Schlagwort-Archive: H. G. Wells

H. G. Wells – Das Imperium der Ameisen

Die Verlagsinfo:

„Seit die Menschen damit begonnen haben, den Regenwald aus reiner Gier Stück für Stück zu vernichten, glauben viele hier, dass sich die Natur eines Tages rächen wird. Dass der Regenwald ein Wesen erschaffen wird, das die Menschen für ihren Frevel bestrafen wird.“ – Gerilleau

Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von H. G. WELLS erzählt OLIVER DÖRING mit diesem Mystery-Thriller eine ebenso spannende wie furchterregende Geschichte – und zeigt einmal mehr, wie zeitlos WELLS visionäres Werk bis heute ist.

Mein Eindruck:

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H. G. Wells – Der Krieg der Welten (Teil 1 und 2) Gruselkabinett Folge 124 und 125

Invasion vom Mars: Ein Spaziergang in die Hölle und zurück

1897 im viktorianischen England: Die vom renommierten Observatorium in Ottershaw beobachteten gewaltigen Explosionen auf dem Mars und der kurze Zeit später erfolgte Absturz eines massiven Meteoriten auf die Horsell-Heide waren nur die Vorboten einer großangelegten Invasion der Marsianer, der sich die Welt plötzlich unvorbereitet gegenüber sieht…

Teil 2: Der Kampf um die Herrschaft auf der Erde geht weiter und wird immer erbitterter von den Mars-Leuten geführt! Julian trifft in den brennenden Trümmern auf einen traumatisierten Hilfsprediger, der in der zerstörten Welt zu seinem einzigen Verbündeten wird… (Verlagsinfo)
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H. G. Wells – Die Zeitmaschine (Teil 1 und 2, 2017)

Der Klappentext:

Oliver Dörings Adaption von H. G. Wells Science-Fiction-Klassiker „Die Zeitmaschine“ ist ein Hörspiel-Erlebnis der besonderen Art. Nie wurde die packende Geschichte um einen Mann, der in eine ferne Zukunft reist und dort das Grauen erlebt, aufwendiger inszeniert. Mit herausragenden „Hollywood-Stimmen“, einem phantastischen Sounddesign und filmreifer Musik wird Wells visionäres Werk zum Kopfkino.

Mein Eindruck:

Wieso bringt derzeit gefühlt jeder bekannte Hörverlag Hörspiel- und Hörbuchfassungen der Klassiker von H. G. Wells raus? Weil sie lizenzfrei geworden sind, deshalb! Da kann mir gern jeder Produzent erzählen, dass er die Sachen schon immer umsetzen wollte … yada, yada, yada … warum hat ers dann nicht gemacht? Weils was gekostet hätte. Jetzt ists gratis und schon gehts los.

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H. G. Wells – Die Insel des Dr. Moreau (Gruselkabinett 122)

Frankensteins Schöpfungen laufen Amok

Im Jahr 1887 wird der schiffbrüchige Engländer Edward Prendick von einem Schiff aufgenommen, das einen gewissen Montgomery mit seinem grotesken Diener M’ling und eine Ladung verschiedener Tiere auf die geheimnisvolle Insel von Dr. Moreau bringen soll. Moreau ist für Edward Prendick beileibe kein Unbekannter, immerhin hat auch er einen wissenschaftlichen Hintergrund… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.

Der Autor

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H. G. Wells – Der Unsichtbare. Teil 1+2 (Gruselkabinett Folgen 120+121)

Schwarze Komödie: der Wissenschaftler als Terrorist

West-Sussex 1896: Während ein heftiger Schneesturm tobt, bezieht ein mysteriöser Mann mit bandagiertem Gesicht ein Zimmer im Gasthof des beschaulichen Örtchens Iping. Schnell wird der Fremde zum Gesprächsthema an dem kleinen Ort, vor allem, als seine Koffer angekommen sind und er mit chemischen Experimenten beginnt, die ihn den Wirtsleuten und Dorfbewohnern schnell nur noch unheimlicher erscheinen lassen…

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Steffen König – Die Dämonen vom Ullswater

Sein unspektakulärer Titel macht es nicht leicht ersichtlich, aber: Dieser Roman hat alles, um als Highlight der phantastischen Literatur aus dem Jahr 2014 hervor zu gehen. Bis dahin ist es zwar noch etwas hin, jedoch hat Steffen König stark vorgelegt und präsentiert eine unfassbar spannende Geschichte von geradezu klassischer Struktur – letzteres mag angesichts des avisierten Handlungszeitraums nicht weiter verwundern, abgesehen von der Meisterschaft, mit der sich König in dieser uns heute recht fremden Sprache bewegt.

Voranstellen möchte ich der Rezension ein Zitat aus der Danksagung des Autors als Verweis auf die Schwierigkeit, die eine Besprechung dieses Romans hervor ruft, wenn man allzu große Vorwegnahmen auf den Inhalt vermeiden möchte. Dementsprechend wird ein bestimmter Abschnitt der Besprechung gesondert gekennzeichnet sein, und der geneigte Leser wird selbst zu entscheiden haben, wie viel er von dem entsprechenden Abschnitt liest:

»Mein Dank geht auch an H. G.Wells und Jeff Wayne, die auf ihre jeweils eigene unvergleichliche Art England in Schutt und Asche gelegt haben und mich damit zu dieser Geschichte inspirierten.« (Steffen König, 2014, aus: Danksagung, Die Dämonen vom Ullswater, Wurdack-Verlag Nittendorf)

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H. G. Wells, – Zeitmaschine, Die (inszenierte Lesung)

_Angewandte Evolutionstheorie: Eloi, Morlocks, Mensch_

Der Zeitreisende, den H. G. Wells als Erster in die Zukunft schickt, erlebt sehr viel mehr – und zugleich weniger – als in den bislang zwei Verfilmungen seines erfolgreichen Romans geschildert wird. Was aber meist weggelassen wird, sondern die Gedanken, die sich der wissenschaftlich gebildete Voyageur über die Evolution von Mensch und Universum macht. Keineswegs dogmatisch verbohrt, stellt er immer wieder eine Theorie auf, nur um sie unter dem Druck neuer Phänomene sofort zu revidieren, wohlwissend, dass sie nur Modelle sein können, um eine ungewöhnliche Situation zu beschreiben. Dabei fällt er ironischerweise selbst auf die primitivste Stufe der menschlichen Kultur zurück …

_Der Autor_

Herbert George Wells (1866-1946) beeinflusste die Entwicklung der Science-Fiction wie neben ihm nur noch Jules Verne. Seitdem er die Lehren von T. H. Huxley, einem eifrigen Verfechter von Charles Darwins Evolutionstheorie, gehört hatte, verfolgte er diese Theorien weiter. Weil ihm die Lehrerlaufbahn wegen angegriffener Gesundheit verwehrt blieb, wandte er sich dem Schreiben zu, um Geld zu verdienen. Schon die ersten Erzählungen wie „The Chronic Argonauts“, die 1888 erschien, erregten Aufsehen. Daraus formte er dann das vorliegende Buch „The Time Machine“, das 1895 erschien. Joseph Conrad und Henry James, die besten Autoren ihrer Zeit, hießen ihn in ihren Reihen willkommen.

_Der Sprecher_

Götz Otto, geboren 1967, studierte Theaterwissenschaft, Politologie und Philosophie in Berlin, bevor er seine Schauspielausbildung an der Grazer Hochschule für Musik und darstellende Kunst und an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule absolvierte. 1991 spielte er bereits am Schiller-Theater Berlin und im Kinofilm „Kleine Haie“ von Sönke Wortmann. 1993 kam der Sprung nach Hollywood, wo er in Spielbergs „Schindlers Liste“ mitwirkte. Weltbekannt wurde er aber 1997 durch seine Rolle des Bösewichts Stamper im James-Bond-Thriller „Der Morgen stirbt nie“. 2003 trat er in „Der Untergang“ auf. Als Synchronsprecher lieh er seine Stimme dem Kater Snowball in „Stuart Little“. Zuletzt hat er in der britischen Kinokomödie „Alien Autopsy“ mitgewirkt.

Der Buchtext wurde von Dirk Kauffels gekürzt, der auch Regie führte. Die Tonaufnahme oblag Detlef Fischer, München. Die Mischung nahm Georg Niehusmann vom Sonic Yard Studio in Düsseldorf vor.

_Handlung_

Zwei Herrengesellschaften

Der Roman beginnt weder auf dem Mond noch in ferner Zukunft, sondern im schönen Themsetal bei Richmond, genauer: in der Bibliothek des Zeitreisenden, der nie einen Namen erhält. Bei ihm zu Besuch ist eine Herrengesellschaft, zu welcher der Ich-Erzähler als Chronist zählt, sowie ein gewisser Philby, offenbar die Stimme der Kritik. Ansonsten gibt es nur Namenlose: den Arzt, den Psychologen, den Bürgermeister „aus der Provinz“ und einen „jungen Mann“.

Ihnen setzt der Zeitreisende seine Idee auseinander, dass man sich in der Zeit als einer ähnlichen Dimensionen wie in den drei Dimensionen des Raumes bewegen könne. Und er stellt ihnen das Modell seines Vehikels vor. Mit dem Umlegen eines Hebels schickt der Psychologe es in die Zukunft. Natürlich nicht in die Vergangenheit, sonst hätten sie es ja bei früheren Besuchen bemerken müssen.

Nebenan wartet im Labor bereits die fast fertiggestellte richtige Zeitmaschine. Die Besucher sind verblüfft, nicht nur ob dieses Apparats, sondern auch wegen der Ankündigung des Gastgebers, er werde die Zeit erforschen.

Bei einem zweiten Besuch erwartet die Rückkehr des Zeitreisenden ebenfalls eine illustre Herrengesellschaft: der Herausgeber einer Tageszeitung, ein Journalist, ein „Schweigsamer“ und unser Chronist. Da taucht der lang Erwartete endlich auf, doch in zerfetzter Kleidung, schmutzig und verletzt, bleich, hinkend und schuhlos. Offenbar ist ihm einiges zugestoßen, doch die beiden Pressemenschen haben nur Spott für ihn übrig – was soll dieser abgeschmackte Zirkusauftritt? Nachdem er sich frisch gemacht hat, fällt der Gastgeber gierig über das Abendessen her. Im „Rauchzimmer“ erzählt er dann seine Geschichte. Wie erbeten, unterbricht ihn keiner der Anwesenden.

|Die Reise|

Er ist ins Jahr 802.701 gereist, aber im Themsetal geblieben. Auf einer Wiese kam er im Hagelsturm vor einer großen Bronzestatue zum Halten. Es handelte sich um eine Sphinx mit ausgebreiteten Schwingen, die auf einem Piedestal stand. Schöne Zwerge in feinen Gewändern tauchten nach dem Sturm auf, die ihn anlachten und zum Essen einluden, in einen nahegelegenen Palast. Dieser sei aber sehr heruntergekommen gewesen und habe ungepflegt ausgesehen. Da die Zwerge – sie nennen sich „Eloi“ – recht träge und dumm sind, hält er sie nicht für die Erbauer dieses Gebäudes, das von einem schönen, doch verwilderten Garten umgeben ist. Sie verfügen weder über Aufmerksamkeit noch Neugier, fürchten sich aber enorm vor jeder Art von Dunkelheit.

Auf einem Hügel entdeckt der Ankömmling eine Menge Ruinen, aber keinerlei Häuser oder Felder. Seine erste Theorie lautet daher: „Kommunismus“! Als er die Schlote entdeckt, über denen die Luft flimmert, und die tiefen trockenen Schächte, die Luft ansaugen, muss er seine Theorie angesichts dieses Ventilationssystems revidieren. Während seines Sinnens über den evolutionären Niedergang der Menschheit auf das Niveau der Eloi vergisst er seine einzige Reisemöglichkeit. Seine Maschine ist verschwunden, in den Sockel der Sphinx gezerrt worden. Es gibt offenbar noch andere Wesen außer den Eloi.

|Die Unterwelt|

Nachdem er in einer geretteten Eloifrau namens Weena eine Gefährtin gefunden hat, mit der er sich unterhalten kann (die Sprache ist rasch erlernt), macht er sich trotz ihrer Warnungen auf eine Expedition in einen der Schächte hinab, um einem seltsamen weißen Wesen zu folgen. Mit Hilfe seiner Streichhölzer dringt er in die Tunnel in der Tiefe vor. In der weitverzweigten Unterwelt stehen riesige Maschinen, die von den weißen affenähnlichen Wesen bedient werden. Es handelt sich nicht um Affen, sondern um eine weitere menschliche Spezies: Morlocks. Und auf einem ihrer Tische erblickt der Zeitreisende entsetzt die Überreste eines Eloi. Die Morlocks sind offenbar Kannibalen.

Mit knapper Not entgeht er den Zugriffsversuchen dieser Fleischfresser, doch er hat nur noch wenige Streichhölzer übrig, um sich gegen die nun nächtlich erfolgenden Morlockangriffe zu wehren. Wieder muss er seine Evolutionstheorie revidieren, um eine Verbindung zwischen dem 19. und dem 8028. Jahrhundert herzustellen. Durch mehrere dunkle Neumondnächte unternimmt er eine Wanderung mit Weena, die in den Verfilmungen stets weggelassen wird: in das Museum im „Grünen Porzellanpalast“.

|Das Museum|

In diesem Museum im früheren South Kensington stößt er auf eine Galerie von Urwelttieren, wie sie im ausgehenden 19. Jahrhundert revolutionär war. Um sich und Weena vor herandrängenden Morlocks zu schützen, bricht er einen Hebel von einer Maschine ab und besorgt sich Kampfer sowie Streichhölzer: Er ist auf die Stufe eines Höhlenmenschen mit Feuer und Keule zurückgefallen. Schuhe hat er ebenfalls keine mehr.

Nach einer Lagerfeuernacht im Wald kommt es zur Schlacht. Die Morlocks wollen unbedingt Weena und ihn zum Frühstück verspeisen. Während Weena verschwindet, bricht im Wald Feuer aus, das die Morlocks in schwere Bedrängnis bringt: An die Dunkelheit der Tunnel längst angepasst, sind sie vom Feuer geblendet und rennen blindlings in die Flammen.

Doch die Morlocks haben immer noch seine Zeitmaschine in ihrer Gewalt. Er kann nicht mehr bleiben und muss sie zurückbekommen. Doch die Morlocks haben eine Falle für ihn vorbereitet …

_Mein Eindruck_

Dieser erste Roman von Wells hat die Zeitreise und das Instrument dafür in die Science-Fiction eingeführt; unzählige Nachahmer haben seine Idee aufgegriffen. Mit der Zeitmaschine begegnen die Zeitreisenden des Öfteren positiven oder negativen utopischen Gesellschaften, die gewöhnlich in kritischem Gegensatz zur Gesellschaft des Autors und seines Lesers stehen.

Da es sich bei dem Buch nach Wells‘ eigener Definition um eine „scientific romance“ handelt, also im Grunde um eine wissenschaftlich fundierte, aber eigentlich unglaubliche Abenteuergeschichte, konzentriert sich sein Interesse auf nicht auf die technischen Voraussetzungen der Zeitreise, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die im Jahr 802.701 anzutreffen sind.

Der eng umgrenzte Schauplatz der Handlung präsentiert sich ihm zunächst als grünes, fruchtbares Paradies (mit großer Ähnlichkeit zum Tal der Themse), das von den kindhaften Eloi bewohnt wird. Doch unter der Erde leben in düsteren Höhlen die verunstalteten Morlocks, die Nachkommen eines früheren Industrieproletariats. Die Auffassung des Zeitreisenden vom Verhältnis dieser beiden Rassen zueinander ändert sich unter dem Eindruck neuer Erkenntnisse ständig.

Waren ihm die Eloi zu Anfang als die Herren der Welt (und zugleich eine Art englische „leisure class“) erschienen, so stellen sie sich schließlich als das Vieh heraus, das die Morlocks als Nahrung züchten. Diese Umkehrung der Verhältnisse, die Wells‘ Leser kannten, löst im Zeitreisenden Entsetzen aus, das viel von den Ängsten verrät, die Wells hinsichtlich seiner eigenen Klasse hegte. In den letzten Kapiteln malt er ein visionäres Schreckensbild von einer schwachen Sonne, wenn am Ende der Zeiten alle Energie dem Prozess der Entropie zum Opfer gefallen ist.

Aber mehr noch durch den Grundeinfall besticht „Die Zeitmaschine“ durch ihre Bildhftigkeit und ihre metaphernreiche Sprache. Daher wird das Buch als der beste Roman in Wells‘ Frühwerk angesehen. In einer Gesamtschau der Zukunft ist hier die erste bedeutende anti-utopische Horrorvision entstanden. Dem Buch war infolgedessen ein großer Erfolg beschieden und es wurde seit 1895 zweimal verfilmt, zuletzt von Wells‘ Enkel Simon.

(zitiert nach meinem eigenen Artikel in „Harenbergs Lexikon der Weltliteratur“, 1989, Seite 3130-3131)

|Der Sprecher|

Götz Otto hat eine Stimme, die einen Deut tiefer liegt als die von David Nathan. Er trägt auch ähnlich vor wie David Nathan: deutlich artikuliert und die Sätze und Satzteile betonend. So kann der Hörer seinem Vortrag sehr gut folgen. Aber das ist natürlich nicht alles, was ein Sprecher können muss.

Otto gelingt es, den insgesamt acht Männern eine einigermaßen individuelle Tonlage und Sprechweise zu verleihen, so dass sie halbwegs unterscheidbar sind. Der Zeitreisende, dessen Namen wir nie erfahren, spricht zunächst tief und bedeutungsschwer, denn was er zu berichten hat, ist einfach unerhört. Deshalb legt er sich ein Mäntelchen der Autorität zu – und leiht es sich von anderen Autoritäten, die er laufend zitiert. Der Ich-Erzähler, der uns von ihm berichtet, heißt vermutlich Hillyard. Seine Tonlage ist normal und meist entspannt.

Der Provinzbürgermeister und der Zeitungsverleger sind Skeptiker und klingen dementsprechend. Dito der Arzt und der Psychologe, wohingegen der Journalist quengelt, wo er jetzt zu nachtschlafender Zeit ein Taxi herbekommt. Kurz vor Schluss taucht ein Diener auf, der den Zeitreisenden sucht. Er klingt, als würde er wie ein klassischer englischer Buttler näselnd.

Die Stimmen von Weena und Ihresgleichen hören wir nie. Und die „Stimmen“ der Morlocks lassen sich besser unter „Geräusche“ subsumieren.

|Geräusche|

Diese „inszenierte Lesung“ wartet mit einer Vielfalt unterschiedlichster Geräusche auf, die dennoch nur vereinzelt auftreten. Sie ergänzen oder untermalen den Text. In den Räumen des Zeitreisenden knistert stets ein Kaminfeuer, und eine Uhr tickt vernehmlich. Den Übergang zu den Abenteuern im großen „Draußen“ bildet das leise Motorengeräusch der Zeitmaschine selbst. Der idyllische Schauplatz der Erlebnisse im Jahr 802.701 ist zunächst mit Vogelgezwitscher erfüllt, doch nach diversen Erkundungen, unter anderem in der Unterwelt, macht ein großer Brand mit intensivem Flammenknistern der Idylle ein jähes Ende.

In der Unterwelt und im Wald stößt der Zeitreisende stets auf die weißen, tierhaften Morlocks. Sie stoßen ein grunzendes Schnauben aus, das man ihre Sprache interpretieren könnte. Es lässt sie wegen der tiefen Tonlage zugleich als Gefahr erscheinen. Nicht zu Unrecht, wie sich erweisen soll. Die Schreie der Morlocks, wenn sie Schmerz fühlen, sind markerschütternd und erinnerten mich an das Trompeten von Elefanten.

Die letzte Fahrt führt den Reisenden in die fernste Zukunft, an einen trostlosen Strand. Ein Heulruf, den ein Riesenschmetterling ausstößt, wird von einem insektoiden Schaben von Riesenkrabben abgelöst. Der Reisende macht, dass er wegkommt.

|Die Musik|

Ein dicker Pluspunkt dieser schönen Lesung ist die Musik. Sie stammt nach Angaben des Verlags aus dem Soundtrack der Verfilmung von 1960, die George Pal mit Rod Taylor in der Hauptrolle inszenierte – siehe auch das Titelbild des Hörbuchs. Diese Musik stammt jedenfalls nicht aus der Verfilmung von 2002, die Klaus Badelt komponierte, sondern ist von dem Komponisten Russell Garcia.

Die Musik dient niemals als Untermalung, sondern nur als Pausenfüller, der eine klare Zäsur zwischen den einzelnen Kapiteln bildet. Auf diese Weise kann sich der Hörer zurücklehnen und das Gehörte „verdauen“. Selten ist die die Musik auf Action ausgelegt, vielmehr sind die kleinen Stücke in der Mehrzahl entspannend, zuweilen auch melancholisch (eine Oboe erklingt). Einmal werden auch unheilvolle Akkorde angeschlagen, doch das allerletzte Stück endet mit einem hellen Triumph.

|Das Booklet|

… ist höchst informativ und für den jungen Leser – Schüler oder Student – von hohem Erklärungswert. Nicht nur Sprecher und Autor werden detailliert vorgestellt, sondern auch das Buch selbst. Außerdem findet sich ein mehrseitiges Glossar, das Namen und Begriffe erklärt. Eine sehr willkommene Verständnishilfe, wie ich finde.

_Unterm Strich_

„Die Zeitmaschine“ ist Wells‘ praktische Anwendung von Huxleys Version der Darwin’schen Evolutionstheorie, allerdings in packender erzählerischer Form. Was in den Verfilmungen völlig fehlt, ist das ständige Räsonnieren des Zeitreisenden über die vorgefundene Situation: Eloi und Morlocks – in welcher Beziehung stehen sie zueinander, und wie konnte es dazu kommen? Das gibt Wells‘ Hauptfigur Gelegenheit, stellvertretend für seinen Autor über zentrale Grundlagen der Zivilisation nachzudenken und sie in Frage zu stellen: Intelligenz, Neugier, Erfindungsgeist, Werkzeuge, aber auch Familie, Geschlecht (alle Eloi sind unisex gekleidet, die Morlocks überhaupt nicht), Nachkommen, Zeitempfinden.

Das traurige Finale der Zeitreise führt weit in die Zukunft. Aufgrund heutiger Kenntnisse kommt es zu der geschilderten Situation zwar erst in einer Milliarde Jahren, aber dennoch: Der Schrecken, den die schaurige Endzeit-Szenerie am Strand eines toten Meeres unter einer sterbenden Sonne vermittelt, dürfte annähernd der gleiche sein, wenn es soweit ist. Wells stellt die Evolution des Menschen in den größeren Rahmen der Evolution des Sonnensystems und des gleichgültigen Universums. Später werden Autoren wie Olaf Stapledon noch weiter blicken und die menschliche Evolution in fernste Zukunft fortschreiben. Doch Wells zieht als Mensch und möglicherweise Romantiker ein erstes Fazit von dem, was unter dem kalten Funkeln der Sterne im menschlichen Leben zählt: Liebe zum Beispiel.

|Das Hörbuch|

Eine inszenierte Lesung als Hörbuchfassung der „Zeitmaschine“? Dieses Vorhaben ist jedenfalls gut gelungen und weitaus unterhaltsamer als die Nur-Text-Fassung, die der |Verlag u. Studio für Hörbuchproduktionen| im Jahr 1996 vorlegte. Dass der Text leicht gekürzt wurde, ist meines Erachtens kein Nachteil, sondern erspart dem Hörer vielmehr die ermüdenden Erklärungen und Spekulationen des Buchautors.

Götz Otto erweist sich als kompetenter Sprecher, wenn er auch weit von der Stimmakrobatik eines Rufus Beck entfernt ist. Die Geräusche verdecken nie den Vortrag, und die Filmmusik von Russell Garcia aus dem Jahr 1960 ist sowohl stimmungsvoll als auch entspannend. Das Gesamtergebnis ist zwar nicht berauschend, aber solide und könnte sich auch für Unterrichtszwecke eignen.

|Originaltitel: The Time Machine, 1895
Deutsch bei Zsolnay, 1980
Aus dem Englischen von Annie Reney & Alexandra Auer
244 Minuten auf 3 CDs|
http://www.patmos.de

|Siehe ergänzend dazu Dr. Michael Drewnioks [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1414 der Buchfassung.|

H. G. Wells – Krieg der Welten

Vom Mars kommen intelligente aber skrupellose Wesen auf die Erde, um sich hier eine neue Heimat zu schaffen. Die menschliche Zivilisation wird ausgelöscht, die hilflose Bevölkerung wie Nutzvieh gehalten. Der Untergang steht bevor, als sich die Natur einmischt … – Klassischer SF-Roman aus dem Jahre 1898, spannend verfasst von einem Vollblutschriftsteller, der die Handlung mit vielen philosophischen Fragen anreichert, was indes den Erzählablauf nie stört: ein zeitloses Meisterwerk, das mehr als ein Jahrhundert nach der Entstehung sein Publikum mit Leichtigkeit findet und auch zukünftig finden wird.
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H. G. Wells – Die Zeitmaschine

Ein Zeitreisender gerät in eine ferne Zukunft, in der die Menschen das Paradies auf Erden geschaffen zu haben scheinen. Doch buchstäblich unter der Oberfläche lauert die hässliche Wahrheit … – Einer DER Klassiker der Science-Fiction-Literatur und bereits als solcher über Kritik eigentlich erhaben; allerdings ist dieser Kurzroman tatsächlich zeitlos spannend und immer noch eine Lektüre wert!
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H. G. Wells, – Die Zeitmaschine

Der Zeitreisende, den H. G. Wells als erster in die Zukunft schickt, erlebt sehr viel mehr – und zugleich weniger – als in den bislang zwei Verfilmungen seines erfolgreichen Romans geschildert wird. Was aber meist weggelassen wird, sind die Gedanken, die sich der wissenschaftlich gebildete Voyageur über die Evolution von Mensch und Universum macht. Keineswegs dogmatisch verbohrt, stellt er immer wieder eine Theorie auf, nur um sie unter dem Druck neuer Phänomene sofort zu revidieren, wohlwissend, dass sie nur Modelle sein können, um eine ungewöhnliche Situation zu beschreiben. Dabei fällt er ironischerweise selbst auf die primitivste Stufe der menschlichen Kultur zurück …

|Der Autor|

Herbert George Wells (1866-1946) beeinflusste die Entwicklung der Science-Fiction wie neben ihm nur noch Jules Verne. Seitdem er die Lehren von T. H. Huxley, einem eifrigen Verfechter von Charles Darwins Evolutionstheorie, gehört hatte, verfolgte er diese Theorien weiter. Weil ihm die Lehrerlaufbahn wegen angegriffener Gesundheit verwehrt blieb, wandte er sich dem Schreiben zu, um Geld zu verdienen. Schon die ersten Erzählungen wie „The Chronic Argonauts“, die 1888 erschien, erregten Aufsehen. Daraus formte er dann das vorliegende Buch „The Time Machine“, das 1895 veröffentlicht wurde. Joseph Conrad und Henry James, die besten Autoren ihrer Zeit, hießen ihn in ihren Reihen willkommen.

|Der Sprecher|

Der Sprecher Martin Maria Schwarz wurde 1963 in Frankfurt/M. geboren. Zunächst zum Hotelkaufmann ausgebildet, studierte er Germanistik, Französisch und Kunstgeschichte in Mainz, Marburg und Bordeaux. Im Anschluss daran begann Martin Maria Schwarz seine journalistische Laufbahn, zunächst als freier Mitarbeiter kleinerer Radiosender, schließlich in fester Bindung als Redakteur, Autor und Sprecher in der Kulturredaktion des Hessischen Rundfunks.

Die Wurzeln für sein sprecherisches Können liegen bereits in der Zeit Anfang der 90er Jahre, als Martin Maria Schwarz neben öffentlichen Auftritten mit einem Kabarett-Ensemble und Rezitationsabenden ständiger Mitarbeiter des Sprecherteams der Deutschen Blindenhörbücherei wurde. Seine sprechkünstlerische Umsetzung von Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“ wurde von einem unabhängigen Jurorenteam zum besten Kinder- und Jugendhörbuch im Januar 1998 gewählt. (zitiert nach „Hörbuchverlag“)

Regie führte Hans Eckardt, wie das äußerst sparsam gestaltete Booklet verrät.

_Handlung_

|Zwei Herrengesellschaften|

Der Roman beginnt weder auf dem Mond noch in ferner Zukunft, sondern im schönen Themsetal bei Richmond, genauer: in der Bibliothek des Zeitreisenden, der nie einen Namen erhält. Bei ihm zu Besuch ist eine Herrengesellschaft, zu welcher der Ich-Erzähler als Chronist zählt, sowie ein gewisser Philby, offenbar die Stimme der Kritik. Ansonsten gibt es nur Namenlose: den Arzt, den Psychologen, den Bürgermeister „aus der Provinz“ und einen „jungen Mann“.

Ihnen setzt der Zeitreisende seine Idee auseinander, dass man sich in der Zeit als einer ähnlichen Dimension wie in den drei Dimensionen des Raumes bewegen könne. Und er stellt ihnen das Modell seines Vehikels vor. Mit dem Umlegen eines Hebels schickt der Psychologe es in die Zukunft. Natürlich nicht in die Vergangenheit, sonst hätten sie es ja bei früheren Besuchen bemerken müssen.

Nebenan wartet im Labor bereits die fast fertig gestellte richtige Zeitmaschine. Die Besucher sind verblüfft, nicht nur ob dieses Apparats, sondern auch wegen der Ankündigung des Gastgebers, er werde die Zeit erforschen.

Bei einem zweiten Besuch erwartet die Rückkehr des Zeitreisenden ebenfalls eine illustre Herrengesellschaft: der Herausgeber einer Tageszeitung, ein Journalist, ein „Schweigsamer“ und unser Chronist. Da taucht der lang Erwartete endlich auf, doch in zerfetzter Kleidung, schmutzig und verletzt, bleich, hinkend und schuhlos. Offenbar ist ihm einiges zugestoßen, doch die beiden Pressemenschen haben nur Spott für ihn übrig – was soll dieser abgeschmackte Zirkusauftritt? Nachdem er sich frisch gemacht hat, fällt der Gastgeber gierig über das Abendessen her. Im „Rauchzimmer“ erzählt er dann seine Geschichte. Wie erbeten unterbricht ihn keiner der Anwesenden.

|Die Reise|

Er ist ins Jahr 802.701 gereist, aber im Themsetal geblieben. Auf einer Wiese kam er im Hagelsturm vor einer großen Bronzestatue zum Halten. Es handelte sich um eine Sphinx mit ausgebreiteten Schwingen, die auf einem Piedestal stand. Schöne Zwerge in feinen Gewändern tauchten nach dem Sturm auf, die ihn anlachten und zum Essen einluden, in einen nahegelegenen Palast. Dieser sei aber sehr heruntergekommen gewesen und habe ungepflegt ausgesehen. Da die Zwerge – sie nennen sich „Eloi“ – recht klein und dumm sind, hält er sie nicht für die Erbauer dieses Gebäudes, das von einem schönen, doch verwilderten Garten umgeben ist. Sie verfügen weder über Aufmerksamkeit noch Neugier, fürchten sich aber enorm vor jeder Art von Dunkelheit.

Auf einem Hügel entdeckt der Ankömmling eine Menge Ruinen, aber keinerlei Häuser oder Felder. Seine erste Theorie lautet daher: „Kommunismus“! Als er die Schlote entdeckt, über denen die Luft flimmert, und die tiefen trockenen Schächte, die Luft ansaugen, muss er seine Theorie angesichts dieses Ventilationssystems revidieren. Während seines Sinnens über den evolutionären Niedergang der Menscheit auf das Niveau der Eloi vergisst er seine einzige Reisemöglichkeit. Seine Maschine ist verschwunden, in den Sockel der Sphinx gezerrt worden. Es gibt offenbar noch andere Wesen außer den Eloi.

|Die Unterwelt|

Nachdem er in einer geretteten Eloifrau namens Weena eine Gefährtin gefunden hat, mit der er sich unterhalten kann (die Sprache ist rasch erlernt), macht er sich trotz ihrer Warnungen auf eine Expedition in einen der Schächte hinab, um einem seltsamen weißen Wesen zu folgen. Mit Hilfe seiner Streichhölzer dringt er in die Tunnel in der Tiefe vor. In der weitverzweigten Unterwelt stehen riesige Maschinen, die von den weißen affenähnlichen Wesen bedient werden. Es handelt sich nicht um Affen, sondern um eine weitere menschliche Spezies: Morlocks. Und auf einem ihrer Tische erblickt der Zeitreisende entsetzt die Überreste eines Eloi. Die Morlocks sind offenbar Kannibalen.

Mit knapper Not entgeht er den Zugriffsversuchen dieser Fleischfresser, doch er hat nur noch wenige Streichhölzer übrig, um sich gegen die nun nächtlich erfolgenden Morlockangriffe zu wehren. Wieder muss er seine Evolutionstheorie revidieren, um eine Verbindung zwischen dem 19. und dem 80. Jahrtausend herzustellen. Durch mehrere dunkle Neumondnächte unternimmt er eine Wanderung mit Weena, die in den Verfilmungen stets weggelassen wird: in das Museum im „Grünen Porzellanpalast“.

|Das Museum|

In diesem Museum im früheren South Kensington stößt er auf eine Galerie von Urwelttieren, wie sie im ausgehenden 19. Jahrhundert revolutionär war. Um sich und Weena vor herandrängenden Morlocks zu schützen, bricht er einen Hebel von einer Maschine ab und besorgt sich Kampfer sowie Streichhölzer: Er ist auf die Stufe eines Höhlenmenschen mit Feuer und Keule zurückgefallen. Schuhe hat er ebenfalls keine mehr.

Nach einer Lagerfeuernacht im Wald kommt es zur Schlacht. Die Morlocks wollen unbedingt Weena und ihn zum Frühstück verspeisen. Während Weena verschwindet, bricht im Wald Feuer aus, das die Morlocks in schwere Bedrängnis bringt: An die Dunkelheit der Tunnel längst angepasst, sind sie vom Feuer geblendet und rennen blindlings in die Flammen.

Doch die Morlocks haben immer noch seine Zeitmaschine in ihrer Gewalt. Er kann nicht mehr bleiben und muss sie zurückbekommen. Doch die Morlocks haben eine Falle für ihn vorbereitet …

_Mein Eindruck_

Dieser erste Roman von Wells hat die Zeitreise und das Instrument dafür in die Science-Fiction eingeführt; unzählige Nachahmer haben seine Idee aufgegriffen. Mit der Zeitmaschine begegnen die Zeitreisenden des Öfteren positiven oder negativen utopischen Gesellschaften, die gewöhnlich in kritischem Gegensatz zur Gesellschaft des Autors und seines Lesers stehen.

Da es sich bei dem Buch nach Wells‘ eigener Definition um eine „scientific romance“ handelt, also im Grunde um eine wissenschaftlich fundierte, aber eigentlich unglaubliche Abenteuergeschichte, konzentriert sich sein Interesse auch nicht auf die technischen Voraussetzungen der Zeitreise, sondern auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die im Jahr 802701 anzutreffen sind.

Der eng umgrenzte Schauplatz der Handlung präsentiert sich ihm zunächst als grünes, fruchtbares Paradies (mit großer Ähnlichkeit zum Tal der Themse), das von den kindhaften Eloi bewohnt wird. Doch unter der Erde leben im Düsteren die verunstalteten Morlocks, die Nachkommen eines früheren Industrieproletariats. Die Auffassung des Zeitreisenden vom Verhältnis dieser beiden Rassen zueinander ändert sich unter dem Eindruck neuer Erkenntnisse ständig.

Waren ihm die Eloi zu Anfang die Herren der Welt (und zugleich eine Art englische „leisure class“), so stellen sie sich schließlich als das Vieh heraus, das die Morlocks als Nahrung züchten. Diese Umkehrung der Verhältnisse, die Wells‘ Leser kannten, löst im Zeitreisenden Entsetzen aus, das viel von den Ängsten verrät, die Wells hinsichtlich seiner eigenen Klasse hegte. In den letzten Kapiteln malt er ein visionäres Schreckensbild von einer schwachen Sonne, wenn am Ende der Zeiten alle Energie dem Prozess der Entropie zum Opfer gefallen ist.

Aber mehr noch als durch den Grundeinfall besticht „Die Zeitmaschine“ durch ihre Bildhftigkeit und ihre metaphernreiche Sprache. Daher wird das Buch als der beste Roman in Wells‘ Frühwerk angesehen. In einer Gesamtschau der Zukunft ist hier die erste bedeutende anti-utopische Horrorvision entstanden. Dem Buch war infolgedessen ein großer Erfolg beschieden und es wurde seit 1895 zweimal verfilmt, zuletzt von Wells‘ Enkel Simon. (zitiert nach meinem Artikel in „Harenbergs Lexikon der Weltliteratur“, 1989, Seite 3130-3131)

|Der Sprecher|

Martin Maria Schwarz ist ein professionell geschulter Sprecher. Dies ist an seiner präzisen, deutlich die einzelnen Worte hervorhebenden Sprechweise ebenso zu hören wie an der einfühlsamen Art, die Sätze zu intonieren und mit Pausen zu versehen, um bestimmte Teile hervorzuheben. Er tritt als Vortragender hinter dem Inhalt zurück, so dass die Geschichte ohne jedwede Ironie oder andere Distanzierung auf uns wirken kann.

Vielmehr ist es also der Inhalt, der seine Vortragsweise bestimmt: Schnelle Aktionen wie etwa die Flucht aus den Tunneln oder die finale Schlacht gegen die Morlocks werden mit Verve und Tempo vorgetragen. Doch als der Zeitreisende 30 Millionen Jahre in die Zukunft reist und dort das Ende der Welt, der Sonne und des ganzen Rests erleben muss, wird auch der Vortrag entsprechend der Stimmung des Beobachters: melancholisch, bedrückt, von leisem Grauen angesichts der schwarzen Ungeheuer erfasst.

Der verhallende Schrei des riesigen Schmetterlings ist das ergreifende Symbol für diese Endzeitstimmung. Natürlich wird dieser „Schrei“ nicht akustisch wiedergegeben – das wäre ja platt und banal. Vielmehr obliegt es dem Sprecher, diesen Effekt hervorzurufen, aber nur in den Sätzen des Erzählers. Schwarz gelingt dies, ohne dass der Hörer in Schmunzeln oder gar Grinsen ausbricht.

Ansonsten bietet das Hörbuch weder Musik noch Geräusche auf, um Stimmung zu erzeugen. Dies ist sehr viel weniger als viele moderne Hörbücher vorweisen können und könnte auf die frühe Entstehungszeit zurückzuführen sein (1996?!).

_Unterm Strich_

„Die Zeitmaschine“ ist Wells‘ praktische Anwendung von Huxleys Version der Darwin’schen Evolutionstheorie, allerdings in packender erzählerischer Form. Was in den Verfilmungen völlig fehlt, ist das ständige Räsonnieren des Zeitreisenden über die vorgefundene Situation: Eloi und Morlocks – in welcher Beziehung stehen sie zueinander, und wie konnte es dazu kommen? Das gibt Wells‘ Hauptfigur Gelegenheit, stellvertretend für seinen Autor über zentrale Grundlagen der Zivilisation nachzudenken und sie in Frage zu stellen: Intelligenz, Neugier, Erfindungsgeist, Werkzeuge, aber auch Familie, Geschlecht (alle Eloi sind unisex gekleidet, die Morlocks überhaupt nicht), Nachkommen, Zeitempfinden.

Das traurige Finale der Zeitreise führt weit in die Zukunft. Aufgrund heutiger Kenntnisse kommt es zu der geschilderten Situation zwar erst in einer Milliarde Jahren, aber dennoch: Der Schrecken, den die schaurige Endzeit-Szenerie am Strand eines toten Meeres unter einer sterbenden Sonne vermittelt, dürfte annähernd der gleiche sein, wenn es soweit ist. Wells stellt die Evolution des Menschen in den größeren Rahmen der Evolution des Sonnensystems und des gleichgültigen Universums. Später werden Autoren wie Olaf Stapledon noch weiter blicken und die menschliche Evolution in fernste Zukunft fortschreiben. Doch Wells zieht als Mensch und möglicherweise Romantiker ein erstes Fazit von dem, was unter dem kalten Funkeln der Sterne im menschlichen Leben zählt: Liebe zum Beispiel.

Das Hörbuch ist sehr einfach gestaltet, wenn man es mit modernen Produktionen vergleicht, die sich dem Stil des Hörspiels annähern. Dennoch verfehlt die Geschichte, die Schwarz vorträgt, nicht ihre Wirkung. Wer gelernt hat, richtig und aufmerksam zuzuhören, wird an dem Vortrag seine Freude haben. Leider können nur noch wenige Menschen diese Geduld aufbringen.

|Umfang: 252 Minuten auf 4 CDs|