Schlagwort-Archive: Droemer

[NEWS] VAL McDERMID – Der Verrat

Neues von Val McDermid bei Droemer: „Der Verrat“.

In Val McDermids neuem Roman „Der Verrat“ muss die Schriftstellerin Stephanie Harker am Flughafen von Chicago hilflos mit ansehen, wie ihr fünfjähriger Adoptivsohn Jimmy von einem Unbekannten entführt wird. Als sie, außer sich vor Verzweiflung, aus der Sicherheitsschleuse ausbricht, wird sie für eine Attentäterin gehalten und von der Security überwältigt. Erst die FBI-Agentin Vivian McKuras glaubt ihr. Doch da ist der Entführer mit dem kleinen Jungen schon längst verschwunden …
(Verlagsinfo)

Gebundene Ausgabe, 512 Seiten
Originaltitel: The Vanishing Point

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

Michael Koryta – Eiskalt wie das Blut

Das geschieht:

Einst wurde Eric Shaw in Hollywood als großes Filmtalent gefeiert, doch nachdem er sich mit einem sowohl berühmten als auch nachtragenden Regisseur angelegt hatte, nahm seine Karriere ein abruptes Ende. Inzwischen kann man ihn als Kameramann für Hochzeiten anheuern. Shaw ist unglücklich, und zu allem Überfluss hat er Gattin Claire in einem Anfall von Selbstmitleid verlassen.

Als ihm Alyssa Bradford, verheiratet mit einem schwerreichen Geschäftsmann, das Angebot unterbreitet, eine Dokumentation über ihren Schwiegervater zu drehen, wähnt sich Shaw endlich wieder im Aufwind. Campbell Bradford hatte das Familienvermögen in den 1920er Jahren gemacht, wobei er das Gesetz generell mit Missachtung strafte. Nun ist er 95 Jahre alt und liegt im Sterben. Alyssa möchte ihren Ehemann mit einem Film über den Vater überraschen.

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[NEWS] PRESTON & CHILD: Fear – Grab des Schreckens

Bei Droemer erscheint ein neuer Fall für Special Agent Pendergast von Preston & Child:„Fear – Grab des Schreckens“.

Sie versuchte zu lächeln. „Es tut mir leid, Aloysius. So wahnsinnig leid.“ „Helen“, flüsterte er. „Mein Gott, ich habe geglaubt, du bist tot.“ Nur wenige Minuten dauert das ersehnte Wiedersehen mit Helen, bevor sie vor den Augen von Pendergast entführt wird! Mit unerbittlicher Härte nimmt der FBI Agent die Verfolgung auf. Doch die Täter sind ihm immer einen entscheidenden Schritt voraus. Zur selben Zeit hinterlässt ein Serienkiller an seinen Tatorten persönliche Nachrichten für Pendergast. Trotz seiner persönlichen Tragödie greift Pendergast in die Ermittlungen ein und erkennt, dass sein Wiedersehen mit Helen nur der Auftakt zu einem perfiden Komplott war. Und das ihm das Schlimmste – die grausame Wahrheit – noch bevorsteht.
(Verlagsinfo)

Hardcover, 576 Seiten
Originaltitel: Two Graves

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] CHLOE NEILL – Eiskalte Bisse (Chicagoland Vampires 6)

Neues von den „Chicagoland Vampires“: „Eiskalte Bisse“ von Chloe Neill bei Egmont LYX.

Die Vampirin Merit jagt ihre ehemalige beste Freundin Mallory, die auf der Suche nach einem uralten magischen Artefakt ist. Sie muss Mallory aufhalten, bevor diese eine gefährliche Macht entfesselt, die die ganze Welt zerstören könnte. Doch Mallory ist nicht die Einzige, die es auf das Artefakt abgesehen hat.
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 416 Seiten
Originaltitel: Biting Cold

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

Ulf Schiewe – Die Hure Babylon

“Die Hure Babylon” ist der dritte Teil der Montalban-Reihe, die der deutsche Autor Uwe Schiewe mit “Der Bastard von Tolosa” begonnen und mit “Die Comtessa” fortgesetzt hat. Während zwischen dem ersten und zweiten Teil des für seine historische Genauigkeit geschätzten Erzählzyklus‘ mehrere Jahrzehnte liegen, schließt “Die Hure Babylon” jedoch unmittelbar an ihren Vorgänger an.

Ermengarda von Narbonne, die sich in “Die Comtessa” mit Arnauts Hilfe einer Zwangsheirat zu entziehen versuchte und auf der Flucht in ihren Helfer verliebt hat, konnte der Heirat zwar nicht entgehen, lebt jedoch nur in einer Scheinehe und herrscht selbständig über ihr Land. Dass sie mit Arnaut zusammenlebt, ist allgemein bekannt. Als Ermengarda jedoch erneut eine Fehlgeburt erleidet, versteigt sich dieser in den Gedanken, Gott würde ihre Beziehung als Sünde ansehen und mit Hilfe der Kreuzzüge könnte er seine Schuld wieder abtragen. Trotz dieser offensichtlichen Begründung wird man den Eindruck nicht los, dass diese inoffizielle Beziehung auch seinen Stolz verletzt und er eine Möglichkeit sucht, sich erneut zu beweisen. Beeindruckend schildert der Autor an dieser Stelle schon die Kriegshetze, die von den Predigern betrieben wird, und junge Männer scharenweise begeistert zu den Waffen greifen lässt. So zieht auch Arnaut trotz der lebhaften Erinnerungen an seines Großvaters furchtbare Schilderungen der ersten Kreuzzüge mit seinen engsten Gefährten gen Jerusalem.
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[NEWS] MEG HOWREY – Traumtänzer

„Dark Swan“ reloaded: Meg Howrey schreibt bei Droemer über die düstere Seite des Balletts: „Traumtänzer“.

Schwanensee, Mittsommernachtstraum oder Romeo & Julia – was zählt, ist die nächste große Rolle. Kein Opfer ist den jungen, ehrgeizigen Ballett-Schwestern Kate und Gwen zu groß, um den unsagbar hohen Ansprüchen an eine Solotänzerin gerecht zu werden. Beide scheinen den großen Traum der Primaballerina mit all dem zugehörigen Glanz zu leben. Doch was, wenn die getanzten Dramen Wirklichkeit werden und man an ihnen zu zerbrechen droht?
(Verlagsinfo)

Broschiert, 416 Seiten
Originaltitel: The Cranes Dance

[NEWS] P.D. JAMES – Der Tod kommt nach Pemberley

Mit ein bisschen Hilfe von P.D. James und Droemer erwacht Janes Austen wieder zum Leben: „Der Tod kommt nach Pemberley“.

Im Jahr 1803, sechs Jahre nach der Hochzeit von Mr. Darcy und seiner Elizabeth, geht das Leben auf dem Herrensitz Pemberley seinen idyllischen Gang. Doch am Abend vor dem großen Herbstball wird die Vorfreude empfindlich gestört: Aus dem waldigen Teil des Pemberley-Parks bricht in rasender Fahrt eine Kutsche, darin eine völlig aufgelöste Lydia Wickham – Elizabeths missratene kleine Schwester –, die behauptet, ihr Mann sei ermordet worden! Nachdem die Damen in Sicherheit gebracht wurden, machen sich Mr. Darcy und sein Cousin in den Wald auf, um den Toten zu suchen. Was sie finden, ist ein lebender, blutverschmierter, verwirrter Wickham – und neben ihm eine Leiche.
(Verlagsinfo)

Gebundene Ausgabe, 384 Seiten
Originaltitel: Death Comes to Pemberley

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] KLÜPFEL & KOBR: Herzblut

Ein neuer Fall für Kluftinger erscheint bei Droemer: „Herzblut“ von Klüpfel & Kobr.

Kluftinger ist sich sicher: Bei einem anonymen Handyanruf, der ihn ausgerechnet während einer der gefürchteten Pressekonferenzen seines Chefs erreicht, wird er Zeuge eines Mordes. „Alpträume von zu viel Schweinsbraten“, tun seine Kollegen diesen Verdacht ab. Kluftinger ermittelt auf eigene Faust und findet am vermeintlichen Tatort jede Menge Blut, aber keine Leiche. Da überschlagen sich die Ereignisse: Mehrere brutale Mordfälle, anscheinend ohne Zusammenhang, erschüttern das Allgäu. Als dann doch noch der Großteil des abgängigen Toten auftaucht und Kluftinger endlich herausfindet, was all die Verbrechen verbindet, ist es fast schon zu spät … Dabei steht er auch privat unter Druck: Seit Tagen leidet er unter heftigem Herzstechen und befürchtet sofort das Schlimmste. Eine demütigende Untersuchung bei Erzfeind Doktor Langhammer scheint das zu bestätigen. Doch der Kommissar ist entschlossen, das Ruder noch einmal herumzureißen. Aber ob fleisch- und kässpatzenarme Ernährung und ein Yogakurs da die richtigen Mittel sind?
(Verlagsinfo)

Gebundene Ausgabe, 400 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] LOTTE & SØREN HAMMER: Das weiße Grab

Mord und Totschlag in Grönland: „Das weiße Grab“ von Lotte & Søren Hammer erscheint bei Droemer.

Kriminalhauptkommissar Konrad Simonsen ist mit seinen Kräften am Ende, als ein spektakulärer Mordfall auf Grönland seine komplette Aufmerksamkeit fordert. Erst vor kurzem ist bei ihm Diabetes diagnostiziert worden. Besorgt sehen Simonsens Team und seine Lebensgefährtin Nathalie von Rosen mit an, wie er völlig erschöpft die Ermittlungen aufnimmt. Zudem erschüttert der Fall die Polizisten zutiefst: Ein perfider Killer hat vor vielen Jahren sein Opfer im Inlandeis vergraben. Die Klimaerwärmung hat nun die Leiche zutage gebracht. Schnell wird klar, dass der Fund auf Grönland mit einer Mordserie in Dänemark zusammenhängt. Als Simonsen erkennt, dass er vor Jahren einen fatalen Ermittlungsfehler begangen hat, der seine Kollegin Pauline nun in die Gewalt des Serienkillers führt, greift der geniale Ermittler zu drastischen Mitteln …
(Verlagsinfo)

Gebundene Ausgabe, 512 Seiten
Originaltitel: Alting har sin pris

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

Sebastian Fitzek – Der Augensammler

Die Handlung:

Der Unterhändler der Polizei, Alexander Zorbach, zerbricht an einem Fall, bei dem er eine Frau erschießt. Fortan ist er für die Presse tätig und befasst sich mit dem „Augensammler“. Der zerreißt Familien, in dem er die Mutter tötet, das Kind entführt und dem Vater eine Frist von 45 Stunden und sieben Minuten setzt, um es lebend zu finden. Falls er das nicht schafft, findet er das Kind tot und mit herausgetrenntem linken Auge.

Dann trifft Zorbach auf eine blinde Physiotherapeutin, die behauptet, die Vergangenheit von Menschen sehen zu können und wird von der Polizei verdächtigt, selber der „Augensammler“ zu sein, da seine Brieftasche an einem der Tatorte gefunden wurde …

Mein Eindruck:

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SIMONE BUCHHOLZ – Knastpralinen

Staatsanwältin Chas Riley ist zurück. In „Knastpralinen“ hat die trinkfreudige Heldin von Simone Buchholz ihren zweiten Auftritt und dabei nicht nur einen kniffligen Fall zu lösen, sondern sie muss auch ihr eigenes Privatleben entwirren.

Ein Baggerführer findet kurz nacheinander in der Elbe zwei Plastiksäcke, in denen sich jeweils der Kopf, die Hände und die Füße eines Mannes befinden. Als schließlich eine ähnlich eingewickelte ganze Leiche auftaucht, steht fest: Irgendjemand in der Stadt hat es auf Männer abgesehen, die mit Frauen nicht unbedingt zimperlich umgegangen sind. Zwei waren dafür bekannt, ihre Freundinnen zu schlagen, der dritte, ein Sohn aus reichem Hause, hatte eine Anzeige wegen Vergewaltigung. Nun liegt es an Chas und ihrem Kollegen Calabretta, die Täterin zu finden, was sich nicht gerade einfach gestaltet.

Doch das sind nicht Chas‘ einzige Probleme. Ihre beste (und einzige) Freundin Carla wird in ihrem eigenen Café von zwei Männern vergewaltigt. Chas‘ Nachbar Klatsche, ein ehemaliger Kleinkrimineller, mit dem sie mehr verbindet als lauschige Bierabende, kümmert sich daraufhin rührend um Carla, was Chas auf unerklärliche Weise neidisch macht. Sie, die so gar nicht für die Liebe geschaffen ist. Und dann ist da noch der Alkohol …

Hauptfigur Chas Riley, die deutsch-amerikanische Staatsanwältin mit der traurigen Familiengeschichte, ist auch in „Knastpralinen“ der eigentliche Star. Genau wie die anderen Charaktere ist sie unglaublich skurril und dabei sehr liebenswert. Buchholz macht glücklicherweise nicht den Fehler, es damit zu übertreiben. Sie schafft einfach ein paar tolle Originale mit Ecken und Kanten, einer Vergangenheit und mehr als genug gegenwärtigen Problemen. Dieses Mal gibt es beispielsweise richtig was fürs Herz. Die Beziehung zwischen Chas und Klatsche macht einige Entwicklungen durch, die selbst den Leser, der mit Romantik wenig anfangen kann, zum Seufzen bringen sollten. Chas ist eben auch nicht besonders romantisch und deshalb läuft alles ein wenig anders ab. Etwas raubeiniger, als man es von einer Frau vielleicht erwartet, aber Chas passt nun mal nicht besonders gut in bestehende Frauenstereotype. Dafür trinkt sie zu gerne Bier und hat einen zu trockenen Humor.

Da größtenteils aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist der Humor dauerpräsent. Das ist gut, weil die Geschichte dadurch wunderbar heiter wird. Die Dialoge beispielsweise sind durch die Bank gelungen, die legere Sprache ist das Hamburger Pendant zur Berliner Schnauze. Buchholz hat ihren eigenen Stil gefunden, der perfekt zu Chas passt, auch wenn die englischen Begriffe, die die Autorin häufig verwendet, an der einen oder anderen Stelle unnötig sind. Denn Chas hat zwar Wurzeln in den Vereinigten Staaten, doch davon ist in der Geschichte ansonsten nicht viel zu spüren. Obwohl aus Hessen stammend, wirkt sie wie ein echtes St-Pauli-Urgewächs.

Bei all dem Lob muss man sich als Krimileser aber damit arrangieren, dass nicht die Handlung, sondern Chas und stellenweise auch ihre privaten Probleme im Vordergrund stehen. Die Ermittlungen verlaufen ohne besondere Höhepunkte, der Fall ist eher simpel gestrickt: Mehrere Leichen werden gefunden und dann wird der Täter gesucht. Zwischendrin befindet sich niemand der Charaktere in wirklicher Gefahr, falsche Spuren oder mehrere Verdächtige gibt es auch nicht.

Mit dem zweiten Auftritt von Chas Riley wächst einem die Krimi-Reihe von Simone Buchholz zwar noch stärker ans Herz, doch perfekt ist auch „Knastpralinen“ noch nicht. Eine etwas ausgefeiltere Handlung hätte der Geschichte gut getan. Fans von Hamburg und originellen Charakteren kommen trotzdem auf ihre Kosten.

Broschiert: 249 Seiten
ISBN-13: 978-3426198148

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Claudio Michele Mancini – Mala Vita

Handlung:

Roberto Cardone ist zutiefst geschockt: Gerade erst ist er sicher, die Frau seines Lebens getroffen zu haben, als ein Anruf seines besten Freundes und Mitbewohners Carlo ihn völlig aus der Bahn wirft. Entsetzt verfolgt Roberto in den Medien die Inszenierung der Hinrichtung seines Bruders Enrico, der vor laufenden Kameras erdrosselt wird. Nur kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse: Die Kanzlei des ermordeten Rechtsanwalts wird fluchtartig geräumt, Akten werden vernichtet und Spuren verwischt. Roberto reist selber von Bologna nach Palermo, um sich vor Ort ein Bild zu machen, entdeckt aber nichts als Rätsel.

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Delphine de Vigan – No und ich

Die französische Autorin Delphine de Vigan führt ein Doppelleben. Tagsüber arbeitet sie in einem soziologischen Forschungsinstitut, nachts schlüpft sie in die Rolle der Schriftstellerin. Dabei ist unter anderem der international erfolgreiche Roman „No und ich“ entstanden.

Lou ist dreizehn Jahre alt und geht in die zehnte Klasse. Das ist ungewöhnlich in ihrem Alter, aber Lou ist hochintelligent und hat zwei Jahrgangsstufen übersprungen. Das macht es nicht gerade einfach für sie. Sie ist von Natur aus eine Einzelgängerin, sie liebt Experimente mit alltäglichen Dingen und ihre Familie ist am Tod ihrer kleinen Schwester zerbrochen.

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Petra Reski – Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern

Im August letzten Jahres wurden vor der Duisburger Pizzeria Da Bruna sechs Italiener kaltblütig getötet. Es war mehr als ein bloßes Massaker, sondern ein kaltblütig ausgeführter Auftragsmord. Die Opfer stammten alle aus dem kleinen Dorf San Luca in Kalabrien, einem der Hauptsitze der Ndrangheta.

Aus Filmen meinen wir die Mafia sehr wohl zu kennen. Seit den „Pate“-Filmen von Francis Ford Coppola und der Fernsehserie „Allein gegen die Mafia“ glauben viele Bürger, über ein wenn auch heroisiertes Bild der ehrenwerten Gesellschaft zu verfügen. Man meint, die Mafia gehe uns nichts an, sei zwar ein immer aktuelles Thema in Italien und habe im restlichen Europa oder gar in Deutschland keine oder kaum Auswirkungen.

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SIMONE BUCHHOLZ – Revolverherz

Simone Buchholz, leidenschaftliche Wahlhamburgerin, ist keine Unbekannte. Sie hat als Redakteurin gearbeitet und bereits mehrere Sachbücher verfasst oder mitgeschrieben. Nun wagt sie sich an ihr Romandebüt, wobei sich zwischen ihr und ihrer Heldin Chastity Riley ein paar Parallelen erkennen lassen. Beide haben ihre jungen Jahre in Hanau verbracht und sind später an die Elbe gezogen. Noch etwas scheinen sie zu teilen: den Enthusiasmus für den Stadtteil St. Pauli. Das sollte spätestens dann klar geworden sein, wenn man „Revolverherz“ zuschlägt.

Chastity Riley ist Staatsanwältin und die Ich-Erzählerin der Geschichte. Sie ist gerade in einen besonders widerlichen Fall verwickelt. Im Hafen wurde eine junge Frau gefunden, erdrosselt und nackt. Auf ihrem Kopf thront eine blaue Perücke, sie wurde skalpiert. Chastity und dem alten, väterlichen Kommissar Faller wird schnell klar, dass sie es hier nicht mit einem normalen Mörder zu tun haben. Sie setzen alles daran, um die Ermittlungen voranzutreiben. Chas, die im Herzen von St. Pauli wohnt, hört sich dort auf eigene Faust um, weil die Tote im Stripclub „Acapulco“ auf dem Kiez getanzt hat. Dabei holt sie sich ihren Nachbarn, den ehemaligen Kleinkriminellen Klatsche zur Hilfe, der ihr, obwohl deutlich jünger als sie, eindeutige Avancen macht.

Wenig später finden sie eine zweite Leiche, ebenfalls Stripperin im „Acapulco“ und blutjung. Es gibt keine Verbindung zwischen den beiden Opfern. Anscheinend mordet der Täter wahllos, was die Ermittlungen nicht unbedingt leichter macht. Chas, Faller und ihre Kollegen haben ganz schön zu tun. Nebenbei hat Chas auch noch ihr Privatleben in Einklang zu bringen: Ihre Vergangenheit jagt sie, ihre Freundin Carla möchte sie erst mit einem älteren Herren verkuppeln und ist dann auf einmal verschwunden, Klatsche benimmt sich wie ein liebestoller Hengst und der FC St. Pauli verliert wie immer. Gerade in dem Moment, als der jungen Frau alles über den Kopf zu wachsen scheint, muss sie feststellen, dass der Fall vielleicht mehr mit ihrem Leben zu tun hat, als sie glaubt …

Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte es auch sehr gewundert. Chastity steht für einen Krimi sehr stark im Vordergrund. Das ist logisch, schließlich wird aus ihrer Erzählperspektive erzählt. Die Autorin verwendet allerdings zusätzlich Zeit darauf, das Privatleben der Staatsanwältin auszuleuchten. Das gelingt ihr sehr gut. Chastity ist interessant und gut ausgearbeitet und wirkt stellenweise wie eine kühlere, erfolgreichere Bridget Jones – und das ist ein positiver Vergleich! Chas ist umwerfend ironisch, kantig und voller Widersprüche. Sie hat düstere, schmerzhafte Geheimnisse, die sie dem Leser nicht vorenthält, und begeht viele Fehler, was sie menschlich erscheinen lässt. Hinzu kommt, dass sie nicht so einfach einem der existierenden Literaturklischees von Frauen zugeordnet werden kann. Sie ist keine Witzfigur aus einem Frauenroman, für die taffe Anwältin ist sie zu verletzlich und für die Karrierefrau trinkt sie zu viel Bier und mag Fußball zu sehr.

Die anderen Figuren im Buch sind amüsant und gut ausgearbeitet, lehnen sich aber zumeist an Klischees vom Kiez oder der Krimiliteratur an. Dass dies nicht störend wirkt, ist der Autorin hoch anzurechnen und hängt damit zusammen, dass sie trotzdem jeder Figur eine eigene Note zu verleihen weiß. Klatsche beispielsweise ist auf der einen Seite das Schlitzohr, hat aber auf der anderen Seite ein goldenes Herz und versucht, sein Geld mittlerweile legal zu verdienen – mit einem Schlüsseldienst, naheliegend für einen ehemaligen Einbrecher.

So viel Positives lässt sich über die Handlung nicht berichten. Die wirkt aufgrund Chastitys Dauerpräsenz häufig wie die Zweitbesetzung, was nicht unbedingt ein Fehler sein muss. Allerdings macht die Autorin den Fehler, es mit den düsteren Erinnerungen von Chas ein wenig zu übertrieben. Häufig wirken diese deplatziert und die Nähe zum Kriminalfall ist an einigen Stellen fraglich, was dem Buch ein paar Längen beschert. Des Weiteren lässt sich Buchholz‘ Lokalkolorit kritisieren. Wer nicht gerade in Hamburg wohnt, wird mit vielen ihrer Beschreibungen nur wenig anfangen können. Da sie wirklich ständig auf den besonderen Merkmalen der Stadt herumreitet, geht dem Leser Hamburg nach einer Weile auf die Nerven und Chastitys Liebe zur Elbstadt wird stellenweise unrealistisch. Ähnliches gilt für die Handlung, die nicht nur durch diesen Füllstoff gestört wird. Insgesamt ist der Kriminalfall, den es zu lösen gilt, nicht wirklich innovativ. Das Rotlichtmilieu mit seinen skurrilen Gestalten – sei es in Hamburg, Berlin oder in jeder anderen, größeren Stadt dieser Welt – ist immer wieder gerne ein Ansatzpunkt für Geschichten. Simone Buchholz schafft es nicht, ihre Handlung so zu zeichnen, dass sie eigenständig wirkt. Man glaubt nicht nur, Ähnliches schon einmal gelesen zu haben, sondern kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier an Spannung fehlt. Es fällt schwer, eine Spannungskurve auszumachen; vielmehr wirkt die Geschichte stellenweise wie eine Aneinanderreihung verschiedener Ereignisse und einiger Zufälle, die in der Summe doch ein bisschen zu häufig auftreten.

Das Buch ist im Präsens geschrieben, was bereits auf der ersten Seite für hochgezogene Augenbrauen sorgt. An diesem Erzähltempus sind schon ganz andere Autoren gescheitert. Häufig wirkt es holprig und verhindert das Aufkommen einer gewissen Atmosphäre. Bei „Revolverherz“ ist der Fall ähnlich gelagert. Der Krimi lässt sich, besonders am Anfang, nicht wirklich flüssig lesen und scheint zu ‚eiern‘. Buchholz überspielt dies allerdings recht erfolgreich mit den anderen Komponenten ihres Schreibstils, die da vor allem ihr Humor und ihre Ironie wären. Sie kann richtiggehend boshaft-bissig sein und ihr feiner, schwarzer Humor sorgt dafür, dass sie nie in die Nähe des seichten Frauenromanwitzes kommt. Sie schöpft aus einem breiten, alltäglichen Wortschatz, der auch den einen oder anderen vulgären Ausdruck enthält und manchem Leser vielleicht schon wieder zu flapsig sein wird.

Als Fazit lässt sich sagen, dass Simone Buchholz‘ belletristisches Debüt gute Ansätze zeigt, aber die eine oder andere Schwäche aufweist. Diese finden sich vor allem bezüglich der Handlung, die gerne etwas straffer und besser konstruiert sein dürfte. Die Figur der Chastity Riley ist dagegen sehr interessant und auch der Schreibstil hat seine guten Seiten.

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Mende Nazer / Damien Lewis – Befreit. Die Heimkehr der Sklavin

Inzwischen ist Mende Nazer befreit und hat nur noch einen Wunsch – ihre Familie wiederzusehen. In ihrem Debütroman „Sklavin“ schildert sie ihre dramatische Geschichte, in der sie als Kind verschleppt und von ihrer Familie getrennt wurde, um als Sklavin ihr Dasein zu fristen – und das im 21. Jahrhundert! Nazers Geschichte ist erschütternd, ergreifend und fast unglaublich. Später kommt sie zu einer Familie nach London, mitten in die westliche und ach so fortschrittliche Welt, doch auch dort wird sie weiterhin als Sklavin gehalten. Allerdings gelingt ihr dann die Flucht. Um all dies zu verarbeiten, schreibt sie ihr Buch „Sklavin“, das den Leser sprachlos und nachdenklich zurücklässt. Ein Wunsch jedoch ist für Mende Nazer bis zum Erscheinen ihres ersten Buches nicht in Erfüllung gegangen: Das ersehnte Wiedersehen mit ihrer Familie, von der sie inzwischen weiß, dass sie alle noch leben und sie vermissen. Um dieses Wiedersehen dreht sich nun ihr zweites Buch „Befreit“.

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Freund, Peter – Stadt der vergessenen Träume, Die (Die Legenden von Phantásien)

Saranya ist eine Insomnierin und in Seperanza aufgewachsen. Das ist eigentlich schon ungewöhnlich, denn normalerweise sind Insomnier viel unterwegs. Doch in letzter Zeit kommt es so gut wie nicht mehr vor, dass einer von ihnen den Ruf verspürt, den unwiderstehlichen Drang, die Stadt zu verlassen und durch Phantásien zu ziehen. Im Gegenteil, immer mehr Insomnier drängen nach Seperanza hinein, denn das ist der einzige Ort, an dem sie vor dem Vergessen sicher sind. Ein Rat von Gelehrten ist seit langer Zeit schon damit beschäftigt herauszufinden, was es mit dem Ruf und dem Vergessen auf sich hat, bisher erfolglos.

Saranya möchte allerdings etwas ganz Anderes wissen, nämlich, warum das Ehepaar, das sie für ihre Eltern hielt, ihr so lange verschwiegen hat, dass sie ein Findelkind ist! Und was hat die Verbannung des einstigen Gelehrten Philonius Philippo Phantastus mit dieser Sache zu tun?

Während Saranya verbotenerweise in den Saal der Weisheit eindringt, um dort nach Antworten auf ihre vielen Fragen zu suchen, sind zwei andere Insomnier-Kinder auf dem Weg nach Seperanza, um dem Vergessen zu entgehen. Doch sie werden von Traumfängern verfolgt! So sehr sie sich auch abmühen, und obwohl ein Lawinenwicht die Kinder unterstützt, gelingt es den Traumfängern, das Mädchen Elea einzufangen. Natürlich will ihr Bruder Kayún sie auf keinen Fall aufgeben. Gemeinsam mit einem Gräuelgruseler namens Atrox macht er sich an die Verfolgung der Traumfänger …

Saranya ist ein typisches, behütetes Kind. Sie spielt mit ihrer Freundin Colina Schwebeball, geht für ihre Mutter auf den Markt, bringt ihrem Vater das Mittagessen ins Büro und ägert sich, dass sie auf die meisten ihrer Fragen nur ein „wenn du größer bist“ oder „das verstehst du noch nicht“ erhält. Ganz klar, dass sie wütend ist, als sie von ihrer geheimnisvollen Herkunft erfährt, und ebenso klar, dass sie mit allen Mitteln die Wahrheit erfahren will.

Kayún dagegen hat es nicht so leicht. Seine Eltern sind dem Vergessen anheim gefallen, jetzt ist er allein verantwortlich für seine jüngere Schwester und muss außerdem den Weg nach Seperanza finden. Obwohl seine Situation schwierig genug ist, hat er immer noch genug Zeit, sich darüber zu ärgern, dass Atrox ihn wie ein Kind behandelt.

Mit anderen Worten: Beide sind typische Teenager! Tiefer geht die Charakterzeichnung allerdings nicht.

Die Handlungsstränge dieser beiden Charaktere laufen fast das ganze Buch über parallel nebeneinander, ohne sich zu berühren. Erst gegen Ende treffen sie sich scheinbar rein zufällig. Es ist, als würde man zwei Geschichten gleichzeitig lesen. Aber nur fast. Im Grunde sind es zwei halbe Geschichten.

Der Handlungsstrang um Saranya beschäftigt sich nicht nur mit deren Herkunft, sondern auch mit dem Rätsel der Insomnier, mit dem Ruf und dem Vergessen. Denn diese Fragen sind bei weitem nicht so ungelöst wie allgemein angenommen. Und so kommt es, dass Saranya gleichzeitig nicht nur ihre wahre Herkunft aufdecken kann, sondern auch die Wahrheit über das Wesen der Insomnier. Saranya liefert sozusagen die Theorie. Der Handlungsstrang um Kayún dagegen liefert die Praxis. Er beschäftigt sich mit der Bedrohung durch die Traumfänger, sozusagen der Durchführung dessen, was Saranya herausgefunden hat.

So ist der Leser auf der einen Seite mit Detektivarbeit beschäftigt, während er auf der anderen Seite eine Menge Abenteuer zu bestehen hat.

Die Abenteuer selber sind eher unspektakulär. Denn fast alle Geschöpfe, denen Kayún und Eala begegnen, sind harmlos. Sogar der Gräuelgrusler ist ein im Grunde harmloses Geschöpf, das keine schlimmere Aufgabe hat als andere Geschöpfe zu erschrecken. So wundert es nicht, dass die Kinder von allen möglichen Seiten Unterstützung erhalten und immer wieder entkommen können. Allein das Irrlicht Trausdumir wird seinem Ruf gerecht und sorgt so dafür, dass die Traumfänger endlich Elea erwischen.

Die Traumfänger sind die einzige wirkliche Bedrohung, Wergeschöpfe, die wie der Gmork zwischen den Welten wandern können. Ihr Auftrag, Insomnier zu fangen, stammt von Xayide. Denn die Insomnier sind die verkörperten Träume der Menschen. Xayide will sie bei Vollmond in die Menschenwelt verschleppen und sie dadurch zu falschen Träumen machen, zu Optasomniern, langweiligen austauschbaren Geschöpfen, die alle gleich aussehen. Und außerdem will sie Bastian abfangen, bevor er in seine Welt zurückkehren kann …

An dieser Stelle gerät die Sache ins Schwimmen. Zunächst einmal fragte ich mich – wie übrigens schon bei „Die Seele der Nacht“ von Ulrike Schweikert -, wie es sein kann, dass Geschöpfe, die einer Macht außerhalb Phantásiens dienen, sich einer Phantásierin unterwerfen, und das in diesem Fall offenbar regelmäßig. Außerdem: Warum sollte Xayide mit Wergeschöpfen gemeinsame Sache machen? Die Macht, der diese dienen, will Phantásien zerstören, Xayide aber will es beherrschen! Abgesehen davon scheint es, als könne der Autor sich nicht recht entscheiden, welchen Plan Xayide nun eigentlich verfolgen soll.

Wenn sie einfach nur die Insomnier in die Menschenwelt verfrachten lassen will, wofür schleppt sie sie dann mühsam in die einsamste Gegend Phantásiens, anstatt sie bis zum Vollmond einfach irgendwo einzusperren? Braucht sie die Grube Nimroud, den Ort, an dem die vergessenen Träume der Menschen lagern, um die Insomnier in die Menschenwelt zu schicken? Wenn ja, dann erfährt der Leser jedenfalls nicht, warum.

Auch war mir nicht klar, was genau Xayide mit all dem eigentlich bezweckt. Die Insomnier mögen etwas Besonderes sein, weil sie Träume verkörpern, die schlafend geträumt werden. Zumindest weist ihr Name darauf hin. Da der Autor aber nirgendwo erwähnt, ob diese besonderen Wesen auch eine besondere Funktion innerhalb Phantásiens erfüllen und wenn ja, welche, ergeben sich auch keine Anhaltspunkte für irgendwelche Konsequenzen, die sich aus der Verzerrung der Insomnier für Phantásien ergeben könnten.

Ist Xayide also wegen Bastian nach Nimroud gekommen? Warum? Wäre es nicht einfacher, ihn schon auf dem Weg dorthin abzufangen? Außerdem besteht zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit, Bastian als Marionette für ihre eigene Herrschaft zu benutzen, längst nicht mehr. Also wozu braucht sie ihn noch? Der einzige Grund, ihn zurückzuhalten, wäre Rache. Allerdings kann der Leser darüber nur spekulieren, denn der Autor verliert darüber kein einziges Wort! Und dafür hat er Michael Endes Vorgaben umgangen und Xayide mit einem Trick sozusagen wieder auferstehen lassen?

Auch viele andere Fragen – wie zum Beispiel die, warum die Insomnier in Seperanza vor dem Vergessen sicher sind oder warum Mädchen für die Traumfänger besonders wertvoll sind – werden nicht beantwortet.

Eigentlich schade, dass Peter Freund seine Ansätze so in der Luft hängen gelassen hat. Seine Geschichte beinhaltet viele interessante Ideen, allen voran der Lawinenwicht und sein Tausendleuchter, der sinnigerweise den Namen Osmar trägt, sowie das rasende Gerücht und die Wolkenweber. Leider hat der Autor auch sie nur mit knappen Worten umrissen, viele andere sogar nur am Rande erwähnt. Nichts davon wurde detallierter ausgebaut, alle sind nur kurze Durchgangsstationen. Das verleiht der Geschichte etwas Hektisches, Atemloses und hinterlässt einen Eindruck von Lieblosigkeit. Durch Fehler wie „mondäugige Gebieterin der Wünsche“ oder die Bezeichnung der Zauberin Xayide als dunkle Prinzessin wird dieser Eindruck noch unterstützt. Dazu kommt, dass alle seine erdachten Wesen offenbar einen Hang zur Ungeduld und Unfreundlichkeit haben. Die Art und Weise, wie sie mit Kayún reden – und auch seine Art zu antworten -, klingt gelegentlich fast grob und führt zu Abstrichen in der Sympathie!

Die ständige Erwähnung von Wesen, die auch in der „Unendlichen Geschichte“ auftauchen, soll wahrscheinlich einen Bezug zur Vorlage herstellen, wirkt aber eher ein wenig gekünstelt. Vor allem Kayúns Kritik an Bastian empfand ich als ziemlich lästig. Schließlich sind neue Ideen nicht dem in Phantásien anwesenden Menschenkind vorbehalten. Wenn aber die Ideen aller Menschen in Phantásien wahr werden, bedeutet das, dass Phantásien sich ständig verändert – was es laut Michael Ende ja auch tut! Kayún sollte also daran gewöhnt sein. Abgesehen davon dürfte er die Veränderungen eigentlich gar nicht bemerken, denn ab dem Zeitpunkt, da etwas Neues entstand, war es schon immer da und müsste also bekannt sein!

Der abrupte Schluss, der keinerlei Lösung verrät, weder im Hinblick auf diejenigen Insomnier, die dem Vergessen anheim gefallen sind, noch im Hinblick auf diejenigen, die noch in Seperanza auf einen neuen Ruf warten, tut ein Übriges und lässt den Leser mit einem Gefühl der Unzufriedenheit zurück.

Kurz und gut: Hier wurde eine Menge Potenzial verschenkt. Die handelnden Personen bleiben blass und flach und wecken keine echte Sympathie, die den Leser mitfiebern ließe. Die meisten Ideen wurden nur kurz angedacht, die Grundaussage nicht konsequent zuende geführt, und am Schluss bleibt der Leser auf der Aussage sitzen, er solle sich an seine wahren Träume erinnern und den falschen Träumen abschwören. Als ob der Leser sich seine Schlafträume aussuchen könnte!

Damit wurde dem Vorsatz, Phantásien bunter und lebendiger zu gestalten, gerade mal ansatzweise entsprochen, und gleichzeitig die Hoffnung des Lesers auf eine interessante Geschichte durch Oberflächlichkeit und Desinteresse enttäuscht. Es scheint, als hätten dem Autor entweder die Lust oder die Geduld gefehlt, dem Thema mehr als flüchtige Aufmerksamkeit zu widmen. Schade!

Peter Freund lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin und ist seit 1980 in der TV- und Filmbranche tätig. Unter anderem schrieb er Drehbücher und Bücher zum Film. Seit 2002 erscheinen auch Jugendromane von ihm. Sein Zyklus um Laura Leander umfasst inzwischen vier Bände, der fünfte Band soll im November diesen Jahres erscheinen.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19644-1

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Der Autor vergibt: (2.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)


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Fleischhauer, Wolfram – Verschwörung der Engel, Die (Die Legenden von Phantásien)

Nadil ist ein junger Schmetterlinger. Schmetterlinger sind eng mit den Riesenschmetterlingen befreundet, sie bemalen deren Flügel mit Sternenstaub und dürfen auf ihnen reiten. Den Sternenstaub erhalten die Schmetterlinger von den Sternenputzern, und dorthin sind Nadil, seine Freunde Piri, Beliar und Masía mit Meister Toralon unterwegs. Als sie aber in Mangarath ankommen, der riesigen Stadt des Klangs, die in den letzten Jahren um das Sternentor herum gewachsen ist, wird ihnen von den Stierwächtern der Stadt vorboten, das Sternenputzerviertel zu betreten! Und überhaupt ist noch einiges andere äußerst merkwürdig!

Aber außer Nadil scheint das keiner zu bemerken. Allerdings haben die anderen auch keinen Großvater, der in Mangarath verschwunden ist. Obwohl seine Freunde ihn für ein wenig verrückt halten, lässt Nadil sich in seinem Misstrauen nicht beirren, und schon bald stellt sich heraus, dass Phantásien von einer gigantischen Verschwörung bedroht wird. Nadil erkennt, dass er das Rätsel nur lösen kann, wenn er seinem Großvater folgt. Zusammen mit seinem Freund Piri macht er sich auf nach Silandor, dem Ort, durch den, wie alle glauben, das Nichts nach Phantásien kam …

Nadil ist im Grunde ein eher biederes Bürschchen. Sein großer Schwarm Beliar hält ihn für altmodisch und langweilig. Und dass Nadil sich für die vielen Attraktionen Mangaraths nicht begeistern kann, scheint ihr Urteil nur zu bestätigen. Andererseits ist es gerade der biedere Nadil, der durch die vielen Geschichten, die sein reisender Großvater ihm über Phantásien erzählt hat, empfänglich ist für all die seltsamen Ereignisse, die die Stierwächter so mühsam zu vertuschen versuchen. Er als Einziger empfindet die zauberhaften Klänge Mangaraths nicht als Musik, sondern als Lärm. Seinem hartnäckigen Bemühen, den Verbleib seines Großvaters aufzuklären, ist es zu verdanken, dass er der Verschwörung auf die Schliche kommt; seinem Mut und seiner Bereitschaft, den eingeschlagen Weg bis zu letzten Konsequenz zu Ende zu gehen, verdankt Phantásien seine Rettung.

Nadils Großvater Saru, der die ganze Sache überhaupt aufgebracht hat, ist daran natürlich nicht ganz unbeteiligt. Zum einen wurde er als Phantásienreisender überhaupt als Erster darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmen konnte, zum anderen ist er derjenige, der im unbekannten Grenzgebiet Phantásiens immer einen Trick in der Tasche hat, um sie durch die Gefahren auf ihrem Weg wohlbehalten hindurchzulotsen. Saru hat etwas Schlitzohriges an sich und gleichzeitig etwas sehr Ernsthaftes. Er ist einer der wenigen Phantásier, die sich Gedanken darüber machen, was Phantásien eigentlich ist, wie es entstand und woraus es besteht. Fleischhauer prägte dafür den Begriff Phantasophie.

|Phantásien und die Engel|

Saru und Nadil haben allerdings mächtige Gegner. Forcas und Janael sind Engel! Und sie wollen Phantásien vernichten!

Die Vorstellung von bösen oder dunklen Engeln ist uns halb vertraut, halb fremd. Natürlich gibt es in der christlichen Lehre den gefallenen Engel Luzifer. Die Bezeichnung Satan oder Teufel hat ihn jedoch von den Engeln abgegrenzt, ihn zum Gegenteil eines Engels gemacht, weshalb der Begriff Engel im Grunde noch immer rein positiv besetzt ist. Von Engeln zu lesen, die Phantásien vernichten wollen, ist deshalb ein wenig gewöhnungsbedürftig. Und überhaupt … was haben Engel mit Phantásien zu tun?

Damit kommen wir bereits zum Knackpunkt der ganzen Geschichte. Fleischhauer hat seiner Geschichte ein Gerüst gegeben, das sich mit Michael Endes Entwurf nicht so ganz in Einklang bringen lässt! Nach Fleischhauer sind die Engel Diener der Leere, aus der alles kam. Eigentlich sind sie gestaltlos, weil ihr Wesen jenseits des Vorstellbaren liegt. Um die Menschen an diese unvorstellbaren Wahrheiten zu erinnern, haben die Engel die Gestalt angenommen, die der eines Engels in der menschlichen Vorstellung entspricht. – Und da stellt sich schon die erste Frage: Warum nimmt jemand, der einen Menschen an das Unvorstellbare erinnern will, ausgerechnet eine Gestalt an, die durch die Vorstellungen dieses Menschen begrenzt sind? Warum nicht eine andere, unerwartete Gestalt, um zu zeigen, dass er mehr ist, als der Mensch sich vorstellen kann?

Na gut. Da dieser Versuch scheiterte, haben die Engel Phantásien erschaffen, einen Ort, an dem auch die Vorstellungen wahr werden konnten, für welche die Menschenwelt aufgrund schwindender Vorstellungskraft sozusagen zu „eng“ geworden war. Mit anderen Worten, alle Ideen und Träume der Menschen, die jetzt in Phantásien vorkommen, existierten zu Anfang in der Menschenwelt, und zwar allein deshalb, weil sie vorstellbar waren? Wenn damit gemeint ist, dass der Mensch früher zwischen Phantasiewelt und Realität nicht so deutlich unterschied wie heute, und wenn mit der Entstehung Phantásiens gemeint ist, dass die Menschen heutzutage viele Wesen, die sie früher für wirklich hielten, nur noch als Fabelwesen sehen, dann kann ich dem zustimmen. – Aber warum sollte man dafür Engel brauchen?

Die Engel erschufen also Phantásien. Und sie bauten es ständig weiter aus, indem sie an den Grenzen die entsetzlichsten Ungeheuer „aus dem absoluten Dunkel der Zeit“ immer weiter zurücktrieben. Wie jetzt, Phantásien hat auf einmal Grenzen? Na gut, im Hinblick darauf, dass Fleischhauer ja die schwindende Vorstellungskraft der Menschen beklagt, sie also für zu begrenzt hält, da ist es vielleicht nur logisch, daß sein Phantásien Grenzen hat. Michael Endes Phantásien hatte allerdings keine! Und wenn ich mich recht entsinne, dann war eine der Vorgaben für diese Reihe, dass Endes Entwurf von Phantásien nicht verändert werden durfte!

Abgesehen davon: Wenn das, was in Phantásien wahr wird, die Vorstellungen und Träume der Menschen sind, dann müssten auch diese Ungeheuer welche sein. Und wieso sollte man die einen Träume gegen die anderen verteidigen? Vor allen Dingen aber: Wo bleibt in einem Phantásien, das von Dienern der Leere geschaffen, bearbeitet und in Schach gehalten wird, eigentlich die Funktion der Kindlichen Kaiserin?

Dazu kommt, dass Fleischhauer sich stellenweise selbst widerspricht: Wenn die Engel, wie Tavtavel Nadil erklärt, tatsächlich nur einer inneren Stimme folgen, die ihnen sagt, was sie tun sollen, wie können dann Forcas und Janael überhaupt revoltieren? Und wenn Phantásien durch das Verdrängen der Stille und die dadurch schwindende Vorstellungskraft der Menschen für einen Engel, der mehr ist als eine hohle Nuss mit einer Latte von Titeln, auch schon zu eng geworden ist, wie kommt es dann, dass Forcas und Janael trotzdem noch als mächtige Engel dort präsent sind?

Es scheint, als ließe sich Fleischhauers Idee trotz aller Mühe einfach nicht in die Vorlage integrieren.

|Sprachliche Stolpersteine|

Schwierig ist auch die sprachliche Gestaltung. Worte wie „Nichtnichts“ und „Sichtbarlosigkeit“ bezeichnen so geringfügige Unterschiede zu „Etwas“ und „Unsichtbarkeit“, dass selbst Erwachsene konzentriert lesen müssen, zumal diese Begriffe hauptsächlich die Verwirrung der Phantásier angesichts der Ereignisse widerspiegeln, ihre vergeblichen Versuche, etwas zu benennen, das sie nicht wirklich verstehen. Für den um Verständnis bemühten Leser nicht unbedingt hilfreich …
Und ich bin mir nicht sicher, wie viele Leser in dem Namen Bir-Ariman den Begriff Ahriman erkennen, der im Parsismus das Böse bezeichnet.

Abgesehen von all dem ist der Autor ziemlich an der eigentlichen Zielsetzung vorbeigeschossen. Die Absicht hinter der Reihe der |Legenden von Phantásien| war, Phantásien mit jedem Band ein wenig bunter und lebendiger zu machen. Und die Schmetterlinger und Sternenputzer, das Tal der Tränen und die Ruhewinzer sind auch durchaus nette Ideen. Die Intensität der Ausarbeitung lässt jedoch zu wünschen übrig. Von jemandem, der sich über das mangelnde Vorstellungsvermögen der Menschen beklagt, hätte ich mehr Einfallsreichtum erwartet. Die Handlung selbst ist zwar vom Technischen her ordentlich aufgebaut, weist jedoch ebenfalls inhaltliche Schwächen auf. Alle Flügelphantásier sollen vernichtet werden? Also auch die Quäldrohnen? Wenn ja, von wem?

Offenbar hat Wolfram Fleischhauer sein gesamtes Herzblut in den philosophischen Aspekt gesteckt, sodass für Personen und Handlung nicht mehr viel übrig blieb. Der Eindruck, der am Ende des Buches bei mir zurückblieb, war der, dass da jemand ein Thema, das ihm unter den Nägeln brannte, unbedingt auf den Tisch bringen wollte. Das hat er mit vollem Einsatz getan. Nur hätte er es nicht in den Kontext Phantásiens stellen sollen.

Für sich genommen sind die Gedankengänge Fleischhauers nicht schlecht. Mit der These, dass die Stille die Quelle von Ideen und Vorstellungen ist, und dass die Menschen immer einfallsloser werden, weil sie sich ununterbrochen auf irgendeine Weise zudröhnen, hat er gar nicht so Unrecht. Aber wahrscheinlich wäre es besser gewesen, er hätte sie in eine unabhängige Geschichte verpackt. Stattdessen hat er den vorgegebenen Rahmen Michael Endes drastisch verbogen, ohne dass es ihm gelang, diesen seinen eigenen Vorstellungen ordentlich anzupassen. Das Ergebnis ist ein Buch, das weder in sich noch zur Vorlage ganz stimmig ist, dem Flair fehlt, und das für Kinder überhaupt nicht und für Jugendliche nur bedingt geeignet ist. Ein Buch, über das man nachdenken soll und muss. Aber in diesem Kontext eine verpasste Chance! Schade!

Wolfram Fleischhauer studierte Literatur in Deutschland, Frankreich, Spanien und den USA. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Konferenzdolmetscher wandte er sich dem Schreiben zu. Aus seiner Feder stammen unter anderem „Die Purpurlinie“, „Die Frau mit den Regenhänden“ und „Das Buch, in dem die Welt verschwand“.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19646-5

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http://www.wolfram-fleischhauer.de

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 4,00 von 5)

Wolfgang Jeschke – Das Cusanus-Spiel

1997 erschien mit „Meamones Auge“ der letzte Roman Wolfgang Jeschkes. In den folgenden Jahren erschienen Kurzgeschichten in diversen Magazinen und Anthologien, zuletzt „Das Geschmeide“ in Andreas Eschbachs „Eine Trillion Euro“. Mit „Die Cusanische Acceleratio“ veröffentlichte Jeschke 1999 bereits ein Kapitel aus dem groß angelegten Roman, der schon vor seinem Erscheinen als Meilenstein der deutschen Science-Fiction gehandelt wurde.

Wolfgang Jeschke gilt als Großmeister der deutschen Phantastik und arbeitete bis 2001 als Lektor für die SF-Reihe des Heyne-Verlags. Ihm gebührt Hochachtung als Förderer und Mentor der deutschen phantastischen Literatur, die er selbst mit zahlreichen Kurzgeschichten und prämierten Romanen bereicherte – so erschien im Herbst 2005 sein Roman „Der letzte Tag der Schöpfung“ als erster Roman deutschen Ursprungs in der Heyne-Reihe „Meisterwerke der Science Fiction“.

Das Cusanus-Spiel

Eigentlich „Globusspiel“ genannt, ist es ein ausgesprochenes Geduldsspiel, zu dem es jeder Menge Fingerspitzengefühl bedarf. Nicolaus Cusanus war ein Vertrauter und Kardinal des Papstes im 15. Jahrhundert. Außerdem ist er für die Botanikerin Domenica Ligrina die faszinierende Persönlichkeit überhaupt.

Domenica lebt im Rom der Jahre um 2050, in einer Zukunft, in der die Erdölvorräte ausschließlich vom Militär und von Gangsterorganisationen beherrscht werden, nachdem große Kriege für die endgültige Ausbeute der natürlichen Reservoire gesorgt hatten. Im Grunde besteht wieder die Macht des Stärkeren, die Regierungen sind völlig korrumpiert und haben meist als Militärregierung die Demokratien abgelöst. Ein dramatischer Klimawandel bedroht Europa von Süden und Deutschland wurde großenteils Opfer einer schweren Strahlungsseuche.

Domenica schließt sich nach ihrem Studium einer päpstlichen Organisation an, die über so genannte Solitone Reisen in die Vergangenheit unternimmt, um zum Beispiel biologische Proben zu retten und in der Folge die Ökosphäre der Erde zu reparieren.

Die Probleme, die dabei entstehen, sind nicht technischer Art, sondern ziemlich paradox: Das Wissen der Zeitreisenden bedroht die Integrität des Universums und in manchen vergangenen Zeiten auch die Reisenden selbst – so verschlägt es Domenica in die Zeit Kardinal Cusanus‘, die Zeit der beginnenden Hexenverfolgung …

Ratten, Engel, Vergewaltiger

Was als erstes auffällt (nämlich auf der ersten Seite) ist der Gebrauch der überholten Rechtschreibregeln, umso stärker, als dass es sich bei diesem Roman eindeutig um einen Science-Fiction-Roman handelt, dem Zukunftsorientiertheit quasi im Namen steht. Wenn der Leser also mittlerweile an neuere Regeln gewöhnt ist, wird er ab und zu – und natürlich leider an den spannendsten Stellen – aus dem Lesefluss gerissen. Erschwerend kommt außerdem hinzu, dass Jeschke sich um eine möglichst detailierte Schilderung der Zukunft bemüht. In allen Bereichen hagelt es Beschreibungen, sei es nun in der Umwelt oder bezüglich der Charaktere; die Protagonistin ist außerdem Botanikerin, so dass sie ein besonderes Augenmerk auf die Pflanzenwelt richtet und uns an ihrer Kenntnis aller möglichen botanischen Fachbegriffe teilhaben lässt.

Wie bereits erwähnt, wurde der Roman im Vorfeld hoch gepriesen, aber man konnte einigen Stimmen durchaus vertrauen, wie den Aussagen Andreas Eschbachs. Es zeigt sich allerdings, dass derartige Hymnen oft mehr schaden als nutzen, denn durch sie steigt die Erwartungshaltung in Höhen, die das tatsächliche Lesevergnügen erstmal erreichen muss. Andererseits erhält der Roman dadurch eine größere Beachtung, was sich sicherlich auf die Verkaufszahlen auswirkt.

Unzweifelhaft fabuliert Jeschke ein hochinteressantes Thema neu und spickt es mit Ideen und Lösungswegen großer Kreativität. Die Reise in die Vergangenheit, ohne die Möglichkeit, große Zeitparadoxa herbeizuführen – ein Thema, an dem sich schon viele Autoren den Kopf zerbrachen. Bei Jeschke existiert zu der Reise an sich keine Maschine, sondern ein anscheinend natürliches Phänomen. Solitone, das sind Wellen in der Zeit, die sowohl in Richtung Vergangenheit als auch Richtung Zukunft laufen und die Reisenden auf sich „surfen“ lassen, wobei komplizierte Bedingungen jede Reise zu einem Wagnis machen und die Richtung festlegen, so dass die veränderliche Zukunft weiterhin unerreichbar bleibt.

Vordergründige Geschichte des Cusanus-Spiels ist die Frage: Könnte man durch Reisen in die Vergangenheit die Fehler des Menschen (wie die Monokulturisierung großer Erdbereiche) beheben oder zumindest Informationen und Materialien (wie Samen) gewinnen, um sie zu korrigieren? Wie ein paar Nebenepisoden zeigen, lassen sich bestimmte Ereignisse rückgängig machen, andere wiederum scheinen zu stark in der Struktur des Universums verankert zu sein, so dass kein Reisender in zeitlicher Nähe vom Soliton abgesetzt wird.

Was Jeschke hervorragend gelingt, ist die Zusammenführung offener Fäden und Beantwortung verwirrender Fragen, die sich im Laufe der Geschichte ansammeln. Leider drängen sich einige dieser Details gegen Ende des Romans und stehen dadurch im Gegensatz zu den sehr ausführlich geschilderten Passagen, die sich später als nebensächlich erweisen. Trotzdem beschwört Jeschke wundervolle Elemente herauf, in denen sich seine große Meisterschaft zeigt, und gerade in den kürzer gefassten Kapiteln wird die Erzählung stark und mitreißend. Dem obligatorischen SF-Leser scheint der Schwerpunkt falsch gesetzt, mehr zur Normalität auf der Suche nach einer rationalen Erklärung. Die Gratwanderung zwischen den Genregrenzen beraubt den Roman seiner großartigen Möglichkeiten: Unwichtig erscheinen die Darstellungen in den ersten zwei Dritteln des Romans, wo Jeschke zwar mit plakativer Sprache und teilweise obszöner Deutlichkeit ein vorstellbares Bild der menschlichen, nicht allzu fernen Zukunft zur Zeit der letzten Ölvorkommen entwirft, deren Einzelheiten der Geschichte aber wenig Substanz hinzufügen. Ein kurzes Kapitel um den Wendepunkt der Solitone (am Ende der Zeit) wirft ein faszinierendes Schlaglicht auf den Hintergrund, den Jeschke dem Leser weitgehend vorenthält. Möglicherweise rückten Details bei einer zweiten oder dritten Lektüre das Bild zurecht und zeigten es in seiner Vollkommenheit, aber dazu ist es einfach zu umfangreich.

Nebenbei setzt sich Jeschke stark mit ethischen und sozialen Fragen auseinander; so wählt er ja als Handlungsort das Mittelalter, wo die Kirche in hoher Macht steht und die Hexenverbrennungen gerade anlaufen. Einer der wirklich wichtigen Charaktere, jener, den manche Zeitheimische ‚Engel‘ nennen, könnte durchaus Jeschkes moderne Interpretation eines Engels sein. Seine Flügel – nun ja, Geschmacksache. Neben Gott behandelt er auch mehrfach und bildgewaltig das Thema der Vergewaltigungen und verknüpft das mit der Dynamik großer Menschenmassen, die sich schnell von Abscheulichkeiten erregen lassen. Eines Teils ist das ein hoffentlich utopisch bleibender Aspekt seiner Geschichte, mit dem Jeschke das Bild der zerstörten Zukunft noch deutlicher schildert, andererseits lässt er sich auf das unerklärliche Vergnügen der Menschen an dem Leid anderer Menschen beziehen, dem durch die Möglichkeiten des Internet neuer Boden verfügbar gemacht wurde. Trotzdem wirkt diese moralische Note störend, denn sie lässt sich nicht als unabdingbarer Bestandteil der Geschichte ansehen.

Der Titel „Das Cusanus-Spiel“ lässt sich aus einer Textpassage abgeleitet übersetzen:

„[…] wenn wir uns bemühen und es mit Geduld angehen, können wir unserem Ziel doch recht nahe kommen.[…]“
Das Cusanus-Spiel, Kapitel VI „In Vincoli“, Seite 108

In obigem Zitat geht es um den Sinn des Cusanus-Spiels, und übertragen auf den Roman und seine Handlung bedeutet das, dass alles Mühen der Menschheit und des Menschen speziell dem Streben nach Vollkommenheit dient, die nie erreicht werden kann. So betrachtet, gewinnt der Roman in jeglicher Beziehung eine neue Facette. Wichtiges Detail: Domenica, die zum Ende hin fast die Vollkommenheit (zumindest in Bezug auf die Zeitreisen) erreicht, schwindet aus der „realen“ Welt der Zeitheimischen und lässt dadurch wichtige Aspekte ihres Anspruchs zurück.

Übrigens: Was passiert, wenn es Zeitreisen wirklich gibt? Vorstellbar ist, dass es dann überall und zu jeder Zeit nur so von Reisenden wimmeln müsste. Einen kleinen Ausblick darauf liefert Jeschke auch gegen Ende des Romans, aber nicht in voller Konsequenz.

Fazit

Der Knackpunkt zur Bewertung: Wenn ein 700-seitiger Roman trotz einer sichtbaren hervorragenden Thematik bis zur Hälfte nicht in die Gänge kommt, entspricht er nicht einem weit verbreiteten Anspruch an die Qualität von Unterhaltungsromanen. Hier muss man deutlich sagen, dass zu viel drumherum erzählt wird, was uns einen möglichen Zukunftsspiegel vor das Gesicht hält, dem Geschichtsfluss aber nur abträglich ist. Erst in den letzten Kapiteln wird Jeschke seinem Ruf als „Meister der Phantastik“ wirklich gerecht, doch der Part ist zu schade für dieses Buch.

Schweikert, Ulrike – Seele der Nacht, Die (Die Legenden von Phantásien)

Tahâma ist ein Blauschopf, ein Wesen des Lichts, des Winds und des Klangs. Die Blauschöpfe sind friedliche Künstler, die ihre Tage damit verbringen, alle möglichen Instrumente zu bauen und damit zu musizieren. Außerdem lieben sie alle möglichen Arten von Windspielen, die sie kunstvoll aus bunten Kristallen zusammensetzen. Von Waffen und Kämpfen verstehen sie nichts.

Das ist auch der Grund, warum sich das gesamte Volk dazu entschlossen hat, sein friedliches Tal zu verlassen und auszuwandern. Das Nichts, das schon seit längerem Phantásien bedroht, ist inzwischen auch bei ihnen aufgetaucht, und die finsteren Wesen, die schon seit Urzeiten in den umgebenden Bergen leben, dringen ebenfalls immer weiter vor. Der Bote, der zur Kindlichen Kaiserin gesandt wurde, ist nicht zurückgekehrt, dafür waren Wanderer aus dem Land Nazagur zu Besuch, die diesen Ort als wahres Paradies beschrieben haben. Vor allem soll das Nichts dieses Land verschont haben.

Nun ist Tahâma allein in dem verlassenen Dorf. Sie will nicht fortgehen, ehe der Bote zurück ist, und tatsächlich taucht er eines Abends auf. Doch eines der Ungeheuer, die draußen umherstreifen, hat ihm eine Wunde beigebracht, die er nicht überlebt. Alles, was er Tahâma noch mitteilen kann, ist, dass die Kindliche Kaiserin einen gewissen Atréju mit der Rettung Phantásiens beauftragt hat. Und sein Entsetzen darüber, dass sein Volk nach Nazagur gezogen ist! Tahâma schiebt seine erschrockene Warnung auf die schlechte körperliche Verfassung kurz vor seinem Tod. Noch am selben Abend macht sie sich auf den Weg zu ihrem Volk.

Unterwegs trifft sie auf den Jäger Céredas, der von einem Wolf am Bein verwundet wurde. Ein Erdgnom namens Wurgluck kann die Wunde zwar heilen, ist damit aber überhaupt nicht zufrieden. Er weiß, dass es kein gewöhnlicher Wolf war, der Céredas da gebissen hat! Seine Besorgnis geht so weit, dass er den beiden folgt, um Céredas zu beobachten. Schon bald mehren sich die Anzeichen, dass seine Befürchtungen nicht unbegründet sind.
Dann erreichen sie Nazagur …

„Die Seele der Nacht“ ist Ulrike Schweikerts Beitrag zu den „Legenden von Phantásien“.
Ihre Tahâma ist ein recht entschlossenes Mädchen. Was sie sich einmal vorgenommen hat, das zieht sie auch durch, ob es nun die Suche nach ihrem Volk ist, die Rettung ihres Freundes Céredas oder ihr Entschluss, den Weisen der Stadt Krizha um Hilfe zu bitten. Natürlich schafft sie das alles nicht ohne Hilfe.

Wurgluck ist zwar ein kauziger kleiner Kerl und schnell beleidigt, aber er ist auch klug und ein wertvoller Berater sowie ein treuer Freund. Wohin Tahâma auch geht, der Erdgnom ist dabei, auch wenn er dafür reiten oder in einem Rucksack sitzen muss!
Céredas, der stolze Jäger aus den schwarzen Bergen, dagegen ist ein weit schwierigerer Geselle. Abgesehen davon, dass er ziemlich von sich eingenommen scheint, hat er die schlechte Angewohnheit, in der Nacht ständig davonzuschleichen, ohne den anderen Bescheid zu sagen. Je weiter sie ins Landesinnere kommen, desto launischer wird er.

Viel mehr gibt es über die Charaktere nicht zu sagen, was auch schon wieder etwas aussagt. Sie bleiben alle mehr oder weniger blass. Tahâma ist die typische Heldin, die entschlossen ist, das Böse zu vernichten und ihr Volk zu retten, notfalls auch alleine. Das lässt sich natürlich bis zu einem gewissen Grad nicht vermeiden, denn eine gleichgültige oder selbstsüchtige Protagonistin würde sich einfach aus dem Staub machen, und was gäbe es dann für eine Geschichte zu erzählen? Außer dieser Motivation ist ihre erwachende Liebe zu Céredas jedoch das Einzige, das man von ihr erfährt. Sie hat keine besonderen Neigungen oder Vorlieben, keine Zukunftspläne, keine Erinnerungen, an denen sie hängt.

Auch Céredas fehlt ein solcher Hintergrund. Zwar begleitet er Tahâma, um zu sehen, ob Nazagur auch seinem Volk Zuflucht vor dem Nichts bieten kann, verschwendet im Laufe der Reise jedoch nicht ein einziges Mal einen Gedanken an nahe stehende Personen wie Familienmitglieder oder Freunde. Für seine Launenhaftigkeit kann er nichts, wie sich schnell herausstellt, sie hat ihre Ursache in dem Wolfsbiss. Den inneren Kampf, den Céredas mit sich ausfechten muss, bekommt der Leser allerdings kaum mit, weil seine Gedanken nur drei- oder viermal kurz erwähnt werden, wenn es um seine wachsende Zuneigung zu Tahâma geht.

Tahâmas Gefühle wiederum scheinen lediglich daher zu kommen, dass Céredas sie ein paarmal aus warmen braunen Augen angesehen hat. Mehr erfährt man zumindest nicht.

Der Erdgnom mit seinem scharfen Verstand und seiner Kauzigkeit hätte das Potenzial zu einem wirklich liebenswerten Charakter gehabt. Ich konnte nur nicht verstehen, warum er den Mund nicht aufmacht! Er weiß ganz genau, dass Céredas von einem Werwolf gebissen wurde. Das sagt er den beiden auch. Außer ihm scheint sich aber keiner über die Folgen Gedanken zu machen, nicht einmal, als sie absehbar werden. Wurgluck warnt Tahâma durchaus vor Céredas, aber seine vagen Andeutungen sind nicht geeignet, das bereits verliebte Mädchen davon zu überzeugen, dass ihr Schwarm eine Gefahr für sie darstellt. Warum sagt er ihr nicht klipp und klar, was Sache ist? Zumal auch Aylana und Céredas selbst sie bereits gewarnt haben.

Abgesehen davon: Wieso wird Céredas durch den Biss eigentlich kein Werwolf, sondern ein Sklave des Schattenlords? Steht dieser in irgendeiner Verbindung zu Gmork? Und selbst wenn, der Gmork ist kein phantásisches Wesen. Unwahrscheinlich, dass er von einem Phantásier beherrscht werden könnte!

Noch schemenhafter als die Hauptfiguren bleiben die Nebenfiguren Aylana, ihr Bekannter Ýven und die Spinnenfrau. Sie sind reine Zweckfiguren. Aylana hilft Tahâmas Gruppe und bietet ihr Unterschlupf. Ýven versucht offenbar, den Grund des Universums zu erforschen. Der Versuch, in einem Gespräch zwischen Wurgluck und Ýven die Ursache für die Geschehnisse in Nazagur und ganz Phantásien herauszufinden, gerät allerdings eher vage. Die Spinnenfrau Crachna fügt dem nur wenig hinzu.

Natürlich kennen erfahrene Phantásien-Leser den Grund für das Nichts längst. Warum aber Nazagur davon verschont bleibt, dafür bietet die Autorin keine plausible Erklärung. Die einzige Frage des Buches, die beantwortet wird, ist die nach dem Wachstum Nazagurs: Wenn die Menschheit dazu übergeht, sich anstelle von Außergewöhnlichem nur noch Horror und Grausamkeit auszudenken, dann wird eben auch Phantásien zu einem einzigen Ort des Horrors und der Grausamkeit.

Die Autorin sagt selbst von sich, dass Vampire sie faszinieren. Ob aber deshalb der Schattenlord wie ein Abklatsch der unzähligen bereits existierenden Gruselfiguren wirken muss, ist eine andere Frage. Wer nimmt eine Schauerfigur ernst, deren gesamte Erscheinung aus einer Sammlung von Klischees besteht? Und wie kommt es, dass dieser Schattenlord sich offenbar der Tatsache bewusst ist, dass er ein erdachtes Geschöpf ist? Dass Crachna, die mit ihren Augen offenbar bis in die Menschenwelt sehen kann – was auch schon ungewöhnlich ist! – dies weiß, mag noch nachvollziehbar sein. Aber woher weiß es der Schattenlord? Überhaupt wissen in Schweikerts Geschichte ziemlich viele über die Menschenwelt bescheid, auch Ýven und Wurgluck. Sehr verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Geschichte zeitgleich zur „Unendlichen Geschichte“ spielt, einem Zeitpunkt also, wo seit unsagbar langer Zeit kein Menschenkind mehr in Phantásien gewesen ist und alle möglichen Wesen Boten zur Kindlichen Kaiserin schicken, weil sie nicht wissen, was es mit dem Nichts auf sich hat!

Das größte Manko des Buches ist jedoch, dass man kaum bemerkt, dass es in Phantásien spielt. Abgesehen davon, dass am Rande die Kindliche Kaiserin, Atréju, der Gmork und das Nichts erwähnt werden, lässt nichts darauf schließen, wo man sich befindet. Die Landschaften sind zwar abwechslungsreich, könnten sich aber genausogut in der Menschenwelt befinden. Von den Personen, die vorkommen, besitzen offenbar nur der Schattenlord und die Blauschöpfe außergewöhnliche Fähigkeiten. Die einzigen bunten Farbtupfer im ganzen Buch sind die Darstellungen im Zusammenhang mit der Magie der Kristalle und der Musik der Blauschöpfe und das Vorkommen des Erdgnoms. Enttäuschend! Hier hätte ich mir eindeutig mehr Einfallsreichtum gewünscht.

Dieser Band ist auf jeden Fall der schwächste der drei, die ich bisher gelesen habe. Außer nackter Handlung ist hier nicht viel zu holen. Keine Charaktere, mit denen man wirklich mitfiebern würde, eine Menge Fäden, die nicht miteinander verknüpft wurden, logische Brüche in sich und zur Vorlage … Dem Buch fehlt jegliches Flair, das man sonst mit dem Gedanken an Phantásien verbindet, und man fragt sich, wie lange es her ist, dass die Autorin die Vorlage gelesen hat. Dabei wäre bei nur rund 300 Seiten durchaus noch genug Raum gewesen, um Facetten zu vertiefen und Fragen zu beantworten. Was hat Aylana dazu bewogen, einfach geschehen zu lassen, was mit ihr geschah, ohne wenigstens den Versuch zu unternehmen, etwas dagegen zu tun? Ýven ist ein Forscher und rennt ständig mitten im Gespräch davon zu seinen Experimenten. Was denn überhaupt für welche? Welchen Zweck erfüllt eigentlich der Kristall Krísodul, wenn Tahâma ihre Musikmagie auch ohne ihn wirken kann? Und wieso kann ihr Großvater Centhân, der ja offenbar über ebenbürtige Fähigkeiten verfügt, Krizha ohne Krísodul nicht mehr beschützen? Fehlanzeige! Fast scheint es, als hätte die Autorin zu diesem Roman keine rechte Lust gehabt.

Ulrike Schweikert, gebürtig in Schwäbisch Hall, war nach der Schule zuerst im Bankwesen tätig, ging dann an die Universität, um Geologie zu studieren, schob später noch ein Studium in Journalistik nach. Mit „Die Tochter des Salzsieders“ wurde sie bekannt, seit „Die Hexe und die Heilige“ ist sie hauptberufliche Schriftstellerin. Ihre Krimis und Fantasygeschichten erscheinen unter dem Pseudonym Rike Speemann. In der Liste ihrer Arbeiten finden sich auch Jugendbücher und eine Theaterversion der „Tochter des Salzsieders“. Zurzeit schreibt sie an der Fortsetzung ihres Vampirkrimis „Der Duft des Blutes“.

Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19643-4

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http://www.ulrike-schweikert.de/

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