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Wolfgang und Heike Hohlbein – Anders 1: Die tote Stadt

Mit „Märchenmond“ ist dem Ehepaar Hohlbein einst der große Wurf gelungen. Seither präsentiert sich vor allem Wolfgang als äußerst produktiver Schreiberling, doch auch die Co-Produktionen mit seiner Frau Heike finden immer wieder großen Anklang. Mit „Anders“ verfassten sie ein weiteres Mal die Geschichte um einen Jugendlichen, der durch irgendwelche Umstände Zugang zu einem phantastischen Abschnitt der Welt erhält und dort gefährliche Abenteuer erlebt. Meist drehen sich diese Geschichten um nichts weniger als eine Bedrohung der Welt; ob das auch bei „Anders“ der Fall ist, bleibt nach dem ersten Band noch offen.

Anders ist anders. Natürlich. Und darüber wurden schon alle erdenklichen Sprüche geklopft, was ihn mittlerweile nicht mehr belustigt, sondern nervt. In ihm vereinigt sich sehr hohe Intelligenz mit Geld, denn sein Vater ist Führer eines großen, erfolgreichen Unternehmens. Dieses Jahr will Anders mit ihm und ihrem Angestellten Jannik Urlaub auf einer Yacht machen. Als Jannik ihn vom Internat abholt, ist er merkwürdig nervös – nicht ohne Grund, denn kaum besteigen die beiden die Privatcessna, werden sie von zwei Männern bedroht und zu einem unvorhergesehenen Kurs gezwungen. Der führt sie durch eine Gewitterfront in einem Gebirge, die selbst Jannik in Furcht versetzt.

Natürlich stürzt die Cessna ab. Nicht nur das Gewitter ist schuld, sondern auch ein merkwürdiger Hubschrauber, der im Anschluss auch eine Hetzjagd auf die beiden Überlebenden, Jannik und Anders, veranstaltet und – mit tödlichen Lichtstrahlen um sich schießt!

Außerdem hat es sie in einen unwirklichen Teil der Welt verschlagen, in eine düstere Ruinenstadt, menschenleer, ja, völlig tot erscheint sie Anders während ihrer Flucht.

Auf die Entführung sowie auf die außerirdisch anmutenden Hubschrauber und ihre schutzanzugverpackten Insassen wirft ein Geschehen ein veränderndes Licht: Einer der Männer deutet auf Anders, woraufhin kurz gestikuliert wird, ehe sie ihre tödliche Jagd umwandeln in eine Hatz, die ihn am Leben lassen soll. Und während Jannik erschossen vom Dach eines Hauses stürzt, entkommt Anders vorerst – mit Hilfe des ersten Wesens, auf das er hier stößt und das ihn in einen helleren Teil der toten Stadt bringt, in dem ihr „Volk“ lebt: grausige Missbildungen, Kreuzungen zwischen Menschen und allen möglichen Tierarten. Hier erlebt Anders den Kampf ums Überleben mit, und als eine überlegene Truppe riesenhafter Schweine auftaucht und brutal mordend durch die Stadt zieht, sucht er sein Heil in der Flucht …

Der Roman beginnt ein wenig langweilig mit der Einführung Anders‘ und seiner Eigenarten, seiner sozialen Einbindung (die eher mangelhaft ausfällt) sowie der recht unglaubwürdigen Mischung seiner Attribute. Man ist versucht, die ersten Seiten nur zu überfliegen, nur die handlungs- und dialogintensiven Abschnitte lassen die hohlbeinsche Erzählkunst durchblitzen und fangen den Leser immer wieder ein. Auch die amateurhaft durchgeführte Entführung und erst recht die zwar paranoide, aber auch gleichzeitig ahnungslose Art, mit der Anders und sein Diener in die Falle laufen, lassen einen unwillig die Stirn runzeln.

Mit dem Auftauchen der unbekannten Hubschrauber und der plötzlichen Nervosität Janniks ist dem Leser schon klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zu geht. Und sobald man die tote und versteckte Ruinenstadt erblickt, zweifelt man mit Anders an der Echtheit des Ganzen, da zumindest Satelliten von ihrer Existenz hätten wissen müssen. Hier bleibt die Erklärung, nämlich das dauerhafte schwere Gewitter, etwas mager.

Und plötzlich ist es soweit – man wird vom Strom der Erzählung erfasst und mit gerissen und findet sich, ohne es gemerkt zu haben, mitten in einer phantastischen Geschichte wieder, die es einem schwer macht, das Buch aus den Händen zu legen. Bis dahin zieht es sich gewaltig und man erwartet misstrauisch ständig neue klischierte Charakteristika, doch trotzdem schafft es das Autorenpaar, Spannung und Faszination zu erzeugen.

Bei den Charakteren sind es vor allem die beiden Schwestern, mit denen Anders eine merkwürdige Beziehung führt: Die eine, halb Katze (treffender Weise Katt genannt), rettet ihn mehrmals vor dem Tod und scheint sich auch sonst in ihn verliebt zu haben (und er natürlich umgekehrt auch). Die andere, halb Ratte (heißt natürlich Ratt), ist eifersüchtig und ärgert ihn, wo sie nur kann. Andererseits unterstützt sie ihn in seinen Versuchen, der kleinen Gruppe verstörend veränderter Wesen technische Erleichterung zu verschaffen oder auch an Informationen zu kommen, die ihm die Situation verstehen helfen könnten.

Die anderen Charaktere bleiben relativ blass, sie sind recht übliche Vertreter ihrer Stellung in solchen primitiven Gruppen: Der starke Anführer mit einem irgendwo verbuddelten Verständnis für die Protagonisten, der Stellvertreter, der ängstlich alles Neue ablehnt und mit Hass auf den Eindringling reagiert, die noch fremdartigeren Nachbarn, mit denen die Gruppe in Zwietracht liegt.

Das Eintreffen einer anderen Gruppe, die kräftiger, reicher und etwas technisierter sind, bringen eine Wendung in die Geschichte, die Anders in typischer Weise zur Flucht treibt – dass ihm dabei der Erfolg versagt bleibt und er mehr Kontakt zu den brutalen Schweinen (im wahrsten Sinne) bekommt, als ihm lieb ist, war auch keine Überraschung. Nur der radikale Cliffhanger am Ende des Buches ist so extrem, dass man das Buch auf keinen Fall eigenständig lesen kann. Es endet völlig abrupt mitten in der Handlung – warten wir also auf den zweiten Teil.

Dieser erste Teil beginnt sehr zäh, fängt sich aber überraschend und bietet ein spannendes Spektakel in einer phantastischen Umgebung. Von Anders‘ übermäßiger Intelligenz ist wenig zu bemerken, doch wird er recht sympathisch geschildert. Das radikal offene Ende ist etwas enttäuschend in diesem Moment, macht aber sehr gespannt auf den zweiten Teil, da man kurz vor einer scheinbar wichtigen Offenbarung steht.

Taschenbuch: 448 Seiten
Auflage: Februar 2010
ISBN-13: 978-3453533257

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 2,00 von 5)

Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Die sechs Finger der Zeit

_Humorvoll-ironisch: Kuriose Tricks der Zeit_

Dies ist eine der ersten Anthologien, die Wolfgang Jeschke in der 1975 noch jungen Science-Fiction-Reihe herausgab – sie erschien 1971 erstmals im Lichtenberg-Verlag, von dem Jeschke kam. Weil das jedoch eine Hardcover-Ausgabe war, hat sie den Vorteil, gut lektoriert und korrigiert worden zu sein: Es gibt kaum Druckfehler.

Diese Auswahl bietet meist hochkarätige Autoren, darunter R.A. Lafferty, Katherine MacLean und Altmeister James H. Schmitz. Mit Manuel van Loggem sind zudem ein Niederländer und mit Hansjörg Präger ein Deutscher vertreten.

_Der Herausgeber _

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John C. Higgins – Ein Fisch geht ins Netz

Um ein erpresstes Lösegeld zurückzuerlangen, setzt das FBI den festgesetzten Kidnapper zu üblen Strolchen in die Gefängniszelle. Als den Insassen ein Ausbruch gelingt, scheint das Gesetz das Nachsehen zu haben … – Aber keine Sorge, denn in diesem systemkonservativen „Law-&-Order“-Krimi bekommt jeder Strolch, was ihm zusteht: eine Kugel in den Leib oder die Todesstrafe. Trotz (oder wegen?) der brutalen Schwarz-Weiß-Zeichnung schreibt Higgins spannend und schnell: ein Krimi als Erinnerung an einen sehr speziellen Zeitgeist.
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Chad Oliver – Die Affenstation

Im afrikanischen Busch: Showdown mit den Aliens

Das Raumschiff der Fremden geht im ostafrikanischen Busch nieder, fernab der Zentren menschlicher Zivilisation. Sie können sich ungestört der Aufgabe widmen, die sie zur Erde geführt hat. Denn nur wenige Menschen leben rings um den Landeort. Doch für diese Handvoll Erdbewohner – unter ihnen der Amerikaner Royce Crawford, der Leiter einer Mesnchenaffenstation, seine Familie und seine Angestellten – beginnen Tage des Entsetzens.

Durch Unwetter von der übrigen Welt abgeschnitten, können sie keine Hilfe erwarten. Sie müssen sich selbst helfen, wenn sie überleben und die Absichten der Fremden durchkreuzen wollen. (Verlagsinfo)

_Handlung_

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Paul Melko – Die Mauern des Universums

Die Handlung:

Der frustrierte Highschool-Schüler John Rayburn bekommt eines Tages Besuch von John Rayburn, einem alternativen Ich aus einem Paralleluniversum. Dieser überlässt ihm ein Gerät, mit dem er nun selbst andere Paralleluniversen bereisen kann. Der Alternativ-John würde so lange seinen Platz einnehmen, bis John wieder da wäre.

Allerdings verschweigt Alternativ-John eine Kleinigkeit: Das Gerät hat einen Defekt und man kann nie mehr in sein altes Universum zurückkehren!

Auf seiner Reise durch die alternativen Welten trifft John andere Johns und versucht zu Geld zu kommen, indem er Dinge seines alltäglichen Lebens „erfindet“, die es in den anderen Welten nie gab. Und trotzdem er sich in einem neuen Universum verliebt und niederlässt, gibt er sein Vorhaben nie auf, das Gerät zu reparieren, um letztendlich doch wieder in seine eigene Realität zurückzukehren …

Mein Eindruck:

Zeitreiseabenteuer und Paralleluniversen faszinieren mich, seitdem ich das erste Mal „Die Zeitmaschine“ im Fernsehen gesehen habe.

Und nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, habe ich mir gedacht: „Hey, eigentlich könntest du dir mal wieder ‚Sliders‘ ansehen!“. Denn die Ähnlichkeit zwischen der TV-Serie aus den 80ern und der Geschichte im Buch ist nicht abzustreiten. Auch das Team in der Serie „slidet“ von Paralleluniversum zu Paralleluniversum und versucht wieder nach Hause zu kommen.

Dennoch hat das Buch seinen eigenen Charme, wenn also auch die Grundidee nicht wirklich etwas Neues ist. Wer würde nicht die Chance wahrnehmen, in andere Realitäten zu reisen, um einfach mal zu schauen, wie es da so aussieht? Was ist anders? Was ist gleich? Sind alle, die ich kenne, auch in dem anderen Universum? Was ist aus meinem Alternativ-Ich in der anderen Welt geworden?

Okay, der Teil mit dem „es gibt kein Zurück“, der stört … aber der ist es auch, der das Buch spannend macht und den Leser bei der Stange hält. Einfach nur zuzuschauen, wie John von Welt zu Welt springt und neue alte Bekannte wiedertrifft, den Zauberwürfel erfindet und das Buch „Shining“ von Stephen King neu schreibt, weil es beides in seinem neuen Zuhause nie gegeben hat, ist interessant. Dennoch würde das recht schnell langweilig werden, weil der Roman dann zu einer schlichten Aufzählung verkommen würde.

Aber die Tatsache, dass John davon überzeugt ist, das Gerät reparieren zu können, um doch wieder in das Universum zurückzukommen, aus dem Alternativ-John ihn heraus getrickst hat, das ist interessant. Und so bleibt der Leser Seite für Seite am Ball und lässt sich von John mit auf die Reise nehmen, um Welten zu erleben, deren Geschichte anders verlaufen ist als seine … und unsere.

2006 gewann die dem Roman zugrunde liegende Geschichte „The Walls of the Universe“ den Asimov’s Readers Poll Award.

Fazit:

Ein Sciencefiction-Roman auch für Nicht-SciFi-Leser, da der Science-Anteil sehr gering ausfällt. Stattdessen eine interessante und spannende Was-wäre-wenn-Geschichte für alle, die gern einmal aus ihrem Alltag entfliehen wollen … und das nicht nur bis nach Mallorca.

Taschenbuch: 512 Seiten
Originaltitel:  The Walls of the Universe (2009)
Aus dem Englischen von Ulrich Thiele
ISBN-13: 978-3453526914
www.randomhouse.de/heyne
www.paulmelko.com

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Perry Rhodan – Der Posbi-Krieg

Endlich geschafft! – Und es hat sich schließlich doch noch gelohnt. Dieser dicke Band, der sechs einzelne Romane in sich vereint, ist ein harter Brocken moderner „Perry Rhodan“-Kultur mit seinen 1300 Seiten, durch den man sich erst mal lesen muss. Sehr viel angenehmer ist die ursprüngliche Ausgabe einzuschätzen, in der die Romane in kurzem Rhythmus hintereinander erschienen und dem Leser so immer wieder eine Pause einräumten. Doch der Gesamteindruck der Geschichte ist befriedigend und mehr als nur ein Actionabenteuer, ja, die Geschichte wirft ein neues Schlaglicht auf die Kosmologie der Serie und bringt sie auch einem sogenannten Neuleser in verständlicher Form nahe. Gerade die zwei letzten Romane „Die Psi-Fabrik“ und „Die Schöpfungsmaschine“ bieten neben guter Unterhaltung den dieser Serie typischen weltbewegenden, wunderbaren Charakter, den oft zitierten Sense of wonder, mit dem „Perry Rhodan“ seine Leser schon seit jeher fesselt …

Perry Rhodan, mit seinen Begleitern unter dubiosen Andeutungen auf eine galaktische Welt der biopositronischen Roboter (Posbis) gelockt, wird von der übergeordneten Wesenheit ES in eine abgeschiedene Galaxis zwangsversetzt, mit dem Auftrag, die dorthin verschlagenen Völker (allen voran eine Splittergruppe der Menschheit) vor der totalen Vernichtung durch eine Splittergruppe eben der Posbis zu verhindern.

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Die Posbis stehen unter einer Programmierung, die sie aggressiv gegen alles Leben vorgehen lässt, das von diesem Programm nicht als „Wahres Leben“ akzeptiert wird. Erste Kommunikationsversuche durch Rhodan scheitern blutig, und den Anstrengungen der Menschen stellen sich auch die machthungrigen Laren entgegen, indem sie die Posbis in ihrem Sinne zu beeinflussen suchen.

Während also die Menschen einen aussichtslosen Abwehrkampf gegen die Posbis führen und die intriganten Laren einen Weg zur Vorherrschaft in der Galaxis suchen, macht sich Rhodan auf den Weg zur posbischen Zentralwelt, wo er die sogenannte Hassschaltung – die Fehlprogrammierung – zu neutralisieren hofft, wie es ihm bereits einst in der Milchstraße gelang. Völlig überrascht wird er von der Entdeckung, dass hinter allem eine unbekannte Macht zu stehen scheint, die sich mit der seltsamen Bezeichnung „Siebenkopf“ betitelt …

Für den neuen Leser, der sich in der „Perry Rhodan“-Historie nicht auskennt, versuchen die Macher Themen zu finden, die sich leicht in Zusammenhänge betten lassen und von ihrer Handlung her möglichst unabhängig lesbar sind. Das Medium des Heyne-Taschenbuchs ist natürlich der wirksamste Träger, um die Geschichten in deutsche Buchhandlungen zu bringen.

Was die Serienabhängigkeit betrifft, schlängelt sich Rhodan in den ersten Romanen durch eine actionreiche Handlung, die zwar von vielen Serienbekannten flankiert und mitgeformt wird, jedoch seine Berührungspunkte weit in der Serienvergangenheit hat und auf direkte, schnörkellose Weise dargestellt wird. Bis zum dritten Band ist es einzig der übergeordnete Auftrag, der Rhodan an den Handlungsort verschlägt, der zumindest marginale Serienkenntnis voraussetzt, die Handlung selbst spielt an neuen Orten unter ungewohnten Voraussetzungen und ist allen Lesern gleichenteils neu. Im vierten Teil schließlich finden serienhistorische Aspekte wie die „Hassschaltung“ der Posbis Erwähnung und nähern damit diese ausgekoppelte Miniserie ihrer Mutter wieder an, doch sollte man als Neuleser durch die ersten drei Bände durchaus genug interessiert worden sein, um sich durch solche Details nicht mehr stören zu lassen.

In Teil fünf und sechs schließlich werden die Zusammenhänge komplex und erreichen die für Rhodan typische kosmische Komponente, nicht zuletzt durch die ausführliche Darstellung des Lebensweges einer entscheidenden Figur, die nebenbei die überaus komplexe Serienkosmologie in verständlicher Form und recht vereinfacht erklärt, so dass der erwartete Effekt für den Leser, das Gefühl der Größe und Winzigkeit, noch deutlich herausgestellt wird.

Stärken und Schwächen der Komplettausgabe: Als Schwäche hatte ich schon erwähnt, muss man den Umfang ansehen, der in dieser teilweise recht langatmigen Erzählung (vor allem in den ersten Bänden aufgetreten) für Lesemüdigkeit sorgt. Gleichfalls ist es auch ein Plus für diese Ausgabe, dass sie alle Teile in sich vereint, denn wenn man sich in der Einzelausgabe von den Schwachpunkten des Zyklus‘, die ungünstiger Weise alle in den ersten Teilen versammelt sind, am Weiterkaufen und -lesen hindern lässt, bringt man sich um das umso stärkere und faszinierendere „Ende“ der Geschichte, das sich auf mehreren Ebenen über die drei letzten Romane erstreckt und seinen Höhepunkt unbestritten im letzten Band erreicht.

Bei der Charakterisierung ist den weniger erfahrenen Serienautoren der ein oder andere Fehler unterlaufen. So lässt Frau Hartmann im dritten Teil den MONOCHROMmutanten Startac Schroeder wiederholt Farben sehen und unterscheiden (was auch ein dickes Minus für das Lektorat ist, das solche groben Schnitzer eigentlich ausmerzen sollte), Herr Thurner schafft es im ersten Teil gar, den unsterblichen Perry Rhodan, der eine vergleichbare Situation schon vor Zeiten in der Milchstraße gelöst hat, blauäugig, unvorbereitet und naiv in einen Konflikt mit den fehlprogrammierten Posbis Ambriadors treten, wo er tausende Menschen in den Tod schickt, weil er eine Diskussion mit den Robotern erzwingen will (die sowohl den Berichten der ansässigen Menschen nach, als auch seiner Erfahrung nach auf keinerlei Diskussion eingehen) und ist völlig von ihrer Sturheit überrascht. Das war ein überaus unwürdiges Bild von Rhodan, was schon im ersten Band entwickelt wurde.

Einen Minuspunkt muss auch Frank Böhmert für den fünften Teil einstecken. Er ist ein sehr humorvoller Schriftsteller, doch mit Nano Aluminiumgärtner hat er versucht, die Komik zu erzwingen, was ein lächerliches Liebesgeplänkel ergab, das man kaum mit ansehen konnte. Davon abgesehen ist seine Darstellung der Fremdzivilisation ein Höhepunkt des Zyklus‘ und leitet das grandiose Finale von Uwe Anton ein, der mal wieder mit kosmologischen Höhenflügen glänzt.

Leo Lukas liefert ein solides Kapitel ab, dem man zu diesem Zeitpunkt (Band 2) noch seine Daseinsberechtigung verweigern will. Ein Sechstel des Zyklus handelt vom Aufwachsen von Menschen in larischen Arbeitslagern, während der Zyklus den Titel „Posbikrieg“ trägt. Zu dem Zeitpunkt wundert man sich über diesen Lückenfüller, der handwerklich sehr gut ist, der kurzen Handlung aber wenig hinzu fügt. Rückblickend verdeutlicht dieser Teil natürlich das Verhältnis zwischen Laren und Menschen, was noch ein dicker Konfliktpunkt in der Handlung werden wird.

Hubert Haensels vierter Teil ist der rasante Auftakt zum Finale, während man ihm seinen Titel nicht anerkennen kann. Auch hier rechtfertigt er sich erst rückblickend …

Es schreckt ab, so einen dicken Schinken in der Hand zu halten und am Ende des Leseabends keinen merklichen Fortschritt anhand der gelesenen Seiten feststellen zu können. Doch wer sich durch die Hälfte gelesen hat, wird den Rest genießen.

Taschenbuch: 1312 Seiten
ISBN-13: 978-3453525603

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Tanja Heitmann – Wintermond

Tanja Heitmann ist auf das Geheimnisvolle und Düster-Romantische abonniert. In ihrem ersten Roman „Morgenrot“ ging es um das mittlerweile klassische Thema: Sie, unschuldig und jung, verliebt sich in ihn – seines Zeichens Vampir. Heutzutage muss auch eine solch problembehaftete Konstellation zum Happy End führen, doch bevor die Büchernärrin und der dämonische Vampir endgültig zusammen kommen durften, mussten viele Prüfungen bestanden werden und es wurde generell viel gelitten.

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J. R. Ward – Blutlinien (Black Dagger, Band 11)

Die Black Dagger-Reihe:

(Die englischen Originale sind in jeweils zwei deutsche Bücher aufgeteilt worden.)

01 „Nachtjagd (1/2)“
02 „Blutopfer (2/2)“
03 „Ewige Liebe (1/2)“
04 „Bruderkrieg (2/2)“
05 „Mondspur (1/2)“
06 „Dunkles Erwachen (2/2)“
07 „Menschenkind (1/2)“
08 „Vampirherz (2/2)“
09 „Seelenjäger(1/2)“
10 „Todesfluch (2/2)“
11 „Blutlinien (1/2)“
12 „Vampirträume (2/2)“
13 „Die Bruderschaft der Black Dagger: Ein Führer durch die Welt von J.R. Ward’s BLACK DAGGER“
14 „Racheengel (1/2)“
15 „Blinder König (2/2), August 2010“
16 „Vampirseele (1/2), November 2010)“
17 „Mondschwur (2/2), Februar 2011)“

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Ward, J. R. – Todesfluch (Black Dagger, Band 10)

_Die |Black Dagger|-Reihe:_

(Die englischen Originale sind in jeweils zwei deutsche Bücher aufgeteilt worden.)

01 [„Nachtjagd (1/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5283
02 [„Blutopfer (2/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5301
03 [„Ewige Liebe (1/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5358
04 [„Bruderkrieg (2/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5565
05 [„Mondspur (1/2)“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5582
06 „Dunkles Erwachen (2/2)“
07 „Menschenkind (1/2)“
08 „Vampirherz (2/2)“
09 „Seelenjäger(1/2)“
10 „Todesfluch (2/2)“
11 „Blutlinien (1/2)“
12 „Vampirträume (2/2)“
13 „Die Bruderschaft der Black Dagger: Ein Führer durch die Welt von J.R. Ward’s BLACK DAGGER“
14 „Racheengel (1/2)“
15 „Blinder König (2/2), August 2010“
16 „Vampirseele (1/2), November 2010)“
17 „Mondschwur (2/2), Februar 2011)“

_Inhalt:_

Düster, erotisch, unwiderstehlich

Im Dunkel der Nacht tobt ein unerbittlicher Krieg zwischen den Vampiren und ihren Verfolgern. Die besten Krieger der Vampire haben sich zur Bruderschaft der BLACK DAGGER zusammengeschlossen, um sich mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen. Ihr grausamster Kampf ist jedoch die Entscheidung zwischen unbarmherziger Pflicht und glühender Leidenschaft …
(Verlagsinfo)

„Grandios! Wenn es eine Göttin der modernen Mystery gibt, dann ist es J. R. Ward.“
|Nicole Jordan|

_Meinung: _

Wie in jedem BD-Band, beginnt auch dieser mit dem Glossar der Begriffe und Eigennamen und stimmt somit Neueinsteiger informativ ein.

Und weiter geht es mit der Geschichte um Vishous „V“ und Jane. V schläft mir ihr und somit der ersten Frau, die er liebt, die er aber gehen lassen muss. V bringt Jane zurück in ihre Welt und löscht ihre Erinnerung an ihn und alles, was sie mit ihm erlebt hat, aus ihrem Gedächtnis.

Auch Dr. Manuel Manello, Janes Kollege, hat es auf sie abgesehen. Es gibt auch weitere spannende Rückblicke in Vs Vergangenheit und Jane erzählt von ihrer Kindheit.

Ebenso wird auch Cormias (Vs Auserwählte, V soll vierzig auserwählte Frauen zur Erhaltung der Art schwängern) Geschichte weitergesponnen. Weder Cormia noch V wollen die von ihnen verlangte Vereinigung. Als Cormia ihm nackt präsentiert wird, ist Phury als Zeuge dabei – und reagiert augenblicklich sexuell auf sie. (Und der Leser ahnt sofort, dass sich das nächste „Paar“ anbahnt.) V bricht das Zeremoniell ab, da er sich immer noch an Jane gebunden fühlt. Phury bietet sich an, statt V die auserwählten Frauen zu „befruchten“, damit V seine Jane zu sich holen kann – doch das ist natürlich ein steiniger Weg.

Manuel Manello taucht in Janes Wohnung auf, und trotzdem sie sich an nichts mehr erinnert, hat sie doch das Gefühl, jemandem untreu zu sein. Sie glaubt bald (auch weil V sie nachts „aufgesucht“ und mit ihr Sex hatte), sie leide an Schizophrenie. Doch dann kehrt V zu ihr zurück, ihre Erinnerungen ebenfalls und sie gestehen sich ihre Liebe ein. Alles könnte nun rosarot sein, wäre da nicht Manuel Manello, der V und den Black Daggern auf die Spur kommt. Als V ihm begegnet, blitzt in ihm das unerklärliche Wort „Bruder“ auf.

John erlebt seine Wandlung und erste sexuelle Erfahrungen (mit Layla), die darin münden, dass er „versagt“.

In diesem Band gibt es keinen „Lesser-Plot“, was ihn ein wenig einseitig werden lässt und ein wenig zu viel des Guten in Sachen Romance und Herzschmerz bedeutet. Die Geschichte von V und Jane rutscht zudem leider zum Schluss ins Kitschige ab. Hier wäre weniger mehr gewesen! Einzig amüsant sind die Dialoge/Szenen zwischen V und Butch.

_Fazit:_

Todesfluch ist ein „Black Dagger“-Band ohne „Lesser Plot“ und mit zu viel Herzschmerz/Romancegetue. Die sonst übliche Mischung zwischen Action und Romance fehlt hier gänzlich.

|Taschenbuch: 352 Seiten
Originaltitel: Lover Unbound (Part 2)
Aus dem Amerikanischen von Astrid Finke
Titelfoto von Dirk Schulz / Titelgestaltung von Animagic Bielefeld
ISBN-13: 9783453533059|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Clifford D. Simak – Als es noch Menschen gab

simak-menschen-cover-2010-kleinIn neun Geschichten erzählt der Verfasser vom Ende der Menschheit, das hier ohne Krieg und Gewalt stattfindet, sondern einerseits evolutionär begründet ist und andererseits gesteuert wird, wobei alte Untugenden immer wieder durchschlagen und schließlich einen radikalen Neubeginn erforderlich machen … – Geprägt von der Furcht vor einem III. und atomaren Weltkrieg, stellt der Verfasser grundsätzliche Fragen über das menschliche Wesen; er kommt zu eher pessimistischen Schlüssen, ohne darüber zu verzweifeln: Was verdächtig nach philosophischem Bierernst klingt, liest sich leicht melancholisch aber sehr unterhaltsam.
Clifford D. Simak – Als es noch Menschen gab weiterlesen

Ursula K. Le Guin – Die zwölf Striche der Windrose. Erzählungen

Klassische Erzählungen der Fantasy und Science-Fiction

Die Sammlung „Die zwölf Striche der Windrose“ (Band 25 der Heyne Science-Fiction-Bibliothek) stellt den außerordentlichen literarischen Rang der Autorin unter Beweis. Eine ganze Reihe dieser Erzählungen aus der Zeit zwischen 1962 und 1972 wurden mit Preisen ausgezeichnet, darunter „Der Tag vor der Revolution“, für die die Autorin den Nebula Award erhielt. Die Autorin begann also vor rund einem halben Jahrhundert zu veröffentlichen.

Die Autorin

In Kalifornien als Tochter eines Kulturanthropologen geboren, studierte Ursula K. Le Guin am Radcliffe College und an der Columbia University, lebt aber seit 1962 als freie Schriftstellerin in Portland, Oregon, wo sie an der Uni lehrt. 1962 erschien ihre erste Story („April in Paris“) und 1966 ihr erster Roman, „Rocannons Welt“. Die ersten Romane zeigen bereits Le Guins Verfahren, eine Geschichte über einer (mythologischen) Grundstruktur um bestimmte Metaphern herum anzulegen.

Viele ihrer Geschichten und Romane spielen in einem fiktiven Universum, dem der Ekumen (dt. „Ökumene“). Botschafter und Agenten tauchen auf, die neue Welten für die Planetenliga der Ekumen gewinnen sollen, so etwa in ihrem berühmten Roman „Die linke Hand der Dunkelheit“. In der Fantasy ragt ihr „Erdsee“-Zyklus über die Masse der Produktion turmhoch hinaus. Erst 2002 erhielt sie für ihren neuesten „Erdsee“-Roman den World Fantasy Award.

Wiederholt wurde Le Guin mit den wichtigsten Preisen der Science-Fiction, der Fantasy, aber auch des Mainstream ausgezeichnet. „Sie gehört zu den führenden und formenden Kräften der Science-Fiction in den 70er Jahren, und sie fand [als eine der wenigen AutorInnen] auch außerhalb der Science-Fiction breite Anerkennung.“ (Reclams Science-Fiction Lexikon, 1982) So erhielt sie beispielsweise den National Book Award der USA.

Auf Deutsch sind erschienen:

– Erdsee 1-4 (Sammelband, Heyne) und drei weitere „Erdsee“-Bücher
– Hainish (3 SF-Romane: Rocannons Welt, Stadt der Illusionen, Das zehnte Jahr)
– Winterplanet / Die linke Hand der Dunkelheit (Heyne)
– Das Wort für Welt ist Wald (Argument)
– Planet der Habenichtse / Die Enteigneten (Heyne, Ed. Phantasia)
– Malafrena (Heyne)
– Die zwölf Striche der Windrose (Heyne)
– Die Kompassrose (Heyne)
– Geschichten aus Orsinien (Heyne)
– Die wilde Gabe (bei Festa)
– Ein Fischer des Binnenmeeres (Ed. Phantasia)
– Die Geißel des Himmels (Ed. Phantasia)
– Das Wunschtal (Heyne)
– Die Regenfrau (Heyne)
– Die Erzähler (Heyne, Ed. Phantasia)

Diese Bücher machen lediglich etwa 50 bis 60 Prozent des Gesamtwerks aus!

Die Texte:

Semleys Geschmeide (1963)

Auf einer Welt, die der Liga-Forscher Rocannon in dem Roman „Rocannos Welt“ erforschen wird, gibt es eine Legende – von einer jungen Frau, die das kostbarste Geschmeide ihrer Sippe für ihren geliebten Gatten wiedererlangen wollte, doch trotz ihres Erfolgs unglücklich wurde.

Semley ist die Gattin Durhals von Hallan, eines Prinzen, und Mutter der kleinen Haldre, die von ihr das goldblonde Haar geerbt hat. Doch ein Kummer nagt an der ansonsten glücklichen Frau, und sie offenbart sich Durossa, der zweiten Frau des Burgherrn Hallan, Semleys Schwiegervater. Sie hat ihrem geliebten Gatten nichts in die Ehe eingebracht. Dabei hat die Sippe Leynen, der sie angehört, einst das schönste Schmuckstück besessen, den großen Saphir „Auge des Meeres“, der an einer Goldkette prangte. Wo mag es sein? Sie will es wiedererlangen.

Doch weder die Leynens noch die feenhaften Fiia wissen, wo das Geschmeide ist. Nur die Gdemiar, die als Schmiede unter der Erde leben, könnten dies wissen, meint ein Angehöriger der Fiia. Und in der Tat gelangt Semley in den dunklen, furchteinflößenden Labyrinthen der Zwerge an das Wissen, dass sie das Auge des Meeres einst besaßen, doch es an die Gebieter von den Sternen (= Menschen wie Rocannon)weggaben, um etwas einzuhandeln.

Deshalb macht sich Semley mutig auf den Weg an den Ort, wo sie tatsächlich das Geschmeide aus der Hand Rocannons empfängt. Doch als sie zurück, erweist sich die Niedertracht der Gdemiar: Als sie sagten, die Reise dauere nur eine Nacht, sprachen sie nicht von den Nächten, an die Semley gewohnt ist, sondern von kosmischer Nacht. Als Semley erfolgreich ihre Burg wieder erreicht, sind nicht weniger als lokale Jahre vergangen und vieles hat sich verändert. Durhal fiel in der Schlacht, und vor Kummer wirft Semley ihrer nunmehr erwachsenen Tochter das verhexte Geschmeide vor die Füße und läuft verzweifelt in die Wälder …

Mein Eindruck

Dies ist der Prolog zu dem späteren Debütroman „Rocannos Welt“ (siehe dazu meinen Bericht). Was zunächst wie eine sehr romantische Fantasygeschichte anmutet, entpuppt sich zunehmend als SF-Story. Insbesondere der Perspektivwechsel von Semley zu Rocannon trägt dazu bei, dem Leser dies deutlich zu machen. Wenn am Schluss Semley heimkehrt, offenbar sich aber ein reiner SF-Effekt: die Zeitdilatation, die schon Einstein postulierte: Während auf ihrer Heimatwelt Jahrzehnte vergehen, erlebt Semley nur eine kurze Zeitspanne. Subjektive und objektive Zeit sind also keineswegs deckungsgleich. Die Folgen dieser Diskrepanz sind tragisch. Und der Wert des Geschmeides erweist sich als ebenso relativ: Vom höchsten Juwel der Sippe ist es zu wertlosem Plunder verkommen, einfach sein Empfänger verstorben ist.

April in Paris (1962)

Prof. Barry Pennywither aus Indiana weilt am 2.4.1961 zu Studienzwecken in Paris, genauer gesagt, auf der Ile St. Louis, unweit von der Kathedrale Notre Dame. Er ist einsam und unglücklich. Plötzlich erfasst ihn eine Gewalt, die ihn durch die Zeit schleudert. Dr. Jehan Lenoir aus dem Jahr 1486 ist ebenfalls einsam und unglücklich, wohnt im gleichen Zimmer wie Pennywither und hat ihn mit einem Zauberspruch herbeigerufen.

Da der Professor Experte für das französische Spätmittelalter ist, findet er sich mit Lenoirs Akzent sofort zurecht. Nachdem sie sich gegenseitig versichert haben, dass sie nicht aus der Hölle kommen, tauschen sie ihre Kentnisse aus. Pennywither kehrt kurz in seine eigene Zeit zurück, doch kommt er mit einer goldenen Taschenuhr und vielen Büchern zurück: Endlich hat er einen guten Freund gefunden. Sie verbringen viele Stunden miteinander und nachdem sie die Uhr für ein Jahresgehalt verkauft haben, kosten sie zudem die Schönheiten des Lebens aus.

Doch Pennywither sehnt sich nach weiblicher Gesellschaft, und so tut ihm Lenoir den Gefallen, eine Frau herbeizurufen: Es ist ist die gallische Sklavin Bota, die im Lutetia der spätrömischen Zeit nichts zu lachen hatte. Doch in Pennywithers liebevollen Armen blüht sie auf, auch wenn ihr Latein einiges zu wünschen übriglässt. Nun fühlt sich nur noch Lenoir einsam und vernachlässigt. Ein kleiner Hund ist zwar ein Anfang, aber eine Frau wäre ihm lieber, und so ruft er eine herbei.

Wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Archäologin, die von der Erdkolonie Altair stammt, in einer fernen zukünftigen Zeit. Auch sie war einsam und fühlte sich unter Ihresgleichen fremd. Doch hier bei Pennywither und Lenoir kommt sie sich heimisch vor. Das Quartett plus Hund beginnt ein gemeinsames Leben. Schließlich ist es April in der Stadt der Liebe, und die Kastanien blühen …

Mein Eindruck

Dies ist natürlich eine sehr romantische, etwas naive Geschichte. Aber sie hat bereits wichtige Grundmerkmale vieler Geschichten Le Guins. Die beiden Doctores dürsten nach Wissen und ergründen die Welt, deshalb haben sie keinerlei Problem damit, sich mit Angehörigen anderer Völker anzufreunden und ebenfalls auszutauschen: den Frauen Bota und Kislk. Auch Kislk dürstet nach Freundschaft und Wissen, Bota sucht Freiheit, Zuneigung und Liebe. Sie bilden das, was man heute auf Facebook und MySpace eine kleine Community nennen würde. Es ist wirklich eine sehr schöne Geschichte.

Die Meister

Vierzehn Generationen nach dem „Höllfenfeuer“ (= Atomkrieg) hat sich die Stadt Edun wieder so weit berappelt, dass sie eine Art mittelalterliche Gesellschaft besitzt, die sogar über Industrie in Gestalt einer Dampfmaschine verfügt. Doch die göttliche Sonne verhüllt stets ihr Antlitz hinter einer dichten Wolkendecke, und um Gott nicht zu erzürnen, ist jegliche Ketzerei verboten und wird mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen bestraft.

Der junge Mann Ganil wird in einer feierlichen Zeremonie in den Orden der Meister aufgenommen. Es gibt nur eine Stimme, die ihm einflüstert, nicht zu schwören, und diese gehört Mede Fairman, der sich mit Ganil anfreundet. Wie sich herausstellt, hegt Mede in der Tat ketzerische Gedanken, so etwa über die Idee der „schwarzen Zahlen“, mit denen man viel besser und leichter rechnen kann als mit den abgesegneten lateinischen Zahlen. Allein der Begriff einer Zahl für das Nichts liegt schon jenseits des Erlaubten. Doch da fängt Mede mit seiner neuen Algebra erst an, und Ganil entwickelt sie weiter. Zusammen mit dem alten Yin, dem die rechte Hand amputiert wurde, entwickeln sie die Physik der Bewegungen – auch für die göttliche Sonne.

Und so kommt es, wie es kommen muss. Als Sympathisant des Ketzers Mede, der „die Entfernung zwischen der Erde und Gott messen wollte“, lassen die Meister auch Ganil verhaften und befragen ihn durch Folter. Nun droht auch er seine Hand zu verlieren. Wie wird er sich entscheiden?

Mein Eindruck

Dies ist die Story über eine Revolution, die aus dem Wissen geboren ist, nicht aus dem Glauben. Die Physiker um Mede, Ganil und Yin schauen weiter als über den Umkreis des Erlaubten, was sie zu Ketzern macht. Interessant ist, dass ihre Widersacher sowohl Priester als auch die Meister, die Hüter des erlaubten Wissens, sind. Hier hat sich also die Wissenschaft in den Dienst des Glaubens gestellt.

Die Ganil-Revolution kommt somit einer Rebellion vom Format eines Galileo Galilei gleich, der auf der Kopernikanischen Wende (Sonne als Zentrum des Universums) aufbaute. Natürlich spielt auch die Option einer Ehe eine gewisse Rolle, aber für Ganil Wissen und dessen Freiheit offenbar wichtiger als Ehe und Kinder.

Ein Kasten voll Dunkelheit

In einer Welt ohne Sonne kann es ekeinen Schatten geben, und so läuft Dicky, der Sohn der Hexe, schattenlos über den Strand. Er will seiner Mutter bringen, was er gefunden hat: einen Kasten voll Dunkelheit. Sie sagt ihm, er soll darauf achtgeben, kocht, isst mit ihm und legt sich wieder aufs Ohr. Doch da läuft ihr Sohn wieder mit seiner Katze über die Dünen und trifft dort Prinz Rikard, den Sohn des Königs. Er schenkt ihm den Kasten. Doch alles, was im Reich gefunden wird, gehört dem König, und so reitet Prinz ins Schloss …

Jeden Vormittag schlägt der Prinz eine Schlacht gegen seinen Bruder, der mit drei Schiffen am Strand landet, um sein Erbe zu beanspruchen. Jeden Vormittag kehrt der Prinz siegreich zu seinem Vater zurück. Jeden Vormittag ist es zehn Minuten vor zehn Uhr, als er er das Schloss erreicht.

Der König, der auf einem Thron zwischen Chimären sitzt, erkennt den Kasten warnt – er warf ihn einst selbst ins Meer, doch dieses verweigert die Annahme. Der König gibt den Kasten Rikard zurück, warnt ihn aber davor, ihn zu öffnen. Doch in seinem sonnenlosen, kerzenhellen Zimmer ohne Schatten sackt der Prinz müde in seinen Sessel. Des Kampfes überdrüssig leert er den Kasten über sich aus: Dunkelheit und Schatten breiten sich aus. Als er einen Greif erschlägt, bleibt das Tier tot. Die Uhr schlägt dröhnend zehn.

Als Rikard diesmal in die Schlacht reitet, weiß er, dass nur einer von beiden Brüdern zurückkehren wird – endlich …

Mein Eindruck

Diese märchenhafte Welt ist zunächst anders als unsere: sonnen- und todlos, unsterblich, aber in einer Endlosschleife der Wiederholungen gefangen. Doch die Dunkelheit ändert alles, und als der Tod endlich herrscht, scheint auch die Sonne. Man weiß nicht, welches die Bedingung für das andere ist, doch eins ist klar: Dies ist unsere Welt der Sterblichkeit, und wir sehen, dass es wahrscheinlich besser ist als die Alternative. Nur eine Sache wird nicht geklärt: Wer erschuf die Dunkelheit?

Das lösende Wort (Erdsee 1)

Diese Geschichte spielt irgendwie im Erdsee-Archipel. Der Zauberer Festin, der die Bäume liebt und hütet, ist von einer unbekannten Macht niedergeschlagen und in einen von Trollen bewachten Kerker gesperrt worden. Doch wie sich befreien? Ohne seinen Zauberstab ist Festin nur halb so stark. Die üblichen Zaubersprüche wirken nicht, denn den Kerker bewachen Bannsprüche. Selbst die schwierigsten Verwandlungszauber vermögen ihn nicht zu befreien: als Fledermaus, Luftstrom, Falke, Ring – nichts hilft. Er wird im Gegenteil mit jedem Versuch schwächer.

Schließlich merkt er, was er sein Gegner, bei dem es sich gewiss um Voll den Fell handelt, nicht bedacht hat: Alle anderen Zauberer versuchen, am Leben zu bleiben. Was, er dies nicht täte? Er spricht das lösende Wort, das nur einmal gesprochen werden kann, und seine sterbliche Hülle stirbt. Als Geist wandelt er ins Land jenseits der Mauer, ins Land der Toten. Dort ruft er Voll, der diesem Ruf gehorchen muss. Festins Geist verfolgt Voll, bis dieser nicht mehr kann und um Gnade fleht. Festin bannt ihn in das Skelett eines alten Mannes, das sofort zerfällt. An dieser Stelle wacht Festin fortan über den Zugang zum Land der Lebenden, bis die Berge zerfallen.

Mein Eindruck

Diese frühe Erdsee-Geschichte kennt noch einen anderen Zauberer als Ged als Hauptfigur, aber schon hier wird das Thema aus dem dritten Erdsee-Roman mit Ged, „Das ferne Ufer“, angeschnitten. Darin muss Ged ins Land der Toten wandern, um den Störenfried zu finden, der Erdsee bedroht.

Der besondere Reiz an der vorliegenden Urform liegt in den zahlreichen Methoden, sich zu befreien und zu verwandeln. Außerdem ist Festin als Freund der Bäume und Pflanzen charakterisiert, quasi ein Baumhüter, wenn auch kein Ent. Diese Figur findet sich zum Revolutionär gewandelt in Le Guins Roman „Das Wort für Welt ist Wald“.

Die Namensregel (Erdsee 2)

In Erdsee gibt es die Weißen Magier, die nicht so netten Zauberer – und es gibt die Hexenmeister, die jeder auf den vielen Inseln zum täglichen leben braucht, so wie man einen Schreiner braucht. So ein Hexenmeister ist auf Sattins Island der krummbeinige dicke Mr. Underhill. Er ist besser als gar keiner, aber nicht viel von einem Zauberer.

In der Schule fragt die Lehrerin Palani ihre Fünfjährigen, warum Mr. Underhill diesen Namen trägt, wo doch jeder weiß, dass niemand einfach so seinen Namen verrät. Ganz richtig sagen die Kinder, dass dies nicht sein Wahrname sein könne, denn wer den wahren Namen eines Dinges wissen, der beherrsche es auch. Also gebe es den Rufnamen, den ein Mensch annehme, ganz bestimmt aber ein Hexenmeister. Mr. Underhill nickt beifällig, denn genauso ist es. Underhill heißt er, weil er in einer Höhle unter einem Hügel wohnt. Und ein Bann verschließt den Zugang gegen allzu neugierige Zeitgenossen auf der Insel.

Eines Tages trifft ein junger schwarzbärtiger Mann allein mit einem Boot ein. Das kann nur ein Zauberer sein, und einen großen Stab trägt er auch. Gespannt warten die Dorfbewohner, was passiert, denn der alte Käptn Fegano sagt, dass zwei Zauberer auf einer Insel schlecht sei: zu viel Konkurrenz. Tatsächlich dauert es nur eine Woche, bis Blackbeard sich eingehend nach Mr Underhill erkundigt. Zusammen mit dem dümmlichen Fischer Birt macht er sich zu Underhills Höhle auf. Weil er nämlich den wahren Namen von Mr Underhill kenne, werde er ihn zwingen, den Schatz, den er ihm, dem Seelord von Pendor, gestohlen, wieder herauszurücken.

Tatsächlich entbrennt ein Wettstreit der Verwandlungen, bis der Seelord es schließlich wagt, den wahren Namen Underhills auszusprechen: „Yevaud!“ Doch die Wirkung ist keineswegs die erwartete, und bald ändert sich das Leben auf der Insel auf verhängnisvolle Weise. Nur der Fischer Birt entkommt, denn er hat die Lehrerin in sein Boot gepackt und ist sofort wie wild in Sicherheit davon gerudert …

Mein Eindruck

Die abenteuerliche Geschichte, die zunächst so harmlos beginnt, dient lediglich dazu, einen grundlegenden Aspekt der Erdsee-Magie zu illustrieren: dass das Wissen über den wahren Namen eines Dinges Herrschaft über dieses Ding verleiht. Diese Idee ist keineswegs neu, sondern war in Kriegergesellschaften wie den nordamerikanischen Prärierindianern und schon bei den alten Kelten weit verbreitet. Es gab sogar vielfach Rufnamen, die wie Ehrentitel vom Vater auf den Sohn vererbt wurden, so etwa auch „Crazy Horse“.

Die Autorin verleiht der Enthüllung des Wahren Namens von Mr. Underhill (den Tarnnamen Frodos in Band 1 des „Herrn der Ringe“) eine ironische Wendung, allerding nicht zum Guten, sondern zum Schlechten: denn Yevaud ist wirklich ein räuberischer Drache. Und er hat seit langer Zeit keine ordentliche Drachen-Mahlzeit mehr gehabt …

Der König von Winter

Der Winterplanet Gethen ist in zwei Reiche aufgeteilt, in Karhide und Orgoreyn. Die Bewohner sind androgyn und entscheiden erst in der Zeit der Kemmer, welchem Geschlecht sie angehören wollen. (Deshalb kann ein männlicher Titel ein weibliches Pronomen besitzen!) Die Abgesandten der Ökumene der Welten (Ekumen) beobachten die politischen Verhältnisse auf der kalten Welt, die sich laufend verändern, mit angespannter Sorge.

In Karhide ist die brutale Herrschaft des Königs Erman mit seinem Tod zu Ende gegangen, und König Argaven XVII ist ihr Nachfolger. Doch eines Nachts stellt eine Wache in Erhenrang, der Hauptstadt, den jungen König Argaven, der angeblich in den Bergen weilt, auf der Straße und identifiziert sie anhand einer Münze. Sofort wird Argaven ins Schloss gebracht und von Arzt Hoge und Lordkanzler Gerer betreut. Beide sind bestürzt über die Einstiche in Argavens Ellenbeugen: Gehirnwäsche! Es wundert sie nicht, als Argaven lauthals verlangt abzudanken.

Steckt Orgoreyn dahinter? Der Ekumen-Gesandte Axt eilt von Orgoreyn nach Erhenrang in Karhide, um einen möglichen Krieg zu verhindern. Doch der Täter bleiben weiterhin unbekannt, und so gibt es keine Vergeltungsaktionen. Vielmehr muss sich Axt Sorgen um die liebe Argaven machen. Der König hat Angst, psychologisch so programmiert worden zu sein, dass er sein eigenes Reich vernichtet wird. Er hat zwei Alternativen: Selbstmord oder Flucht. Weil Argaven bereits einen einjährigen Erben hat, lässt sich Axt zu letzterem überreden: Argaven reist nahezu lichtschnell zur Zentralwelt Ollul, um sich dort den Hirnklempnern anzuvertrauen. Bei dieser Reise vergehen auf Gethen 25 Jahre, für Argaven aber nur 15 Stunden.

Nach ihrer „Reparatur“ lernt Argaven zehn Jahre lang auf Ollul, wo alle ihre Kommilitonen krampfhaft bemüht sind, die zweigeschlechtliche Studentin nicht als pervers anzusehen. Beim Abschluss der Uni bittet der oberste Sektorchef der Ekumen Argaven, nach Gethen zurückzukehren, denn dort werde sie gebraucht. Auf dieser nahezu lichtschnellen Reise vergehen für Gethen weitere 25 Jahre, für die Passagierin aber nur wenige Stunden.

Als sie auf dem Ekumen-Stützpunkt ankommt, hat sich binnen rund 50 Jahren viel auf Gethen verändert. Ihr Sohn Emran hat Karhide zugrunde gerichtet und die Westprovinz mitsamt der alten Hauptstadt Erhenrang an Orgoreyn verloren. Doch es gibt Rebellen, allen voran die Anhänger der ehemaligen Königin, die mittlerweile sehr betagt sind, aber mit Tränen in den Augen ihre junge Gestalt willkommen heißen. Der Widerstandskampf der Königsmutter Argaven gegen ihren eigenen Sohn beginnt – und der Kreis schließt sich …

Mein Eindruck

Eine absolut geniale Erzählung! Die Autorin benutzt wieder einmal die Effekte der Zeitdilatation wie schon in „Semleys Geschmeide“. Dadurch wird die Geschichte eindeutig als SF erkennbar. Soweit so gut. Doch nun kommt noch ein Faktor hinzu: die Fähigkeit der Vorhersage.

Diese spezifische Fähigkeit der Gethenianer erweist sich zur Verblüffung des Lesers als von vornherein, bereits in der ersten Szene, wirksam: Der „alte König Emarn“ ist nämlich kein anderer als Argavens eigener Sohn, den sie als Säugling verließ! Dadurch schließt sich der Kreis der Geschehnisse. Und wer sich bislang gefragt hat, was die erste Szene sollte, erkennt nun, dass es sich um einen Vorausverweis auf den Schluss der Geschichte – und somit der geschilderten Ereignisse – handelt.

Diese Novelle vermittelt einen kleinen Vorgeschmack auf die Wunder, die der Roman „Winterplanet / Die linke Hand der Dunkelheit“ für den Leser und die Leserin bereithält. Und die Sache mit den weiblichen Pronomen für männliche Titelträger wie „König“ oder „Lordkanzler“ erklärt die Autorin in ihrer Vorbemerkung, so dass sie nicht schwer zu kapieren ist.

Der gute Trip

Lewis Sidney David hat kürzlich seine geliebte Frau Isobel verloren. Nun sucht er einen Ausweg oder Vergessen oder Ablenkung, indem er eine Pille LSD/a nimmt. Oder er bildet sich dies nur ein. So ganz eindeutig ist dies nicht. Auf jeden Fall aber sehnt er sich nach Befreiung, nach einer höheren Wahrheit und Klarheit. Deshalb beginnt er, die Hänge des Mount Hood zu besteigen. Dort oben ist es ziemlich kalt, denn der Berggipfel ist stets schneebedeckt. Auf halbem Weg begegnet ihm Isobel und nimmt ihn an der Hand, um ihn hinabzuführen. Er begegnet seinen Freunden, von denen er dachte, sie hätten ihn verlassen. Einem davon, Rick, steckt er seinen LSD-Vorrat in die Tasche und geht weiter. Jetzt ist Lewis froh, dass er das LSD doch nicht alles genommen hat. Aber der Trip zum Berg war gut.

Mein Eindruck

Die Geschichte bedeutet stilistisch und inhaltlich einen überraschenden und für meinen Geschmack enttäuschenden Ausflug in das modische Thema Drogen und psychedelische Zustände. Dem Leser stellt sich das Problem, dass die Erzählperperspektive dem subjektiven Erleben der Hauptfigur entspricht, die zugleich der Erzähler ist. Dadurch sind alle gezeigten Phänomene ungesichert, so etwa die Einnahme einer LSD-Pille, aber auch die Erscheinung eines Geistes: Isobel. Diese Erzählperspektive hat also Vor- und Nachteile. Sie verlangt einen erfahrenen Leser, der mit so etwas umgehen kann.

Neun Leben

Auf dem Planeten Libra bebt regelmäßig die von Vulkanen geprägte Erde. Daher sind die zwei intergalaktischen Bergbauingenieure Alvaro Martin und Owen Pugh froh, als sie endlich Verstärkung kriegen. Zu ihrer Überraschung sehen die zehn Neulinge aber alle genau gleich aus: gut genährt, schwarzhaarig, golden gebräunt, sechs Männer und vier Frauen – ein Klon aus zehn Einheiten. Sie sind andersartig, verständig sich beinahe telepathisch, so als wären sie schon seit ihrer Geburt zusammen – was auch tatsächlich der Fall ist.

Zunächst machen sich die zehn Klone gut und rackern in der Mine „Höllenmund“ für zwanzig, so dass sich Martin und Pugh um intelligentere Arbeiten kümmern können. Doch es kommt zur Katastrophe, als Mutter Libra mal wieder heftig die Hüften schwingt und Polka tanzt: Die Mine stürzt ein. In einem Luftschlitten überlebt von zwei Passagieren nur ein Mann schwerverletzt den Absturz.

Doch dieser Kaph will gar nicht weiterleben, wozu auch, „wenn der größte Teil von mir gestorben ist?“, fragt er. In schweren Anfällen durchlebt er den Tod jedes einzelnen Klon-Mitglieds selbst, bis nur noch er selbst übrigbleibt: erstmals im Leben allein. Nun gleicht er den beiden anderen, Pugh und Martin. Doch erst muss er seine Apathie überwinden.

Einen Tag vor der endgültigen Ablösung erkundet Martin eine gefährliche Erdspalte und wird prompt von einem weiteren Erdbeben überrascht. Felsen zerschmettern sein Vehikel, und sein Anzug sendet ein Signal, das nicht aufgefangen wird. Als Pugh losfliegt, ihn zu retten, und lange ausbleibt, beginnt Kaph, sich wirklich Sorgen zu machen. Das ist neu für ihn. Passt er sich wirklich diesen beiden Fremden an?

Mein Eindruck

Was wie eine der Standardsituationen aus der naturwissenschaftlich orientierten Abenteuer-Zukunftsliteratur à la Heinlein beginnt, entwickelt sich in Le Guins Händen allmählich zur Erkundung einer neuartigen psychologischen Konfrontation. Martin und Owen Pugh sind noch Männer der alten Generation, doch der Klon, eine Art Gestaltwesen, ist etwas völlig anderes – und die Zukunft. Diese Klonwesen, beschrieben nach Le Guins damaligem Wissensstand, agieren wie ein vielgliedriger Organismus. Pugh fragt sich, wie man den Sex zwischen zwei von diesen Wesen bezeichnen müsste: Inzest oder Masturbation?

Das psychologische Problem des plötzlich vereinsamten letzten Klonmitglieds wird in aller Schärfe geschildert, so dass wir wirklich Mitleid mit Kaph bekommen. Ein Mensch, der zeit seines Lebens stets in der Gesellschaft von seinesgleichen gelebt hat, ist plötzlich unter lauter Fremde geworfen, einsam und verletzlich. Doch die Geschichte endet auf einer hoffnungsvollen Note: Freundlichkeit hat noch eine Zukunft, und Kaph wird lernen, dadurch zu überleben, genau wie die alte Generation.

Ständig musste ich bei dieser Story an Theodore Sturgeons Roman „Baby ist drei / Die Ersten ihrer Art“ (O-Titel „More than Human“, 1954) denken. Auch Sturgeon beschreibt ein Gestaltwesen, dessen telepathische Mitglieder verschiedene Aufgaben übernehmen und daduch überleben können. Der Unterschied ist natürlich, dass die Mitglieder nicht geklont sind.

Dinge

Schon bald wird das Land vom Meer überschwemmt werden. Das Ende ist gewiss. Alle Küstenbewohner außer drei Menschen finden sich in dieses Schicksal. Die Weiner klagen und jammern, die Wüter sorgen dafür, dass alle Dinge zerstört werden und dem Meer nichts als Beute übrigbleibt. Folglich darf auch nichts Neues gebaut werden.

Einer der drei Menschen ist Lif, der Ziegelbrenner. Wozu soll er noch Ziegel brennen, wenn niemand mehr bauen darf? Doch Lif hatte einen Traum von den Inseln jenseits des Meeres, die Frage ist deshalb, wie er dorthin gelangt. Er kann nicht fliegen und nicht schwimmen noch tauchen. Sein Volk kennt keine Boote, die auf dem Wasser schwämmen; seine Behälter sind zu leicht oder zu schwer, Holz ist hier unbekannt. Also tut er das einzige, was ihm übrigbleibt: Er baut einen Dammweg.

Die zwei anderen Zurückgeblieben, die weder Weinern noch Wütern ins Gebirge gefolgt sind, sind eine Witwe und ihr Kleinkind. Sie hilft Lif, gibt ihm zu essen, denn er ist der einzige, der ihrem Kind eine Perspektive bietet. Misstrauisch beäugt von den Sprechern der Wüter baut Lif seinen Dammweg unter der Wasseroberfläche: Es sieht aus, als würde er alle seine überflüssigen Steine wegwerfen.

Dann kommt der letzte Tag, als es weder Steine mehr noch Essen gibt. Sie müssen aufbrechen. Alle anderen sind schon fort. Sie gehen nicht in die Berge und nicht die Küste entlang, sondern auf Lifs Dammweg hinaus. Am Ende des Weges wartet der Abgrund und der letzte Schritt. Just in diesem Moment erblicken sie das weiße Segel …

Mein Eindruck

Dies ist eine Sisyphus-Geschichte über Hoffnung angesichts des sicheren Endes. Das Milieu vom Meeresstrand kennt die Autorin aus dem Bundesstaat Washington von der wilden Pazifikküste des Nordwestens. Deshalb wirkt es besonders realistisch geschildert, obwohl wir so gut wie nichts über die Gesellschaft an der Küste erfahren, geschweige denn darüber, warum das Ende nahe sein soll. Dadurch liest die Geschichte wie ein Gleichnis oder eine Parabel. Aber es ist eine Vision von der Bedeutung des stillen Widerstandes (Lif) und der Hoffnung ohne Aussicht auf Erfüllung. Dass diese Hoffnung dennoch erfüllt wird, ist ein Geschenk – das von Gott, dem Schicksal oder was auch immer. Insofern lässt sich die Geschichte als Prolog zu der Story „Der Tag vor der Revolution“ am Ende dieses Bandes lesen.

Reise in die Erinnerung

Zwei menschliche Wesen erscheinen auf einer Waldlichtung. Ist dies die Erde, fragt der eine. Vermutlich, antwortet der andere. Dann vergisst der Erste seinen Namen und wird ein Nichts. Plötzlich kann er die Dinge nicht mehr beim Namen nennen. Da er dies nicht aushält, nennt er sich Ralph. Unvermittelt fühlt er sich in die Südstaaten versetzt und macht einer Frau namens Amanda, die in strahlendes Weiß gewandet ist, einen romantischen Liebesantrag, den sie gerne annimmt. Sie küssen sich. Das reicht ihm nicht und er dreht die Uhr 20 oder 30 Jahre vor: Sie treiben es unter einem Baum, wild. Er hört auf, Ralph zu sein und wird wieder Nichts.

Vielleicht ist er ja Jean-Paul Sarte, schlägt der andere vor. Das wäre schrecklich, findet Nichts. Dann vergessen sie alles wieder. Und Nichts läuft in den Wald, wo namenlose Tiger brennen.

Mein Eindruck

Die Autorin wendet hier den Existenzialismus Jean-Paul Sartres auf zwei Menschen ohne Erinnerung an. Sie dürfen keine Erinnerung haben, weil sie in die Welt geworfen wurden: Das ist eine Grundvoraussetzung der Existenzphilosophie Sartres. Die Geworfenen sind frei, alles zu tun und alles zu werden. Leider können sie sich an nichts erinnern, was das Unterfangen schwierig bis lächerlich macht. Sogar Sex à la Sartre (er hatte ja die Beauvoir) ist auf die Dauer nicht befriedigend, wenn man Nichts ist. Die Tiger, die im Wald brennen, hat William Blake erfunden, auch ein großer Philosoph und Schriftsteller. Sie ebreiten dem Spuk wohl ein Ende.

Unermesslich wie ein Weltreich – langsamer gewachsen (1971)

Das Forschungsschiff Gum wird von der Liga der Welten ausgesandt, um in einem kosmischen Gebiet, das von den Hainish noch nicht besiedelt wurde, nach einer bestimmten grünen Welt zu suchen, Nr. 4470. Die zehn Besatzungsmitglieder sollen herausfinden, ob die Welt für die Ausbeutung oder Besiedlung geeignet ist. Um sie geeignet für diese zeitlich sehr umfangreiche Exkursion zu machen, weisen sie alle – Terraner wie Hainish, Cetianer wie Beldener – besondere Charaktermerkmale auf, die man unter anderen Umständen als „neurotisch“ bezeichnen würde, die ihnen aber helfen, die Einsamkeit zu überwinden, insbesondere nach der Heimkehr, wenn nach 250 Jahren keiner ihrer Verwandten mehr am Leben sein wird.

Schon auf dem nahezu lichtschnellen Hinflug verbünden sich die neun anderen Crewmitglieder gegen die Nummer 10, Mr. Osden, den einzigen Empathen an Bord. Sie nennen ihn ein Ekelpaket. Dazu gehört nicht viel Gehässigkeit, denn Osden tut alles, um diesen Eindruck noch zu bestätigen: Es ist seine Art, die Aggression, die man ihm entgegenbringt, zurückzuwerfen. Dass durch diese sich selbst verstärkende Feedbackspirale die Aggressionen nicht gerade abgebaut werden, versteht sich von selbst.

Kaum ist man nach der ersten Erkundung und Kartierung gelandet, schickt die Kommandantin Osden in den nahen Wald, und Osdens Entfernung löst bei allen sofortige Erleichterung aus. Die Emotionen können wieder frei strömen und Olleroo, die promiske Beldenerin, hat mit allen Sex. Doch dann bleiben eines Vormittags Osdens Meldungen aus. Als die Kommandantin mit einem Helfer nachschaut, finden sie Osdens Camp verlassen vor. Sie suchen im dichten Gebüsch und finden Bewusstlosen mit dem Gesicht im Dreck. Er wurde mit einem stumpfen Gegenstand fast der Schädel eingeschlagen. Kaum fasst sie ihn an, wird die Kommandantin von einer Welle der Angst und Panik erfasst, so dass sie fast ohnmächtig wird. Mit Müh und Not reißt sie sich am Riemen, so dass sie Osden mit ihrem Helder ins Flugboot schaffen kann.

Das, was Osden vor und in seiner Bewusstlosigkeit empathisch gefühlt hat, geht über das Vorstellungsvernögen so manchen Crewmitglieds hinaus: Könnte es sein, dass die Wurzeln, Bäume, Grashalme alle den den Neuronen, Sensoren und Synapsen eines Gehirn entsprechen? Wenn ja, dann besteht die ganze Welt aus einem einzigen großen Organismus, der in der Lage ist, Gefühle zu empfangen und zu senden! Das Problem: Da es bislang das einzige Wesen in seinem Universum war, empfindet es Angst, wenn es dem Anderen, dem Fremden begegnet, und sendet diese Abwehrreaktion derart stark, dass, durch Osden verstärkt, alle Besatzungsmitglieder in Panik verfallen.

Aber wie ließe sich diese negative Feedbackspirale durchbrechen, fragt die Kommandantin den auf einmal so kooperativen Osden. Osden muss an seinen eigenen Werdegang vom autistischen Kind-Empathen hin zum verantwortungsbewussten, aber abweisenden Erwachsenen denken, den sein Psychiater ihm ermöglicht hat. Vielleicht gelingt ihm so die Heilung dieser Beziehung: Er muss sich dem Anderen, dem Planetenbewusstsein, gänzlich hingeben, so dass es ihn nicht wieder abwehrt, sondern in sich aufnimmt …

Mein Eindruck

Der Titel der Erzählung von 1971 geht auf das Gedicht „To his Coy Mistress“ des englischen Barockdichters Andrew Marvell zurück: „Our vegetable love should grow / Vaster than empires, and more slow …“. Der zweite Vers lieferte auch den Originaltitel. Dabei spielt besonders das Wort „vegetable“ eine Schlüsselrolle: In der Geschicht ist damit wohl das pflanzliche Gehirn der Welt 4470 gemeint, die „vaster than empires“ erscheint, und doch langsamer ist.

Die Story ist im Hainish-Universum platziert, das die Autorin mit drei ersten Romanen sowie dem Kurzroman „Das Wort für Welt ist Wald“ (1972) schon eindrucksvoll entworfen und geschildert hatte, bevor sie mit „Die linke Hand der Dunkelheit“ einen preisgekrönten Roman veröffentlichte, der bis heute zu den SF-Klassikern gehört (siehe oben unter „Der König von Winter“).

Sowohl in „Unermesslich …“ als auch „Das Wort für Welt ist Welt“ schickt die Autorin Forschungsexpedition auf Welten, in denen Pflanzen die dominante Spezies darstellen. Doch wie können bewegliche Organismen wie Menschen und Hainish mit diesen Wesen koexistieren, lautet die Frage, wenn doch beide so unterschiedlich sind. Hier treffen Welten der Psychologie aufeinander. Doch wieder kommt Le Guins Philosophie zum Tragen, die dem fernöstlichen Taoismus nähersteht als der westlichen Dialektik: Gegensätze müssen aus These und Antithese nicht eine Synthese bilden, sondern lernen, in einer Balance zu koexistieren, ohne dass ein Kampf stattfindet. Man denke beispielsweise an das Paar Yin und Yang und die damit verbundenen Kräfte.

In der Geschichte gibt es jedoch einen mächtigen Störfaktor, der die Entstehung der Balance fast verhindert. Es handelt sich nicht etwa um Osden, sondern um Porlock, einen Hainish, der von einer Art Paranoia gepackt wird, als er auch nur den Gedanken an ein Weltgehirn aus Pflanzen fassen soll. Schließlich stirbt er in der Begegnung mit diesem Wesen vor Angst, während sich Osden dem Weltgehirn ergibt und Frieden findet. Die Autorin deutet damit an, dass diejenigen, die sich dem Tao-Prinzip nicht beugen, sondern in Furcht und Ablehnung verharren, schließlich geistig zerbrechen werden.

In „Das Wort für Welt ist Wald“ wendet sich das scheinbar so friedliche Tao-Prinzip in einen Widerstandskampf gegen jene terranischen Ausbeuter, die den Wald vernichten wollen. Die Novelle wurde als ein Gleichnis auf den Vietnamkrieg der USA gelesen. Folgerichtig erschien sie in Harlan Ellisons provokativer Anthologie „Again, Dangerous Visions“ (1972).

Die Sterne unten

Die Geschichte beginnt wie eine Fortsetzung von „Die Meister“: Der Astronom Guennar wird wegen angeblicher Ketzerei beinahe in seinem Observatorium verbrannt, doch durch einen Unterschlupf überlebt er, so dass Graf Bord anderntags findet. Bord ist kein Strenggläubiger, sondern hilft dem verwirrten jungen Mann, sich in einer alten Silbermine in Sicherheit zu bringen, und versorgt ihn dort mit Essen usw. Außerdem muss er ihm klarmachen, wieso die Soldaten des Bischofs hinter Guennar her sind.

Doch Guennar fehlt die Große Uhr des Universums und er sucht wieder Sterne, wie von jeher. Als er, wie von Bord geraten, tiefer in die Mine vordringt, stößt er auf glimmendes Gestein – und auf alte Bergleute, die ihn mit Proviant unterstützen. Zunächst ahnen sie nicht, dass er ein Gelehrter ist, doch seine Fähigkeiten werden durch das Bauen von Geräten offensichtlich. Dennoch sind sie weiterhin freundlich und tolerant ihm gegenüber. Aber er ihnen auch noch sagt, dass er mithilfe seiner Linse und des speziellen Geräts dafür die Sterne im Stein sehen können, halten sie ihn für ein klein wenig durchgeknallt. Das kommt davon, wenn man nie an die Oberfläche geht.

Kurz bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwindet, bezeichnet er dem Ältesten eine Stelle in einem aufgegebenen Teil der Mine, an der er die Sterne in der Tiefe finden werde. Und tatsächlich: Als sie an der bezeichneten Stelle, die wie mit einem Sternbild verziert ist, graben, stoßen sie einen Fuß unter der Oberfläche auf eine reiche Silberader: unermesslicher Reichtum …

Mein Eindruck

Was wie ein Remake von „Galileo Galilei“ beginnt, wendet sich unversehens in eine Erkundung von Moria, mit den Bergleuten als Zwergen. Nur dass diesmal Galileo die Sterne nicht im Himmel findet, sondern unter der Erde, als wären sie Mithrilsilber. Die Aussage ist jedoch klar: Für den, der sich zu sehen und zu suchen traut, hält die Schöpfung überall Wunder und Erkenntnisse bereit – egal wo. Und das ist eine optimistische Botschaft, die man gerne unterschreibt. Das Dumme ist nur, dass es immer mehr Leute gibt, die einem das ungehinderte Sehen verbieten wollen.

Sehbereich

Die Mars-Expedition Psyche 14 ist zurückgekehrt, doch der unvermittelte Abbruch der Funkverbindung kurz vor der Landung im Pazifik lässt die Bodenkontrolle in Houston nichts Gutes ahnen. Ihre Mitarbeiter werden nicht enttäuscht: Commander Rogers ist bereits seit zehn Tagen tat, und es ist klar, warum die anderen beiden Astronauten seinen Raumanzug nicht geöffnet hatten (er ist schon etwas angegammelt). Aber auch Temski und Gerry Hughes haben ihre Probleme, wie im Militärhospital bald klar wird. Hughes ist funktionell blind und Temski funktionell taub. Das heißt, dass ihre Sinnesorgane zwar intakt und funktionstüchtig sind, ihr Gehirn aber so überlastet ist, dass es die Wahrnehmung blockiert. Die Frage nach der Quelle dieser Überlastung soll erstaunliche Antworten liefern.

Die Mission der drei Astronauten bestand darin, auf dem Roten Planeten rätselhafte Formationen zu erkunden, die als eine vorzeitliche „Stadt“ angesehen werden konnten, und an Ort D, der als „Zimmer“ bezeichnet wurde, befanden sich „Briefkästen“ – allesamt hilflose Versuche, menschliche Begriffe dem Unbegreiflichen aufzuzwingen. Hughes, der Geophysiker, weigert sich, diese Versuche anzuerkennen. Er ist einfach zu intelligent, ein richtiger Intellektueller. Was kann man von so einem schon erwarten, fragen sich die Militärs.

Aber das Rätsel um Temski und Hughes muss gelöst werden, nicht nur wegen der Forschungsmittel, sondern auch wegen der Angehörigen der beiden, die ihre Lieben zurückhaben wollen. Dr. Sidney Shapir erzielt mit unendlicher Geduld einen Durchbruch – und doch wieder nicht. Temski kann er die Ohren verstopfen, und plötzlich ist dessen Gehirn nicht mehr blockiert, sondern empfangsbereit für andere Wahrnehmungen. Temski lernt, seine Gedanken niederzuschreiben, und der blinde Hughes kann mit ihm per Schreibmaschine kommunizieren. Ihr Dialog ist faszinierend.

Bei einem Ausflug ans Tageslicht auf dem Dach des Hospitals bricht Hughes angesichts der Lichtflut und eines unbekannten Anblicks zusammen – ein herber Rückschlag. Aber was ist es, was ihn ständig so überwältigt? Und was ist es, was Temski, der sich mittlerweile geradezu normal verhält, als überirdisch schöne Musik bezeichnet?

Mein Eindruck

Wie mag es wohl, das Antlitz Gottes wahrzunehmen? Psyche 14 hat Gott in den Ruinen einer 700 Mio. Jahre alten Siedlung entdeckt. Kein Wunder also eigentlich, dass die Sinne der drei Astronauten völlig überlastet sind. Aber wer glaubt schon an ein solches Wunder? Es widerspricht jeder Art von Vernunft. Allein schon der Glaube an die Existenz Gottes verlangt einen Sprung hinweg von der Vernunft. Das kann jeder in der Bibel nachlesen und braucht dazu nicht mal ein Damaskus-Erlebnis wie Saulus, der zu Paulus wurde, der wichtige Apostel, der das Christentum erfand (denn vorher war Jesus bloß ein weiterer jüdischer Prophet gewesen).

Was Le Guins Story so überaus faszinierend macht, ist erstens die Tatsache, dass sie sich streng an die Methode der naturwissenschaftlichen Science-Fiction hält, diese aber mit höchst psychologischen Einsichten und sogar philosophisch-religiösen Gedanken auflädt. Dadurch wird die Suche nach jener Ursache, die Hughes geblendet und Temski betäubt hat, zu einer spannenden Ermittlung, die zu einem unerwarteten Ergebnis führt. Lapidar erfahren wir am Schluss, dass die Nachfolgemission Psyche 15 quasi die Gesetzestafeln eines neuen Evangeliums gefunden hat.

Wegrichtung

Die Ich-Erzählerin ist eine Eiche, die schon fast 200 Jahre auf dem Buckel hat, aber immer noch, das aus einer stolzen Familie stammen, stramm ihren anstrengenden Dienst verrichtet. Zu Anfang des Jahrhunderts gab es in ihrer Gegend nur Menschen mit Kutschen und Pferden. Für diese konnte sie gemächlich wachsen und wieder schrumpfen. Aber dann gab es schon das erste Auto: eine ältere Dame wurde von einem Mann chauffiert. Da musste die Eiche schon schneller wachsen und schrumpfen. Einen Monat gab es Ruhe. Aber dann gings richtig los! Eine Auto nach dem anderen tauchte auf, und die Straße füllte sich, wurde ausgebessert, verbreitert, eine Umgehungsstraße.

Dieser Stress! Aber was tut man nicht alles, um die Ordnung der Dinge aufrechtzuerhalten? Die stolze Eiche wächst und schrumpft, bewegt sich auf ein Auto zu – und von einem anderen Weg. Ein kleines Kunststück, nicht wahr, diese Aufteilung in zwei oder mehr verschiedene Richtungen? Die Eiche ist stolz auf diese Leistung.

Doch dann tötet sie. Wird zum Mörder. Notgedrungen. Und das kommt so: Eines der Autos überholt, trifft aber auf unerwarteten Gegenverkehr. Was ist zu tun? Die Eiche tritt ihm in den Weg, und es kommt zur Kollision. Ihr macht das nicht viel aus, aber das Auto erleidet Totalschaden, der Fahrer stirbt. Aber bevor er die Existenz des Todes anerkennt, erblickt er die Eiche so, wie sie ist. Und er erblickt in ihr die Ewigkeit. Das geht ihr völlig gegen den Strich, denn sie steht für die Sterblichkeit, und protestiert – daher diese Eingabe, um auch mal die andere Seite zu Wort kommen zu lassen.

Mein Eindruck

In dieser kuriosen kurzen Story wendet die Autorin die Relativität des Blickwinkels, ja, den Wechsel der Perspektive, um: Nicht der Fahrer bewegt sich, so dass die Dinge perspektivisch zu wachsen und zu schrumpfen scheinen, sondern es sind diese Dinge selbst, nämlich die Eiche, die tatsächlich wachsen und schrumpfen, sich nähern und wieder entfernen.

Die Dinge werden durch diese Umkehrung aus passiven Objekten zu aktiven Subjekten. Die Eiche ist denkendes und fühlendes Wesen – die Autorin beweist immer wieder ihre Empathie für Bäume. Und daher kann die Eiche auch töten. Sie will die „Ordnung der Dinge“, wie sie sie versteht, aufrechterhalten. Ein Opfer muss dafür gebracht werden. Leider geht dabei etwas schief. Immer wieder stellt Le Guin „die Ordnung der Dinge“ in Frage und legt so die Grundprinzipien der menschlichen Existenz bloß.

Die Omelas den Rücken kehren. Variationen über ein Thema von William James

Omelas, die Stadt der Freude und des Glücks, liegt zwischen den Bergen und dem Meer, behütet vom strahlend blauen Himmel. Heute ist wie fast jeden Tag ein Fest, und Musik und Lachen erklingen. Die Leute auf den Straßen und Plätzen sind jedoch nicht auf Drogen, wie man vielleicht meinen könnte, sondern einfach nur happy.

Dies sind sie, weil sie alle ein dunkles Geheimnis kennen, das jeder von ihnen im Alter zwischen acht und zwölf Jahren kennenlernt: Dass es in einem Keller oder Untergeschoss ein nacktes Kind gibt, das in einer kleinen, fast lichtlosen Zelle eingesperrt ist und nur einmal am Tag zu essen und zu trinken erhält. Nie lässt der Besucher es frei, nie spricht jemand mit ihm, obwohl es um seine Freiheit fleht.

Das Bewusstsein dieses schrecklichen Geheimnis befeuert die Freude, die Tiefe der Kunst, die Inbrunst der Anstrengungen und Beziehungen. Und sicherlich könnte man nicht verantworten, das Glück der vielen dem Glück jenes einzelnen Kindes zu opfern, nicht wahr. Doch es gibt unter den Besucher auch ein paar wenige, die sich nicht damit abfinden, das leid dieses Kindes hinzunehmen. Sie sind jene, die Omelas, der Stadt des Glücks, den Rücken kehren und hinausziehen in das Unbekannte, allein und ohne Ziel.

Mein Eindruck

„Variationen über ein Thema von William James“, heißt diese berühmte kurze Geschichte. James wird von Le Guin in der Einleitung zitiert: Der Moralphilosoph wirft die Frage auf, ob es moralisch vertretbar ist, die Mehrheit ein Verhalten A tun zu lassen, wenn dies bedeutet, dass eine Minderheit oder ein Einzelner durch dieses Verhalten A zugrunde gerichtet wird. Er ist der Sündenbock, ein dostojewskisches Konzept aus den „Brüdern Karamasow“. Ist seine Existenz gerechtfertigt? Und wenn ja, wodurch? Kann es dadurch zu einem verhalten B kommen?

Die moralische Schuld des Westens gegenüber den armen Entwicklungsländern – sagen wir, Mosambik oder Haiti – spiegelt sich in der Situation von Omelas. Die meisten von uns wissen oder ahnen zumindest, dass wir von der Ausbeutung der Leute in der Dritten Welt ein nahezu fürstliches Leben führen können. Und keiner ist daher willens, dies zu ändern – aus purem Egoismus. Aber was sagt dies über unsere moralische Verfassung aus und was über unsere Berechtigung, mit dem Finger auf Missstände in jenen ausgebeuteten Ländern zu zeigen?

Die Autorin wartet vielleicht jeden Tag auf neue Leser und andere Menschen, die dem glücklichen Omelas den Rücken kehren und andere Wege gehen, weil sie die Schuld nicht mittragen wollen. Eine dieser Dissidentinnen ist Odo, die Begründerin des Anarchismus auf dem Planeten Urras, den die Autorin in ihrem Roman „Planet der Habenichtse / Die Enteigneten“ so eindringlich beschreibt. Es ist der erste und einzige Roman über Anarchismus in der Science-Fiction, wenn nicht sogar überhaupt.

Der Tag vor der Revolution (In Memoriam Paul Goodman 1911-1972)

Die Revolution der Anarchisten dauert immer noch an, doch sie begann an einem Tag vor einem Vierteljahrhundert, als Odo Laia ihren Freund Taviri Asieo suchte, der gerade auf einem Platz gegen Steuern wetterte. 1400 Anhänger Taviris und Odos wurden damals eingesperrt und viele starben im Gefängnis. Doch heute ist Odo wieder frei, hat mit ihrem in der Zelle geschriebenen politischen Schriften die Revolution ausgelöst. Sie ist eine alte Frau von 72 Jahren und nach einem Schlaganfall behindert, aber immer noch aktiv.

Ihr Sekretär Noi schreibt jetzt die Briefe an die Rebellen in abtrünnigen Provinz des Staates Thu. Er und viele weitere Anhänger verehren Odo Laia für das, was sie erreicht hat. Aber sie bemitleidet sich ob dieses gebrechlichen Körpers, in dem sie sich nun eingesperrt vorkommt, und bricht zu einem Spaziergang auf die Straße auf. Sie kommt bald ins Schnaufen. Wer bin ich jetzt, fragt sie sich. Eine Anhängerin findet sie, bringt sie zurück. Im Haus, der ihrer Bewegung als Hauptquartier dient, freut man sich auf den Generalstreik: Morgen beginnt die Revolution! Doch ohne sie, entscheidet Odo müde …

Mein Eindruck

Die Autorin ist eine hochdekorierte Wissenschaftlerin, Tochter eines Anthropologen, und hat sich intensiv mit der Idee der Anarchie und den Theoretikern des Anarchismus beschäftigt. Daraus destillierte sie den bahnbrechenden Roman „Planet der Habenichtse“ und die vorliegende Erzählung.

Wenig passiert, doch etwas geht zu Ende und etwas anderes beginnt. Auch das ist notwendiger Teil einer Revolution. Odo erinnerte mich an Mahatma Gandhi, der ja auch den Prozess der Umwälzung in Gang setzte, erst in Südafrika, dann in Indien, das von den Briten beherrscht wurde. Als 1947 die Unabhängigkeit ausgerufen wurde, ging dieser Wandel fast spurlos an ihm vorüber, obwohl er ihn in Gang gesetzt hatte.

Die Story ist ein Porträt des Revolutionärs als alter Mensch, der dem Wandel unterworfen ist wie alles andere auch. Doch statt des Triumphs angesichts der bevorstehenden Erreichung des Ziels zieht sich der Revolutionär müde zurück: sollen andere den Stab übernehmen.

Die Übersetzung

Die Übersetzung ist stilistisch auf einem angemessen hohen Niveau, so dass die gedankliche Tiefe der Autorin durchschimmert. Doch in den Text haben sich zahlreiche Fehler eingeschlichen, die von vergessenen Buchstaben über Kommafehler bis zu falschen Schreibweisen („Country“ statt „County“, S. 197, „der“ statt „des Astronomen“, S. 247) reichen.

Richtig ärgerlich werden die Fehler aber erst, wenn etwa auf S. 204 von einem „gründlichen“ statt eines „grünlichen“ Planeten die Rede ist (in „Neun Leben“). In die gleiche Kerbe hauen die drei Übersetzerinnen in der Novelle „Unermeßlich …“. Auf Seite 231 steht der zweifelhafte Satz: „Dass Empfindungsfähigkeit oder Intelligenz nicht etwas Dringliches sind, dass man sie nicht in den Gehirnzellen finden oder analysieren kann, ist mir bewusst.“ Der Satz ergibt erst dann einen Sinn, wenn man „Dringliches“ durch „Dingliches“ ersetzt: Die Intelligenz ist kein dinglicher Inhalt von Zellen, sondern eine von deren Funktionen.

Solche Stolpersteine tragen nicht gerade zum Lesevergnügen oder zum Verständnis der wichtigen Erzählungen bei. Sie zu eliminieren, wäre die Aufgabe einer modernisierten Ausgabe.

Unterm Strich

Mit hohem Einfühlungsvermögen, sozialem Engagement und intellektueller Brillanz greift die Autorin spekulative Themen der Fantasy und der Science-Fiction ebenso souverän auf wie zeitgenössische und historische Stoffe. Daher verwundert es nicht, dass manche dieser Texte keinen Bezug zu Science-Fiction oder Fantasy haben. Die Autorin fordert ihr Publikum jedenfalls zum Mit- und Nachdenken heraus, denn jede dieser Geschichten will gedeutet, nachbearbeitet werden und entzieht sich dem sofortigen Verständnis. Der Stil, in dem jede Geschichte erzählt wird, ist sehr ausgefeilt und dem Thema jeweils angemessen.

Die Glanzstücke dieser frühen Sammlung sind in meinen Augen die zentralen Novellen „Der König von Winter“, „Neun Leben“ sowie „Unermeßlich …“. Sie legen Einfallsreichtum ebenso wie eine einleuchtende psychologische Wendung mit philosophischem Hintergrund an den Tag, die den Leser mit neuen Erkenntnissen zurücklässt. Auch „Sehbereich“ fand ich beeindruckend, denn es ist eine spannende Ermittlung über die Ursachen der Offenbarung, einer Begegnung mit Gott.

Eintrittskarte zu Le Guins Welten

Die Sammlung bietet dem Einsteiger in die Welt der Phantastik nicht nur bemerkenswerte Erzählungen, sondern zugleich auch den Zutritt zu Le Guins eigenen Welten, die sie in den „Erdsee“-Romanen, den SF-Romanen „Rocannons Welt“, „Die linke Hand der Dunkelheit“ sowie „Planet der Habenichtse“ ausgebaut hat (siehe dazu meine Berichte). Auf dieser Ebene ist eindeutig eine Entwicklung der Autorin abzulesen: Ausgehend von relativ einfacher Fantasy über komplexere SF mit Fantasy-Schauplatz hin zu vielschichtigen SF-Erzählungen wie „Unermeßlich …“, was dann zu einer Verschmelzung von SF und Sozialutopie gipfelt.

Wie die kurze Story „Die Omelas den Rücken kehren“ belegt, muss Kürze keineswegs mit gedanklicher Seichtheit einhergehen, ganz im Gegenteil: Diese kleine Skizze, die keine Handlung vorweisen kann, stellt eine schmerzhafte moralphilosophische Frage. In der Frage, ob sich Freude und Glück vieler angesichts des Leids eines Einzelnen rechtfertigen lässt, manifestiert sich das Schuldgefühl des Westens gegenüber den vormals ausgebeuteten Länder der Dritten Welt. Doch der moderne Raubtier- und Casino-Kapitalismus hat sich binnen 40 Jahren dieses Schuldgefühls entledigt. Heute ist überall Omelas, und es scheint keinen Ort mehr zu geben, wohin sich jene, die ihm den Rücken kehren wollen, noch wenden können.

HINWEIS

Ich möchte auf zwei weitere Erzählungssammlungen hinweisen. Die Erzählungen in „Die Kompassrose“ experimentell und vielseitig. Von Le Guins erfundenem Phantasieland Orsinien erzählen die „Geschichten aus Orsinien“. Eine spätere gute Sammlung, die es allerdings noch nicht im deutschen Taschenbuch gibt, trägt den Titel „Ein Fischer des Binnenmeeres“, verlegt in der Edition Phantasia, Bellheim, die noch weitere Veröffentlichungen der Autorin plant.

Taschenbuch: 334 Seiten
Originaltitel: The Wind’s Twelve Quarters (1975)
Aus dem US-Englischen übertragen von Gisela Stege, Birgit Reß-Bohusch und Margot Kempf
ISBN-13: 978-3485003919
www.heyne.de

John Brunner – Schnittstelle

_Im Provinzkaff ist der Teufel los – oder was anderes?_

In den Provinzstädtchen Weyharrow ist der Teufel los – buchstäblich, wie manche meinen. Die Menschen sind von ungehemmter Aggressivität und begehen Gewalttaten. Selbstmorde und Forderungen nach Todesstrafe sind an der Tagesordnung. Reporter der nationalen Presse schnüffeln schon bald nach dem Grund dieses seltsamen Verhaltens, auch Hippies und Neoheiden lassen sich im Ort unweit von Stonehenge nieder.

Dr. Steven Gloze, ein junger Arzt, und Jenny Severance, eine Lokalreporterin, glauben, dass hinter den Ereignissen nichts Übernatürliches steckt, wie manche gern glauben möchten, sondern ein merkwürdiger Nebel, der einige Nächte vorher über dem Fluss lag. Könnte dieser Nebel die Ursache für die Verhaltensstörungen sein?

_Der Autor_

John Kilian Houston Brunner wurde 1934 in Südengland geboren und am Cheltenham College erzogen. Dort interessierte er sich schon früh „brennend“ für Science-Fiction, wie er in seiner Selbstdarstellung „The Development of a Science Fiction Writer“ schreibt. Schon am College, mit 17, verfasste er seinen ersten SF-Roman, eine Abenteuergeschichte, „die heute glücklicherweise vergessen ist“, wie er sagte.

Nach der Ableistung seines Militärdienstes bei der Royal Air Force, der ihn zu einer pazifistisch-antimilitaristischen Grundhaltung bewog, nahm er verschiedene Arbeiten an, um sich „über Wasser zu halten“, wie man so sagt. Darunter war auch eine Stelle in einem Verlag. Schon bald schien sich seine Absicht, Schriftsteller zu werden, zu verwirklichen. Er veröffentlichte Kurzgeschichten in bekannten SF-Magazinen der USA und verkaufte 1958 dort seinen ersten Roman, war aber von der geringen Bezahlung auf diesem Gebiet enttäuscht. Bald erkannte er, dass sich nur Geschichten sicher und lukrativ verkaufen ließen, die vor Abenteuern, Klischees und Heldenbildern nur so strotzten.

Diese nach dem Verlag „Ace Doubles“ genannten Billigromane, in erster Linie „Space Operas“ im Stil der vierziger Jahre, sah Brunner nicht gerne erwähnt. Dennoch stand er zu dieser Art und Weise, sein Geld verdient zu haben, verhalf ihm doch die schriftstellerische Massenproduktion zu einer handwerklichen Fertigkeit auf vielen Gebieten des Schreibens, die er nicht mehr missen wollte.

Brunner veröffentlichte „The Whole Man“ 1958/59 im SF-Magazin „Science Fantasy“. Es war der erste Roman, das Brunners Image als kompetenter Verfasser von Space Operas und Agentenromanen ablöste – der Outer Space wird hier durch Inner Space ersetzt, die konventionelle Erzählweise durch auch typographisch deutlich innovativeres Erzählen von einem subjektiven Standpunkt aus.

Fortan machte Brunner durch menschliche und sozialpolitische Anliegen von sich reden, was 1968 in dem ehrgeizigen Weltpanorama „Morgenwelt“ gipfelte, der die komplexe Welt des Jahres 2010 literarisch mit Hilfe der Darstellungstechnik des Mediums Film porträtierte. Er bediente sich der Technik von John Dos Passos in dessen Amerika-Trilogie. Das hat ihm von SF-Herausgeber und -Autor James Gunn den Vorwurf den Beinahe-Plagiats eingetragen.

Es dauerte zwei Jahre, bis 1969 ein weiterer großer sozialkritischer SF-Roman erscheinen konnte: „The Jagged Orbit“ (deutsch 1982 unter dem Titel „Das Gottschalk-Komplott“ bei Moewig und 1993 in einer überarbeiteten Übersetzung auch bei Heyne erschienen). Bildeten in „Stand On Zanzibar“ die Folgen der Überbevölkerung wie etwa Eugenik-Gesetze und weitverbreitete Aggression das handlungsbestimmende Problem, so ist die thematische Basis von „The Jagged Orbit“ die Übermacht der Medien und Großkonzerne sowie psychologische Konflikte, die sich in Rassenhass und vor allem in Paranoia äußern. Die Lektüre dieses Romans wäre heute dringender als je zuvor zu empfehlen.

Diesen Erfolg bei der Kritik konnte er 1972 mit dem schockierenden Buch „Schafe blicken auf“ wiederholen. Allerdings fanden es die US-Leser nicht so witzig, dass Brunner darin die Vereinigten Staaten abbrennen ließ und boykottierten ihn quasi – was sich verheerend auf seine Finanzlage auswirkte. Gezwungenermaßen kehrte Brunner wieder zu gehobener Massenware zurück.

Nach dem Tod seiner Frau Marjorie 1986 kam Brunner nicht wieder so recht auf die Beine, da ihm in ihr eine große Stütze fehlte. Er heiratete zwar noch eine junge Chinesin und veröffentlichte den satirischen Roman „Muddle Earth“ (der von Heyne als „Chaos Erde“ veröffentlicht wurde), doch zur Fertigstellung seines letzten großen Romanprojekts ist es nicht mehr gekommen Er starb 1995 auf einem Science-Fiction-Kongress, vielleicht an dem besten für ihn vorstellbaren Ort.

_Handlung_

Das West Country von England ist nicht bekannt für Sensationen, und so beginnt dieser seltsame Freitag im Provinzkaff Weyharrow Goodsir recht unspektakulär. Das soll sich rasch ändern. Der Dorfchronist verspürt einen kreativen Schub und schreibt einen anspielungsreichen Artikel über die Geschichte seines Dorfes, wonach bereits im Namen die Rede von Teufeln und Heiden die Rede sei. Doch als er abspeichern will, meldet ihm die Maschine: „Text erfolgreich getilgt“!

|Ausrutscher?|

Simon, der Gemeindegärtner, bereitet das Frühstück für die Kinder seiner neuen Freundin Sheila zu: die kleine Hilary und der Junge Sam. Da kommt ihm in Sinn, das es gestern noch zwei Jungs gewesen sein könnten, oder? Steve ist sich nicht sicher. Das Cannabis, das er heimlich zieht, ist ein ganz schön starkes Kraut, wow!

Reverend Patrick Phibson begrüßt seine sieben Kopf starke Kirchengemeinde zum morgendlichen Gottesdienst mit der Aufforderung, sie mögen alle einander küssen. Als sich Entsetzen auf den Gesichtern seiner Schäflein ausbreitet, legt er noch einen drauf. Die Bekenntnis, selbst ebenfalls einen Unterleib zu besitzen, löst denn doch Abscheu aus.

Wenig später berichtet ein Bauer seiner stutzenden Frau, wie er seine Viehherde in das Rübenfeld seines Nachbarn getrieben habe. Und dem Hund, der ihn davon abhalten wollte, habe er eine verpasst. Ha! Seine Frau zweifelt an seinem Verstand: Die Nachbarn besitzen und wirtschaften das Rübenfeld seit vorigem Jahr. Was hat da seine Viehherde zu suchen? Und schon klingt das Telefon. Der Bauer gerät ins Schwitzen und zweifelt an seinem Verstand.

|Steven und der Teufel|

Das passiert auch Dr. Steven Gloze, den jungen Vertretungsarzt, der von eben jenem unglückseligen Bauern gleich einen Besuch wegen diverser Blessuren erhalten wird. Da ruft der Apotheker an, Mr. Ratch. Das Rezept eines frisch geschlachteten Huhns könne ja wohl nur ein geschmackloser Witz sein! Als Steve die empfohlene Behandlungsmethode für Arthritis nachschlägt, kann er sie in den Fachbüchern nirgends finden. Wie konnte ihm das bloß in den Sinn kommen, fragt er sich zweifelnd.

Doch als er den Pfarrer abends darauf anspricht, fängt dieser plötzlich an, etwas davon zu reden, dass Weyharrow, wie ja schon der heidnische Name implizieren, vom Bösen Feind, dem Teufel, besessen sei. Steven ist baff, versucht aber, Phibson zu beschwichtigen. Dieser wettert jedoch in seiner Abendpredigt, wie verlottert das Dorf sei, eine leichte Beute für den Widersacher …

|Jennys Problem|

Jenny Severance, Lokalreporterin beim „Chapminster Chronicle“, macht sich zitternd auf den Weg nach Weyharrow. Soeben ist sie um Haaresbreite einer beruflichen Katastrophe entgangen. In einem Anfall geistiger Umnachtung schrieb sie einen Artikel, demzufolge ein bisheriger Aktivist der Friedensbewegung auf einer Kundgebung zum Atomkrieg aufgerufen habe. Aber hallo! In letzter Sekunde vor Abgabe des Manuskript bemerkte sie ihren Irrtum – und der Chef bemerkte ihre Panik.

Jenny hat noch eine Chance, die Scharte auszuwetzen und begibt sich ins Gerichtsgebäude, wo der Gutsherr Sir Basil Goodsir – seine Familie ist im Dorfnamen verewigt – als Richter des Magistralgerichts über einen Fall von Schafdiebstahl zu entscheiden hat. Jenny traut ihren Ohren nicht, als der Richter plötzlich von seinem Sitz aufspringt und wettert, alle Schafsdiebe gehörten am Galgen aufgehängt, wie es schon seit Jahrhunderten der Brauche. Es gebe ja nichts Schändlicheres als ein Schaf zu stehlen. Jenny glotzt wie gelähmt und verpennt es vor Unglauben, diesen aufsehenerregenden Vorfall ihrem Chef zu melden. Dafür bekommt sie einen gehörigen Anpfiff.

In ihrer Not will sie abends entweder den Arzt oder den Pfarrer sprechen. Dr. Steven Gloze läuft ihr zuerst über den Weg, warnt sie vorm Pfarrer und lädt sie zu einem Drink im Pub ein. Dort ereignet sich eine denkwürdige Szene, in dem die Frau des einen Bauern sowohl über ihren Mann Harry herzieht, als auch über Ken, Harrys Gegner mit dem Rübenacker, eine echte Show! Endlich hat Jenny nun eine tolle Story und hängt sich sofort ans Telefon. Inzwischen sind sich Polizei, Arzt, Pfarrer und jede Menge Bürger darin einig, dass es in Weyharrow nicht mehr mit rechten Dingen zugeht. Aber warum? Ist wirklich der Teufel los?

|Der Augenblick der Wahrheit|

Am Abend einer Gemeindeversammlung sprechen erst der Erzdiakon und dann Steven Gloze, um die Wogen zu glätten. Keine gute Idee, denn die Wahrheit muss ans Licht, fordern die Einwohner Weyharrows. Da steht einer der erfahrenen Journalisten auf und zückt sein Notizbuch, um daraus vorzulesen. Es war an jenem Mittwochabend, als sich das Verhängnis über das Dorf legte, vom Fluss aus. Und weil den Journalist, Don Prosher vom angesehenen „Sunday Globe“, auch mit dem Direktor des flussaufwärts gelegenen Pharmawerks gesprochen hat, kann er den Leuten nun mitteilen, welcher Kampfstoff sich im Nebel über dem Fluss ausgebreitet hat – ein Stoff, der die Grenze zwischen Traum und Erinnerung auflöst …

_Mein Eindruck_

John Brunner war ein vielseitiger Autor, der nicht nur Zukunftsromane schrieb, sondern auch Fantasy, Detektivkrimis und Gedichtbände, von seiner Friedensaktivistenprosa ganz zu schweigen. Von diesem Oevre ist bis heute meines Wissens nur die Phantastik bei uns veröffentlicht worden. Seine Essays muss man in der englischsprachigen Fachliteratur zusammensuchen. Dieses zweifelhafte Vergnügen hatte ich, als ich meine Magisterarbeit über ihn schrieb. Das war wohl anno 1986/87. Ich bekam eine Eins minus dafür, auch nicht schlecht.

|Katastrophe mit Folgen|

In „Schnittstelle“ geht es also im Grunde um einen Chemieunfall mit nachfolgender Verseuchung der Bevölkerung, etwa wie in Seveso und Bhopal, nur nicht so verheerend. Brunner war sicher nicht der erste SF-Autor der sich an diesem Thema versuchte (die Amis kamen ihm zuvor), aber es kommt eben darauf an, was man daraus macht. In diesem Roman krepieren keine Schafe, und tote Fische treiben den Fluss Chap auch nicht hinab. Tatsächlich gibt es keinerlei äußerlichen Anzeichen für einen Chemieunfall – wenn da nur nicht die rätselhaften Ausraster und Fehlleistungen in der Bevölkerung von Weyharrow wären.

|Neuartige Ermittler|

Dadurch wird die Geschichte zu einer Art psychologischem Rätsel, und die Detektive sind in diesem Fall nicht die Inspektoren, Bobbys und Kommissare, sondern ganz gewöhnliche Leute, nämlich ein Vertretungsarzt und eine Journalistin. Sie sind aber genauso wenig gegen die Auswirkungen des Giftgases gefeit wie die ortsansässigen Einwohner. Deren Problem ist das eines jedes Kaffs: Jeder kennt jeden und zerreißt sich das Maul darüber, sobald etwas ungewöhnlich ist. Und als Phyllis Knabbe ins Bett ihrer Untermieterin Moira steigt, ist das ein gefundenes Fressen: „Lesbierinnen in der Stadt des Satans!“ Man kann die Schlagzeilen förmlich in den Augen der Kneipenbesucher lesen.

|Gesellschaftsporträt|

Um aber die psychologischen Auswirkungen des Gases als etwas Ungewöhnliches bemerkbar zu machen, ist der Erzähler gezwungen, ein detailliertes Panorama der menschlichen Gesellschaft Weyharrows in all ihren Verästelungen darzustellen. Anders geht es nicht, will er nicht summarisch verurteilen und sich damit auf eine Stufe mit dem Pastor stellen, der von der Kanzel wettern darf. Nein, der Autor muss unparteiisch bleiben und es dem Leser überlassen, sich sein Urteil selbst zu bilden. Ist Weyharrow wirklich vom Teufel besessen? Die Antwort lautet ja, falls mit „Teufel“ die Regierung gemeint ist, die den Kampfstoff mit Steuergeldern herstellen, und die Chemiefabrik, die das Gas hat entweichen lassen.

Das facettenreiche Gesellschaftsporträt vom Lande erinnert an nichts so sehr wie an jene wunderbaren viktorianischen Romane, die hierzulande fast nur noch an den Unis gelesen werden. Wer liest heute noch Thomas Hardy, der „Tess of the d’Urbervilles“ schrieb, das Roman Polanski so trefflich verfilmte? Oder wer kennt heute noch Anthony Trollope mit seiner Saga oder gar George Eliot, eine couragierte britische Erzählerin, die in voluminösen Romanen wie „Middlemarch“ oder „Mill on the Floss“ die Rolle der Frau in ihrer Zeit untersuchte?

|Zeitenwechsel|

In „Schnittstelle“ treffen zwei Epochen aufeinander, nämlich die alte ständisch organisierte Vergangenheit des 19. Jahrhunderts und die moderne demokratische des 20. Jahrhunderts. Im Verlauf der Handlung wird das uralte Bündnis zwischen Pfarrei und Landjunker, die „Parish Manor Opera“, einem totalen Bankrott ihrer Werte zugeführt. Nur dieser Pfarrer, natürlich unter dem Einfluss des Kampfstoffs, kann vom Teufel als althergebrachten Erklärungsmuster faseln. Doch basil Goodsir, der Friedensrichter, ist nicht weniger schlimm, wenn er den Tod durch den Strang fordert. Beides sind Rückfälle ins finstere Mittelalter, in den diese Gesellschaftsordnung entstand.

Ironischerweise sind es gerade die konservativen Hippies der Neuzeit, vertreten durch Chris Pilgrim, die die vorchristlichen Werte wiedererwecken wollen, die sich aber als die wirklich fortschrittlichen Geister erweisen. Chris hält auf der denkwürdigen Gemeindeversammlung eine flammende Rede, mit der er den Einwohnern ins Gewissen redet. Er ist Brunners archetypischer „weiser Mann“ und posaunt die Wahrheit hinaus, die der Autor verkündet hören möchte. Allerdings ist Chris‘ Figur ironisch gebrochen, so dass es leicht fällt, ihn nicht ganz ernstzunehmen.

|SF? Welche SF?|

Da reibt sich der Leser die Augen, wenn er auf das Etikett blickt, das den Buchrücken ziert: „SF“ steht da drauf. Wo ist sie geblieben, die Zukunftsperspektive? Der Leser muss sich während der Ermittlungen gedulden, bis endlich ab Seite 240 die Wahrheit über die Vorfälle im Dorf ausposaunt wird. Denn es geht nicht um irgendeinen Kampfstoff wie etwa Senfgas oder Sarin, sondern um einen eigens vom Autor erfundenen namens „Oneirin“.

|Heimtückisch|

„Oneirin“, so die Erklärung im Buch, ist vom griechischen Wort für „Traum“ abgeleitet und löst nach dem Willen seiner perfiden militärischen Erfinder die Grenze zwischen Erinnerung und Traum auf. Folglich gelangen Wünsche aus dem Unterbewussten in den Bereich der Erinnerung und umgekehrt. Ungewöhnliches, als anstößig wahrgenommenes Verhalten ist die Folge. Am Schluss jedoch trifft die Einwohner selbst die Schuld: Sie setzen Chemie bedenkenlos auf ihren Äckern ein und scheren sich nicht darum, was sich an Chemie in ihren Nahrungsmitteln befindet. Auch hierbei legen die Neoheiden und Hippies um Chris ein ökologisches Bewusstsein an den Tag, das als Vorbild dienen kann – und das wir heute längst übernommen haben (*klopf auf Holz*).

Aber die Freisetzung von regierungseigenen Stoffen wie Oneirin sind natürlich nicht die Ausnahme, sondern die Regeln, suggeriert Brunner. Ganz am Rande ist die Rede von vergifteten Bächen in Cumbria und leukämiekranken Kinder rund um das Atomkraftwerk bzw. die Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Solche Dreckschleudern existieren noch massenhaft in Merry Old England – höchste Zeit, sich darum zu kümmern. Brunner erweist sich als erster Grüner seines Landes, der dies auch in seinen Büchern umsetzt.

|Humor|

Meist hält sich der Autor zurück in seinem Humor, indem er als Erzähler nur leiser Ironie voll Sympathie und Verständnis für die Figuren anklingen lässt. Die richtigen humoristischen Kracher lässt er seine Figuren bringen. Das passiert meist dann, wenn zwei der englischen Gesellschaftsklassen aufeinandertreffen. Ein typischer Fall ist auf Seite 127 zu finden, als Chris, der Hippie-Pilger, mit Cedric, dem Sohn und Alleinerben des Landjunkers Basil Goodsir, telefoniert.

Cedric fragt zaghaft: „Wer ist denn dort?“
„Shit, Mann, ich bin’s, Chris-der-Pilger! Du selber hast mir MEINEN Namen gegeben, Mann – und ich hab dich dafür meine Alte, die Rhoda, bumsen lassen!“
„Oh, wow“, sagte Cedric leise. Jetzt erinnerte er sich allmählich wieder …

Aber der Roman ist keine Klamaukshow. Humorstellen wie diese finden ihren Ausgleich durch den tragischen Selbstmord von Phyllis Knabbe und die ebenso traurige Erstarrung von Ursula Ellerford, die sie durch Autosuggestion herbeigeführt hat. Diese Autosuggestion, ausgelöst durch einen Panikanfall, ist wahrscheinlich ebenfalls durch das Kampfgas hervorgerufen worden.

Der Autor macht nur ein einziges, kleines Zugeständnis an die Konventionen des Happy Ends aus dem viktorianischen Roman, wie ihn Charles Dickens prägte. Einer der Söhne Ursula Ellerfords ist nicht von ihrem angetrauten und inzwischen verstorbenen Mann, sondern von Don Prosher, dem gereiften und erfahrenen Journalisten aus London. Er erinnert sich an eine Liebschaft in Hongkong. Diese Affäre, wenn auch nicht unmöglich, ist doch zu unwahrscheinlich, um sehr plausibel zu klingen. Sei’s drum, Hauptsache Happy End.

_Die Übersetzung_

Die Übersetzung hat mir diesmal außerordentlich gut gefallen. Im Unterschied zu dem anspruchslosen Hans Maeter und dem manchmal übergenauen Horst Pukallus ist Roland Fleissner in der Lage, den humorvollen Umgangston und Erzählstil des Originals in ein Deutsch zu übertragen, das sich echt und glaubwürdig anhört. Hier hört man geradezu, wie den Leuten in der englischen Provinz der Schnabel gewachsen ist. Dieser Ton gehört ganz wesentlich zum Eindruck, den die Geschichte auf den Leser machen soll, dazu. Und der Erzähler ist meist mit ein wenig Ironie zu vernehmen.

Da fallen die wenigen Fehler, die ich fand, kaum ins Gewicht. Es ist Fleisner nicht durchweg gelungen, die Namen von Bridge Hotel und dem Pub Hochzeit zu Kana konsistent zu halten, so dass mal das deutsche „Brückenhotel“, mal das englische Wort „Marriage“ gebraucht wird. Hauptsache, der Leser weiß, was jeweils gemeint ist.

Auf Seite 170 unterlief Fleissner der berüchtigte Standardfehler aller Übersetzer: Er verwechselte die Figuren. Statt Colin muss es an einer Stelle wohl Cedric heißen, sonst ergibt eine Erwiderung wenig Sinn. Auch der Korrektor scheint zugeschlagen zu haben und verlängerte ein Wort bis zur Sinnlosigkeit. So wurde auf Seite 247 aus dem Wort „krümmten“ die Verballhornung „kümmerten“, die überhaupt keinen Sinn ergibt.

Auf Seite 266 fehlt ein kleines Wörtchen in dem Satz: „Moira, ich weiß nicht, [was] soll ich sagen, es tut mir leid …“. Auf Seite 290 findet sich einer der allseits unbeliebten Buchstabendreher, so dass aus einer „Jeans“ eine „Jenas“ wurde. Auf Seite 293 schlug wohl der Zensor zu: “ …an einem Ort wie hier ereignen kann, am …Absatz der Welt“. Im Umgangsdeutsch würde man wohl „am Arsch der Welt“ sagen. Aber das geht natürlich nicht, oder?

_Unterm Strich_

Obwohl es herzlich wenig Action gibt und nur den Hauch einer Ermittlung, fesselte mich doch das fein verästelte Geflecht der Bevölkerung von Weyharrow, derart, dass ich den zweiten Teil des Romans an einem Abend verschlag. Ich wollte einfach wissen, worauf der Autor hinauswollte. Handelt es sich, wie der Pfarrer behauptet, um einen Fall von Teufelsbesessenheit in dem Provinzkaff oder gibt es, wie der Arzt glaubt, um eine rational-wissenschaftlich erklärbare Ursache?

Zwei Methoden, Weltanschauungen, Zeiten und Gesellschaftsordnungen treffen aufeinander, und daran macht der Autor eine Zeitenwende kenntlich. Seine Erzählmethode hat er Viktorianern wie Charles Dickens entliehen, ohne sich jedoch zu weitschweifigen Beschreibungen hinreißen zu lassen. Beruhigend wirkt auf mich, dass die skurril und suspekt wirkenden Ökofreaks, hier „Hippies“ genannt, heute die dominante Geisteshaltung der aufgeschlosseneren (= nichtkapitalistischen) westlichen Welt darstellen. Ist das nicht toll? (Man muss ja nicht gleich das Eheweib mit anderen teilen, wie Chris es mit Rhoda bei Cedric tat, siehe oben.)

Natürlich schlägt die Aussage in die gleiche Kerbe wie etwa G. Pausewangs Roman „Die Wolke“ oder jede andere Anklage eines Chemie- oder Atomkraft-Unfalls. Aber diesmal liegt der Fall etwas anders: Das fiktive Oneirin ist ein Kampfstoff, den die Regierung in Auftrag gegeben hat. Besonders perfide sind die psychologischen Folgen, die sogar an Philip K. Dicks Unterhöhlung der Realität erinnern: Wie zurechnungsfähig sind Menschen, wenn Traum und Erinnerung eins werden? Das ist eine reizvolle Vorstellung, und Brunner exerziert die Folgen mit allem gebotenem Ernst eines Realisten durch.

Taschenbuch: 303 Seiten
Originaltitel: The Shift Key (1987)
Aus dem Englischen von Roland Fleissner
ISBN-13: 978-3453039322
www.heyne.de

C. J. Cherryh – Das Schiff der Chanur (Chanur-Zyklus 1)

Kampf um die Menschen: Weltraumschlacht der Aliens

Mit diesem ersten Band ihres „Chanur“-Zyklus‘ schuf Cherryh ein neues Universum, das aber an das bekannte Union-Allianz-Universum (siehe unten) anschloss. Hier tummeln sich nicht weniger als sechs neue Alienspezies, die meisten davon raumfahrend und Handel treibend. Die actionreiche Serie war die kommerziell vielleicht erfolgreichste Schöpfung unter den über 70 Büchern Cherryhs und katapultierte die Autorin in die SF-Bestsellerlisten.

C. J. Cherryh – Das Schiff der Chanur (Chanur-Zyklus 1) weiterlesen

John Brunner – Der Infinitiv von GO

Philosophisch: Die Öffnung des Universums für Menschen

Als die Wissenschaftler die ersten Menschen durch den Materietransmitter schicken, treten bei den Versuchspersonen seltsame Erinnerungsstörungen auf. Sie haben das Gefühl, in eine Wirklichkeit befördert worden zu sein, die nicht ganz der entspricht, aus der sie kamen. Verändern die elektrischen Felder des Geräts die Gedächtnisinhalte – oder verändert sich bei jedem Transfer die Wirklichkeit selbst?

Der Autor

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Brandon Sanderson – Herrscher des Lichts (Mistborn 3)

Mistborn

Band 1: „Kinder des Nebels“
Band 2: „Krieger des Feuers“

Nach der Schlacht um Luthadel versucht Elant Wager, inzwischen erneut König und Oberster Herrscher, sein Reich wieder zu einen und die Menschen in seiner Hauptstadt zu versammeln. Denn nur dort kommt noch genug Sonnenlicht zum Erdboden durch, um Pflanzen wachsen zu lassen. Vor allem aber braucht Elant den Zugang zu einer Höhle unter einem Ministeriumsgebäude in Fadrex. Vier Höhlen dieser Art haben sie bereits gefunden, und dort fanden sich vor allem Vorräte jeglicher Art, außerdem aber auch eine Metallplatte mit Hinweisen des ehemaligen Obersten Herrschers Raschek. Vin erhofft sich von der fünften Platte die Lösung des Rätsels, wie sie das Wesen bekämpfen kann, das sie unwissentlich an der Quelle der Erhebung frei gelassen hat und das offensichtlich ein gefährlicher Feind ist. Doch in Fadrex hat sich ein ehemaliger Obligator namens Yomen zum Herrscher aufgeschwungen und ist nicht bereit, mit Elant und Vin zusammenzuarbeiten.

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Philip K. Dick – Ubik

Joe Chip hinter den Spiegeln, eine Geistergeschichte?

Glen Runciter ist tot – nur warum finden sich dann Botschaften von ihm auf Zigarettenpackungen und Dosenetiketten? Es ist das Jahr 1992 – doch wieso ist die Stadt voller Autos auf den 1930ern? Und was zur Hölle ist UBIK – ein gewöhnliches Raumspray oder womöglich das einzige Mittel gegen den drohenden Zerfall der Realität? (Verlagsinfo)

Der Autor

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Colin Forbes – Kalte Wut [Tweed 12]

Britische Geheimagenten jagen einen superreichen, völlig wahnsinnigen Milliardär, der nach der Weltherrschaft strebt, kreuz und quer durch ‚Europa‘ … – Die ohnehin ausgelaugte Kolportage-Story wird plump, spannungslos und logikfrei erzählt, die Figuren-‚Zeichnung‘ verlässt nie die 1. Dimension, die Schauplätze werden im Stil britischer Trash-Thriller der 1960er Jahre präsentiert. Auch stilistisch ist Schmalhans Küchenmeister: ein fürchterliches Machwerk!
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Brian Keene – Totes Meer

Nachdem die Zivilisation wieder einmal von Zombies überrannt wurde, flüchtet der junge Lamar hinaus auf das offene Meer, wo er sich sicher wähnt; er vergisst dabei, dass Untote nicht mehr ertrinken können und deshalb auf der Jagd keinen Unterschied zwischen Land und Wasser machen … – Drastischer, auf den Ekel-Effekt getrimmter Horror, der die Simpel-Handlung unter pausenlosen Zombie-Attacken zu verstecken versucht; die ungewöhnliche Kulisse sorgt dennoch für hirn- und kontextfreie Unterhaltung.
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Karl Schroeder – Planet der Sonnen (Das Buch von Virga 1)

Es gibt verschiedene Arten der Science Fiction, doch oft bietet sie ein Spielbrett für die faszinierendsten Weltenschöpfungen als Weiterentwicklung aus unserer Welt, und dort, in oder auf den fremden Planeten, spielen sich dann die Geschichten ab, die den Schriftstellern am Herzen liegen. Virga, Karl Schroeders „Planet der Sonnen“, ist so eine Welt. Sie bietet durch ihre Einzigartigkeit einen nahezu unbegrenzten Spielraum für Geschichten, denn, was sie von anderen Planeten unterscheidet, sie ist eher eine Sauerstoffsphäre im äußeren Bereich eines fernen Sonnensystems, gigantisch und doch weitgehend leer, schwerelos und mit unzähligen Attributen beschreibbar. In ihrem Zentrum schwebt Candesce, die erste Sonne, ein künstliches Gebilde, um das sich Habitate, drehende Städte, Planetoiden oder Plattformen bewegen und den Menschen als Lebensraum dienen.

Je weiter diese einzelnen bewohnten Bezirke von der ersten Sonne entfernt sind, desto mehr Material befindet sich zwischen ihm und dem Licht, weshalb Licht und Wärme ein kostbarer politischer und wirtschaftlicher Faktor ist. Es gibt weitere, kleinere Sonnen innerhalb Virgas, die kleine Lebenssphären in der Kälte der weiten Sphäre bilden und ihre jeweiligen Nationen mit Licht und Wärme versorgen. Wer keine eigene Sonne hat, ist abhängig von größeren Nationen, die ihrerseits diese Abhängigkeit erhalten wollen und daher oft den Bau eigener Sonnen sabotieren, verbieten, verhindern.

Hayden Griffin ist ein junger Bewohner der Nation Aerie, die von einer eigenen Sonne träumt und keine Mühen und Gefahren scheut, dieses Ziel zu erreichen. Aerie ist von der Nation Slipstream abhängig, doch da sich Slipstream auf einem frei fallenden Planetoiden durch die Sphäre Virgas bewegt, wird sie und ihre Sonne den Bereich von Aeries Habitaten in absehbarer Zeit verlassen und der Dunkelheit und Kälte überantworten. Trotzdem will Slipstream sich die Vorherrschaft erhalten und zerstört auf brutale und blutige Weise die neue Sonne und Teile Aeries. Griffin überlebt das Massaker und schwört dem befehlshabenden Admiral Rache.

Jahre später wird Slipstream selbst von mehreren Seiten bedroht. Besagter Admiral Fanning zieht mit einer kleinen Flotte von Schiffen aus, heimlich eine ultimative Waffe zu schaffen. Der Schlüssel dazu ist erstens die erste Sonne Candesce, zweitens eine Außenweltlerin, die überlegene Technik repräsentiert und die es aus unbekannten Gründen nach Virga verschlagen hat.

Hayden Griffin, auf der Suche nach der richtigen Chance, seine Rache zu vollenden, wird als persönlicher Pilot von Venera Fanning, des Admirals Frau, angeheuert und begleitet die abenteuerliche Expedition. Doch lange wartet er vergeblich auf eine Gelegenheit zum Mord, erfährt durch seine Nähe zu Fannings Frau ganz neue Informationen über den Ablauf des damaligen Massakers, erfährt die Gefahren und die Geheimnisse Virgas, verliebt sich in die Außenweltlerin und erhält auch noch die einmalige Chance, Aerie zu einer neuen Sonne zu verhelfen … Ihn quälen viele Fragen: Ist Fanning schuldig? Kann die Schuld überhaupt zugeordnet werden? Was verbirgt Virga noch für Geheimnisse? Was hält die NI, die Natürliche Intelligenz, die außerhalb Virgas alles beherrscht, vom Eindringen in die Sphäre ab, und was verbirgt die Außenweltlerin Aubri Mahallan für ein dunkles Geheimnis?

Fragen über Fragen, auf deren viele der Roman eine Antwort liefert. Geheimnisvoll und faszinierend bleibt sowohl Virga als auch der Rest des von Menschen und der NI besetzten Universums, hier kratzt Karl Schroeder nur an der Oberfläche, wirft ein paar heftige Brocken hin und entwirft mit diesem Roman gleich zwei so gegensätzliche Zukunftsvisionen, dass man unbedingt nach neuen Romanen aus diesem Material verlangt, um mehr darüber zu erfahren.

Viele Charaktere erhalten ihre Chance in diesem Roman, doch nur wenige wichtige erhalten mehr als ein paar porträtierende Striche. Hayden Griffin, die Fannings, ein grau gekleideter Agent, der so hintergründig ist, dass ich ihn mit „Herr Schmidt“ anreden würde, da ich seinen Namen immer vergesse, die Außenweltlerin Aubri Mahallan … Das sind Protagonisten mit Ecken und Kanten, wohl keiner von ihnen hat eine weiße Weste, manchen drückt ein Gewissen, andere scheinen auf zwei unterschiedlichen Seiten zu stehen. Schroeder macht zwar Griffin zu seiner Hauptfigur und zum Sympathieträger, aber gerade auch die merkwürdige Vielschichtigkeit von Venera Fanning macht sie zu einem interessanten Charakter. Da sie das Ende des Buches auch erlebt, kann man sicherlich damit rechnen, nochmal von ihr zu lesen.

Das Geheimnis Aubri Mahallans ist so komplex und gefährlich für die Sphäre, dass Schroeder sich bei seiner Offenbarung auf Eckpunkte beschränken musste. Trotzdem eröffnet er damit einen verstörenden Eindruck der Welt und des Lebens außerhalb Virgas, so dass man froh sein kann, ein Bewohner dieser Welt zu sein und von der anderen Seite weitgehend in Ruhe gelassen zu werden – so schwer das Leben auch sein kann.

Virga ist eine Welt, die von skurrilen Gegensätzen nur so strotzt. Schroeder streut schrittweise Informationen ein und entwirft so ein detailiertes Bild dieser Sphäre, in der die Schwerkraft nur durch Fliehkraft simuliert wird, Sturm ein Ausdruck der Eigengeschwindigkeit ist, Kugeln, die ihr Ziel verfehlen, jahrelang im freien Fall durch die Welt sausen und irgendwo eine verheerende Wirkung erzielen können … Es ist eine Welt voller Rätsel, und es verspricht eine spannende Reise zu werden, auf die uns der Autor hoffentlich in künftigen Romanen mitnimmt.

Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel:
Book One of Virga: Sun of Suns
Aus dem Englischen von Irene Holicki
ISBN-13: 978-3453526266

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Brandon Sanderson – Krieger des Feuers (Mistborn 2)

Mistborn

Band 1: „Kinder des Nebels“

Vin ist es tatsächlich gelungen, den Obersten Herrscher zu töten. Jetzt ist das Reich zerfallen und obwohl es dem idealistischen, jungen Elant Wager gelungen ist, sich zum König über Luthadel zu machen, die Skaa zu befreien und der Stadt eine Verfassung zu geben, ist seine Herrschaft alles andere als stabil. Der neu gebildete Rat ist ständig zerstritten, die Versorgung der Menschen ist nicht gesichert und dann taucht auch noch eine Armee vor den Toren der Stadt auf.

Eine weit gravierendere Folge als das politische Chaos, das der Tod des Obersten Herrschers hinterlassen hat, ist jedoch etwas ganz anderes. Etwas Schleichendes, Ungreifbares, und die einzigen, die es zu bemerken scheinen, sind Vin … und Sazed.

Brandon Sanderson – Krieger des Feuers (Mistborn 2) weiterlesen