Schlagwort-Archive: Fischer

Khaled Hosseini – Traumsammler


Worum gehts

Wenige Monate nach der Geburt der kleinen Pari stirbt ihre Mutter und hinterlässt nicht nur ihre jüngste Tochter, sondern auch Abdullah, ihren Sohn, und Saboor, ihren Ehemann. Die Umstände erfordern, dass Abdullah seine jüngere Schwerster großzieht. Pari hat eine außergewöhnlich enge Beziehung zu ihrem Bruder und hängt mehr an ihm als an allem anderen.

Gemeinsam mit ihrem Vater leben sie in dem kleinen afghanischen Dorf Shadbagh. Doch als sie eines Morgens zu einem langen Fußmarsch aufbrechen, quer durch die Wüste, um schließlich in Kabul anzukommen, verändert sich die Welt für das Geschwisterpaar. Denn in Kabul angekommen, werden Pari und Abdullah voneinander getrennt – für immer. Von nun an leben sie jeweils ihr eigenes Leben ohne den anderen. Während Pari bei dieser Trennung noch sehr klein ist und im Laufe der Jahre wieder vergisst, was passiert ist, leidet Abdullah sein ganzes Leben unter dem Trennungsschmerz, und er hat die ganze Zeit das Gefühl, dass ein Teil von ihm verloren gegangen ist. Dieses Gefühl kann ihm auch seine neue Familie nicht geben … Khaled Hosseini – Traumsammler weiterlesen

Mary Kay Andrews – Sommerprickeln


Worum gehts?

Annajane und Pauline kennen sich schon seit ihrer Kindheit und sind seit jeher unzertrennlich. Dass Annajane mit Paulines ältestem Bruder Mason verheiratet war, jedoch seit einiger Zeit von ihm getrennt lebt, hat ihrer Freundschaft keinen Abbruch getan. Nun sitzen sie nebeneinander in einer Kirchbank bei Masons Hochzeit mit der hinreißenden Celia. Alles scheint perfekt zu sein und Annajane redet sich ein, dass ihr die Hochzeit ihres Exmanns mit ihrer Nachfolgerin nichts ausmacht. Doch ist sie wirklich über die Trennung von Mason hinweg?

Auch Pauline hat nicht viel für ihre zukünftige Schwägerin übrig und hält sie nicht für die richtige Frau an Masons Seite. Sie ist davon überzeugt, dass die scheinheilige Celia ein Geheimnis verbirgt, dass sie unbedingt aufdecken möchte und schon bald überschlagen sich die Ereignisse…Gefühlschaos inklusive … Mary Kay Andrews – Sommerprickeln weiterlesen

Agatha Christie – Alter schützt vor Scharfsinn nicht

Zwei pensionierte Geheimagenten stoßen auf eine geheime Botschaft, die ein altes Verbrechen anprangert; neugierig will das Paar dieses Rätsel lösen, doch das Stochern in der Vergangenheit macht jene nervös, die genau dies fürchten … – Dieses Spätwerk zeigt die „Queen of Crime“ nicht in Hochform; zwar ist der Plot sauber geknüpft, doch die Umsetzung fällt ungewöhnlich geschwätzig aus und bleibt ohne Höhepunkt: eher eine philosophische Reflexion als ein (spannender) Kriminalroman.
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Seldon Truss – Frauen reden zuviel

Als in einer nur scheinbar noblen Pension ein Gast auf unnatürliche Weise stirbt, wird eine junge Frau als Sündengeiß missbraucht, bis ein findiger Polizist ein Komplott aufdeckt … – Auch dieser Krimi des Schriftstellers Seldon Truss ist es wert, der Vergessenheit entrissen zu werden: Mit viel Humor werden „Whodunit“-Klischees auf die Spitze getrieben, ohne dass dadurch Spannung und Handlungslogik leiden. Für die Fans des Genres ein Geheimtipp!
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Beverley Nichols – Eine kleine Mordmusik [Horatio Green 1]

Für den scheinbar unmöglichen Mord an einem allseits verhassten Musikkritiker gibt es nach dem Geschmack von Scotland Yard zu viele Verdächtige. Ein ebenfalls involvierter Detektiv findet dagegen die Aktivitäten der angeblich unschuldigen Verwandten und Hausfreunde wesentlich interessanter … – Dieser klassische „Whodunit“ aus der Spätphase dieses Krimi-Genres ist spannend, witzig und wartet mit einer bizarren Final-Auflösung auf, die mit Humor zu nehmen ist.
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Albert Sánchez Piñol – Pandora im Kongo

Ein naiver Schriftsteller zeichnet die unglaublichen Erlebnisse eines Afrika-Reisenden auf, der im Dschungel des Kongo auf feindselige Invasoren aus dem Inneren der Erde stößt … – Der ausführlich zitierte ‚Bericht‘ dieser Heimsuchung bildet nur einen Handlungsstrang dieses vielschichtig angelegten, oft allegorischen Romans, der die (Ohn-) Macht der Illusion einer unerbittlichen Realwelt gegenüberstellt. Die geschickt in ihr historisches Umfeld integrierte Geschichte wird ebenso drastisch wie humorvoll erzählt.
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A. A. Milne – Das Geheimnis des roten Hauses

Zwei Hobby-Detektive versuchen sich an der Aufklärung eines mysteriösen Mordfalls … – Vielleicht DER klassische englische Rätselkrimi; mit unerhört feiner Feder konstruiert der Verfasser ein komplexes Verbrechen, das er unter strenger Wahrung der Fairness, im vollen Bewusstsein der wissentlich heraufbeschworenen Unwahrscheinlichkeiten und voller Witz bis zum spannenden Finale entwickelt: ein Kabinettstück des Genres, das auch dem deutschen Leser endlich wieder zugänglich gemacht wird.
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Anthony Berkeley – Der Fall mit den Pralinen

Sechs Hobby-Detektive versuchen sich an der Aufklärung eines Mordfalls. Sie alle lösen das Rätsel auf ihre Weise, aber wer von ihnen liegt richtig …? – Eleganter britischer „Whodunit?“-Klassiker, der unterhaltsam darüber aufklärt, wie ‚harte Fakten‘ manipuliert und missinterpretiert werden können. Jede ‚Lösung‘ wird logisch entwickelt und (mit knochentrockenem Humor) ad absurdum geführt, bis der Verfasser das letzte, natürlich völlig unerwartete Wort behält: ein zwar altmodischer aber zeitloser Krimi ist endlich wieder zurück auf dem deutschen Buchmarkt!
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R. Austin Freeman – Das Auge des Osiris

Das spurlose Verschwinden eines reichen Mannes und sein absurdes Testament lösen die Frage nach dem Verbleib aus, die mit strikter Logik und der modernsten Kriminaltechnik des frühen 20. Jahrhunderts auf gänzlich unerwartete Weise beantwortet wird … – Ein früher Klassiker der Kriminalliteratur erweist sich als gemächlich und abschweifend aber spannend und erstaunlich witzig erzählter „Whodunit?“, dessen Neuauflage den deutschen Krimifans eine nostalgische Lektüre ermöglicht.
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Rhiannon Lassiter – Böses Blut

Mary Hoffman und Rhiannon Lassiter beweisen, dass Schreibtalent vererbbar ist. Hoffman, die Mutter von Lassiter, ist vor allem durch ihre Kinderbuchreihe „Stravaganza“ bekannt, während ihre Tochter in Deutschland bislang noch nicht so viel Beachtung gefunden hat. Mit „Böses Blut“, das als Hardcover bei der |Fischer Schatzinsel| veröffentlicht wurde, soll sich das nun ändern.

Verrückter könnte eine Familie nicht sein: Seit Peter und Harriet geheiratet haben, gibt es ständig Streit in der sechsköpfigen Patchworkfamilie. Schuld daran sind die Teenager Katherine und Catriona, während John und der ältere Roley sich gegenseitig ignorieren. Beide Mädchen lassen sich „Cat“ bzw. „Kat“ nennen, doch wem gehört der Spitzname nun? Dieser Streit sorgt für eine gespannte Atmosphäre, auch als die sechs im Urlaub zu dem verwinkelten Haus fahren, in dem Katherines und Johns verstorbene Mutter aufgewachsen ist. Die beiden waren noch nie dort und sie wünschen sich auch schnell, dass es dabei geblieben wäre. Das Haus ist unheimlich, scheint ein Geheimnis zu verbergen. Schließlich passieren seltsame Dinge. Katherine findet eine Geheimkammer mit vielen alten Büchern, in denen die Namen einiger Charaktere herausgestrichen sind, Catriona wird von einer mysteriösen Puppe verfolgt, und dann ist da auch noch Alice, das unscheinbare Mädchen aus dem Dorf, das es Roley angetan hat …

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Seldon Truss – Ein Toter meldet sich

Als ein junger Kriminalreporter eine übel beleumundete Kaschemme erbt, kommt es dort zu Raub und Mord. Im Wettlauf mit Scotland Yard ermittelt der Reporter im Alleingang, wobei ihn eine hübsche Pfarrerstochter unterstützt. Dabei geraten die neugierigen Amateure in gefährliche Situationen … – Nicht klassischer aber sehr solider „Whodunit“ der britischen Krimi-Schule, dessen Plot aus heutiger Sicht ein wenig zu leicht durchschaubar gerät, was trockener Witz und unterhaltsam überzeichnete Figuren weitgehend wettmachen können.
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Mick O’Hare – Wie dick muss ich werden, um kugelsicher zu sein?

Die Spitze des (Fragen-) Eisbergs

Sogar der in wissenschaftlichen Belangen absolut ahnungslose Zeitgenosse kennt jene raren Momente, in denen er (oder sie) eine alltägliche, selbstverständliche Handlung oder Beobachtung hinterfragt. Wie funktioniert das, und was wäre, wenn man die Ausgangssituation folgendermaßen variiert …? Das hier vorgestellte Buch belegt, dass solche Anwandlungen oft dann aufwallen, wenn man mit Freunden zusammensitzt und zecht.

Mick O’Hare, Redakteur der Zeitschrift „New Scientist“, der führenden englischen Wochenzeitschrift für Wissenschaft und Technik, kennt dieses Phänomen, denn weil oder wenn das Rätsel trotz versammelter Geisteskraft nicht zu knacken ist, wendet sich die Gesellschaft (die sonst vermutlich gern über die Vergeudung von Steuergeldern an nutzloses Forscherpack klagt) gern an ihn und seine Kollegen. 1994 kamen O’Hare & Co. auf den Einfall, solche Fragen in besagtem Magazin zur Diskussion zu stellen. Leser beantworten seitdem Fragen von Lesern, wobei die Redaktion des „New Scientist“ die Moderation übernimmt, d. h. Irrtümer korrigiert, Informationen ergänzt und Spinner aussortiert. Mick O’Hare – Wie dick muss ich werden, um kugelsicher zu sein? weiterlesen

Sheldon Rusch – Rabenmord

Das geschieht:

Ihr aktueller Fall führt Elizabeth Hewitt, Special Agent der Illinois State Police, in den winterlichen Chain-O-Lakes-Nationalpark. Dort haben Spaziergänger einen Frauenschädel gefunden. Er wurde an einen Baum genagelt, aus einer Augenhöhle hängt an einem Band die Nachbildung eines Käfers. Die literarisch vorgebildete Hewitt erkennt, wen der unbekannte Schöpfer dieser Szene hier nachahmt: Edgar Allan Poe, der berühmte Schriftsteller, verfasste 1843 die Kurzgeschichte „Der Goldkäfer“, in der besagtes Insekt den Hinweis auf einen vergrabenen Schatz gab.

In diesem Fall findet man im Boden unter dem Käfer allerdings die sorgsam zerteilte Leiche der seit sechs Wochen verschwundenen Brandi Kaczmarek, der auch der Schädel am Baum gehört. Der „Rabe“, wie die begeisterten Medien den unbekannten Mörder umgehend nennen, hat schon eine weitere Poe-Geschichte nachgestellt: „Die schwarze Katze“, entstanden ebenfalls 1843, beschreibt das schreckliche Ende einer Frau, die mit einem einäugigen Katzentier in ihrem Haus eingemauert wird. Genevieve Bohannon, der dieses Schicksal beschert wurde, kann nur noch tot geborgen werden. Sheldon Rusch – Rabenmord weiterlesen

Simon Sebag Montefiore – Stalin. Am Hof des roten Zaren

Inhalt:

Auf knapp 900 eng bedruckten Seiten zeichnet der Verfasser eine Biografie Stalins nach, die sich vor allem auf das Privatleben des sowjetischen Diktators konzentriert, während der Politiker Stalin von vergleichsweise untergeordneter Bedeutung bleibt. Gleichmaßen knapp handelt Montefiore die Kindheits- und Jugendjahre ab; ihnen widmete er sich 2006 in einer eigenen Darstellung: „Young Stalin“ (dt. „Der junge Stalin. Das frühe Leben des Diktators 1878–1917“).

Im Mittelpunkt steht jener Stalin, der seit dem Tod Lenins an die Spitze des Sowjetstaates drängt und sich ab 1929 dort ein Vierteljahrhundert hält, in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre seine Gegner und Konkurrenten in gewaltigen Schauprozessen über die Klinge springen lässt, sich in den Jahren des II. Weltkriegs vom militärischen Dilettanten zum erbarmungslosen Kriegsherrn mausert und nach 1945 körperlich wie geistig verfällt aber voller Furcht und Paranoia zu einem neuen Kreuzzug gegen angebliche ‚Staatsfeinde‘ und mögliche Nachfolger bläst.

Dabei weitet der Verfasser den Darstellungsfokus auf das Umfeld Stalins aus. Dies beschränkt er nicht auf die Familie, die Verwandten oder Freunde. „Am Hof des roten Zaren“ residierten immer auch die „Magnaten“, jene privilegierten Männer (und einige Frauen), die dem Diktator politisch und privat zur Seite standen. Stalin war nie das einzigartige oder einsame Genie, zu dem er stilisiert wurde, sondern fest eingebettet in ein Netz, dessen Mitglieder einander ebenso heftig bekämpften wie stützten. Anhand zahlreicher Beispiele verdeutlicht Montefiore, wie das daraus resultierende, ebenso tyrannische wie absurde stalinistische Sowjetsystem nicht nur funktionierte, sondern sich selbst erhielt, solange es sein geistiger Vater mit eiserner Faust zusammenhielt.

Vier Fotostrecken illustrieren den Text. Die Fotos zeigen den ‚echten‘ Stalin, der sich hinter dem selbst geschaffenen Glorienschein als Mann mit vielen Interessen und Schwächen, aber auch als rücksichtsloser, gefühlsarmer Gewaltmensch entpuppt. Ein mehr als 100-seitiger Anmerkungsapparat verdeutlicht die unerhörte Fleißarbeit des Verfassers, der in mehreren Jahren die Welt überall dort bereiste, wo Stalin oder der Stalinismus Spuren hinterließ. Abgerundet wird das Werk von einem Stammbaum der Stalin-Familie sowie einem Register.

Das Problem einer gefälschten Vergangenheit

Wenn es auf dieser Welt eine Kreatur gibt, die sich zäher als jede Schabe ans Leben klammert, so ist dies der Bürokrat. Seit die Bürokratie existiert, produziert sie beschriebenes oder bedrucktes Papier in einem Überfluss, den selbst der eifrigste Geschichtsfälscher nie eindämmen konnte. Der Fluch wird zum Segen, wenn es gilt, die Wege eines Lebens zu rekonstruieren, das zu einem Gutteil der Aufgabe gewidmet war, die Vergangenheit auszutilgen oder umzuschreiben.

Josef Stalin gilt als einer der größten Geschichtsfälscher aller Zeiten. Er hat sogar eigene Institutionen ins Leben gerufen, die gut damit beschäftigt waren, historische Ereignisse im Sinne ihres Auftraggebers neu zu ‚interpretieren‘. Dazu gesellte sich seitens Stalin eine Verschwiegenheit in eigener Person, die nicht von ungefähr kam, gab es doch genug Verbrechen, Verrat und andere Scheußlichkeiten des jungen Josef, die nicht zum glorienumkränzten Bild des großen, genialen, gütigen Landesvaters passen wollten, der sich mit der Sowjetunion identifizierte und als deren Inkarnation unfehlbar sein musste.

Stalins (politische) (Un-) Taten sind indes von einer brutalen Eindeutigkeit, die selbst der berühmte „Eiserne Vorhang“ nicht decken konnte. Die letzten Dämme brachen mit dem Untergang der UdSSR. Immer neue Archivbestände öffnen sich seither auch dem westlichen Historiker. Sie komplettieren die Bilder sowjetischer Politprominenter oder werfen Licht dorthin, wo bisher überhaupt Wissenslücken klafften.

Der Mann hinter der Maske

Der politische Aspekt von Stalins Leben ist für Simon Sebag Montefiore indes von sekundärer Bedeutung. Die Archive in dieser Hinsicht auf verborgene Schätze zu durchsuchen, überlässt er Historikerkollegen. Sein Ansatz ist ein anderer: Montefiore nähert sich dem Menschen Stalin, dessen Leben und Wirken er durch die Herkunft geprägt sieht: Stalin war nach Montefiore nur vorgeblich ein sozialistischer Weltbürger und konnte seine georgischen Wurzeln nie verleugnen. So verhielt er sich wie ein orientalischer Potentat des Mittelalters, der – stets belauert von Feinden – Gewalt als legitimes und unentbehrliches Instrument einsetzte.

Stalin war freilich ein Diktator, dem die Vernichtungsmaschinerien des 20. Jahrhunderts zur Verfügung standen. Sein Terror konnte sich so über Länder und Kontinente verbreiten und kostete 20 Millionen Menschen das Leben. Noch viel größer ist die Zahl derer, die durch den Stalinismus Freiheit und Heimat oder ‚nur‘ Job und Karriere verloren; genau wird man niemals rekonstruieren können, wie viele individuelle Existenzen, Familien, Freundschaften Stalins Terror zerstörte.

Mit seiner These setzt sich Montefiore bewusst der Kritik aus. Dies ist legitim, viele Gegenargumente leuchten ein. Andererseits wagt es Montefiore, einen neuen Weg einzuschlagen. Dabei bringt er eine Unzahl wertvoller Fakten ans Tageslicht, die nun der historischen Diskussion zur Verfügung stehen. Vieles mag davon verworfen oder neu und anders bewertet werden, doch es ist jetzt bekannt – und dies eben nicht nur den Fachleuten.

Ein Buch, das jede/r verstehen kann

Montefiore achtet auf eine auch dem historischen Laien verständliche Sprache. „Am Hof des Roten Zaren“ weist sogar die Qualitäten eines Romans auf. Zeithistorie verwandelt sich unter der Feder Montefiores in (eine) spannende Geschichte. Die komplexe Materie prägt sich dem Leser ein; kein leichtes Unterfangen angesichts einer wahren Flut zu berücksichtigender Personen, deren komplizierte Namen nicht selten auch noch sehr ähnlich klingen. Montefiore behält die Übersicht, er verleiht der historischen Realität eine der Darstellung nützliche Form, ohne sie dabei um des Effekts willen zu verraten.

Natürlich – so muss man wohl sagen – gehen ihm dabei manchmal die Pferde durch. Montefiore weicht oft weit vom Pfad der wissenschaftlichen Objektivität ab. Er macht daraus keinen Hehl, es lässt den Text lesbarer wirken. Dies nimmt der Verfasser in Kauf, obwohl „Am Hof des Roten Zaren“ auf diese Weise vom Fach- und Sachbuch wird. Er schließt sich damit selbst aus dem universitären Elfenbeinturm aus, erweitert aber den Kreis seiner potenziellen Leser. Dass die Entscheidung richtig war, lässt sich daran ermessen, wie leicht sich dieses Buch mit seinen fast 900 eng bedruckten Seiten liest.

Autor

Simon Sebag Montefiore (geb. 1965) lehrt (Neuere) Geschichte im Gonville & Caius College zu Cambridge. (Seine Erfahrungen als Student und Nachwuchsdozent hielt er 1992 in seinem Bucherstling „King’s Parade“ fest.) Er hat sich auf die russische bzw. sowjetische Vergangenheit spezialisiert und sein Wissen auf ausgedehnten Studienreisen durch die ehemalige UdSSR vor Ort vertieft.

Montefiore schreibt für Zeitungen wie „Sunday Times“, „New York Times“ oder „Spectator“. Im Jahre 2000 veröffentlichte er das Sachbuch „Potemkin: Prince of Princes“, das großes Kritiker- und Publikumsinteresse erregte. Weitere erfolgreiche Werke folgten, unter denen „Stalin: The Court of the Red Tsar“ ein Bestseller und 2004 mit dem „History Book of the Year Award“ ausgezeichnet wurde.

Montefiore gehört der „Royal Society of Literature“ an. Darüber hinaus moderiert er TV-Dokumentationen. Mit seiner Ehefrau, der Schriftstellerin Santa Montefiore, und seiner Familie lebt und arbeitet der Verfasser, der inzwischen auch Historien-Thriller schreibt, in London.

Taschenbuch: 874 Seiten
Originaltitel: Stalin – The Court of the Red Tsar (New York : Alfred A. Knopf 2004)
Übersetzung: Hans Günter Holl
http://www.fischerverlage.de

eBook: 8648 KB
ISBN-13: 978-3-641-13420-4
http://www.fischerverlage.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Sarah Kuttner – Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens

Man kann sie lieben oder hassen, aber man kann ihr ihren Erfolg nicht absprechen. Sarah Kuttner hat es geschafft. 2001 begann sie ihre Fernsehlaufbahn als lausige |Viva|-Moderatorin zwischen lauter pseudowitzigen, jungen Menschen, doch konnte sie sich schon bald durch ihre freche Art von den anderen – und vom Image des Senders – absetzen. 2004 bekam sie schließlich ihre eigene Show, die nach der Fusion mit |MTV| dort ihren Platz fand und seit Herbst unter dem Titel „Kuttner.“ dienstags und donnerstags läuft. Außerdem moderierte die siebenundzwanzigjährige Ostberlinerin 2004 den deutschen Vorentscheid des „European Vision Song Contest“ und hat im letzten Jahr bereits zum zweiten Mal ihre eigene Revue „Kuttner on Ice“ zelebrieren dürfen.

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Sullivan, Mark T. – Toxic

„Toxic“ hatte eigentlich schon gewonnen, da hatte ich noch nicht einmal die erste Seite des Buches aufgeschlagen. Die positiven Rezensionen, die das Buch überall zuvor bekommen hat und die Auszeichnungen, mit denen sich Autor Mark T. Sullivan schmücken darf, waren vorab bereits ein Garant für einen packenden Thriller. „Der Thriller des Jahres“, so steht es auf dem Cover, genau das soll „Toxic“ sein. Aber man weiß ja, wie so etwas dann meistens endet. Die hohe Erwartungshaltung schlägt in blanke Enttäuschung um, der Sticker auf der Vorderseite stellt sich als schlechter Witz heraus, und selber ärgert man sich erneut darüber, dass man so einfach auf die Ankündigungen aus dem Vorfeld der Veröffentlichung hereingefallen ist.

_Story_

Mary Aboubacar, ein Zimmermädchen in einer kalifornischen Kleinstadt macht beim Antritt ihres alltäglichen Dienstes eine schreckliche Entdeckung. Inmitten eines blank geputzten Schlafzimmers findet sie die Leiche eines Mannes, dessen Erscheinungsbild die afro-amerikanische Bürgerin darauf schließen lässt, dass der Mann an Ebola erkrankt ist. Zum Glück für die dunkelhäutige Dame hat sie sich jedoch in ihrem Urteil geirrt, denn der junge Mann, der brutal ans Bett gefesselt und gefoltert wurde, ist am Biss einer giftigen Schlange gestorben und hatte keine ansteckende Krankheit.

Sergeant Shay Moynihan wird beauftragt, sich um den mysteriösen Fall zu kümmern, ist aber gleichzeitig auch sehr intensiv mit seinem Privatleben beschäftigt. Seine Ex-Frau kritisiert sein mangelndes Verantwortungsgefühl und macht ihn dafür verantwortlich, dass ihr gemeinsamer Sohn Jimmy gegen alle guten Ratschläge rebelliert. Doch Shay bleibt wegen seines pikanten Jobs nichts anderes übrig als die Prioritäten zugunsten der Polizeiarbeit zu verschieben, was zwangsläufig dazu führt, dass sein Sohn und er sich von Tag zu Tag weiter auseinander leben.

Mitten in diese persönliche Misere stößt nun dieser seltsame Mordfall. Nicht nur, dass die ‚Mordwaffe‘ höchst ungewöhnlich ist; auch die Bibelzitate, die der Attentäter am Spiegel seines Opfers hinterlassen hat, geben dem Sergeant Rätsel auf. Die Ermittlungen kommen kaum voran, und während Moynihan einen Schlangenexperten aufsucht, taucht auch schon das zweite, übel zugerichtete Opfer auf. Wohl wissend, dass hier eine ganze Serie von brutalen Sexualmorden ins Rollen kommt, begibt sich Shay daran, den gerissenen Mörder in die Hände zu bekommen, doch der ist ihm wiederum voraus und hat auch schon ein weiteres Opfer in Sicht …

_Meine Meinung_

So, so, das ist also der „beste Thriller des Jahres“. Sind denn sonst keine anderen Bücher mehr erschienen? Oder denke ich einfach zu kompliziert, so dass mich diese leichtfüßige und weitestgehend zu simpel gestrickte Story nicht aus den Socken hauen kann? Nun, die Geschichte ist wirklich nicht der Renner und gerade mal dazu geeignet, als kurze Zwischenmahlzeit zwischen den tatsächlich gewichtigen Hauptgängen serviert zu werden – wenn überhaupt …

Sullivan macht es sich eigentlich ziemlich leicht. Er sucht einfach ein paar mysteriöse wirkende Themenschwerpunkts aus, kombiniert diese halbwegs schlüssig und glaubt, nun den perfekten Thriller erschaffen zu haben. Liest sich ja auch auf dem Backcover toll, wenn da von bizarren Sexualverbrechen, tödlichen Schlangenbissen und einer geheimnisvollen Botschaft des Täters die Rede ist. Doch bei all den Klischees vergisst der Autor offensichtlich, dass einzelne Elemente noch nicht die Bürgschaft für eine mitreißende Story liefern. Und genau das bekommt der Leser dann auch zu spüren. Die Geschichte geht nämlich fortlaufend so schleppend voran, dass man oftmals einfach die Motivation zum Weiterlesen verliert.

Das beste Beispiel sind die ersten hundert Seiten: Dort wird vom familiären Chaos des Sergeants Moynihan erzählt, ohne dass in irgendeiner Weise Tiefgang vorläge. Dann kommt natürlich der erste Mord ins Visier, doch auch der wird so oberflächlich beschrieben, dass man sich bereits hier fragt, wie denn überhaupt Spannung in die Angelegenheit hineinkommen soll. Als Letztes wird dann nach den Motiven gesucht, das allerdings auch so plump, dass man nur mit dem Kopf schütteln kann. Nach dem ersten Viertel ist man schließlich genauso schlau wie vorher, und das kann ja wohl nicht die Intention des Autors sein.

Mit fortlaufender Handlung kann Mark T. Sullivan zumindest an diesem Manko etwas ändern. Es gibt so zur Mitte des Buches hin einen Knackpunkt, von welchem an die Story endlich mal in die Gänge kommt, wobei man aber auch von diesem Zeitpunkt an kaum Versatzstücke eines spannenden Romans findet. Klar, wenn man einmal so weit gekommen ist, will man natürlich auch wissen, was hinter der rätselhaften Mordserie steckt bzw. wer der Mörder ist, aber die dringende Lust, schnellstmöglich Ergebnisse zu bekommen, verspürt man dennoch nicht.
Das Familiendrama hingegen kommt nie so richtig in Fahrt und wirkt letztendlich auch ziemlich aufgesetzt. Wenn Sullivan hierbei bezweckt hat, der Geschichte einen dramatischen Beigeschmack zu verleihen, ist er jedenfalls gescheitert.

Gescheitert ist er insgesamt auch an der hohen Vorgabe, mit welcher der Roman beworben wird. „Toxic“ ist alles andere als Weltklasse. Sowohl die Charaktere als auch die Handlung sind bestenfalls mäßig, und die hohen Erwartungen können innerhalb der Geschichte nie befriedigt werden. Genre-Freunde werden deshalb auch nur dann Freude an diesem Roman gewinnen, wenn sie auf Tiefgang, durchgängige Spannung und Obskures gerne verzichten. Wem hingegen altbekannte Klischees und langweilige Akteure völlig ausreichen, der kann das Buch mal testen. Aber wer gehört schon zu dieser Kategorie …?

Erik Larson – Isaacs Sturm

Die Zuversicht allumfassenden Wissens

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts scheint der Mensch erstmals und endlich in der Lage zu sein, die Welt zu verstehen und nach seinem Willen zu formen. Details machen ihm noch zu schaffen, aber auch das wird sich binnen kurzer Zeit gewiss ändern. Der berechtigte Stolz darauf, was Technik und Wissenschaft in den geschaffen haben, geht freilich leicht in Hybris über. Diese Lektion muss die aufstrebende Weltmacht USA im Sommer des Jahres 1900 auf grausame Weise lernen.

Vielleicht ist gesunder Menschenverstand zu viel verlangt für ein nationalstolzes Land, das sowohl energisch als auch erfolgreich daran arbeitet, politisch und militärisch seine Konkurrenten auszuschalten. Gerade erst haben die Vereinigten Staaten einen Krieg mit Spanien vom Zaun gebrochen, mit geradezu spielerischer Leichtigkeit gewonnen und die karibische Kolonie Kuba in ihren Besitz genommen.

Isaac Cline ist der perfekte Repräsentant der neuen Zeit. Der junge Mann stammt aus relativ einfachen Verhältnissen, doch mit seinem messerscharfen Verstand, seiner nie versiegenden Energie und seinem unerhörten Arbeitseifer gelingt ihm die Realisierung des „Amerikanischen Traums“, der ihn binnen weniger Jahre zu Reichtum, Anerkennung und gesellschaftlichem Aufstieg führt. Clines Interesse gilt dem Wetter und vor allem der Möglichkeit, es vorauszusagen. Um 1900 beginnt sich die Meteorologie von einer Schwarzen Kunst in eine Wissenschaft zu verwandeln und in ein Politikum: Unter der Flagge der Vereinigten Staaten fährt um die Jahrhundertwende eine der mächtigsten Flotten der Welt.

Wissen ist tatsächlich Macht

Die größte Gefahr droht diesen Schiffen nicht von ihren Feinden, sondern von unvorhergesehenen Stürmen auf hoher See. Besonders in der Karibik, dem gerade gewonnenen Vorhof der jungen Großmacht, gehen auf diese Weise jährlich zahlreiche Schiffe und ihre Besatzungen buchstäblich zugrunde. Die besonderen Wetterverhältnisse führen über dem Golf von Mexiko in jedem Sommer zur Entstehung von Hurrikans, gewaltigen tropischen Wirbelstürme, die von ihrer Wiege, dem afrikanischen Kontinent, über den Atlantik kommend, entlang der Küstenlinie des nördlichen Südamerikas und Mittelamerikas eine Kurve nach Nordosten über die USA schlagen und dabei alles verwüsten, was ihren Weg kreuzt.

Zu den besonders gefährdeten Bundesstaaten gehört Texas, das dem Europäer eher durch Prärien und kleine Städte des Wilden Westens präsent ist, tatsächlich jedoch über eine lange Küste zum Golf von Mexiko verfügt. Hier liegen die beiden Städte Houston und Galveston, die um 1900 darum wetteifern, zur Hauptstadt ihres Staates zu werden. Die Waagschalen neigen sich allmählich zu Gunsten Galvestons. Das US Wetteramt siedelt seinen Chef Meteorologen für Texas hier an, da Galveston einen Logenplatz auf die labile Wetterlage der westindischen Region bietet.

Seit gut einem Jahrzehnt steht Isaac Cline der angesehenen Wetterstation in Galveston vor. Er gehört zur Prominenz der Stadt, hat nebenbei Medizin studiert, schreibt Artikel über seine Arbeit, gibt Vorlesungen und hat sogar die Zeit gefunden, eine Familie zu gründen. Alles ist planmäßig gelaufen im Leben Clines, der im Jahre 1900 auf der Höhe seiner Karriere steht. Er glaubt alles über das Wetter zu wissen, was die moderne Meteorologie, als deren hervorragender Vertreter er sich ohne falsche Bescheidenheit sieht, herausgefunden hat. Dass er sich quasi anmaßt, die Naturgesetze zu diktieren, ist ihm nicht bewusst. Hurrikans, davon ist Cline überzeugt, kündigen sich durch unverwechselbare Vorzeichen an. Solange er diese nicht am Himmel erkennt, wird es ergo auch kein Unwetter geben.

Ein verhängnisvoller Irrtum

Der große Hurrikan von 1900 will sich nicht in Clines Weltbild fügen. Eine Reihe klimatischer Ausnahmebedingungen lässt ihn direkten Kurs auf Galveston nehmen. Die Katastrophe naht nicht unbeobachtet, doch Cline, der den Himmel über Galveston und die Gezeiten beobachtet, kommt zu dem Schluss, dass der Sturm sich auflösen wird, bevor er die Stadt erreicht. So gibt es für die Bürger von Galveston keine Vorwarnung. Ahnungslos gehen sie ihren alltäglichen Geschäften nach, während der Hurrikan sich über dem Golfstrom nähert und dabei eine gewaltige Flutwelle vor sich aufzuschieben beginnt.

Galveston ist eine Boomstadt, die praktisch planlos und genau dort an der Küste errichtet wurde, wo es zwischen Meer und Land keinerlei Hindernis gibt, die eine Flutwelle brechen oder einen Sturm ablenken könnte. Die Bürger haben es aus Bequemlichkeit und Kostengründen nie für nötig befunden, einen schützenden Damm zu bauen. So nimmt das Verhängnis seinen ungehinderten Lauf: Binnen weniger Stunden wird Galveston ausgelöscht. Mindestens 6000 Menschen, vielleicht aber auch die doppelte Anzahl, verlieren ihr Leben. Genau wird man es niemals wissen, weil sich die Stadt in eine riesige Schlamm und Trümmerwüste verwandelt hat, unter der zahllose Opfer für immer begraben liegen.

Die verdrängte Katastrophe

Der Untergang der Stadt Galveston gehört zu jenen Ereignissen, die aus zunächst unerfindlichen Gründen zu einer Fußnote der Weltgeschichte herabgesunken sind. Bei näherer Betrachtung trifft man allerdings sehr alte Bekannte wieder, die dafür verantwortlich sind: Dummheit, Ignoranz, Selbstgefälligkeit, vor allem aber der tief verwurzelte menschliche Drang, unangenehme Erfahrungen zu verdrängen besonders dann, wenn man sie zwar verschuldet hat, aber selbst nicht betroffen ist.

Die wahre Tragödie ist weniger die Katastrophe selbst, sondern die Tatsache, dass sie in diesem Ausmaß hätte verhindert werden können. Dieser Erkenntnis mochte man sich bisher nicht einmal in Galveston selbst stellen. Dort sang man lieber das hohe Lied des Heldentums im Angesicht der drohenden Gefahr, und am lautesten erklang das Lob für Isaac Cline, den angeblichen Helden, der selbstlos seine Mitbürger noch vor dem Hurrikan warnte, als die Sturmflut bereits ganze Häuserzüge durch die Luft wirbelte. Cline hat persönlich an seinem Denkmal gearbeitet, und das gelang ihm angesichts seines publizistischen Geschicks hervorragend, zumal er so alt wurde, dass er jene, die es besser wussten, in der Mehrzahl einfach überlebte.

Erik Larson hatte es folglich nicht leicht, als er sich daran machte, die Geschichte Galvestons und des großen Hurrikans von 1900 zu rekonstruieren. Der Sturm hat die frühen Archive vor Ort vollständig vernichtet. Aber in den Familien der zahllosen Opfer fand Larson viele Augenzeugenberichte, die ein in dieser Klarheit bisher nicht gekanntes Bild der Katastrophe zeichnen. Die detaillierte Schilderung des Sturms und seiner Folgen ergänzt Larson durch einen ausführlichen Blick auf die Geschichte der Vereinigten Staaten an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Ohne würden die Ereignisse in Galveston unverständlich bleiben. Nicht fehlen darf eine Einführung in die Wetterkunde und hier naturgemäß in die Genese großer Wirbelstürme.

Der Leser als Zeuge

Larson wählt für sein Buch die Form des Tatsachenromans. Er schildert, was gewesen ist, scheut sich aber nicht, Lücken durch (allerdings gut abgesicherte) Vermutungen zu schließen. Wie der große Hurrikan vor der westafrikanischen Küste entstand und seinen verhängnisvollen Weg nahm, ist inzwischen geklärt. Larson präsentiert die komplizierten Mechanismen des Wetters verständlich und spannend zugleich. Dies gilt auch für die politischen Intrigen im und um das Wetteramt, die wohl hauptsächlich dafür verantwortlich sind, dass der Sturm ein völlig ahnungsloses Galveston traf.

„Isaacs Sturm“ ist nicht nur die Chronik einer Katastrophe, sondern auch die Tragödie eines Mannes, der (zu) viel wusste und doch unwissend war. Um 1900 benannte man große Stürme nach prominenten Opfern. Larson greift diese Tradition auf. Auch wenn Isaac Cline (1862 1955) das Unglück überlebte und niemals zur Rechenschaft gezogen wurde, blieb er für den Rest seines langen Lebens gezeichnet: Mit seiner Frau kam sein ungeborenes jüngstes Kind um, und in Augenblicken echter, von Selbstbetrug freier Reflexion begriff Cline durchaus, dass er und sein verehrtes Wetteramt kapitale Fehler begangen hatten.

Eric Larson ist mit „Isaacs Sturm“ zu Recht ein Bestseller gelungen. Mit dem Talent des echten Erzählers behält er die Fäden seiner Geschichte, die den halben Erdball umspannen, jederzeit fest in der Hand. „Spannend wie ein Krimi“ ist ein Urteil, das (viel zu) oft über ein Buch gesprochen wird, doch auf „Isaacs Sturm“ trifft es
zweifellos zu. Wenn es etwas zu bemängeln gibt, dann das Fehlen von Bildern, die es in großer Zahl gibt. Aber das Internet gleicht dieses Manko aus. Die Eingabe der Begriffe „Galveston“ und „hurrican“ genügt, um zeitgenössische Fotos aus der dem Erdboden gleichgemachten Stadt betrachten zu können.

Autor

Erik Larson (geb. 1954) wuchs in Freeport, Long Island, auf. Er absolvierte die University of Pennsylvania, die er mit einem Abschluss in Russischer Geschichte verließ. Klugerweise ergänzte er dies mit einem Studium an der Columbia Graduate School of Journalism. Im Anschluss arbeitete er viele Jahre für diverse Zeitungen und Magazine.

Inzwischen hat Larson diverse Sachbücher veröffentlicht, von denen „Isaac’s Storm“ (1999, dt. „Isaacs Sturm“) ihm den Durchbruch und Bestseller-Ruhm brachte. Der Autor lebt mit seiner Familie in Seattle.

Taschenbuch: 373 Seiten
Originaltitel: Isaac’s Storm. A Man, a Time, and the Deadliest Hurricane in History (New York : Crown Publishers 1999)
Übersetzung: Bettina Abarbanell
http://www.fischerverlage.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Rainer Wekwerth – Das Hades-Labyrinth

Der Autor:

Rainer Wekwerth wurde 1959 geboren und hat bereits unter einem Pseudonym mehrere Buchtitel veröffentlicht. Heute lebt der Mann in Stuttgart und hat just mit „Das Hades-Labyrinth“ sein neuestes Werk auf den Markt gebracht. Nähere Informationen zu diesem Thriller-Autor sind unserem Interview mit ihm zu entnehmen.

Handlung:

Daniel Fischer hat alles verloren. Sein Körper ist schwer gezeichnet von den schwerwiegenden Ereignissen, die gerade erst zurückliegen, seine Frau hat ihn verlassen, weil Daniel seinem ‚alten‘ Leben aufgrund der grausamen Erfahrungen nicht mehr nachgehen kann, und wegen seiner Verletzungen ist es ihm auch nicht mehr möglich, seinem Job als Gesetzeshüter nachzugehen. Doch was ist geschehen?

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Diana Norman – An den Ufern der Dunkelheit

Schriftsteller Daniel Defoe gerät in ein Intrigengespinst, als er zusagt, nach einer verschollenen Frau zu suchen. „Anne Bonny“ ist womöglich eine Anwärterin auf den englischen Königsthron, weshalb sowohl die Regierung als auch die Opposition sie finden wollen, weshalb die Fahndung die gesamte bekannte Welt erfasst … – Ungemein spannendes, fabelhaft geplottetes und schnörkellos erzähltes Garn, das Geschichte und Thriller vorbildlich verknüpft sowie – noch erstaunlicher! – auf schaumige Liebesgeplänkel u. ä. Abschweifungen verzichtet: ein Pageturner! Diana Norman – An den Ufern der Dunkelheit weiterlesen