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Jules Verne – Reise zum Mittelpunkt der Erde

Die Handlung:

Der herrische und jähzornige Professor Lidenbrock aus Hamburg findet in einem alten isländischen Buch ein geheimnisvolles Papier. Zusammen mit seinem Neffen Axel macht er sich an dessen Entzifferung. Nachdem Axel auf die Lösung gekommen ist, kann der Text, der aus alten Runen besteht, entschlüsselt werden. Es stellt sich heraus, dass der Zettel eine Notiz des vor einigen hundert Jahren verstorbenen Forschers Arne Saknussemm ist. Er beschreibt, wie man durch einen Krater in Island zum Mittelpunkt der Erde kommt. Der mögliche Einstieg wird Ende Juni durch einen Schatten, ähnlich einer Sonnenuhr, angezeigt.

Lidenbrock zeigt sich sofort begeistert und zwangsverpflichtet seinen Neffen, mit ihm dieselbe Reise zu unternehmen. Die beiden brechen schnell auf, da die Zeit drängt. In Reykjavik engagiert Lidenbrock den phlegmatischen Hans, der als Führer dienen soll.

Die drei steigen hinab ins Erdinnere, verlaufen sich, verdursten fast, finden ein riesiges Meer und gelangen am Ende durch einen zuvor verschlossenen Gang mit einem Floß wieder zur Erdoberfläche zurück. Hier stellen sie fest, dass ihre Reise sie auf die Insel Stromboli im Mittelmeer geführt hat. Der Ausbruch des Vulkans der Insel brachte das Floß wieder an die Oberfläche.

Mein Eindruck:

Diese Ausgabe von „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ kann auf zwei Arten gelesen werden:

1. Auf die herkömmliche Art und unter Ignorierung der 305 Anmerkungssternchen.

2. Unter Einbeziehung der 305 Anmerkungssternchen, die auf 24 Seiten im Anhang und in kleiner Schrift so ziemlich jedes ungewöhnliche Wort in dem Roman erklären. Das ist in etwa das gleiche Erlebnis, als würde man eine Film-DVD mit Audio-Kommentar gucken, nur mit ständigem Blättern.

Erzähler des Buches ist Axel, der Neffe der treibenden Kraft des Romans – Professor Lidenbrock-, der die oftmals sehr unsympathisch rohe Art seines Onkels gut zu nehmen weiß und sie offenbar schon gewohnt ist. Eigentlich will Axel auch nicht wirklich mit auf die Reise, sondern lieber bei seiner Verlobten Graüben bleiben, deshalb sträubt er sich zuerst noch, seinem Onkel den entscheidenden Tipp zur Übersetzung des Zettels zu geben.

Interessant ist, dass die Notiz zu keiner Zeit vom Professor infrage gestellt wird, und wenn Saknussemm schreibt, dass er selber schon den Mittelpunkt der Erde besucht hat, dann wird das wohl so sein.

Auch der gescheiterte Versuch, sich auf dem Weg zum besagten Vulkan mit Literatur vom isländischen Forscher zu versorgen, lässt die beiden Reisenden nicht zweifeln. Saknussemm war nämlich als Ketzer verfolgt und seine Bücher von seinem Henker 1573 verbrannt worden.

Danach folgt ein Bombardement von Anmerkungssternchen auf jeder Seite, neben Begriffen, die die verschiedenen Erdzeitalter beschreiben, während die Gruppe immer weiter hinab steigt. Oftmals ist deshalb nicht klar, ob Verne hier eine Geschichte erzählen oder einfach nur den Stand der Wissenschaft wiedergeben wollte.

Der Plagiatsvorwurf:

Interessanterweise wurde Verne von René de Pont-Jest wegen gerade dieser Geschichte verklagt. Zwölf Jahre nach dem Erscheinen des Buches warf dieser ihm vor, aus seinem Buch „La Tête de Mimer“ abgeschrieben zu haben. Als Beweis führte er diese vier Punkte an:

1. Auch sein Held ist Deutscher.
2. Auch sein Held findet eine Wegbeschreibung in einem Buch.
3. Auch diese Wegbeschreibung ist in Runen geschrieben.
4. Auch sein Held findet den entscheidenden Hinweis durch einen Schatten.

Verne räumte bei Punkt 4 eine Vergleichbarkeit ein, wies aber die Plagiatsvorwürfe zurück. Das Gericht wies die Klage ab. Es hält sich das Gerücht, dass Pont-Jest nur geklagt hatte, weil Verne ihm keine Eintrittskarten für eine Aufführung von „In 80 Tagen um die Welt“ hatte zukommen lassen.

Wenn überhaupt, dann hat Verne bei sich selber abgeschrieben, denn die Story ähnelt seinem eigenen Roman „Fünf Wochen im Ballon“, der kurz vorher erschienen war, sehr.

Fazit:

In diesem kurzweiligen Abenteuer wird es nie langweilig, und auch der Professor zeigt sich auf der Reise öfter mal von seiner fürsorglich menschlichen Seite. Hans hat ständig die Ruhe weg und bleibt in jeder Situation gelassen. Zusammen mit dem teilweise aufgedrehten, teilweise vor Erschöpfung schlafenden Axel sorgen diese drei unterschiedlichen Charaktere für Belebung und bereiten dem Leser eine Menge Spaß – ob dieser nun den Anmerkungssternchen folgt oder sie ignoriert.

Taschenbuch: 432 Seiten
Original: „Voyage au centre de la Terre“ (Paris 1864)
Aus dem Französischen von Volker Dehs
Mit sämtlichen Illustrationen der französischen Originalausgabe, Anmerkungen, Nachwort, Zeittafel und Briefen zum Plagiatsvorwurf
ISBN-13: 978-3423138826
www.dtv.de

Dieses Buch gehört zur Reihe „Klassiker der Abenteuerliteratur“ von dtv:

Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“
Jules Verne: „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (Juni 2010)
Mark Twain: „Tom Sawyers Abenteuer“ (Juli 2010)
Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“ (August 2010)
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“ (September 2010)
Jack London: „Lockruf des Goldes“ (Oktober 2010)

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Daniel Defoe – Robinson Crusoe

Handlung:

Entgegen dem Rat seines Vaters, gibt der Teenager Robinson Crusoe seinem Fernweh nach und schifft sich aus England in die weite Welt ein. Nachdem es ihn nach Afrika in die Gefangenschaft verschlagen hat, gelingt ihm die Flucht, und mit Hilfe eines netten Kapitäns, der ihn aufgreift, anschließend die Überfahrt nach Brasilien. Hier wird er zum Plantagenbesitzer; bald aber treibt ihn das Fernweh wieder aufs Meer hinaus und er macht sich auf den Weg nach Afrika, um sich neue Sklaven für seine Plantage zu besorgen. Bei dieser Fahrt gerät sein Schiff in ein Unwetter und sinkt.

Crusoe ist der einzige Überlebende, der sich auf eine in der Nähe gelegene unbewohnte Insel retten kann. Er schlachtet das gesunkene Schiff aus und verbringt die nächsten 28 Jahre auf dieser Insel. Die letzten davon begleitet ihn sein Diener Freitag; ein Ureinwohner einer Nachbarinsel, den er vor dem Tod durch Verspeisung durch Mitglieder eines feindlichen Stammes rettet. Später bringen Crusoe und Freitag einen Spanier und einen weiteren Ureinwohner, der sich als Freitags Vater herausstellt, vor Kannibalen in Sicherheit. Die beiden werden zurück zur Nachbarinsel geschickt, von der sie kamen, um die restlichen dort verbliebenen Spanier zu holen.

Währenddessen landet eine meuternde Schiffsmannschaft auf der Robinson-Insel, um ihren Kapitän hier abzusetzen. Crusoe und Freitag stehen ihm bei und helfen ihm, das Kommando zurückzuerlangen. Als Dank dafür nimmt er die beiden wieder mit zurück nach Europa. Hier angekommen, ordnet Crusoe seine Finanzgeschäfte, heiratet, zeugt drei Kinder und wird trotzdem weiterhin vom Fernweh geplagt. Nach dem Tod seiner Frau zieht es ihn daher wieder hinaus. Er lässt seinen Neffen zum Kapitän ausbilden, kauft ihm ein Schiff und lässt sich zu seiner Insel zurückbringen, um zu erfahren, wie es den Zurückgebliebenen ergangen ist.

Auf der Insel gab es zwischenzeitlich etliche Streitereien zwischen den nach der Meuterei hier ausgesetzten Matrosen und den von der Nachbarinsel hinzugekommenen Spaniern. Auf dem anschließenden Weg zum Festland wird Freitag bei einem Gefecht von angreifenden Ureinwohnern getötet. Jetzt folgt eine Reise, die Crusoe von Madagaskar über Kambodscha, Taiwan, China und durch Russland führt. Letztendlich kehrt er nach zehn Jahren wieder nach England zurück.

Mein Eindruck:

Den meisten wird der Name Robinson Crusoe geläufig sein. Die wenigsten haben hingegen das gleichnamige Buch gelesen. Und der geringste Teil wird dies in der ungekürzten Version getan haben. Wobei auch dieses Buch – obwohl sich der Verlag auf der Rückseite rühmt, diese Ausgabe enthalte nicht nur den ersten, sondern auch den zweiten Teil des Klassikers von Daniel Defoe vollständig – immer noch nicht komplett ist. Es gibt nämlich noch einen dritten Teil ‚von‘ und mit Robinson Crusoe, der einen ähnlich langen Titel trägt wie die beiden Vorgänger: „Ernstliche und wichtige Betrachtungen des Robinson Crusoe, welche er bei den erstaunungsvollen Begebenheiten seines Lebens gemacht hat.“ Schade, „vollständig“ heißt in diesem Fall leider nicht „komplett“.

Die Übersetzung hat einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Das hat den Vorteil, dass sie nicht politisch korrigiert wurde. Hier heißt es noch „Negersklave“ und nicht „afro-amerikanischer Zwangsarbeiter“. So erkennt auch der Laie im Zusammenhang, dass Freitag zwar ein lieber netter Kerl ist, aber immer nur ein Diener bleiben wird. Klar, er ist ja auch schwarz. Oder die weiblichen Ureinwohner, welche die zurückgelassenen Spanier und Engländer auf der Insel befreit hatten und sich zur Frau nahmen, wären in England durchaus als schön bezeichnet worden – wenn sie nicht schwarz wären. Das klingt für den heutigen Leser so seltsam, dass es schon fast zum Lachen anregt. Aber damals hat man sich halt einfach in Afrika ein paar Neger geholt, damit sie für einen arbeiten, weil man es konnte und weil es alle so machten.

Der Nachteil des Alters der Übersetzung ist die alte und oft auffallend falsche Rechtschreibung. Das macht diese Ausgabe für schulische Zwecke nicht sehr reizvoll. Vermutlich war eine Überarbeitung für den Verlag nicht interessant, weil schlichtweg zu teuer.

Natürlich dreht sich im ersten Robinson-Buch so gut wie alles um seine Zeit auf der Insel; schließlich war er ja auch 28 Jahre dort. Eine richtige Handlung aber scheint weder das erste noch das zweite Robinson-Crusoe-Buch zu besitzen. Es ist ein Reisebericht, und dementsprechend ist alles teilweise ausführlichst detailliert geschildert. Und immer, wenn die Langeweile des Lesers schon nicht mehr zu steigern ist, weil sich der Autor in Schilderungen verfängt, die an Spannung einem Beipackzettel gleichen, schreibt Defoe, dass er den Leser ja nicht langweilen will. Das klappt allerdings nur selten. Zu ausufernd wird beschrieben, wie Crusoe auf seiner Insel Getreide anbaut, Boote und Hütten zimmert.

Interessant wird es erst wieder, als er sich mit Freitag gegen die Eindringlinge der Nachbarinsel zur Wehr setzt und gegen Ende des ersten Buches die Meuterer bekämpft, um im Anschluss wieder nach Hause gebracht zu werden. Und das gesamte zweite Buch ist eigentlich nur noch ein reiner Reisebericht. Auch wird Crusoe übrigens nicht, wie im Titel angekündigt, von Seeräubern gerettet – die spielen in diesem Buch keine Rolle.

Worauf Defoe sein Augenmerk bei seinen Erzählungen legt, habe ich mich oft gefragt. Da schreibt er seitenweise über ein völlig belangloses Ereignis, bei dem er mit Freitag auf dem Weg zurück nach England auf einen Bären und ein paar Wölfe trifft, aber handelt in einem einzigen Satz seine Hochzeit, seine Kinder (von denen er im Anschluss nicht wieder spricht) und den Tod seiner Frau ab. Auch macht er immer wieder einfach Zeitsprünge von teilweise mehreren Jahren, was manchmal schon irritiert – gerade weil es in diesem Buch keine Absätze und keine Kapitel gibt und der Leser von der Textmasse teilweise erschlagen wird.

Was den religiös uninteressierten Leser erheblich stören könnte, sind die ständigen Bezüge auf die Bibel, die Crusoe bei sich auf seiner Insel hatte, und die Anrufungen Gottes. Auch, dass er Freitag keine Religionsfreiheit einräumt, sondern ihn so lange einer christlichen Gehirnwäsche unterzieht, bis dieser seinen eigenen Glauben ablegt, weil Robinsons Gott ja viel besser und stärker ist als seiner, könnte unangenehm aufstoßen. Im zweiten Buch gibt es überdies ein weiteres ermüdend langes Gespräch mit einem Geistlichen.

Den Abschluss des Buches bildet ein 40-seitiger Essay zu Leben und Werk von Daniel Defoe mit speziellem Augenmerk auf „Robinson Crusoe“, gefolgt von einer zweiseitigen Zeittafel, die das Leben und Schaffen des Autors zeigt.

Fazit:

Muss man „Robinson Crusoe“ ungekürzt gelesen haben? Wenn dem Leser vorher bewusst ist, dass ihn ein Reisebericht erwartet, der ausschließlich aus Handlungsbeschreibungen besteht, dann kann er sich durchaus die Zeit nehmen; denn der Autor will ja nach eigenen Angaben nicht nur erzählen, sondern auch belehren. Und was 1719 als belehrend verstanden wurde, ist schon interessant für Neuzeitler.

Wenn man aber schnell gelangweilt ist, weil man eigentlich die ganze Zeit nur im „Big Brother“-Stil Crusoe dabei beobachtet, wie er seine Hütten und Boote baut und seine Felder bestellt und anschließend um die Welt reist, dann reicht auch eine gekürzte Jugendausgabe. Denn auch so kann man erfahren, was der Autor durch Robinson Crusoe zum Ausdruck bringen will: Wenn der Mensch nur will, dann kann er alles schaffen!

Und hier noch mal die unfassbar langen Titel der beiden in dieser Ausgabe abgedruckten „Robinson Crusoe“-Bücher im Original:

Band 1:
„Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe, eines Seemanns aus York, 28 Jahre lang ganz allein auf einer unbewohnten Insel an der amerikanischen Küste nahe der Mündung des Orinoko-Stromes lebte, wohin er nach einem Schiffbruch, bei dem die ganze Besatzung außer ihm umkam, verschlagen wurde, nebst dem Bericht, wie er auf wunderbare Weise durch Seeräuber gerettet wurde. Geschrieben von ihm selbst.“

Band 2:
„Die weiteren Abenteuer des Robinson Crusoe, die den zweiten und letzten Teil seines Lebens bilden, sowie die erstaunlichen Berichte von seinen Reisen um drei Viertel der Erde. Geschrieben von ihm selbst.“

Taschenbuch: 720 Seiten
Aus dem Englischen von Franz Riederer
Mit einem Essay von Hans-Rüdiger Schwab und einer Zeittafel
Mit den Illustrationen der Amsterdamer Ausgabe von 1726/1727
ISBN-13: 978-3423138819
www.dtv.de

Dieses Buch bildet den Anfang der Reihe „Klassiker der Abenteuerliteratur“ vom dtv:

Jules Verne: „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (Juni 2010)
Mark Twain: „Tom Sawyers Abenteuer“ (Juli 2010)
Robert L. Stevenson: „Die Schatzinsel“ (August 2010)
Karl May: „Der Schatz im Silbersee“ (September 2010)
Jack London: „Lockruf des Goldes“ (Oktober 2010)

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Katrin Stehle – Kalte Augen

Vom Dörfchen ins gigantische Berlin – da kann man schon mal den Überblick verlieren. Kira, die Protagonistin aus Katrin Stehles Jugendkrimi „Kalte Augen“, passiert das auf einer Klassenfahrt. Allerdings bekommt sie ungeahnte Hilfe von einem Unbekannten …

Alles beginnt mit einer Mutprobe. Kira möchte Lara und Jenna beweisen, dass sie cool und furchtlos ist und traut sich ganz alleine nachts in einen Berliner Park. Doch die beiden „Freundinnen“ folgen ihr nicht, wie versprochen, sondern lassen sie im Stich. Plötzlich ist Kira verloren in der Großstadt und weiß nicht, wo sich die Jugendherberge befindet. Sie irrt durch die Nacht, bis sie plötzlich von einem Jungen namens Gunnar angesprochen wird.

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Harris, Charlaine – Ein Vampir für alle Fälle

_Charlaine Harris auf |Buchwurm.info|:_

|Sookie Stackhouse|

1. „Dead Until Dark“ ([„Vorübergehend tot“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=788 2006, ISBN 3937255141
2. „Living Dead in Dallas“ ([„Untot in Dallas“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=939 2006, ISBN 393725515X)
3. „Club Dead“ ([„Club Dead“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1238 2005, ISBN 3937255168)
4. Dead to the World ([„Der Vampir, der mich liebte“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2033 2005, ISBN 3423244747)
5. „Dead as a Doornail“ ([„Vampire bevorzugt“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3157 2006 ISBN 342324545X)
6. „Definitely Dead“ ([„Ball der Vampire“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4870 )
7. „All Together Dead“ ([„Vampire schlafen fest“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5450 )
8. _“From Dead to Worse“ („Ein Vampir für alle Fälle“)_

„Wenn das hier ‚Der Herr der Ringe‘ wäre…“ So beginnt „Ein Vampir für alle Fälle“, der achte Band in Charlaine Harris‘ ebenso unterhaltsamer wie erfolgreicher Romanreihe um die gedankenlesende Südstaatenkellnerin Sookie Stackhouse. Tja, wenn dieser Roman „Der Herr der Ringe“ wäre, gäbe es wohl viel mehr Herumgelaufe und Schwertgeschwinge, aber viel weniger Witz und Erotik. Auf welche Komponenten er mehr Wert legt, muss jeder Leser allerdings selbst entscheiden. Sookie Stackhouse jedenfalls bietet in gewohnter Manier wieder eine flotte Handlung mit einem umfangreichen Arsenal an übernatürlichen Charakteren, erzählt mit spitzer Zunge von der Ich-Erzählerin Sookie.

Und wenn es sich hier tatsächlich um „Der Herr der Ringe“ handeln würde, begänne das Buch sicherlich nicht mit einer Hochzeit. Einer Doppelhochzeit sogar! Harris nimmt sich die Zeit, Sookie ein wenig das kleinbürgerliche Ambiente von Bon Temps genießen zu lassen, mit einer spießbürgerlichen Hochzeit im Garten, Kleidern mit vielen Rüschen und in schreienden Farben und einer total durchschnittlichen Feier. Daran ändern auch die Vampire nichts, die ebenfalls eingeladen sind. Im Gegenteil, sie köpfen einfach eine Flasche teures französisches Blut (von echten Adligen – ein ganz edler Tropfen) und freuen sich ihres Unlebens. Doch als die Feier schon fast vorbei ist, macht Sookie dann doch noch eine Entdeckung. Halb im Gebüsch versteckt sieht sie nämlich einen unglaublich schönen Mann, der sich wenig später als ihr Urgroßvater heraus stellt. Niall Brigant ist doch tatsächlich ein Elf und ganz erpicht darauf, seine Urenkelin endlich kennen zu lernen. Sookie ist ziemlich baff, aber auch hingerissen und erfreut – schließlich hat sie außer ihrem missratenen Bruder Jason ja keine leiblichen Verwandten mehr. Und so führt Harris eine neue übernatürliche Komponente ins Sookie-Universum ein. Zwar kamen schon vorher Elfen vor (Sookie hat nämlich eine Elfe als Schutzengel), doch mit Nialls Auftauchen eröffnen sich natürlich ganz neue Möglichkeiten. Doch steckt die Beziehung zwischen Sookie und Niall in „Ein Vampir für alle Fälle“ noch in den Anfängen. Die beiden beschnuppern sich, Niall taucht immer wieder auf. Doch einen ganzen Handlungsstrang darf er noch nicht füllen. Das wird sich Harris sicherlich für einen der nächsten Bände aufsparen – schließlich ist Niall ausreichend geheimnisvoll und auch ambivalent angelegt, um später voll ins Geschehen einzugreifen.

Statt dessen findet Sookie sich bald in einem Krieg zwischen konkurrierenden Werwolfrudeln wieder. Zwar hat sie mit Alcide Herveaux, ihrem Ex, eigentlich nichts mehr zu tun. Doch sie ist immer noch eine Freundin des Rudels, und so landet sie eher unbeabsichtigt zwischen den Fronten. Und als wäre das nicht genug, sieht es auch bei den Vampiren nicht friedvoller aus. Sophie-Anne Leclerq, die Königin von Louisiana, wurde bei dem Bombenanschlag in Dallas schwer verletzt und ist immer noch so geschwächt, dass der König von Nevada seine Chance sieht, Louisiana ohne große Gegenwehr übernehmen zu können. Doch kann so etwas ohne Blutvergießen über die Bühne gehen? Werden sich die Vampire von Louisiana nicht gegen eine solche feindliche Übernahme wehren?

Mittlerweile hat Charlaine Harris‘ Universum ungeahnte Ausmaße angenommen. Es gibt zahllose Charaktere und Nebenschauplätze, denen wenigstens ein bisschen Raum zugestanden werden muss. Das führt zu einigen Problemen in der Erzählung und verhindert leider über weite Strecken, dass man als Leser das Gefühl hat, einer zielgerichteten Handlung zu folgen. So hat man schon Schwierigkeiten, die Haupthandlung überhaupt auszumachen: Ist es der Werwolfkrieg, der Vampirkrieg oder das Auftauchen von Sookies Urgroßvater? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine überzeugende Haupthandlung fallen gelassen wurde zu Gunsten vieler Fäden, die aus vergangenen Bänden übrig geblieben waren und die nun weiter gesponnen und neu verknüpft werden. Teilweise scheint es tatsächlich so, als hätte Harris ihr umfangreiches Personal per Liste abgehakt, um auch sicherzustellen, dass jeder Charakter der nun doch sehr umfangreichen Serie wenigstens einmal kurz vorkommt. Das führt jedoch dazu, dass die Romanhandlung sehr episodisch daherkommt und man als Leser zwischen all den Handlungssträngen und Charakteren reichlich verloren herumspringt.

Da wäre zum Beispiel Quinn, Sookies eigentlich Aktueller (ein Wertiger). Quinn ist seit dem Bombenanschlag verschwunden. Nicht verschollen, denn Sookie hat ja noch mit ihm gesprochen, doch hat er sich danach einfach nie wieder gemeldet. Was soll sie davon halten? Und wird er irgendwann wieder auftauchen?

Ähnlich ergeht es Sookies Mitbewohnern Amelia, die Besuch von ihrer Hexenvorgesetzten bekommt und sich einen Rüffel dafür abholen darf, dass sie einen Bettgenossen in eine Katze verwandelt hat (ohne zu wissen, wie sich das wieder rückgängig machen lässt). Außerdem bekommt Amelia Besuch von ihrem Vater und fängt eine Affäre mit Erics rechter Hand Pam an.

Auch Eric dreht meistens Däumchen. Er darf das Treffen zwischen Sookie und Niall arrangieren und mutiert zum Vieltelefonierer, als die Übernahme durch den König von Nevada droht. Er scharwenzelt von Zeit zu Zeit um Sookie herum, doch bewegt sich die (Nicht)Beziehung der beiden weder vor noch zurück. Beziehungen und Nichtbeziehungen sind jedoch Harris‘ Stärke. Alles Zwischenmenschliche (oder auch „Zwischenübernatürliche“ – aber das ist ein ziemliches Wortmonstrum) gelingt ihr spielend und bei dem umfangreichen Personal ihres Buches gibt es natürlich reichlich Möglichkeiten, Figuren miteinander agieren zu lassen. Trotzdem bleibt „Ein Vampir für alle Fälle“ in Liebesdingen ziemlich blass – weder bewegen sich die Beziehungen zwischen Sookie und ihren diversen Verehrern in irgendeine Richtung, noch wird ein neuer Mann an ihrer Seite eingeführt.

So plätschert die Handlung über weite Strecken dahin und bietet nur vereinzelte actiongeladene Höhepunkte. Der Großteil des Romans besteht dagegen aus häuslicher Routine und Alltagssituationen. So darf der Leser beispielsweise Sookie beim Einkaufen, beim Ausleihen von Büchern und beim Kirchgang begleiten. Dass das nicht wirklich spannend ist, ist ein nahe liegender Gedanke. Dabei ist es keineswegs so, dass Harris‘ ihr Schreibtalent abhanden gekommen wäre. Sie erzählt mit gewohntem Witz und flottem Charme, so dass nebensächliche Szenen nicht vollkommen irrelevant erscheinen. Trotzdem, dem Roman fehlt ein zentraler Konflikt, der sich durch die gesamte Handlung zieht und den Leser bei Laune hält. Statt dessen werden viele einzelne Handlungselemente abgearbeitet, was dazu führt, dass der Roman ziellos wirkt. Schade.

|Taschenbuch: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3423211482
Originaltitel: From Dead to Worse
Übersetzer: Britta Mümmler|

Richard Stark – Fragen Sie den Papagei

Das geschieht:

Nach einem gescheiterten Bankraub findet sich Berufsverbrecher Parker ohne Auto, Papiere und Geld irgendwo in der Provinz des US-Staats New York wieder. Die Polizei ist ihm hart auf den Fersen aber er hat Glück: Der arbeitslose Tom Lindahl hat die Nachrichten verfolgt und von der Verfolgungsjagd gehört. Die Anwesenheit eines erfahrenen Kriminellen sieht er als Wink des Himmels: Seit Jahren plant er die Rennbahn, für die er einst gearbeitet hat, bis man ihn feuerte, zu berauben. Da er den Mut nicht aufbringt, sucht Lindahl einen Komplizen. Diese Rolle übernimmt wohl oder übel Parker, der Geld für die Fortsetzung seiner Flucht benötigt.

Die Rennbahn wird ausgekundschaftet, der Coup geplant. Doch Schwierigkeiten stellen sich ein: Lindahl ist ein wankelmütiger Charakter, der bald bereut, sich mit einem eiskalten Verbrecher wie Parker zusammengetan zu haben. Die Polizei durchkämmt unerbittlich die Gegend und nagelt Parker fest. Dann tauchen auch noch die tumben Brüder Cal und Cory Dennison auf, die Parker nach seinem Phantombild als einen der flüchtigen Bankräuber erkannt haben und hartnäckig ihren Anteil an der längst verlorenen Beute fordern.

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Joyce Carol Oates – Mit offenen Augen

Eigentlich führt die fünfzehnjährige Francesca ein glückliches Leben in Seattle mit ihrem älteren Bruder Todd und der kleinen Schwester Samantha. Ihr Vater Reid Pierson ist ein ehemaliger Football-Star, der inzwischen als Sportkommentator Karriere gemacht hat. Doch die Idylle zerbricht in einem Sommer: Auf einer Party will ein älterer Junge Franka zum Sex zwingen. Nur mit Mühe kann sie sich befreien und fliehen. In diesem Moment wird „Freaky Green Eyes“, ihr Alter Ego geboren, ihre starke, kämpferische Seite, die sich von niemandem schikanieren lässt.

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Praxenthaler, Matthias – Horst der Held

Horst Gurk ist nicht gerade ein Name von heldenhafter Ausstrahlung. Jemand, der 1970 noch auf den Namen Horst getauft wird, dessen Eltern können nur der Gipfel deutschen Mittelschicht-Spießertums sein. Das Gefühl hat auch Horst Gurk, Protagonist und titelstiftender „Held“ von Matthias Praxenthalers Roman „Horst der Held“.

„Horst der Held“ ist kein neuer Roman. Praxenthaler veröffentlichte ihn erstmals 1998 im Selbstverlag, um ihn anschließend in den Straßen Münchens eigenhändig zu verkaufen. Laut eigenem Bekunden verkaufte er rund 1500 Exemplare und benutzt die übrigen ca. 5842 Exemplare seither als Bett, worauf es sich angeblich vorzüglich schläft.

Wie man sich bettet, so liest man (oder hieß das anders?) und so soll im nun Folgenden der Frage nachgegangen werden, ob sich „Horst der Held“ als Lektüre gleichermaßen eignet wie zum Bettenbau.

Horst Gurk wird direkt in die wilden 70er hineingeboren – wobei selbige zugegebenermaßen in seinem Elternhaus alles andere als wild ausfallen. Horsts Vater ist Beamter im Postministerium, seine wehrte Gattin noch eine waschechte Hausfrau und das Häuschen im rheinischen Troisdorf eine Ausgeburt provinziellen Spießbürgertums und kleinbürgerlicher Mittelmäßigkeit.

Horst hat keine leichte Kindheit. Dank Segelohren, Zahnspange und Brille gibt er von der ersten Klasse an das perfekte Opfer diverser Schülerspäße ab. Horst wird zum Einzelgänger, was sich auch später auf dem Gymnasium nicht mehr ändern soll. Keine Freunde, keine Partys, kein erster Sex und als ob das noch nicht schlimm genug wäre, nerven ihn seine Eltern mit ihrer Spießigkeit.

Erst mit 22 scheint sich das Blatt zu wenden. Horst, mittlerweile Maschinenbaustudent (aber selbstverständlich immer noch zu Hause wohnend), beschließt, seiner Jungfräulichkeit mit einem Puffbesuch ein feierliches Ende zu setzen. Und wie das Glück es so will, ist Horst der Zehntausendste Besucher des Troisdorfer Puffs und gewinnt zur Belohnung eine Reise nach Vietnam. Dieser Trip entpuppt sich als ungeahntes Abenteuer und verwandelt Horst schon bald darauf in einen wahrhaftigen Helden …

Schon die ersten Seiten offenbaren, dass „Horst der Held“ absolut erheiternde Lektüre ist. Praxenthaler skizziert Horsts Kindheits- und Jugendjahre und bestraft den armen Horst mit jeder Facette deutschen Spießbürgertums. Die Eltern sind langweilig, religiös und ein harter Brocken für jemanden, der zu Zeiten aufwächst, in denen Coolness ein stetig bedeutender werdender Faktor ist. Horsts Eltern sind all das, was man sich an gebündelter Spießigkeit überhaupt vorstellen kann.

Man bekommt als Leser viel zu Lachen. Praxenthaler formuliert gewitzt und kurzweilig und weiß schon mit so mancher Formulierungsart zu erheitern. Sein Humor ist ein sehr direkter und so konfrontiert er den Leser geradeheraus mit der Lachhaftigkeit seiner Figuren und dem Humor, welcher der langweiligen Alltäglichkeit ihres Daseins innewohnt.

Freunde des feinsinnigeren Humors werden Praxenthalers Roman aber vermutlich nicht über die ganze Länge als besonders erheiternd empfinden. Es ist schon recht derbe, was der Autor teilweise an Humor auspackt, und als dann schon nach wenigen Seiten der Troisdorfer Schlachter seiner Frau in einem alkoholgeschwängerten Wutanfall eine Brust mit dem Schlachtermesser abschneidet, bekommt man einen Vorgeschmack darauf, wie derbe Praxenthaler wirklich werden kann.

Praxenthaler wandelt mit seinem Humor eng an der Grenze des guten Geschmacks, und so versammelt sein Roman zum Schreien komische Momente neben überzogenen und derben Witzen, über die wohl so mancher streiten mag, ob das alles noch wirklich lustig ist. Wandelt er anfangs noch leichtfüßig durch die Kapitel, so wird der Humor mit zunehmender Derbheit auch schwerfälliger. Die unelegante Art, mit der Praxenthaler sich Horsts Eltern vom Hals schafft, wirkt genauso wenig komisch wie das völlig überzeichnete Finale.

Was so herzerfrischend lustig und locker anfängt, wird mit zunehmender Seitenzahl brachialer und unlustiger. Mangelnden Realismus sollte man einem Roman dieser Art sicherlich nicht ankreiden, um sich nicht gänzlich mit humorlosen Moralisten in eine Reihe zu stellen, dennoch kommt man nicht umhin, zu kritisieren, dass Praxenthalers Humor anfangs, als er es noch schafft, die Spießbürgerlichkeit der deutschen Provinz zu karikieren, wesentlich lustiger und bodenständiger ist. Je abgedrehter sich aber die Handlung entwickelt, desto weniger vermag der Humor zu belustigen.

Ansonsten ist „Horst der Held“ ein Roman, der außer knapp 200 Seiten humoristischer Abhandlung nicht viel zu bieten hat. Entweder man kann über Praxenthalers Humor lachen und amüsiert sich köstlich oder man liest ungeduldig weiter bis zum Ende, um herauszufinden wie tief das Humorniveau wohl noch sinken mag. Immerhin ist man nicht so leicht geneigt, die Lektüre abzubrechen, denn Praxenthaler schreibt so locker drauflos, dass man als Leser absolut keine Mühe hat zu folgen. Und so bleibt „Horst der Held“ letztendlich unterhaltsame Lektüre, aber eben auch nicht immer unbedingt lustig.

Bleibt als Fazit festzuhalten, dass Praxenthaler in „Horst der Held“ einige absolut irrsinnig komische Momente zu Papier gebracht hat. Streckenweise macht der Roman wirklich Vergnügen, aber je mehr Praxenthaler in die Schiene des derben, geschmacklosen Humors abrutscht, desto unlustiger wird er leider auch. „Horst der Held“ ruft also gemischte Gefühle wach und bleibt als durchaus locker-flockige Lektüre im Gedächtnis, die aber ihr humoristisches Potenzial der ersten Kapitel im weiteren Verlauf leider verspielt.

Website des Autors:
[www.praxvalley.de]http://www.praxvalley.de/

Robert Louis Stevenson/Lloyd Osborne – Der Ausschlachter

Stevenson Ausschlachter Cover kleinZwei unerfahrene Freunde kaufen ein Wrack, an dessen Bord sie einen Schatz vermuten. Finstere Konkurrenten, die Südsee-Fremde und andere Schwierigkeiten bescheren ihnen statt eines Vermögens vor allem immer neue Abenteuer … – Der von Autor Stevenson und seinem Stiefsohn verfasste Roman ist ein vergnügliches, Komplikation auf Verwicklung häufendes Abenteuer mit sachter Sozialkritik.
Robert Louis Stevenson/Lloyd Osborne – Der Ausschlachter weiterlesen

Antal Szerb – Die Pendragon-Legende

Das geschieht:

Historiker János Báthoy hat seine Zelte in London aufgeschlagen. Dort lernt er Owen Pendragon, Earl of Gwynedd, kennen, einen walisischen Hochadligen, der als Mäzen der Künste und nobler Mensch berühmt aber als Nachfahre des Alchimisten und Hexenmeisters Asaph Pendragon auch berüchtigt ist. Der Earl lädt Báthoy auf sein Schloss Llanvygan ein, was dieser freudig annimmt.

Damit gerät er in ein Komplott, das bereits seit Monaten das Haus Pendragon bedroht. Drei Mordanschläge wurden auf den Earl verübt. Verantwortlich ist wohl eine Gruppe, die sich um das Erbe eines reichen Mannes sorgt. Dieser hatte sein Vermögen mit Hilfe des Earls gemacht. Es soll ihm zufallen, wenn sich herausstellt, dass es beim Tod des reichen Mannes nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Obwohl der Earl vorgibt, nicht an dem Erbe interessiert zu sein, wird er scharf beobachtet. Auch Báthoy wird anonym gewarnt, sich nach Llanvygan zu begeben. Er reist trotzdem, begleitet von Osborne Pendragon, dem Neffen des Earls, sowie vom undurchsichtigen Abenteurer Maloney.

Das Reiseziel stellt sich als einsamer, unheimlicher Ort dar. Des Nachts schleichen merkwürdig gewandete Gestalten durch die Gänge. Ein Ritter in voller Rüstung galoppiert um das Schloss. Geheimgänge werden entdeckt. Maloney übt sich als nächtlicher Fassadenkletterer. An einem See wird ein riesenhafter, altmodisch gekleideter Greis gesichtet. Geht etwa der alte Asaph um? Er heißt, er sei im Besitz okkulter Geheimnisse der Rosenkreuzer gewesen. Ein Elixier dieses mysteriösen Ordens soll ihm das ewige Leben verliehen haben. Sein Grab ist jedenfalls leer, wie unsere drei Freunde feststellen. Sie geraten gleich doppelt in Bedrängnis, als sich sehr diesseitige Gangster auf Schloß Llanvygan zu tummeln beginnen. Bis zum ersten Mord dauert es nicht mehr lange. Die Spannung steigt, denn auch die Geister im Schloss intensivieren ihre Attacken …

Eine angenehme Wiederentdeckung

Viel Mystery-Bockmist wird in den Buchläden der westlichen Welt verstreut; der Fahrer auf dem Traktor heißt Dan Brown. Er kann nicht plotten, kann nicht schreiben, ist aber immens erfolgreich und hat eine Unzahl noch erbärmlicherer Kopisten nach sich gezogen, die das Grundkonzept – ein historisches Rätsel wird mit viel Thrill und einem Hauch Phantastik verquirlt – treulich aufgreifen.

Nun ist diese Konstellation beileibe nicht neu, sondern in der Unterhaltungsliteratur schon seit Urzeiten in Verwendung. Der Erfolg der gegenwärtigen Schreibautomaten hat zumindest den einen Vorteil, dass sich dies am praktischen Beispiel überprüfen lässt: Auf der Suche nach ihrem Stück vom Kuchen suchen Buchverlage verzweifelt nach Titeln, die sich irgendwie in den Hype einschleusen lassen. Es kann nicht ausbleiben, dass unter dem ganzen Schutt, der dabei aufgewühlt wird, hier und da ein Goldkorn zu Tage tritt.

„Die Pendragon-Legende“ ist kein Korn, sondern ein richtiger Nugget. Bereits 1934 entstanden, zeigt hier ein echter Schriftsteller, wie man aus den genannten Einzelelementen eine stimmungsvolle, durchgängig spannende, immer überraschende Geschichte spinnt. Der Grundton ist überaus heiter bzw. ironisch, was keinen Deut daran ändert, dass der Leser sehr ernstgenommen wird.

Keine Furcht vor ungelösten Rätseln

Gibt es für ein solches klassisches Garn einen stimmungsvolleren Hintergrund als das ‚alte‘ England mit seinen von Geistern heimgesuchten Burgen und Schlössern? Kunstvoll treibt es Szerb auf die Spitze, verstärkt die altertümlichen Besonderheiten des Schauplatzes, verwandelt Schloß Llanvygan und Umgebung in eine von der realen Gegenwart (des Jahres 1933) isolierte Enklave, in der die Vergangenheit lebendig blieb. Dies kommt der Story durchaus entgegen, aber vor allem verleiht es ihr jene nostalgische Patina, die bereits zu Szerbs Zeiten bei der Leserschaft gut ankam.

Völlig unaufdringlich und deshalb umso wirksamer konstruiert der Verfasser das phantastische Fundament, auf dem seine Geschichte bombenfest steht. Dieses Mal sind es nicht die üblichen Verdächtigen – totgeschwiegene Evangelisten, Templer, Nazis usw. -, die im Hintergrund ihr Unwesen treiben. Die Rosenkreuzer gab es tatsächlich, sie hielten sich wie alle ‚geheimen‘ Orden – schon wegen der stets misstrauischen Staatsgewalt – sorgsam verborgen und trieben okkulte ‚Studien‘.

Unsere Geschichte erfährt ein zufriedenstellendes Ende, doch die Rätsel bleiben ungelöst. Die „Pendragon-Legende“ mündet – zumindest soviel sei verraten – in ein phantastisches Finale. Es kann real sein, muss aber nicht. Die Sehnsucht nach und die Furcht vor dem Wunder stellte eine immer wieder literarisch aufgegriffene Konstante im Leben des Antal Szerb dar, wie sein Landsmann György Poszler in einem nicht gerade leicht verständlichen aber informativen Nachwort deutlich macht. Nur selten gelingt es so gut wie in diesem Fall, das ‚Reale‘ mit dem ‚Irrealen‘ zu verknüpfen. Der Leser bleibt leicht ratlos und trotzdem zufrieden zurück. Die sorgsam aufgebaute Spannung verpufft nicht durch ein allzu profanes Ende. Darüber hinaus hat Szerb dafür Sorge getragen, dass wir auch am Schicksal der auftretenden Figuren interessiert sind.

Wissen ist durchaus handfeste Macht

Der unbedarfte Bücherwurm als Held wider Willen, begabt mit einschlägigem Fachwissen und erfüllt vom heimlichen Wunsch nach einem zünftigen Abenteuer: Diese Figur verkörpert János Báthoy nahezu perfekt. Glücklicherweise rettet der Autor ihn vor dem drohenden Klischee. Von der vor allem in Hollywood gern kultivierten Frauenfurcht des ‚intellektuellen‘ Helden gibt es beispielsweise keine Spur. Báthoy nutzt die Chancen, die sich ihm eröffnen. Die aufkeimende Liebe zur hübschen Earls-Nichte ist da kein Hindernis.

Der aufgestörte Büchernarr zeigt sich in der Krise zwar in der Regel hilflos aber nie ohne Ideen. Vor allem ist es sein Fachwissen, das sich nicht als Hindernis, sondern als nützliches Instrument im Ringen um die Rätsel von Schloß Llanvygan erweist. Außerdem hilfreich ist Báthoys Herkunft, die ihn die Hürden einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft quasi überspringen lässt und ihm die Absurditäten derselben in Vertretung der Leserschaft vor Augen führt. (Persönlich kann dieser Rezensent eine Figur nur lieben, die den gemeinsamen Berufsstand so – und schon auf Seite 6! – definiert: „Ich bin Doktor der Philosophie, ein Gelehrter überflüssiger Wissenschaften, und ich beschäftige mich zudem mit Dingen, um die sich kein normaler Mensch mehr kümmert.“).

Auch sonst ist der Leser vor Überraschungen nie sicher. Szerbs Personal scheint sich aus der Klamottenkiste klassischer Kriminalromane zu bedienen. Doch stets gibt es Brüche, die aus Klischeegestalten echte Persönlichkeiten werden lassen. Dabei löst die Gestaltung der weiblichen Darsteller besonderes Erstaunen aus: Sie sind ebenso selbstständig wie ihre männlichen Zeitgenossen, denken und handeln ohne deren ‚Schutz‘ und im positiven Sinn modern. Von allen auftretenden Figuren zeigt sich eine Frau, Lene Kretzsch, als praktische Gefährtin der Geister- und Gangsterjäger. Ihr fällt immer noch ein ungewöhnlicher Ausweg ein, wenn die anderen schon verzagen. Diese Gleichberechtigung im eigentlichen Sinn des Wortes schließt den Kreis, der „Die Pendragon-Legende“ eine uneingeschränkt lesenswert gebliebene Lektüre bleiben ließ.

Autor

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Antal Szerb ist in seinem Heimatland Ungarn einer der meist gelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein kurzes Leben war geprägt von der Liebe zur europäischen Kultur und Literatur. Geboren wurde Szerb am 1. Mai 1901 in Budapest als Sohn eines assimilierten jüdischen Kaufmanns. Er machte 1919 sein Abitur, studierte in Graz klassische, später moderne Philologie. Ab 1920 wechselte er nach Budapest und zu den Fächern Hungarologie und Germanistik, später auch Anglistik. 1924 promovierte Szerb über Ferenc Kölcsey, den Dichter der ungarischen Nationalhymne. Anschließend arbeitete er als Lehrer für Ungarisch und Englisch an einer Vorstadtschule sowie an einer höheren Lehranstalt für kaufmännische Berufe.

Als Schriftsteller wurde Szerb Mitte der zwanziger Jahre tätig. Er verfasste Rezensionen, Essays und Erzählungen, die in den führenden literarischen Zeitschriften erschienen. Mehrfach reiste er nach Italien, Paris und England; seine Erfahrungen schlugen sich in den ersten beiden Romanen „A Pendragon legenda“ (1934; dt. „Die Pendragon Legende“) und „Utas és holdvilág“ (1937; dt. „Reise im Mondlicht“) nieder. Daneben war Szerb als Literaturwissenschaftler aktiv. 1934 – Szerb war inzwischen Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft Ungarns – erschien seine ungarische Literaturgeschichte „A magyar irodalomtörténet“, 1941 eine Geschichte der Weltliteratur („A világirodalom története“).

Obwohl christlich getauft, blieben dem erfolgreichen Schriftsteller und Forscher wegen seiner jüdischen Herkunft die Tore der Universität verschlossen. Immerhin gelang es ihm, sich 1937 mit der Unterstützung einflussreicher Gönner an der Universität Szeged zu habilitieren. Bis 1943 lehrte Szerb dort. Im März 1944 besetzten deutsche Truppen Ungarn. Die faschistischen „Pfeilkreuzler“ übernahmen die Macht. Auch in Ungarn begann der organisierte Judenmord. Antal Szerb wurde im Sommer 1944 zum ‚Arbeitsdienst‘ eingezogen. Im westungarischen Lager Balf bei Ödenburg hat man ihn am 27. Januar 1945 ermordet und in einem Massengrab verscharrt.

Taschenbuch: 311 Seiten
Originaltitel: A Pendragon legenda (Budapest : Révai 1934)
Übersetzung: Susanna Großmann Vendrey
http://www.dtv.de

Hörspiel-CD: 108 min. = 2 CDs
Sprecher: Andreas Pietschmann, Matthias Habich u. a.
ISBN-13: 978-3-8996-4383-1
http://www.audiobuch.com

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Walter Satterthwait – Eskapaden

Das geschieht:

Schloß Maplewhite in der englischen Grafschaft Devon ist im August des Jahres 1921 Schauplatz eines außergewöhnlichen Ereignisses: Lord Robert Purleigh, der Hausherr, lädt ein zur Séance mit dem berühmten Medium Madame Sosostris. Unter den illustren Gästen: Sir Arthur Conan Doyle, Schriftsteller und geistiger Vater des unsterblichen Sherlock Holmes, privat ein unverbesserlicher und recht leichtgläubiger Anhänger des Okkulten.

Dies trifft auf Harry Houdini, den außergewöhnlich begabten und maßlos von sich eingenommenen Zauber- und Entfesselungskünstler nicht zu. Er kennt die Tricks seiner Kolleginnen und Kollegen. In den letzten Jahren hat er sich verhasst gemacht, weil er falsche Magier und Medien entlarvt. Madame Sosostris‘ Karriere ist Houdini schon lange ein Dorn im Auge; sie will er auf Maplewhite beenden. Houdini ist außerdem auf der Flucht. Chin Soo, ein verärgerter Rivale, hat ihm den Tod geschworen. Houdini wird daher von Phil Beaumont vom Detektivbüro Pinkerton begleitet. Walter Satterthwait – Eskapaden weiterlesen

Joseph Conrad – Herz der Finsternis

Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ lässt sich sicherlich zu den Literaturklassikern zählen. Geschrieben 1899, wird das Werk auch heute immer wieder neu verlegt, gelesen, adaptiert, neuinterpretiert und verfilmt. Mit der Ausgabe vom Juni 2005 legt der |dtv| nun eine komplette Neuübersetzung von Conrads bekanntestem Werk vor.

„Herz der Finsternis“ ist eine klassische Rahmenerzählung. Kapitän Marlow ist mit ein paar anderen Männern an Bord einer Hochseeyacht auf der Themse unterwegs. Sie warten auf die einsetzende Flut und während sie warten, beginnt Kapitän Marlow eine Geschichte zu erzählen, die vor Jahren passierte und die er seitdem im Stillen mit sich herumgetragen hat.

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H. G. Wells – Krieg der Welten

Vom Mars kommen intelligente aber skrupellose Wesen auf die Erde, um sich hier eine neue Heimat zu schaffen. Die menschliche Zivilisation wird ausgelöscht, die hilflose Bevölkerung wie Nutzvieh gehalten. Der Untergang steht bevor, als sich die Natur einmischt … – Klassischer SF-Roman aus dem Jahre 1898, spannend verfasst von einem Vollblutschriftsteller, der die Handlung mit vielen philosophischen Fragen anreichert, was indes den Erzählablauf nie stört: ein zeitloses Meisterwerk, das mehr als ein Jahrhundert nach der Entstehung sein Publikum mit Leichtigkeit findet und auch zukünftig finden wird.
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H. G. Wells – Die Zeitmaschine

Ein Zeitreisender gerät in eine ferne Zukunft, in der die Menschen das Paradies auf Erden geschaffen zu haben scheinen. Doch buchstäblich unter der Oberfläche lauert die hässliche Wahrheit … – Einer DER Klassiker der Science-Fiction-Literatur und bereits als solcher über Kritik eigentlich erhaben; allerdings ist dieser Kurzroman tatsächlich zeitlos spannend und immer noch eine Lektüre wert!
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Henning Mankell – Tea-Bag

Erfolgloser Poet bietet Schreibtechnikseminar

Jesper Humlin veröffentlicht genau ein Buch pro Jahr und zwar eine Gedichtsammlung, die sich im Schnitt etwa tausendmal verkauft, doch seinem Verleger ist das nicht mehr genug, er möchte Jesper davon überzeugen, endlich einen Kriminalroman zu schreiben. Dabei ist Jesper doch erfolgreich auf seinem Gebiet, seine Gedichte sind anerkannt und gerade erst ist er von einer monatelangen Südseereise zurückgekommen, die er sich nur durch ein Stipendium finanzieren konnte. Sein wichtigstes Anliegen ist ihm nun eigentlich seine Sommerbräune, die er so lange wie möglich aufrecht erhalten möchte, doch neben seinem unzufriedenen Verleger stellt auch seine Freundin Andrea immer mehr Ansprüche. Sie möchte endlich ein Kind mit ihm und droht mit der Trennung und der Veröffentlichung ihres Privatlebens in Romanform. Es ist nicht so sehr die Angst vor der Trennung, die ihm schwer im Magen liegt, sondern die Möglichkeit, dass Andreas Buch sich besser verkaufen könnte als seine Gedichtsammlung.

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Richard Panek – Das Auge Gottes. Das Teleskop und die lange Entdeckung der Unendlichkeit

Panek Auge Gottes Cover 2004 kleinDas Teleskop sorgte ab 1609 nicht nur für den Blick in die Ferne, sondern setzte auch eine durch Wissen untermauerte und nicht mehr einzudämmernde Entwicklung in Gang, die ein durch die Religion verkrustetes Weltbild durch wissenschaftliche Realität ersetzte … – Dieser dramatische Prozess wird ebenso knapp wie kundig von einem Wissenschaftsjournalisten geschildert. Das scheinbar trockene Thema wird zu einem lebendigen Panorama realer Geschichte: ein Sachbuch mit Vorbildcharakter!

Kleines Rohr mit großer Wirkung

Früher war zwar keineswegs alles besser. Trotzdem ging es in jenen Momenten, in denen Weltgeschichte geschrieben wurde, ein wenig geruhsamer zu. In einer zwar kalten aber klaren Novembernacht des Jahres 1609 war es keine atomspaltende Hightech-Höllenmaschine, die das Universum aus den Angeln hob, sondern eine scheinbar simple Röhre aus Metall, in der zwei Stückchen Glas steckten. Nachdem man diese durch sorgfältiges Schleifen in Linsenform gebracht und in einem gewissen Abstand voneinander innerhalb besagter Röhre befestigt hatte, war ein Instrument entstanden, für das sich alsbald die Bezeichnung „Teleskop“ einbürgerte. „Fern-Sehen” im buchstäblichen Sinne war es, das dem Menschen plötzlich möglich wurde – der Blick auf weit Entferntes, das bisher verborgen und Objekt der Spekulation und des Rätselratens geblieben war.

Dabei galt es zu unterscheiden zwischen dem ‚gewöhnlichen‘ Fernrohr und dem Teleskop. Während ersteres in der Seefahrt oder im Krieg als nützliches Werkzeug sogleich begeistert angenommen und eingesetzt wurde, erschloss sich der Sinn des Teleskops lange Zeit nur einem kleinen Kreis wissenschaftlich interessierter und ausgebildeter Spezialisten. So stark vergrößerten nämlich schon die ersten Teleskope, dass sie für den einfachen Blick in die irdische Nachbarschaft eigentlich unbrauchbar waren. Da der Mensch von Natur neugierig bzw. an seiner Umwelt interessiert ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Forscher auf den Gedanken kam, sein Teleskop gen Himmel zu richten.

Auf einen Schlag wurde alles anders. Seit vielen Jahrtausenden beschäftigt sich der Mensch mit den seltsamen Lichtern, die er besonders des Nachts hoch droben am Firmament stehen sieht. Weil er schon immer Ungewissheit hasst und das Spekulieren liebt, bemüht er sich sehr jeher, den Himmel in sein Weltbild zu integrieren. Im christlichen Abendland der frühen Neuzeit war man zufrieden mit dem, was man schon seit der Antike ‚wusste‘: Das Universum war die von Gott als Höhepunkt der Schöpfung geschaffene Erde im und als Zentrum, umkreist von der Sonne, dem Mond und vielen Sternen, von denen man nur wusste, dass sie offenbar klein, kalt und weit entfernt ihre Bahnen zogen und des Nachts dem Reisenden zur Orientierung dienen konnten. So hatte der HERR es eingerichtet, so stand es in der Bibel vermerkt. Kirche, Könige & wer sonst das Sagen hatte auf Erden, war damit zufrieden und achtete darauf, dass diese Welt geozentrisch blieb. Dem Skeptiker musste genügen, dass sich das Establishment inzwischen immerhin dazu bequemt hatte, die Kugelgestalt der Erde als Tatsache anzunehmen.

Jenseits beruhigend überschaubarer Grenzen

Buchstäblich über Nacht war es vorbei mit dem Frieden. Zwar hatte Galileo Galilei (1564-1642), Naturwissenschaftler in der italienischen Universitätsstadt Padua, das Teleskop nicht erfunden. Auch war er nicht der Erste, der damit den Himmel betrachtete. Aber er gehörte zu jenen raren Menschen, denen es in die Wiege gelegt wird, Grenzen zu sprengen und hinter die Kulissen zu blicken. In der eingangs erwähnten Novembernacht schaute deshalb ein Mensch in die Sterne, der nicht nur das Teleskop unter Berücksichtigung bisher wenig bekannter physikalischer Prinzipien entscheidend verbessert hatte, der nicht nur sah und staunte, sondern begriff, was sich in unglaublicher Ferne abspielte. Er war der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. In kürzester Zeit entdeckte, erkannte und beschrieb Galilei neue und fremde Welten, schied Planeten von Sternen, identifizierte Monde und begriff die Milchstraße als Ansammlung unendlich vieler Sterne.

Immer neue Sterne fanden Galilei und jene, die es ihm in der nächtlichen Himmelsbeobachtung nachtaten. Das alte Weltbild stürzte ein, als die Erde als Planet und die Sonne als Stern unter Sternen erkannt wurde. Die Einmaligkeit des geozentrischen Sonnensystems konnte nicht länger gehalten werden. Die neuen Erkenntnisse ließen sich nicht in Einklang mit dem biblischen Weltbild bringen. Das war fatal für die Forscher einer Zeit, in der Naturwissenschaftler immer auch Philosophen waren, die ihr Wissen als Teil der von Gott gegebenen Weltordnung betrachteten. Auch Galilei war kein Rebell im Namen der Wissenschaft. Lange Zeit bemühte er sich, seine Beobachtungen ins Gebäude der traditionellen Lehre zu integrieren. Allerdings war dies irgendwann einfach nicht mehr möglich: Was Galilei sah, sprach eine andere Sprache als das, was er zu sehen erwartete und auch sehen sollte. Dies war endgültig der Startschuss zur wissenschaftlichen Revolution, in der er wider Willen eine so prominente Rolle einnehmen würde.

Wissen ist Macht. Kein Wunder, dass es die Diktatoren und selbst ernannten Führer der Geschichte stets sorgfältig unter Verschluss ge- und dem Volk vorenthalten haben. Das Teleskop hat das politische und geistliche Establishment jedoch schlicht überrascht. Es schien nur eine Spielerei zu sein, aber es war tatsächlich das Auge Gottes: Der Mensch konnte ins All blicken, begriff dessen unendliche Weite und wurde sich der eigenen Nichtigkeit bewusst. Vorbei war es mit der eigenen Größe; nicht einmal im eigenen Planetensystem war man mehr Herr im Haus, denn das Teleskop brachte es bald an den Tag, dass sich die Sonne beileibe nicht um die Erde drehte. Stattdessen war es umgekehrt und der Mensch abermals eine Stufe des universellen Throns hinabgepurzelt.

Zäher Kampf um wahre Erkenntnisse

Diese Revolution verlief bekanntlich nicht friedlich. Galileis Schicksal dokumentiert nur eines von vielen Gefechten in diesem Krieg der Weltanschauungen, den die Wahrheit schließlich für sich entscheiden konnte. Wieder trug das Teleskop seinen Teil dazu bei. Wer Augen hatte zu sehen, konnte sich selbst davon überzeugen, dass die ketzerischen Astronomen in der Tat Recht hatten, während die von ihren Gegnern düster prophezeite Anarchie ausblieb. So trugen sie schließlich den Sieg davon und stiegen sogar in eine eigene Forscher-Elite auf: Der nächtliche Sternengucker an seinem Teleskop wurde zum Idol der Massen, die begierig auf neue Sensationen aus dem nahen und fernen All warteten.

Friedrich Wilhelm Herschel (1738-1822), geboren in Hannover aber schon in jungen Jahren nach England emigriert, erntete die Früchte, die Galilei und andere Pioniere gesät hatten. Ihm gelang eine Bilderbuch-Karriere, er wurde in den Adelsstand erhoben und mit Ehren überhäuft. Das Wissen an sich stand nun im Vordergrund; Streit und Kämpfe fanden höchstens in den eigenen Reihen statt, denn auch Forscher sind nur Menschen, die um des Ruhms, der Eitelkeit und des Geldes willen raufen. Das Fundament für das Haus des astronomischen Wissens aber war gelegt, und unter seinem Dach stand das Teleskop, das in den Jahrhunderten nach Galilei imposante Ausmaße angenommen hatte und entsprechend tiefere Einblicke ermöglichte.

Herschel steht für die nächste Stufe der Himmelsforschung: Neben die Suche nach dem Neuen trat die quantitative Auswertung des inzwischen Bekannten. Herschels systematische, sich über Jahrzehnte hinziehende Kartierung des Sternenhimmels ließ einen Sternenkatalog oder Atlas entstehen, der Ordnung in das galaktische Chaos brachte. Der Mensch konnte den Weltraum zwar noch immer nicht bereisen, aber er verirrte sich nunmehr nicht mehr darin, wenn er ihn von der Erde aus musterte – bis sich herausstellte, dass er nur einen mikroskopisch kleinen Teil des Gesamtgefüges kannte. Aktuelle Schätzungen gehen von einem Universum mit 100 Milliarden Galaxien aus, die ihrerseits aus vielen Milliarden Sternen bestehen, um die wiederum Planeten, Monde u. a. Himmelskörper kreisen.

Rekonstruktion des nur scheinbar Selbstverständlichen

Galilei, Herschel, Isaac Newton und anderen Helden der Forschungsgeschichte setzt Richard Panek, Wissenschaftsjournalist für das „New York Times Magazine“ u. a. Zeitschriften ein Denkmal. Der wahre ‚Held‘ ist allerdings jenes Gebilde aus Metall und gläsernen Linsen (später Spiegeln, Parabol- und Deflektor-Antennen etc.), das den Quantensprung des menschlichen Geistes ermöglichte. Eine „Ode an das Teleskop“ nannte die „Berliner Morgenpost“ Paneks Werk (in der Ausgabe vom 11. Oktober 2001).

Wer meint, Sachbücher über ein recht dröges Thema müssten zwangsläufig trocken und langweilig zu lesen sein, wird hier eindrucksvoll eines Besseren belehrt. Panek weiß genau, wie er sein Publikum ködern muss. Virtuos verquirlt er vorzüglich recherchiertes Wissen mit klug ausgewählten historischen Anekdoten zu einem fabelhaft geschriebenen (und übersetzten) Sachbuch. „Gegen den Frost rieb er [F. W. Herschel] sich mit rohen Zwiebeln ein, während sein Atem am Teleskop und die Tinte im Faß gefror …“: Das waren noch Zeiten! Bemerkenswert ist auch die Geschichte des Teleskop-Veteranen George Ellery Hale, der sich in Zeiten übergroßen Forscherstresses von einer Elfe beraten ließ.

Da ist kein Wort zu viel, wird nie der gefürchtete pädagogische Zeigefinger sichtbar, fehlt völlig die erbauliche Verklärung einsam-entschlossener Heroen der Wissenschaft, mit der hierzulande die lesende Jugend gar zu vieler Jahrzehnte für dumm verkauft wurde. Galilei war eben nicht der Cary Cooper der Forschung, der von der bösen Kirche 12 Uhr mittags in die Kerker der Inquisition geworfen werden sollte. Die geistige Revolution der frühen Neuzeit fand auf einem ganz anderen Niveau statt. Sie zu veranschaulichen ist keine leichte Aufgabe, denn die Prozesse, die dabei abliefen, waren höchst komplex, Aber Panek schafft es mit Leichtigkeit und bereichert das gar nicht so breite Spektrum von Sachbüchern, die man gern liest, weil sie ebenso kompetent wie leicht verständlich – den echten Fachmann erkennt man daran, dass er sich nicht hinter Fachausdrücken & Zitaten verstecken muss – die Welt als Wundertüte der Natur schildern und jene, die wissen wollen, wie sie denn tickt, in ihren Bann ziehen.

Taschenbuch: 197 Seiten
Originaltitel: Seeing and Believing – How the Telescope Opened Our Eyes and Mind to the Heavens (London : Penguin 1998)
Übersetzung: Dieter Zimmer
http://www.dtv.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Herbie Brennan – Das Elfenportal (Faerie Wars 1)

Henry glaubt nicht an Elfen. Er ist schließlich schon vierzehn! Früher, vor unendlich langer Zeit, als er noch ein Kind war – damals glaubte er die Geschichten über kleine, geflügelte Wesen, die guten Menschen drei Wünsche gewährten. Heute glaubt er nicht mehr an sie. Doch was, wenn ihm ein Elf begegnet?

Der Autor

Herbie Brennan hat zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene geschrieben, die in mehr als fünfzig Ländern und in einer Gesamtauflage von über 7,5 Millionen Exemplaren erschienen sind. Nebenbei entwickelt er Spiele und Software und arbeitet fürs Radio. Er lebt in County Carlow in Irland.

Der Inhalt

Der Purpurkaiser herrscht gerecht über das Volk der Elfen. Die Lichtelfen sind zufriedene Untertanen, doch die Nachtelfen scheinen Übles zu planen. Das allein bereitet dem Kaiser schon genug Kopfschmerzen, doch zu allem Überfluss ist sein Sohn Pyrgus, der Kronprinz, verschwunden.

Pyrgus ist ein Tiernarr. Er kann es nicht ausstehen, wenn Tiere gequält werden. So entwendete er den Phönix aus dem Haus Lord Hairstreaks, wobei er unglücklicherweise ertappt wurde. Auf seiner Flucht gelangt er in die Leimfabrik Chalkhill & Brimstone, wo er das nächste erschütternde Erlebnis hat: Die Zauber-Klebe-Formel besteht in einem lebenden Kätzchen, das täglich dem Leim geopfert werden muss! Hier ist also wieder eine Rettungsaktion gefragt – doch diesmal wird Pyrgus prompt von den Wächtern der Fabrik festgenommen, fast zu Tode geprügelt und dem Geschäftsführer – Brimstone – vorgeführt, der gerade einen teuflischen Pakt mit Beleth, dem Fürsten der Dämonen, abgeschlossen hat. Zufälligerweise ist es Pyrgus, den der Dämon als Opfer verlangt, und so kommt Brimstone die Gefangennahme sehr gelegen.

Kurz vor dem Opfergang kommt es zu einem Zwischenfall, der Pyrgus aus dem Dämonenkreis befreit. Bevor Brimstone eingreifen kann, erscheint die Palastwache des Purpurkaisers und eskortiert Pyrgus zum Palast.

Politische Verwicklungen zwischen Licht- und Nachtelfen verlangen höchste Sicherheit für den Kronprinzen, und so soll Pyrgus durch das Elfenportal, das sich im Besitz der Kaiserfamilie befindet, in die Gegenwelt transportiert werden, um dort das Ende der Streitigkeiten zu erwarten. Eine einsame Insel in der Karibik ist das Ziel, doch als man nach gelungenem Transfer überprüfen möchte, ob es dem Prinzen gut geht, ist er nicht auffindbar. Offensichtlich wurde er durch Sabotage an einen anderen Ort befördert …

In der Gegenwelt: Henrys Eltern liegen im Streit. Die Mutter hat eine Affäre mit der Sekretärin ihres Mannes (!), und der soll darum aus dem Familienleben treten. Ob all dieser Ungerechtigkeiten bleibt dem vierzehnjährigen Jungen nur die zeitweilige Flucht. Er geht zu Mr. Fogarty, um dem alten Mann beim Aufräumen seines Hauses oder Gartens zu helfen. Kaum steht er vor dem bruchfälligen Schuppen, als Fogartys Kater einen Schmetterling einfängt. Henry, der sehr tierlieb ist, verbietet dem Kater seine Beute und fördert – keinen Schmetterling zu Tage, sondern ein geflügeltes kleines Menschlein, offenbar ein Elf! Henry glaubt nicht an Elfen, aber er weiß, dass Mr. Fogarty an sie wie auch an Außerirdische und dergleichen glaubt. Also bringt er seinen Fund in die Küche, und mit Hilfe des alten Mannes bringen sie ein Verstärkergerät zustande, das die Stimme des kleinen Wesens hörbar macht.

Henrys Weltanschauung ist über den Haufen geworfen. Es ist tatsächlich ein Elf, und zwar Pyrgus, der Sohn vom Purpurkaiser des Elfenreichs! Ärgerlich für Pyrgus ist, dass der Filter des Portals versagt haben muss und er nun in der lächerlichen Gestalt eines kleinen fliegenden Würmchens in der Gegenwelt ist. Auf jeden Fall ist allen klar, dass Pyrgus so schnell wie möglich in seine Welt zurückkehren muss. Dort steht mittlerweile eine große Konfrontation zwischen Nacht- und Lichtelfen bevor, und auch die Dämonen scheinen einen Plan zu haben …

Kritik

„Das Elfenportal“ mutet erstmal wie ein Jugendroman an – Vierzehnjährige, die in Abenteuer verstrickt werden und das Schicksal der Welt in den Händen halten. Doch Brennan verstrickt in dieser Geschichte Abenteuer gekonnt mit Fantasy, Ironie und Humor, zeigt auf diese Art nicht nur Ausschnitte aus dem – unheimlich vertrauten – Elfenreich, sondern auch Aspekte unserer Gesellschaft, des Familienlebens und des Klischees, dass scheinbar immer die Ehemänner Affären mit ihren Sekretärinnen haben, wenn eine Ehe zu Bruch geht.

Interessant ist auch die Verknüpfung der Elfengeschichte – klein, geflügelt, drei Wünsche – mit dem Außerirdischen-Mythos – dürre, graue, großköpfige Wesen mit riesigen Augen, die Unmengen Amerikaner entführen. Nach diesem Buch wissen wir, woher diese Außerirdischen kommen und was es mit unseren kleinen, niedlichen Elfchen auf sich hat. Und wir haben einen spannenden Einblick in das Leben der echten Elfen bekommen, das sich von dem unsrigen gar nicht so sehr zu unterscheiden scheint. Natürlich gibt es im Elfenreich andere Technik – dort als Magie bezeichnet – und andere Mythen, aber die Wesen scheinen zu fühlen wie Menschen, unabhängig davon, dass sie sich Elfen nennen.

Es hat auf jeden Fall nichts mit den Elben aus Tolkiens „Herrn der Ringe“ zu tun und steht also Abseits der Diskussion, ob die weit verbreiteten Fantasy-Elfen mit Tolkiens Elben identisch sind. Hier handelt es sich tatsächlich um diese kleinen, geflügelten Geschöpfe unserer Märchen, die – wie wir nun wissen – eigentlich gar nicht so klein und schon gar nicht geflügelt sind.

Der Konflikt zwischen Lichtelfen und Nachtelfen sowie den Dämonen ist facettenreich geschildert, und ein Lösungsansatz führt genauso in die Irre wie der nächste. Jede Partei ist überzeugt, die anderen zu durchschauen und hintergehen zu können oder ihnen überlegen zu sein, bis es im Finale zu einer überraschenden Wendung kommt, bei der auch der mysteriöse Mr. Fogarty eine Rolle spielt. Die Geheimnisse, die dieser Mann mit sich herumträgt, tragen allerdings nur noch zu Henrys Verwirrung bei. Ist ihm irgendwann aber auch egal, denn er trifft ja auf Holly Blue, die Schwester von Pyrgus.

Wo wir grad bei den Geschwistern sind: Comma, der Dritte im Bunde, steht nach Pyrgus in der Thronfolge. Und hier sieht man wieder einen Aspekt, der – da nicht eindeutig erwähnt – eventuell aus diesem Buch mehr macht als nur ein Jugendbuch. Mit Ironie wird deutlich, dass Comma zwar auch hintergangen wird, aber als einer der wenigen vom Verschwinden Pyrgus‘ profitiert hätte.

Fazit

Ein schnelllesiges Buch, wenn ich diesen Ausdruck mal kreieren darf. Und wirklich kurzweilig. Wie Mr. Colfer auf dem Umschlag bemerkt, ist dieser Plot durchaus der einen oder anderen Erweiterung fähig. Ein schönes Lesevergnügen, bei dem man nicht selten zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken angeregt wird. Empfehlenswert – mal wieder für jedermann!

Ein wenig Kritik am Einband: Es prangt das Symbol „dtv premium“ darauf. Aber bezieht sich das nur auf den Inhalt und nicht auf die Verarbeitung? Die Verklebung der Seiten lässt – zumindest bei meiner Ausgabe – doch sehr zu wünschen übrig.

Peter James / Nick Thorpe – Halley, Hünen, Hinkelsteine. Die großen Rätsel der Menschheit

Inhalt:

Ein sechsteiliger Schlag gegen (allzu) lieb gewonnene Rätsel der (Erd-) Geschichte, unterteilt in diverse Unterkapitel, die sich auf bestimmte Favoriten (= Dauerbrenner der Boulevard-Medien in der sommerlichen Saure-Gurken-Zeit) konzentrieren. Sie dienen als repräsentative Beispiele für die jeweiligen Gesamtphänomene, die da wären:

„Versunkene Kontinente und Katastrophen“: Hier lesen wir u. a. über Atlantis, das ‚historische‘ Vermächtnis des Griechen Plato, der sich auf Wolke Nr. Sieben vermutlich totlacht über die monströse Lawine haltloser Spekulationen, die den ‚verlorenen‘ Kontinent der Urzeit völlig ‚logisch‘ an praktisch jedem Ort unseres Globus‘ orten. Dabei ist nie (und für die Atlantis-Jünger glücklicherweise) ein handfester, wirklich glaubhafter Hinweis auf seine Existenz aufgetaucht wäre. James und Thorpe legen sachlich und plausibel dar, wieso dies so ist – so sein muss.

Weiterhin scheuen sie sich nicht, den Kopf in den Rachen gewisser ‚Forscher‘ zu legen, welche die Bibel in den Rang eines Geschichtsbuchs erheben. Die damit verbundenen Schwierigkeiten und haarsträubenden Verbiegungen historischer Tatsachen belegen sie am Beispiel der Suche nach Sodom und Gomorrha. Auch Noahs Arche wurde inzwischen mehrfach erspäht … Wer’s lieber ein wenig sachlicher mag, wird durch die Vorstellung der Polverschiebungstheorie eines Schlechteren belehrt.

„Himmelsbeobachtungen“: Nachdem sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher herausstellt, dass die Menschen der Vorzeit keine grunzenden, in Höhlen hausenden Wilde waren, sondern sich bereits die Köpfe über erstaunlich transzendente Themen zerbrachen, sammeln sich die Anhänger jener Theorie, nach der es überall auf dieser Erde ‚Priestergelehrte‘ prähistorischer, hoch zivilisierter, leider fundlos verschwundener Kulturen gab, die ihre Schäfchen schwere Steine zu komplizierten Mustern wuchten ließen, um auf diese Weise den Sternen- und Planetenhimmel abzubilden. Diese Steinzeit und Bibel Astronomie ist geradezu ein Steckenpferd für ‚Historiker‘ geworden, die an eine Vergangenheit glauben möchten, in der die Magie der Natur noch stark war in der Welt.

„Architektonische Wunderwerke“: Hier treffen wir u. a. krypto-historische Dauerbrenner wie Stonehenge, die ägyptischen Pyramiden oder die Steinfiguren der Osterinseln – und jene selbst ernannten Bilderstürmer, die frischen Wind in die etablierte und damit zwangsläufig verkrustete und langweilige Wissenschaft – wozu studieren, wenn man auch spinnen & Fakten klittern kann? – bringen möchten, indem sie beispielsweise „Götter aus dem All“ den Urzeit-Menschen hilfreich zur Hand gehen und prähistorische „Computer aus Stein“ errichten lassen.

„Erdmuster“: Aber ganz ohne eigene seltsame Kraft waren unsere Vorfahren auch nicht. Ohne böse Zivilisation (oder Wissenschaft) hatten sie noch Mutter Naturs Ohr. Ihre prähistorischen Sternwarten, Raumschiffhäfen und Kultstätten (Glastonbury, Somerset, Nazca) vernetzten sie durch „Erdmuster“ (Ley Linien), durch die nicht selten eine Art ätherische Erdstrahlung floss – gleichzeitig eine Art Telefonleitung, über die Geistwesen und/oder Außerirdische den weiter oben genannten Priestergelehrten ihre Anweisungen durchgaben. („Heute nur fünf Jungfrauen opfern.“)

„Original oder Fälschung“ erzählt vom Hang des Menschen, der Wahrheit manchmal etwas nachzuhelfen bzw. sie in eine Gestalt zu zwingen, die der erwünschten Realität (König Artus‘ Grab – endlich gefunden!) oder wenigstens dem eigenen Ruhm zu Gute kommt (Heinrich Schliemann und ‚sein‘ Troja Schatz). Dieses Kapitel verdeutlicht aber auch, dass die Vergangenheit echte Überraschungen birgt (Ötzi, die Mumie, die aus der Steinzeit kam, oder die Schriftrollen vom Toten Meer), die als solche zunächst nicht erkannt werden oder die als ‚unmöglich‘ abgelehnt werden: Die etablierte Forschung kann irren, aber im Gegensatz zur „Voodoo Science“ verfügt sie über Mechanismen der Korrektur, auch wenn‘s manchmal ein wenig dauert.

„Übersinnliches und Archäologie“: Hier wird es endgültig wundersam und wunderlich. Tutanchamuns Fluch kennt sicherlich jede/r, den Fall Omm Seti weniger. Faszinierend auch die Story des „Bundes von Avalon“, der einen Geschichtsforscher quasi exklusiv aus dem Jenseits beriet.

Wie es sich gehört, stehen am Ende unseres Werkes eine Bibliografie (die notgedrungen mit den Jahren an Wert verliert) sowie ein Namens und Sachregister – immer ein Qualitätsmerkmal für ein Sachbuch, mit dem man arbeiten kann. Da ist es fast schon selbstverständlich, dass „Halley, Hünen, Hinkelsteine“ das im Text Gesagte durch zahlreiche Grafiken und (schwarz weiße) Fotos verdeutlicht.

Der Mensch will (Unsinn) glauben

Die einen mögen sie Spielverderber und/oder Knechte der weltumspannenden Verschwörung skrupelloser Politiker, Großkonzerne & Wissenschaftler schimpfen, die uns Bürger dumm und ahnungslos und dadurch leicht regierbar halten sollen, die anderen begrüßen sie als Stimme der Vernunft. Auf jeden Fall gleiten Peter James und Nick Thorpe aufrecht über das Glatteis, auf das sie sich freiwillig begeben haben. In der (guten, alten) gar nicht so lange verstrichenen Zeit nannte man das „Aufklärung“: die sachliche Beschäftigung mit strittigen Fragen der Natur- und Geisteswissenschaft, das Abwägen von Für- und Wider-Argumenten, die Formulierung einer (vorläufigen) Schlussfolgerung auf der Basis der gesammelten und ausgewerteten Fakten.

Dass solche Aufklärung alles andere als langweilig oder gar überholt ist, beweist unser Autorenduo eindrucksvoll. (Vor und frühgeschichtliche) Rätsel verlieren keineswegs ihre Faszination, nur weil keine Besucher aus dem All, Geister oder sonstige esoterische Lichtgestalten hinter ihnen stecken. James und Thorpe beeindrucken durch eine gar nicht selbstverständliche Gabe: Sie können komplexe, oft recht schwer verständliche Themenkomplexe allgemeinverständlich präsentieren.

So reagieren sie auf den oft und mit Recht der Wissenschaft gemachten Vorwurf, bei der Vermittlung des Entdeckten zu knausern bzw. sich in einen Nebel hochgeistiger Formulierungen zu hüllen, der vor allem den Kollegen Wissen und Seriosität suggerieren soll. Gute Sachbücher vermitteln erfolgreich zwischen dem Forscher-Olymp und den akademischen Bergtälern, in denen durchaus interessierte Laien hausen – und sie leuchten in die düsteren Höhlen, welche die Scharlatane beherbergen.

Manchmal verloren auf einem Meer der Dummheit

Dabei trennen James und Thorpe Fakten und Spekulationen voneinander. Ganz so streng geht es trotzdem nicht zu. Zwar behaupten die Autoren u. a., sie wollen in Sachen Rätsel einen Schlussstrich im Jahre 1492 ziehen – Columbus segelt nach Amerika und läutet dadurch quasi die Neuzeit ein -, halten sich aber nicht durchweg daran. Andererseits gehört die Diskussion um das berühmte „Marsgesicht“ durchaus zum Thema, denn gibt es ein besseres Beispiel für die Kapriolen der Selbsttäuschung, die dem menschlichen Geist manchmal unterlaufen?

Die Fülle des vorgestellten Materials bedingt manche Vereinfachung oder Verkürzung – davor warnen die Autoren einleitend selbst -, die hier und da Fehlinterpretationen durch den Leser begünstigt. Troja und seine Geschichte ist ein komplexes Thema, das gerade in den letzten Jahren auf der Basis neuer bzw. neu bewerteter Funde in der wissenschaftlichen Diskussion steht. Diese Autoren legen das Schwergewicht ein wenig zu stark auf den ‚Kriminalfall‘ Schliemann und den mysteriösen, womöglich frisierten Schatz des Priamos.

Den eigenen Prinzipien eindeutig untreu werden James und Thorpe, wenn sie ihrer Begeisterung für Kometen & Meteoriten als Katalysatoren aller möglichen (und unmöglichen) irdischen Umwälzungen ein wenig zu blauäugig nachgehen. Das ist aber der einzige gravierende Vorwurf, den man den Verfassern machen kann, deren Ausführungen man ansonsten mit Vergnügen und Gewinn folgt.

Autoren

Peter James studierte in Birmingham und London Alte Geschichte und Archäologie. Dabei spezialisierte er sich auf den Nahen Osten und den Mittelmeerraum und hier wiederum auf die Bereiche Technik- und Wissenschaftsgeschichte.

Nick Thorpe studierte Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte in Reading und London. Er lehrt am King Alfred’s College in Winchester. Darüber hinaus leitete er mehrere Forschungsprojekte in Großbritannien und Dänemark und verfasste Aufsätze und Bücher über Landwirtschaft, Handwerk, frühgeschichtliche Gesellschaftsformen und Astronomie.

Taschenbuch: 492 Seiten
Originaltitel: Ancient Mysteries (New York : Ballantine Books, a division of Random House, Inc. 1999)
Übersetzung: Annette von Heinz u. Susanne Hornfeck
http://www.dtv.de

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Ulrich Michels – dtv-Atlas Musik (Band 2)

Band 2: Musikgeschichte vom Barock bis zur Gegenwart

Aus Gründen der Zweckmäßigkeit ist nachfolgend die gleiche Textbeschreibung zu finden wie bereits zu Band 1.

Aus der Reihe der beliebten dtv-Atlanten zählt das zweibändige Werk „Musik“ nun bereits seit 25 Jahren zu den festen Größen der musiktheoretischen Veröffentlichungen (Band 1 seit 1977, Band 2 seit 1985; in 14 Sprachen erschienen). Auf insgesamt 600 klein gedruckten Seiten in vom dtv gewohnter ausgezeichneter Papier- und Druckqualität wird ein zwar komprimierter und knapp gefasster, aber gerade dadurch sehr umfassender Rundumschlag mit Überblicken zum systematischen / musiktheoretischen und musikgeschichtlichen Wissen geboten. Jede Themenseite gliedert sich in den eigentlichen, stets gut lesbar strukturierten Sachtext zur rechten und durchgehend mehrfarbige begleitende und gut veranschaulichende Grafiken – mit viel Sorgfalt erstellt und von hohem didaktischen Nutzwert – zur linken Buchseite.

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