondereinheit für vermisste Kinder tätig sind. Bouchard und Poole sind zwei wirkliche Originale, die ursprünglich bei Sitte und Rauschgift arbeiteten, bevor sie in John Doyles Abteilung gesteckt wurden. Wie sich zeigt, sind die alten Verbindungen zu der Drogenszene immer noch aktiv. Und Helene war einmal Drogenkurierin, deren Partner Ray Likanski seiner Auftraggeberin 200.000 Dollar unterschlagen hat. Es geht offenbar um eine große Summe.

Der erste große Höhepunkt der Handlung: Als bei einer groß angelegten, aber dennoch gescheiterten Übergabe dieses Geldes mehrere Personen getötet werden, wird Patrick und Angie allmählich klar, dass hinter der Entführung noch erheblich mehr steckt als anfangs vermutet. Sie entdecken, dass Bouchard eine weitaus engere Beziehung zu Likanski hatte als angegeben.

Je länger sich die Ermittlungen hinziehen, desto undurchsichtiger wird der Fall. Das stellt die Beziehung zwischen Patrick und Angie auf eine harte Zerreißprobe. Und schließlich kommt der Punkt, an dem ihre Zusammenarbeit auf die schwerste Probe gestellt wird: Kenzie muss sich zwischen Gesetzestreue und Kinderliebe entscheiden.

_Mein Eindruck_

Aufgrund dieser Beschreibung könnte man glauben, dass sich der Fall zäh und ereignislos dahinzieht. Das Gegenteil ist der Fall. Eine spannend inszenierter Höhepunkt folgt dem nächsten, ohne dabei jedoch in Aktionismus zu verfallen. Action und Spannung sind fein dosiert, dazwischen findet Lehane Zeit für menschlich anrührende Szene mit Helene McCready und ähnlichen Kidnappingopfern.

Dieser Wechsel ist notwendig, um erstens die Ermittlungen voranzubringen und zweitens die Problematik von Kindesentführungen vor Augen zu führen. Schließlich gibt es einen echten Showdown und ein Finale. Der Epilog rundet den Prolog ab und formt auf diese Weise eine Klammer um die Haupthandlung.

|Warnung!|

Zartbesaitete Gemüter seien eindringlich vor durchaus brutalen und ekelerregenden Szenen gewarnt. In einer besonderen Szene stürmen die Polizisten und Detektive das Haus einer Bande von Kinderschändern. Die rasch abfolgenden Ereignisse sind schlicht grauenerregend: ein regelrechter Shootout wie einst in Tombstone am O.K. Corral! Auch eine andere Verbrechensszene wird in allen Details als Ort des Grauens geschildert – „Das Schweigen der Lämmer“ lässt grüßen.

_Unterm Strich_

Unter den Thrillern, die ich bislang von Dennis Lehane gelesen habe, ist „Kein Kinderspiel“ einer der herausragenden, weit besser als „Streng vertraulich“ oder „In tiefer Trauer“. Er liegt auf einem Qualitätsniveau mit „Regenzauber“. „Mystic River“ spielt hingegen in einer anderen Liga, daher wäre ein Vergleich nicht angebracht.

Fälle mit Kindesentführungen sind immer die schlimmsten, das weiß jeder Polizist. Sie gehen total an die Nieren. Und dieser Fall bildet keine Ausnahme. Der Schluss ist besonders bitter. Nicht nur muss Kenzie zwischen Gesetzestreue und Kinderliebe wählen und damit seine Partnerschaft mit Gennaro aufs Spiel setzen. Nein, selbst dann, wenn das entführte Kind wieder seinen Eltern zurückgegeben wird, heißt das nicht, dass es dort eine angemessene und liebevolle Erziehung erhält. In den USA dürfen Eltern alles und Kinder nichts, wie Lehane anhand mehrerer Fälle illustriert. Hoffentlich ist das hierzulande anders.

|Originaltitel: Gone, baby, gone; 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andrea Fischer|

|Dennis Lehane bei Buchwurm.info:|
[Regenzauber]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1346
[Mystic River]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1340
[Shutter Island]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150

Lehane, Dennis – Regenzauber

Hartgesottener Thriller um einen hemdsärmeligen Privatdetektiv, der es mit einem (oder zwei?) besonders skrupellosen Erpresser(n) zu tun bekommt. Nichts für schwache Nerven!

Ich bin auf dieses Buch gestoßen, weil es der Thrillerautor James Patterson in seinem Roman [„Roses are red“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=429 als Bettlektüre seines Helden Dr. Alex Cross erwähnt. Ich habe diese Empfehlung zu keiner Zeit bereut. Das Buch ist ein Hammer. Für die renommierte „New York Times“ ist es ein „Notable Book of the Year“ gewesen. Bemerkenswert ist es in vielerlei Hinsicht.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der 1966 geborene Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. Seine jüngsten tragen die Titel „Spur der Wölfe“/“Mystic River“ (http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1340 ) und [„Shutter Island“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150 Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein|. Geboren in Dorchester, Massachusetts, lebt Lehane heute in der Region Boston, Massachusetts.

_Seine Helden_

Bis auf die jüngsten beiden stehen in allen Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam I + II“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

Als die 26 Jahre junge Karen Nichols das Büro von Privatdetektiv Patrick Kenzie (es gibt wohl kaum einen irischeren Namen) betritt, glaubt er, Barbie wäre eingetreten, so aus dem Ei gepellt und proper sieht Karen aus. Sie liebt ihren Verlobten Andrew abgöttisch und würde sich am liebsten einen Mittelklassewagen kaufen. (Aber das Geld reicht nur für einen popeligen Toyota Corolla) . Karen bittet Kenzie um Schutz vor einem Typen, Cody Falk, der sie verfolgt und ihr zusetzt.

Kenzie erledigt diesen Job gerne, doch als Karen sechs Monate später von einem Bostoner Hochhaus nackt in den Tod springt, ist er erschüttert. Sie hatte ihn um erneute Hilfe gebeten, doch er war zu beschäftigt gewesen. Er findet heraus, dass Karen Drogen nahm, in einer Absteige wohnte, sich prostituierte und einen Psychiater besuchte. Wie konnte es zu diesem rasend schnellen Absturz der vorbildlichen Barbiepuppe Karen Nichols kommen?

Cody Falk mag zwar ein Vergewaltiger sein, doch er hatte mir Karens Absturz nichts zu tun. Kenzie stößt auf die Spur eines meisterhaften Sadisten, der mit Karens Psychiaterin unter Decke steckte und daher alle Schwächen der jungen Frau kannte. Erst tötete er ihren Verlobten, doch dessen Tod sah aus wie die Folge eines Unfalls. Dann zahlten die Versicherungen nicht, so dass Karen pleite ging und anschaffen musste (= Gebete um Regen in der Wüste). Die Abwärtsspirale drehte sich weiter, bis sie sich schließlich umbrachte. Aber war das wirklich alles? Ein Besuch in Karens Elternhaus offenbart seelische Abgründe – und dass Karens Stiefvater, ein reicher Chirurg, erpresst wird.

Als der Erpresser Wind von Kenzies Ermittlungen bekommt, setzt er die Mafia auf ihn und seine Freundin an. Offenbar will er auch Kenzies Welt mit seinen Psychoterrormethoden aus den Angeln heben. Doch Kenzie und seine Freundin und Partnerin Angela Gennaro drehen den Spieß um.

_Mein Eindruck_

„Prayers for Rain“ kann hartgesottenen Autoren wie Raymond Chandler oder Dashiel Hammett absolut das Wasser reichen. Was diese beiden für L.A. und James Patterson für Washington, D.C., getan haben, das tut Lehane für die Region Boston, Massachusetts: spannende Ermittlungen zwischen verrückten und sonderlichen Kriminellen oder „Normalen“ sowie knallharte, schnelle Action ohne Zögern.

Dabei ist Lehanes Detektiv Kenzie kein feiner Junge, sondern kommt aus der Arbeiterschicht, hat aber einen Collegeabschluss. Doch einmal Arbeiterjunge, immer Arbeiterjunge. Sein bester Freund ist deshalb Bubba Rogowski, ein Waffenhändler und Ex-Marine. Bubba mag zwar verrückt sein und absolut skrupellos, doch wenn es um Kenzies Freundschaft geht, kann man auf ihn zählen. Bubba nimmt es mit der Mafia auf und lässt an Politikern kein gutes Haar, genau wie Kenzie. Dieses Paar ist erfrischend ehrlich. Das bedeutet, dass seine Sprechweise von keinem (Feigen-) Blättchen beeinträchtigt wird.

Auch in Gefühls- und Liebesdingen zeichnet sich „Regenzauber“ durch hohen Realismus aus. Die geschniegelten Achtzigerjahre sind längst vorüber, deshalb sieht erstens Karen Nichols so deplaciert und außerirdisch aus und zweitens hat Kenzie keinen Bock auf teuer gekleidete Kreditkartenträgerinnen wie Vanessa. Er steht auf ehrliche Frauen wie Angela Gennaro (auch wenn ihre Frisur neuerdings seltsam aussieht). Ange ist genauso hartgesotten wie er selbst, schnell, intelligent, einfühlsam und doch ohne Furcht.

|Die Sprache|

… ist mit das Wichtigste an diesem Roman, zumindest in der Originalfassung. Es ist die Sprache von Bostons bürgerlicher Unter- und Mittelschicht. Die Sprecher verschlucken daher zahlreiche Wörter genauso, wie sie es beim wirklichen Reden tun würden. Lediglich ihren jeweiligen Akzent gibt Lehane nicht wieder, denn lautmalende Sätze verstünde niemand. Ein, zwei Sätze genügen ihm als Andeutung. Wenn Angehörige der „gelehrten“ Stände sprechen – die Psychiaterin, der Chirurg – dann merkt das Leser sofort an ihren gestelzten Satzkonstruktionen. Es ist eine Genugtuung zu verfolgen, wie Kenzie & Gennaro mit solchen Gestalten kurzen Prozess machen.

|Interieurs|

Lehane legt ein auffälliges Interesse an Innenausstattungen von Häusern und Wohnungen an den Tag. Alle diese Beschreibungen nimmt man ihm unbesehen ab, denn die Details sind so realistisch aufgeführt und so irre komisch und treffend kommentiert, dass man weiß, dass er sie wohl das eine oder andere Mal selbst gesehen hat.

Dabei sind diese Interieurs recht unterschiedlich: hier das geschmacklose Tinnef-Zuhause eines Mafiagangsters, dort das Neuengland-Authentische des Chirurgen und zu guter Letzt die psychopathische Innenausstattung der Praxis der „Psychiaterin“. Die verräterischen Räume charakterisieren ihre jeweiligen Bewohner. Und mögen diese Bewohner auch noch so normal erscheinen – wir glauben ihnen kein Wort, nachdem wir die Raumbeschreibung gelesen haben.

Lehane, Dennis – Mystic River – Spur der Wölfe

Als Kinder waren sie Freunde – bis einer von ihnen von Unbekannten entführt wurde. Als er zurückkehrte, war er verändert. Nun, ein Vierteljahrhundert später, sind alle drei in einen schrecklichen Mordfall verwickelt: Nun erweist sich, wie sie zu Männern geworden sind, welche Werte sie haben – und ob einer von ihnen sterben wird.

Diesen Roman hat wieder mal Clint Eastwood – nach „Bloodwork“ – mit Starbesetzung in die Bildsprache des Films umgesetzt und zwei OSCARs dafür eingeheimst. „Mystic River“ heißt der Streifen. Dazu hat der |Ullstein|-Verlag eine neue Ausgabe von „Spur der Wölfe“ aufgelegt. Das Taschenbuch trägt im Gegensatz zur Hardcoverausgabe jedoch den gleichen Titel wie der Film: „Mystic River“. An diesem Fluss liegt Boston, Massachusetts.

|Der Autor|

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor Dennis Lehane einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. Seine jüngsten sind „Spur der Wölfe“/“Mystic River“ und [„Shutter Island“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150 „Mystic River“ ist der erste Lehane-Roman, in dem sein Team von Privatdetektiven, Patrick Kenzie und Angela Gennaro, nicht auftritt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein|.

_Handlung_

Die Geschichte entwickelt sich zielgerichtet wie ein abgeschossener Pfeil, mit unerbittlicher Konsequenz bis zu ihrem logischen Ende.

Im Mittelpunkt stehen drei Jungen, doch der Ort, wo sie aufwachsen, ist die vierte Hauptfigur. Dieser Ort ist die Grenzlinie zwischen dem Bostoner Arbeiter- und Proletenviertel „The Flats“, das direkt an einem Kanal, dem Penitentiary Channel, liegt, und dem Viertel der „besseren Leute“, The Point, liegt. Die Grenzlinie wird von der Buckingham Avenue bezeichnet, kurz Bucky genannt. Diese Örtlichkeiten werden mit höchster Detailgenauigkeit gezeichnet; sie spielen eine wichtige Rolle, auf welcher Seite jemand steht.

Jimmy Marcus und Dave Boyle stammen aus The Flats, doch Sean Devines Elternhaus steht im Point – er soll später das College besuchen. Doch ihre Väter sind Freunde und Kollegen in der Schokoladenfabrik, und so kommt es, dass die ungleichen Kinder zusammen spielen und etwas unternehmen. Jimmy Marcus hat ein tollkühnes Naturell, ist ein notorischer Lügner und Dieb. Dave Boyle ist ein blasser Junge, eine Halbwaise, der bei seiner verbitterten Mutter unter ihrer Fuchtel leben muss. Er ist stets froh, wenn er sich an Sean und Jimmy hängen kann, und Jimmy duldet ihn gewissermaßen.

Es ist 1975, als etwas Entscheidendes passiert, das alle drei verändern wird. Sie spielen gerade mitten auf der Straße, als sich ein Auto nähert, aus dem ein Mann steigt, der wie ein Polizist auftritt. Er will sie alle drei mit auf die Wache nehmen, doch Kimmy und Sean weigern sich. Nur Dave steigt tränenüberströmt in den Wagen und verschwindet. Es ist kein Polizeiauto, und der Polizist und sein Fahrer keine Bullen. Dave redet nie darüber, was sie mit ihm gemacht haben, als er vier Tage später seinen Peinigern entkommen kann und wieder in seine Nachbarschaft zurückkehrt. Von nun an ist er wie gebrandmarkt.

Im Jahr 2000 wird die blutüberströmte Leiche von Jimmy Marcus‘ 19-jähriger Tochter Katie mit eingeschlagenem Schädel und durchschossener Schulter im Park gefunden. Sie wurde nicht vergewaltigt, lediglich ihr Auto weist Gewalteinwirkung auf. Jimmy Marcus, inzwischen Ladenbesitzer in The Flats, ist wenig später kurz vor dem Ausrasten, durchbricht sämtliche Polizeiabsperrungen und identifiziert sein Ein und Alles: Ihr Körper ist bereits schwarzviolett angelaufen.

Sean Devine leitet die Ermittlungen in diesem Mordfall, muss aber bei jedem Fehler seine Suspendierung befürchten. Man hat ihn auf dem Kieker. Schon bald findet er heraus, dass Katie, ein ausnehmend hübsches Mädchen, am Abend vor ihrem Tod mit zwei Freundinnen eine wilde Zechtour durchs Viertel unternommen hatte. Sie wollte nämlich am nächsten Morgen nicht zurück in Papis Laden zur Arbeit, sondern mit ihrem Freund nach Las Vegas durchbrennen, um zu heiraten.

Dieser Freund, Brendan Harris, erweist sich als unschuldig, das heißt, er hat ein Alibi. Und sein Bruder Ron ist von Geburt an stumm. Doch auch Jimmy Marcus stellt Ermittlungen an, und seine hammerharten Schwäger von der Seite seiner Gattin unterstützen ihn nach Kräften. Es gibt nämlich zweierlei Arten von Justiz in The Flats: die lokale und die offizielle der Bullen.

Wenige Tage später trifft er Dave Boyles Gattin Celeste. Sie erzählt ihm, wie Dave am Morgen nach Katies Verschwinden in ihre Wohnung gekommen sei, blutüberströmt und mit einer verletzten Hand. Ein schwerer Verdacht fällt auf Dave – Celeste muss verrückt gewesen sein, als sie ihn belastete. Oder von Jimmys männlichem Charme betört, wie er gerne denkt.

Jimmy war einst ein schwerer Junge gewesen, ein Einbrecher, Dieb und wahrscheinlich sogar ein Mörder (er tötete Brendan Harris‘ Vater). Er leitete eine Bande und saß mehrere Jahre ab. Nun leitet er immer noch insgeheim eine Bande, scheint aber eine reine Weste zu haben. Bis er Informationen erhält, die Dave weiter belasten. Doch ist Dave wirklich schuldig? Wer ist Dave wirklich, der schizophrene Dave, der zurückgezogene Dave, der so gern dem Alkohol zuspricht, um – was? – zu vergessen?

Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, wer zuerst die Wahrheit herausfindet und Justiz an Dave Boyle übt, sei sie nun gerecht oder nicht: Jimmy Marcus oder Sean Devine.

_Mein Eindruck_

Es ist ein geradezu ein klassisches Drama, das der Autor in seinem Roman sich entfalten lässt. Alte Feindschaften zwischen Ex-Freunden und Ressentiments zwischen unterschiedlichen Klassen brechen auf. Althergebrachte Auffassungen über die Ausübung von Gerechtigkeit prallen aufeinander: The Flats gegen The Point, mit der Buckingham Avenue als Demarkationslinie.

Diese soziale Geographie, die mit so vielen Werten einhergeht, ist wie gesagt äußerst genau und einfühlsam geschildert. Die Figuren scheinen daher manchmal nicht aus eigenem Antrieb zu agieren, so als hätten sie keinen freien Willen, sondern als würden der griechische Chor mitsamt Götterriege auftreten, um sie zu ihren jeweiligen verhängnisvollen Taten zu treiben. Das gilt ganz bestimmt für Dave Boyle und Jimmy Marcus. Dave trifft sogar das Fatum, die Schicksalsgöttin persönlich – natürlich in seinen schizophrenen Albträumen – und sie scheint es nicht gut mit ihm zu meinen.

Die Bedeutung des Milieus stellt allerdings auch ein gewisses Problem dar: Denn welcher Leser kann schon Sympathie oder gar Bewunderung für einen „Helden“ empfinden, der von den beschriebenen Mächten angetrieben wird, aber kaum eigenen Willen besitzt, der ihn aus der Masse heraushebt? Daher ist es die wichtigste Aufgabe des Autors, die spezifische Psychologie seiner Hauptfiguren herauszuarbeiten, ihre unverwechselbaren Erfahrungen zu schildern (etwa Jimmys finstere Vergangenheit) und sie so als Herren ihres Schicksals darzustellen. Das gelingt ihm hervorragend. Erst daraus kann der Höhepunkt des Dramas tragische Größe erreichen. Erst dann kann der Wettlauf mit der Zeit eine spannende Rolle spielen, denn dann ist die Welt kein Uhrwerk.

_Unterm Strich_

Ich habe das Buch in wenigen Tagen gelesen. Die Handlung schreitet rasch voran, und eine wichtige Enthüllung folgt der nächsten. Wer hat die arme Katie so bestialisch zugerichtet – war es ein Psychopath, ein Betrunkener oder waren es Mutwillen und Willkür?

„Mystic River“, so hat die amerikanische Kritik erkannt, ist Dennis Lehanes Annäherung an die Great American Novel à la Philip Roth oder John Updike; allerding wird hier eine ganz andere Art von Bürgern untersucht – keine Mittelständler aus Suburbia, sondern Arbeiterklassenangehörige, die eine verschworene Gemeinschaft bilden.

Zuweilen erinnern bestimmte Auseinandersetzungen, aber auch die exakte Milieustudie an das Sachbuch „Die Gangs von New York“ von Herbert Asbury, das von Martin Scorsese verfilmt wurde. Auf jeden Fall ist es ein besonderer Thriller mit bemerkenswerten Hauptfiguren – ich kann mich noch Wochen nach der Lektüre an Jimmy Marcus erinnern: an seine Trauer, seine Wut und seinen Rachedurst.

|Originaltitel: Mystic River, 2001
Übersetzung: Andrea Fischer|

Lehane, Dennis – Shutter Island (Lesung)

_Ermittlung in der Irrenanstalt: Fall mit doppeltem Boden_

Im Sommer 1954 wird US-Marshall Teddy Daniels nach Shutter Island zum Ashcliffe Hospital für geisteskranke Verbrecher gerufen. Es soll eine angeblich geflohene Mörderin aufspüren. Doch bald erweist sich die Insel als gefährlicher Albtraum. Wird er sie überhaupt je wieder verlassen? (Verlagsinfo)

Der Psychothriller wurde von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio und Ben Kingsley in den Hauptrollen verfilmt.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster und wurde gleich mit dem Shamus Award ausgezeichnet. „Mystic River“ von 2003 wurde oscargekrönt von Clint Eastwood verfilmt. In seinen Romanen verarbeitet Lehane u. a. seine Erlebnisse mit geistig behinderten und sexuell missbrauchten Kindern. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei Ullstein und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Dennis Lehane bei Buchwurm.info:|

[Kein Kinderspiel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1433
[Regenzauber]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1346
[Mystic River]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1340
[Shutter Island]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150
[Streng vertraulich]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1435
[In tiefer Trauer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1436

_Der Sprecher_

Oliver Rohrbeck, geboren 1965 in Berlin, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er ist bekannt für seine Sprechrolle als Justus Jonas in der Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“. Als Sprecher synchronisierte er Hauptrollen in vielen Filmen und ist die deutsche Stimmbandvertretung von Ben Stiller.

Rohrbeck liest eine von Frank Gustavus gekürzte Fassung. Regie führte Tanja Fornaro, die Herstellungsleitung hatten Christian Neumann und Monja Ecker inne.

_Handlung_

Shutter Island liegt im Außenhafengebiet von Boston, Massachusetts. Die Insel hat eine bewegte Geschichte hinter sich, so etwa dass Piraten hier ihr Gold gehortet hätten, bis das Militär sie vertrieb und eine Festung samt Leuchtturm baute. Nachden Militärs kamen jedoch die Ärzte: Ashcliffe Hospital ist eine Klinik für geistesgestörte Schwerverbrecher, die in drei Blöcken untergebracht ist. Es ist eine Einrichtung der Bundesregierung, und deshalb sind auch Bundes-Marshals Edward Daniels und Chuck All hingeschickt worden.

Marshal Teddy Daniels ist hier in der Gegend aufgewachsen, sein Vater war ein Fischer, der 1938 auf See an Bord eines Walfängers unterging. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Teddy gegen die Deutschen, von der Landung in der Normandie bis in die Ardennen, der letzten westlichen Offensive der Wehrmacht. Nach dem Krieg lernte er seine Frau Dolores kennen und verliebte sich total in sie. Vor zwei Jahren ist sie beim Brand ihres Mietshauses ums Leben gekommen, doch den Brand legte der Hausmeister, ein gewisser Andrew Ladis. Ladis soll sich hier auf Shutter Island befinden, aber das ist natürlich nicht der offizielle Grund für Teddys Dienstfahrt. Die Vorgesetzten könnten sonst meinen, Teddy wolle sich an Ladis rächen.

Nein, der offizielle Grund, mit der Fähre zur Insel rauszufahren, ist die Flucht einer gewissen Rachel Solando, Patientin des Hospitals und Mörderin ihrer drei Kinder. Dr. Macpherson, der stellvertretende Anstaltsleiter, begrüßt die Marshals und bittet sie, ihre Dienstwaffen abzugeben. Sie tun dies nur unter Protest, der zu Protokoll genommen wird. Der Anstaltsleiter Cawley, ein Psychiater, erklärt ihnen, dass keiner wisse, wie die Patientin entkommen konnte. Oberpfleger Ganton, ein Schwarzer, habe sie ordnungsgemäß als Letzter eingeschlossen. Dennoch ist sie verschwunden – an vier wachhabenden Pflegern vorbei, und noch dazu barfuß. Doch als die Marshals um die Akten der Mitarbeiter bitten, werden diese ebenso verweigert wie die der Patienten. Cawley behauptet, er benötige dafür die Erlaubnis des Kuratoriums, das die Anstalt finanziert.

Die Suche im Hinterland verläuft erfolglos, Teddy bemerkt jedoch die Höhlen in den Klippen und den ehemaligen Leuchtturm. Der werde nun zur Abwasseraufbereitung verwendet, sagt man ihm. Er glaubt es nicht. Er glaubt vieles nicht, was man ihm hier erzählt. So etwa, dass die Strömung im Meer zu stark sei, um darin bis zur nächsten Insel schwimmen zu können. Nur die Ratten, die überall auf den Felsen zu sehen sind, die sind unwiderlegbar. Ein schwerer Sturm ist im Anzug. Wie Teddy erfährt, ist einer der Ärzte, ein gewisser Sheehan, mit der Fähre, auf der er kam, abgereist, um Urlaub zu machen. Ausgerechnet der Mann, der Rachel therapierte, ist also unerreichbar – na prächtig.

Die Vernehmung der Pfleger und der Patienten, die bei der letzten Gruppensitzung Rachels dabei waren, ergibt sehr wenig. Aber eine der Patientinnen, eine vernünftig redende Blondine, schreibt in Teddys Notizbuch: „Lauf!“ Nach dem Abendessen und einem Pokerspiel um Zigaretten gehen Teddy und Chuck zu Bett. In der Nacht träumt Teddy ungewöhnlich lebhaft von seiner Frau Dolores, die ihn der Lieblosigkeit und des Alkoholismus anklagt. „Zähl die Betten! Rachel ist hier!“ Als er den Zettel, den er in Rachels Zelle fand, entschlüsselt, wird ihm einiges klar: Es ist ein einfacher Zahlen-und-Buchstaben-Code, der Rachel Solandos Namen ergibt. Aber was bedeutet die Zahl 67? Auch Chefarzt Cawley weiß es nicht. Zum ersten Mal kommt Teddy der Verdacht, Rachel habe ihn hergelockt. Aber wozu? Teddy plagen Kopfschmerzen und er verrät Chuck die Sache mit Ladis, wegen der er sich um diesen Auftrag bemüht hat.

Inzwischen hat der Sturm die Insel erreicht. Chuck und Teddy finden in einem Mausoleum des Friedhofs Schutz vor stürzenden Bäumen und heulendem Wind. Mit einer Fähre ist jetzt garantiert nicht zu rechnen, sie sitzen hier fest. Das Ashcliffe Hospital ist keine Behandlungsklinik, sondern ein Forschungszentrum, das vom Komitee gegen unamerikanische Umtriebe finanziert wird, weiß Chuck. Aber was wird hier eigentlich erforscht? Vielleicht gibt die Station C darüber Aufschluss, doch Station C, untergebracht in der alten Festung, ist selbst für U.S. Marshals tabu.

Jedenfalls so lange, bis ihnen der Hurrikan dort Tür und Tor öffnet …

_Mein Eindruck_

„Shutter Island“ ist ebenso Thriller wie Psychodrama, und als solches stellt er die ganze Vorstellung, die sich der Leser bzw. Hörer von der Handlung macht, auf raffinierte Weise auf den Kopf. Zunächst betrachtet Teddy die Anstalt mit den Augen eines unter Verfolgungswahn Leidenden: Alle sind seine Feinde, insbesondere die Ärzte. Nach dem besuch in Station C stellt er sich ein stalinistisches Lager von Gehirnwäschern vor, das von Ex-Nazis geleitet wird. Aber ist das wirklich so, müssen wir uns fragen.

Teddy, unser Gewährsmann, hat die gelben Pillen von Dr. Cawley geschluckt, obwohl ihn seine innere Stimme (ganz besonders Dolorores) eindringlich davor gewarnt hat. Doch die Schmerzen der Migräne waren zu stark, und er schluckte die Pillen. Die Schmerzen sind vier Stunden später zwar weg, aber ist das, was er nun erlebt, auch wirklich – oder entspringt es nur seiner Einbildung? Mich erinnert dieser Plot sehr an einen der radikaleren Romane von Philip K. Dick, etwa an „Ubik“.

Nachdem Chuck für ihn das Einlieferungsformular für Andrew Ladis in Station C gefunden hat, hat Teddy die Handhabe, das Hospital schließen zu lassen und damit die Karrieren einer Menge verdienter Ärzte zu beenden, allen voran die von Dr. Cawley. Teddy erscheint es darum völlig logisch, dass die Anstaltsleitung alle Heben in Bewegung setzt, um ihn, Teddy, daran zu hindern, die Insel mit diesem brisanten Beweisstück zu verlassen. Sogar ein Ablenkungsmanöver wie die Sprengung von Dr. Cawleys geliebtem Oldtimer kann die Wachen nicht genügend abhalten, um die Fähre, die nun endlich eingetroffen ist, unbewacht zu lassen.

Teddy hat in den Höhlen, die er in den Klippen entdeckte, eine Frau getroffen. Da sie ein Skalpell trägt, muss sie entweder Patientin oder Ärztin sein. Er ist überzeugt, die echte Rachel Solando vor sich zu haben. Sie sagt, sie habe gegen die Methoden der Anstaltsleiter protestiert, doch vergeblich, und man habe sie zur Patientin degradiert. Denn es sei absolut unmöglich für einen, der zum Wahnsinnigen erklärt worden sei, seine Unschuld zu beweisen. Es ist ein Catch-22: Alles, was er argumentiert, wird als Beweis für seinen Wahnsinn aufgefasst.

Folglich gibt es kein Entkommen, auch nicht für Teddy Daniels. Teddy braucht Dr. Cawley nur zu sagen, er habe einen Kollegen namens Chuck All und – zack! – reif für die Klappsmühle. Denn Teddy glaubt doch nicht etwa, dass dieser Kollege, mit dem er noch nie zusammengearbeitet hat, echt ist, oder? Ob Teddy das Nervengift, das man ihm in Kaffee und Zigaretten verabreicht habe, schon spüre?

In einem Klima der wachsenden Paranoia muss Teddy alle seine Annahmen überprüfen – und wir ebenfalls. Um nicht alles zu verraten, sei nur gesagt, dass die Codes, die Rachel angeblich hinterlassen hat, wichtige Hinweise sind, auf das, was wirklich vorgeht. Es wird noch einige Überraschungen geben. Ich kann mir Leonardo DiCaprio in der Rolle des Teddy Daniels sehr gut vorstellen: ein Mann, der zunächst absolut integer erscheint, und sich dann doch als das Gegenteil erweist.

_Der Sprecher_

Oliver Rohrbeck, die deutsche Stimme von Ben Stiller, hat bereits in den Lesungen von Garth Nix’ siebenteiliger Fantasyreihe „Die Schlüssel des Königreichs“ seine sprecherischen Qualitäten und seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Ich hielt seinen Stimmumfang bislang für begrenzt, aber das hat sich jetzt geändert. Es gelingt ihm in „Shutter Island“ mühelos, die zahlreichen weiblichen Stimmen darzustellen. Insbesondere Dolores, Teddys verstorbene Frau, spielt eine ganz zentrale Rolle – als Stimme seines Gewissens, als Figur in seinen Träumen und als Hauptfigur in seinem finalen Erleben. Sie wirkt an keiner Stelle lächerlich: So könnte eine weibliche Stimme, die verführen soll, wirklich klingen. Natürlich gibt es auch vernünftig klingende Frauen wie Bridget Kearns, oder alte Schachteln wie die Moonpie-Lady, die eher krächzt als trällert.

Die Stimmen der männlichen Figuren sind eindeutig zu unterscheiden und charakterisieren die jeweilige Figur. Dr. Naring, der Kuratoiumsvorsitzende mit dem deutschen Namen (ein verkappter Nazi etwa?), klingt so zwielichtig böse, dass man Teddys Abneigung mühelos nachvollziehen kann. Dr. Cawley – im Film gespielt von Ben Kingsley – ist ebenso zwielichtig, einerseits scharfsichtig als Psychiater, andererseits fähig zu jeglicher Hinterlist, denkt Teddy. Und dann der Direktor erst: ein Bursche mit babyblauen Augen, der über die Notwendigkeit der Gewalt im Plan Gottes daherphilosophiert. Da schaudert es den Hörer unweigerlich.

Die wichtigsten Männerfiguren sind Teddy und Chuck. Chuck ist stets der coole Kumpel, mit dem man Pferde stehlen könnte, aber allmählich erscheint er in einem anderen Licht. Teddy klingt anfangs ganz normal, aber seine Stimme verändert sich je nach Situation und Emotion. Ganz hervorragend wechselt der Sprecher im finalen Showdown Teddys stimmlichen Ausdruck, von Selbstsicherheit und überlegenem Zweifel hin zu Selbstzweifel und Selbsthinterfragung. Bis in einem langen Monolog, der in einer traumhaft gehobenen Stimmlage vorgetragen wird (man denke an Hamlet oder Leopold Bloom in „Ulysses“), das Grauen langsam in Teddys Stimme schleicht, und aus Grauen Wahnsinn wird. Klasse!

Ich konnte keinerlei Aussprachefehler erlauschen.

|Musik|

Da es weder Musik noch Geräusche auf der Aufnahme gibt, brauche ich darüber kein Wort zu verlieren.

_Unterm Strich_

Der Thriller bleibt auf vier Fünfteln der Strecke absolut spannend und wird zunehmend beklemmend. Doch das letzte Fünftel ist nicht mehr Thriller, sondern pures Psychodrama. Das erweist sich aber auch als notwendig, um die Welt, die wir hier durch Teddys Augen gesehen haben, komplett auf den Kopf zu stellen. Die Werte von Gut und Böse, von Heiler, Opfer, Verfolger, Strafe und Erlösung verkehren und relativieren sich. Das Finale ist erschütternd, indem es Einblick in echten Wahnsinn gewährt. Der Schluss jedoch ist wieder auf ironsiche Weise witzig, nach dem Motto: Wir sind zwar die Irren, aber es wäre doch gelacht, wenn wir nicht aus dieser Anstalt rauskämen.

Die Aussage des Buches ist deutlich, und doch spannend verpackt. Dass sich die Geschichte obendrein in einer Ära der Kommunistenhatz und Paranoia zugetragen haben soll, wirft ein Licht auf jene Zeit. Ganz nebenbei kommentiert der Autor eine Wende in der Psychiatrie, weg von der Gesprächstheorie, die dem Patienten eine Chance lässt, hin zum Einsatz von Psychopharmaka, die der Patient schlucken muss, will er nicht der Lobotomie entgehen, der „Hirnamputation“.

Das klingt ziemlich grimmig, und wenn man die Hintergrundgeschichte mit Dolores und Teddy erfährt, dann wird sie auch erschütternd. Das man sie nun verfilmt hat, spricht aber dafür, dass die Geschichte ernstzunehmen ist. Sie ist kein Effekt heischendes Hirngespinst, sondern ein Kommentar auf den Zusammenhang zwischen Verbrechen, Gewalt und Wahnsinn , nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen.

|Das Hörbuch|

Eigentlich hätte ich einen Sprecher mit einer tieferen, sonoren Stimmlage für einen so grimmigen Stoff erwartet, beispielsweise Wolfgang Pampel. Aber Oliver Rohrbeck macht seine Sache sehr gut, indem er sich als flexibler und feinfühliger Handhaber von Stimmlagen, Klangfärbungen und emotionalem Ausdruck erweist. Er kann die Figuren zwar nicht hundertprozentig zum Leben erwecken, aber er kann wenigstens hinter ihnen verschwinden, und das gelingt auch nicht jedem Sprecher. Um die Lesung zu einem Fünf-Sterne-Erlebnis zu machen, hat mir die entsprechende Musik gefehlt. Geräusche hätten hingegen nur gestört. Andy Matern hätte solche Musik wohl adäquat beisteuern können.

|6 CDs mit 470 Minuten Spielzeit
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andrea Fischer
ISBN-13: 978-3-7857-4225-9|
[www.luebbe-audio.de]http://www.luebbe-audio.de/
[www.lauscherlounge.de]http://www.lauscherlounge.de/

Dennis Lehane – Der Abgrund in Dir

Die Handlung:

Rachel Childs hat alles, was man sich erträumt: ein Leben ohne finanzielle Sorgen, einen gutaussehenden, liebevollen Ehemann. Doch im Bruchteil einer Sekunde macht ausgerechnet dieser Mann ihr Leben zu einer Farce aus Betrug, Verrat und Gefahr. Nichts ist mehr, wie es scheint, und Rachel muss sich entscheiden: Wird sie kämpfen für das, was sie liebt, oder im Strudel einer unglaublichen Verschwörung untergehen? (Verlagsinfo)

Inhalt und Eindrücke:

„Der Abgrund in Dir“ beginnt mit einem Prolog, der erstaunlicherweise bereits ein ganz entscheidendes Teil der Handlung vorwegnimmt. Ohne spoilern zu wollen: nach dem Lesen des Prologes vermutet man sich direkt mitten drin in dem spannenden Thriller, den der Klappentext verspricht.

Der Roman ist danach wie folgt gegliedert: Teil I „Rachel im Spiegel 1977-2010“ umfasst insgesamt 8 durchschnittlich lange Kapitel, die jeweils eine Überschrift haben. Teil II heißt „Brian 2011-2014“ und umfasst wiederum die Kapitel 9-22. Beide Teile sind jedoch eher epischer Roman denn Thriller. Erst Teil III „Rachel in der Welt 2014“, bestehend aus den Kapiteln 23 bis 35, enthält eigentliche Elemente eines Thrillers bis zum Schluss des Romans.

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Dennis Lehane – Shutter Island

Lehane shutter island cover 2015 kleinAus einer abgeschiedenen Anstalt für wahnsinnige Straftäter ist eine Patientin verschwunden. Zwei US-Marshalls ermitteln vor Ort und kommen geheimen Menschenversuchen auf die Spur. Die Verantwortlichen bemühen sich daraufhin, die unerwünschten Zeugen auszuschalten … – Spannender Psycho-Thriller, in dem nichts und niemand ist, wie es und wer er scheint. Die Auflösung ist der Vorgeschichte wie so oft nicht gewachsen, was jedoch das Vergnügen an diesem gut erzählten Garn nur geringfügig schmälert.
Dennis Lehane – Shutter Island weiterlesen