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Anne Bishop – Blutsherrschaft (Die schwarzen Juwelen 8)

Die Schwarzen Juwelen:

Band I: „Dunkelheit“3375
Band II: „Dämmerung“3437
Band III: „Schatten“3446
Band IV: „Zwielicht“3514
Band V: „Finsternis“3526
Band VI: „Nacht“5374
Band VII: „Blutskönigin“
Band VIII: „Blutsherrschaft“

Cassidy hat den Schatz von Grayhaven gefunden. Und nachdem Theran Lias Brief gelesen hat, der dem Schatz beigefügt war, scheint es, als wolle er endlich zumindest versuchen, ernsthaft mit Cassidy zusammenzuarbeiten. Doch dann taucht Kermilla in Grayhaven auf, jene Königin, die Cassidy einst in Dharo ihren ersten Kreis ausgespannt hat …

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Karl Schroeder – Säule der Welten (Das Buch von Virga 2)

Karl Schroeder ist einer der amerikanischen Autoren fiktionaler Literatur, die abseits der Klassiker des Genres in den letzten Jahren den Sprung über den großen Teich taten und ihren Erfolg auch bei uns belegen. So ist der vorliegende Roman erst seine zweite deutschsprachige Veröffentlichung und knüpft nahtlos an die Ereignisse des Vorgängers „Planet der Sonnen“ an:

Nachdem sich Venera Fanning von Hayden Griffins Aerobike getrennt hat und sich im freien Fall von der ersten Sonne |Candesce| entfernt, gelangt sie wie durch ein Wunder durch die fallen- und minengesäumte Umgebung des Riesenzylinders „Spyre“ aus den Anfangstagen der Weltensphäre Virga und in sein Inneres, wo sie – aufs Stärkste sonnenverbrannt durch die ungeschützte Nähe zu Candesce – bewusstlos einem alten Schwerenöter in die Hände fällt.

Ihr weiterer Weg durch die paranoide Kultur Spyres wird beschrieben durch Intrigen, Verrat, dem Trachten nach Macht und ihrem Wunsch nach Rache – Rache für den Tod ihres Ehegatten. Dabei gewinnt sie Freunde und verändert ihre durch aristokratische Erziehung entstandene Einstellung zu anderen Menschen und gerät unversehens ins Visier der mächtigsten Gruppierung Spyres, die nach ihrem wertvollsten Besitz trachtet: Dem Schlüssel zu Candesce, der die uneingeschränkte Macht über die Sphäre bedeutet …

Wie schon die knappe Inhaltsbeschreibung andeutet, handelt es sich vor allem um die Entwicklung Veneras Charakter, die Ausbreitung einer faszinierenden und fremdartigen Kultur auf ebenso interessantem Lebensraum sowie um eine abenteuerliche Erzählung in den unergründlichen Weiten Schroeders Weltentwurf, den Virga darstellt. Die schwierigen Verstrickungen, die ganz Virga und vor allem Veneras Heimatstaat Slipstream betreffen, werden in dieser an sich abgeschlossenen, introvertierten Teilwelt Spyre nur am Rande von Belang, obwohl sie für den großen Konflikt des Romans die treibende Kraft sind. Doch die Utopie, die hinter der Vielfältigkeit Virgas steht und universal das Dasein des Menschseins bedroht, wird in diesem Band nicht weiter entwickelt.

Vielmehr entwirft und verwirft Schroeder hier intrigante Charaktere, die weitgehend für die weitere Entwicklung der großen Geschichte bedeutungslos sein dürften bis auf drei oder vier Ausnahmen, die Spyre zusammen mit Venera hinter sich lassen. In dem Zusammenhang ist es schade, dass die im ersten Band entwickelten Charaktere außer Venera selbst nicht wieder zum Zug kommen. Das bleibt für den nächsten Roman zu erwarten und erhoffen, sollte man doch meinen, dass Schroeder sie nicht einfach verwirft. Was sich hier in Spyre an hintergründigen und oberflächlichen Mitspielern tummelt, nimmt bis auf die genannten Ausnahmen nicht die Tiefe anderer bisher aufgetretener Charaktere an und bleibt ausschließlich auf diesen Roman beschränkt, wie das Ende vermuten lässt.

So entwickelt Schroeder hier eine weitere Facette Virgas, die ihre Vergänglichkeit zum Thema hat, ebenso wie es ein tragendes Thema ist, wie sich Veneras Hass und ihr besonderes Trauma in dieser Welt wandeln. Sie gewinnt eindeutig Sympathien hinzu, die ihr bisher verwehrt wurden.

Den großen Zusammenhang außen vor gelassen, handelt es sich um eine spannende, abwechslungsreiche Erzählung mit SF-Elementen ebenso wie mit Eindrücken aus Fantasy und feudalem Intrigenwahn. Wie es so oft in Science-Fiction-Romanen anzutreffen ist, verwebt der Autor anachronistische Momente mit technischen Überbleibseln einer einst überlegenen Zivilisation, sodass das Dilemma einer unvorstellbaren Charakterisierung dieser weit entwickelten Menschen umgangen wird, sondern man sich auf Eigenheiten der irdischen Geschichte rückbesinnen und sie in ein faszinierendes Umfeld betten kann.

Das Buch steht in engem Zusammenhang mit dem Vorgänger, kann aber durch den Charakter des Schauplatzes auch eigenständig gelesen werden. In Erinnerung bleibt der Eindruck einer sehr unterhaltsamen und schnellen Geschichte mit einer stark herausgearbeiteten Protagonistin, was die Erwartung auf den nächsten Band anheizt.

Taschenbuch: 432 Seiten
ISBN-13: 978-3453526921
Originaltitel:
Book Two of Virga: Queen of Candesce
Deutsch von Irene Holicki

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Pierre Bordage – Die Sternenzitadelle (Hyponeros 3)

Zwischen den wirklich guten utopischen und fiktionalen Romanen aus dem englischen Sprachraum findet man hin und wieder auch Übersetzungen aus anderen Ländern. In solchen Fällen tut der Verleger natürlich alles, das Buch irgendwie hervorzuheben – in Pierre Bordages Fall, der mit seiner Trilogie um die Krieger der Stille in Frankreich einen Direkterfolg erzielte, fand Heyne keinen Geringeren als den Bestsellerautor aus Deutschland, den es nach Frankreich verschlagen hat: Andreas Eschbach kommentiert irgendwo die Romane Bordages, und so zitiert ihn Heyne mit dem unübertreffbaren Ausspruch: „Es wäre ein Fehler, Pierre Bordage nicht zu lesen.“ Musste man das bei der Lektüre des ersten Bandes noch in Frage stellen und als eine Art Freundschaftsdienst zwischen den miteinander bekannten Autoren abtun, steigt das Flair und die Qualität der Geschichte im zweiten und dritten Teil fast kontinuierlich an, wobei man zum Ende des zweiten Bandes noch den starken Eindruck hatte, dass es immer mehr in übergeordnete Sphären abzudriften drohte. Das hat sich schließlich doch auf einem weitgehend weltlichen und verständlichen Niveau eingepegelt, bevor es in unverständliche Höhen abdriftete. Somit scheint sich der Kommentar auf die Gesamtgeschichte zu beziehen.

Beim Kampf der Krieger der Stille gegen den „Blouf“, das ultimative Böse, kristallisieren sich festgelegte und in vielerlei Mythen verankerte Strukturen heraus, die zu einem recht dauerhaften Sieg oder einer ebenso dauerhaften Niederlage führen müssen. So müssen sich zwölf der Krieger zu einer mythischen Entität verschmelzen, um dem Blouf endgültig entgegen treten zu können. Weite Strecken des Romans drehen sich also darum, wie die zwei bis dato letzten Urmenschen (die das inddikische Erbe noch nutzen können und sich der Auslöschung durch die Scaythen widersetzen) ihre Kameraden und Mitstreiter finden, befreien und mit dem Antra des Lebens schulen. Abseits davon sorgt der schon bekannte Sri Lumpa auf Hyponeros dafür, dass sich die auslöschende Entität nicht endgültig ausbreiten kann, beziehungsweise die Krieger der Stille frühzeitig erfasst und besiegt.

Blöd nur, dass Lumpa selbst einer der zwölf ist, und noch blöder, dass er Opfer der Meisterkreatoren von Hyponeros wird, die ihn schließlich als trojanisches Pferd in die Entität des Antra einschleusen wollen, um die inddikischen Annalen und damit den Ursprung und das Zentrum der Urmenschlichkeit zu vernichten. Der finale Kampf auf geistiger Ebene ist unbeschreiblich …

Der dritte und abschließende Band der Trilogie um die Krieger der Stille, das Antra des Lebens und den alles verschlingenden Blouf (eine Nichts-Entität, ursprünglich für ein zentralgalaktisches schwarzes Loch gehalten) mit seinen Gehilfen, den aus menschlicher Dummheit geborenen künstlichen Wesen und Rechnern von Hyponeros, die aus der Hegemonie der Maschinen (und dem damit verbundenen Ende der künstlichen Intelligenz) hervorgingen, entwickelt sich trotz der scheinbaren und endlich auch entscheidenden Ausrichtung auf die geistige und kreative Auseinandersetzung recht bodenständig: Verfolgungen, Intrigen, Schießereien, Tote, Hinrichtungen und Vergewaltigungen markieren den Weg des Niedergangs der menschlichen Kultur und den Weg des Kampfes um das Fortbestehen der Menschheit, den Bordages Protagonisten ausfechten müssen. Dabei bedient er sich durchaus der Triebfedern menschlichen Handelns, die sich durch unsere Geschichte ziehen: Machtgier, Kontrolle, Sex und Unterdrückung sowie religiösen Fanatismus – der in diesem Fall ironischerweise aus einem Zusammenwirken der inddikischen Wissenschaft und der christlichen Kirche entstand, indem sich Kontrollmechanismen zur Erhaltung und Verlust der ursprünglichen Ausrichtung auf das Wesen des Menschen.

Damit prangert Bordage natürlich den religiösen Fanatismus aller Zeiten an, denn natürlich ist jedem menschlichen (im Sinne des Wortes) Wesen in unserer Welt klar, dass die ursprünglichen Ideen und die Entwicklung, die zu Religionen führten, keinerlei Fanatismus dienten, sondern dem Bedürfnis zur Hilfe entsprangen.

Neben diesem kritischen Aspekt und dem transzendenten Antra entwickelt Bordage aber eine rasante Geschichte mit einigen Handlungsebenen, von denen jede ganz unterschiedlich ausgerichtet ist und jede für sich einen eigenen Reiz hat, die aber endlich zusammenfinden und ein umfassendes Bild enthüllen. Und zum Glück versäumt er es nicht, trotz des vorhersehbaren Siegs des Antras die Trägheit der menschlichen Entwicklung deutlich herauszustellen, um dem Sieg seine Endgültigkeit zu nehmen und den Menschen auch weiterhin die Wahl zu lassen zwischen Kreativität und Leben und Auslöschung, geistiger Verarmung und Niedergang.

Was sich jetzt wie eine deutliche Geschichte „Gut siegt über Böse“ anhören mag, entwickelt sich im Verlauf allerdings eher rückläufig, sodass das Gute immer wieder Rückschläge einstecken muss. Ein bisschen platitüdenhaft mutet die schließliche Übernahme der Führung an, wenn Verfolgte durch die aus Empörung geborene Rebellion im Volk befreit werden, verzweifelte Existenzen dem Partner des Lebens begegnen und durch ihn/sie aufgerüttelt und zu einstiger charakterlicher Größe zurückgeführt werden. Wenn ehemalige Unterdrücker eigentlich an der Umwälzung arbeiteten und ihrem eigens ausgewählten Nachfolger noch nach dem Tod detaillierte Anweisungen durch geniale Voraussicht zukommen lassen, und wenn die geistige Niederlage im entscheidenden Moment umgekehrt werden kann.

Das sind allerdings Kleinigkeiten vor dem Umfang des Stoffes, in dem sich viele spannende Details verbergen und in ihrem Zusammenhang zu einer faszinierenden und schließlich positiven Zukunft für und durch die Stärke des Menschen führen. Abschreckend dagegen mag das Format wirken, da der Verlag die Trilogie als schlagkräftige Tradepaperbacks herausbringt und damit noch mehr Inhalt suggeriert.

Zusammenfassend bleibt die Trilogie durchaus in positiver und empfehlenswerter Erinnerung, auch wenn das Zitat Eschbachs in diesem Zusammenhang etwas übertrieben wirkt.

Taschenbuch: 672 Seiten
ISBN-13: 978-3453525108
Originaltitel:
La Citadelle Hyponéros
Deutsch von Ingeborg Ebel

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Mer, Lilach – siebte Schwan, Der

Wilhelmina, genannt Mina, ist die Tochter eines Gutsbesitzers. Ihr Lieblingsort ist der Dachboden, wo sie am liebsten ganze Stunden damit verbringen würde, zur zarten Melodie einer alten Spieluhr zu tanzen. Doch ihre Eltern sehen dieses Verhalten gar nicht gern. Und auch der freundliche Doktor nicht, der so oft bei ihren Eltern zu Gast ist. Doch erst, als sie ein Gespräch zwischen Eltern und Doktor belauscht, findet sie heraus, in welche Schwierigkeiten ihr Verhalten sie tatsächlich gebracht hat …

Der Titel des Buches täuscht ein klein wenig. Zwar spielen Schwäne eine Rolle, und Mina träumt auch einmal davon, dass sie Kinderkleider stricken muss aus Wolle, die ihr die Hände verletzt. Ansonsten aber ähnelt die Geschichte mehr der Geschichte der sieben Raben. Obwohl die Zahl sieben hier völlig fehl am Platz ist, denn selbst bei aller Mühe kommt der Leser bestenfalls auf drei, von denen einer nicht mal ein Bruder ist, sondern „nur“ ein Cousin. Aber fangen wir vorne an …

Für die Charakterzeichnung sind zwei Personen besonders wichtig:

Mina ist ein verträumtes, empfindsames Mädchen. Das Licht unter dem Dachboden, die alten Möbel und Kleider, die sanfte Musik der Spieluhr, all das verzaubert sie, entrückt sie. Mina ist empfänglich für Dinge, die nicht offensichtlich sind, für die Geheimnisse unter der dünnen Oberfläche dessen, was die Menschen sonst als Wirklichkeit bezeichnen. Sie liebt diese Geheimnisse, die der Welt jenen Zauber verleihen, ohne den der dröge Alltag unerträglich wäre.

Für den Doktor dagegen sind diese Geheimnisse und dieser Zauber nichts als Hirngespinste, ein Wahn, den es zu kurieren gilt, und zwar mit allen Mitteln! Dabei ist er selbst nicht unbedingt unempfänglich für die Dinge jenseits der gewohnten Welt, doch sie entziehen sich seiner Kontrolle, verwirren die starre Ordnung, in der das Leben der Menschen sich seiner Ansicht nach zu bewegen hat.

Außerdem gibt es da noch die Taterfamilie, bei der Mina Zuflucht findet, und die ihr auf ihrem Weg beisteht. Alle Familienmitglieder wirken ziemlich sympathisch, selbst Viorel, der offenbar nicht nur positive Eigenschaften besitzt. Und dann wäre da noch als kleines Schmankerl der Kater Herr Tausendschön, der mich in seiner Art ein wenig an den Kater aus dem letzten Einhorn erinnerte: Er gibt niemals eine klare Antwort.

Eigentlich hat mir die Darstellung aller Figuren recht gut gefallen. Die Tater sind nicht allzu intensiv gezeichnet, aber trotzdem hat jedes Familienmitglied seine Eigenheiten, die ihm Persönlichkeit verleihen. Der Doktor taucht nicht so oft auf, und seine Darstellung wirkte auf mich weniger wie die einer Person als vielmehr die einer Institution. Seltsamerweise empfand ich das nicht als Manko. Denn von diesem Konflikt lebt die gesamte Geschichte.

Minas Umfeld ist ein strenges, steifes Umfeld, gezwängt in ein Korsett. Zum Picknick wird die halbe Einrichtung mitgenommen, selbst Tisch und Stühle, als wollte man mit der Natur eigentlich gar nicht in Berührung kommen. Von Mina wird erwartet, dass sie sich mit Mädchendingen wie Sticken und Zeichnen beschäftigt. Abweichungen von dieser Rolle wie Phantasie oder gar eigene Ansichten, ein eigener Wille, sind bei Mädchen zu dieser Zeit höchst unerwünscht.

Den Gegensatz zu der bürgerlichen Gutsidylle bietet die Welt der Tater. Sie haben kein Dach über dem Kopf, nicht einmal das von Zigeunerwagen. Sie ziehen umher und bleiben nirgendwo lange, dafür sind sie mit dem gesamten Land verbunden. Und nicht nur mit dem, auf das auch die Gadsche, die Nicht-Zigeuner, ihre Füße setzen. Hinter der „normalen“ Welt gibt es eine weitere voller Wunder und Magie, in der die Tater ebenso zu Hause sind. Dabei ist es nicht so, dass beide Welten getrennt voneinander existieren würden. Eher ist es so, dass die magische Welt wie eine zweite Haut über der Welt der Gadsche liegt, die Gadsche können sie aber weder sehen noch erreichen.

Mina kann das, und das ist der Grund, warum der Doktor sie unbedingt mitnehmen will. So, wie er bereits ihre Brüder mitgenommen hat. Und Mina ist sich durchaus nicht sicher, ob der Doktor nicht recht hat, wenn er sie als verrückt bezeichnet. Trotzdem läuft sie davon und macht sich auf die Suche nach ihren verlorenen Brüdern. Und gleichzeitig auch auf eine Suche nach sich selbst. Diese Suche ist kein Zuckerschlecken. Mina muss viel opfern, um Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. Und nicht alle Hilfe, die ihr geboten wird, ist auch ehrlich. Sie wird getäuscht, einmal sogar verraten. Doch sie geht unbeirrt weiter.

Der Weg führt durch beide Welten. Aber vor allem die magische hat Lilach Mer sehr eindringlich und intensiv beschrieben. Das ist vor allem ihrer poetischen und bildhaften Sprache zu verdanken, die ohne jede Übertreibung oder Schwülstigkeit den Leser zutiefst verzaubert. So lebendig ist die Darstellung, dass der Wald, der Brutsee, das Haus des Pug ebenso wirklich erscheinen wie die Realität. Tatsächlich verschwimmen die Grenzen zwischen beiden umso mehr, je weiter die Geschichte sich entwickelt, bis hin zur Unkenntlichkeit, bis zu dem Punkt, an dem Mina in der magischen Welt so zu Hause ist, dass beide Dimensionen sich nicht mehr voneinander trennen lassen.

Mancher mag vielleicht anmerken, dass die Lebensumstände der Tater ein wenig romantisiert und beschönigt wirken. Tatsächlich war es wohl kaum immer spaßig, bei Wind und Wetter unter freiem Himmel zu sein. Andererseits macht die Autorin durchaus deutlich, dass die Tater auf ihre Weise ebenso wegen ihres Andersseins unter Verfolgung zu leiden hatten wie Mina, und letztlich ist der Kern der Geschichte ja Mina auf ihrer Reise. Diese hat die Autorin auf jeden Fall außerordentlich gut umgesetzt, sowohl von der sprachlichen Seite her als auch im Hinblick auf die Einbindung alter Sagen und Märchen oder geschichtlicher Details. Lilach Mer hat mit dieser Geschichte einen Schleier gewoben, so fein und zart wie ein Windhauch, und gleichzeitig so dicht und hautnah, dass man sich seinem Zauber unmöglich entziehen kann. Sehr lesenswert!

Lilach Mer ist Juristin und Fachjournalistin und hauptsächlich im akademischen Bereich tätig. „Der siebte Schwan“ ist ihr erster Roman, der es im Rahmen des Schreibwettbewerbs von Heyne Magische Bestseller 2009 unter die fünf Finalisten schaffte.

Broschiert: 554 Seiten
ISBN-13: 978-3453527492

http://www.heyne.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Iain Banks – Welten

Science-Fiction-Romane erscheinen selten bis nie zwischen echten Pappdeckeln, doch um vom Kuchen überhöhter Buchpreise etwas abzuzwacken, verlegen sich die Verlage bei den Erstausgaben bekannter Autoren vermehrt darauf, sie in Form der sogenannten „Tradepaberbacks“ zu produzieren. Die Bücher erhalten dadurch die Maße und Ausmaße eines Hardcovers, ohne mit ihrem Inhalt diesem Umfang gerecht zu werden – die Täuschung des Kunden, der hier ein unhandliches Taschenbuch in Übergröße teuer bezahlen muss. Iain Banks‘ Romane eignen sich besonders für diese Art der Veröffentlichung, da man von ihm traditionell dicke und umfangreiche Romane erwartet. So hält sich die Augenwischerei in Grenzen.

Obwohl er sich mit der Space Opera „Der Algebraist“ in faszinierender Weise ein neues Universum schuf, kehrte er mit „Die Sphären“ in seine KULTUR zurück, konnte damit aber nicht überzeugen. Sein vorliegender neuester Roman entfaltet trotzdem nicht neue Facetten des Algebrauniversums, sondern entwirft erneut was eigenständiges, das zusammenhangslos in dem Kosmos Banks’scher Erzählungen steht. Trotz seines augenscheinlichen, paperbackinduzierten Umfangs ein schneller, intensiver Roman ohne die typischen ausufernden Längen Banks’schen Erzählstils.

Der Mann, dessen wahrscheinlichster und gebräuchlichster Name Temudschin Oh ist, hat ein besonderes Talent: Er kann mit Hilfe einer Droge zwischen den unendlichen Realitäten der Erde wechseln, in die Körper ausgesuchter Personen springen und dort eigenständig handeln. So erfüllt er im Auftrag des Konzerns (einer realitätsumfassenden Organisation) verschiedene Aufträge, deren Erfüllung Einfluss auf die Entwicklung der jeweiligen Realität nimmt und sie positiv lenkt. So denkt er.

Im Hintergrund arbeiten jedoch Strippenzieher, die neben der persönlichen Macht und Unsterblichkeit auch andere, den Forscherdrang der Menschen unterdrückende Ziele verfolgen und Temudschin und seinesgleichen für ihre Zwecke benutzen. Bis Tem eines Tages neue Talente entdeckt, die ihn der Kontrolle des Konzerns entziehen …

Adrian Cubbish hat offenbar gerade eine Glückssträhne: Er steigt vom gerissenen Drogendealer zu einem der mächtigsten Finanzmanager der Welt auf. Doch als sich ihm seine Mittelsmänner offenbaren, kann er es kaum glauben. Denn es gibt neben unserer Realität noch eine Vielzahl weiterer Welten, die von einem mächtigen Konsortium überwacht werden. Ehe sich Adrian versieht, ist er in ein weitreichendes Komplott zwischen diesen Welten verstrickt – und nicht nur sein Leben, sondern unsere gesamte Realität steht auf dem Spiel …
(Verlagsinfo)

Und wieder ein Beispiel für das ungeschickte Händchen, mit dem die Heyne-Redaktion die Klappentexte ihrer Romane gestaltet. Der erwähnte Adrian ist nicht viel mehr als eine Nebenfigur, die weder großen Einfluss auf die Geschichte nimmt, noch die im Klappentext suggerierte Erkenntnis der Zusammenhänge erlangt. Vielmehr thematisiert die Geschichte Intrigen, Machtgelüste, Geschlechtsverkehr in allen möglichen Spielarten, Folter, Solipsismus und Mord sowie den kleinen Menschen, der zwischen den Fronten steht und außergewöhnliche Leistungen erbringen muss, um nicht zerquetscht zu werden.

Banks nutzt in bisher unbekannter Ausführlichkeit sexuelle Begegnungen als erzählerische Untermalung für signifikante Dialoge, Stützpfeiler der Erzählung und Entwicklungs- und Wendepunkte. Selten sitzen die Entscheidungsträger und Protagonisten im stillen Kämmerlein zur Besprechung, sondern ergehen sich meist in ausschweifenden, durch die Realitätswechsel teils spektakulären Sexspielen, während ihre Unterhaltungen die Geheimnisse der Geschichte zu entschleiern suchen. Ob damit die Charaktere glaubwürdig geschildert werden, mag strittig sein, doch bezieht sich Banks dabei meist auf Temudschin Oh, der dadurch ja eine gewisse Charakterisierung erhält, die scheinbar auf beiden Seiten der Gegner bekannt ist und ausgenutzt werden soll. Andererseits erzählen sich die Figuren auch von ihren Erfolgen, die sie per Sex (in Hinsicht auf die Weltenwechsel) erzielten, sodass es ein Charakterzug des Konzerns wird und damit übertragbar auf jeden Angehörigen.

Banks zeigt aber mit den beiden wichtigsten Methoden zur Erzeugung starker Gefühle (Sex und Folter), wie in der Geschichte der Realitätswechsel funktioniert und beschreibt dadurch glaubwürdig, dass für dieses Talent die stärksten Gefühle nötig sind. Damit gewinnt der allgegenwärtige Sex eine neue Bedeutung, er ist quasi ein Resultat, eine logische Folge und Bedingung des Grundgedankens von „Welten“, denn wer würde sich für die andere Methode des induzierten Weltenwechsels entscheiden, wenn man es auch so kann?

Der Roman bewegt sich auf einigen unterschiedlichen Ebenen, die im ständigen Wechsel eine fast kaleidoskopische Reise durch die Erzählung darstellen und den Leser erstens rasch und intensiv in sich hinein ziehen (quasi den Realitätswechsel für uns erzeugen), zweitens von ihm auch geistige Beweglichkeit und Zusammenhangsgefühl fordern. So schleudert Banks den Leser zwischen den Ebenen hin und her und man kann nicht genau festlegen, auf welcher sich die Fäden endlich verbinden, um die Geschichte zum nötigen Zentrum zu leiten.

Es bleibt also überall gleichermaßen spannend und fordert beim Leser mehr Konzentration, um die oft angedeuteten Verbindungen zu erfassen und richtig einzuordnen. Gerade zum Ende muss man sich der Anfänge neuerlich gewärtig sein.

Während sich alles gut aus der Geschichte entwickelt, wirkt eine Figur fast wie ein Deus ex machina: die übermächtige, Realitäten kontrollierende und darüber verrückte Entität Bisquitine, derer sich der Konzern bedienen will, ohne die Folgen überblicken zu können. Zwar bemüht sich Banks um eine Einführung und man könnte sie als Produkt geheimer Forschungen sehen, doch in ihrer Wirkung drängt sich der leichte Verdacht einer Notlösung auf. Zum Glück gewinnt die Geschichte dadurch noch eine gute Seite: Sie lässt den Protagonisten nicht als Superhelden da stehen, sondern relativiert seine Talente wieder.

Trotz manchen abschreckender Dicke und unnütz aufgeblähtem Format als Tradepaperback einer der wertvollsten phantastischen Romane des Jahres. Banks hält seine Ausführlichkeit im Zaum zu Gunsten einer komplexen, faszinierenden Weltenschöpfung und intensiver Unterhaltung – eigenständig, einbändig und abgeschlossen.

Taschenbuch: 560 Seiten
ISBN-13: 978-3453527102
Originaltitel: Transition
Deutsch von Friedrich Mader

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

John Scalzi (Hrsg.) – Metatropolis

Dieses Buch ist kein Roman. Das ist an sich schon eine recht seltene Form von in Deutschland veröffentlichter Literatur aus Übersee, finden wir in den Buchhandlungen doch vorwiegend backsteinähnliche Klopper von über 500 Seiten Umfang. Nein, dieses Buch hat zwar immerhin 416 Seiten, doch tummeln sich darauf der Autoren ihrer fünf, die sich den Platz für jeweils eine – Kurzgeschichte? Nein, eher Novelle – teilen.

Eine Anthologie also. Typischerweise versammeln sich in Anthologien die Geschichten einiger Autoren, möglicherweise sogar zu einem Thema, doch meist völlig zusammenhanglos. Auch hier macht „Metatropolis“ einen Unterschied: Das Autorenteam entwarf gemeinsam eine utopische Welt, der sie jeweils eigene Facetten durch ihre eigene, von den anderen unabhängig lesbare Geschichte verliehen. Das Gesamtergebnis ist nicht nur eine Sammlung, sondern ein zusammen gewachsenes Ganzes mit fünf spektakulären Blickwinkeln.

Jay Lake, in Deutschland bis dato nicht weiter bekannt, doch von John Scalzi in gleicher Weise wie die anderen Kollegen hochgelobt, erzählt von einer unsichtbaren Stadt, deren Bewohner „ausgestiegen“ sind und sich weitgehend ohne energetische Hilfsmittel bewegen. So sind sie auch für Satellitenüberwachung unsichtbar, zumal sie ihre Hauptarbeitszeit in den dunklen Stunden der Nacht haben. Es sind die hellen Köpfe, die sich hier versammeln und versuchen, ein „footprint-neutrales“ Leben zu entwickeln, um der Menschheit zu retten, was vor einem endgültigen Kollaps noch zu retten ist. In dieser Stadt, Cascadia, die entlang Amerikas Westküste wie eine Kaskade verläuft, finden sich die meisten der revolutionären Techniken, die zwar OpenSource darstellen, von den Vertretern des Kapitals aber unzugänglich gehalten/gemacht werden sollen. Lake berichtet von der Tragödie, die ein paar unabhängige Agenten des Kapitals nach Cascadia verschlägt, wo sie von ihrem Charme belegt werden oder ihr auch ihr Charisma aufprägen, bis sie miteinander und den Zielen konfrontiert werden.

Mit wenigen Worten streut Lake ein blühendes Bild der entworfenen Gesellschaft wie auch der Landschaft, der „grünen“ Stadt, in die Fantasie des Lesers. Er nutzt den knappen Raum und ergeht sich nie in weitschweifigen Erklärungen oder Darstellungen. Zentrum seiner Geschichte sind zwei Protagonisten und ihr menschliches Umfeld, wobei Lake zu einem Mittel greift, was ihm eine Raffung mancher Geschehnisse erlaubt: Auszüge aus Chroniken und Abhandlungen geben den anderen Abschnitten, in denen die Geschichte live erzählt wird, einen tieferen Hintergrund und bereiten das richtige Verständnis beim Leser vor. Umso erstaunlicher ist, wie menschlich die Charaktere in Erinnerung bleiben, selbst wenn die folgenden vier Geschichten mit ihrem eigenen Flair den ersten Eindruck überpinselt haben.

Lakes Geschichte „In den Wäldern der Nacht“ ist ein wunderschöner Einstieg in diesen Band, auch wenn er sich einem Blickwinkel widmet, der in den folgenden Geschichten nur knappe Erwähnung findet – doch vielleicht macht es ihn gerade deshalb so wichtig und bietet den ersten Hintergrund für alles Kommende.

Tobias S. Buckell hat bereits einige Romanübersetzungen nach Deutschland geschafft (falls es für englischsprachige Literatur als Erfolg gilt, ins Deutsche übersetzt zu werden). Er bringt zwei neue Aspekte in das Gesicht dieses Entwurfs ein: Die vertikalen Farmen und das Insten. In seiner Geschichte erfährt man, dass große Häuser, Wolkenkratzer und Ähnliches, zu teuer und zu energieaufwändig sind in diesen Zeiten der Energieknappheit. Um trotzdem mit den vorhandenen Bauwerken etwas anfangen zu können, sollen sie als „Farmen“, als Ackerland umgestaltet und nutzbar gemacht werden – ein übermenschliches Projekt. Hieraus entsteht das „Raumschiff Detroit“, wie der Titel Buckells Geschichte ist. Das Insten ist eine in alle Belange der Dienstleistung verbreitete Form der Auftragsvergabe, die Buckell an den unterschiedlichsten Beispielen beschreibt – sei es nun, dass man ein Paket an eine Straßenecke legt und jemand mit der gleichen Richtung nimmt es ein Stück mit und wird dafür bezahlt, oder man organisiert Aufstände oder Observationen, ohne dass die Auftragnehmer dafür zu belangen sind, da sie zum Beispiel „einfach nur an einer Kreuzung stehen und immer, wenn ein Streifenwagen vorbei fährt, eine SMS an eine bestimmte Nummer schicken“.

Buckell beschreibt anschaulichst die Möglichkeiten mit geinsteten Armeen oder Aufständischen, wenn ein gutes Organisationstalent alle Fäden in der Hand hält. Doch er macht auch auf die moralischen Probleme aufmerksam, die sich hieraus entwickeln. Die Geschichte selbst ist eine Art Heldengeschichte, denn der Protagonist, obwohl durch widrige Umstände am Ende der Gesellschaftsleiter, ist ein Profi und Genie in dem, was Buckell für ihn vorgesehen hat …

Elizabeth Bear ist die Dritte im Bunde und ebenfalls im deutschen Sprachraum unbekannt. Ihr Beitrag wirft allerdings die Frage auf, wieso das so ist.

Sie schickt die einzige Protagonistin ins Rennen, eine charmante Frau mit Dreadlocks und einem schnellenden Mittelfinger, die flott mit dem Fahrrad unterwegs ist, um ihre Tochter zu retten. Bear entwirft eine urbane Subkultur mit Erkennungsmerkmalen, die sie einander zugehörig machen und unabhängig von der öffentlichen sozialen Schicht je nach Leistungen für das gemeinsame Projekt mit entsprechendem Zugang zu den Mitteln der Gruppierung ausstatten. Es ist eine angenehme Erzählung über die Hoffnung, die Gestaltung einer Kultur, die auf Vertrauen basiert und in der jeder zum Wohl der Allgemeinheit Zeit und Energie investiert, wofür er mit Vertrauenspunkten belohnt wird, die ihn in der Kultur quasi aufsteigen lassen. Ein Utopia findet die Protagonistin, allerdings eines, für das es sich zu kämpfen lohnt, denn „Das Rot am Himmel ist unser Blut“ …

John Scalzi selbst widmet sich als Herausgeber, wie er im Vorwort zu seinem Beitrag schreibt, der Aufgabe, zwischen den einzelnen Beiträgen zu kitten, das heißt, ein Loch zu finden, das es noch gilt zu stopfen. Und so nimmt er sich einer einfachen Szenerie an, die mit dem Start eines normalen Jungen in das Berufsleben einer der abgeschotteten Städte beginnt. Hier geht es um Systeme, um die Vor- und Nachteile des Abriegelns, um die Selbstbestimmung und Freiheit. Der Titel ist, wie er selbst kritisiert, kaum auszusprechen, doch „Utere nihil non extra quiritationem suis“ ist so aussagekräftig und erfasst einen Aspekt der neuen Gesellschaften sehr genau, die mit verbesserten Strukturen den Energiemangel auszugleichen angehalten sind: „Nutze alles außer dem Quieken“ – hier bezogen auf Schweine, die gentechnisch soweit verändert sind, dass sie außerordentlich produktiv sind – in jeglicher Hinsicht, wie der Protagonist schmerzlich erfahren muss.

Scalzi erzählt auch, dass es bei abgeschotteten Systemen immer jemanden gibt, der die Informationen zum Allgemeingut machen will – und ebenso, dass auf dieser Revolte gegen die Exklusivität auch stets solche mitreiten, die aus der Sache persönlichen Nutzen ziehen wollen.

Karl Schroeder schwappt derzeit mit einer Romanserie über den großen Teich, in der er selbst eine grandiose Zukunftsgesellschaft entwirft. Auch für Metatropolis hat er laut Scalzi einen Großteil der Ideen beigesteuert, und Scalzi schwärmt in seinem Vorwort zu dieser abschließenden Geschichte „Ins ferne Cilenia“ von einer Bewusstseinserweiterung, an der Schroeder den Leser teilhaben lässt.

Hier geht es um eine ganz andere Form der Stadtentwicklung: Über ARGs, Alternate Reality Games, bildeten sich nicht nur Städte, sondern gar nationsähnliche Gebilde, deren Mitglieder in der zugehörigen Zukunft sogar die Staatsbürgerschaft ihrer „realen“ Staaten ablehnten, weil sie sich anderen Gemeinschaften, die sich über die Kultur, Sozialität und Wirtschaft von onlineunterstützten Spielwelten definieren, stärker verbunden fühlten. Schroeder entführt den Leser in eine umso fremdartigere Welt, als deren Bewohner zwar in realen Städten wie Stockholm „anwesend“ sind, sich durch Overlaybrillen, die sowohl Gegenständen, Häusern und Personen neue Texturen verleihen, beziehungsweise auch Dinge und Personen einblenden, die vielleicht auf der anderen Seite der Welt weilen, jedoch auf einer anderen Realitätsebene befinden und dort engagieren. Und was wäre eine dieser Welten über der Welt, wenn es nicht noch Unterstufen davon gäbe, die verwirren könnten, wenn nicht ein Karl Schroeder ihnen faszinierendes Leben einhauchen würde?

Allen Geschichten zu eigen ist ein ungewöhnlicher Charme, der den Leser sofort in seinen Bann schlägt und nicht wieder entlässt, bis der nächste Erzähler sich zu Wort meldet und seine eigene Epiphanie verbreitet. Es ist ein dünnes, schnelllesiges und fantastisches Buch, das gerade durch die Gemeinsamkeiten der grundlegenden Dinge gewinnt, ebenso wie durch die verschiedenen Blickwinkel über die verschiedenen Schriftsteller und ihren jeweiligen Stil. Scalzi schreibt, dass es ursprünglich als Hörproduktion verfasst wurde, doch es ist ohne Frage eine Produktion, die auch selbst sehr überzeugend lesbar ist. Projekte dieser Art sind gerade in Deutschland ein seltener Genuss, den man aber jedem Leser warm ans Herz legen muss!

Taschenbuch: 416 Seiten
Originaltitel:
Metatropolis
Deutsch von Bernhard Kempen
ISBN-13: 978-3453526846

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Charles Stross – du bist tot

Es ist fast wie ein Krimi: Während Sue, ihres Zeichens Seargeant bei der schottischen Polizei, in einem Einbruch ermitteln soll, wird die Versicherungsangestellte Elaine zum gleichen Fall hinzugezogen, um eventuelle Haftungsausschlüsse zu eruieren. Die betroffene Firma ihrerseits engagiert einen Spiele- und Softwareentwickler, der durch sein Verständnis der Spielewelten Zugang zu den Schemata und Vorgehensweisen der Täter finden und so den Ermittlern die Möglichkeit geben soll, den Fall zu klären.

Verwirrung stiftet vor allem die Tatsache, dass das Verbrechen in einer Online-Spielewelt verübt wurde. Die betroffene Firma Hayek stellt ihrerseits nämlich die Versicherung einer spielübergreifenden Bank dar, in der die Spieler ihre Beute einlagern und bei Bedarf abholen können. Und in dieser Bank wurden eben jene Artefakte „gestohlen“, was einen Schaden in unvorstellbaren Höhen darstellt.

Die verschiedenen Parteien geraten bei ihren Ermittlungen in einen Strudel geheimdiensttechnischer Absurditäten und undurchschaubarer Zusammenhänge zwischen Onlinespielen, Staatenverwaltung und Mastercodes, sodass als Essenz die Erkenntnis Gestalt annimmt, vor einer allübergreifenden Infiltration und Übernahme des schottischen Verwaltungsapparates zu stehen. Die Verwicklungen reichen bis in die höchsten Machtebenen, bestimmen die Geheimdienste Chinas, Schottlands und der EU und sind nur ein Spielball einer unbekannten Gruppe von Onlinespielern, die sich „Das rote Team“ nennt und mit den Systemen der Staaten eine Art „Capture the flag“ spielen.

Die Handlungsebenen sind vielschichtig und zu Anfang schwer zu durchschauen, da der Blickwinkel von Kapitel zu Kapitel wechselt, wobei der Stil der Erzählung es nicht sofort offenbart, wer sich als Protagonist oder Betrachter oder Angesprochener präsentiert. Nur eine ungünstig platzierte Überschrift in der falznahen oberen Ecke jedes Kapitelbeginns nennt den Namen desjenigen, durch dessen Augen wir die Szenerie betrachten. Stross bedient sich einer ungewöhnlichen Erzählstimme, er schreibt in der Du-Form und spricht damit immer den jeweiligen Protagonisten an, wodurch eine öftere Nennung des Namens entfällt, wie sie beim unpersönlichen Erzähler in der dritten Person sonst gegeben wäre. Damit erreicht er natürlich eine ungeheure Nähe zum Leser, der sich stets vom „Du“ angesprochen fühlt, auch wenn es beispielsweise um Sätze geht, wie „Du setzt deine Datenbrille auf und loggst dich in den Copspace ein“.

Apropos Copspace: Wir befinden uns in einer recht nahen Zukunft, in der sich Schottland Souveränität erworben hat, die EU aber weiterhin existiert und auch sonst noch typische Strukturen vorherrschen. Das Internet ist allgegenwärtig, man ist über die Datenbrillen ständig damit gekoppelt, verfügt somit über direkte Navigation im Straßenverkehr, über immer abrufbare Informationen über seine Umgebung (zum Beispiel das nächste Hotel, Kritiken von Restaurants, Suchergebnisse über unbekannte Personen etc.) und ist immer erreichbar. Ohne Brille fühlt man sich nackt, die Brille bietet eine erweiterte Sicht auf das Umfeld, indem auch Markierungen und Informationen direkt beim Auftauchen von Objekten im Sichtfeld eingeblendet werden. Erweitert wird das Ganze im Copspace, einer den Polizisten vorbehaltenen Ebene, die auch Wohnungen und Personen polizeirelevant charakterisiert.

So viel zum Umfeld. Die Geschichte selbst entwickelt sich anfangs etwas verworren durch oben genannte Charakterzüge und den Umstand, dass die oberflächlichen Probleme recht unbedeutend erscheinen – wie als Mittel zum Zweck, als sei die Zukunftsdarstellung das Motiv der Geschichte. Doch die Täuschung löst sich bald auf, wenn die Zusammenhänge immer undurchsichtiger werden und sich nur langsam ein Bild von den Geschehnissen ergibt, die ein extrapoliertes Gefahrenpotential auch heute schon vorhandener Mängel im digitalen Datenverkehr aufzeigen und thematisieren. Im Gegensatz zu anderen ähnlichen Ansätzen des Genres zu diesem Thema im Jahr 2010 (wie Doctorows „Little Brother“ oder Suarez‘ „Daemon“) umspinnt Stross dieses Zentrum mit einer verwickelten Agenten- und Ermittlungsgeschichte, aus der sich erst spät die Betroffenheit beim Leser herausschält, mit der man als uneingeweihter Bürger, als reiner Nutzer der Datensphäre und machtloses Opfer zahlreicher diesbezüglicher Fehlentscheidungen und -einschätzungen durch Regierungen reagiert, wenn der Daumen so brutal auf die wunden Stellen des ach so hilfreichen, sicheren und allmächtigen Systems der elektronischen Datenverarbeitung und Kommunikation gelegt wird.

Faszinierend für die einen, erschlagend für die anderen und vielleicht oberflächlich für die wenigen ist das Vokabular der Geschichte, wohl je nach Einweihungsgrad des Lesers. Man spricht über Onlinespiele, über Datenerfassung, Vernetzung, entsprechende Gesetze, Gesetzeslücken, Systeme und Protokolle. Dabei dürfte dem interessierten Leser sicherlich der umfangreiche Anhang helfen, auch wenn der Lesefluss es uns eigentlich verbietet, zwischendurch nach hinten zu blättern, um die Erklärung eines Fachausdrucks vielleicht zu finden. Doch muss man hier die Mühe anerkennen, die sich Stross mit seinen nichteingeweihten Lesern gemacht hat, um allen Zugang zu seinem sonst in üblicher Weise hoch unterhaltsamen und spannenden Roman zu ermöglichen.

Bei Stross erkennt man einen Trend in der modernen Sciencefiction. Wie sich schon die herausragenden Autoren früherer Jahre mit den Entwicklungen der Gesellschaft auseinandersetzten und zu extrapolieren versuchten, beschäftigt sich die moderne Genreliteratur mit den bedenklichen oder zu überdenkenden Entwicklungen, die sich aus unserer Gegenwart ergeben – und wo anders, als in Bezug auf das Internet und die Vernetzung der Kommunikation allgemein, erkennt man schon heute lebende Sciencefiction? Unbestreitbar lauern hier noch unbedachte Gefahren, die gerade durch die rasante Entwicklung vielleicht schneller zu globalen Problemen führen können, als man sich auszudenken vermag. Es gibt viele Baustellen für einen kritischen Schriftsteller, aber die Beschleunigung in der Kommunikation lässt sowohl visionäre als auch besorgniserregende Blicke in die Zukunft zu.

Mit „du bist tot“ eröffnet Stross einen unerwartet betroffenen Blick auf einen gefährdeten Nerv unserer Zivilisation – und das macht er blendend unterhaltsam! Ein Höhepunkt des Jahres!

Taschenbuch: 544 Seiten
Originaltitel: Halting State
Deutsch von Usch Kiausch
ISBN-13: 978-3453526877

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Dmitry Glukhovsky – Sumerki

Ein unbedarfter Bücherwurm gerät an ein uraltes Manuskript, das er allmählich als Programm zum anstehenden Weltuntergang erkennt … – Was zunächst eine weitere Munkel-Mär zum 2012 ablaufenden Maya-Kalender androht, wird zum eigenständigen, nie originellen, aber angenehm unaufgeregten und gut im historischen Gefüge verankerten Mystery-Garn. Dmitry Glukhovsky – Sumerki weiterlesen

Sanderson, Brandon – Sturmklänge

Die junge Siri ist zwar eine idrisische Prinzessin, da sie aber die jüngste von vier Geschwistern ist, ist sie eigentlich ziemlich unwichtig. Zumindest glaubt sie das. Bis ihr Vater zu ihrem Schrecken plötzlich beschließt, sie an Stelle ihrer ältesten Schwester Vivenna als Braut nach Hallandren zu schicken.

Vivenna ist fast so entsetzt wie Siri. Immerhin wurde sie selbst seit frühester Kindheit darauf vorbereitet, Hallendrens Gottkönig zu heiraten. Wozu all diese harten Jahre strengster Erziehung, wenn ihr Vater nun auf einmal die jüngere Schwester ihr vorzieht? Vivenna ist nicht in der Lage, sich mit der neuen Situation einfach abzufinden …

Auch in Hallandren ist man überrascht – und mißtrauisch. Die Jüngste der Prinzessinnen ist ein unbeschriebenes Blatt, da alle hallandrenischen Spione auf die Älteste angesetzt waren. Was hat Hallandren von ihr zu erwarten? Unterwanderung? Ein Attentat? Oder gar Krieg?

Tatsächlich denkt Siri an nichts von all dem. Sie ist ein überschwänglicher Wildfang, der seine Zeit bisher damit verbracht hat, den Unterricht zu schwänzen und stattdessen in der Wildnis herumzustreifen. Aufgrund dieser fehlenden Erziehung ist sie noch ein wenig naiv, äußerst unbefangen und politisch völlig ahnungslos. Auf die neue Umgebung reagiert sie deshalb zunächst mit Angst und Unsicherheit. Da sie jedoch weit aufgeschlossener und unvoreingenommener ist als ihre Schwester, lernt sie mit der Zeit, sich zurechtzufinden.

Vivenna, die Siri nach Hallandren folgt, um sie aus den Fängen des Gottkönigs zu befreien, tut sich wesentlich schwerer damit, sich anzupassen. Die strenge und fromme junge Frau mit der ausgeprägten Selbstbeherrschung fühlt sich im Gegensatz zu Siri von der Flut der Farben und von der ungewohnten Kleidung der Leute in Hallandrens Hauptstadt abgestoßen. Je länger sie sich allerdings dort aufhält und je mehr sie erlebt, desto mehr geraten ihre Überzeugungen und Glaubenssätze ins Wanken …

Lichtsang, der Gott des Heldenmuts, dagegen hat keine Glaubenssätze. Im Gegenteil ist er fest davon überzeugt, kein Gott zu sein. Da er aber keine Möglichkeit hat, sich dem Kult um seine Person zu entziehen, flüchtet er sich in übertriebenen Spott und Leichtfertigkeit und weigert sich beharrlich, sich an den politischen Intrigen der Götter untereinander zu beteiligen.

Und dann wäre da noch Vasher, der Mann in der Rolle des geheimnisvollen Kämpfers. Sein Erscheinungsbild erinnert fast an einen Landstreicher, allerdings besitzt er ein ziemlich ungewöhnliches Schwert, das er auf noch ungewöhnlichere Weise benutzt.

Brandon Sanderson hat hier eine äußerst vielschichtige Charakterzeichnung abgeliefert. Keiner seiner Charaktere lässt sich von Anfang an in eine Schublade stecken, nicht einmal Nebenfiguren wie Blaufinger, der Haushofmeister des Palastbezirks. Gleichzeitig sind sie sehr lebendig und glaubwürdig gezeichnet, sowohl in ihrer Ausgangssituation als auch in ihrer Entwicklung, soweit vorhanden. Vor allem Lichtsang und Vivenna fand ich ausgesprochen gut gelungen, und selbst Vasher, über den man erst spät etwas und dann nur wenig erfährt, entwickelt ein gewisses Maß an Persönlichkeit.

Der Kontext, in den der Autor seine Figuren gesetzt hat, ist ziemlich komplex. Das fängt schon damit an, dass hier Magie und Religion nicht eindeutig zu trennen sind. Magie besteht zunächst darin, mithilfe von Farbe und menschlichem Hauch totes Material zum „Leben“ zu erwecken. Je nach Kommando kann das erweckte Material bestimmte Aufgaben erfüllen, ein Seil zum Beispiel etwas aktiv in die Höhe befördern.

Mit Hauch ist allerdings nicht einfach menschlicher Atem gemeint, sondern eine Art Energie. Jeder Mensch besitzt von Geburt an einen Hauch. Für die meisten Erweckungen ist jedoch mehr als ein Hauch erforderlich, außerdem bedeutet der Besitz einer großen Anzahl Hauche sowohl gesellschaftlichen Status als auch einen Zuwachs an Fähigkeiten und magischer Kraft.

Zugleich ist Hauch aber auch die Nahrung der Götter, die sie von ihren Gläubigen beziehen. Die Menschen können auch ohne Hauch leben, die Götter jedoch sterben, wenn sie nicht jede Woche einen menschlichen Hauch aufnehmen. Dabei besitzen sie selbst ebenfalls einen Hauch, der um ein Vielfaches stärker ist als der menschliche, den sie jedoch nicht einsetzen können, ohne zu sterben.

Der Einfluss der Götter basiert daher weniger auf ihrer im Grunde eher eingeschränkten magischen Macht als vielmehr darauf, dass sie „zurückgekehrt“ sind: Menschen, die aufgrund der besonderen Umstände ihres Todes erneut zum Leben erwacht sind. Das Volk betrachtet sie als besondere Beschützer, an die sie Bittgesuche richten, die sie um Rat fragen und Ähnliches.

Kommt die Politik dazu, wird die Sache noch komplizierter: Offiziell ist Idris lediglich eine Provinz Hallandrens. Allerdings herrschen dort die Nachkommen jener Familie, die einst auf dem Thron von Hallandren saß! Seit dem Vielkrieg, der zu dieser Situation geführt hat, fürchten die Götter und Priester von Hallandren, die Könige von Idris könnten irgendwann die Herrschaft über Hallandren zurückfordern. Dabei ist Idris dazu politisch gar nicht in der Lage, obwohl das kleine Gebirgsland sämtliche Pässe in die nördlichen Königreiche und nahezu sämtliche Kupfervorkommen des Landes kontrolliert.

Tatsächlich fürchtet Idris nichts mehr, als irgendwann von Hallandren doch noch vollständig unterworfen zu werden, denn seine Bewaffnung ist schlecht und die Anwendung von Magie ist in Idris aus religiösen und ethischen Gründen verpönt, Hallandren dagegen verfügt über eine ganze Armee von Leblosen, womit erweckte Leichen gemeint sind. So belauern sich beide Seiten gegenseitig voller Misstrauen und in ständiger Erwartung, dass der andere demnächst angreifen wird.

Dabei bildet der Rat der Götter, der über Hallandren herrscht, keineswegs eine einheitliche politische Front. Kriegsbefürworter stehen Kriegsgegnern gegenüber, und überall wird intrigiert und geschachert. Das geht so weit, dass eine der Göttinnen Siris unschuldige Naivität als Maske abtut, weil sie sich nicht vorstellen kann, dass jemand in dieser Position keine geheimen Absichten verfolgt.

Um das Maß vollzumachen, hat Brandon Sanderson seine Handlung auch noch auf mehrere Stränge verteilt. Während im Palast die verwirrte und eingeschüchterte Siri und der Gottkönig allmählich einander näherkommen, versucht Vivenna mit Unterstützung einer Söldnergruppe, eine Art Partisanenkrieg auf die Beine zu stellen, um den drohenden Krieg wenigstens bis zum Winter hinauszuzögern und Idris so eine bessere Position zu verschaffen. Von den Hallandrenern wird dies wiederum als Vorstufe zu einem Angriff durch Idris verstanden, was dazu führt, dass Lichtsang, der über zehntausend Soldaten der Leblosenarmee das Kommando hat, immer mehr ins Visier seiner göttlichen Kollegen gerät. Und dazwischen huscht Vascher hin und her, ohne dass klar wäre, auf welcher Seite er steht.

Alle diese Handlungsstränge sind nicht nur geschickt miteinander verbunden, sie bedingen einander und führen so zu einer immer stärkeren Zuspitzung der Situation. Und während der gesamten Entwicklung spielt der Autor gekonnt mit den Erwartungen des Lesers, nur um ihn dann mehrmals kräftig zu überraschen, was nicht nur für Abwechslung sorgt, sondern auch für wachsende Spannung.

Herausgekommen ist dabei ein dichter und facettenreicher Roman, dessen präziser Aufbau den Leser trotz aller Komplexität souverän durch die Handlung führt, der mit seinen ausgesprochen menschlichen und lebensechten Charakteren für jeden Leser eine Identifikationsfigur bietet, trotz aller Konflikte und Kämpfe ohne Splatter auskommt und auch ohne einen absoluten übermächtigen Bösewicht Spannung zu erzeugen weiß. Die einzelnen Aspekte sind hervorragend ausbalanciert, sodass das Buch weder actionlastig noch detailverliebt oder psychologisch überfrachtet daherkommt. Fantasy vom Feinsten!

Brandon Sanderson gehört zu denjenigen, die bereits als Kinder phantastische Geschichten schrieben. Sein Debütroman „Elantris“ erschien 2005, seither war er ungemein fleißig. Neben seiner Trilogie Mistborn schreibt er an seinem Jugendbuchzyklus Alcatraz, der inzwischen bis Band vier gediehen ist, sowie an Robert Jordans Zyklus Das Rad der Zeit, dessen vorletzter Band unter dem Titel „Towers of Midnight“ Anfang November in die Buchläden kommt. Außerdem erschien Ende August unter dem Titel „The Way of Kings“ der erste Band seines Zyklus‘ Die Sturmlicht-Chroniken.

Taschenbuch: 762 Seiten
Originaltitel: Warbraker
Deutsch von Michael Siefener
ISBN-13: 978-3453527133

 www.brandonsanderson.com

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Wolfgang und Heike Hohlbein – Anders 1: Die tote Stadt

Mit „Märchenmond“ ist dem Ehepaar Hohlbein einst der große Wurf gelungen. Seither präsentiert sich vor allem Wolfgang als äußerst produktiver Schreiberling, doch auch die Co-Produktionen mit seiner Frau Heike finden immer wieder großen Anklang. Mit „Anders“ verfassten sie ein weiteres Mal die Geschichte um einen Jugendlichen, der durch irgendwelche Umstände Zugang zu einem phantastischen Abschnitt der Welt erhält und dort gefährliche Abenteuer erlebt. Meist drehen sich diese Geschichten um nichts weniger als eine Bedrohung der Welt; ob das auch bei „Anders“ der Fall ist, bleibt nach dem ersten Band noch offen.

Anders ist anders. Natürlich. Und darüber wurden schon alle erdenklichen Sprüche geklopft, was ihn mittlerweile nicht mehr belustigt, sondern nervt. In ihm vereinigt sich sehr hohe Intelligenz mit Geld, denn sein Vater ist Führer eines großen, erfolgreichen Unternehmens. Dieses Jahr will Anders mit ihm und ihrem Angestellten Jannik Urlaub auf einer Yacht machen. Als Jannik ihn vom Internat abholt, ist er merkwürdig nervös – nicht ohne Grund, denn kaum besteigen die beiden die Privatcessna, werden sie von zwei Männern bedroht und zu einem unvorhergesehenen Kurs gezwungen. Der führt sie durch eine Gewitterfront in einem Gebirge, die selbst Jannik in Furcht versetzt.

Natürlich stürzt die Cessna ab. Nicht nur das Gewitter ist schuld, sondern auch ein merkwürdiger Hubschrauber, der im Anschluss auch eine Hetzjagd auf die beiden Überlebenden, Jannik und Anders, veranstaltet und – mit tödlichen Lichtstrahlen um sich schießt!

Außerdem hat es sie in einen unwirklichen Teil der Welt verschlagen, in eine düstere Ruinenstadt, menschenleer, ja, völlig tot erscheint sie Anders während ihrer Flucht.

Auf die Entführung sowie auf die außerirdisch anmutenden Hubschrauber und ihre schutzanzugverpackten Insassen wirft ein Geschehen ein veränderndes Licht: Einer der Männer deutet auf Anders, woraufhin kurz gestikuliert wird, ehe sie ihre tödliche Jagd umwandeln in eine Hatz, die ihn am Leben lassen soll. Und während Jannik erschossen vom Dach eines Hauses stürzt, entkommt Anders vorerst – mit Hilfe des ersten Wesens, auf das er hier stößt und das ihn in einen helleren Teil der toten Stadt bringt, in dem ihr „Volk“ lebt: grausige Missbildungen, Kreuzungen zwischen Menschen und allen möglichen Tierarten. Hier erlebt Anders den Kampf ums Überleben mit, und als eine überlegene Truppe riesenhafter Schweine auftaucht und brutal mordend durch die Stadt zieht, sucht er sein Heil in der Flucht …

Der Roman beginnt ein wenig langweilig mit der Einführung Anders‘ und seiner Eigenarten, seiner sozialen Einbindung (die eher mangelhaft ausfällt) sowie der recht unglaubwürdigen Mischung seiner Attribute. Man ist versucht, die ersten Seiten nur zu überfliegen, nur die handlungs- und dialogintensiven Abschnitte lassen die hohlbeinsche Erzählkunst durchblitzen und fangen den Leser immer wieder ein. Auch die amateurhaft durchgeführte Entführung und erst recht die zwar paranoide, aber auch gleichzeitig ahnungslose Art, mit der Anders und sein Diener in die Falle laufen, lassen einen unwillig die Stirn runzeln.

Mit dem Auftauchen der unbekannten Hubschrauber und der plötzlichen Nervosität Janniks ist dem Leser schon klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu geht. Und sobald man die tote und versteckte Ruinenstadt erblickt, zweifelt man mit Anders an der Echtheit des Ganzen, da zumindest Satelliten von ihrer Existenz hätten wissen müssen. Hier bleibt die Erklärung, nämlich das dauerhafte schwere Gewitter, etwas mager.

Und plötzlich ist es soweit – man wird vom Strom der Erzählung erfasst und mit gerissen und findet sich, ohne es gemerkt zu haben, mitten in einer phantastischen Geschichte wieder, die es einem schwer macht, das Buch aus den Händen zu legen. Bis dahin zieht es sich gewaltig und man erwartet misstrauisch ständig neue klischierte Charakteristika, doch trotzdem schafft es das Autorenpaar, Spannung und Faszination zu erzeugen.

Bei den Charakteren sind es vor allem die beiden Schwestern, mit denen Anders eine merkwürdige Beziehung führt: Die eine, halb Katze (treffender Weise Katt genannt), rettet ihn mehrmals vor dem Tod und scheint sich auch sonst in ihn verliebt zu haben (und er natürlich umgekehrt auch). Die andere, halb Ratte (heißt natürlich Ratt), ist eifersüchtig und ärgert ihn, wo sie nur kann. Andererseits unterstützt sie ihn in seinen Versuchen, der kleinen Gruppe verstörend veränderter Wesen technische Erleichterung zu verschaffen oder auch an Informationen zu kommen, die ihm die Situation verstehen helfen könnten.

Die anderen Charaktere bleiben relativ blass, sie sind recht übliche Vertreter ihrer Stellung in solchen primitiven Gruppen: Der starke Anführer mit einem irgendwo verbuddelten Verständnis für die Protagonisten, der Stellvertreter, der ängstlich alles Neue ablehnt und mit Hass auf den Eindringling reagiert, die noch fremdartigeren Nachbarn, mit denen die Gruppe in Zwietracht liegt.

Das Eintreffen einer anderen Gruppe, die kräftiger, reicher und etwas technisierter sind, bringen eine Wendung in die Geschichte, die Anders in typischer Weise zur Flucht treibt – dass ihm dabei der Erfolg versagt bleibt und er mehr Kontakt zu den brutalen Schweinen (im wahrsten Sinne) bekommt, als ihm lieb ist, war auch keine Überraschung. Nur der radikale Cliffhanger am Ende des Buches ist so extrem, dass man das Buch auf keinen Fall eigenständig lesen kann. Es endet völlig abrupt mitten in der Handlung – warten wir also auf den zweiten Teil.

Dieser erste Teil beginnt sehr zäh, fängt sich aber überraschend und bietet ein spannendes Spektakel in einer phantastischen Umgebung. Von Anders‘ übermäßiger Intelligenz ist wenig zu bemerken, doch wird er recht sympathisch geschildert. Das radikal offene Ende ist etwas enttäuschend in diesem Moment, macht aber sehr gespannt auf den zweiten Teil, da man kurz vor einer scheinbar wichtigen Offenbarung steht.

Taschenbuch: 448 Seiten
Auflage: Februar 2010
ISBN-13: 978-3453533257

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 2,00 von 5)

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Die sechs Finger der Zeit

_Humorvoll-ironisch: Kuriose Tricks der Zeit_

Dies ist eine der ersten Anthologien, die Wolfgang Jeschke in der 1975 noch jungen Science-Fiction-Reihe herausgab – sie erschien 1971 erstmals im Lichtenberg-Verlag, von dem Jeschke kam. Weil das jedoch eine Hardcover-Ausgabe war, hat sie den Vorteil, gut lektoriert und korrigiert worden zu sein: Es gibt kaum Druckfehler.

Diese Auswahl bietet meist hochkarätige Autoren, darunter R.A. Lafferty, Katherine MacLean und Altmeister James H. Schmitz. Mit Manuel van Loggem sind zudem ein Niederländer und mit Hansjörg Präger ein Deutscher vertreten.

_Der Herausgeber _

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John C. Higgins – Ein Fisch geht ins Netz

Um ein erpresstes Lösegeld zurückzuerlangen, setzt das FBI den festgesetzten Kidnapper zu üblen Strolchen in die Gefängniszelle. Als den Insassen ein Ausbruch gelingt, scheint das Gesetz das Nachsehen zu haben … – Aber keine Sorge, denn in diesem systemkonservativen „Law-&-Order“-Krimi bekommt jeder Strolch, was ihm zusteht: eine Kugel in den Leib oder die Todesstrafe. Trotz (oder wegen?) der brutalen Schwarz-Weiß-Zeichnung schreibt Higgins spannend und schnell: ein Krimi als Erinnerung an einen sehr speziellen Zeitgeist.
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Chad Oliver – Die Affenstation

Im afrikanischen Busch: Showdown mit den Aliens

Das Raumschiff der Fremden geht im ostafrikanischen Busch nieder, fernab der Zentren menschlicher Zivilisation. Sie können sich ungestört der Aufgabe widmen, die sie zur Erde geführt hat. Denn nur wenige Menschen leben rings um den Landeort. Doch für diese Handvoll Erdbewohner – unter ihnen der Amerikaner Royce Crawford, der Leiter einer Mesnchenaffenstation, seine Familie und seine Angestellten – beginnen Tage des Entsetzens.

Durch Unwetter von der übrigen Welt abgeschnitten, können sie keine Hilfe erwarten. Sie müssen sich selbst helfen, wenn sie überleben und die Absichten der Fremden durchkreuzen wollen. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Chad Oliver – Die Affenstation weiterlesen

Paul Melko – Die Mauern des Universums

Die Handlung:

Der frustrierte Highschool-Schüler John Rayburn bekommt eines Tages Besuch von John Rayburn, einem alternativen Ich aus einem Paralleluniversum. Dieser überlässt ihm ein Gerät, mit dem er nun selbst andere Paralleluniversen bereisen kann. Der Alternativ-John würde so lange seinen Platz einnehmen, bis John wieder da wäre.

Allerdings verschweigt Alternativ-John eine Kleinigkeit: Das Gerät hat einen Defekt und man kann nie mehr in sein altes Universum zurückkehren!

Auf seiner Reise durch die alternativen Welten trifft John andere Johns und versucht zu Geld zu kommen, indem er Dinge seines alltäglichen Lebens „erfindet“, die es in den anderen Welten nie gab. Und trotzdem er sich in einem neuen Universum verliebt und niederlässt, gibt er sein Vorhaben nie auf, das Gerät zu reparieren, um letztendlich doch wieder in seine eigene Realität zurückzukehren …

Mein Eindruck:

Zeitreiseabenteuer und Paralleluniversen faszinieren mich, seitdem ich das erste Mal „Die Zeitmaschine“ im Fernsehen gesehen habe.

Und nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, habe ich mir gedacht: „Hey, eigentlich könntest du dir mal wieder ‚Sliders‘ ansehen!“. Denn die Ähnlichkeit zwischen der TV-Serie aus den 80ern und der Geschichte im Buch ist nicht abzustreiten. Auch das Team in der Serie „slidet“ von Paralleluniversum zu Paralleluniversum und versucht wieder nach Hause zu kommen.

Dennoch hat das Buch seinen eigenen Charme, wenn also auch die Grundidee nicht wirklich etwas Neues ist. Wer würde nicht die Chance wahrnehmen, in andere Realitäten zu reisen, um einfach mal zu schauen, wie es da so aussieht? Was ist anders? Was ist gleich? Sind alle, die ich kenne, auch in dem anderen Universum? Was ist aus meinem Alternativ-Ich in der anderen Welt geworden?

Okay, der Teil mit dem „es gibt kein Zurück“, der stört … aber der ist es auch, der das Buch spannend macht und den Leser bei der Stange hält. Einfach nur zuzuschauen, wie John von Welt zu Welt springt und neue alte Bekannte wiedertrifft, den Zauberwürfel erfindet und das Buch „Shining“ von Stephen King neu schreibt, weil es beides in seinem neuen Zuhause nie gegeben hat, ist interessant. Dennoch würde das recht schnell langweilig werden, weil der Roman dann zu einer schlichten Aufzählung verkommen würde.

Aber die Tatsache, dass John davon überzeugt ist, das Gerät reparieren zu können, um doch wieder in das Universum zurückzukommen, aus dem Alternativ-John ihn heraus getrickst hat, das ist interessant. Und so bleibt der Leser Seite für Seite am Ball und lässt sich von John mit auf die Reise nehmen, um Welten zu erleben, deren Geschichte anders verlaufen ist als seine … und unsere.

2006 gewann die dem Roman zugrunde liegende Geschichte „The Walls of the Universe“ den Asimov’s Readers Poll Award.

Fazit:

Ein Sciencefiction-Roman auch für Nicht-SciFi-Leser, da der Science-Anteil sehr gering ausfällt. Stattdessen eine interessante und spannende Was-wäre-wenn-Geschichte für alle, die gern einmal aus ihrem Alltag entfliehen wollen … und das nicht nur bis nach Mallorca.

Taschenbuch: 512 Seiten
Originaltitel:  The Walls of the Universe (2009)
Aus dem Englischen von Ulrich Thiele
ISBN-13: 978-3453526914
www.randomhouse.de/heyne
www.paulmelko.com

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Perry Rhodan – Der Posbi-Krieg

Endlich geschafft! – Und es hat sich schließlich doch noch gelohnt. Dieser dicke Band, der sechs einzelne Romane in sich vereint, ist ein harter Brocken moderner „Perry Rhodan“-Kultur mit seinen 1300 Seiten, durch den man sich erst mal lesen muss. Sehr viel angenehmer ist die ursprüngliche Ausgabe einzuschätzen, in der die Romane in kurzem Rhythmus hintereinander erschienen und dem Leser so immer wieder eine Pause einräumten. Doch der Gesamteindruck der Geschichte ist befriedigend und mehr als nur ein Actionabenteuer, ja, die Geschichte wirft ein neues Schlaglicht auf die Kosmologie der Serie und bringt sie auch einem sogenannten Neuleser in verständlicher Form nahe. Gerade die zwei letzten Romane „Die Psi-Fabrik“ und „Die Schöpfungsmaschine“ bieten neben guter Unterhaltung den dieser Serie typischen weltbewegenden, wunderbaren Charakter, den oft zitierten Sense of wonder, mit dem „Perry Rhodan“ seine Leser schon seit jeher fesselt …

Perry Rhodan, mit seinen Begleitern unter dubiosen Andeutungen auf eine galaktische Welt der biopositronischen Roboter (Posbis) gelockt, wird von der übergeordneten Wesenheit ES in eine abgeschiedene Galaxis zwangsversetzt, mit dem Auftrag, die dorthin verschlagenen Völker (allen voran eine Splittergruppe der Menschheit) vor der totalen Vernichtung durch eine Splittergruppe eben der Posbis zu verhindern.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Die Posbis stehen unter einer Programmierung, die sie aggressiv gegen alles Leben vorgehen lässt, das von diesem Programm nicht als „Wahres Leben“ akzeptiert wird. Erste Kommunikationsversuche durch Rhodan scheitern blutig, und den Anstrengungen der Menschen stellen sich auch die machthungrigen Laren entgegen, indem sie die Posbis in ihrem Sinne zu beeinflussen suchen.

Während also die Menschen einen aussichtslosen Abwehrkampf gegen die Posbis führen und die intriganten Laren einen Weg zur Vorherrschaft in der Galaxis suchen, macht sich Rhodan auf den Weg zur posbischen Zentralwelt, wo er die sogenannte Hassschaltung – die Fehlprogrammierung – zu neutralisieren hofft, wie es ihm bereits einst in der Milchstraße gelang. Völlig überrascht wird er von der Entdeckung, dass hinter allem eine unbekannte Macht zu stehen scheint, die sich mit der seltsamen Bezeichnung „Siebenkopf“ betitelt …

Für den neuen Leser, der sich in der „Perry Rhodan“-Historie nicht auskennt, versuchen die Macher Themen zu finden, die sich leicht in Zusammenhänge betten lassen und von ihrer Handlung her möglichst unabhängig lesbar sind. Das Medium des Heyne-Taschenbuchs ist natürlich der wirksamste Träger, um die Geschichten in deutsche Buchhandlungen zu bringen.

Was die Serienabhängigkeit betrifft, schlängelt sich Rhodan in den ersten Romanen durch eine actionreiche Handlung, die zwar von vielen Serienbekannten flankiert und mitgeformt wird, jedoch seine Berührungspunkte weit in der Serienvergangenheit hat und auf direkte, schnörkellose Weise dargestellt wird. Bis zum dritten Band ist es einzig der übergeordnete Auftrag, der Rhodan an den Handlungsort verschlägt, der zumindest marginale Serienkenntnis voraussetzt, die Handlung selbst spielt an neuen Orten unter ungewohnten Voraussetzungen und ist allen Lesern gleichenteils neu. Im vierten Teil schließlich finden serienhistorische Aspekte wie die „Hassschaltung“ der Posbis Erwähnung und nähern damit diese ausgekoppelte Miniserie ihrer Mutter wieder an, doch sollte man als Neuleser durch die ersten drei Bände durchaus genug interessiert worden sein, um sich durch solche Details nicht mehr stören zu lassen.

In Teil fünf und sechs schließlich werden die Zusammenhänge komplex und erreichen die für Rhodan typische kosmische Komponente, nicht zuletzt durch die ausführliche Darstellung des Lebensweges einer entscheidenden Figur, die nebenbei die überaus komplexe Serienkosmologie in verständlicher Form und recht vereinfacht erklärt, so dass der erwartete Effekt für den Leser, das Gefühl der Größe und Winzigkeit, noch deutlich herausgestellt wird.

Stärken und Schwächen der Komplettausgabe: Als Schwäche hatte ich schon erwähnt, muss man den Umfang ansehen, der in dieser teilweise recht langatmigen Erzählung (vor allem in den ersten Bänden aufgetreten) für Lesemüdigkeit sorgt. Gleichfalls ist es auch ein Plus für diese Ausgabe, dass sie alle Teile in sich vereint, denn wenn man sich in der Einzelausgabe von den Schwachpunkten des Zyklus‘, die ungünstiger Weise alle in den ersten Teilen versammelt sind, am Weiterkaufen und -lesen hindern lässt, bringt man sich um das umso stärkere und faszinierendere „Ende“ der Geschichte, das sich auf mehreren Ebenen über die drei letzten Romane erstreckt und seinen Höhepunkt unbestritten im letzten Band erreicht.

Bei der Charakterisierung ist den weniger erfahrenen Serienautoren der ein oder andere Fehler unterlaufen. So lässt Frau Hartmann im dritten Teil den MONOCHROMmutanten Startac Schroeder wiederholt Farben sehen und unterscheiden (was auch ein dickes Minus für das Lektorat ist, das solche groben Schnitzer eigentlich ausmerzen sollte), Herr Thurner schafft es im ersten Teil gar, den unsterblichen Perry Rhodan, der eine vergleichbare Situation schon vor Zeiten in der Milchstraße gelöst hat, blauäugig, unvorbereitet und naiv in einen Konflikt mit den fehlprogrammierten Posbis Ambriadors treten, wo er tausende Menschen in den Tod schickt, weil er eine Diskussion mit den Robotern erzwingen will (die sowohl den Berichten der ansässigen Menschen nach, als auch seiner Erfahrung nach auf keinerlei Diskussion eingehen) und ist völlig von ihrer Sturheit überrascht. Das war ein überaus unwürdiges Bild von Rhodan, was schon im ersten Band entwickelt wurde.

Einen Minuspunkt muss auch Frank Böhmert für den fünften Teil einstecken. Er ist ein sehr humorvoller Schriftsteller, doch mit Nano Aluminiumgärtner hat er versucht, die Komik zu erzwingen, was ein lächerliches Liebesgeplänkel ergab, das man kaum mit ansehen konnte. Davon abgesehen ist seine Darstellung der Fremdzivilisation ein Höhepunkt des Zyklus‘ und leitet das grandiose Finale von Uwe Anton ein, der mal wieder mit kosmologischen Höhenflügen glänzt.

Leo Lukas liefert ein solides Kapitel ab, dem man zu diesem Zeitpunkt (Band 2) noch seine Daseinsberechtigung verweigern will. Ein Sechstel des Zyklus handelt vom Aufwachsen von Menschen in larischen Arbeitslagern, während der Zyklus den Titel „Posbikrieg“ trägt. Zu dem Zeitpunkt wundert man sich über diesen Lückenfüller, der handwerklich sehr gut ist, der kurzen Handlung aber wenig hinzu fügt. Rückblickend verdeutlicht dieser Teil natürlich das Verhältnis zwischen Laren und Menschen, was noch ein dicker Konfliktpunkt in der Handlung werden wird.

Hubert Haensels vierter Teil ist der rasante Auftakt zum Finale, während man ihm seinen Titel nicht anerkennen kann. Auch hier rechtfertigt er sich erst rückblickend …

Es schreckt ab, so einen dicken Schinken in der Hand zu halten und am Ende des Leseabends keinen merklichen Fortschritt anhand der gelesenen Seiten feststellen zu können. Doch wer sich durch die Hälfte gelesen hat, wird den Rest genießen.

Taschenbuch: 1312 Seiten
ISBN-13: 978-3453525603

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Tanja Heitmann – Wintermond

Tanja Heitmann ist auf das Geheimnisvolle und Düster-Romantische abonniert. In ihrem ersten Roman „Morgenrot“ ging es um das mittlerweile klassische Thema: Sie, unschuldig und jung, verliebt sich in ihn – seines Zeichens Vampir. Heutzutage muss auch eine solch problembehaftete Konstellation zum Happy End führen, doch bevor die Büchernärrin und der dämonische Vampir endgültig zusammen kommen durften, mussten viele Prüfungen bestanden werden und es wurde generell viel gelitten.

Tanja Heitmann – Wintermond weiterlesen

J. R. Ward – Blutlinien (Black Dagger, Band 11)

Die Black Dagger-Reihe:

(Die englischen Originale sind in jeweils zwei deutsche Bücher aufgeteilt worden.)

01 „Nachtjagd (1/2)“
02 „Blutopfer (2/2)“
03 „Ewige Liebe (1/2)“
04 „Bruderkrieg (2/2)“
05 „Mondspur (1/2)“
06 „Dunkles Erwachen (2/2)“
07 „Menschenkind (1/2)“
08 „Vampirherz (2/2)“
09 „Seelenjäger(1/2)“
10 „Todesfluch (2/2)“
11 „Blutlinien (1/2)“
12 „Vampirträume (2/2)“
13 „Die Bruderschaft der Black Dagger: Ein Führer durch die Welt von J.R. Ward’s BLACK DAGGER“
14 „Racheengel (1/2)“
15 „Blinder König (2/2), August 2010“
16 „Vampirseele (1/2), November 2010)“
17 „Mondschwur (2/2), Februar 2011)“

J. R. Ward – Blutlinien (Black Dagger, Band 11) weiterlesen

Ward, J. R. – Todesfluch (Black Dagger, Band 10)

_Die |Black Dagger|-Reihe:_

(Die englischen Originale sind in jeweils zwei deutsche Bücher aufgeteilt worden.)

01 [„Nachtjagd (1/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5283
02 [„Blutopfer (2/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5301
03 [„Ewige Liebe (1/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5358
04 [„Bruderkrieg (2/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5565
05 [„Mondspur (1/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5582
06 „Dunkles Erwachen (2/2)“
07 „Menschenkind (1/2)“
08 „Vampirherz (2/2)“
09 „Seelenjäger(1/2)“
10 „Todesfluch (2/2)“
11 „Blutlinien (1/2)“
12 „Vampirträume (2/2)“
13 „Die Bruderschaft der Black Dagger: Ein Führer durch die Welt von J.R. Ward’s BLACK DAGGER“
14 „Racheengel (1/2)“
15 „Blinder König (2/2), August 2010“
16 „Vampirseele (1/2), November 2010)“
17 „Mondschwur (2/2), Februar 2011)“

_Inhalt:_

Düster, erotisch, unwiderstehlich

Im Dunkel der Nacht tobt ein unerbittlicher Krieg zwischen den Vampiren und ihren Verfolgern. Die besten Krieger der Vampire haben sich zur Bruderschaft der BLACK DAGGER zusammengeschlossen, um sich mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen. Ihr grausamster Kampf ist jedoch die Entscheidung zwischen unbarmherziger Pflicht und glühender Leidenschaft …
(Verlagsinfo)

„Grandios! Wenn es eine Göttin der modernen Mystery gibt, dann ist es J. R. Ward.“
|Nicole Jordan|

_Meinung: _

Wie in jedem BD-Band, beginnt auch dieser mit dem Glossar der Begriffe und Eigennamen und stimmt somit Neueinsteiger informativ ein.

Und weiter geht es mit der Geschichte um Vishous „V“ und Jane. V schläft mir ihr und somit der ersten Frau, die er liebt, die er aber gehen lassen muss. V bringt Jane zurück in ihre Welt und löscht ihre Erinnerung an ihn und alles, was sie mit ihm erlebt hat, aus ihrem Gedächtnis.

Auch Dr. Manuel Manello, Janes Kollege, hat es auf sie abgesehen. Es gibt auch weitere spannende Rückblicke in Vs Vergangenheit und Jane erzählt von ihrer Kindheit.

Ebenso wird auch Cormias (Vs Auserwählte, V soll vierzig auserwählte Frauen zur Erhaltung der Art schwängern) Geschichte weitergesponnen. Weder Cormia noch V wollen die von ihnen verlangte Vereinigung. Als Cormia ihm nackt präsentiert wird, ist Phury als Zeuge dabei – und reagiert augenblicklich sexuell auf sie. (Und der Leser ahnt sofort, dass sich das nächste „Paar“ anbahnt.) V bricht das Zeremoniell ab, da er sich immer noch an Jane gebunden fühlt. Phury bietet sich an, statt V die auserwählten Frauen zu „befruchten“, damit V seine Jane zu sich holen kann – doch das ist natürlich ein steiniger Weg.

Manuel Manello taucht in Janes Wohnung auf, und trotzdem sie sich an nichts mehr erinnert, hat sie doch das Gefühl, jemandem untreu zu sein. Sie glaubt bald (auch weil V sie nachts „aufgesucht“ und mit ihr Sex hatte), sie leide an Schizophrenie. Doch dann kehrt V zu ihr zurück, ihre Erinnerungen ebenfalls und sie gestehen sich ihre Liebe ein. Alles könnte nun rosarot sein, wäre da nicht Manuel Manello, der V und den Black Daggern auf die Spur kommt. Als V ihm begegnet, blitzt in ihm das unerklärliche Wort „Bruder“ auf.

John erlebt seine Wandlung und erste sexuelle Erfahrungen (mit Layla), die darin münden, dass er „versagt“.

In diesem Band gibt es keinen „Lesser-Plot“, was ihn ein wenig einseitig werden lässt und ein wenig zu viel des Guten in Sachen Romance und Herzschmerz bedeutet. Die Geschichte von V und Jane rutscht zudem leider zum Schluss ins Kitschige ab. Hier wäre weniger mehr gewesen! Einzig amüsant sind die Dialoge/Szenen zwischen V und Butch.

_Fazit:_

Todesfluch ist ein „Black Dagger“-Band ohne „Lesser Plot“ und mit zu viel Herzschmerz/Romancegetue. Die sonst übliche Mischung zwischen Action und Romance fehlt hier gänzlich.

|Taschenbuch: 352 Seiten
Originaltitel: Lover Unbound (Part 2)
Aus dem Amerikanischen von Astrid Finke
Titelfoto von Dirk Schulz / Titelgestaltung von Animagic Bielefeld
ISBN-13: 9783453533059|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Clifford D. Simak – Als es noch Menschen gab

simak-menschen-cover-2010-kleinIn neun Geschichten erzählt der Verfasser vom Ende der Menschheit, das hier ohne Krieg und Gewalt stattfindet, sondern einerseits evolutionär begründet ist und andererseits gesteuert wird, wobei alte Untugenden immer wieder durchschlagen und schließlich einen radikalen Neubeginn erforderlich machen … – Geprägt von der Furcht vor einem III. und atomaren Weltkrieg, stellt der Verfasser grundsätzliche Fragen über das menschliche Wesen; er kommt zu eher pessimistischen Schlüssen, ohne darüber zu verzweifeln: Was verdächtig nach philosophischem Bierernst klingt, liest sich leicht melancholisch aber sehr unterhaltsam.
Clifford D. Simak – Als es noch Menschen gab weiterlesen

Ursula K. Le Guin – Die zwölf Striche der Windrose. Erzählungen

Klassische Erzählungen der Fantasy und Science-Fiction

Die Sammlung „Die zwölf Striche der Windrose“ (Band 25 der Heyne Science-Fiction-Bibliothek) stellt den außerordentlichen literarischen Rang der Autorin unter Beweis. Eine ganze Reihe dieser Erzählungen aus der Zeit zwischen 1962 und 1972 wurden mit Preisen ausgezeichnet, darunter „Der Tag vor der Revolution“, für die die Autorin den Nebula Award erhielt. Die Autorin begann also vor rund einem halben Jahrhundert zu veröffentlichen.

Die Autorin

In Kalifornien als Tochter eines Kulturanthropologen geboren, studierte Ursula K. Le Guin am Radcliffe College und an der Columbia University, lebt aber seit 1962 als freie Schriftstellerin in Portland, Oregon, wo sie an der Uni lehrt. 1962 erschien ihre erste Story („April in Paris“) und 1966 ihr erster Roman, „Rocannons Welt“. Die ersten Romane zeigen bereits Le Guins Verfahren, eine Geschichte über einer (mythologischen) Grundstruktur um bestimmte Metaphern herum anzulegen.

Viele ihrer Geschichten und Romane spielen in einem fiktiven Universum, dem der Ekumen (dt. „Ökumene“). Botschafter und Agenten tauchen auf, die neue Welten für die Planetenliga der Ekumen gewinnen sollen, so etwa in ihrem berühmten Roman „Die linke Hand der Dunkelheit“. In der Fantasy ragt ihr „Erdsee“-Zyklus über die Masse der Produktion turmhoch hinaus. Erst 2002 erhielt sie für ihren neuesten „Erdsee“-Roman den World Fantasy Award.

Wiederholt wurde Le Guin mit den wichtigsten Preisen der Science-Fiction, der Fantasy, aber auch des Mainstream ausgezeichnet. „Sie gehört zu den führenden und formenden Kräften der Science-Fiction in den 70er Jahren, und sie fand [als eine der wenigen AutorInnen] auch außerhalb der Science-Fiction breite Anerkennung.“ (Reclams Science-Fiction Lexikon, 1982) So erhielt sie beispielsweise den National Book Award der USA.

Auf Deutsch sind erschienen:

– Erdsee 1-4 (Sammelband, Heyne) und drei weitere „Erdsee“-Bücher
– Hainish (3 SF-Romane: Rocannons Welt, Stadt der Illusionen, Das zehnte Jahr)
– Winterplanet / Die linke Hand der Dunkelheit (Heyne)
– Das Wort für Welt ist Wald (Argument)
– Planet der Habenichtse / Die Enteigneten (Heyne, Ed. Phantasia)
– Malafrena (Heyne)
– Die zwölf Striche der Windrose (Heyne)
– Die Kompassrose (Heyne)
– Geschichten aus Orsinien (Heyne)
– Die wilde Gabe (bei Festa)
– Ein Fischer des Binnenmeeres (Ed. Phantasia)
– Die Geißel des Himmels (Ed. Phantasia)
– Das Wunschtal (Heyne)
– Die Regenfrau (Heyne)
– Die Erzähler (Heyne, Ed. Phantasia)

Diese Bücher machen lediglich etwa 50 bis 60 Prozent des Gesamtwerks aus!

Die Texte:

Semleys Geschmeide (1963)

Auf einer Welt, die der Liga-Forscher Rocannon in dem Roman „Rocannos Welt“ erforschen wird, gibt es eine Legende – von einer jungen Frau, die das kostbarste Geschmeide ihrer Sippe für ihren geliebten Gatten wiedererlangen wollte, doch trotz ihres Erfolgs unglücklich wurde.

Semley ist die Gattin Durhals von Hallan, eines Prinzen, und Mutter der kleinen Haldre, die von ihr das goldblonde Haar geerbt hat. Doch ein Kummer nagt an der ansonsten glücklichen Frau, und sie offenbart sich Durossa, der zweiten Frau des Burgherrn Hallan, Semleys Schwiegervater. Sie hat ihrem geliebten Gatten nichts in die Ehe eingebracht. Dabei hat die Sippe Leynen, der sie angehört, einst das schönste Schmuckstück besessen, den großen Saphir „Auge des Meeres“, der an einer Goldkette prangte. Wo mag es sein? Sie will es wiedererlangen.

Doch weder die Leynens noch die feenhaften Fiia wissen, wo das Geschmeide ist. Nur die Gdemiar, die als Schmiede unter der Erde leben, könnten dies wissen, meint ein Angehöriger der Fiia. Und in der Tat gelangt Semley in den dunklen, furchteinflößenden Labyrinthen der Zwerge an das Wissen, dass sie das Auge des Meeres einst besaßen, doch es an die Gebieter von den Sternen (= Menschen wie Rocannon)weggaben, um etwas einzuhandeln.

Deshalb macht sich Semley mutig auf den Weg an den Ort, wo sie tatsächlich das Geschmeide aus der Hand Rocannons empfängt. Doch als sie zurück, erweist sich die Niedertracht der Gdemiar: Als sie sagten, die Reise dauere nur eine Nacht, sprachen sie nicht von den Nächten, an die Semley gewohnt ist, sondern von kosmischer Nacht. Als Semley erfolgreich ihre Burg wieder erreicht, sind nicht weniger als lokale Jahre vergangen und vieles hat sich verändert. Durhal fiel in der Schlacht, und vor Kummer wirft Semley ihrer nunmehr erwachsenen Tochter das verhexte Geschmeide vor die Füße und läuft verzweifelt in die Wälder …

Mein Eindruck

Dies ist der Prolog zu dem späteren Debütroman „Rocannos Welt“ (siehe dazu meinen Bericht). Was zunächst wie eine sehr romantische Fantasygeschichte anmutet, entpuppt sich zunehmend als SF-Story. Insbesondere der Perspektivwechsel von Semley zu Rocannon trägt dazu bei, dem Leser dies deutlich zu machen. Wenn am Schluss Semley heimkehrt, offenbar sich aber ein reiner SF-Effekt: die Zeitdilatation, die schon Einstein postulierte: Während auf ihrer Heimatwelt Jahrzehnte vergehen, erlebt Semley nur eine kurze Zeitspanne. Subjektive und objektive Zeit sind also keineswegs deckungsgleich. Die Folgen dieser Diskrepanz sind tragisch. Und der Wert des Geschmeides erweist sich als ebenso relativ: Vom höchsten Juwel der Sippe ist es zu wertlosem Plunder verkommen, einfach sein Empfänger verstorben ist.

April in Paris (1962)

Prof. Barry Pennywither aus Indiana weilt am 2.4.1961 zu Studienzwecken in Paris, genauer gesagt, auf der Ile St. Louis, unweit von der Kathedrale Notre Dame. Er ist einsam und unglücklich. Plötzlich erfasst ihn eine Gewalt, die ihn durch die Zeit schleudert. Dr. Jehan Lenoir aus dem Jahr 1486 ist ebenfalls einsam und unglücklich, wohnt im gleichen Zimmer wie Pennywither und hat ihn mit einem Zauberspruch herbeigerufen.

Da der Professor Experte für das französische Spätmittelalter ist, findet er sich mit Lenoirs Akzent sofort zurecht. Nachdem sie sich gegenseitig versichert haben, dass sie nicht aus der Hölle kommen, tauschen sie ihre Kentnisse aus. Pennywither kehrt kurz in seine eigene Zeit zurück, doch kommt er mit einer goldenen Taschenuhr und vielen Büchern zurück: Endlich hat er einen guten Freund gefunden. Sie verbringen viele Stunden miteinander und nachdem sie die Uhr für ein Jahresgehalt verkauft haben, kosten sie zudem die Schönheiten des Lebens aus.

Doch Pennywither sehnt sich nach weiblicher Gesellschaft, und so tut ihm Lenoir den Gefallen, eine Frau herbeizurufen: Es ist ist die gallische Sklavin Bota, die im Lutetia der spätrömischen Zeit nichts zu lachen hatte. Doch in Pennywithers liebevollen Armen blüht sie auf, auch wenn ihr Latein einiges zu wünschen übriglässt. Nun fühlt sich nur noch Lenoir einsam und vernachlässigt. Ein kleiner Hund ist zwar ein Anfang, aber eine Frau wäre ihm lieber, und so ruft er eine herbei.

Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Archäologin, die von der Erdkolonie Altair stammt, in einer fernen zukünftigen Zeit. Auch sie war einsam und fühlte sich unter Ihresgleichen fremd. Doch hier bei Pennywither und Lenoir kommt sie sich heimisch vor. Das Quartett plus Hund beginnt ein gemeinsames Leben. Schließlich ist es April in der Stadt der Liebe, und die Kastanien blühen …

Mein Eindruck

Dies ist natürlich eine sehr romantische, etwas naive Geschichte. Aber sie hat bereits wichtige Grundmerkmale vieler Geschichten Le Guins. Die beiden Doctores dürsten nach Wissen und ergründen die Welt, deshalb haben sie keinerlei Problem damit, sich mit Angehörigen anderer Völker anzufreunden und ebenfalls auszutauschen: den Frauen Bota und Kislk. Auch Kislk dürstet nach Freundschaft und Wissen, Bota sucht Freiheit, Zuneigung und Liebe. Sie bilden das, was man heute auf Facebook und MySpace eine kleine Community nennen würde. Es ist wirklich eine sehr schöne Geschichte.

Die Meister

Vierzehn Generationen nach dem „Höllfenfeuer“ (= Atomkrieg) hat sich die Stadt Edun wieder so weit berappelt, dass sie eine Art mittelalterliche Gesellschaft besitzt, die sogar über Industrie in Gestalt einer Dampfmaschine verfügt. Doch die göttliche Sonne verhüllt stets ihr Antlitz hinter einer dichten Wolkendecke, und um Gott nicht zu erzürnen, ist jegliche Ketzerei verboten und wird mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bestraft.

Der junge Mann Ganil wird in einer feierlichen Zeremonie in den Orden der Meister aufgenommen. Es gibt nur eine Stimme, die ihm einflüstert, nicht zu schwören, und diese gehört Mede Fairman, der sich mit Ganil anfreundet. Wie sich herausstellt, hegt Mede in der Tat ketzerische Gedanken, so etwa über die Idee der „schwarzen Zahlen“, mit denen man viel besser und leichter rechnen kann als mit den abgesegneten lateinischen Zahlen. Allein der Begriff einer Zahl für das Nichts liegt schon jenseits des Erlaubten. Doch da fängt Mede mit seiner neuen Algebra erst an, und Ganil entwickelt sie weiter. Zusammen mit dem alten Yin, dem die rechte Hand amputiert wurde, entwickeln sie die Physik der Bewegungen – auch für die göttliche Sonne.

Und so kommt es, wie es kommen muss. Als Sympathisant des Ketzers Mede, der „die Entfernung zwischen der Erde und Gott messen wollte“, lassen die Meister auch Ganil verhaften und befragen ihn durch Folter. Nun droht auch er seine Hand zu verlieren. Wie wird er sich entscheiden?

Mein Eindruck

Dies ist die Story über eine Revolution, die aus dem Wissen geboren ist, nicht aus dem Glauben. Die Physiker um Mede, Ganil und Yin schauen weiter als über den Umkreis des Erlaubten, was sie zu Ketzern macht. Interessant ist, dass ihre Widersacher sowohl Priester als auch die Meister, die Hüter des erlaubten Wissens, sind. Hier hat sich also die Wissenschaft in den Dienst des Glaubens gestellt.

Die Ganil-Revolution kommt somit einer Rebellion vom Format eines Galileo Galilei gleich, der auf der Kopernikanischen Wende (Sonne als Zentrum des Universums) aufbaute. Natürlich spielt auch die Option einer Ehe eine gewisse Rolle, aber für Ganil Wissen und dessen Freiheit offenbar wichtiger als Ehe und Kinder.

Ein Kasten voll Dunkelheit

In einer Welt ohne Sonne kann es ekeinen Schatten geben, und so läuft Dicky, der Sohn der Hexe, schattenlos über den Strand. Er will seiner Mutter bringen, was er gefunden hat: einen Kasten voll Dunkelheit. Sie sagt ihm, er soll darauf achtgeben, kocht, isst mit ihm und legt sich wieder aufs Ohr. Doch da läuft ihr Sohn wieder mit seiner Katze über die Dünen und trifft dort Prinz Rikard, den Sohn des Königs. Er schenkt ihm den Kasten. Doch alles, was im Reich gefunden wird, gehört dem König, und so reitet Prinz ins Schloss …

Jeden Vormittag schlägt der Prinz eine Schlacht gegen seinen Bruder, der mit drei Schiffen am Strand landet, um sein Erbe zu beanspruchen. Jeden Vormittag kehrt der Prinz siegreich zu seinem Vater zurück. Jeden Vormittag ist es zehn Minuten vor zehn Uhr, als er er das Schloss erreicht.

Der König, der auf einem Thron zwischen Chimären sitzt, erkennt den Kasten warnt – er warf ihn einst selbst ins Meer, doch dieses verweigert die Annahme. Der König gibt den Kasten Rikard zurück, warnt ihn aber davor, ihn zu öffnen. Doch in seinem sonnenlosen, kerzenhellen Zimmer ohne Schatten sackt der Prinz müde in seinen Sessel. Des Kampfes überdrüssig leert er den Kasten über sich aus: Dunkelheit und Schatten breiten sich aus. Als er einen Greif erschlägt, bleibt das Tier tot. Die Uhr schlägt dröhnend zehn.

Als Rikard diesmal in die Schlacht reitet, weiß er, dass nur einer von beiden Brüdern zurückkehren wird – endlich …

Mein Eindruck

Diese märchenhafte Welt ist zunächst anders als unsere: sonnen- und todlos, unsterblich, aber in einer Endlosschleife der Wiederholungen gefangen. Doch die Dunkelheit ändert alles, und als der Tod endlich herrscht, scheint auch die Sonne. Man weiß nicht, welches die Bedingung für das andere ist, doch eins ist klar: Dies ist unsere Welt der Sterblichkeit, und wir sehen, dass es wahrscheinlich besser ist als die Alternative. Nur eine Sache wird nicht geklärt: Wer erschuf die Dunkelheit?

Das lösende Wort (Erdsee 1)

Diese Geschichte spielt irgendwie im Erdsee-Archipel. Der Zauberer Festin, der die Bäume liebt und hütet, ist von einer unbekannten Macht niedergeschlagen und in einen von Trollen bewachten Kerker gesperrt worden. Doch wie sich befreien? Ohne seinen Zauberstab ist Festin nur halb so stark. Die üblichen Zaubersprüche wirken nicht, denn den Kerker bewachen Bannsprüche. Selbst die schwierigsten Verwandlungszauber vermögen ihn nicht zu befreien: als Fledermaus, Luftstrom, Falke, Ring – nichts hilft. Er wird im Gegenteil mit jedem Versuch schwächer.

Schließlich merkt er, was er sein Gegner, bei dem es sich gewiss um Voll den Fell handelt, nicht bedacht hat: Alle anderen Zauberer versuchen, am Leben zu bleiben. Was, er dies nicht täte? Er spricht das lösende Wort, das nur einmal gesprochen werden kann, und seine sterbliche Hülle stirbt. Als Geist wandelt er ins Land jenseits der Mauer, ins Land der Toten. Dort ruft er Voll, der diesem Ruf gehorchen muss. Festins Geist verfolgt Voll, bis dieser nicht mehr kann und um Gnade fleht. Festin bannt ihn in das Skelett eines alten Mannes, das sofort zerfällt. An dieser Stelle wacht Festin fortan über den Zugang zum Land der Lebenden, bis die Berge zerfallen.

Mein Eindruck

Diese frühe Erdsee-Geschichte kennt noch einen anderen Zauberer als Ged als Hauptfigur, aber schon hier wird das Thema aus dem dritten Erdsee-Roman mit Ged, „Das ferne Ufer“, angeschnitten. Darin muss Ged ins Land der Toten wandern, um den Störenfried zu finden, der Erdsee bedroht.

Der besondere Reiz an der vorliegenden Urform liegt in den zahlreichen Methoden, sich zu befreien und zu verwandeln. Außerdem ist Festin als Freund der Bäume und Pflanzen charakterisiert, quasi ein Baumhüter, wenn auch kein Ent. Diese Figur findet sich zum Revolutionär gewandelt in Le Guins Roman „Das Wort für Welt ist Wald“.

Die Namensregel (Erdsee 2)

In Erdsee gibt es die Weißen Magier, die nicht so netten Zauberer – und es gibt die Hexenmeister, die jeder auf den vielen Inseln zum täglichen leben braucht, so wie man einen Schreiner braucht. So ein Hexenmeister ist auf Sattins Island der krummbeinige dicke Mr. Underhill. Er ist besser als gar keiner, aber nicht viel von einem Zauberer.

In der Schule fragt die Lehrerin Palani ihre Fünfjährigen, warum Mr. Underhill diesen Namen trägt, wo doch jeder weiß, dass niemand einfach so seinen Namen verrät. Ganz richtig sagen die Kinder, dass dies nicht sein Wahrname sein könne, denn wer den wahren Namen eines Dinges wissen, der beherrsche es auch. Also gebe es den Rufnamen, den ein Mensch annehme, ganz bestimmt aber ein Hexenmeister. Mr. Underhill nickt beifällig, denn genauso ist es. Underhill heißt er, weil er in einer Höhle unter einem Hügel wohnt. Und ein Bann verschließt den Zugang gegen allzu neugierige Zeitgenossen auf der Insel.

Eines Tages trifft ein junger schwarzbärtiger Mann allein mit einem Boot ein. Das kann nur ein Zauberer sein, und einen großen Stab trägt er auch. Gespannt warten die Dorfbewohner, was passiert, denn der alte Käptn Fegano sagt, dass zwei Zauberer auf einer Insel schlecht sei: zu viel Konkurrenz. Tatsächlich dauert es nur eine Woche, bis Blackbeard sich eingehend nach Mr Underhill erkundigt. Zusammen mit dem dümmlichen Fischer Birt macht er sich zu Underhills Höhle auf. Weil er nämlich den wahren Namen von Mr Underhill kenne, werde er ihn zwingen, den Schatz, den er ihm, dem Seelord von Pendor, gestohlen, wieder herauszurücken.

Tatsächlich entbrennt ein Wettstreit der Verwandlungen, bis der Seelord es schließlich wagt, den wahren Namen Underhills auszusprechen: „Yevaud!“ Doch die Wirkung ist keineswegs die erwartete, und bald ändert sich das Leben auf der Insel auf verhängnisvolle Weise. Nur der Fischer Birt entkommt, denn er hat die Lehrerin in sein Boot gepackt und ist sofort wie wild in Sicherheit davon gerudert …

Mein Eindruck

Die abenteuerliche Geschichte, die zunächst so harmlos beginnt, dient lediglich dazu, einen grundlegenden Aspekt der Erdsee-Magie zu illustrieren: dass das Wissen über den wahren Namen eines Dinges Herrschaft über dieses Ding verleiht. Diese Idee ist keineswegs neu, sondern war in Kriegergesellschaften wie den nordamerikanischen Prärierindianern und schon bei den alten Kelten weit verbreitet. Es gab sogar vielfach Rufnamen, die wie Ehrentitel vom Vater auf den Sohn vererbt wurden, so etwa auch „Crazy Horse“.

Die Autorin verleiht der Enthüllung des Wahren Namens von Mr. Underhill (den Tarnnamen Frodos in Band 1 des „Herrn der Ringe“) eine ironische Wendung, allerding nicht zum Guten, sondern zum Schlechten: denn Yevaud ist wirklich ein räuberischer Drache. Und er hat seit langer Zeit keine ordentliche Drachen-Mahlzeit mehr gehabt …

Der König von Winter

Der Winterplanet Gethen ist in zwei Reiche aufgeteilt, in Karhide und Orgoreyn. Die Bewohner sind androgyn und entscheiden erst in der Zeit der Kemmer, welchem Geschlecht sie angehören wollen. (Deshalb kann ein männlicher Titel ein weibliches Pronomen besitzen!) Die Abgesandten der Ökumene der Welten (Ekumen) beobachten die politischen Verhältnisse auf der kalten Welt, die sich laufend verändern, mit angespannter Sorge.

In Karhide ist die brutale Herrschaft des Königs Erman mit seinem Tod zu Ende gegangen, und König Argaven XVII ist ihr Nachfolger. Doch eines Nachts stellt eine Wache in Erhenrang, der Hauptstadt, den jungen König Argaven, der angeblich in den Bergen weilt, auf der Straße und identifiziert sie anhand einer Münze. Sofort wird Argaven ins Schloss gebracht und von Arzt Hoge und Lordkanzler Gerer betreut. Beide sind bestürzt über die Einstiche in Argavens Ellenbeugen: Gehirnwäsche! Es wundert sie nicht, als Argaven lauthals verlangt abzudanken.

Steckt Orgoreyn dahinter? Der Ekumen-Gesandte Axt eilt von Orgoreyn nach Erhenrang in Karhide, um einen möglichen Krieg zu verhindern. Doch der Täter bleiben weiterhin unbekannt, und so gibt es keine Vergeltungsaktionen. Vielmehr muss sich Axt Sorgen um die liebe Argaven machen. Der König hat Angst, psychologisch so programmiert worden zu sein, dass er sein eigenes Reich vernichtet wird. Er hat zwei Alternativen: Selbstmord oder Flucht. Weil Argaven bereits einen einjährigen Erben hat, lässt sich Axt zu letzterem überreden: Argaven reist nahezu lichtschnell zur Zentralwelt Ollul, um sich dort den Hirnklempnern anzuvertrauen. Bei dieser Reise vergehen auf Gethen 25 Jahre, für Argaven aber nur 15 Stunden.

Nach ihrer „Reparatur“ lernt Argaven zehn Jahre lang auf Ollul, wo alle ihre Kommilitonen krampfhaft bemüht sind, die zweigeschlechtliche Studentin nicht als pervers anzusehen. Beim Abschluss der Uni bittet der oberste Sektorchef der Ekumen Argaven, nach Gethen zurückzukehren, denn dort werde sie gebraucht. Auf dieser nahezu lichtschnellen Reise vergehen für Gethen weitere 25 Jahre, für die Passagierin aber nur wenige Stunden.

Als sie auf dem Ekumen-Stützpunkt ankommt, hat sich binnen rund 50 Jahren viel auf Gethen verändert. Ihr Sohn Emran hat Karhide zugrunde gerichtet und die Westprovinz mitsamt der alten Hauptstadt Erhenrang an Orgoreyn verloren. Doch es gibt Rebellen, allen voran die Anhänger der ehemaligen Königin, die mittlerweile sehr betagt sind, aber mit Tränen in den Augen ihre junge Gestalt willkommen heißen. Der Widerstandskampf der Königsmutter Argaven gegen ihren eigenen Sohn beginnt – und der Kreis schließt sich …

Mein Eindruck

Eine absolut geniale Erzählung! Die Autorin benutzt wieder einmal die Effekte der Zeitdilatation wie schon in „Semleys Geschmeide“. Dadurch wird die Geschichte eindeutig als SF erkennbar. Soweit so gut. Doch nun kommt noch ein Faktor hinzu: die Fähigkeit der Vorhersage.

Diese spezifische Fähigkeit der Gethenianer erweist sich zur Verblüffung des Lesers als von vornherein, bereits in der ersten Szene, wirksam: Der „alte König Emarn“ ist nämlich kein anderer als Argavens eigener Sohn, den sie als Säugling verließ! Dadurch schließt sich der Kreis der Geschehnisse. Und wer sich bislang gefragt hat, was die erste Szene sollte, erkennt nun, dass es sich um einen Vorausverweis auf den Schluss der Geschichte – und somit der geschilderten Ereignisse – handelt.

Diese Novelle vermittelt einen kleinen Vorgeschmack auf die Wunder, die der Roman „Winterplanet / Die linke Hand der Dunkelheit“ für den Leser und die Leserin bereithält. Und die Sache mit den weiblichen Pronomen für männliche Titelträger wie „König“ oder „Lordkanzler“ erklärt die Autorin in ihrer Vorbemerkung, so dass sie nicht schwer zu kapieren ist.

Der gute Trip

Lewis Sidney David hat kürzlich seine geliebte Frau Isobel verloren. Nun sucht er einen Ausweg oder Vergessen oder Ablenkung, indem er eine Pille LSD/a nimmt. Oder er bildet sich dies nur ein. So ganz eindeutig ist dies nicht. Auf jeden Fall aber sehnt er sich nach Befreiung, nach einer höheren Wahrheit und Klarheit. Deshalb beginnt er, die Hänge des Mount Hood zu besteigen. Dort oben ist es ziemlich kalt, denn der Berggipfel ist stets schneebedeckt. Auf halbem Weg begegnet ihm Isobel und nimmt ihn an der Hand, um ihn hinabzuführen. Er begegnet seinen Freunden, von denen er dachte, sie hätten ihn verlassen. Einem davon, Rick, steckt er seinen LSD-Vorrat in die Tasche und geht weiter. Jetzt ist Lewis froh, dass er das LSD doch nicht alles genommen hat. Aber der Trip zum Berg war gut.

Mein Eindruck

Die Geschichte bedeutet stilistisch und inhaltlich einen überraschenden und für meinen Geschmack enttäuschenden Ausflug in das modische Thema Drogen und psychedelische Zustände. Dem Leser stellt sich das Problem, dass die Erzählperperspektive dem subjektiven Erleben der Hauptfigur entspricht, die zugleich der Erzähler ist. Dadurch sind alle gezeigten Phänomene ungesichert, so etwa die Einnahme einer LSD-Pille, aber auch die Erscheinung eines Geistes: Isobel. Diese Erzählperspektive hat also Vor- und Nachteile. Sie verlangt einen erfahrenen Leser, der mit so etwas umgehen kann.

Neun Leben

Auf dem Planeten Libra bebt regelmäßig die von Vulkanen geprägte Erde. Daher sind die zwei intergalaktischen Bergbauingenieure Alvaro Martin und Owen Pugh froh, als sie endlich Verstärkung kriegen. Zu ihrer Überraschung sehen die zehn Neulinge aber alle genau gleich aus: gut genährt, schwarzhaarig, golden gebräunt, sechs Männer und vier Frauen – ein Klon aus zehn Einheiten. Sie sind andersartig, verständig sich beinahe telepathisch, so als wären sie schon seit ihrer Geburt zusammen – was auch tatsächlich der Fall ist.

Zunächst machen sich die zehn Klone gut und rackern in der Mine „Höllenmund“ für zwanzig, so dass sich Martin und Pugh um intelligentere Arbeiten kümmern können. Doch es kommt zur Katastrophe, als Mutter Libra mal wieder heftig die Hüften schwingt und Polka tanzt: Die Mine stürzt ein. In einem Luftschlitten überlebt von zwei Passagieren nur ein Mann schwerverletzt den Absturz.

Doch dieser Kaph will gar nicht weiterleben, wozu auch, „wenn der größte Teil von mir gestorben ist?“, fragt er. In schweren Anfällen durchlebt er den Tod jedes einzelnen Klon-Mitglieds selbst, bis nur noch er selbst übrigbleibt: erstmals im Leben allein. Nun gleicht er den beiden anderen, Pugh und Martin. Doch erst muss er seine Apathie überwinden.

Einen Tag vor der endgültigen Ablösung erkundet Martin eine gefährliche Erdspalte und wird prompt von einem weiteren Erdbeben überrascht. Felsen zerschmettern sein Vehikel, und sein Anzug sendet ein Signal, das nicht aufgefangen wird. Als Pugh losfliegt, ihn zu retten, und lange ausbleibt, beginnt Kaph, sich wirklich Sorgen zu machen. Das ist neu für ihn. Passt er sich wirklich diesen beiden Fremden an?

Mein Eindruck

Was wie eine der Standardsituationen aus der naturwissenschaftlich orientierten Abenteuer-Zukunftsliteratur à la Heinlein beginnt, entwickelt sich in Le Guins Händen allmählich zur Erkundung einer neuartigen psychologischen Konfrontation. Martin und Owen Pugh sind noch Männer der alten Generation, doch der Klon, eine Art Gestaltwesen, ist etwas völlig anderes – und die Zukunft. Diese Klonwesen, beschrieben nach Le Guins damaligem Wissensstand, agieren wie ein vielgliedriger Organismus. Pugh fragt sich, wie man den Sex zwischen zwei von diesen Wesen bezeichnen müsste: Inzest oder Masturbation?

Das psychologische Problem des plötzlich vereinsamten letzten Klonmitglieds wird in aller Schärfe geschildert, so dass wir wirklich Mitleid mit Kaph bekommen. Ein Mensch, der zeit seines Lebens stets in der Gesellschaft von seinesgleichen gelebt hat, ist plötzlich unter lauter Fremde geworfen, einsam und verletzlich. Doch die Geschichte endet auf einer hoffnungsvollen Note: Freundlichkeit hat noch eine Zukunft, und Kaph wird lernen, dadurch zu überleben, genau wie die alte Generation.

Ständig musste ich bei dieser Story an Theodore Sturgeons Roman „Baby ist drei / Die Ersten ihrer Art“ (O-Titel „More than Human“, 1954) denken. Auch Sturgeon beschreibt ein Gestaltwesen, dessen telepathische Mitglieder verschiedene Aufgaben übernehmen und daduch überleben können. Der Unterschied ist natürlich, dass die Mitglieder nicht geklont sind.

Dinge

Schon bald wird das Land vom Meer überschwemmt werden. Das Ende ist gewiss. Alle Küstenbewohner außer drei Menschen finden sich in dieses Schicksal. Die Weiner klagen und jammern, die Wüter sorgen dafür, dass alle Dinge zerstört werden und dem Meer nichts als Beute übrigbleibt. Folglich darf auch nichts Neues gebaut werden.

Einer der drei Menschen ist Lif, der Ziegelbrenner. Wozu soll er noch Ziegel brennen, wenn niemand mehr bauen darf? Doch Lif hatte einen Traum von den Inseln jenseits des Meeres, die Frage ist deshalb, wie er dorthin gelangt. Er kann nicht fliegen und nicht schwimmen noch tauchen. Sein Volk kennt keine Boote, die auf dem Wasser schwämmen; seine Behälter sind zu leicht oder zu schwer, Holz ist hier unbekannt. Also tut er das einzige, was ihm übrigbleibt: Er baut einen Dammweg.

Die zwei anderen Zurückgeblieben, die weder Weinern noch Wütern ins Gebirge gefolgt sind, sind eine Witwe und ihr Kleinkind. Sie hilft Lif, gibt ihm zu essen, denn er ist der einzige, der ihrem Kind eine Perspektive bietet. Misstrauisch beäugt von den Sprechern der Wüter baut Lif seinen Dammweg unter der Wasseroberfläche: Es sieht aus, als würde er alle seine überflüssigen Steine wegwerfen.

Dann kommt der letzte Tag, als es weder Steine mehr noch Essen gibt. Sie müssen aufbrechen. Alle anderen sind schon fort. Sie gehen nicht in die Berge und nicht die Küste entlang, sondern auf Lifs Dammweg hinaus. Am Ende des Weges wartet der Abgrund und der letzte Schritt. Just in diesem Moment erblicken sie das weiße Segel …

Mein Eindruck

Dies ist eine Sisyphus-Geschichte über Hoffnung angesichts des sicheren Endes. Das Milieu vom Meeresstrand kennt die Autorin aus dem Bundesstaat Washington von der wilden Pazifikküste des Nordwestens. Deshalb wirkt es besonders realistisch geschildert, obwohl wir so gut wie nichts über die Gesellschaft an der Küste erfahren, geschweige denn darüber, warum das Ende nahe sein soll. Dadurch liest die Geschichte wie ein Gleichnis oder eine Parabel. Aber es ist eine Vision von der Bedeutung des stillen Widerstandes (Lif) und der Hoffnung ohne Aussicht auf Erfüllung. Dass diese Hoffnung dennoch erfüllt wird, ist ein Geschenk – das von Gott, dem Schicksal oder was auch immer. Insofern lässt sich die Geschichte als Prolog zu der Story „Der Tag vor der Revolution“ am Ende dieses Bandes lesen.

Reise in die Erinnerung

Zwei menschliche Wesen erscheinen auf einer Waldlichtung. Ist dies die Erde, fragt der eine. Vermutlich, antwortet der andere. Dann vergisst der Erste seinen Namen und wird ein Nichts. Plötzlich kann er die Dinge nicht mehr beim Namen nennen. Da er dies nicht aushält, nennt er sich Ralph. Unvermittelt fühlt er sich in die Südstaaten versetzt und macht einer Frau namens Amanda, die in strahlendes Weiß gewandet ist, einen romantischen Liebesantrag, den sie gerne annimmt. Sie küssen sich. Das reicht ihm nicht und er dreht die Uhr 20 oder 30 Jahre vor: Sie treiben es unter einem Baum, wild. Er hört auf, Ralph zu sein und wird wieder Nichts.

Vielleicht ist er ja Jean-Paul Sarte, schlägt der andere vor. Das wäre schrecklich, findet Nichts. Dann vergessen sie alles wieder. Und Nichts läuft in den Wald, wo namenlose Tiger brennen.

Mein Eindruck

Die Autorin wendet hier den Existenzialismus Jean-Paul Sartres auf zwei Menschen ohne Erinnerung an. Sie dürfen keine Erinnerung haben, weil sie in die Welt geworfen wurden: Das ist eine Grundvoraussetzung der Existenzphilosophie Sartres. Die Geworfenen sind frei, alles zu tun und alles zu werden. Leider können sie sich an nichts erinnern, was das Unterfangen schwierig bis lächerlich macht. Sogar Sex à la Sartre (er hatte ja die Beauvoir) ist auf die Dauer nicht befriedigend, wenn man Nichts ist. Die Tiger, die im Wald brennen, hat William Blake erfunden, auch ein großer Philosoph und Schriftsteller. Sie ebreiten dem Spuk wohl ein Ende.

Unermesslich wie ein Weltreich – langsamer gewachsen (1971)

Das Forschungsschiff Gum wird von der Liga der Welten ausgesandt, um in einem kosmischen Gebiet, das von den Hainish noch nicht besiedelt wurde, nach einer bestimmten grünen Welt zu suchen, Nr. 4470. Die zehn Besatzungsmitglieder sollen herausfinden, ob die Welt für die Ausbeutung oder Besiedlung geeignet ist. Um sie geeignet für diese zeitlich sehr umfangreiche Exkursion zu machen, weisen sie alle – Terraner wie Hainish, Cetianer wie Beldener – besondere Charaktermerkmale auf, die man unter anderen Umständen als „neurotisch“ bezeichnen würde, die ihnen aber helfen, die Einsamkeit zu überwinden, insbesondere nach der Heimkehr, wenn nach 250 Jahren keiner ihrer Verwandten mehr am Leben sein wird.

Schon auf dem nahezu lichtschnellen Hinflug verbünden sich die neun anderen Crewmitglieder gegen die Nummer 10, Mr. Osden, den einzigen Empathen an Bord. Sie nennen ihn ein Ekelpaket. Dazu gehört nicht viel Gehässigkeit, denn Osden tut alles, um diesen Eindruck noch zu bestätigen: Es ist seine Art, die Aggression, die man ihm entgegenbringt, zurückzuwerfen. Dass durch diese sich selbst verstärkende Feedbackspirale die Aggressionen nicht gerade abgebaut werden, versteht sich von selbst.

Kaum ist man nach der ersten Erkundung und Kartierung gelandet, schickt die Kommandantin Osden in den nahen Wald, und Osdens Entfernung löst bei allen sofortige Erleichterung aus. Die Emotionen können wieder frei strömen und Olleroo, die promiske Beldenerin, hat mit allen Sex. Doch dann bleiben eines Vormittags Osdens Meldungen aus. Als die Kommandantin mit einem Helfer nachschaut, finden sie Osdens Camp verlassen vor. Sie suchen im dichten Gebüsch und finden Bewusstlosen mit dem Gesicht im Dreck. Er wurde mit einem stumpfen Gegenstand fast der Schädel eingeschlagen. Kaum fasst sie ihn an, wird die Kommandantin von einer Welle der Angst und Panik erfasst, so dass sie fast ohnmächtig wird. Mit Müh und Not reißt sie sich am Riemen, so dass sie Osden mit ihrem Helder ins Flugboot schaffen kann.

Das, was Osden vor und in seiner Bewusstlosigkeit empathisch gefühlt hat, geht über das Vorstellungsvernögen so manchen Crewmitglieds hinaus: Könnte es sein, dass die Wurzeln, Bäume, Grashalme alle den den Neuronen, Sensoren und Synapsen eines Gehirn entsprechen? Wenn ja, dann besteht die ganze Welt aus einem einzigen großen Organismus, der in der Lage ist, Gefühle zu empfangen und zu senden! Das Problem: Da es bislang das einzige Wesen in seinem Universum war, empfindet es Angst, wenn es dem Anderen, dem Fremden begegnet, und sendet diese Abwehrreaktion derart stark, dass, durch Osden verstärkt, alle Besatzungsmitglieder in Panik verfallen.

Aber wie ließe sich diese negative Feedbackspirale durchbrechen, fragt die Kommandantin den auf einmal so kooperativen Osden. Osden muss an seinen eigenen Werdegang vom autistischen Kind-Empathen hin zum verantwortungsbewussten, aber abweisenden Erwachsenen denken, den sein Psychiater ihm ermöglicht hat. Vielleicht gelingt ihm so die Heilung dieser Beziehung: Er muss sich dem Anderen, dem Planetenbewusstsein, gänzlich hingeben, so dass es ihn nicht wieder abwehrt, sondern in sich aufnimmt …

Mein Eindruck

Der Titel der Erzählung von 1971 geht auf das Gedicht „To his Coy Mistress“ des englischen Barockdichters Andrew Marvell zurück: „Our vegetable love should grow / Vaster than empires, and more slow …“. Der zweite Vers lieferte auch den Originaltitel. Dabei spielt besonders das Wort „vegetable“ eine Schlüsselrolle: In der Geschicht ist damit wohl das pflanzliche Gehirn der Welt 4470 gemeint, die „vaster than empires“ erscheint, und doch langsamer ist.

Die Story ist im Hainish-Universum platziert, das die Autorin mit drei ersten Romanen sowie dem Kurzroman „Das Wort für Welt ist Wald“ (1972) schon eindrucksvoll entworfen und geschildert hatte, bevor sie mit „Die linke Hand der Dunkelheit“ einen preisgekrönten Roman veröffentlichte, der bis heute zu den SF-Klassikern gehört (siehe oben unter „Der König von Winter“).

Sowohl in „Unermesslich …“ als auch „Das Wort für Welt ist Welt“ schickt die Autorin Forschungsexpedition auf Welten, in denen Pflanzen die dominante Spezies darstellen. Doch wie können bewegliche Organismen wie Menschen und Hainish mit diesen Wesen koexistieren, lautet die Frage, wenn doch beide so unterschiedlich sind. Hier treffen Welten der Psychologie aufeinander. Doch wieder kommt Le Guins Philosophie zum Tragen, die dem fernöstlichen Taoismus nähersteht als der westlichen Dialektik: Gegensätze müssen aus These und Antithese nicht eine Synthese bilden, sondern lernen, in einer Balance zu koexistieren, ohne dass ein Kampf stattfindet. Man denke beispielsweise an das Paar Yin und Yang und die damit verbundenen Kräfte.

In der Geschichte gibt es jedoch einen mächtigen Störfaktor, der die Entstehung der Balance fast verhindert. Es handelt sich nicht etwa um Osden, sondern um Porlock, einen Hainish, der von einer Art Paranoia gepackt wird, als er auch nur den Gedanken an ein Weltgehirn aus Pflanzen fassen soll. Schließlich stirbt er in der Begegnung mit diesem Wesen vor Angst, während sich Osden dem Weltgehirn ergibt und Frieden findet. Die Autorin deutet damit an, dass diejenigen, die sich dem Tao-Prinzip nicht beugen, sondern in Furcht und Ablehnung verharren, schließlich geistig zerbrechen werden.

In „Das Wort für Welt ist Wald“ wendet sich das scheinbar so friedliche Tao-Prinzip in einen Widerstandskampf gegen jene terranischen Ausbeuter, die den Wald vernichten wollen. Die Novelle wurde als ein Gleichnis auf den Vietnamkrieg der USA gelesen. Folgerichtig erschien sie in Harlan Ellisons provokativer Anthologie „Again, Dangerous Visions“ (1972).

Die Sterne unten

Die Geschichte beginnt wie eine Fortsetzung von „Die Meister“: Der Astronom Guennar wird wegen angeblicher Ketzerei beinahe in seinem Observatorium verbrannt, doch durch einen Unterschlupf überlebt er, so dass Graf Bord anderntags findet. Bord ist kein Strenggläubiger, sondern hilft dem verwirrten jungen Mann, sich in einer alten Silbermine in Sicherheit zu bringen, und versorgt ihn dort mit Essen usw. Außerdem muss er ihm klarmachen, wieso die Soldaten des Bischofs hinter Guennar her sind.

Doch Guennar fehlt die Große Uhr des Universums und er sucht wieder Sterne, wie von jeher. Als er, wie von Bord geraten, tiefer in die Mine vordringt, stößt er auf glimmendes Gestein – und auf alte Bergleute, die ihn mit Proviant unterstützen. Zunächst ahnen sie nicht, dass er ein Gelehrter ist, doch seine Fähigkeiten werden durch das Bauen von Geräten offensichtlich. Dennoch sind sie weiterhin freundlich und tolerant ihm gegenüber. Aber er ihnen auch noch sagt, dass er mithilfe seiner Linse und des speziellen Geräts dafür die Sterne im Stein sehen können, halten sie ihn für ein klein wenig durchgeknallt. Das kommt davon, wenn man nie an die Oberfläche geht.

Kurz bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwindet, bezeichnet er dem Ältesten eine Stelle in einem aufgegebenen Teil der Mine, an der er die Sterne in der Tiefe finden werde. Und tatsächlich: Als sie an der bezeichneten Stelle, die wie mit einem Sternbild verziert ist, graben, stoßen sie einen Fuß unter der Oberfläche auf eine reiche Silberader: unermesslicher Reichtum …

Mein Eindruck

Was wie ein Remake von „Galileo Galilei“ beginnt, wendet sich unversehens in eine Erkundung von Moria, mit den Bergleuten als Zwergen. Nur dass diesmal Galileo die Sterne nicht im Himmel findet, sondern unter der Erde, als wären sie Mithrilsilber. Die Aussage ist jedoch klar: Für den, der sich zu sehen und zu suchen traut, hält die Schöpfung überall Wunder und Erkenntnisse bereit – egal wo. Und das ist eine optimistische Botschaft, die man gerne unterschreibt. Das Dumme ist nur, dass es immer mehr Leute gibt, die einem das ungehinderte Sehen verbieten wollen.

Sehbereich

Die Mars-Expedition Psyche 14 ist zurückgekehrt, doch der unvermittelte Abbruch der Funkverbindung kurz vor der Landung im Pazifik lässt die Bodenkontrolle in Houston nichts Gutes ahnen. Ihre Mitarbeiter werden nicht enttäuscht: Commander Rogers ist bereits seit zehn Tagen tat, und es ist klar, warum die anderen beiden Astronauten seinen Raumanzug nicht geöffnet hatten (er ist schon etwas angegammelt). Aber auch Temski und Gerry Hughes haben ihre Probleme, wie im Militärhospital bald klar wird. Hughes ist funktionell blind und Temski funktionell taub. Das heißt, dass ihre Sinnesorgane zwar intakt und funktionstüchtig sind, ihr Gehirn aber so überlastet ist, dass es die Wahrnehmung blockiert. Die Frage nach der Quelle dieser Überlastung soll erstaunliche Antworten liefern.

Die Mission der drei Astronauten bestand darin, auf dem Roten Planeten rätselhafte Formationen zu erkunden, die als eine vorzeitliche „Stadt“ angesehen werden konnten, und an Ort D, der als „Zimmer“ bezeichnet wurde, befanden sich „Briefkästen“ – allesamt hilflose Versuche, menschliche Begriffe dem Unbegreiflichen aufzuzwingen. Hughes, der Geophysiker, weigert sich, diese Versuche anzuerkennen. Er ist einfach zu intelligent, ein richtiger Intellektueller. Was kann man von so einem schon erwarten, fragen sich die Militärs.

Aber das Rätsel um Temski und Hughes muss gelöst werden, nicht nur wegen der Forschungsmittel, sondern auch wegen der Angehörigen der beiden, die ihre Lieben zurückhaben wollen. Dr. Sidney Shapir erzielt mit unendlicher Geduld einen Durchbruch – und doch wieder nicht. Temski kann er die Ohren verstopfen, und plötzlich ist dessen Gehirn nicht mehr blockiert, sondern empfangsbereit für andere Wahrnehmungen. Temski lernt, seine Gedanken niederzuschreiben, und der blinde Hughes kann mit ihm per Schreibmaschine kommunizieren. Ihr Dialog ist faszinierend.

Bei einem Ausflug ans Tageslicht auf dem Dach des Hospitals bricht Hughes angesichts der Lichtflut und eines unbekannten Anblicks zusammen – ein herber Rückschlag. Aber was ist es, was ihn ständig so überwältigt? Und was ist es, was Temski, der sich mittlerweile geradezu normal verhält, als überirdisch schöne Musik bezeichnet?

Mein Eindruck

Wie mag es wohl, das Antlitz Gottes wahrzunehmen? Psyche 14 hat Gott in den Ruinen einer 700 Mio. Jahre alten Siedlung entdeckt. Kein Wunder also eigentlich, dass die Sinne der drei Astronauten völlig überlastet sind. Aber wer glaubt schon an ein solches Wunder? Es widerspricht jeder Art von Vernunft. Allein schon der Glaube an die Existenz Gottes verlangt einen Sprung hinweg von der Vernunft. Das kann jeder in der Bibel nachlesen und braucht dazu nicht mal ein Damaskus-Erlebnis wie Saulus, der zu Paulus wurde, der wichtige Apostel, der das Christentum erfand (denn vorher war Jesus bloß ein weiterer jüdischer Prophet gewesen).

Was Le Guins Story so überaus faszinierend macht, ist erstens die Tatsache, dass sie sich streng an die Methode der naturwissenschaftlichen Science-Fiction hält, diese aber mit höchst psychologischen Einsichten und sogar philosophisch-religiösen Gedanken auflädt. Dadurch wird die Suche nach jener Ursache, die Hughes geblendet und Temski betäubt hat, zu einer spannenden Ermittlung, die zu einem unerwarteten Ergebnis führt. Lapidar erfahren wir am Schluss, dass die Nachfolgemission Psyche 15 quasi die Gesetzestafeln eines neuen Evangeliums gefunden hat.

Wegrichtung

Die Ich-Erzählerin ist eine Eiche, die schon fast 200 Jahre auf dem Buckel hat, aber immer noch, das aus einer stolzen Familie stammen, stramm ihren anstrengenden Dienst verrichtet. Zu Anfang des Jahrhunderts gab es in ihrer Gegend nur Menschen mit Kutschen und Pferden. Für diese konnte sie gemächlich wachsen und wieder schrumpfen. Aber dann gab es schon das erste Auto: eine ältere Dame wurde von einem Mann chauffiert. Da musste die Eiche schon schneller wachsen und schrumpfen. Einen Monat gab es Ruhe. Aber dann gings richtig los! Eine Auto nach dem anderen tauchte auf, und die Straße füllte sich, wurde ausgebessert, verbreitert, eine Umgehungsstraße.

Dieser Stress! Aber was tut man nicht alles, um die Ordnung der Dinge aufrechtzuerhalten? Die stolze Eiche wächst und schrumpft, bewegt sich auf ein Auto zu – und von einem anderen Weg. Ein kleines Kunststück, nicht wahr, diese Aufteilung in zwei oder mehr verschiedene Richtungen? Die Eiche ist stolz auf diese Leistung.

Doch dann tötet sie. Wird zum Mörder. Notgedrungen. Und das kommt so: Eines der Autos überholt, trifft aber auf unerwarteten Gegenverkehr. Was ist zu tun? Die Eiche tritt ihm in den Weg, und es kommt zur Kollision. Ihr macht das nicht viel aus, aber das Auto erleidet Totalschaden, der Fahrer stirbt. Aber bevor er die Existenz des Todes anerkennt, erblickt er die Eiche so, wie sie ist. Und er erblickt in ihr die Ewigkeit. Das geht ihr völlig gegen den Strich, denn sie steht für die Sterblichkeit, und protestiert – daher diese Eingabe, um auch mal die andere Seite zu Wort kommen zu lassen.

Mein Eindruck

In dieser kuriosen kurzen Story wendet die Autorin die Relativität des Blickwinkels, ja, den Wechsel der Perspektive, um: Nicht der Fahrer bewegt sich, so dass die Dinge perspektivisch zu wachsen und zu schrumpfen scheinen, sondern es sind diese Dinge selbst, nämlich die Eiche, die tatsächlich wachsen und schrumpfen, sich nähern und wieder entfernen.

Die Dinge werden durch diese Umkehrung aus passiven Objekten zu aktiven Subjekten. Die Eiche ist denkendes und fühlendes Wesen – die Autorin beweist immer wieder ihre Empathie für Bäume. Und daher kann die Eiche auch töten. Sie will die „Ordnung der Dinge“, wie sie sie versteht, aufrechterhalten. Ein Opfer muss dafür gebracht werden. Leider geht dabei etwas schief. Immer wieder stellt Le Guin „die Ordnung der Dinge“ in Frage und legt so die Grundprinzipien der menschlichen Existenz bloß.

Die Omelas den Rücken kehren. Variationen über ein Thema von William James

Omelas, die Stadt der Freude und des Glücks, liegt zwischen den Bergen und dem Meer, behütet vom strahlend blauen Himmel. Heute ist wie fast jeden Tag ein Fest, und Musik und Lachen erklingen. Die Leute auf den Straßen und Plätzen sind jedoch nicht auf Drogen, wie man vielleicht meinen könnte, sondern einfach nur happy.

Dies sind sie, weil sie alle ein dunkles Geheimnis kennen, das jeder von ihnen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren kennenlernt: Dass es in einem Keller oder Untergeschoss ein nacktes Kind gibt, das in einer kleinen, fast lichtlosen Zelle eingesperrt ist und nur einmal am Tag zu essen und zu trinken erhält. Nie lässt der Besucher es frei, nie spricht jemand mit ihm, obwohl es um seine Freiheit fleht.

Das Bewusstsein dieses schrecklichen Geheimnis befeuert die Freude, die Tiefe der Kunst, die Inbrunst der Anstrengungen und Beziehungen. Und sicherlich könnte man nicht verantworten, das Glück der vielen dem Glück jenes einzelnen Kindes zu opfern, nicht wahr. Doch es gibt unter den Besucher auch ein paar wenige, die sich nicht damit abfinden, das leid dieses Kindes hinzunehmen. Sie sind jene, die Omelas, der Stadt des Glücks, den Rücken kehren und hinausziehen in das Unbekannte, allein und ohne Ziel.

Mein Eindruck

„Variationen über ein Thema von William James“, heißt diese berühmte kurze Geschichte. James wird von Le Guin in der Einleitung zitiert: Der Moralphilosoph wirft die Frage auf, ob es moralisch vertretbar ist, die Mehrheit ein Verhalten A tun zu lassen, wenn dies bedeutet, dass eine Minderheit oder ein Einzelner durch dieses Verhalten A zugrunde gerichtet wird. Er ist der Sündenbock, ein dostojewskisches Konzept aus den „Brüdern Karamasow“. Ist seine Existenz gerechtfertigt? Und wenn ja, wodurch? Kann es dadurch zu einem verhalten B kommen?

Die moralische Schuld des Westens gegenüber den armen Entwicklungsländern – sagen wir, Mosambik oder Haiti – spiegelt sich in der Situation von Omelas. Die meisten von uns wissen oder ahnen zumindest, dass wir von der Ausbeutung der Leute in der Dritten Welt ein nahezu fürstliches Leben führen können. Und keiner ist daher willens, dies zu ändern – aus purem Egoismus. Aber was sagt dies über unsere moralische Verfassung aus und was über unsere Berechtigung, mit dem Finger auf Missstände in jenen ausgebeuteten Ländern zu zeigen?

Die Autorin wartet vielleicht jeden Tag auf neue Leser und andere Menschen, die dem glücklichen Omelas den Rücken kehren und andere Wege gehen, weil sie die Schuld nicht mittragen wollen. Eine dieser Dissidentinnen ist Odo, die Begründerin des Anarchismus auf dem Planeten Urras, den die Autorin in ihrem Roman „Planet der Habenichtse / Die Enteigneten“ so eindringlich beschreibt. Es ist der erste und einzige Roman über Anarchismus in der Science-Fiction, wenn nicht sogar überhaupt.

Der Tag vor der Revolution (In Memoriam Paul Goodman 1911-1972)

Die Revolution der Anarchisten dauert immer noch an, doch sie begann an einem Tag vor einem Vierteljahrhundert, als Odo Laia ihren Freund Taviri Asieo suchte, der gerade auf einem Platz gegen Steuern wetterte. 1400 Anhänger Taviris und Odos wurden damals eingesperrt und viele starben im Gefängnis. Doch heute ist Odo wieder frei, hat mit ihrem in der Zelle geschriebenen politischen Schriften die Revolution ausgelöst. Sie ist eine alte Frau von 72 Jahren und nach einem Schlaganfall behindert, aber immer noch aktiv.

Ihr Sekretär Noi schreibt jetzt die Briefe an die Rebellen in abtrünnigen Provinz des Staates Thu. Er und viele weitere Anhänger verehren Odo Laia für das, was sie erreicht hat. Aber sie bemitleidet sich ob dieses gebrechlichen Körpers, in dem sie sich nun eingesperrt vorkommt, und bricht zu einem Spaziergang auf die Straße auf. Sie kommt bald ins Schnaufen. Wer bin ich jetzt, fragt sie sich. Eine Anhängerin findet sie, bringt sie zurück. Im Haus, der ihrer Bewegung als Hauptquartier dient, freut man sich auf den Generalstreik: Morgen beginnt die Revolution! Doch ohne sie, entscheidet Odo müde …

Mein Eindruck

Die Autorin ist eine hochdekorierte Wissenschaftlerin, Tochter eines Anthropologen, und hat sich intensiv mit der Idee der Anarchie und den Theoretikern des Anarchismus beschäftigt. Daraus destillierte sie den bahnbrechenden Roman „Planet der Habenichtse“ und die vorliegende Erzählung.

Wenig passiert, doch etwas geht zu Ende und etwas anderes beginnt. Auch das ist notwendiger Teil einer Revolution. Odo erinnerte mich an Mahatma Gandhi, der ja auch den Prozess der Umwälzung in Gang setzte, erst in Südafrika, dann in Indien, das von den Briten beherrscht wurde. Als 1947 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde, ging dieser Wandel fast spurlos an ihm vorüber, obwohl er ihn in Gang gesetzt hatte.

Die Story ist ein Porträt des Revolutionärs als alter Mensch, der dem Wandel unterworfen ist wie alles andere auch. Doch statt des Triumphs angesichts der bevorstehenden Erreichung des Ziels zieht sich der Revolutionär müde zurück: sollen andere den Stab übernehmen.

Die Übersetzung

Die Übersetzung ist stilistisch auf einem angemessen hohen Niveau, so dass die gedankliche Tiefe der Autorin durchschimmert. Doch in den Text haben sich zahlreiche Fehler eingeschlichen, die von vergessenen Buchstaben über Kommafehler bis zu falschen Schreibweisen („Country“ statt „County“, S. 197, „der“ statt „des Astronomen“, S. 247) reichen.

Richtig ärgerlich werden die Fehler aber erst, wenn etwa auf S. 204 von einem „gründlichen“ statt eines „grünlichen“ Planeten die Rede ist (in „Neun Leben“). In die gleiche Kerbe hauen die drei Übersetzerinnen in der Novelle „Unermeßlich …“. Auf Seite 231 steht der zweifelhafte Satz: „Dass Empfindungsfähigkeit oder Intelligenz nicht etwas Dringliches sind, dass man sie nicht in den Gehirnzellen finden oder analysieren kann, ist mir bewusst.“ Der Satz ergibt erst dann einen Sinn, wenn man „Dringliches“ durch „Dingliches“ ersetzt: Die Intelligenz ist kein dinglicher Inhalt von Zellen, sondern eine von deren Funktionen.

Solche Stolpersteine tragen nicht gerade zum Lesevergnügen oder zum Verständnis der wichtigen Erzählungen bei. Sie zu eliminieren, wäre die Aufgabe einer modernisierten Ausgabe.

Unterm Strich

Mit hohem Einfühlungsvermögen, sozialem Engagement und intellektueller Brillanz greift die Autorin spekulative Themen der Fantasy und der Science-Fiction ebenso souverän auf wie zeitgenössische und historische Stoffe. Daher verwundert es nicht, dass manche dieser Texte keinen Bezug zu Science-Fiction oder Fantasy haben. Die Autorin fordert ihr Publikum jedenfalls zum Mit- und Nachdenken heraus, denn jede dieser Geschichten will gedeutet, nachbearbeitet werden und entzieht sich dem sofortigen Verständnis. Der Stil, in dem jede Geschichte erzählt wird, ist sehr ausgefeilt und dem Thema jeweils angemessen.

Die Glanzstücke dieser frühen Sammlung sind in meinen Augen die zentralen Novellen „Der König von Winter“, „Neun Leben“ sowie „Unermeßlich …“. Sie legen Einfallsreichtum ebenso wie eine einleuchtende psychologische Wendung mit philosophischem Hintergrund an den Tag, die den Leser mit neuen Erkenntnissen zurücklässt. Auch „Sehbereich“ fand ich beeindruckend, denn es ist eine spannende Ermittlung über die Ursachen der Offenbarung, einer Begegnung mit Gott.

Eintrittskarte zu Le Guins Welten

Die Sammlung bietet dem Einsteiger in die Welt der Phantastik nicht nur bemerkenswerte Erzählungen, sondern zugleich auch den Zutritt zu Le Guins eigenen Welten, die sie in den „Erdsee“-Romanen, den SF-Romanen „Rocannons Welt“, „Die linke Hand der Dunkelheit“ sowie „Planet der Habenichtse“ ausgebaut hat (siehe dazu meine Berichte). Auf dieser Ebene ist eindeutig eine Entwicklung der Autorin abzulesen: Ausgehend von relativ einfacher Fantasy über komplexere SF mit Fantasy-Schauplatz hin zu vielschichtigen SF-Erzählungen wie „Unermeßlich …“, was dann zu einer Verschmelzung von SF und Sozialutopie gipfelt.

Wie die kurze Story „Die Omelas den Rücken kehren“ belegt, muss Kürze keineswegs mit gedanklicher Seichtheit einhergehen, ganz im Gegenteil: Diese kleine Skizze, die keine Handlung vorweisen kann, stellt eine schmerzhafte moralphilosophische Frage. In der Frage, ob sich Freude und Glück vieler angesichts des Leids eines Einzelnen rechtfertigen lässt, manifestiert sich das Schuldgefühl des Westens gegenüber den vormals ausgebeuteten Länder der Dritten Welt. Doch der moderne Raubtier- und Casino-Kapitalismus hat sich binnen 40 Jahren dieses Schuldgefühls entledigt. Heute ist überall Omelas, und es scheint keinen Ort mehr zu geben, wohin sich jene, die ihm den Rücken kehren wollen, noch wenden können.

HINWEIS

Ich möchte auf zwei weitere Erzählungssammlungen hinweisen. Die Erzählungen in „Die Kompassrose“ experimentell und vielseitig. Von Le Guins erfundenem Phantasieland Orsinien erzählen die „Geschichten aus Orsinien“. Eine spätere gute Sammlung, die es allerdings noch nicht im deutschen Taschenbuch gibt, trägt den Titel „Ein Fischer des Binnenmeeres“, verlegt in der Edition Phantasia, Bellheim, die noch weitere Veröffentlichungen der Autorin plant.

Taschenbuch: 334 Seiten
Originaltitel: The Wind’s Twelve Quarters (1975)
Aus dem US-Englischen übertragen von Gisela Stege, Birgit Reß-Bohusch und Margot Kempf
ISBN-13: 978-3485003919
www.heyne.de