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Andy Serkis & Gary Russel – Herr der Ringe, Der: Gollum – auf die Leinwand gezaubert

Nach der Beendigung der letzten Dreharbeiten und Nachdrehs bekamen die Hauptdarsteller von Peter Jackson ein Erinnerungsstück überreicht: Orlando Bloom (Legolas) erhielt den schönen Galadhrim-Bogen und Elijah Wood als Frodo natürlich den originalen Einen Ring (von über einem Dutzend Kopien in allen Größen). Und was bekam Andy Serkis, der Gollum praktisch zum Leben erweckt hatte, nach fünf Jahren Arbeit? Einen blauen Lycra-Anzug…

Von Andy Serkis stammen die Tagebucheinträge zu „Der Herr der Ringe: Gollum – auf die Leinwand gezaubert“. Der Engländer Andy Serkis hatte vor dem „Herr der Ringe“-Projekt v.a. als Theaterschauspieler gearbeitet, unter anderem spielte er in den letzten Jahren die facettenreiche Rolle des Jago in Shakespeares „Othello“ sowie den Sykes in „Oliver Twist“. Mit „Snake“ drehte er seinen eigenen Kurzspielfilm. Er ist inzwischen mit seiner Frau Lorraine verheiratet und hat zwei Kinder, Töchterchen Ruby und Sohn Sonny (geboren 2000). Sein Humor und seine Fähigkeit, leicht Freundschaften zu schließen, werden von allen Kommentatoren als sympathischste Eigenschaften hervorgehoben.
Gary Russell ist der Autor aller drei Fachbücher, die die HdR-Filme als Kunstwerke vorstellen. Von ihm stammen die Interviews, die als als grau-beige unterlegte Kästen eingefügt sind.

Andys Tagebuch

Aus drei Monaten wurden fünf Jahre

Eigentlich wollte New Line Cinema’s Casting-Agenten Andy nur für etwa drei Monate anheuern. Er sollte dem digitalen Gollum seine Stimme leihen, nicht mehr. Andy hatte erst einmal keine Ahnung, wer Gollum war und welche immens wichtige Rolle er im HdR spielte. Daher stellte er sich eine überaus langweilige Mitwirkung vor. Das änderte sich, als Lorraine (s.o.) ihm erklärte, welch wichtige Rolle Gollum spielt. Andy erkannte anhand des Romans, dass Gollums tatsächlich sogar die einzige Figur war, die Tolkien psychologisch vielschichtig und schillernd angelegt sowie mit einer langen Entwicklungsgeschichte versehen hatte! Aus den drei Monaten sollten schließlich fünf Jahre werden.

Gollums Kern und Stimme

Als Theaterschauspieler musste Andy, so dachte er, erst einmal zum Kern der Figur vordringen. Das war gar nicht so einfach. Aber Andys Auffassung unterschied sich noch erheblich von dem, was sich die Leute vorstellten, die die Aufgabe hatten, eine digitale Figur zum Leben zu erwecken. Sie hatten ihren Gollum schon seit 1998 „im Kasten“ und zeigten Andy die kleinen Standbilder, die sie Maquettes nannten. (Diese ganze Geschichte lässt sich jetzt auf der Langfassung der DVD unter dem Titel „Smeagols Zähmung“ nachsehen.) Doch Andy hatte für Gollum eine ganz eigentümliche Sprechweise und Stimme entwickelt sowie ein „gollum, gollum“, das er seiner Katze abgehört hatte.

CGI-Techniken konkurrieren

Andy brachte Peter Jackson (PJ) zu der Erkenntnis, dass er seine fabelhafte Gollum-Stimme nur produzieren konnte, wenn er den entsprechenden Gesichtsausdruck und die angemessene Körperhaltung (wg. Atmung und Resonanz) einnahm: Mimik und Sprechen waren eine untrennbare Einheit. Das jedoch hatte schwerwiegende Folgen: Nach zwei Jahren Vorarbeit sahen sich die CGI-Animateure gebeten, ihren Gollum komplett zu überarbeiten: binnen zwei Monaten! Nur so konnten sie Gollum der Mimik und den Körperbewegungen Andys anpassen. Dazu setzten sie (siehe DVD wegen Details) drei verschiedene Technologien ein, um einen Streit zwischen Verfechtern verschiedener Techniken abzuwenden: das herkömmliche Key-Frame-Verfahren, das neue Motion Capturing (= Bewegungserfassung, kurz: Mocap) und das uralte Rotoscoping. Ein Amalgam der neuen Technik nannten sie „Roto-Animation“. Für Mocap musste Andy seinen zunächst weißen, späten dunkelblauen Lycra-Anzug tragen. Er sah aus, „als käme er direkt aus einem Laden für Fetischartikel“. (Koproduzent Rick Porras, so ist auf der Extended-DVD zu sehen, sprang an einem Tag für Andy ein. Die Ergebnisse waren einfach blamabel. Das beweist am besten, wie überzeugend Andys Arbeit wirklich war.)

„Niemand mag dich…“

Für die Vermittlung von Gollums einzigartiger Psyche ist eine Szene von zentraler Bedeutung, die als „schizoide Szene“ bezeichnet wird: Gollum/Smeagol streitet sich mit sich selbst, irgendwo in Ithilien. Bislang konnte das Publikum meistens über Gollum lachen. Doch als der Gollum-Teil, der väterliche Überlebenskünstler, den kindlichen Smeagol als „Mörder“ bezeichnet und diese Anklage offenbar der Wahrheit entspricht, ist Schluss mit lustig. Nun nimmt das Publikum Gollum/Smeagol als eigenständigen Charakter wahr. Mit einem Mörder (der uninformierte Zuschauer erfährt erst im 3. Teil, warum) ist schließlich nicht zu spaßen.

Szenen aus dem dritten Teil

Diese zentrale Szene erarbeitete Philippa Boyens, die mit Fran Walsh und Andy Serkis stark an der Ausarbeitung von Gollums Kern und Entwicklung beteiligt war. Die Schizo-Szene macht auch dem letzten Zuschauer klar, dass Gollum ein Ring-Junkie ist, ein Mörder, der jederzeit rückfällig werden kann – eine große Gefahr für die Mission des Ringträgers. Der Begriff des Junkie und der Sucht stammt von Andy. In den Kapiteln „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“ (Déagol ist Sméagols Vetter, den er tötet, um den Ring zu erlangen) und „Die Rückkehr des Königs“ offenbart Serkis Szenen aus dem 3. Teil, die viele Zuschauer noch nicht gesehen haben. Andy konnte beim Kampf zwischen Déagol und Sméagol selbst Regie führen. Und das kann man von keinem anderen Darsteller sagen.

Private Unternehmungen

Ist die Beschreibung dieser Arbeiten schon allein recht spannend, so sind es auch manche von Andys gelungenen Berichten über seine Wanderungen (er ist Bergsteiger) und die einzige Kanufahrt, die er bewältigte. Ansonsten änderte sich sein Leben auf erhebliche Weise. Seine Familie vergrößerte sich um einen Sohn, den er von England mit zu den Kiwis brachte, und er heiratete seine Freundin. Sie lebten in verschiedenen Wohnwagen, Hotels, Pensionen, sogar einem eigenen Haus. Ganz en passant nimmt uns Andy auf eine Rundtour auf den Inseln des Neuseeland-Archipels mit. Die beigefügten Fotos liefern weitere Infos, so etwa vom Vulkan Mount Ruapehu, der die Kulisse für die Emyn Muil abgab. Am eindrucksvollsten zeigt sich Andy von der Begegnung mit Sir Edmund Hillary, einem der beiden Erstbesteiger des Mt. Everest, der in Neuseeland sozusagen der Grand Old Man ist.

Die Gollum-Revolution

Abgeschlossen werden die Tagebuchaufzeichnungen mit den Konsequenzen des veröffentlichten Films „Die zwei Türme“: Die Weltöffentlichkeit war von Gollum überrascht und begeistert, aber die Welt der Filmschauspieler machte sich ernsthafte Sorgen. Gollum bedeutete ein Revolution: Zum ersten Mal hatte ein echter Schauspieler es geschafft, eine digital erzeugte Figur mit Leben zu erfüllen und sie mit Realdarstellern interagieren zu lassen, so dass ein enorm hoher Grad an Glaubwürdigkeit erzielt wurde. Das ist die Gollum-Revolution, und so mancher Darsteller begann um seinen Job zu fürchten. Andy tat alles, um diese Ängste als unbegründet zu widerlegen. Gerade durch seine am Theater entwickelten Fähigkeiten hatte er ja erst die CGI-Figur zum Leben erwecken können. (Außerdem erzählt Andy noch zahlreiche witzige Szenen mit Journalisten, die nicht schmeichelhaft sind.)

Russells Interviews

Das ganze Buch würde stark den Eindruck von Selbstbeweihräucherung und Subjektivität erwecken, gäbe es nicht die Statements, die Gary Russell in vielen Interviews gesammelt und hier kondensiert wiedergegeben hat. Hier kommen die führenden Köpfe des HdR-Projekts wie der Regisseur, die Produzenten, die Autoren, die Leiter der Grafikabteilungen, von Weta Workshop und Weta Digital zu Wort sowie viele unbekannte Mitarbeiter, die sich gerne an Andy erinnern. Manche dieser Zitate sind mehr als eine Seite lang.

So gut und erhellend die Zitate auch sind, so können sie doch nicht alleine stehen, weil sie sonst zu trocken und belehrend wirken würden. Erst zusammen bilden das Tagebuch und die Statements eine Einheit, die bereits zwei Drittel des Buches ausmacht. Der Rest besteht aus hunderten von Fotos und allen Arten von Grafiken und Zeichnungen.

Die Illustrationen und Fotos

Abgesehen von vielen privaten Aufnahmen, die Andys Leben illustrieren, enthält das Buch eine erstaunliche Fülle von Grafikmaterial, das eines Gary-Russell-Bandes (s.o.) würdig ist (und wohl auch daraus stammt). Interessanter als die bekannten und auf der Extended-DVD zu findenden Grafiken aus „Die zwei Türme“ ist das bis dato nie gesehene Material aus „Die Rückkehr des Königs“.

Besonders Kapitel 7, betitelt „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“, gewährt aufregende Einblicke: Hier wird die weitere Entwicklung des Hobbits Sméagol in Wort und Bild festgehalten, bis aus dem betuchten, dandyhaften Hobbit ein jämmerlicher, ausgemergelter und hasserfüllter, weil ringloser Ring-Junkie geworden ist: 500 Jahre im Zeitraffer sozusagen, ausgearbeitet von Autorin Ph. Boyens und inszeniert von Andy Serkis himself. Kap. 13 liefert einen Vorgeschmack auf „Die Rückkehr des Königs“, so etwa das Tor von Minas Morgul. (Aber auch hier ist Kankra nicht zu sehen.)

Andy ist ein Buch zum Film gelungen, das mich als erstes in Klett-Cottas Filmbuchreihe restlos zu begeistern und zu überzeugen wusste. Das lag nicht nur an Andys lebendiger und anschaulicher Erzählweise, sondern vor allem und in erster Linie an seinem Humor.

Dieser Humor ist einerseits recht britisch und trocken, andererseits gelingt Andy damit die Beschreibung des Besonderen, das eine seltsame Szene und Situation nach der anderen ausmacht. Wir erleben mit ihm den ersten verwirrenden Tag in Wellington, in den Wingnut Studios, im Weta Workshop und sogar schon am Set. Niemand mag dich… wer bist du überhaupt in deinem komischen Ganzkörperkondom?! Andy wusste genau, wie sich Gollum fühlte…

Außerdem genehmigt er sich ein paar nette Seitenhiebe auf das Filmbusiness und die Leute, die daran beteiligt sind – von den begriffsstutzigen Filmjournalisten bis zu den Agenten, die am liebsten sogar für Würmer am Angelhaken „saftige Honorare für zusätzliche Stunteinsätze“ herausschlagen würden, wenn sie könnten (S. 60, Spalte 2).

Die Übersetzung

Peter Torberg musste nach Angaben des Verlags viel recherchieren, um all die Fachausdrücke aus der Welt der Computergrafik, Animation und des Motion-Capture-Verfahren fachgerecht ins Deutsche übertragen zu können. Aber er hat seine Aufgabe mit Bravour erledigt.
Die einzigen Fehler sind in den Plural- und Kasusformen bestimmter Wörter wie etwa Pronomina etc. zu finden. Die hätte ein Korrektor oder Grammatikprüfprogramm eigentlich leicht entfernen können. Anders als in „Der Herr der Ringe: Waffen und Kriegskunst“ konnte ich jedoch keine Sachfehler finden.

Unterm Strich

Ich habe das ganze Buch auf der Hin- und Rückfahrt zwischen Stuttgart und München lesen können. Es ist nicht ermüdend, sondern abwechslungsreich, gespickt mit fachlichen Infos, aber unterhaltsam genug mit persönlichen Erfahrungen angereichert.
Außerdem wird das Tagebuch, wie gesagt, durch die zahlreichen Zitate und das umfangreiche Grafikmaterial abgerundet, so dass eine Einheit entsteht, die dennoch vielschichtig genug ist, dass man das Buch gleich mehrmals hintereinander lesen möchte (und könnte).
Der spezielle Humor, den Andy Serkis einbringt, lässt die informative Lektüre zu einem vergnüglichen Erlebnis werden, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.

Hinweis

Das einzige andere Buch, das ähnliche tiefe Einsichten zum HdR-Projekt liefert, ist Brian Sibleys Buch von Ende 2001, das im Frühjahr 2004 ergänzt werden soll. Sibley beschreibt die Hintergründe des Buches und des Films sowie den Werdegang vom Buch zum Skript.

Michael Matzer (c) 2003ff
www.hobbitpresse.de

Smith, Chris – Herr der Ringe, Der: Waffen und Kriegskunst

Unter die Spezialdarstellungen über die Geschichte und den dreiteiligen Film „Der Herr der Ringe“ reiht sich dieses schöne Buch ein. Hier kommen nicht nur Rollenspieler und Tolkienfans voll auf ihre Kosten. Auch Einsteiger können von den historischen Darstellungen profitieren, denn sie erklären Ursachen und Hintergründe des Ringkrieges.

Der Autor und die Einleitungen

Chris Smith: Zu ihm macht der Verlag zwar keine Angaben, aber er war Angestellter der WETA-Workshop-Studios. Ich habe seinen Namen im Abspann von „Rückkehr des Königs“ entdeckt. Als WETA-Mitarbeiter hatte er natürlich hochrangigen Zugang zu allem möglichen Material: Informationen, Bilder, Interviews.
Daher ist es auch keine große Überraschung, dass sein Boss Richard Taylor die Einleitung zu Smiths Buch schrieb, zusammen mit Designer Daniel Falconer, der sämtliche Elbenkostüme und -waffen entwarf (und noch einiges mehr, wie man in den Art-Design-Büchern von Gary Russell feststellen kann). Die beiden liefern keinen Überfliegertext ab, sondern charakterisieren Mittelerde als einen Kontinent des Konflikts.
Die widerstreitenden Völker beschreiben sie in kurzen, prägnanten Sätzen und bringen somit das Thema des ganzen Buches indirekt auf den Punkt: Wie es die in der Minderzahl befindlichen Freien Menschen, die schwindenden Elben des Dritten Zeitalters und schließlich die kleinwüchsigen Hobbits schaffen konnten, gegen Saurons und Sarumans riesige Horden und Völkerschaften zu obsiegen. Und dass den Hobbits dabei eine besondere Rolle zufiel.

Das Vorwort stammt von Saruman-Darsteller Christopher Lee. Wir wissen ja von Peter Jackson, dass Lee eine Kapazität in Sachen Tolkien und besonders „Der Herr der Ringe“ ist, denn, wie Jackson auf der Extended-DVD von Teil 1 verrät, liest Lee dieses Buch jedes Jahr (!) einmal.
Lee erzählt, wie er über verschiedene Sagen und Mythen schließlich zur Lektüre von Tolkiens Büchern gelangte. Er betrachtet sich als Altphilologe, wie einst Tolkien sich selbst. Aus dieser Perspektive erscheint ihm insbesondere „Der Herr der Ringe“ als „Gipfel literarischer Erfindungskraft“. Und die Film-Trilogie Peter Jacksons, an der mitzuwirken er das Privileg gehabt habe (das schrieb er offenbar VOR seinem Boykott!), ist „Filmgeschichte…, die nicht übertroffen werden wird“. Darüber lässt sich trefflich streiten.
Lee charakterisiert das vorliegende Buch in einem Satz: „Viele militärische und historische Einzelheiten sind in [diesem Buch] festgehalten, und Leser dieses Buches werden weitere wertvolle Einsichten in die Geschichte des Ringkrieges gewinnen.“ Diesem Satz zumindest kann ich zustimmen.

Inhalte

Die komplette Darstellung folgt der chronologischen Abfolge der „historischen“ Ereignisse in Mittelerde während des Zweiten und Dritten Zeitalters. Allerdings hat der Autor Prioritäten gesetzt. Daher taucht die Beschreibung von Sauron und dem Einen Ring erst am Schluss auf, obwohl der Ring bereits im Zweiten Zeitalter geschmiedet wurde.

Fangen wir mal klein an: mit den Schlachtplänen und Übersichten

Der Prolog des ersten Films zeigt die letzte jener Schlachten, in der das Letzte Bündnis von Menschen (Númenorer) und Elben nach jahrelangem Krieg (3431-3446 ZA) Sauron besiegte und so das Zweite Zeitalter endete. Dies war die Schlacht auf der Dagorlad und an den Hängen des Schicksalsbergs, in der die Heerführer, der Elb Gil-galad und der Mensch Elendil, starben. Die Karte, die im Buch zu sehen ist, ist ziemlich einzigartig. Nur Karen Fonstad bietet auf Seite 47 (US-Ausgabe, 2. Auflage) ihres „Atlas von Mittelerde“ einen Vorgeschmack darauf, ohne allerdings zu sehr ins Detail zu gehen.
Die zweite entscheidende Schlacht tobt um Helms Klamm (132/133). Dieser Schlachtplan war bereits in Gary Russells Band über das Art Design von Teil 2 zu sehen. Neu ist hingegen der Schlachtplan für den Kampf um Minas Tirith (196/197).
Alle Schlachtpläne sind keine schematischen Darstellungen, sondern wirken wie Gemälde des echten Geschehens. Wir sehen also Nazgul im Bild, Schiffe, Reiter usw. Das lässt die Illustration viel lebendiger wirken. Um dennoch den Überblick zu erhalten, sind die einzelnen Kombattanten in chronologischer Abfolge durchnummeriert. Im Gondor-Schlachtplan fällt die Nummer 1 den Truppen von Minas Morgul zu, die Osgiliath einnehmen und dann weiter vorrücken. Nummer 10 ist den Schiffen aus Umbar vorbehalten, die den Anduin heraufsegeln und eine hübsche Überraschung bereithalten.

Illustrationen und Karten

Wer sich in den Gruben der Zwergenstadt von Moria orientieren will, konsultiert am besten die entsprechende Karte auf Seite 72. Eine Übersicht über die Reichweite von Waffen – ein entscheidender Faktor in der Kampftaktik und Kriegsführung – ist auf Seite 31 zu finden. Am weitesten fliegt ein Pfeil, der von Legolas‘ Galadhrim-Bogen abgeschossen wurde: 400 Meter!
Ein witziger Einfall sind die „echten historischen“ und seltenen Karten, die von den Zwergen und Elben sowie Númenorern angefertigt wurden und dementsprechend deren Schriftzeichen aufweisen. Wir sehen also auf der Zwergenkarte von Moria zwergische Runen oder Cirth. Auf einer númenorischen Karte von West-Mittelerde sind jedoch englische Wörter in elbisch anmutenden Buchstaben eingezeichnet (Seite 1). Auf Seite 145 ist eine elbische Karte von Gondor abgebildet, die elbische Tengwar-Schriftzeichen trägt. Die Krönung ist jedoch die orkische Karte vom Feldzug gegen Gondor, „die bei einer Orkleiche gefunden wurde“ (S. 171).
Ebenso liebevoll sind zahlreiche Design-Details, Entwürfe und Modelle abgebildet, die den diversen Völkern zugewiesen sind. Jede Seite ist gespickt mit grafischen Details, aber streng im Kontext gehalten. Es gibt keinerlei Beliebigkeit der Darstellung, und das ist gut so, denn sie würde Verwirrung stiften.

Historische Darstellungen

Als wirklich „sehr wertvoll“, wie Christopher Lee schreibt, erweisen sich die historischen Darstellungen, die natürlich in Textform vorliegen. Langweilige Zeittafeln gibt es also keine. Diese Ausführungen geben dem Leser, der vielleicht zum ersten Mal mit Tolkiens Universum in Kontakt kommt, nicht nur einen chronologischen Überblick über die Ereignisse im Zweiten und Dritten Zeitalter, sondern erklären auch die Gründe und Ursachen, wie es dazu kommen konnte. Diese Erklärungen muss man sich in den Filmen mühsam erarbeiten – kein Wunder, denn auf der Leinwand will man keine Laberköpfe sehen, sondern Action! So manche Szene, in der Galadriel und Gandalf Zusammenhänge erklären, wurde auf die Extended-DVD verbannt. Dramaturgisch gesehen ist das durchaus sinnvoll. Was einem dabei entgeht, kann man nun hier nachlesen.
Am spannendsten sind dabei vielleicht die letzten Kapitel: Aragorn, Sauron, Der Eine Ring. Dies sind die wichtigsten Teilnehmer an der letzten Auseinandersetzung vor und in Mordor. Mit der Vernichtung des Ring vergeht Saurons Macht in Mittelerde, und Aragorns Aufgabe besteht darin, Frodo die Zeit zu verschaffen, den Ring in das Feuer der Schicksalsklüfte zu werfen. (Die Ironie dabei ist ja, dass Frodo, indem er sich zum Besitzer des Rings erklärt, seine Freunde verrät: Es scheint, als habe der Ring ihn doch noch überwältigt. Und an dieser Stelle kommt zum Glück Gollum ins Spiel. Was nur zeigt, dass Frodo kein Überwesen, sondern „auch nur ein Mensch“ ist.) Die Ausführungen zum Ring sind deshalb so wichtig, weil es anscheinend viele Zuschauer nicht begreifen (können), von welcher Natur der Ring ist.

Beschreibung der Waffen und ihrer Anwender

Für Rollenspieler und solche, die es werden wollen, ist diese Komponente natürlich die wichtigste. Sie erfahren alles, einfach absolut ALLES über die jeweiligen Waffen und ihre Besitzer bzw. Anwender. Hier greift der Autor auf die Fülle an Infos zurück, die ihm nur der WETA Workshop liefern konnte: Hier wurden ja schließlich alle Waffen, Rüstungen, Banner usw. hergestellt.

Elben

Ein typisches Kapitel ist beispielsweise die Beschreibung der „Elben des Zweiten Zeitalters“, die wir im PROLOG sehen. Die – mitunter seitenlangen – Textkästen sind wie folgt eingeteilt: Schild, Bogen, Schwert, Speer, Rüstung.

Gil-galad

Ihr Heerführer Gil-galad wird kurz vorgestellt (inklusive Familienemblem!), dann folgen Textkästen zu Schild, Rüstung und Speer. Dieser Speer allerdings ist berühmt, so wie bei den Menschen die Schwerter. Es handelt sich um Aiglos, zu deutsch „Eiszapfen“. Diese Waffe wird detailliert beschrieben, wozu auch die magische Inschrift gehört – denn diese Inschriften verliehen allen elbischen Waffen, etwa Andúril oder Narsil, zusätzliche Macht: „Gil-galad führt einen prächtigen Speer; Der Ork wird meine eisige Spitze fürchten. Wenn er mich erblickt in Todesfurcht, Wird er meinen Namen kennen: Aiglos.“ (Ich lasse die elbische Variante weg.)

Berühmte Schwerter

Für Tolkienfans ebenso interessant sind die Schwerter von Elendil (Narsil), Elrond (Hadhafang), Gandalf (Glamdring; es gehörte einst dem König von Gondolin), Isildur, Théoden und Frodo (Stich). Besonderes Augenmerk gilt Aragorn Schwert Andúril und seinem restlichen Arsenal, dem noldorischen Jagdmesser (mit Elbeninschrift) und dem Bogen.

Das Balrog

In der Szene „Die Brücke von Khazad-dum“ mag sich so mancher aufmerksame Zuschauer gefragt haben, wo, zum Geier, das Balrog seine Waffen trägt: das feurige Schwert und dann, als das Schwert an Glamdring zerbricht, die enorme Peitsche. Die überraschende Antwort: Es trägt die Waffen in seinem Leib! Da es sich bei dem Balrog um einen Maia handelt, eine höhere Macht, kann es sich formen, wie es will. Und es kann nur von einem gleich- oder höherrangigen Wesen, einem anderen Maia, besiegt werden: Gandalf. (Nur ein Vala stünde noch höher als ein Maia. Auch Sauron gehört dieser Spezies an.)

Die Ringe

Auf indirekte Weise sind auch die RINGE zu den Waffen zu zählen. Daher werden sie in der „Geschichte des Ringkriegs“ ganz am Anfang (S. 2) vorgestellt: Die drei wunderschönen Elbenringe Narya (Ring des Feuers), Vilya (Ring der Luft) und – als mächtigster der drei – Nenya (Ring des Wassers). Dieser gehört Galadriel, und im Film zeigt sie ihn Frodo. Gil-galad trug Vilya zuerst, nach seinem Tod Elrond. Narya wurde zuerst Círdan, dem elbischen Schiffsbauer in Lindon, gegeben, doch dieser gab ihn Gandalf, als dieser Istar in Mittelerde ankam (um etwa 1000 DZ).

Sauron hatte sich im 2. Zeitalter als Geschenkegeber Annatar bei dem Elbenschmied Celebrimbor eingeschmeichelt, um die Schmiedekunst zu erlernen und zu beherrschen. Er schuf den Einen Ring ebenso wie Ringe für Zwerge und Menschenkönige, um alle zu beherrschen: Die Schätze der Zwergenkönige fielen in die Hände von Drachen oder Orks, die Menschenkönige wurden Nazgul, Ringgeister. (Wie er sie 3000 Jahre lang beherrschen konnte, nachdem er den Einen Ring verloren hatte, bleibt unklar, wie der Tolkien-Übersetzer Wolfgang Krege moniert. Aber sie waren längst Saurons Sklaven geworden.)

Der Eine Ring ist besonders schön dargestellt: Das Foto, das ihn an Saurons schwarzem Finger zeigt, beansprucht eine ganze Seite: Die Inschrift in Schwarzer Sprache (aber elbischen Schriftzeichen) glüht gelb. Wer sich mal gefragt hat, warum Sauron als einziges Wesen, das je diesen Ring trug, NICHT verschwand, hier wird er verstehen: Sauron ist der einzig wahre Gebieter des Rings, im wahrsten Sinne des Wortes „the lord of the rings“. Alle anderen Träger verschlingt der Ring, über kurz oder lang. Diese Inschrift wird als Grafik und als Text nochmals wiedergegeben und übersetzt.

Das Sachregister

Wenn man den Waffen- und Rüstungsexperten John Howe, einen der Konzeptdesigner bei Jacksons Filmprojekt, fragen würde, woraus eine Rüstung besteht, so würde er dem unbedarften Zuhörer wahrscheinlich die Fachausdrücke um die Ohren hauen.
Um diesen Effekt zu vermeiden, wenn Aus-Rüstungen fachgerecht beschrieben werden, gibt es das fünf Seiten lange Sachregister. Wenn also plötzlich von einem „Ricasso“ die Rede ist, so schlägt man unter R nach und erfährt unter diesem Begriff: „Der obere Teil der Schwertklinge, der im allgemeinen nicht scharf geschliffen ist, da Krieger oft ihren Zeigefinger vor der ‚Parierstange‘ (siehe dort) platzierten. (usw.)“ Aha. Und so muss man dann zu „Parierstange“ blättern usw., bis man schließlich alle Teile eines Schwertes kennen gelernt hat. Viggo Mortensen könnte einem dazu manches erzählen, so etwa die Story, wie er schwertschwingend durch friedliche neuseeländische Straßen lief und von der Polizei angehalten wurde, die besorgte Anwohner gerufen hatten.
Das Register schließt mit einem altenglischen Satz, der vermutlich direkt aus dem „Beowulf“-Epos stammt. Der Satz wird nicht übersetzt. Eine versteckte Aufforderung, mal den „Beowulf“ zu lesen?

Unterm Strich

Dieser prächtige Band ist nur mit den drei Design-Art-Bänden von Gary Russell zu vergleichen. Dabei könnte man sagen, dass er zum Teil die Quintessenz daraus bietet, indem er sich auf nur einen einzigen Aspekt konzentriert: Waffen, Krieger und Kriegskunst.
Das wäre aber nicht die ganze Wahrheit, wie man an meiner Inhaltsangabe ablesen kann. Das Buch bietet viel mehr. Es spricht nicht nur den Rollenspieler an, indem es massenhaft Details zu den Waffen etc. liefert, sondern informiert und unterhält auch jene Leser, die die Welt von Mittelerde nicht nur aus der kriegerischen Perspektive kennen lernen wollen.
Ihnen kommen die historischen Darstellungen entgegen, die schönen Illustrationen und „garantiert echten“ Landkarten auf „echtem Pergament“. Und sie erfahren, welche Bedeutung der Eine Ring letzten Endes für die Geschichte hat. Dabei bleibt der Autor immer auf dem Teppich, versteigt sich nie zu literarischen Interpretationen – das ist Gelehrten wie Tom Shippey vorbehalten.

Aber auch dieses Buch weist Fehler auf, die selbst dem Übersetzer und dem Korrektor entgangen sind. Auf Seite 209 wird behauptet, Sauron habe einmal „Minas Tirith“ erobert. Das ist nicht zutreffend, wenn ich die Annalen richtig kenne. Wenn man daraus allerdings „Minas Ithil“, das spätere „Minas Morgul“ macht, wird die Beschreibung sinnvoll. (In Minas Morgul erbeutete Sauron einen der Sehenden Steine, den Palantir, und konnte damit sowohl Saruman als auch Denethor täuschen und bezwingen. Und später schlug dort der Fürst der Nazgul, vormals der Hexenkönig von Angmar, sein Hauptquartier auf.)
Zudem ist bei der Berechnung von Aragorns Lebensalter ein Rechenfehler aufgetreten und bei der Anzahl der Reiter von Rohan hat sich eine zusätzliche Null eingeschlichen.

Fazit: Ich kann das Buch unter den genannten Bedingungen uneingeschränkt empfehlen. Zumal es nun mit 15 Euro einen recht günstigen Preis aufweist. Da ein Hardcover fehlt, sollte man es pfleglich behandeln.

Ein Tipp: Der erwähnte „Atlas von Mittelerde“ bildet eine sinnvolle Ergänzung für Rollenspieler und andere Tolkienisten. Die ausgebildete US-Geografin Karen Wynn Fonstad hat Karten zu allen Zeitaltern und wichtigen Ereignissen des „Herrn der Ringe“ gezeichnet und kommentiert. Die Kommentare stützen sich in erster Linie auf Tolkiens eigene (mitunter widersprüchliche) Angaben. Die 2. Auflage von 1991 (Klett-Cotta, Stuttgart, 1994) enthält korrigierte und erweiterte Darstellungen. Auf diese sollte man sich also stützen.

Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)
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