Schlagwort-Archive: Heyne

James Gunn (Hg.) – Von Wells bis Stapledon – Wege zur Science Fiction 3

Wege zur Science-Fiction:

Band 1: Von Gilgamesch bis Hawthorne. HSFB 90
Band 2. Von Poe bis Wells. HSFB 91
Band 3. Von Wells bis Stapledon. HSFB 92
Band 4. Von Huxley bis Heinlein. HSFB 93
Band 5. Von Heinlein bis Farmer. HSFB 94
Band 6. Von Clement bis Dick. HSFB 95
Band 7. Von Ellison bis Haldeman. HSFB 96
Band 8. Von Matheson bis Shaw. HSFB 97
Band 9. Von Lem bis Varley. HSFB 98
Band 10. Von Malzberg bis Benford. HSFB 99
Band 11. Von Shelley bis Clarke. HSFB 100
Band 12. Von Ballard bis Stableford. HSFB 101

Evolution & Revolution: Immer auf die armen Fußgänger!

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Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22

Am Ende aller Tage: untote Soldaten und goldene Männer

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 22 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen – Thema sind „Evil Earths“, also kaputte Erden. Dies ist der erste von zwei TITAN-Bänden zu diesem Thema (Teile 1 bis 3 des Originals). Die Originalerzählungen entstammen Magazinen, die heute nur noch schwer zugänglich sind, und zwar aus drei Jahrzehnten.

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Seth Grahame-Smith: Abraham Lincoln – Vampirjäger

grahame-smith-lincoln-vampir-cover-kleinWeil Vampire seine Mutter töten, schwört Abraham Lincoln ihnen Rache und verfolgt sie erbittert; als Präsident der Vereinigten Staaten führt er sogar Krieg gegen die Blutsauger … – Weniger die bedingt originelle Hintergrundgeschichte, sondern das Geschick des Verfassers bei der ‚Neuinterpretation‘ historischer Fakten sorgt für Lektürevergnügen: eines der besseren der aktuell erfolgreichen „[Prominenter Name]-jagt-Vampire“-Mash-up-Garne.
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Colin Harvey – Gestrandet

Als er auf dem Eisplaneten Isheimur strandet, muss Raumfahrer Karl Allman sich unter hungrigen Tieren, blutrünstigen Wilden und ungastlichen Kolonisten behaupten; zu allem Überfluss entdeckt er Isheimurs lebensbedrohendes Geheimnis … – Viel Action, eine exotische Kulisse und zwischenmenschliche Klischee-Konflikte verknüpfen sich zu einem SF-Abenteuer mit leichtem Retro-Touch: Lesefutter mit einigen Ballaststoffen.
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James Graham Ballard – Zeit endet oder Die Elemente

Ballard-Kompendium: Guter Einstieg mit Lücken

Das Leben auf unserem Planeten basiert auf der Unveränderlichkeit und Zuverlässigkeit der Elemente Luft, Wasser und Erde. Wenn sie nicht mehr gegeben sind – sei es durch die Leichtfertigkeit und Sorglosigkeit seiner Bewohner, sei es durch ominöse kosmische Veränderungen -, beginnt das Leben zu erlöschen, und die Endzeit bricht an.

J. G. Ballard ist ein Meister des Endzeitszenarios in der Science-Fiction. Dieser Band umfasst seine drei Romane „Der Sturm aus dem Nichts“, „Die Dürre“ und „Die Kristallwelt“. Außerdem sind ein Nachwort, ein Interview mit dem Autor, eine Untersuchung seines Werks und eine ausführliche Bibliographie der deutschen Ballard-Ausgaben sowie der wichtigsten Sekundärliteratur beigefügt. (Gekürzte Verlagsinfo)

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Brian W. Aldiss – Tod im Staub

Ein Hauch von Graham Greene: die Endlösung der Bevölkerungsfrage

Als Kapitän Nolan mit seinem Frachter im 22. Jahrhundert über den Atlantik schippert, fischt sein Maat einen Toten auf, der über die Wellen geht. Damit handelt sich die Besatzung eine Menge Ärger ein. Denn die mit 20 Milliarden Menschen überbevölkerte Welt ist voller Gifte, und die alten Supermächte sind längst auf den Stand von Entwicklungsländer herabgesunken. Währenddessen haben sich die afrikanischen Nationen zu Großmächten aufgeschwungen, die eifersüchtig über ihre Besitzstände wachen. Durch den Toten wird Nolan mitten in diesen Konflikt hineingezogen …

_Der Autor_

Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner „Helliconia“-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ („Am Vorabend der Ewigkeit“) bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

_Handlung_

Im 22. Jahrhundert schippert Kapitän Knowle Noland mit seinem vollautomatisierten Frachter „Trieste Star“ gerade auf die südwestafrikanische Skelettküste zu, um dort Sand zu laden, als der Tote auftaucht. Dieser Tote hält sich nicht an die Regeln: Er liegt nicht brav in einem stillen Grab, sondern schwebt über die Wellen des Atlantiks.

Als Nolans erster Maat den Toten an Bord holt, zeigt sich, dass dieser einen Antigrav-Anzug umgeschnallt trägt, die sein Gewicht auf etwa zehn Kilo reduzierte. Dr. Thunderpeck weiß Bescheid: So etwas können sich nur sehr reiche und herzkranke Leute leisten, und der feine Anzug des Toten spricht dafür. Wahrscheinlich machte er eine Erholungskur an der Küste, in einer Luxusferienanlage. Von dort wehte ihn vielleicht der Wind aufs Meer hinaus, wo er verhungerte. Und jetzt haben sie den Salat, denkt Noland.

Genau. Als sei der Tote ein Geist seiner schuldbeladenen Vergangenheit, balgt sich Noland mit ihm – und entdeckt die Briefe. Es sind Liebesbriefe von einer gewissen Justine an einen gewissen „Peter“. Sie muss einen Geheimauftrag im Umkreis des afrikanischen Präsidenten El Mahasset haben und der Adressat, den sie „Peter“ nennt, ein hohes Tier aus Großbritannien sein. Der letzte Brief datiert erst zwei Tage zuvor. Justines Worte verzaubern den seit 19 Monaten pausenlos auf See schippernden Kapitän. So entgeht ihm eine verhängnisvolle Entwicklung an Bord.

Der Autopilot ist ausgefallen. Noch während er mit dem Maat die unheilbringende Leiche – der Maat hat bereits rote Flecken im Gesicht – über Bord wirft, erkennt der Kapitän, dass das Land der klippenstarrenden Küste bereits in unmittelbarer Nähe ist. Jede Kursänderung kommt zu spät, wird ihm klar. Vollgas gebend lacht Noland auf: „Jetzt erst recht, Justine!“ Und rammt seinen 80.000-Tonnen-Kahn mit Karacho in die Felsen der Skelettküste, die ihren Namen vollauf verdient. Unzählige Wracks liegen hier. Und schon ist die „Trieste Star“ eines von ihnen.

|Rückblende|

In seinem Bericht blickt Noland zurück auf die Ereignisse, die ihn hierhergebracht haben. Wegen seines speziellen geistigen Zustands, der ihn unter Stress in Halluzinationen mit Schreikrämpfen verfallen lässt, war er vor zwölf Jahren aufs Land verschickt worden. Dort befinden sich nur scharf bewachte Strafkolonien in der mechanisierten Landwirtschaft. Als er per Zufall auf die vogelfreien „Wanderer“ stieß, verriet er deren Anführer und wurde von seinem Boss, dem Farmer, dafür mit dem Posten auf der „Trieste Star“ belohnt. Seit jenem Tag vor zwölf Jahren fühlt sich Noland an der Ermordung der „Wanderer“ schuldig.

|Odyssee|

Der Atomreaktor der „Trieste Star“ gerät just in dem Moment außer Kontrolle, als eine Militärpatrouille von Neu-Angola an Bord gehen will, um die leckere Prise in Besitz zu nehmen. Die Atomexplosion verschont lediglich das Leben von Noland, doch keinen sonst (ein Irrtum, wie sich herausstellt). Auf der Suche nach Nahrung wendet sich der Schiffbrüchige nach Süden und wird von einer anderen Patrouille gefangen genommen.

In dem Freistaat Walvis Bay geht etwas vor sich: Überall wird gebaut und dekoriert. Hier lernt Noland endlich seine Traumfrau kennen, die Justine aus den Briefen. Er kann nicht anders, als ihr seine Liebe anzubieten. Voll Verachtung schiebt sie diesen ahnungslosen „Plebejer“ beiseite. Aufgrund der Briefe, die man ihm abnimmt, verdächtigt sie Noland natürlich, etwas mit dem Tod jenes Mannes zu tun haben, der mit seinem Antigravgerät auf das Meer hinausgetrieben worden – er war ein Spion. Ergo muss auch Noland ein Spion sein, oder? Vergeblich beteuert er seine Unschuld, was ihn nur umso erbärmlicher wirken lässt.

Seine Häscher wollen ihn zu Justines Verbündetem bringen, der natürlich ebenfalls in den unheilvollen Briefen erwähnt wird: Es ist der Adressat Peter Mercator. Zu seinem Entsetzen stellt sich Mercator als sein früherer Boss heraus. Welche Rolle Justine und Peter an diesem schicksalhaften Vorabend spielen wollen, soll Nolan nur zu bald herausfinden. Denn sie haben ihm eine zentrale Rolle dabei zugedacht …

_Mein Eindruck_

Dieser SF-Klassiker war einer der Ersten, der sich ernsthaft und konsequent mit dem schon Anfang der sechziger Jahre absehbaren Problem der Überbevölkerung auseinandersetzte. Ein halbes Jahrzehnt später beschäftigte sich John Brunner in „Schafe blicken auf“ mit den daraus entstehenden Schwierigkeiten, die die Menschheit zu bewältigen hat. In dieser Thematik sind die britischen Autoren, zu denen auch J. G. Ballard zu zählen ist, den meisten ihrer amerikanischen Kollegen um Jahre voraus.

Aldiss schildert ein 22. Jahrhundert, in dem sich nicht weniger als 24 Milliarden menschliche Wesen in Städten drängen, die inzwischen auf Plattformen über der völlig ausgebeuteten und automatisierten Landwirtschaft gebaut werden. Die Macht der Nationen hat sich inzwischen umgekehrt: Der Westen und Asien schauen neidisch auf die vergleichsweise noch fruchtbaren Ebenen Afrikas. Deshalb spielt jenes Afrika, in dem Noland strandet, eine so entscheidende Rolle.

Und er landet hier am Vorabend eines Tages, der über die Zukunft Afrikas und somit der Erde entscheidet: Der afrikanische Präsident El Mahasset soll in Walvis Bay, einer winzigen Exklave, praktisch einen neuen Staat gründen. Gelingt ihm dies, so wäre dies eine Demonstration für den Frieden in Afrika. Scheitert er, so wird er Krieg mit Algerien und Neu-Angola führen, die nur darauf warten, ihn zu ersetzen.

Fatalerweise steht mit dieser Entscheidung auch das Problem der Überbevölkerung auf der Kippe: Die Maßnahme der Enthaltsamkeit, der sich die Abstinezler-Sekte hingibt, fruchtet nichts. Nun sinnt die Sekte auf eine weitaus radikalere Maßnahme, um die zunehmende Überbevölkerung nicht nur zu stoppen, sondern sogar zu verringern: Krieg ist das patentierte und erprobte Mittel zur Dezimierung von Menschenmassen. Und Krieg wird es geben, sobald El Mahasset in aller Öffentlichkeit ermordet wird.

Dies haben Justine und Peter Mercator im Sinn, als Noland auftaucht. Da Mercator todkrank ist, soll Noland für ihn einspringen. Und was soll er bitteschön davon haben, fragt er hartnäckig. Das ist eben die knifflige Frage, die er in intensiven Dialogen mit Mercator und Justine erörtert. Was gewinnt er, was gewinnt die Welt, wenn er El Mahasset tötet? Die Frage sei doch vielmehr, ob es mindestens einen Gewinner geben wird, erwidert Justine: die Wanderer, die Noland selbst so schnöde verraten hat. Und mit ihnen hätte die Erde eine Überlebenschance. Wird Noland schießen?

_Die Übersetzung_

Die Übersetzung, die der Lichtenberg-Verlag 1970 unter der Leitung von Günther Schelwokat anfertigen ließ, zeichnet sich durch hohes sprachliches Niveau und das Fehlen jeglicher Druckfehler aus. Das erlaubt ein höchst erfreuliches Leseerlebnis. Erst 1973 und erneut 1983 veröffentlichte Heyne diese Übersetzungsfassung.

Lediglich zwei Wörter fielen mir auf. Auf S. 37 ist von einer „Sprue“-Krankheit die Rede. Der Ausdruck war mir nicht geläufig. Das englische Wort bezeichnet eine fiebrige Erkrankung. Auf Seite 53 wird das Wort „Garage“ wieder mal im alten Sinn „Autowerkstatt“ verwendet.

_Unterm Strich_

Die Imitation des offensichtlichen Vorbilds Graham Greene, bekannt für Romane wie „Der stille Amerikaner“ und „Der Honorarkonsul“, rechtfertigt noch nicht, dass dieser Roman einen Status als Klassiker erreicht hat. Nein, es reicht nicht, einen Engländer in eine Agentensituation à la James Bond zu schicken, auch wenn die Action noch so packend ist. Es ist daher die zweite Komponente, die den Ausschlag gibt: die Figur des Knowle Noland selbst.

Er ist nicht nur das hilflose Produkt der Zustände auf einer übervölkerten, ausgepowerten Erde. Vielmehr ist er obendrein ein höchst unzuverlässiger Chronist. Er leidet an einer seltenen Geisteskrankheit, die ihm Visionen und Halluzinationen vorgaukelt, die mal poetisch, mal horrormäßig anmuten. Und einer dieser Trancezustände verzerrt seinen Geisteszustand derart, dass er eine lange „Fugue“ von Visionen erlebt. Wir können zwar annehmen, er sei zu Tode gestürzt, und er selbst nimmt das ebenfalls an, doch ist das objektiv nicht der Fall – der Leser wird genarrt.

In dieser Fugue findet ein fundamentaler Wandel in Nolands gequälter Seele statt. Die Begegnung mit dem Tod, mit Toten, mit weisen Männern voll ironischer Sprüche – all dies ermöglicht erst, dass Noland verändert zu Mercator und Justine zurückkehren kann – um mit ihnen zu kollaborieren. So eine seelische Transformation sucht man in konventionellen SF-Abenteuern vergeblich. Dieser Inner Space hebt das Buch, ebenso wie die Problematik, weit über den Durchschnitt hinaus.

Entgegen meiner Erwartung – ich war abgestoßen vom scheußlichen Titelbild – erlebte ich also einen spannenden Roman, der politisch relevant ist, eine kritische Vision der Zukunft aufweist und zudem so gut erzählt ist, dass einem die Figur des Knowle Noland unweigerlich in Erinnerung bleibt. Hinzukommt die hohe Qualität der Übersetzung. Sammler greifen am besten zur weißen Ausgabe aus der Heyne SF Bibliothek, die 1983 erschien.

Taschenbuch: 144 Seiten
Originaltitel: Earthworks (1965)
Aus dem Englischen von Evelyn Linke
ISBN-13: 978-3453309050
www.heyne.de

Wolfgang Jeschke – Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan. Erzählungen und Hörspiele

Das Orakel aus dem Heyne-Verlag

Wolfgang Jeschke ist seit vielen Jahren einer der herausragenden SF-Autoren. Dabei ist er nicht nur mit Erzählungen hervorgetreten, sondern auch mit fiktionalen Dokumentationen und etlichen wichtigen Hörspielen. Sein Werk mag schmal sein, doch sein Aussagengehalt und Ideenreichtum wiegt umso schwerer.

Diese Collection versammelt einige seiner besten Arbeiten, vor allem aber auch drei Hörspiele, die man in den „Gesammelten Werken“ (Shayol-Verlag) nicht findet.

Der Autor

Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science Fiction Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z. T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Sein Roman „MIDAS“ wurde mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet.

Die Erzählungen

1) Yeti (1980)

Ein Promoter verleitet zwei Bergsteiger, der Philosophie Reinhold Messners zu folgen, der Sauerstoffgeräte ablehnte, aber noch einen draufzusetzen: keine Schutzkleidung, keine Zelte, keine Helme – kurzum: nur den nackten Adam. Die Methode ist einfach: Gen- und Hormonbehandlungen sollen unseren zwei Helden u.a. einen Pelz wachsen.

Die zwei Bergsteiger haben den Termin die Mount-Everest-Besteigung bereits in der Tasche, müssen sich also ranhalten. Doch im 21. Jahrhundert ist die Gentechnik schon weit fortgeschritten, und so dauert es nur fünf Monate, bis ein wärmender Pelz gesprossen ist. Die Tour beginnt am Golf von Bengalen: keine Helikopter tragen unsere Helden zum Basislager, nein, Sir, sondern sie legen den ganzen Weg zum Gipfel auf Schusters Rappen – Moment: stimmt ja gar nicht! Mit Hilfe ihrer Krallen und harten Fußsohlen brauchen sie weder Schuhe noch Kletterhilfen. Der Gipfelsturm ist also gesichert.

Ein Bergsteiger aus Simbabwe, der ihnen unter dem Gipfel begegnet, erkennt die Wahrheit, wenn er sie sieht und murmelt bestürzt: „Yeti …“

Mein Eindruck

Die Story ist Reinhold Messner gewidmet, dem Gröbaz, also dem größten Bergsteiger aller Zeiten. Er propagiert „fair means“, also nur faire Mittel, die zum Bergsteigen eingesetzt werden sollten, daher die Ablehnung von Sauerstoffgeräten. Die Story setzt noch einen drauf und macht aus Gipfelstürmern Yetis. Folgerichtig titelte der PLAYBOY: „Nackt zum Gipfel“.

Während das Thema, die genetische Aufrüstung des Menschen, auf die Schippe genommen wird, so macht die Story Spaß, weil die Szenen wirklich authentisch wirken, so etwa sprachlich. Der Epilog liefert die Pointe: Die beiden Helden werden im Stich gelassen und ihr Fell nicht mehrlos – sie haben sich buchstäblich zum Affen machen lassen.

2) Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung (1981, KLP)

Man schreibt das Jahr 2436 im Jahre der Fleischwerdung Gottes, also genau 442 Jahre nach der „Verheerung des Landes“ anno 1994. Das „Land“ ist wieder auf frühmittelalterliches Niveau herabgesunken, nachdem Strom und Öl, Gas und Kohle sowie Medizin aufgebraucht worden sind. Lediglich Dampfkraft lässt sich noch erzeugen – mit Holz, versteht sich.

Ein kranker Pilger berichtet von einer neuen Seuche im Norden, als er in Österreich am Reschenpass eintrifft. Der Abt von Reschen weist ihm ein Quartier im abgelegenen Hungerturm zu, bei den Mutanten und vermutlich Kranken. Der Reisende namens Heike oder Haike, der von der Saar gekommen ist, hinterlässt ketzerische Schriften aus der Zeit vor der Verheerung. Diese Schriften stammen aus Garching bei München, erstellt von „Mäd saientists“, welche wenig später von Truppen des Bischofs von Freising niedergeworfen und in die Bergwerke von Salzburg verkauft wurden.

Mein Eindruck

Die Dokumente beschreiben, wie es dazu kommen konnte, dass ein mit biologischen Waffen geführter Krieg ausbrechen konnte. Sie beginnen 1972 mit den Vorhersagen und Warnungen des Club of Rome, konzentrieren sich aber auf das Jahr 1980, als die Umweltschutz- und Anti-Atom-Bewegungen zur Gründung der Grünen führen und extrapolieren dann einen Geschichtsverlauf, der in der Verheerung endet. Viele der Dokumente stammen aus SPIEGEL, ZEIT und VDI-Nachrichten, umfassen aber auch direkte Vorträge und Graffite, ja, sogar ein Zitat aus John Brunners Roman „Morgenwelt“.

Ist das wirklich eine Erzählung, fragt sich der Leser zu Recht. Die Auszeichnung mit dem Kurd-Laßwitz-Preis 1981 muss ja gerechtfertigt gewesen sein. Dazu ist eine Eigenleistung erforderlich. Diese besteht m.E. nicht nur in der Rahmenhandlung, sondern besonders auch in der Auswahl der Texte. Diese beleuchten Probleme wie Überbevölkerung, Energieversorgung (bes. Kriege ums Erdöl), Nahrungsmittel, Gentechnik, Nuklearenergie, Aufrüstung, Umweltverschmutzung usw., also alles Probleme, denen wir uns auch heute noch gegenübersehen, 30 Jahre danach.

Der Aufstieg der Informatik und der Massenkommunikation wird nur in Ansätzen registriert, aber immerhin. Das i-Tüpfelchen sind die letzten Texte, vorgebliche Reden von Amerikanern, die aus den neunziger Jahren datieren – und ergo erfunden sind. Darin lässt der Autor die Nutzung von Solarenergie, die von Weltraumspiegeln zur Erde geleitet wird, als unabdingbar bezeichnen – Stoff für eine Debatte.

Die Rahmenhandlung ist alles andere als skurril. Wenn die Kultur auf den strengkatholischen Glauben und dessen Diktate zurückfällt, dann hat das seinen guten Grund: Schutz und Segen erhoffen sich die wenigen Überlebenden. In dieser Hinsicht ähnelt die Rahmenhandlung Carl Amerys Bestseller „Der Untergang der Stadt Passau“ (siehe meinen Bericht) und Georg Zauners Roman „Die Enkel der Raketenbauer“.

3) Osiris Land (1982)

Man schreibt das Jahr 2036 n.Chr. und ein paar wenige Jahre nach dem atomaren und biologischen Holocaust, der mehreren Milliarden Menschen das Leben gekostet hat. An den Rändern der noch bewohnbaren Gebiete in der westlichen und mittleren Sahara treten in den verseuchten Gebieten Mutanten auf. Die Einheimischen töten sie aus Gründen des Selbstschutzes.

Die Geschichte wird erzählt von Beschir, einem Jungen aus einem Dorf in der Sahel-Zone. Seine auf die äußere Welt gerichteten Beobachtungen werden ergänzt von den Tagebucheintragungen eines Weißen, der aus dem unverseuchten Südafrika bereits Tausende Kilometer quer durch Afrika gezogen ist. Sein Name: Master Jack. Sein Ziel: das weitere Tausende Kilometer entfernte Ägypten oder was davon noch übrig ist, nachdem der zerstörte Assuan-Staudamm alles Land unter seinen ungeheuren Wasser- und Schlammassen begraben hat. Dort wurden merkwürdige Lichterscheinungen beobachtet: Raumfahrt in Zeiten nach der Apokalypse?

Zusammen mit einem Führer und Beschir als Helfer zieht Master Jack von Dorf zu Stadt, von Brunnen zu Fluss, stets die Zerstörungen beobachtend, die weißen Eunuchen-Sklaven und reichen Potentaten, die selbstherrlichen Flusskapitäne und die kannibalischen Einheimischen an den Ufern des Nils. Und schließlich treffen Jack und Beschir auf Außerirdische, Vorbilder für die altägyptischen Götter. Während Jacks Seele mit ihnen ins Herz der Galaxis fliegt, bewegt sich sein androider Körper, sein Bewusstsein mit Beschir zurück nach Südafrika.

Mein Eindruck

In Jeschkes wunderbar stimmungsvoll erzähltem Expeditionsbericht treffen der Orient aus Karl Mays Reiseerzählungen und die surrealen Landschaften James G. Ballards („Kristallwelt“) aufeinander und bilden eine eigenartig faszinierende Kombination, deren Zauber man sich nicht zu entziehen vermag. Die Erzählung weist den Autor als guten Stilisten und Fabulierer aus, der seine Figuren und ihre Welt mit Leben zu füllen vermag.

Doch unter der orientalisch-märchenhaften Oberfläche wartet das Grauen des Holocaust, das dem Leser vor allem durch die Tagebucheintragungen Master Jacks vermittelt wird – die Berichte, wie es den wenigen verzweifelten Überlebenden erging, die an Nordafrikas Küsten Zuflucht suchten und dort allesamt erschlagen wurden. Doch den dortigen Potentaten nützte diese „Schutzmaßnahme“ nichts, denn die Zugvögel brachten die Erreger der Beulenpest dennoch ins Land.

Wie es zu diesem globalen ABC-Krieg kommen konnte, zeichnet der Autor mit dem Kenntnisstand der Entstehungszeit Anfang der 80er Jahre (Iranische Revolution 1979) nach. Diese explosive politische Lage führte zwar zum Glück nicht zu einem Weltkrieg, wohl aber zu drei Golfkriegen. Und wer weiß: Wenn Oberst Gaddafi damals die Bombe gehabt hätte, als die Amerikaner Tripolis bombardierten…

4) Wir kommen auf Sie zu, Mr. Smith (1983)

Ein Personalleiter bekommt den Bewerber Winston Smith [so heißt die Hauptfigur in Orwells Roman „1984“] gemeldet. Soll eine Minute warten, lässt er seine Sekretärin ausrichten. In dieser Zeit liefert ihm sein Rechercheur Rechmann per Datenleitung und telefon sämtlichen relevanten Daten über Smith, seine Frau und das Kind, die Autos, die Hypothek, die vorherigen Firmen und die anhaltende Arbeitslosigkeit.

Er empfängt Smith kurz und sagt ihm dann, er käme wieder auf ihn zu. Sobald Smith gegangen ist, versieht er dessen Bewerbung mit dem Vermerk: „ABSAGEN.“ Smith zeigt ihm viel zu wenig Selbstvertrauen, um ihn auf den Posten eines Projektleiters zu setzen. Und der nächste Bewerber wartet schon.

Mein Eindruck

Der Pfiff an dieser Geschichte ist nicht die banale Handlung, sondern die Art der Datenbeschaffung. Rechmann scheint ein „Hacker“ zu sein, der schon mal illegal Daten abzapft, so etwa bei Sparkassen-Halbjahresabschlüssen. Es geht also um den „gläsernen Bürger“. Heute mutet diese Methode vorsintflutlich an. Jeschke schrieb die Story für eine Anthologie zum Orwell-Jahr 1984, um vor den Auswüchsen zu warnen. Heute ist die Lage für den Datenschutz trotz aller moderner Gesetze keinen Deut besser geworden, hat man den Eindruck.

5) Sibyllen im Herkules oder Instant Biester (Hörspiel, 1984)

Vor dem Nordkap hat ein amerikanisches Atom-U-Boot einen norwegischen Fischtrawler gerammt und ist gesunken, bald sieht sich der Kapitän in russische Fangnetze und Minenfelder gesperrt. Er droht damit, seine 192 Atomsprengköpfe abzufeuern, sollten die Russen ihm nicht freien Abzug gewähren. Die Lage ist brisant.

Unterdessen entziffern eine Radioteleskop-Astronomin und ihre Freundin, eine Tontechnikerin, ein verrauschtes Radiosignal aus dem Sternbild Herkules. Wenn man das Signal stark verlangsamt, kann man etwas wie „Instant Biester“ verstehen. Aber was soll das bedeuten? Sie bearbeiten das Band solange, bis sie mehrere Sprachen wie Englisch, Arabisch und Russisch verstehen können. Man soll das Band rückwärts abspielen, lautet die Anweisung. Trotzdem sind die Botschaften ein Rätsel: Es sind prophetische Warnungen aller bekannten Sibyllen vor dem drohenden Weltuntergang.

Ihre Vorgesetzten und Mitarbeiter nehmen die Sache ein paar Tage nicht ganz ernst, bis sie sich umhören. Andere Radioastronomen haben die Botschaft aus dem Herkules auch verstanden. Einer der Texte gibt auf Englisch nicht nur Anweisungen, sondern drückt auch sorgenvoll Anweisungen aus. Die Astronomin berechnet den Ursprungsort der Botschaft, die seit rund zehn Jahren aufgenommen, aber nicht verstanden wird. Die Stelle bezeichnet den Apex des Himmels, kurzum: jenen Ort, wohin sich unser Sonnensystem mit affenartiger Geschwindigkeit hinbewegt. Kommen die Botschaften also aus der Zukunft?

Mein Eindruck

Tom Clancy trifft Gregory Benford, dachte ich bei mir, als ich die beiden Grundideen zusammenfügte. Tom Clancy – dafür steht der U-Boot-Plot: Ein amerikanischer U-Boot-Kommandant darf tatsächlich (wie etwa in „Crimson Tide“ geschildert) ohne vorherige Rückfrage mit dem Hauptquartier seine Atomraketen abfeuern, wenn er in einer entsprechenden Notlage ist. Und dies ist es nach 22 Tagen definitiv.

Die Botschaft aus der Zukunft, die erst dechiffriert werden muss – das ist der Plot von Gregory Benfords bestem Roman „Timescape / Zeitschaft“ (siehe dazu meinen Bericht). Nun muss der dritte Faktor hinzukommen, der ganz Jeschkes eigener ist: die Sibyllen haben diesen Weltuntergang bereits vorausgesagt. Nicht von ungefähr tritt ein weiterer Nostradamus in einer Gastwirtschaft auf – und zitiert die Orakel der Sibyllen.

Wie so häufig verweist Jeschke auch auf Frank Herberts Atom-U-Boot-Thriller „Dragon in the Sea / Under Pressure“ (ein biblisches Zitat), welcher u. a. auch bei Heyne erschien. Und in einem weiteren Zitat über die Natur der Zeit scheint der Autor sich selbst zu zitieren, aus „Der letzte Tag der Schöpfung“. Ich habe das nicht nachgeprüft. Aber die Stelle besagt, dass die Zeit wie ein Ozean mit starken Unterströmungen sei, keinesfalls aber eine gerade Linie.

Insgesamt dürfte das Hörspiel seinerzeit für spannende Unterhaltung gesorgt und ernsthaft warnend gewirkt haben. Nur zwei Jahre nach dem NATO-Nachrüstungsbeschluss stieß es sicherlich nicht auf taube Ohren.

6) Nekyomanteion (1985, korrekter Titel: „Nekromanteion“)

Anfang des 21. Jahrhunderts ist es Wissenschaftlern gelungen, nicht nur Objekte zu kopieren, zu speichern und zu übermitteln, sondern auch komplette Lebewesen, darunter auch Menschen. Die MIDAS genannte Technologie ist jedoch, wie jede Aufzeichnungstechnik, nicht perfekt. Die menschlichen Kopien, die z. B. in ferne Raumfahrzeuge gesendet werden, erweisen sich als nur für kurze Dauer lebensfähig und es kommt zu schweren Fehlern.

Die US-Regierung, die Milliarden in das Projekt gesteckt hat, stellt es ein. Dafür kauft das Privatunternehmen Nekromanteion Inc. die Rechte und bietet in aller Welt einen neuen Service an: die Wiederauferstehung der Toten. Der einmal aufgenommene Tote (Jargon: Record) wird zu beliebigen Zeiten als Kopie neu erstellt, damit seine Angehörigen etc. ihn treffen können.

Solch ein Nekromanteion gab es vor 2500 Jahren am Fluss Acheron, der in der westgriechischen Provinz Epirus aus den Bergen in die Adria fließt. Damals bezeichnete er die Grenze zum Totenreich und es gab einen florierenden Kult von Priestern, die den Besuchern gegen hohes Entgelt eine Begegnung mit dem lieben Verstorbenen verschafften – ein aufgelegter Schwindel.

Nun bekommt die Familie Katsunaris, die Nekromanteion Inc. ein Grundstück am Acheron verkauft hat, ein Sonderangebot: die kostenlose Aufzeichnung von Opa Kristos. Die Söhne des Alten, darunter unser Chronist Apostoles, sind schlüssig, bis schließlich die Tochter Elena, die das Gasthaus führt, entscheidet, dass einem ja so viel Geld nicht in den Schoß fällt.

Also fährt Apostoles, mittlerweile schon in den Fünfzigern, den Alten zum Institut, auf dass er gescannt werde. Es ist nichts dabei. Und geschah gerade noch rechtzeitig, denn schon im gleichen Herbst segnet Opa Kristos das Zeitliche und wird im Nekromanteion beigesetzt. Vorerst. Zu seinem hundertsten Geburtstag anno 2034 macht sich die gesamte Sippe auf den Weg, um seiner Wiederauferstehung beizuwohnen und seinen Geburtstag zu feiern. Es wird ein Fiasko …

Mein Eindruck

Die sehr anrührende und anschauliche Erzählung verweist bereits auf den Roman „MIDAS oder Die Auferstehung des Fleisches“ voraus, der 1993 bei Heyne erschien (aber vorher bereits woanders). Bemerkenswert sind nicht nur die Entsprechungen zwischen Antike und Gegenwart bzw. naher Zukunft, sondern auch die schier unmerkliche Überbrückung der Lebenszeiten der Sippe Katsunaris. Am Anfang ist Apostoles, der Erzähler, noch selbst ein junger Mann, der mit einer deutschen Archäologin schöne Schäferstunden pflegt. Am Schluss ist er selbst über siebzig und ein schläfriger alter Kerl., der als einziger Sohn keine Kinder hat.

Während eine neue Flechte sämtliche Betonbauten ringsum und auf der Welt in Trümmer fallen lässt und die Region wieder in antike Verhältnisse versinkt, stellt das Nekromanteion heute wie damals einen großen Schwindel dar. Doch die Kritik richtet sich wie zu erwarten nicht etwa gegen den Betrug an den zahlenden Lebenden. Vielmehr erweist sich die unausgereifte Technologie als mieser Verrat an den Toten selbst: Ihre zeitweilige Wiederauferstehung gerät schon nach wenigen Stunden zu einer widerwärtigen Farce mit grausigen Untertönen. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben.

Der Tod und die mehrfach zitierte „Hinfälligkeit des Fleisches“ ist das Generalthema, aber auch die ständige Erneuerung durch Kinder. Von einem trügerischen Idyll, das erotische Intermezzi kennt, führt der Weg der Erzählung geradewegs zum Horror einer Farce der Auferstehung. Der Eindruck, den die Erzählung hinterlässt, hallt noch lange nach.

7) Jona im Feuerofen oder Das versehrte Leben (Hörspiel, 1988)

In einer Heilanstalt erzählt Lady Lynn einer Besucherin (Journalistin?) die Geschichte ihrer Expedition zu einem fernen Stern. Sie war insgesamt 150 Jahre lang unterwegs, bevor sie auf eine veränderte und durch ihren Forschungsbericht aufgestörte Erde zurückkehrte, als einzige Überlebende. Die anderen kamen entweder auf Remora ums Leben oder – wie der Kapitän – töteten sich selbst.

Zunächst gibt Remora Rätsel auf, denn die Welt scheint sich in einer Sackgasse der Evolution zu befinden. Außer den elefantengroßen Tänzer-Krabben scheint es keinerlei Leben zu geben. Rätsel gibt das proteinhaltige Pilzgeflecht auf, das Joe Simonson, der Exobiologe, unter dem Gras findet und das bei Luftkontakt gleich darauf verfault. Er kommt aber nicht auf die Idee, dass es sich um eine sehr große Lebensform handeln könnte. Das wird ihm zum Verhängnis.

Denn Joe bleibt so lange, bis die Winterstürme mit aller Macht zu toben beginnen. Er kann nur noch mit dem Shuttle herauf ins Schiff geholt werden. Doch beim ferngesteuerten Landeanflug geht etwas schief: Es gibt drei Explosionen (statt nur einer), und auf der Aufnahme ist ein merkwürdiges Aufbrüllen zu hören, das sich keiner an Bord erklären kann.

Joe funkt, er wolle sich in einer nahegelegene Höhle in Sicherheit bringen, wo es nach Schwefel rieche. Doch das, was er vorfindet, verschlingt ihn mit Haut und Haar und beginnt einen Prozess der Untwerfung des Menschen. Er funkt in biblischer Diktion eine sonderbare abgewandelte Version der Jona-Legende aus der Bibel – nämlich dass auf Jona im Inneren des Untiers viele neue Jonas gefertigt werden …

Mein Eindruck

Jeschke greift eines seiner Lieblingsthemen auf: Dass das Fremde zu fremdartig ist, um mit menschlichen Begriffen als solches wahrgenommen und erkannt zu werden, bis es für eine Rettung zu spät ist. Standardprozeduren, menschlicher Hilfsinstinkt und ähnliche Schalterfaktoren sorgen dafür, dass Joes Warnung vor dem Versuch, ihn zu retten, in den Wind geschlagen wird – bis es für zwei weitere Expeditionsmitglieder zu spät ist.

Als Herausgeber hat Jeschke das Thema in mehreren Romanen darstellen lassen, so etwa in dem Roman „Das Auge der Königin“ von Philip Mann (siehe meinen Bericht) und in James Tiptrees „Die Feuerschneise“. Seine eigene Version ist packend inszeniert, weist aber auch lange Dialoge auf, die Lady Lynn vorbringen muss.

Vielfach unterlegt ist moderne und klassische Musik, so etwa Holsts „Planeten“ und Schuberts „Neunte Sinfonie“ (S. 235). Dem medium Hörspiel entsprechend nutzt der Text auch die Möglichkeit, Tonaufnahmen mehrfach zu wiederholen, um sie zu vergleichen und zu untersuchen. Auch dies dient dazu, Neugier und Spannung zu erzeugen. Schade, dass das Radiospiel hierzulande und heutzutage fast nur noch beim WDR produziert und gepflegt wird.

8) The Mississippi Straightforward Society (1988)

Die titelgebende Unternehmensberatung stellte dem Verlagsleiter Rolf Heyne aus Anlass des 30-jährigen Verlagsjubiläums (1958-1988) herrliche Wachstumszahlen in Aussicht. Schon Mitte des 21. Jahrhunderts würden die Heyne-Lagerkapazitäten den Regierungsbezirk Oberbayern abdecken und anno 2100 die Grenzen des Deutschen Reiches im Jahr 1937 überschreiten. Desgleichen tolle Wachstumsraten würden die Personalentwicklung, die Anzahl der Außenrepräsentanten, der monatlichen Buchtitel (über 1 Million in 2100) und natürlich des Holzverbrauchs aufweisen!

Doch dieser Wahnsinn hat Methode, nämlich die von Mark Twain. In dessen Buch „Das Leben auf dem Mississippi“ findet sich bereits die benutzte Extrapolationsmethode, abgeleitet vom erstaunlichen Trend des Vaters der Ströme, sich zu verkürzen. Durch Begradigung (daher auch „straightforward“) verliert der Strom im Schnitt soundso viele Kilometer. In wenigen Jahren, so ergibt sich daraus, dürften die Städte Cairo (Oberlauf) und New Orleans (Mündungsdelta) nebeneinanderliegen!

Mein Eindruck

Auch dieser scherzhaft gemeinte Text ist ein Beitrag zu einer Anthologie, nämlich zum „Rolf Heyne Taschenbuch“ 1988. Nach dem anfänglichen Marketinggesülze legt der Schreiber richtig los. Die prognostizierten Wachstumsresultate sind aberwitzig. Es wird angenommen, dass es keinerlei Grenzen des Wachstums geben werde. Tatsächlich wurde der Heyne-Verlag schon zwölf Jahre später, nach einer Fusion mit List und Ullstein (genannt „HEUL“) an den Bertelsmann-Konzern verkauft. Nix war’s mit Wachstum.

Doch das ist nicht der Punkt. Dem Autor geht es um die Bloßstellung der Beraterphilosophie, dass unbegrenztes Wachstums- und Profitstreben allein positiv sei. Egal, dass der Wald dabei dran glauben muss – ein Ende des Waldsterbens ist dadurch garantiert: positiv!

9) Es lebe der Wald (Hörspiel, 1990)

Im Zuge des Waldsterbens aufgrund von Industrie- und Verkehrsabgasen ist eine fast ausgestorbene Fichtenart wieder verbreitet worden, die in der Tschechei eine Resistenz gegen Emissionen entwickelte. Die Aufforstung war so erfolgreich, dass nun, nach rund 30 Jahren, fast ganz Süddeutschland südlich der Mainlinie (vulgo „Weißwurstäquator“) von der Art picea omorica Ossek (einem Herkunftsort) bewachsen ist. Und da nun diese Baumart geschlechtsreif wird, verstreut sie ihre Polen und Samen in alle Winde – mit verhängnisvollen Folgen …

Zuerst erwischt es einen Buchhandelsvertreter, der Asthmatiker ist und auf die „Ossekowa“ besonders allergisch reagiert. Auch der Hund seiner Hotelgastgeber ist eines rätselhaften Todes gestorben. Erst sechs Monate später findet man einen Großvater und sein Enkelkind nur 500 m von einer Straße und 300 m von einer S-Bahn-Station entfernt in einer Fichtenschonung. Woran können sie gestorben sein?

Als der Reporter Benedikt zu recherchieren beginnt, bekommt er es mit Originalen zu tun, die die „Hexenbäume“ verantwortlich machen, aber auch mit dem Pressesprecher des Innenministeriums, der erst alles abstreitet und von nichts weiß, dann aber „für alle Eventualitäten“ planen lässt, also auf für Evakuierungen. Bloß keine Panikmache, um Himmels willen!

Unterdessen schafft das Militär Fakten, indem es den Ossek-Fichtenbestand mit Flammenwerfern und Napalmbomben abfackelt und sogar einen Bürgermeister und Waldbesitzer um ein Haar umnietet. Dabei steht die eigentliche Fichtenblüte erst noch bevor …

Mein Eindruck

„Le Waldsterben“, wie unsere französischen Nachbarn das deutsche Phänomen so verwundert nannten, erregte in der Tat Mitte/Ende der achtziger Jahre das deutsche Gemüt mehr als der NATO-Doppelbeschluss, schien es doch um die Substanz deutscher Eigenart zu gehen: den deutschen Wald. Kahle Wälder, wie man sie heute am Großen Arber sehen kann, schienen der Horror zu sein. Die Grünen malten Menetekel an die Wand, sogar die CSU reagierte.

Jeschke dreht nun den Spieß um und lässt den Wald zurückschlagen. Denn der Mensch hat in seiner Überreaktion zu viel des Guten bzw. Falschen getan und eine Baumart eingeführt, deren Auswirkungen nicht getestet wurden. Nun beginnt der Pollen die Atemwege anzugreifen, Bienen und andere Tiere zu killen, ja, in Massen Oberflächen zu verstopfen.

In amerikanischer Manier lüftet Reporter Benedikt das Geheimnis, kämpft aber gegen die Windmühlen der Politik und der Narretei („Hexenbäume“). Dabei spielt das neue System des Audio-Helfers eine hilfreiche Rolle: ein Navi-Computer, der mehr ist als ein dummes Gerät, nämlich ein personalisierter Lebensbegleiter mit Stimmerkennung und -ausgabe. Mithin also ein Gerät, an dessen Entwicklung sich immer noch die IT-Hersteller die Zähne ausbeißen! Dabei erweist es sich für den asthmatischen Vertreter beinahe als Lebensretter.

10) Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan (1990)

Die Schweizer Garde des Vatikans schiebt wieder mal eine anstrengende Nachtschicht. Während eine Hologrammprojektion die stille Erhabenheit des Petersplatzes vorgaukelt, schiebt ein Baufahrzeug mit seiner riesigen Schaufel Tausende von Leichen zusammen auf einen vier bis fünf Meter hohen Berg. Es handelt sich um fast 45.000 Babyleichen. Sie wurden aus allen Teilen der Welt hierhertransportiert, um entsorgt zu werden – gen Himmel.

Am Morgen ist die harte Arbeit geschafft. Die ersten amerikanischen Touristen besuchen den Petersplatz, der nun wieder leer und erhaben daliegt. Nur ein Vietnamveteran schöpft Verdacht: „Hier riecht es nach Tod, nach frischem Tod.“ Lang lebe Giovanni Paolo Secondo, der neue Papst.

Mein Eindruck

Die erstmals 1993 im kurzlebigen Magazin „Solaris“ veröffentlichte Erzählung ist eine bittere und mitunter eklige Anklage der päpstlichen Botschaft, dass alles Leben heilig sei und Abtreibung folglich eine Sünde, ebenso wie Empfängnisverhütung. Dem Dogma stellt der Autor die abstoßende Realität entgegen: Babys als Heroinversteck für Schmuggler missbraucht, Jungs und Mädchen als Kindersoldaten in Rebellenkriegen verheizt, der Babystrich in Asien und Afrika, Babys als Ersatzteillager für Organhändler und noch vieles mehr.

Die doppelseitige Titelillustration des Buches bringt die Aussage auf den Punkt: von rechts rührt Gottes Finger an das leere Kinderauge, von links reicht Adams Hand einen integrierten Schaltkreis. Doch das damit beglückte Kind hat leere Augen, denn es hat keine Seele mehr.

Zweifellos ist dies eine von Jeschkes wichtigsten und umstrittensten Geschichten, so umstritten offenbar, dass er es nötig fand, bei jedem Abdruck (auch beim ersten) ein zweiseitiges Vorwort voranzustellen, um seinen Standpunkt klarzustellen.

11) Happy Birthday, dear Alice! Happy Birthday, dear Anne! (Hörspiel, 1993)

„Bei weiblichen eineiigen Zwillingen tritt zuweilen die paranormale Fähigkeit der Gedankenübertragung auf. Sie ist weder an Raum noch an Zeit gebunden und ermöglicht eine unmittelbare Verständigung mit Raumfahrzeugen, die fast mit Lichtgeschwindigkeit fliegen. Deshalb arbeitet die NASA mit Clons dieser Zwillinge, um den Kontakt mit ihren fernen Sternenschiffen zu halten, indem ein Zwilling auf der Erde zurückbleibt.

Freilich unterliegen die „Rufe“ (und das Leben der Zwillinge) der Zeitdilatation, d.h. in diesem Fall, ein Wort von einer Sekunde Länge auf dem Schiff entspricht ca. 50 Sekunden auf der Erde und umgekehrt, ebenso die Geschwindigkeit des Alterns.

Anne und Alice waren bei dem Start des Raumschiffs beide 17 Jahre alt. Nun feiert Alice ihren 19. Geburtstag, Anne ihren achtzigsten. Die „Generationen-Clons“ Betty/Barbara, Christy/Claire, Dorothy/Daphne und Edith/Esther sowie der derzeitige Projektleiter der NASA, Mr. Smith, feiern mit.“ Soweit die nicht ganz korrekte, aber offizielle Beschreibung des Inhalts. Der Projektleiter heißt im Text nämlich Mr. Sacks.

Am Schluss singen alle das Geburtstagslied des Titels. Das Besondere dabei: Das zweite Geburtstagskind, Alice ist gar nicht anwesend. Sie ist nur aus dem Off zu hören, während sie für ihre Schwester Anne singt.

Mein Eindruck

Jeschke greift die alte Idee Heinleins auf, die dieser in den fünfziger Jahren in seinem Jugendroman „Von Stern zu Stern“ verarbeitet hatte. Der neue Dreh besteht nun darin, dass sich die Zeitdilatation bemerkbar macht, zuerst natürlich bei der unterschiedlichen Alterung der beiden Zwillinge (neu ist auch, dass es sich um Klone handelt), zum anderen aber auch bei der Länge der übertragenen Wörter. An diesem Punkt wäre es allerdings dem Einfallsreichtum des Tondesigners überlassen, einen dadurch zerdehnten Geburtstagsgruß an die Erde zu schicken.

Man sieht also, dass man auch in einem Kurzhörspiel von nur wenigen Seiten Text eine Menge Gehalt und Aussage unterbringen kann.

Die Illustrationen

Jobst Teltschik hat jeden Text mit mindestens einer Bleistift- oder Tuschezeichnung illustriert. Manchmal ist zu erkennen, was eine Kontur oder Gestalt darstellen soll, manchmal aber wird nur etwas angedeutet. Das wird viel gewischt, aber manchmal gucken doch auch gnomenhafte Gesichtchen in die Gegend. Auf jeden Fall lockern die Illustrationen den manchmal langen Text (bes. bei den Hörspielen) auf willkommene Weise auf.

Unterm Strich

„Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“ ist eine Erzählsammlung, die jeder ernsthaft an SF Interessierte kennen sollte, v. a. natürlich in Deutschland. Viele von Jeschkes Themen sind tief mit der Geschichte Deutschlands verbunden und spiegeln auf erstaunliche und heute wieder interessante Weise die Gedanken und Stimmungen zwischen 1980 und 1990 wider.

Die Dokumentation „Dokumente über den Zustand des Landes vor der Verheerung“ warnt vor einem dritten Weltkrieg, ausgelöst durch Ronald Reagans Administration, die 1980 den Erdnussfarmer Jimmy Carter ablöste. Auch in den anderen Texten warnt Jeschke vor damals virulenten Themen wie Krieg („Sibyllen im Herkules“), Umweltzerstörung („Es lebe der Wald“) und Kindermissbrauch und -mord („Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“). Aber er kann auch witzig sein, wie seine Storys „Yeti“, die dem Bergsteiger Reinhold Messner gewidmet ist, sowie „The Mississippi Straightforward Society“ beweisen.

Eines von Jeschkes charakteristischen Themen, das ihn nahezu einzigartig macht, ist die Überwindung des Todes. Ob dies mit seiner Biografie zu tun hat, sei dahingestellt. Doch „Nekromanteion“ (und nicht etwa „Nekyomanteion“) schildet die Abbildung eines Todgeweihten und seine künstliche „Totenbeschwörung“ (jedem Horrorleser ist der Begriff „Necromancer“, also Totenbeschwörer, vertraut). In seiner Erzählung „Orte der Erinnerung“ (ca. 2005) hat der Autor das Thema erneut aufgegriffen, diesmal als Verarbeitung des Mythos von Orpheus und Eurydike.

Aber typische SF-Themen kommen zum Glück nicht zu kurz. In dem Hörspiel „Jonah im Feuerofen“ gelingt es dem Expeditionsteam nicht, die bestimmende fremde Lebensform auf der Fremdwelt zu erkennen – der Preis dafür ist hoch. In der Erzählungen „Die Sonne des Anaximandros“ hat der Autor das Thema ca. 2010 erneut aufgegriffen.

Mehrfach taucht in seinem Werk das Thema der Zeitdilatation auf fast lichtschnellen Raumschiffen auf – auch eine Methode, das Leben zu verlängern. In dem Kurzhörspiel „Happy birthday …“ variiert Jeschke ein Thema, das Robert Heinelein schon in den fünfziger Jahren verarbeitete: zwillinge, die telepathisch kommunzieren, ermöglichen eine instantane Verständigungsmöglichkeit à la Ursula Le Guins Ansible. In der späteren Story „Ein Ruf aus der Dunkelheit“ (2009) macht er aus diesen Telepathen einen ganzen Mönchsorden.

Innerhalb der mittlerweile komplett vorliegenden „Gesammelten Werke“ bildet „Schlechte Nachrichten“ einen Übergang. Viele Erzählungen sind in „Orte der Erinnerung“ (Band 3) enthalten, doch keines der hier vorliegenden Hörspiele. Muss man also, um den kompletten Jeschke (ohne die Romane) lesen zu können, alle vier Bände kaufen? Ich fürchte, die Antwortet lautet: ja.

Taschenbuch: 378 Seiten
Illustriert von Jobst Teltschik
ISBN-13: 978-3453066052
www.heyne.de

Licia Troisi – Der Fluch der Assassinen (Die Schattenkämpferin 3)

Die Schattenkämpferin-Trilogie:

Band 1: „Das Erbe der Drachen“
Band 2: „Das Siegel des Todes“
Band 3: „Der Fluch der Assassinen“

Story:

Nach der teils triumphalen Rückkehr der einzelnen Gefährten beschließt der Rat des Wassers, die Gilde der Assassinen endgültig zu vernichten und die Schreckensherrschaft Dohors‘ parallel hierzu zu einem friedlichen Ende zu führen. Auch Dubhe fühlt sich inzwischen ihrer Aufgabe verpflichtet und reist mit der ungleichen Magierin Thena nach Makrat, um die Herkunft ihres Siegels zu ergründen und es durch den Tod des kriegstreibenden Königs endgültig zu verbannen. Als Mägde verkleidet fallen die beiden jedoch schnell in die Hand von Sklavenhändlern und werden auf dem Markt als neue Hilfskräfte feilgeboten. Ausgerechnet Learco, Dohors Sohn, verpflichtet Thena und Dubhe für seine Dienste, nicht wissend, wen er künftig mit sich führt. Während ihrer treuen Dienste am Hofe von Dohor erforschen Dubhe und Thena die Bibliothek des Königs und werden für ihre Hartnäckigkeit belohnt. Gleichzeitig nähern sich auch Learco und Dubhe immer weiter an – eine Begebenheit, die in der Schattenkämpferin Gefühle weckt, die ihr bislang in dieser Intensität immer fremd waren. Dubhe offenbart sich schließlich dem ungeliebten Königssohn und überredet ihn zur Verschwörung gegen den finsteren Herrscher. Doch bevor ihr Attentat umgesetzt werden kann, wird der Hochverrat bekannt.

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Wolfgang Jeschke (Hg.) – Science Fiction Jubiläumsband. Das Lesebuch

Top-Auswahl aus 25 Jahren erstklassiger Phantastik

Zum 25-jährigen Jubiläum der „Heyne Science-Fiction & Fantasy“-Reihe präsentiert Herausgeber Wolfgang Jeschke achthundert Seiten mit den besten Erzählungen des SF-Genres. Fantasy ist hier nicht vertreten. Jede Story wird von Jeschke mit einer Vorbemerkung eingeleitet, die die Entwicklung des Heyne-SF-Programms betrifft. Beispielsweise charakterisiert er den ersten Herausgeber und SF-Experten Günther Schelwokat, vermerkt den Eintritt der ersten Übersetzer und welche Romane zu Dauersellern wurden – nämlich die hier aufgeführten.

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A. E. W. Mason – Das Geheimnis der Sänfte

Ein schäbiger Erpresser deckt unabsichtlich einen beinahe perfekten Mord auf, den ein kluger Polizist listenreich klären kann … – Der Autor legt nicht nur einen glasklar geplotteten Krimi vor, sondern konstruiert ein packendes Psycho-Duell, dessen Beteiligte keine Schachfiguren in einem Rätselspiel sind, sondern vielschichtige Charaktere bieten: ein zeitloses Lektüre-Vergnügen.
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Alan Dean Foster – Das Ding aus einer anderen Welt

Ein außerirdischer Gestaltwandler infiltriert eine isolierte Antarktis-Station. Er kann die Gestalt seiner Opfer fast perfekt annehmen, sodass niemand weiß, ob sein Gegenüber noch Mensch oder schon ein „Ding“ ist … – Daraus entwickelt sich die übliche Story aus verhängnisvoll falschen Verdachtsmomenten und Verfolgungsjagden, die hier jedoch angemessen simpel, spannend und temporeich erzählt wird: ein lesenswürdiges Buch zu einem klassischen B-Movie.
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Elspeth Cooper – „Die Lieder der Erde“ (Die wilde Jagd 1)

Die wilde Jagd:

Band 1: „Die Lieder der Erde“
Band 2: „Trinity Moon“ (19.04.2012, noch ohne dt. Titel)
Band 3: „The Dragon House“ (angekündigt, noch ohne dt. Titel)

Gair besitzt magische Fähigkeiten, was in seiner Heimat einem Todesurteil gleichkommt. Nur durch ein Wunder, wie es scheint, ist er dem Scheiterhaufen entgangen und hat in dem alten Alderan auch noch einen freundlichen Helfer gefunden. Nun ist er auf dem Weg nach Westen, denn Alderan hat ihm einen Platz an seiner Akademie angeboten, und Gair mag Bücher. Doch seine Alpträume lassen ihn nicht los. Und auch die Kirche scheint sich nicht damit abfinden zu wollen, dass er dem Tod entronnen ist, denn sie hat ihm einen Hexenjäger hinterhergeschickt …

Laut Klappentext ist Elspeth Coopers Buch „einer der größten Fantasy-Romane“ unserer Zeit. Ein ziemlich vollmundiges Lob! Zu Beginn der Lektüre kamen mir da allerdings gelinde Zweifel.

Der Anfang der Geschichte liest sich irgendwie holperig und zusammenhanglos. Die Erzählsicht wechselt innerhalb der ersten Kapitel ziemlich häufig, nicht nur zwischen unterschiedlichen Personen, sondern auch zwischen verschiedenen Zeitebenen. Diese Wechsel sind bestenfalls durch eine Leerzeile und einen neuen Absatz gekennzeichnet, die sich aber auch an Stellen finden, an denen die Erzählsicht nicht wechselt. Das führt dazu, dass der Leser sich immer wieder mal überraschend in einem völlig anderen Zusammenhang wiederfindet. Nachdem Gair den Einflussbereich der Stadt Dremen verlassen hatte, wurde es etwas besser, aber auch in den späteren Kapiteln war die Handlung ab und an immer noch gut für einen überraschenden Sprung.

Nach dem holperigen Einstieg verläuft die Handlung grob gesagt in drei Strängen. Einer dreht sich um einen Mann namens Masen, einer zeigt die Ereignisse in Dremen nach Gairs Flucht, und der Hauptstrang erzählt natürlich von Gair.

Der Strang um Masen dient vorwiegend der Erklärung der Welt. Hier erfährt der Leser Details über den Schleier und seine Funktion sowie über die Wesen in der Welt auf der anderen Seite des Schleiers. Nicht unbedingt ausführlich und erschöpfend, aber die Skizze ist deutlich genug, um eine spürbare Bedrohung aufzubauen und gleichzeitig eine Differenzierung zu ermöglichen. Nicht alle Geschöpfe der anderen Seite sind bösartig.

Die Ereignisse in Dremen bestehen hauptsächlich aus Politik. Anfangs störte mich die Darstellung der Kirche. Ihre Lehren sind dogmatisch und intolerant, ihre Methoden grausam. Gleichzeitig stammt ein Großteil der Begriffe aus dem christlichen Bereich: das Gebet, das Gair so oft wiederholt, klingt extrem nach Rosenkranz, es gibt ein heiliges Buch, dessen Zitate teilweise aus der Bergpredigt stammen könnten, es gibt eine Inquisition und ein Sakrament, das nahezu völlig dem Abendmahl der katholischen Messe entspricht. Dass die Gottheit dieser Kirche eine Göttin ist, macht da auch keinen großen Unterschied mehr. Falls die Autorin die Absicht hatte, hier ihre eigene persönliche Kirchenkritik zu formulieren, hat sie meiner Meinung nach das falsche Medium gewählt. Und falls sie diese Absicht nicht hatte, hätte sie sich vielleicht ein wenig mehr Mühe geben können, um sich eine eigene Art von Kirche auszudenken.
Dieser erste Eindruck mildert sich zum Glück mit fortschreitender Handlung. Und letztlich bietet dieser Strang die meisten Facetten, nicht nur, weil hier die meisten Personen aktiv sind, sondern auch, weil zusätzlich zur Politik auch noch Geschichtsforschung betrieben wird. Worum es bei all dem genau geht, hat die Autorin noch nicht verraten, aber das macht die Sache eigentlich nur interessanter.

Auch der Hauptstrang hatte seine Mankos. Der Weg zu den westlichen Inseln wirkt noch immer ein wenig holprig, weil zwischen den einzelnen Etappen, die gelegentlich mit ein wenig Action aufgepeppt wurden, jedes Mal größere Zeitsprünge liegen. Die treten auch nach Gairs Ankunft an der Akademie noch gelegentlich auf, wirken aber nicht mehr so störend, weil ab diesem Punkt wenigstens der Ort immer derselbe ist. Dafür focussiert sich die Handlung – nach einer eher kurzen und letztlich geradezu unbedeutend wirkenden Schwertkampfepisode mit einem Mitschüler, der Gair nicht mag – bald ziemlich stark auf Gairs Beziehung zu Aysha. Die Entstehung und Entwicklung dieser Beziehung wird sehr ausführlich dargestellt. Das störte mich aus mehreren Gründen: Zum einen war diese Beziehung absehbar ab dem Augenblick, in dem die beiden sich das erste Mal trafen, selbst, wenn Aysha nicht bereits im Klappentext als Gairs erste große Liebe bezeichnet worden wäre. Zum anderen entwickelt sich die Liebe zwischen den beiden zu einem ziemlich großen Teil, während sie in Tiergestalt unterwegs sind, was nicht unbedingt gesprächsfördernd wirkt, da Gair zu diesem Zeitpunkt die Telepathie noch nicht beherrscht. Vor allem aber drängt sie fast alles andere in den Hintergrund, auch die Sache mit Darrins Kristall, die für den Verlauf der Handlung eigentlich viel wichtiger war als spielende Wölfe im Schnee.

Ein wenig hatte es vielleicht auch mit den Charakteren zu tun: Gair ist ja ganz nett. Ein wenig naiv, da er in einem klösterlichen Ritterorden aufgewachsen ist, und auch unsicher, weil er als Findelkind seine Herkunft nicht kennt, weil er sein Leben lang gelernt hat, dass seine Fähigkeiten Sünde seien, und weil er ein Brandmal trägt, das ihn zum Ausgestoßenen macht. Aber er ist mutig, freundlich und hat einen ziemlich sicheren Instinkt für Gefahr. Aysha dagegen mochte ich nicht besonders. Sie ist charismatisch, schön und stolz, aber auch ziemlich egoistisch, zum Beispiel wenn sie Gair von anderen Unterrichtsstunden wegholt, um ihn selbst zu unterrichten. Nicht, dass ich die Gründe nicht verstehen könnte, selbstsüchtig fand ich sie trotzdem. Auch sonst ist sie ziemlich rücksichtslos, wenn es darum geht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, wenngleich sie damit niemandem schadet. Tanith fand ich viel sympathischer. Sie ist genauso stark und mutig und genauso schön, aber sanftmütiger und nicht so selbstbezogen. Eigentlich würde sie viel besser zu Gair passen.

Ein ziemlich interessanter Charakter ist Ansel, das Oberhaupt der Kirche. Bevor er Präzeptor wurde, war er Kirchenritter und hat Krieg gegen die Wüstenstämme geführt, dementsprechend sind seine Umgangsformen. Von den Dogmatikern innerhalb des Rats von Kirchenmännern hält er gar nichts. Außerdem scheint er wesentlich weitsichtiger zu sein als die meisten Räte, denn während die sich mit kleinlichen Intrigen beschäftigen, versucht er, die Lösung für ein Problem zu finden, von dessen Existenz die anderen offenbar noch gar nichts gemerkt haben. Dadurch trägt Ansel ganz massiv dazu bei, den ersten Eindruck von der Kirche als Gesamtheit zu differenzieren.

Und dann ist da noch Savin. Er taucht zu Beginn einmal kurz auf und ist dann fast das gesamte Buch über verschwunden, nur um zum Showdown überraschend wieder aufzutauchen. Sein Verhalten ist allerdings ziemlich unlogisch. Warum sollte jemand versuchen, seinen Gegenüber erst zu umgarnen, dann, ihn umzubringen, und zuletzt, ihn zu benutzen? Falls es dafür einen triftigen Grund gibt, erfährt der Leser ihn erst in den Folgebänden.

Immerhin ist Savin durchaus für eine Überraschung gut. Und nachdem er wieder aufgetaucht ist, zieht auch die Spannung an, und zwar ganz gehörig. An dieser Stelle kommt zum ersten Mal richtig Bewegung und Dramatik in die Handlung. Nicht, dass es vorher langweilig gewesen wäre. Wirklich uninteressant fand ich eigentlich nur das ausgiebige Geplänkel zwischen Gair und Aysha. Ein echter Sog entwickelte sich aber erst auf den letzten hundert Seiten, dafür dann aber gleich richtig.

Unterm Strich war der Eindruck ein wenig durchwachsen. Nachdem ich das Geholper der ersten paar Kapitel hinter mich gebracht hatte, las sich das Buch zunehmend flüssig und interessant. Die Charaktere waren zwar nicht allzu intensiv gezeichnet, aber immerhin sympathisch, und Alderans Geheimniskrämerei sorgte dafür, dass ich neugierig blieb. Die kleinen Actionszenen auf Gairs Reise reichten zwar nicht aus für einen echten Spannungsbogen, hielten die Handlung aber immerhin abwechslungsreich. Über den späteren Durchhänger, den Gairs Liebesbeziehung für mich bedeutete, rettete mich Ansel hinweg. Und der Showdown war wirklich gelungen, und das nicht nur, weil der Angriff aus einer völlig unerwarteten Richtung kam.

Zu den „größten Fantasy-Romanen unserer Zeit“ würde ich es also nicht zählen. Aber ich denke, ich werde dem nächsten Band eine Chance geben. Da Aysha nicht mehr da ist, dürfte das störende Gebalze als stärkstes Gegenargument wohl wegfallen. Ansels Geschichtsforschungen und sonstigen Maßnahmen klingen interessant und vielversprechend. Und der Hexenjäger und Savin sind bisher so wenig zum Zug gekommen, dass ihr Potenzial noch nahezu unverbraucht ist. Falls die Autorin tatsächlich die Romantik zu deren Gunsten etwas drosselt, könnte die Fortsetzung des Zyklus so spannend werden wie das Ende des ersten Bandes.

Elspeth Cooper stammt aus dem Nordosten Englands und ist vernarrt in Bücher, seit sie allein lesen kann. Vor allem Epen haben es ihr angetan. Nach der Schule arbeitete sie zunächst für eine Softwarefirma, bis die Diagnose Multiple Sclerose ihre Bewegungsfähigkeit einschränkte, woraufhin sie sich dem Schreiben widmete. „Die Lieder der Erde“ ist ihr erster Roman und der erste Band ihrer Trilogie |Die wilde Jagd|. Ein deutsches Veröffentlichungsdatum für die Folgebände „Trinity Moon“ und „The Dragon House“ steht noch nicht fest.

Taschenbuch 557 Seiten
Originaltitel: Songs of the Earth – The Wild Hunt 1
aus dem Englischen von Michael Siefener
ISBN-13: 978-3-453-26713-8

http://elspethcooper.com/blog
http://www.heyne.de

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Freeman Wills Crofts – Das Verbrechen von Guildford

crofts-verbrechen-guildford-cover-heyne-kleinEin Buchprüfer stirbt, und Diamanten im Wert einer halben Million Pfund werden gestohlen: Inspektor French steht vor fünf Verdächtigen mit lückenlosen Alibis, die er dort, wo es darauf ankommt, durch makellose Ermittlungsarbeit erschüttert … – Lupenreinere „Whodunits“ als Freeman W. Crofts konstruierte und schrieb wohl niemand; auch dieser ist als Krimi makellos, zumal der Verfasser auf jegliche Seifenoper-Zusätze ersatzlos verzichtet: ein wunderbar gereifter Klassiker.
Freeman Wills Crofts – Das Verbrechen von Guildford weiterlesen

John Scalzi – Der wilde Planet

Ein abseits gelegener Planet wird von einem Großkonzern ausgebeutet; als unvermittelt intelligente Ureinwohner auftauchen, versucht die Gesellschaft die Wesen heimlich auszurotten. Einige Menschen stellen sich an die Seite der „Fuzzys“ und beginnen einen Freiheitskampf … – Der Reboot eines klassischen SF-Romans erzählt die Geschichte nicht neu, sondern nach und peppt sie dabei zeitgemäß auf; das Ergebnis ist ein überflüssiges Buch, das sich sehr flüssig liest.
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Wolfgang Jeschke, Frederik Pohl (Hrsg.) – Titan-2

Klassische SF-Storys: Die Apotheose von Poopy-Panda

In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 2 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 3+4“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab ursprünglich Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Storys keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.

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Licia Troisi – Das Siegel des Todes (Die Schattenkämpferin 2)

Die Schattenkämpferin-Trilogie:

Band 1: „Das Erbe der Drachen“
Band 2: „Das Siegel des Todes“
Band 3: „Der Fluch der Assassinen“

Story:

Nach ihrer Flucht aus dem Verlies der Gilde reisen der Magier Lonerin und die von einem bösartigen Fluch gezeichnete Dubhe über die Grenzen der Aufgetauchten Welt, um den verschollenen und schon für tot erklärten Magier Sennar aufzuspüren. Der Gatte der legendären Drachenkämpferin Nihal soll einerseits dabei unterstützen, die finsteren Pläne des tyrannischen Königs Dohor zu durchkreuzen, andererseits aber auch das Siegel brechen, welches Dubhe von Zeit zu Zeit in eine Bestie verwandelt und sie in einen unkontrollierten Blutrausch treibt. Doch die Reise des ungleichen Duos ist nicht nur von den natürlichen Hindernissen der fremden Welt beeinträchtigt; auch die Ausgesandten der Assassinen sind stets im Nacken der Flüchtigen und wollen Dubhe, ihr Wissen und ihr Geheimnis vor dem Rat schützen. Unter der Führung der kompromisslosen Rekla reist ein ausgewählter Trupp der Meuchelmörder hinter Lonerin und Dubhe – und bringt das Duo immer näher an den Rand des Todes.

Licia Troisi – Das Siegel des Todes (Die Schattenkämpferin 2) weiterlesen

Karl Schroeder – Segel der Zeit (Das Buch von Virga 3)

Virga – eine künstliche Welt im Wega-System, eine Sphäre, geschaffen mit Hilfe unvorstellbarer Technik mit dem Ziel, innerhalb der eigenen Grenzen eben solche Technik zu unterbinden – zum Schutz der eigenen Freiheit vor der „Künstlichen Natur“. Die alles vereinnahmt, umpolt, beschleunigt und gleichschaltet. Den Menschen bevormundet. Das Leben verneint.

Karl Schroeder, junger amerikanischer Autor, der in Deutschland mit seinem phantastischen Ideenreichtum um Virga bekannt wird, setzte im ersten Roman der Reihe „Planet der Sonnen“ eine rasante Entwicklung in Gang, die unbedingt nach weiteren Romanen aus diesem Kosmos verlangte. „Segel der Zeit“ ist nun der dritte Band, in dem der Fokus auf den patriotischen und menschlichen Admiral Chaison Fanning gerichtet ist. Fanning, im ersten Band durch heldenhaften Einsatz Retter seiner Nation Slipstream, wurde von der gegnerischen Partei, der Falkenformation, gefangen genommen und eingekerkert. Dies ist die Geschichte seiner Befreiung, seiner abenteuerlichen Reise mit der geheimnisvollen Heimatschutzagentin durch Feindesland und schließlich seiner Rückkehr nach Slipstream, wo er als Staatsverräter gebrandmarkt gefangen gesetzt wird und erst eine unheimliche Bedrohung für ganz Virga den Auslöser seiner erneuten Befreiung gibt. Dabei werden die Hintergründe der Weltensphäre Virga häppchenweise aufgedeckt und die Gefahr, die von der ausgesperrten Künstlichen Natur ausgeht, anschaulich formuliert.

Die Flucht Fannings hat mehrere erzählerische Gründe. So werden zum einen weitere abenteuerliche Aspekte der künstlichen, auf mittelalterlichem Niveau gestrandeten Zivilisation dargestellt und lassen den Leser teilhaben an Schroeders faszinierendem Ideenreichtum. Es werden politische Auseinandersetzungen thematisiert, in die allzeit Völker involviert werden, die oftmals weder Interesse noch Nutzen daran haben und trotzdem in vielfältiger Weise mit ihrem Leben bezahlen. Virgas Abwehrsysteme und ihre zerbrechliche Sicherheit werden eingeführt und werfen ihre Schatten voraus. Und nebenbei wird Fannings Charakter und Motivation erprobt, gefestigt und weiter entwickelt. Zu guter Letzt läuft natürlich alles auf ein Happy End heraus, zumindest was das Wiedersehen der beiden so unterschiedlichen Fannings (Venera und Chaison) betrifft. An wichtigen Charakteren aus dem ersten Band bleiben hiernach also nur noch Aubry Malhallan und Hayden Griffin. Erste fällt wohl aus, da sie ihr Ende bereits in der ersten Sonne fand, doch Hayden Griffin ist mittlerweile (aus Andeutungen gewonnene Erkenntnis) auf einem guten Weg, seiner Nation Aerie zu neuer Unabhängigkeit zu verhelfen. Hier ist das letzte Wort hoffentlich noch nicht geschrieben.

Das Auftreten der Künstlichen Natur ist relativ kurz und stroboskopisch, sodass sich das undeutliche Bild der Zusammenhänge durch eigene Fantasie des Lesers zusammensetzen muss; umso intensiver ist das Gefühl, das diese Vorstellung hervor ruft. Schroeder schafft hier ordentliches Potenzial zu mehr, denn obwohl er Venera den Schlüssel zu Candesce zerstören lässt, wird es sicherlich noch andere Wege für die Künstliche Natur oder für weitere dumme Menschen wie die Splittergruppe des Heimatschutzes geben. Veneras Tat ist überhaupt erst durch ihre Entwicklung im zweiten Band „Säule der Welten“ glaubwürdig, denn der ursprünglichen Venera hätte die Macht dieses Schlüssels mehr bedeutet als die damit verbundene Gefahr für die Sphäre.

Inzwischen macht die Ausführung und die Auflösung dieses Romans eine Fortsetzung unwahrscheinlich, denn es ist ein Höhepunkt und ein Abschluss erreicht, der an Intensität und Informationsflut genug für den Leser hinterlässt und durch weitere Ausformulierungen wohl nicht besser zu vollenden ist – es sei denn, Schroeder hätte noch bahnbrechende andere Optionen in der Hinterhand. Natürlich ließe sich in diesem Kosmos noch einiges an spannenden Abenteuern erzählen, doch würde das der Geschichte Virgas dienen? Es müsste zu ihrer Auflösung oder Integration durch und in die Künstliche Natur führen, oder der Status quo müsste Bestand behalten – denn anders herum, eine Eroberungswelle der unveränderten Menschen aus Virgas Schutzbereich in die Sphäre der KN, lässt sich nicht logisch entwickeln.

Ich wünsche Schroeder noch viele geniale Einfälle für seine Geschichten, aber mit Virga hat er sich bereits ein Denkmal gesetzt. Es ist auch immer etwas Wehmut im Spiel, wenn so eine gute Geschichte zu Ende geht.

Taschenbuch: 432 Seiten
ISBN-13: 978-3453528055
Originaltitel:
Pirate Sun – The book of Virga 3
Deutsch von Irene Holicki

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Kim Harrison – Blutdämon (Rachel Morgan 09)

Rachel Morgan:

Band 1: „Blutspur“
Band 2: „Blutspiel“
Band 3: „Blutjagd“
Band 4: „Blutpakt“
Band 5: „Blutlied“
Band 6: „Blutnacht“
Band 7: „Blutkind“
Band 8: „Bluteid“
Band 9: Blutdämon

Rachel Morgan und kein Ende in Sicht. Mit „Blutdämon“ veröffentlicht Kim Harrison bereits den neunten Band ihrer Serie um die chaotische Erdhexe und auch dieses Mal hat die Autorin nicht mit Seiten gegeizt. Über 700 hat die Geschichte, die Rachel einmal quer durch Amerika führt.

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Curt Siodmak – Donovans Gehirn

Ich ist ein anderer: spannender Bewusstseinskrimi

Als der Banker Donovan in der Nähe von Dr. Patrick Corys medizinischem Forschungslabor abstürzt, ist sein Körper unrettbar zerstört. Doch der Gehirnspezialist kann das unverletzte Gehirn bergen und am Leben erhalten. Es beginnt im Labor weiterzuwachsen und neuartige Fähigkeiten zu entwickeln, bis es seiner Umwelt seinen Willen aufzwingt und sie bedroht …

_Der Autor_

Curt Siodmak, 1902 in Dresden geborener Bruder von Hollywoodregisseur Robert Siodmak, schrieb neben zahlreichen Novellen und Filmdrehbüchern („F.P.1 antwortet nicht“, 1931) einige SF-Romane, die mittlerweile als Klassiker des Genres gelten. Neben „Das dritte Ohr“ (1971) sind vor allem das verfilmte „Donovans Gehirn“ (1941/42) sowie „Hausers Gedächtnis“ (Buch 1968) berühmt geworden, die sich ebenfalls mit Psi-Phänomenen beschäftigen. Alle drei Bücher sind bei Heyne erschienen.

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Brandon Sanderson – Der Pfad der Winde (Die Sturmlicht-Chroniken 1, Teil 2)

Die Sturmlicht-Chroniken:

Band 1 (Teil 1): „Der Weg der Könige“
Band 1 (Teil 2): „Der Pfad der Winde“
Band 2: – angekündigt für Ende 2012 / Anfang 2013 –
Band 3: – angekündigt für „ein Jahr nach Band 2“ –

In einem Augenblick des Zornes auf Jasnah hat Shallan nun doch noch den Seelengießer der Prinzessin gestohlen. Eigentlich könnte sie nun nach Hause zurückkehren, doch sie kann sich von ihren Studien nicht recht losreißen. Bis es zu spät ist …

Kaladin hat den Großsturm überlebt. Die Erkenntnis, dass die Brückenmänner als Köder benutzt werden, hat ihm allerdings jede Hoffnung genommen, er könnte das Los seiner Männer innerhalb der Armee verbessern. Also fängt er an, an einem Fluchtplan zu basteln …

Dalinar hat sich eigentlich schon dazu durchgerungen, zugunsten Adolins abzudanken. Als jedoch die Königinmutter Navani ihm und seinen verblüfften Söhnen nach einer seiner Visionen beweisen kann, dass diese echt sein müssen, überdenkt er seine Situation völlig neu …

„Der Pfad der Winde“ ist genauso dick wie sein Vorgänger. So richtig in Bewegung geraten ist die Sache zwar noch nicht, aber allmählich tut sich was. So einfach lassen sich die Fortschritte im Einzelnen jedoch gar nicht aufzudröseln, weil Brandon Sanderson alles extrem dicht miteinander verknüpft hat. Charaktere und Handlung lassen sich da kaum noch trennen.

Kaladin gelingt es nach einem Gespräch mit dem Narren des Königs, sich endlich von seinen Selbstzweifeln zu verabschieden, was ein echter Gewinn ist. Gleichzeitig machen sich immer deutlicher besondere Fähigkeiten bei dem jungen Mann bemerkbar, die denen Szeths verblüffend ähneln, was ein ganze Menge neuer Fragen aufwirft.

Auch Shallan macht einige wichtige Entdeckungen, sowohl in Bezug auf den Seelengießer als auch im Hinblick auf ihre eigenen Fähigkeiten. Das führt zu einer massiven Veränderung ihrer Position.

Dalinar wiederum ist sich nun zwar sicher, dass er nicht verrückt wird, weiß aber noch immer nicht, woher seine Visionen stammen und ob er ihnen trauen kann. Auch sein schwieriges Verhältnis zu Navani macht ihm zu schaffen. Bis Sadeas ihm – eher unfreiwillig – zu Hilfe kommt.

Letzten Endes haben sämtliche Charaktere am Ende an Selbstsicherheit gewonnen, sie sind alle an ihren Probleme ein Stückchen gewachsen. Diese Weiterentwicklung hat der Geschichte sehr gut getan und darf sich im nächsten Band ruhig noch weiter fortsetzen.

Gewonnen hat die Geschichte auch durch die Rückblenden in Kaladins Vergangenheit. Die gab es zwar auch schon im ersten Band, dort unterstrichen sie jedoch eher den depressiven Zustand Kaladins, während sie diesmal auch Antworten auf viele Andeutungen und Fragen liefern, zum Beispiel, wie Kaladin zum Sklaven geworden ist. Dadurch sind viele Zusammenhänge deutlich geworden, was die Handlung insgesamt kompakter und einheitlicher wirken lässt.

Der Aspekt der Magie wurde ebenfalls ausgebaut, und das in zwei verschiedene Richtungen, die zumindest bisher nichts miteinander zu tun zu haben scheinen.
Aufgrund all dieser neuen Entwicklungen stört es auch nicht allzu sehr, dass Shallan sich noch immer fast ausschließlich im Bibliothekskomplex aufhält, und dass die Alethi noch immer in ihrem festgefahrenen Krieg mit den Parschendi festhängen, zumal durch die neue Taktik, für die Dalinar endlich einen Partner gefunden hat, auch hier das monotone Muster der bisherigen Kriegsführung aufgebrochen wurde. Und zu guter Letzt wartet Brandon Sanderson am Ende des Buches noch mit einer saftigen Überraschung auf.

Mit anderen Worten, jetzt, wo die Angelegenheit langsam Fahrt aufnimmt, wird es zunehmend spannend und interessant. Die Längen, die der erste Band teilweise noch aufwies, fehlen hier. Die Charaktere haben sich durch ihre Entwicklung ein wenig vertieft, und die Verwirrung, die der Leser im ersten Band angesichts vieler Andeutungen und fehlender Zusammenhänge noch empfand, löst sich allmählich auf. Trotzdem bleiben immer noch genug Fragen offen, um die Neugier auf den dritten Band wachzuhalten. Romantikfreunde setzt dieser Zyklus ziemlich auf Diät, aber wer es episch, geheimnisvoll und rätselhaft mag, ist hier auf jeden Fall richtig, zumal die diversen Kampf- und Schlachtszenen dafür sorgen, dass auch Actionfans nicht zu kurz kommen. Die Geduld, die es braucht, um sich einzulesen, lohnt sich spätestens ab dem zweiten Band.

Brandon Sanderson gehört zu denjenigen, die bereits als Kinder phantastische Geschichten schrieben. Sein Debütroman „Elantris“ erschien 2005, seither war er ungemein fleißig. Neben den |Sturmlicht-Chroniken| schreibt er an seinem Jugendbuchzyklus |Alcatraz|, der inzwischen bis Band vier gediehen ist, sowie an den beiden Serien |Warbraker| und |Dragonsteel|. Außerdem hat er das Angebot angenommen, nach Robert Jordans Tod dessen Zyklus |Das Rad der Zeit| zu Ende zu bringen. Auch dafür sind drei Bände veranschlagt, von denen zwei bereits erschienen sind. In der deutschen Übersetzung wurden die Bände offenbar geteilt, zusätzlich zu den beiden, im letzten Jahr erschienen Büchern wurden für Oktober zwei weitere angekündigt. Gleiches scheint auch für die |Sturmlicht-Chroniken| zu gelten, denn im englischen Original existiert bisher nur ein Band, während die deutsche Übersetzung mit „Der Pfad der Winde“ bereits bei Band zwei angekommen ist.

Hardcover: 784 Seiten
Originaltitel: The Way of Kings – The Stormlight Archive 1 (Teil 2)
Aus dem Amerikanischen von Michael Siefener
 ISBN: 978-3-453-26768-8
 http://www.randomhouse.de/heyne
 http://www.brandonsanderson.com

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