Schlagwort-Archive: Heyne

Richard Matheson – Echoes: Stimmen aus der Zwischenwelt

Das geschieht:

Es beginnt als Spiel unter Nachbarn und Freunden, die eine lahme Party in Gang bringen möchten: Tom Wallace, Mitarbeiter einer Werbeagentur, erklärt sich bereit, das Versuchskaninchen für Philip, den jüngeren Bruder seiner Ehefrau Anne, zu spielen. Der junge Psychologiestudent möchte seinen Schwager hypnotisieren. Wider Erwarten gelingt das Experiment, und Tom macht sich zur Belustigung der Gäste durch allerlei suggerierte Mätzchen lächerlich.

Tom hat längst vergessen, dass sein Großvater als Medium bekannt und gefürchtet war. Nun tritt der Enkel unfreiwillig in seine Fußstapfen und entwickelt sich zum Gedankenleser, was nicht nur Anne oder Söhnchen Richard missfällt. Tom leidet unter seiner Gabe, denn wer möchte schon wissen, was seine Mitmenschen wirklich denken; besonders, wenn diese in der Nachbarschaft wohnen und unsympathisch wirken wie Harry Sentas, der grobschlächtige Hausvermieter, oder Frank Wannamaker, der seine Ehefrau Elizabeth nicht nur betrügt, sondern wahrscheinlich auch schlägt. Richard Matheson – Echoes: Stimmen aus der Zwischenwelt weiterlesen

Henry Rider Haggard – König Salomons Diamanten

haggard-salomon-cover-heyne-1985-kleinEnde des 19. Jahrhunderts gerät eine britische Expedition in ein versunkenes Reich, in dem archaische Krieger über die Diamantenminen des sagenhaften Königs Salomon wachen. Die Rückkehr ist schwierig, denn der grausame Herrscher will seine Besucher nicht mehr ziehen lassen … – Einer der ganz großer Klassiker der Abenteuerliteratur mischt Elemente des Reiseromans mit denen der (späteren) Fantasy. Aus heutiger Sicht sicherlich gemächlich, mit ausführlichen Landschaftsbeschreibungen, teils angestaubt, teils unbehaglich chauvinistisch im zeitgenössisch selbstverständlichen Dünkel gegenüber den „schwarzen Wilden“ aber immer noch fesselnd.
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Stephen King – Christine

Das geschieht:

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Arnie Cunningham, gerade 17 geworden, Christine begegnet – einem feuerrot-weiß lackierten, haifischflossengezierten Plymouth Fury des Baujahres 1958. In Libertyville, einem Städtchen im US-Staat Maine, ist Arnie, der intelligent aber keine Sportskanone ist sowie von heftiger Akne heimgesucht wird, der Prügelknabe seiner Highschool. Nur die Freundschaft zum baumlangen Football-Spieler Dennis Guilder verhindert, dass die Jugend von Libertyville den Außenseiter endgültig ausradiert.

Niemand weiß, dass Arnie hinter einer Maske aus Gleichmut sehr wohl seinen Groll nährt und Rachepläne schmiedet. Das macht sich Christine zunutze, die weniger ein Auto, sondern eine Metall gewordene und von einem bösen Geist beseelte Todesmaschine ist und sich als Instrument der Vergeltung anbietet, die Arnie in Libertyville üben will. Stephen King – Christine weiterlesen

Stephen King – Duddits: Dreamcatcher

Das geschieht:

Das Leben hat sie gebeutelt: Joe „Biber“ Clarendon, den Hippie-Tischler, der zwanghaft Zahnstocher zerkaut; Pete Moore, den alkoholsüchtigen Autoverkäufer; Henry Devlin, den depressiven Psychiater, für den der Selbstmord bereits beschlossene Sache ist, und Gary „Jonesy“ Jones, den College-Dozenten, der sich gerade langsam von einem schweren Autounfall erholt. Seit einem Vierteljahrhundert kennen sie sich und haben sich niemals aus den Augen verloren. Ein unsichtbares Band verbindet sie – und das buchstäblich, denn das Quartett verfügt über gewisse hellseherische Kräfte.

Trotzdem waren Biber, Pete, Henry und Jonesy nur Waisenknaben gegen den Fünften im Bunde: Douglas Cavell, genannt „Duddits“, ihren geistig behinderten, telepathisch begabten Freund aus der Kleinstadt Derry im US-Bundesstaat Maine, Neuengland. Ihn hat das Quartett aus den Augen verloren. Stephen King – Duddits: Dreamcatcher weiterlesen

Bradbury, Ray – Fahrenheit 451

Auf dem Kopf den Helm mit der 451, das Salamanderabzeichen am Ärmel und die Phönixplakette – dies sind die Merkmale von Guy Montags Feuerwehruniform. Montags Aufgabe besteht nicht darin, Brände zu löschen, sondern sie zu legen. Auf dem Rücken trägt er einen Flammenwerfer, gefüllt mit Kerosin. In Bradburys Welt vollstreckt die Feuerwehr eine staatlich legitimierte Bücherverbrennung: Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Papier brennt (233 Grad Celsius). Literatur ist verboten, wer Bücher besitzt, macht sich strafbar. Es gilt, „die kärglichen Reste der Kulturgeschichte auszutilgen“. Denunziationen lassen die Alarmglocken bei der Feuerwehr schrillen, das Haus wird ebenfalls eingeäschert, und der Delinquent erhält von einem mechanischen Hund mit Kanülenzunge eine kräftige Dosis Morphium injiziert.

Die Bücher wurden ersetzt durch Fernsehwände, auf denen interaktive hohlköpfige Soaps ablaufen -„Wozu etwas lernen, wenn es genügt, den Knopf zu drücken?“ Ansonsten amüsieren sich die Menschen in Turbinenautos, rasen mit aberwitziger Geschwindigkeit über die Autobahnen und wer zu langsam fährt, wird verhaftet. Selbstmorde sind an der Tagesordnung. Es gibt ein eigens dafür eingerichteten Express-Service, der mit Magen- und Blutpumpe anrückt und die Lebensmüden reanimiert. Das Familienleben existiert als solches nicht mehr. Kinder befördert man ins Fernsehzimmer und knipst an. „Es ist wie mit der Wäsche, man stopft sie in die Maschine und knallt den Deckel zu“.

Eines Tages trifft Montag die junge Clarisse, die nicht zu den normalen Menschen gehört, sondern zu jenen, die nicht nur wissen wollen „wie etwas gemacht wird, sondern warum“ und merkt in den Gesprächen mit ihr, wie unzufrieden und unglücklich er ist. „Er trug sein Glück wie eine Maske, und das Mädchen war damit davongelaufen; es bestand keine Möglichkeit, bei ihr anzuklopfen und die Maske zurückzufordern“. Doch die Begegnung ist von kurzer Dauer. Als man sie eines Tages verschwinden lässt, holt Montag die bei seinen Einsätzen heimlich gesammelten Bücher hervor und versucht damit die Wand zu seiner Frau und die Eintönigkeit seiner Ehe zu durchbrechen. Doch es geht um viel mehr. Er sieht die Bücher als einzigen Ausweg „aus dem Dunkel“, als einziges Mittel „zu verhindern, daß wir immer wieder dieselben unsinnigen Fehler machen.“ In den Büchern sucht er ein Mittel, einen Weg, der scheinbar unaufhaltsamen Annäherung an den Abgrund entgegenzusteuern. Seine Frau, das „Haar von Chemikalien zu sprödem Stroh zerfressen“, der Leib von Abmagerungskuren ausgemergelt und „das Fleisch weiß wie Kochspeck“, reagiert mit Befremden und Abscheu auf seine Rezitationen. Nur in dem ehemaligen Literaturprofessor Faber findet Montag einen Verbündeten, der ihn ermutigt und im Widerstand gegen seinen Vorgesetzten Hauptmann Beatty unterstützt. Einerseits bemerkenswert intellektuell und offenkundig belesen, andererseits ein fanatischer Inquisitor, entwickelt sich Beatty zu Montags entschiedenstem Gegenspieler und Feind. Als Montags eigene Frau ihn bei der Feuerwehr anzeigt und er sein Haus niederbrennen muss, hetzt Beatty den mechanischen Hund auf ihn und die Situation eskaliert. Montag muss flüchten und schließt sich einer Gruppe von Intellektuellen an, die in der Wildnis leben und durch das Auswendiglernen von Büchern das Wissen der Menschheit bewahren.

Vielleicht am falschesten verstanden wird die Rolle der Clarisse, vermutlich durch Truffauts Verfilmung des Romans. Clarisse Rolle im Buch ist kurz, sie dient nur als Katalysator, der Montags ohnehin schon schwelendes Umdenken beschleunigt. Faber, der ehemalige Literaturprofessor, unterstützt diesen Wandlungsprozeß. Hauptmann Beatty aber ist derjenige, der ihn bestätigt, indirekt vollendet und damit ist er eigentlich die wichtigste Figur des Romans. Bemerkenswert ist, dass Bradbury ähnlich wie Huxley die Wurzeln seiner Dystopie nicht in Verordnungen oder Zensur bettet, sondern in freiwilliger Lust an der Verdummung. 1953 von Bradbury publiziert, ist Fahrenheit 451 von beeindruckender visionärer Kraft. Die Dekadenz des Fernsehzeitalters, der parallele Verfall der Kultur und die hingebungsvolle Hinwendung zur Blödheit, die sich heute in den Bestsellerlisten und Reality-Soaps widerspiegelt und sicherlich noch krassere Ausdrucksformen finden wird, all das findet man in Bradburys düsterer Welt vorweggenommen.
Fahrenheit 451: ein Meisterwerk!

Ray Bradbury wurde am 22. August 1920 in Waukegan, Illinois geboren. Er besuchte die Schulen in Waukegan, Illinois, und später in Los Angeles, California. Seine schriftstellerische Karriere begann Bradbury 1940 als Zeitungsjunge in Los Angeles. 1943 fing er an, ganztägig zu schreiben, und seit damals hat er mehr als 500 Arbeiten – Romane, Kurzgeschichten, Spiele, Drehbücher, Fernsehspiele und Poesie – veröffentlicht. Als Drehbuchautor ist er durch Werke wie John Huston´s Film |Moby Dick| und François Truffaut´s |Fahrenheit 451| (wo er die Romanvorlage lieferte) bekannt. |Fahrenheit 451| ist auch der Titel, mit dem die meisten Leser den Autor in Verbindung bringen. Von den meisten zeitgenössischen Schriftstellerkollegen der Science-Fiction unterschied er sich deutlich durch das hartnäckige Ignorieren der „Science“. Bei Bradbury spielte der technologische Hintergrund immer eine untergeordente Rolle, menschliche Aspekte stehen in seinen Büchern im im Vordergrund.

Ray Bradbury gewann eine Vielzahl von Preisen für seine schriftstellerische Arbeit, zum Beispiel die |National Book Foundation Medal for Distinguished Contribution to American Letters|, 2000; zwei |O. Henry Memorial Awards|, 1947 und 1948; den |Master Nebula Award|, 1988; den |Benjamin Franklin Award|, 1954 oder den |World Fantasy Award|, 1977.

_Jim Melzig_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Michael Connelly – Kein Engel so rein

Das geschieht:

An seinen neuen Fall gerät Hieronymus „Harry“ Bosch, Veteran des Morddezernats der Polizei von Los Angeles, ausgerechnet am Neujahrstag. An einem Steilhang des Laurel Canyons apportierte ein durch das Gebüsch strolchender Hund seinem erstaunten Herrchen einen menschlichen Armknochen. Bosch findet ein Grab, welches das Skelett eines Kindes birgt. Die Untersuchung legt offen, dass es hier schon mindestens ein Vierteljahrhundert gelegen haben muss.

Kindermorde bringen sogar die abgebrühten und ausgebrannten Beamten des LAPD aus dem Gleichgewicht. Dieser Fall ist besonders tragisch, da die Überreste des Opfers – eines Jungen – die Spuren systematischer, sich über Jahre hinziehender schwerer Misshandlungen zeigen. Harry Bosch, der selbst eine schwierige Kindheit als wenig geliebte Waise nie überwunden hat, schwört sich, den Täter zu finden. Michael Connelly – Kein Engel so rein weiterlesen

MacKinlay Kantor – Signal 32

Ein erfahrener Streifenpolizist lehrt einen jungen Kollegen Tricks und Kniffe, die im Großstadt-Dschungel von New York überlebenswichtig sind. Wo Brutalität und Widerstand gegen die Staatsgewalt an der Tagesordnung sind, heißt es sonst: „Signal 32“ – Polizeibeamter in Gefahr … – Früher „Police-Procedural“-Krimi, der quasi dokumentarisch unsere Freunde und Helfer bei der Arbeit beobachtet. Die präzise Wiedergabe alltäglicher kriminalistischer Arbeit leidet unter moralinsaurer Verlogenheit und Rassismen: heute eher entlarvend interessant als unterhaltsam. MacKinlay Kantor – Signal 32 weiterlesen

Stephen Baxter – Evolution

Über mehr als eine halbe Milliarde Jahre spannt sich der Bogen dieses Romans, der den langen Weg der Menschwerdung beschreibt, um schließlich mit dem Ende der Menschheit und sogar allen Lebens zu schließen; in seinen ersten beiden Dritteln ein Quasi-Sachbuch mit erzählerischen Elementen, das mit dem Sprung in die nahe und besonders in die ferne Zukunft den Charakter einer Vision gewinnt. Ob 1000 Seiten erforderlich sind, eine im Grunde aus Episoden montierte Geschichte zu erzählen, ist ein diskussionswürdiger Punkt. Zwar nicht „das große Meisterwerk der Science Fiction“ (Klappentext), aber definitiv ein lesenswertes Buch! Stephen Baxter – Evolution weiterlesen

Colin Forbes – Das Double

Das geschieht:

Im März 1943 gelingt es deutschen Widerstandskämpfern, Adolf Hitler, Diktator des „Dritten Reiches“, zu töten, als dieser von der russischen Kriegsfront in sein geheimes Hauptquartier, die „Wolfsschanze“, fliegt. Reichsleiter Martin Bormann, skrupelloser Drahtzieher im Schatten seines „Führers“, kann das Attentat, das dem Nazi-Regime ein Ende bereiten würde, geheim halten. Vor Jahren hat er bereits ein Hitler-Double ausgebildet. Der ehemalige Schauspieler Heinz Kuby beherrscht die Rolle seines Lebens perfekt. Nun soll er den Krieg als Marionette Bormanns fortsetzen. Aber Kuby hat nicht nur Hitlers Aussehen und Auftreten, sondern auch seinen Größenwahn übernommen. Bormann steckt in der Klemme, denn er kann auf Kuby nicht verzichten.

Die Alliierten planen einen gewagten Agenteneinsatz gegen das Reich. Ein sorgfältig präparierter ‚Überläufer‘ wird in die „Wolfsschanze“ eingeschleust: Ian Lindsay ist ein Neffe des Herzogs von Dunkeith. Hitler hat ihn vor dem Krieg persönlich kennen und schätzen gelernt. Lindsay soll dem „Führer“ ein geheimes Friedensangebot unterbreiten. Hitler, dem wegen der deutschen Schwierigkeiten an der Ostfront eine Ruhepause im Westen sehr gelegen käme, müsste eigentlich anbeißen, doch Hitler ist nun Kuby, der Lindsay nie getroffen hat … Colin Forbes – Das Double weiterlesen

Robert Harris – Pompeji

Im Jahre 79 n. Chr. steht der Vulkan Vesuv kurz vor einem Ausbruch. Warnungen werden ignoriert, Gegenmaßnahmen kommen zu spät; die antike Welt geht zumindest am Golf von Neapel unter … – Mischung aus Historien- und Katastrophenroman, in beiden Bereichen sorgfältig recherchiert, angenehm sachlich und doch stimmungsvoll geschrieben: keineswegs das von der Werbung behauptete Literaturereignis aber eine spannende, lesenswerte Geschichte.
Robert Harris – Pompeji weiterlesen

Philip K. Dick – Der unmögliche Planet

Philip K. Dick (1928-82) ist in Hollywood angesagt: Der letzte Höhepunkt der Verfilmungen seiner Werke besteht in Steven Spielbergs Actionkrimi „Minority Report“ und nun auch „Paycheck“. Aber die Verfilmungen begannen schon 1980 mit Ridley Scotts „Blade Runner“, und das ist nun ein wahrer Kultfilm geworden. Andere Filme wie „Matrix“, „eXistenZ“, „Vanilla Sky“ und „Die Truman Show“ verdanken Dicks Ideen ebenfalls sehr viel, ohne ihm allerdings dafür nachträglich zu danken.

Aber auch die Filme befassen sich zwangsläufig mit den Grundthemen in Dicks Werk: Was ist menschlich? Und was ist die Wirklichkeit? Früher oder später dürfte wohl jeder Leser ebenfalls auf diese zwei Fragen stoßen. Dick liefert dazu eine Menge Anregungen und unterhaltsamer Ideen.

_Der Autor_

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science-Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er fast 30 Jahre lang veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon. Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstresses durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1982) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“, „Paycheck“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat.

_Die Storys_ (* = verfilmt)

Roog (1953)

Boris ist ein braver Wachhund, der das Heim der Cardossis zuverlässig bewacht. Aber auch er hat keine Chance, als die Roogs kommen. Die schnappen sich eines Nachts einfach die „Opfergaben“, die die Menschen in einer Tonne vor der Haustüre abstellen.- Die Aliens als Müllmänner? Warum nicht! – Stellen wir uns mal die Story im Kontext des Kalten Krieges vor: Was, wenn die bösen Sowjets es „nur“ auf amerikanischen Müll abgesehen hätten statt auf amerikanische Töchter? Lächerlich genug? – Oder wenn die Alien-Armada käme, um die Menschen um ihren Müll zu erleichtern? Willkommen genug? Aber wir befänden dann in der Situation des machtlosen Wachhundes Boris. Und diese Vorstellung ist wohl nicht so angenehm.

Und jenseits – das Wobb (1952)

Auf dem kolonisierten Mars nehmen die Astronauten unter Captain Franco ein einheimisches Lebewesen an Bord, das sie zunächst für ein Schwein halten und als Nahrungsmittel vorgesehen haben. Das Wobb beginnt zu sprechen, denn es hat erhebliche Einwände gegen die Vorstellung, verspeist zu werden. Es würde sich lieber über menschliche Mythen wie Odysseus unterhalten, fern der Heimat, sich nach Hause sehnend… Nachdem sich Captain Franco und seine Matrosen von ihrer Überraschung erholt haben, knallt Franco das Wobb kaltblütig ab. Er lässt es zubereiten und servieren. Während die anderen kaum etwas davon runterbringen, lässt es sich Franco schmecken. Und dann fordert er Peterson zu einer Fortsetzung der unterbrochenen Diskussion über Odysseus auf, fern der Heimat, sich nach Hause sehnend. Peterson starrt ihn entsetzt an… Gute Pointe , nicht wahr? Auf eine solche Verteidigungsstrategie der Wobb-Spezies muss man erst einmal kommen.

Die Verteidiger (1953)

Vor acht Jahren brach zwischen Russen und Amis der Atomkrieg aus. Vor acht Jahren gingen beide Bevölkerungen unter die Erde und ließen nur Roboter den Krieg an der radioaktiv verseuchten Oberfläche weiterführen. Angeblich. Eines Tages wird US-Militärtechniker Taylor hinauf auf die erste Ebene, direkt unter der verstrahlten Oberfläche, gerufen – seine Frau schlägt das Kreuz und verabschiedet sich innerlich von ihm. Moss bringt Taylor zu Franks: Alle werden einem der A-Bleimänner gegenübergestellt, den man von der Oberfläche heruntergebracht hat. Bleimänner sind die gegen Strahlung mit Bleianzügen ausgestatteten Roboter. Überraschung: Der A-Klasse-Bleimann ist überhaupt nicht verstrahlt! Der nächste Schritt ist klar: Rauf an die Oberfläche, und wieder schlägt Taylors Frau das Kreuz, in der Gewissheit, ihren Mann nicht wieder lebend wiederzusehen.

Doch die Oberfläche muss erst erkämpft werden, denn die Bleimänner aller Klassen verwehren den Männern den Zutritt. Nach einer harten Schlacht gegen Asimov’sche Roboter, die Menschen gehorchen müssen, erleben die Menschen noch eine Riesenüberraschung: Die Oberfläche ist ein grüner Garten Eden, den die Roboter seit acht Jahren gepflegt haben. Und dann landen die Sowjets: Wird man sich die Hand reichen oder den Schädel einschlagen?

Kolonie (1953)

Planet Blau ist endlich bereit für die Übergabe an die Siedler von der Erde: eine idyllische Welt, die der Mensch in Besitz nehmen kann, nachdem er die Erde mehr oder weniger zur Sau gemacht hat. Es gibt nicht einmal richtige Krankheitserreger hier. Nur etwas ist merkwürdig, muss Major Lawrence Hall eines Tages feststellen: Gegenstände werden lebendig und greifen Menschen an! Nachdem er beinahe das Opfer seines Mikroskops geworden wäre, unterzieht sich Hall einer psychologischen Untersuchung: nichts. Dann erfolgt der nächste Angriff…

Offenbar kann die beherrschende Lebensform jede beliebige Gestalt annehmen. Nicht mehr nur Menschen haben sich gegen Hall & Co. verschworen, sondern alles vom Handtuch bis zum Raumschiff. Paranoia in höchster Vollendung: No-one here gets out alive!

Nanny (1955)

„Nanny“ (Kindermädchen) ist eine beißende Satire auf das amerikanische Konsumverhalten. – In einer Welt der nahen Zukunft gibt es Robotkindermädchen (ähnlich wie „Asimo“), die zwar ihre Schützlinge behüten wie ihren künstlichen Augapfel, aber dafür gegeneinander kämpfen bis zum Letzten. Nach wenigen Jahren sind die Modelle so veraltet, dass sie die Schlachten untereinander verlieren und durch neue ersetzt werden müssen. Das wiederum hält die Wirtschaftsmaschine am laufen, ist aber auch ein Spiegelbild des Rüstungswettlaufs zwischen beiden großen Machtblöcken während des Kalten Krieges . Geschildert durch die Augen zweier Kinder und zweier Elternpaare ist diese Erzählung zwar sehr geradlinig, aber auch sehr einfühlsam.

*Variante zwei (Second Variety; „Screamers“, 1953)

Diese grimmige Geschichte von 1953 wurde unter dem Titel „Screamers“ mit Paul Weller in einer der Hauptrollen verfilmt. – Im 3. Weltkrieg setzen die verfeindeten Parteien statt Menschen Androiden ein, die feindliche Soldaten liquidieren sollen und zu diesem Zweck als kleine, hilflose Kinder oder verletzte Kameraden getarnt sind. Gesteigert wird diese Perversion der Verhältnisse, als diese Androiden außer Kontrolle geraten und nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden.

Der amerikanische Major Hendricks begegnet einer Gruppe russischer Überlebender, die ihm von den verschiedenen Androidenvarianten berichten. Doch inzwischen gibt es eine „zweite Variante“. Hendricks hat mit einer jungen Frau geschlafen, bei der es sich um eine Androidin der zweiten Variante handelt. Er verhilft ihr nichts ahnend zur Flucht auf den Mond, dem letzten Rückzugsgebiet der Menschheit. Die Folgen sind furchtbar: Schlussendlich werden die Androiden auch die letzten menschlichen Überlebenden auslöschen.

Wie der Autor die Kriegsverhältnisse beschreibt, ist eindrucksvoll, aber hart (genau wie im Film). Die Pointe der Geschichte ist nur als grausam zu bezeichnen und somit sehr wirkungsvoll. Wieder einmal hat Dick die Unterschiede zwischen Mensch und (Androiden-)Maschine ausgelotet. Die Intelligenz des Menschen kommt dabei nicht besonders gut weg.

Gewisse Lebensformen (1953)

Die Erde führt im gesamten Sonnensystem Kriege, um die angeblich einzigartigen, nur auf fernen Planeten vorkommenden Rohstoffe ausbeuten zu können, mit denen dann das Leben leichter wird – alles andere wäre ja Rückschritt. Der „Fortschritt“ hat einen hohen Preis: Zuerst fallen die Männer, dann die Söhne, dann werden sogar die Frauen eingezogen. Schließlich die bittere Pointe: Zwei Astronauten vom Orion landen auf einer verlassenen Erde, um die legendären Terraner kennen zu lernen. Einer der beiden entscheidet sich gegen den Rat seines Kollegen, auf die Rückkehr der Terraner, die dieses wunderschöne Heim errichtet haben, zu warten. Wahrscheinlich wartet er noch heute.

Dicks bitterer Protest gegen den Fortschritts- und Technikglauben der fünfziger Jahre war völlig untypisch für die amerikanische Science-Fiction dieser Ära.

Projekt: Erde (1953)

Tommy hat in der Nachbarschaft einen seltsamen alten Mann entdeckt. Edward Billings hockt den ganzen Tag in seiner Dachwohnung und tippt auf seiner Schreibmaschine. Dann trägt er etwas in ein großes Buch ein. Tommy schleicht sich in die Wohnung und liest den Titel des großen Buches: Bericht über Projekt B: Erde. Es ist gefüllt mit Fakten über die gesamte Erde.

Auf der Dachterrasse entdeckt Tommy einen Verschlag, der mit Maschendraht abgedeckt ist. Darin befinden sich neun nackte Menschen, die aber winzig klein und außerdem mit Fühlern ausgestattet sind. Das ist Projekt C, meint Billings. Es handelt sich offenbar um einen Versuch in Verhaltensforschung, genau wie bei der Erde, Projekt B. Projekt A lief schief und wie es aussieht, wird auch B keinen guten Verlauf nehmen, jedenfalls nicht nach Plan.

Tommy nimmt seine Chance wahr und klaut Billings alle neuen Winzlinge, um sie selbst einem Forschungsversuch auszusetzen: Er trainiert sie aufs Sichverstecken. Und seine Freundin Joan schneidert ihnen kleine Kleider und Hosen, damit sie nicht so unanständig aussehen. Als er seinen Schatz wieder an den wütenden Billings verliert, kann sich dieser nicht lange an dem nun verdorbenen Projekt C erfreuen: Die Neun laufen weg und verstecken sich. Billings darf nun sein Berichtresümee umschreiben, genau wie er befürchtet hatte.-

Die Story ist eine kleine, aber eindringlich und anschaulich geschriebene Neufassung der Schöpfungsgeschichte. Als „Projekt A“ scheiterte, wurden die Menschen, in Kleider gehüllt ob ihrer Scham, aus dem Paradies vertrieben. Sieht so aus, als ob es immer einen Tommy (Luzifer) geben würde.

Menschlich ist (1955)

Die Story lotet menschliches und fremdartiges (androidisches, außerirdisches) Verhalten aus, so dass sie Dicks Credo beinhaltet, was für ihn „menschlich“ ist. – Lester Herrick mag vielleicht ein guter Wissenschaftler sein, aber er ist in den Augen seiner Frau Jill ein gefühlskalter Pedant, dem sie nichts Recht machen kann. Eines Tages wird er auf einem Fremdplaneten von einem Alien übernommen – und wird plötzlich zu einem liebevollen Ehemann.

Jill überwindet ihr Misstrauen und bewahrt daraufhin das Alien vor der Vernichtung: Sie hat ihrem Bruder Frank ihre Verwunderung über Lesters Verhaltensänderung gestanden, doch Frank arbeitet beim Nachrichtendienst. Ihm ist klar, dass Lester auf Rexor Interview von einem Alien übernommen worden sein muss, das von seiner sterbenden Welt fliehen wollte. Doch ohne Jills Zeugenaussage kann er die Vernichtung des Aliens und die Umkehrung der Veränderung nicht veranlassen… –

Nicht der Umstand, wo oder mit welcher Hautfarbe man geboren wurde, macht Menschlichkeit aus, sondern Freundlichkeit und Mitgefühl gegenüber den Mitmenschen. Dieses Credo findet sich in fast allen Alien- und Androidengeschichten Dicks.

In „Menschlich ist…“ protestiert er einerseits gegen den McCarthyismus seiner Zeit, lässt aber auch einen Alien auftreten, der sich anhand veralteter terranischer Bücher den Charme eines Gentleman von vor 200 Jahren angeeignet hat. Dieses Detail erinnert an die Story von „Kate und Leopold“. Jill Herricks ist über den neuen Gentleman an ihrer Seite sicherlich nicht unglücklich und will ihn noch eine Weile behalten.

Der unmögliche Planet (1953)

Eine alte Lady von 350 Jahren bittet zwei Raumfahrer, Norton und Andrews, um ein Ticket zur Erde. Sie haben von ihrem Großvater davon gehört: eine grüne Welt, mit blauen Meeren. Zuerst lehnen sie verblüfft ab: Diesen Planeten gebe es nicht, er sei nur Legende. Doch ein entsprechend hohes Entgelt überzeugt zumindest Andrews. Und tatsächlich finden sie einen Planeten, der als dritter mit einem Mond in einem Neun-Planeten-System existiert. Aber die Oberfläche ist eine deprimierende Hölle: eine Endzeitvision. Die beiden Betrüger, denen es nur ums Geld geht, versichern der tauben Alten und ihrem Dienstroboter, die sei wirklich die alte Erde – allerdings nach einem verheerenden Krieg gegen die Centaurianer. Während der Roboter die alte Lady im Meer bestattet, findet einer der beiden eine Metallscheibe mit der Aufschrift „E pluribus unum“(*). Er wirft sie in den Müllschlucker und fliegt nach Hause.- Die Story ist einfühlsam geschrieben und weiß durchaus zu beeindrucken, trotz des bitteren Untertons.

*: Inschrift auf einem Dollarstück, das Nationalcredo der USA: „aus vielen (Einzelteilen) eines (ein Ganzes)“.

*Hochstapler (Impostor, 1953)

Diese Story wurde mit Gary Sinise („Forrest Gump“) in der Hauptrolle verfilmt, allerdings nicht sonderlich erfolgreich: Der Streifen kam nie in unsere Kinos.-

Spence Olham arbeitet seit Jahr und Tag unbescholten an einem geheimen Projekt der Regierung mit, das eine Waffe entwickelt, mit denen sich die feindlichen Aliens vernichten lassen, die die Erde belagern. Die Erde wird nur durch eine Blase geschützt, deren Natur nicht weiter beschrieben wird. Eines Tages wird Spence auf der Fahrt zur Arbeit vom Sicherheitsdienst verhaftet und sofort zum Mond geflogen. Die Anklage: Er sei ein Hochstapler, ein Alien-Agent, der sich als Spence Olham ausgebe, mit dessen Aussehen und Erinnerungen, doch mit einer Bombe in seinem Roboterkörper, um das Projekt zu vernichten.

Olham kann dem Sicherheitspolizisten Peters und seinem Tod in letzter Sekunde entkommen und rast zur Erde, um seine Unschuld zu beweisen, denn er kann sich nicht erinnern, jemals etwas anders gewesen zu sein als eben der Mensch Spence Olham, verheiratet mit Mary Olham. Marys Gesichtsausdruck verrät ihm zu Hause rechtzeitig, dass die Polizei ihn bereits erwartet, und er kann entkommen. Da fällt ihm ein, wo das Raumschiff seines Doppelgängers abgestürzt sein könnte. Dort entscheidet sich sein Schicksal. Leider erleben er und seine Verfolger eine böse Überraschung, „die man noch bis zum Alpha Centauri sehen kann“…

Das Vater-Ding (1954)

Der achtjährige Charles Walton ist entsetzt: Er hat seinen Vater doppelt gesehen. Doch das Wesen, das sich nun an den Tisch zum Abendessen setzt, kann nicht sein richtiger Vater sein. Es sieht nicht echt aus. Und es droht ihm mit Prügel, sollte er nicht zur Vernunft kommen. Doch Charlie weiß sich zu helfen. Er geht zu Tony Peretti, dem 14-jährigen Schulrabauken, der bereits ein Luftgewehr besitzt. Peretti glaubt Charlie erst, als er die abgestreifte Haut von Charlies echtem Vater in einer Tonne in der Garage gezeigt bekommt. Peretti fällt an dem lebenden Vater-Ding auf, dass es irgendwie ferngesteuert wirkt. Doch wodurch und woher? Der beste Sucher ist Bobby Daniels, und tatsächlich: Unter einem Betondeckel im Garten findet sich ein riesiger Käfer. Leider nützt das Luftgewehr nichts gegen das Viech, und das Vater-Ding greift das Trio an. Charlie flieht in ein Bambusgebüsch und erstarrt: Dort wächst bleich wie ein Pilz – ein Mutter-Ding. Und einen Meter ist ein Charlie-Ding schon fast herangereift. Und dahinter warten noch andere Dinger. Da packt ihn das Vater-Ding…

Der gute (gütige) Vater verschwindet und wird durch den schlechten (strafenden) Vater ersetzt: eine der verbreiteten Kindheitsängste. Offenbar auch die von Philip K. Dick. Obwohl die Story von 1954 sehr gut in das paranoide politische Klima der McCarthy-Ära passen würde, die in jedem linken Amerikaner ein kommunistisches Monster vermutete.
Die Story ist sehr lebendig, spannend und einfühlsam erzählt. Sie erinnert am Schluss stark an Jack Finneys Roman „Invasion of the body-snatchers“, der nur ein Jahr später veröffentlicht wurde. Dieser sah bislang zwei Verfilmungen, 1956 von Don Siegel und 1978 durch Philip Kaufman.

Verwirrspiel (1954)

Auf einem gottverlassenen Planeten ist ein Raumschiff abgestürzt, das auf dem Weg zum psychiatrischen Krankenhaus auf Fomalhaut UV war. Doch die an Bord befindlichen 110 Patienten halten sich keineswegs für Paranoiker, wie ihnen die in der Steuerkabine gefundenen Videos weismachen wollen. Vielmehr befindet sich ihre isolierte Kolonie seit vier Jahren unter ständiger Belagerung durch terranische Truppen. Selbst wenn noch kein feindlicher Soldat gesichtet oder gar verhört wurde, so sind doch die raffinierten Angriffsmethoden der „terranischen Affenmenschen“ nicht zu übersehen. Bestimmt befindet sich sogar ein terranischer Spion in der Mitte des Exekutivrates der Kolonie, um ihre Widerstandskraft von innen her auszuhöhlen…

Noch eine Paranoia-Story. Die Patienten können sogar die Wahrheit über ihre Krankheit in ihr wahnhaftes Weltsystem integrieren. Dies führt zu einer Art Pogrom im Exekutivrat und zu dem anschließenden Beschluss, das restliche Sonnensystem mit einem „Abwehrkrieg“ zu überziehen, um die Terraner ein für alle mal fertig zu machen. Oder kämpfend unterzugehen.- Dieser Wahnsinn hat sowohl Methode als auch Tradition…

Foster, du bist tot (1955)

Diese Story war die erste, die Dick auch in die Sowjetunion verkaufen konnte.- Mike Foster hat’s in der Schule schwer. Sein Vater, ein Möbelhandlungsbesitzer, ist der einzige Bürger der Stadt, der keinen privaten Schutzbunker besitzt, keine Beiträge für die Permanente Nationale Verteidigung zahlt und auch die Gebühr für den Schulbunker nicht entrichtet hat. Kein Wunder, dass die Lehrerin, Mrs. Cummings, darüber sehr erstaunt und enttäuscht ist, von seinen Mitschülern wird Mike wie ein Aussätziger behandelt.

Doch Bob Foster entgegnet auf die Vorwürfe seines Sohnes und seiner Frau Ruth, dass diese Bunker erstens zu teuer für ihn seien und zweitens der reinste Konsumterror. Ja, der Präsident hat sogar die Städte zu einem Wettbewerb untereinander angespornt. Nur um damit den Umsatz von General Electronics zu steigern. Aber er lässt sich breitschlagen und kauft das neueste Bunkermodel, einen GEC S 1972 für 20.000 Dollar auf Raten. Mike ist total happy, und auch die Nachbarn begrüßen den früheren Abtrünnigen in ihrer Mitte.

Doch kaum ist der Bunker unter der Erde verbuddelt, kommt die Nachricht, die Sowjets hätten Bohrgranaten entwickelt, und gegen die müsse man nun Adapter kaufen. Bob Foster hatte Recht: Dieser Konsumterror wird ewig weitergehen. Seinem Sohn bricht es fast das Herz, als er erfährt, dass sein Vater den Bunker hat zurückgeben müssen. Er fühlt sich so tot, wie alle sagen, dass er es bald sein werde, wenn er nicht…

Diese Erzählung ist wirklich erstaunlich gelungen, nicht nur in ihrer Aussagekraft, sondern auch in der emotionalen Kraft der Charakterisierung von Figuren, die sich einer bizarren Situation ausgesetzt sehen, die aber allen außer einem (Mikes Vater) völlig normal und vernünftig vorkommt.

Autofab (1955)

Nach fünf Jahren Atomkrieg kriechen die Menschen (d.h. die Amerikaner) wieder aus ihren Löchern und bauen sich ärmliche Siedlungen. Aber sie haben es im Vergleich zu anderen Völkern noch gut: Automatische Fabriken, die sie zuvor unterirdisch angelegt hatten, versorgen sie mit allem, was sie brauchen: Medikamente, Lebensmittel, Kleidung, you name it.

Doch „der Mensch ist Mensch, weil er begehrt“ – und das gilt besonders für die Freiheit. Eines Tages beschließen die Oberen von dem, was einst Kansas City war, sich einen Autofab-Experten zu holen, um endlich selbst die Leitung der Automatischen Fabriken – kurz „Autofab“ – zu übernehmen. Denn die Autofab lässt sich nicht abschalten. O’Neill hat ein paar geniale Ideen, und nachdem die anderen ihre Wut an unschuldigen Androiden abreagiert haben, kommt er auch zum Zuge: Er legt einen Köder aus dem seltenen Metalls Wolfram aus, um den sich garantiert zwei Autofabs streiten müssen. Tatsächlich scheint sich die Autofab von Pittsburgh über den Haufen raren Rohstoffs zu freuen, da fallen die Jäger und Roboter aus Detroit über ihre Maschinen her. Pittsburgh sucht sich Verbündete, Detroit natürlich ebenfalls – schon bald ist der schönste Krieg im Gange.

Leider haben die Menschen jetzt zwar Freiheit, aber nichts mehr von den Autofab-Annehmlichkeiten. Mehrere Monate später geht O’Neill der halb zerstörten Autofab von Kansas auf den Grund und hört ein Rumoren, Surren und Grummeln. Tut sich da was? Und was, um Himmels willen, wird da unten produziert?

Man hat diese Story als Vision einer außer Kontrolle geratenen Ökologie gedeutet, als eine „grüne“ Warnung. Das scheint mir zu weit hergeholt. Denn die Autofab ist die Verkörperung einer Technologie, die sich aufgrund der Survival-Ideologie des Militärs inzwischen der Kontrolle des Menschen entzieht. Die Autofab-Kultur kann denn auch nur mit einer militärischen List außer Gefecht gesetzt werden, jedoch nicht mit einem Frontalangriff. Richtig fies wird die Story dann am Schluss, als aus der Wiederauferstehung der Fabrik ihre Ausbreitung auf den Rest des Universums folgt.

Nach Yancys Vorbild (1955)

Der amerikanische Geheimdienst findet die Verhältnisse auf dem Jupitermond Callisto recht merkwürdig und Besorgnis erregend. Möglicherweise steht ein Wirtschaftskrieg mit dem Nachbarmond Ganymed bevor. Aber vor Ort findet Agent Taverner alle 80 Millionen Bewohner Callistos recht friedlich vor. Wie ist diese Diskrepanz zu erklären? Es gibt keinen Diktator, König oder Tyrannen, der für Ruhe sorgen würde, sondern Callisto ist eine Demokratie. Sollte man meinen. Auffällig ist allerdings die Präsenz eines Gesichtes auf allen Medien- und Vertriebskanälen: John Edward Yancy scheint so eine Art Alltagsphilosoph zu sein, der zu allem und jedem eine Meinung hat. Und die übernehmen die Leute, weil sie seit geschlagenen elf Jahren damit berieselt werden. Und natürlich hat Yancy auch eine Meinung zum Krieg: Abscheulich, aber ein „gerechter Krieg“ sei manchmal unumgänglich. Wie die Geschichte lehrt, hat jeder Angreifer seinen Krieg als „gerecht“ bezeichnet.

Taverner schaudert und bittet um einen Termin bei Mr. Yancy. Nein, vier Monate möchte er nicht warten. Ob er sich mal das Archiv ansehen könne? Null problemo. Durch einen Abtrünnigen im Yancy-Building erfährt Taverner die Wahrheit: Yancy ist eine „gestalt“, also das, was man heute im Internet als Avatar bezeichnet: ein künstliches Konstrukt mit menschlichem Aussehen, das eingesetzt wird, um mit Menschen zu interagieren („gestalt“ ist ein Begriff von C.G. Jung).
Aber wie befreit man eine Mediendemokratie von ihrer unsichtbaren Führung, ohne dass sie zusammenbricht?

Yancy entspricht 1:1 Präsident Ike Eisenhower, der Verkörperung einer Ära der fünfziger Jahre. Dick ist eine tiefgründige Analyse des Ike-Systems gelungen: Die Leute hatten keine echte Meinung, dachten aber, sie hätten eine. Ikes Medien sorgten für die geistige Gleichschaltung. Und zu Watergate war es nur ein winziger Schritt.- Diese Story ist also hochgradig politisch.

*Der Minderheiten-Bericht („Minority Report“, 1956)

Man stelle sich die Handlung von Steven Spielbergs Film etliche Nummern kleiner vor und wird sich so ungefähr der Dimension der Story annähern. John Anderton, der Polizist beim Projekt „Pre-Crime“, verhindert Verbrechen, noch bevor sie begangen werden. Der Grund: Die drei Präkognitiven (Pre-Cogs) von Pre-Crime haben das Verbrechen vorausgesehen. Doch eines Tages treffen zwei merkwürdige Umstände ein: Es wird eine Verbrechenswarnung über Anderton selbst ausgegeben – dieser kennt sein angebliches Opfer noch gar nicht. Und es gibt dazu einen Minderheitenbericht: Einer der Pre-Cogs äußerte eine dazu abweichende „Meinung“. Es wird eng für Anderton, als ihn seine früheren Kollegen zu verfolgen beginnen… Wer soll die Wächter bewachen? Diese alte römische Frage stellt Dick auch diesmal wieder. Die Folgen bei Spielberg: Drama & Action, bei Dick einige interessante Dialoge und Gedankenspiele. Auf jeden Fall lesenswert.

Zur Zeit der Perky Pat (1963)

Ähnlich wie in „Autofab“ leben auch hier die Überlebenden eines Atomkrieges in unterirdischen Anlagen, die sie „Launengruben“ nennen, und bekommen alles Lebensnotwendige von Flugzeugen, die Care-Pakete abwerfen. Aus den mechanischen Teilen bauen die Erwachsenen aber nicht etwa besonders nützliche Dinge, sondern eine Art Puppenhaus, über das jede Familie verfügt. Das Spiel heißt „Perky Pat“ und funktioniert genau wie Monopoly, nur dass die Hauptfigur eine Barbiepuppe namens Perky Pat ist: 17, blond und unschuldig. So geben die Überlebenden ihrem Bedürfnis nach, in der Scheinwelt der Vergangenheit zu leben, einer Welt des Konsums. Währenddessen lernt die junge Generation, mutierte Tiere, sogenannte Hutzen (Hunde + Katzen) zu jagen und zu essen.

Eines Tages kommt es zu einem Wettstreit zwischen Perky-Pat-Spielern und Spielern von „Companion Connie“ aus Oakland. Die Bedrohung ihrer jeweiligen Scheinwelten ist enorm: Companion Connie ist – oh Schock! – nicht nur verheiratet und intim mit ihrem Mann, sondern erwartet auch noch ein Baby! Als die Gewinner in ihre Perky-Pat-Kolonie zurückkehren, werden sie dort mit Steinwürfen bedroht und ausgestoßen: Companion Connie ist ihnen ein Gräuel.

Zwei Jahre später (1965) weitete Dick dieses Thema zu seinem Roman „Die drei Stigmata des Palmer Eldritch“ aus: Die Scheinwelt von Überlebenden auf dem Mars wird durch Halluzinogene noch zementiert und plausibler.

Ach, als Blobel hat man’s schwer! (Oh, to be a blobel!, 1964)

Auch in dieser Farce wird wieder der Geheimdienst auf die Schippe genommen. – George Munster geht zu einem Automaten-Psychiater, denn er hat ein Problem. Dr. Jones, der mit oberbayerischem Dialekt zu sprechen anhebt, verfällt sogleich in Hochdeutsch. Munsters Problem besteht darin, dass er als Militäragent bei den Blobels leben muss und, um sie zu infiltrieren, deren wabbelige Gestalt annehmen musste. Das tut seinem Geschlechtsleben überhaupt nicht gut, und so heiratet er eine von den Blobels. Er hat sogar Kinder, die teils gänzlich Mensch oder Mensch, zum Teil aber auch gemischt sind. Dr. Jones tut sich schwer mit seinem Rat…

Die kleine Black Box (1964)

Diese komplexe Story über Religion liest sich wie ein Mikroroman.- Joan Hiashi soll im Auftrag des US-Außenministeriums ins kommunistische Kuba reisen, um den dort lebenden Chinesen die Lehre des Zen-Buddhismus nahe zu bringen. Ist dieser Auftrag schon an und für sich ungewöhnlich, so steckt dahinter eine noch weitaus merkwürdigere Intrige.

In Havanna trifft sich Joan mit Mr. Lee, einem Telepathen, der insgeheim für das US-Außenministerium arbeitet. Er entdeckt durch Gedankenlesen, wie Joan zu ihrem Freund Ray Meritan, ebenfalls ein Telepath, steht. Ray hängt dem Glauben an Wilbur Mercer an, einem neuen Messias, Heilsverkünder oder Außerirdischer – die US-Regierung ist sich nicht einig. Durch eine Einswerdungsbox (die des Titels) kann Ray, ebenso wie alle anderen Merceristen, Kontakt mit der Gedankenwelt Mercers aufnehmen. Mercer ist gerade dabei, einen Leidensweg in der Wüste zu beschreiten. Hegt Joan Hiashi durch Ray Meritan Sympathien für den neuen Messias? Wird sie zur Verräterin?

Wie auch immer: Die Regierung lässt die Merceristen verbieten und die Einswerdungsboxen beschlagnahmen und zerstören. Ray entkommt den FBI-Agenten mit Mühe und trifft Joan wieder. Er hat aber noch ein Ass im Ärmel.

Wieder einmal ist nicht klar, ob Mercer ein Scharlatan oder ein Alien-Eroberer ist. Wie lernen ihn durch die Augen/Gedanken seiner Anhänger kennen und können diese Frage auch nicht beantworten. Aber die Charakterbeschreibung ist intensiv und bewegend. Und als ein Regierungsbeamter in Kontakt mit Ray Meritans Gedanken gerät, polen sich seine Werte um – in die Story kommt wieder Bewegung.- Das Grundmotiv der neuen Religion taucht in Dicks Roman „Blade Runner“ wieder auf.

Schuldkomplex (Retreat Syndrome, 1964)

John Cupertino wird auf dem Highway nach Los Angeles wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten – ein schweres Vergehen. Der „Befriedungsoffizier“ Myers ist jedoch ebenso geschockt wie seine Cops, als er sieht, wie Cupertinos Hand im Armaturenbrett des Wagens verschwindet. Gerne entspricht er dessen Wunsch, sofort seinen Psychiater sprechen zu wollen.

Dr. Gottlieb Hagopian frischt Cupertinos Gedächtnis auf. Er lebe seit drei Jahren auf Terra, nachdem er auf dem Jupitermond Ganymed beinahe seine Frau Carol umgebracht hatte. Carol hatte zuvor die Umsturzpläne der Ganymedianer, in die ihr Mann eingeweiht war, an die gleichgeschalteten Medien verraten. Daraufhin hatte Terra Ganymed abgeriegelt, und der geplante Aufstand war gescheitert. John wollte sie erschießen, verfehlte sie aber.

Cupertino ist aber felsenfest überzeugt, sie erschossen zu haben. Er fährt zu der von Hagopian angegebenen Adresse Carols bei Los Angeles. Tatsächlich: Carol lebt. Natürlich ist sie nicht gut auf ihn zu sprechen. Allerdings kann auch hier Johns Hand in das Videofongerät eindringen – dieser Ort ist nicht real. Aber wo befindet sich dann Cupertino wirklich? Und wie schafft man es, ihn in dieser terranischen Illusion gefangen zu halten? Ist er es selbst, durch sein Schuldgefühl?

Wie bei Sartre ist der Protagonist in seiner privaten Hölle gefangen, die er sich bei seinem Rückzug aus der Realität selbst gezimmert hat. Der Autor hat hier den Schritt von der Suche nach der allgemeinen zur persönlichen Wirklichkeit getan.

*Erinnerungen en gros („Total Recall“; 1966)

Die Handlung verläuft ein wenig anders als in der von Paul Verhoeven inszenierten Action-Brutalo-Oper „Total Recall“ mit Arnold Schwarzenegger als Douglas Quail. Quail wünschte sich in der reglementierten Realität der Erde schon immer, einen aufregenden Job zu haben, zum Beispiel auf dem Mars. Seine bodenständige Frau Kirsten spottet ihn aus.

Und so geht Dougie zur Endsinn AG (von ‚entsinnen‘, sich erinnern; im Original „We can remember it for you wholesale“). Dort erhebt sich die Frage: Verfügt Douglas Quail über vom Militärgeheimdienst implantierte Erinnerungen, ein Agent auf dem Mars zu sein, oder ist er wirklich einer? In jedem Fall ist die Antwort sowohl interessant als auch verblüffend. Das Ersatzprogramm erweist sich als Desaster…

Die Story ist eine Extrapolation der Gehirnwäsche, die das Militär und dessen Geheimdienst an seinen Mitgliedern vornehmen könnte. (Nix Genaues weiß man nich.) In die gleiche Kerbe schlug übrigens 1968 John Brunner mit seinem Mega-SF-Roman „Morgenwelt“ („Stand On Zanzibar“), in dem ein harmloser Knowledge Worker, Donald Hogan, vom Militär zu einem paranoiden Superkiller umgekrempelt wird.

Rückspiel (1965)

Die Außerirdischen betreiben auf der Erde diverse Casinos, die ungeheuer erfolgreich sind. Für die Spieler gibt’s nur ein Handicap: Das Raumschiff der Aliens befindet sich direkt über der Spielfläche, und wenn der Antrieb gezündet wird, müssen alle Spieler dran glauben. Aber vielleicht macht ja gerade dieses Bewusstsein der Gefahr den Reiz aus?

Als die Polizei von Süd-Los Angeles ein solches Alien-Casino wegen illegaler Praktiken angreift, düst deren Raumschiff sofort weg. In Asche und Schutt finden die Cops nur einen Flipperautomaten, der halbwegs unversehrt unter einigen Polizeirobotern begraben ist. Officer Joseph Tinbane und ein Labortechniker testen das Gerät. Es stellt sich als selbstlernende Einheit heraus, der es gelingt, die Angriffe der Flipperkugel abzuwehren und zugleich ein Katapult zu bauen, das in der Lage ist, die Kugel auf den Spieler abzufeuern!

Es kommt noch schlimmer: Der Flipperautomat hat Tinbanes Signatur der Hirnströme an eine externe Einheit gesendet, die eine Flugeinheit abschickt, die a) einen Späher zu Tinbanes Wohnung schickt und b) eine riesige Flipperkugel vor seiner Wohnungstür deponiert. Tinbane ruft in der Zentrale an und verlangt, sofort die Bauteile für ein Katapult geliefert zu bekommen. Schließlich ist er ja auch eine selbstlernende Einheit und weiß, was auf ihn zukommt.-Das gefährliche Spielzeug ist verkleidet als unschuldiger Flipperautomat – dies ist eine Abwandlung des Androidenthemas, die Dick in seinem gesamten Werk verfolgt hat.

Glaube unserer Väter (Faith of our fathers, 1967)

Dick verknüpft in einer seiner anstoßerregendsten Visionen den Sieg des Kommunismus über die westlichen USA, halluzinogene Drogen, Sex und Theologie. Dennoch ist die Story von A bis Z völlig verständlich geschrieben und wirkt keineswegs abgehoben.

Hauptfigur ist der kleine Parteifunktionär Tung Chien, der in einem Schmalspurministerium in Hanoi (Nord-Vietnam) Dienst tut. Von einem Straßenhändler bekommt er ein Anti-Halluzinogen, das, wie ihm eine hübsche junge Frau namens Tanya Lee mitteilt, die Realität, wie sie wirklich ist, zeigt. Die Partei füge nämlich dem Leitungswasser täglich und überall Halluzinogene bei.

Und so kommt es, dass Tung Chien die persönliche Fernsehansprache, die der Unumschränkte Wohltäter als oberster Parteivorsitzender an ihn richtet, auf völlig andere Weise wahrnimmt als gedacht: nämlich als einen rasselnden Mechanismus, aus dem Scheinfüßchen hervorwachsen. Tanya Lee vom Untergrund hat etwas ähnlich Furchterregendes gesehen.

Nachdem sie ihm geholfen hat, eine dogmatische Prüfung durch Parteibonzen zu bestehen, wird Tung zur Villa des Unumschränkten Wohltäters eingeladen, der sich vor Ort „Thomas Fletcher“ nennen lässt. Doch Tung sieht sein Erscheinen unter dem Einfluss des Anti-Halluzinogens ganz anders: als gottähnlichen, substanzlosen, aber kannibalischen Alien. Und dieser hat ein Wörtchen mit Tung zu reden…

Allein schon die Vorstellung, die Chinesen könnten einen Krieg gegen die USA gewinnen und diese zur Hälfte (der Rest leistet noch Widerstand) unter ihr kommunistisches „Joch“ gezwungen haben, war 1967, während des Vietnamkrieges, ein Gräuel. Dass Dick obendrein auch noch die Natur (eines/des) Gottes erörterte und den christlichen Glauben in Zweifel zog, war geradezu Blasphemie. Außerdem kommen in der Story noch Drogenkonsum und Sex vor, also all das, was die Hippies praktizierten und ihre Eltern schockierte. Für uns heute ist die Story v.a. hinsichtlich der theologischen Erörterung interessant, da sich alle anderen Streitpunkte erledigt oder relativiert haben.

Die elektrische Ameise (The electric ant, 1969)

Garson Poole, Geschäftsführer von Tri-Plant im New York des Jahres 1992, hält sich für einen Menschen, findet aber nach einem Unfall die Wahrheit heraus: Er ist ein Roboter. Doch was lässt ihn ticken? Es ist ein Lochstreifen mit einem Programm darauf. Durch einen Supercomputer erfährt er, worin das Programm besteht: Es steuert seine gesamte Realitätswahrnehmung.

Poole manipuliert in mehreren Tests den durchlaufenden Lochstreifen und somit seine eigene Programmierung: „Wenn ich den Streifen [des Programms] kontrolliere, dann kontrolliere ich die Realität. Zumindest soweit sie mich betrifft. Meine subjektive Realität… aber eine andere gibt es ohnehin nicht. Objektive Realität ist ein synthetisches Konstrukt, das Resultat einer hypothetischen Universalisierung einer Vielzahl subjektiver Realitäten.“ (s. 687)

Doch der Roboter Poole täuscht sich ebenso wie seine menschliche Umgebung: der „idios kosmos“, seine eigene Wirklichkeit, die mit seinem Tode – nach dem Kappen des Lochstreifens – erlöschen wird, entpuppt sich als der „koinos kosmos“, die geteilte Wirklichkeit allen Seins. Als die elektrische Ameise ihre vermeintliche ureigene Realität vernichtet, annihiliert sie zugleich das gesamte Universum. Für jeden Menschen gibt es letzten Endes nur seine Wirklichkeit: die eigene. Aber sie ist Teil eines größeren Ganzen. Dieser Schluss ist metaphysisch und sogar solipsistisch: Das Ich ist das Universum, folglich muss der Tod des Ichs auch den des Universums nach sich ziehen.

Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten (1974)

„Ich will sterben“, fleht Addison Doug, doch dieser Wunsch bleibt ihm verwehrt. Genauso wie seine Mit-Temponauten Benz und Crayne ist er in einer Zeitschleife gefangen: Er ist dazu verdammt, immer wieder seinen eigenen Tod, seine Rückkehr und die nationale Trauerfeier wiederzuerleben. Seine Merry Lou ist ihm nur eine kleine psychologische Stütze bei seiner Bürde, aber immerhin: Benz und Crayne haben überhaupt niemanden, der ihnen hilft.

Nach und nach erfahren wir aus Gesprächen, wie es zu der misslichen Lage kam. Die Russen hatten schon ein Team 50 Jahre voraus in die Zukunft geschickt. Die Amerikaner mussten natürlich nachziehen, mit einem doppelt so weiten „Flug“. Leider ging beim „Wiedereintritt“ in die Gegenwart etwas schief, und damit begann die Zeitschleife. Als einzigen Ausweg sieht Doug die Selbstvernichtung beim „nächsten“ Flug: Er nimmt 50 Pfund Zusatzgewicht mit, so dass es beim Rückeintritt zu einer Implosion kommen müsste, bei der die Temponauten sterben sollten….

Das ist eine psychologisch tiefgründige, aber logisch gesehen anstrengende Story. Kein Wunder angesichts der zu bewältigenden Zeitparadoxa. Am wichtigsten ist aber die Psychologie, und auch bei dieser hapert es, besonders bei Merry Lou: Wenn sie Doug liebt, warum hilft sie ihm dann, zu sterben? Sie sagt nie, dass sie ihn von seiner Bürde – nämlich die Hölle des ewigen Lebens – befreien will. Auch wird erst beim wiederholten Lesen klar, warum Doug seinen zwei Kollegen etwas vormacht: Sein letztes Gespräch mit dem Militärkommando der Mission verläuft ganz anders als er es ihnen erzählt. Fazit: In dieser Story, die zuerst in „Final Stage“ (GB) erschien, steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Daher hat sie andere Autoren stark beeinflusst.

Die Präpersonen (1974)

Diese provokante Erzählung schildert die Welt des kleinen Jungen Walter Best, in der die Abtreibung bis zum zwölften Lebensjahr des Kindes legalisiert ist. Walter lebt daher in ständiger Furcht vor den „Männern im weißen Lieferwagen“: Von ihren Eltern für unerwünscht erklärte Kinder können noch lange nach ihrer Geburt durch Euthanasie getötet werden. Die Parallelen zu den Maßgaben für eine Abtreibung sind unübersehbar – der Autor hat lediglich die Frist vom 5. Monat auf das 12. Jahr verschoben, genau wie das die US-Regierung in seiner Story-Welt tut.

Kein Wunder, dass diese Geschichte in den USA die vehemente Kritik feministischer Autorinnen hervor, und sogar Professor Joanna Russ, selbst progressive Science-Fiction-Autorin („Planet der Frauen“), wurde ausfallend gegenüber dem Autor! Man sollte aber berücksichtigen, dass Dick seine Ansicht zur Abtreibung hier nicht unreflektiert und pauschal formuliert hat, sondern mit Vorbedacht. Und dass es nicht unbedingt seine eigene Meinung sein muss – ähnlich wie bei „Glaube unserer Väter“. Es trifft aber zu, dass er hier Walter Bests Vater Ian, einen Abtreibungsgegner, einige sehr unschöne Dinge über Frauen sagen lässt, die sich keine Kinder wünschen. Auch ansonsten hält Dick hier starken Tobak bereit.

Ätherfesseln, Luftgespinste (1980)

Diese Erzählung hat Dick später in seinen VALIS-Roman „Die göttliche Invasion“ übernommen. – Auf einem abgelegenen Planeten leben zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, in getrennten Beobachtungskuppeln auf einem abgelegenen Planeten. Die Frau, Rybus Romney, scheint tödlich an Multipler Sklerose erkrankt zu sein. Sie hasst deswegen offenbar alle Sentimentalität, wie sie sich beispielsweise in der Musik von Linda Fox manifestiert. Deren Dowland-Lautenmusik empfindet Leo McVane als das Nonplusultra von Kunst. Daher stößt ihn Rybus‘ Ablehnung vor den Kopf und kostet sie Sympathiepunkte, als sie ihn besucht.

Aber das ist erst der Beginn ihrer Manipulationen. In seiner Hiob-mäßigen Not richtet McVane eine extrem kostspielige Anfrage an die Künstliche Intelligenz (eine Art Gott), die das Sonnensystem berechnet. Dabei findet auch Gedankenübertragung statt. Die KI bezeichnet Rybus Romney als „todbringend“. Nun wird McVane einiges klar. Rybus verkörpert Hass und Oberflächlichkeit als Antithese zu Hoffnung und Trost. Dennoch zwingt sie McVane immer tiefer in eine geistige Abhängigkeit. Und als sie urplötzlich „gesundet“, darf sie bei ihm einziehen.- Das soll mal einer verstehen.

Ich hoffe, ich komme bald an (1980)

Die Story beschreibt die Leiden eines Raumschiffcomputers mit einem Kolonisten, der vorzeitig aus dem Kälteschlaf erwacht ist und nun zehn Jahre lang beschäftigt und bei Laune gehalten werden muss, denn er kann sich nicht bewegen. Nur Victor Kemmings Geist ist aktiv. Viel zu aktiv: Das Schiff spielt ihm Szenen aus seiner Vergangenheit vor, die es seinem Gedächtnis entnommen hat. Doch Kemmings‘ Persönlichkeit ist viel zu gestört, so dass alle Idyllen zu psychotischen Alpträumen werden. Der einzige Ausweg scheint darin zu bestehen, ihm eine Phantasie vorzugaukeln, in der er seine Zielwelt erreicht hat und seine frühere Ehefrau Martine wiedersieht.

Es gibt aber eine Pointe: Das Schiff hat es offenbar geschafft, die ECHTE Martine per Expressschiff auf die Zielwelt transportieren zu lassen, um dort rechtzeitig vor Victor einzutreffen. Doch Victor fällt nicht auf diesen erneuten „plumpen Trick“ herein. Er weiß ganz genau, dass der Fernseher innen hohl ist und er seine Hand durch Martine hindurch stecken kann, so sehr sie auch das Gegenteil beteuert.- Die ironisch-traurige Inner-Space-Story beruht auf Dicks eigenen tiefenpsychologischen Erfahrungen.

Eine außerirdische Intelligenz (1981)

In Dicks letzter Story überhaupt tötet ein Astronaut, der Impfstoffe zum Sirius bringen soll, seinen Kater Norman, weil der angeblich eine Kursabweichung verursacht hat, und stopft ihn in den Müllschlucker. Dass Jason Bedford kein netter Mensch ist, merken auch die Aliens vom Sirius, als sie ihn nach seinem Haustier fragen. Es ist nirgends zu finden.

Dass die Aliens wiederum etwas gegen Wesen haben, die unschuldige Haustiere umbringen, merkt Bedford erst auf seiner Rückreise. Sie wird nämlich zwei Jahre dauern, doch er hat weder Videos noch menschengeeignete Nahrung. Sein Vorratsschrank ist angefüllt mit Futter, Katzenfutter, und alles von der gleichen Sorte.- Diese Story schrieb ein Katzenliebhaber für einen anderen.

_Unterm Strich_

Die Erzählungen umfassen sowohl den Fundus von „Minority Report“ als auch „Die besten Stories von Philip K. Dick“ (Playboy-Edition). Aus letzterem Band fehlen hier nur zwei Geschichten. Alle sonstigen Klassiker sind vorhanden. Aber hier kommt man im Gegensatz zu der Playboy-Ausgabe in den Genuss einiger guter Werke aus den letzten Lebensjahren des Autors. Dieser Band allein könnte den Kauf der kompletten Einzelausgaben aus dem Haffmans-Verlag überflüssig machen.

_Die Übersetzungen_

Die Übersetzungen sind sehr unterschiedlich und stammen aus allen möglichen Jahrzehnten – von den Fünfzigern bis in die Gegenwart. Dementsprechend fallen antiquierte Ausdrücke wie „Mühle“ für Auto auf und natürlich der Gebrauch von Dialekt.

Doch der beste Übersetzer ist nicht gegen Fehler gefeit. Auf Seite 667 wurde das lateinische Wort „Quondam“ nicht richtig erkannt. Statt ein ehemaliger (= quondam) Ringer zu sein, wird die Figur als Quondam-Ringer vorgestellt, so dass man Quondam für eine Kampfsportart halten muss. Und auf Seite 753 findet sich wieder einmal der Alltime-Classic aller Anfängerfehler wieder: Aus amerikanischen „billions“ werden wieder mal deutsche Billionen statt Milliarden. Und so leben auf der Erde „neun Billionen Menschen“. Man möchte bezweifeln, dass auf dem Land überhaupt so viel Platz ist.

_Michael Matzer_ © 2003ff

Frances Sherwood – Die Schneiderin von Prag oder Das Buch des Glanzes

Die jüdische Gemeinde in Prag wird 1601 von der katholischen Kirche und Kaiser Rudolf II. bedroht. In ihrer Not erschaffen sich die Juden aus Lehm einen Golem, der sie beschützen soll. Der künstliche Mensch entwickelt Geist und Gefühle, die von einer jungen Frau erwidert werden … – Historischer Roman, der die Golem-Sage um den Rabbi Löw variiert. Die Verfasserin erzählt mit Schwung und angenehmer ironischer Distanz diese Geschichte, ohne sich in der bloßen Rekonstruktion der frühneuzeitlichen Welt zu verlieren. Der historischen Handlung eingeflochten wird eine Liebesgeschichte, die allerdings diese Tugenden vernachlässigt und in Herz-Schmerz-Klischees abrutscht, was den ansonsten positiven Eindruck verwässert.
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Barry, Max – Logoland

Max Barry, 1973 geboren, war Computerverkäufer für Hewlett-Packard, bevor er sich dem Schreiben widmete. Sein Debütroman „Syrup“, der hierzulande unter dem Titel „Fukk“ veröffentlicht wurde, wurde laut Verlag ein Bestseller. Für „Logoland“ haben sich demnach bereits Steven Soderbergh und George Clooney („Solaris“) die Rechte gesichert.

Zu „Logoland“ gibt es ein begleitendes Internetspiel des Autors, das man unter der Adresse http://www.nationstates.net findet. Jeder Spieler könne seinen eigenen Staat mit seinen eigenen politischen Idealen kreieren, heißt es in den Buchinfos.

Die Satire schildert eine nahe Zukunft, in der die globalen Multis das gesellschaftliche Leben übernommen haben und alles bestimmen: die neue Weltordnung ist in greifbarer Nähe. Doch freie Marktwirtschaft führt auch in letzter Konsequenz zur schärfsten Auseinandersetzung, wenn keine Regierung mehr vermittelnd eingreift.

Die Welt in wenigen Jahren: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ihr Territorium beträchtlich ausgeweitet. Dazu gehören jetzt die beiden Amerikas, Großbritannien, Indien, Russland, Japan und natürlich Australien. Die USA wiederum gehören keineswegs dem Volk und seiner gewählten Regierung, sondern vielmehr den multinationalen Konzernen – daher der Titel „Logoland“. Nur die EU und der schwarze Kontinent sowie der Orient leisten noch hartnäckigen Widerstand. (Die geografischen Verhältnisse sind auf einer Landkarte im Buch dargestellt.)

Die Konzerne treten als Sponsoren auf. So etwa gibt es Kindergärten und Schulen, die komplett von Mattel oder Microsoft geleitet und finanziert werden. Das Gleiche gilt für Straßen und Gesundheitsdienste: Ohne Cash (= Kreditkarte) kein Service. Die Regierung und die Kommunen sind einfach zu pleite, um diesen Job zu übernehmen. Es gibt nämlich keine Steuern mehr – wozu auch? Auch die Polizei wurde inzwischen privatisiert; das kann groteske Folgen haben. Die National Rifle Association (NRA) bildet inzwischen eine weltweit operierende Privatarmee, die gerne auch „Freischaffende“ engagiert und für jeden, der zahlungskräftig genug ist, Aufträge ausführt.

Hack Nike – alle Mitarbeiter in Logoland tragen automatisch den Firmen- als ihren Nachnamen – hat einen großen Fehler gemacht. Wieder einmal. Hack ist eigentlich für das Merchandising zuständig, doch zum Wasserlassen hat er sich in die Etage der Marketingfritzen gewagt. Dort wird er sofort von John Nike, dem Oberbösewicht des Romans, erspäht und für einen ungewöhnlichen Auftrag rekrutiert. Um seinen Job zu behalten, unterschreibt Hack einfach, was John ihm vorlegt. Wenige Minuten später ahnt Hack bereits, dass auch dies wohl ein Fehler war. Sein ganzes Leben scheint daraus zu bestehen.

Und das ist Hacks Job: Sportschuhhersteller Nike will einen sauteuren Schuh auf den Markt werfen, der pro Paar 2500 Dollar kosten soll. Null problemo, denn die Kids sind verrückt nach Nike’s Produkten. Um die „Street Credibility“ (Glaubwürdigkeit, Prestige) des Nike Mercury zu erhöhen, soll Hack bei der Markteinführung lediglich zehn Teenager töten. Sie starben für ihren Fetisch, soll es später heißen. Doch Hack hat noch nie einen Menschen getötet, könnte das auch gar nicht, wenn er seiner Freundin Violet glaubt.

In Logoland kann er diesen Auftrag ohne weiteres „outsourcen“: Er geht zur Polizei von Melbourne. Senior Sergeant ist auch gar nicht abgeneigt, gegen ein kleines Entgelt von 130 Mille den Job auszuführen. Doch niemand bei der Polizei will sich an so etwas die Finger schmutzig machen, und so wird der Auftrag erneut outgesourct: an die NRA. Die Waffenlobby und Privatarmee hat für so etwas genau die richtigen Leute. Leute wie Billy etwa, die eigentlich nur in Neuseeland Ski laufen wollten, aber dann doch wegen ihrer Zielsicherheit rekrutiert wurden.

Es kommt, wie es kommen muss: Am Tag der Markteinführung der Nike Mercurys werden in Melbournes Einkaufsmeile junge Menschen sterben. Zum Glück gibt es noch die Regierung – so unglaublich das klingen mag. Auch hier gilt das Namensprinzip, wonach ihre Mitarbeiter, die „Agenten“, statt des Familiennamens den Zusatz „Government“ tragen (daher auch der Original-Titel). Jennifer Government ist ein echte Powerfrau, die in jeder Situation automatisch die Leitung übernimmt. Und wie sich herausstellt, hat sie mit John Nike noch ein Hühnchen zu rupfen: Ihre Tochter ist sein Kind, das er nicht haben wollte.

Am Mercury Day also versucht Jennifer Government den Mord an zehn Teenagern zu verhindern und die Drahtzieher des Anschlags ausfindig zu machen. Wird es ihr gelingen?

So viel zu den ersten 50 Seiten. Der Rest des Buches wird noch wesentlich besser. Denn John Nike hat kapiert, was die ultimative Konsequenz aus der neuen Weltordnung ist: Krieg. Und warum sollte er nicht als neuer Weltpräsident daraus hervorgehen? Es kommt eben auf das richtige Marketing an, und dafür ist er mit seiner Guerillataktik genau der richtige Mann. Wenn nur nicht Jennifer Government wäre, seine Nemesis.

Im Verlauf der Handlung kristallisiert sich heraus, dass es in Logoland USA zwei konkurrierende Treuegesellschaften gibt, also etwas wie „Miles & More“ von der Lufthansa. United Alliance hat 500 Mio. Mitglieder, Team Advantage „nur“ 290 Mio. Mitglieder. Die beiden Systeme ersetzen die alten Machtblöcke Kapitalismus vs. Sozialismus, denn wer dem einen Block angehört, bekommt keine Services vom anderen Block. Und Konzerne wie IBM oder Nike gehören entweder dem einen oder dem anderen Block an. So kommt es, dass im turbulenten Finale des Romans ein Geschäft von Burger King im Auftrag von McDonald’s von der NRA per Raketenangriff pulverisiert wird. Geschäft ist eben Krieg. Buchstäblich. Man sollte das Wort „Konsumterror“ endlich ernst nehmen.

Die Tatsache, dass die Kapitel und ihre Unterabschnitte äußerst kurz sind und an die Dimensionen eines James-Patterson-Krimis erinnern, trägt stark zur Lesbarkeit des Buches bei. Die einzige Möglichkeit, mit dem Lesen innezuhalten, bilden die fünf großen Buchteile: eine Pause von immerhin zwei bis drei Seiten. Da der Text zu 90 Prozent aus Dialog besteht, liest sich der Roman wie das Drehbuch zu einem noch nicht realisierten Film.

Dieser Film, den ja Clooney & Soderbergh planen, würde wesentlich weiter über die schöne neue Konsumwelt von „Minority Report“ hinausgehen. In der von Spielberg adaptierten Vision des Jahres 2054 wird jeder Bürger per Netzhautabtastung erkannt und sofort mit personalisierten Lokal-Services bestürmt: „Besuchen Sie The Gap!“ „Nutzen Sie unsere halbstündigen Sonderangebote jetzt, Mister Anderton!“ In Logoland könnte Mr. Anderton mit seiner Treuekarte nur noch bei bestimmten Herstellern kaufen. Alle seine Bewegungen würden von Videokameras überwacht und aufgezeichnet, seine Kreditwürdigkeit würde in Sekundenschnelle feststellbar sein. Die Wunder der EDV machen dies bereits jetzt möglich. Auch der Computervirus, der im Buch von einem Konzern gegen den anderen eingesetzt wird, wäre wohl bereits jetzt möglich. Immerhin hat sich der Autor kompetent beraten lassen, wie man aus seiner eloquenten Danksagung erfährt, und vermeidet erfolgreich die gröbsten Schnitzer.

Eine ganze Reihe von Near-future-Szenarien wie „Logoland“ existiert bereits, und einige davon sind sogar satirisch aufgezogen. Doch leider fehlt ihnen einerseits der Biss und die Glaubwürdigkeit der Vision, weil sie sich nur auf bestimmte Ausschnitte der beschriebenen Realität beschränken. Zum anderen kommt häufig die menschliche Wärme zu kurz und die Möglichkeit, dass sich Menschen im Laufe der Zeit grundlegend ändern können. Schließlich sind Menschen doch lernfähig, oder?

Es gibt in Logoland einige Figuren, die sich radikal ändern, meist zum Besseren. Dazu gehört Hack Nike. Am Anfang nur ein Jammerlappen und Loser, wie er im Buch steht, entwickelt er sich durch die Fürsorge und Liebe einer Frau, Claire, zu einem Rebellen, der sich sogar gegen John Nike zu behaupten vermag. Wer hätte das gedacht. Wie in einem Roman von John Brunner (ich denke an „Der Schockwellenreiter“ und „Schafe blicken auf“) wird er zu einem Aktivisten, der seine Mitmenschen zu mehr Bewusstheit verhelfen will: Er manipuliert Werbeplakate und überfällt sogar einen McDonald’s. Leider hat er es auch in Nike Town schwer, den Kids, die bereits alles gewöhnt sind, was an Promotion auf sie losgelassen wird, klarzumachen, dass er keine Werbefritze ist, sondern ein Kritiker. Erst als die Kids bemerken, dass er KEINE LOGOS trägt, ist er glaubwürdig!

Ebenso positiv entwickelt sich der Börsenmakler Buy Mitsui. Er schafft gerade noch sein Plansoll und hat nach dem Nike-Town-Zwischenfall, in den er gerät, eine Art Burnout. Er kann sich zu nichts mehr aufraffen, das nach Geschäft riecht. Nicht einmal einen 45er Colt kann er richtig bedienen, um sich damit umzubringen. Über Umwege wird er von Jennifer Government quasi als Babysitter und Ersatzvater ihrer Tochter Kate adoptiert. Im Beisammensein mit dem Mädchen und in der Fürsorge blüht er richtig auf. Als Kate von John Nike entführt wird, muss er all seinen Einfallsreichtum aufbieten, um die Lage, d.h. sein Leben zu retten.

John Nike hingegen ist so ‚was von zielbewusst und skrupellos, dass er schon wieder als Verkörperung des Bösen erscheint. Dieses Urteil würde ihm aber keine Gerechtigkeit widerfahren lassen: Er ist lediglich ein zielbewusster Marketingheini, der weiß, was auf dem Personalmarkt gebraucht wird und was er dadurch erreichen kann. Er erklärt zum Beispiel den US-Präsidenten für abgesetzt, weil der eh nichts zu sagen habe. Es lebe das freie Spiel der Marktkräfte! Der Rest des Buches besteht daraus aufzuzeigen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Sie sind keineswegs angenehm: NRA-Heckenschützen, Virenattacken und NRA-Raketenangriffe sind die nunmehr legalisierten Auswüchse des „Laissez-faire“, das John Nike erklärt hat.

Kostprobe gefällig? John Nike: „Demokratie ist ein einziger Schwachsinn, Li.“ [NRA-General] Li setzte sich. „Wir beim Militär haben schon immer die Demokratie abgelehnt.“ – „Sehr vernünftig“, sagte John. „Also gut, reden wir über Panzer.“

Natürlich wird „Logoland“ das, was eine Satire seit jeher beabsichtigt: eine Warnung an die Lebenden. Durch absichtliche Übertreibung von bestehenden Entwicklungen und Auswüchsen entsteht ein Zerrbild, in dem sich eine mögliche Zukunft abzeichnet, wenn keine Maßnahmen eingeleitet werden, um sie zu verhindern. Manche Satiren übertreiben es (s.o.) in dieser Hinsicht, sind bierernst oder gar statisch. „Logoland“ schafft es gerade noch, auf dem Teppich zu bleiben. Sein Dystopia ist bereits zum Greifen nahe. Amerikanisches Expansionsstreben hat sich im Irak wieder einmal bewiesen. Aber geografische Expansion ist nichts gegen die globale Expansion der US-Konzerne, auch und gerade in Deutschland. Und diese Konzerne sind keineswegs Freunde der Gewerkschaften, sondern operieren – wie mehrfach im Roman – nach dem Prinzip „hire and fire“.

Neben der Funktion des Warnschildes soll eine Satire aber noch mehr können: Es sollte Spaß machen, sie zu lesen. Die überspitzten Dialoge und die grotesken Verhältnisse, die der Autor schildert, liefern so manchen Aha-Effekt und lassen den Leser manchmal, besonders am Anfang, lauthals auflachen. Bis irgendwann der Punkt kommt, an dem man der Groteske Glauben schenkt und einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Spätestens dann sollte der Roman auch spannend werden. Und das ist „Logoland“ ebenfalls – bis zur letzten Seite des Hauptteils. (Der Epilog beleuchtet das weitere Schicksal von John Ex-Nike.) Ich zumindest habe das leicht lesbare Buch in zwei Tagen verschlungen.

„Logoland“ ist beides: ein actiongeladener, geradezu rasanter Wirtschaftsthriller, aber auch eine Charakter- und Gesellschaftsstudie. Der schier atemlose, dialoglastige Text macht das Lesen leicht, doch sollte man dabei die zahlreichen intelligenten und mitunter witzigen Ideen nicht übersehen, die dem australischen Autor eingefallen sind.

Statt an Philip K. Dick hat mich „Logoland“ weitaus mehr an den Schotten Irvine Welsh („Trainspotting“) und den Manchester-Briten Jeff Noon („Alice im Automatenland“, „Gelb“, „Pollen“, „Nymphomation“) erinnert: der gleiche Einfallsreichtum, der gleiche Mut zur Groteske, nur diesmal übertragen auf die Wunderwelt der Globalwirtschaft. Logoland, wir kommen!

_Michael Matzer_ © 2003ff