Schlagwort-Archive: Heyne

Michael Connelly – Echo Park [Harry Bosch 12]

Der Fahndungsdurchbruch in einem längst ‚kalten‘ Mordfall entpuppt sich als Teil eines Komplotts, durch das der wahre Täter aus der Schusslinie gebracht werden soll. Zwischen dem Erfolg der mächtigen Dunkelmänner und der Wahrheit steht nur der unbestechliche Polizist Harry Bosch … – In seinem 12. Roman um den unkonventionellen Ermittler lässt Connelly keinerlei Schwächen erkennen. Der Plot ist komplex aber schlüssig, die Umsetzung fesselt, das Tempo ist hoch und „Echo Park“ ein Pageturner, der dieses Prädikat verdient! Michael Connelly – Echo Park [Harry Bosch 12] weiterlesen

Stephen King – Sunset

Inhalt

Sammlung von 13 Novellen und Kurzgeschichten, die den Einbruch des Schreckens in die alltägliche Welt ganz gewöhnlicher Zeitgenossen schildert:

Vorwort, S. 11-15

Willa (Willa, 2006), S. 17-45: Geistern bleibt die Wahl, wie sie die Ewigkeit verbringen möchten.

Das Pfefferkuchen-Mädchen (The Gingerbread Girl, 2007), S. 46-114: Dass ihr ein irrer Serienkiller im Nacken sitzt, weist ihr den Ausweg aus einer Lebenskrise.

Harveys Traum (Harvey’s Dream, 2003), S. 115-127: Sind Träume nur Schäume? Manchmal beantwortet sich diese Frage, ohne dass sie gestellt wurde. Stephen King – Sunset weiterlesen

Abercrombie, Joe – Königsklingen (The First Law 3)

Die „The First Law“-Trilogie:

Band 1: Kriegsklingen (The Blade Itself)
Band 2: Feuerklingen (Before They Are Hanged)
Band 3: Königsklingen (Last Argument of Kings)

Der Brite Joe Abercrombie ist mittlerweile kein Unbekannter mehr. Mit komplexen und faszinierenden Charakteren sowie einer Abkehr vom gängigen Gut-Böse-Schema hat er hat sich in die Herzen der Fans geschrieben und folgt damit einem Trend im Fantasy-Genre, mit dessen populärsten und prominentesten Vertreter George R. R. Martin er keinen Vergleich zu scheuen braucht. Mag man einwenden, dass Martin eine noch größere und komplexere Welt geschaffen hat, während Abercrombie doch etwas weniger Charaktere in die Schlacht wirft und eine Karte der Welt von vielen Fans bislang schmerzlich vermisst wird. Abercrombie bietet dafür eine Extraprise Zynismus und kernigere Charaktere; seine Meinung zu Karten in Fantasyromanen kann man in seinem Blog nachlesen: „Call me foolish as well, but I do think having a map there can damage the sense of scale, awe, and wonder that a reader might have for your world.“

In einer Hinsicht könnte Abercrombie Martin etwas vormachen, beziehungsweise er hat es getan: Er hat seine Trilogie (vermeintlich) vollendet. Deshalb möchte ich das Buch getrennt als Abschluss der Serie sowie als eigenständiges Werk besprechen.

Kein Ende, sondern der Auftakt zur nächsten Trilogie

Witzigerweise lässt Abercrombie die Serie so enden, wie sie begann: Mit einem mehr oder minder unfreiwilligen Sturz Logens aus dem Fenster beziehungsweise in die Schlucht. Wie und warum es dazu kam, möchte ich nicht vorwegnehmen. Die Konsequenzen sind allerdings klar: Logen kommt wieder. Ebenso seine Gefährten, auf neuen Positionen, um den Kampf gegen Khalul und eventuell einen in „Königsklingen“ überraschend mächtigen und sehr listig und erfolgreich manipulierenden Bayaz aufzunehmen.

Doch zuvor kommt noch das für den 1. September 2009 angekündigte „Racheklingen“ (Best Served Cold), das allerdings keine Fortsetzung der Geschichte darstellt, sondern den Rachefeldzug der verratenen Söldnerin Monzcarro Murcatto begleitet. Ob Abercrombie mit „Styria“ die Steiermark meint, ist unklar, allerdings lehnt er sich nur an das europäische Mittelalter an, ähnlich wie Martin mit Westeros in seinem Lied von Eis und Feuer. Abercrombie plant, das komplette erste Kapitel demnächst online zu veröffentlichen. Etwas Neues darf man dabei wohl nicht erwarten, eher eine Variation der First Law-Trilogie. Wem kommt folgende Beschreibung nicht bekannt vor: Her allies include Styria’s least reliable drunkard, Styria’s most treacherous poisoner, a mass-murderer obsessed with numbers and a Northman who just wants to do the right thing. (aus der Kurzbeschreibung)

Ich frage mich, ob man Abercrombie mit solchen stereotypen Beschreibungen gerecht wird, denn sein Markenzeichen ist es, mit solchen vermeintlich klar determinierten Charakteren zu spielen und unerwartete Wendungen einzubauen. Ein Großteil des Vergnügens beim Lesen seiner Romane basiert gerade darauf.

Als abgeschlossen kann man die First Law-Trilogie nicht bezeichnen. Das Ende ist offen, der Zyklus beginnt von neuem. Im Gegenteil, der Auftakt zu einem noch größeren Konflikt ist gegeben, die Abrechnung mit Khalul steht noch aus. Der Norden ist nach wie vor eine Bedrohung, auch wenn Bethod mit seiner Hexe untergeht. Gleich zwei neue Könige wird es geben, nicht unbedingt unerwartet. Beide müssen jedoch feststellen, dass man leichter König wird, als es zu bleiben.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

In höchste Höhen befördert, Lieblinge und Helden des Volkes, und am Ende doch kein Happy End. Zynisch und überzeugend präsentiert uns Abercrombie, wie unsere Helden gnadenlos scheitern. Ironischerweise ist gerade der in „Feuerklingen“ so übel scheiternde Bayaz der große Gewinner. Auch Glokta erfährt unerwartetes Glück, wohingegen Luthar und Logen nur aufsteigen, um noch tiefer zu fallen… Logen sogar im wörtlichen Sinne aus dem Fenster. Ich habe mit Luthar gefiebert und erlebt, wie aus der Made ein Mann geworden ist. Was Abercrombie seiner Figur antut, ist eine Tragödie par excellence. Seine Liebe zu Ardee West endet tragisch, sein ehemaliger Freund Collem West wird ein Kriegsheld, aber gesundheitlich dürfte es sogar Glokta besser gehen. Luthars Freiheit wird ihm ebenfalls genommen, er wird zur Marionette der Spinne Bayaz.

Bei aller Finesse und gekonnten, oft angenehm überraschenden Wendungen, wird Abercrombie leider trotzdem durchschaubar: Er treibt den Zynismus der Serie so weit, dass er geradezu krampfhaft jedes kleine bisschen Glück brutal mit dem Vorschlaghammer oder auf eine noch perfidere Weise zerschlagen muss. Man wartet nur noch darauf, wie er es tut. Richard K. Morgan („Das Unsterblichkeitsprogramm“) könnte es nicht besser; auch dessen Romane leiden manchmal unter diesem zwanghaften Zynismus. Hier wäre weniger sicherlich mehr.

Während Gloktas und Logens innere Dialoge wieder einmal echte Highlights des Romans sind, bleibt Ferro Maljinn erneut ein relativ funktionsloser Charakter, dessen einzige Aufgabe scheinbar darin besteht, von Lesern und Rezensenten als Unsympath gehasst zu werden. Hoffentlich ist Abercrombies Söldnerin Murcatto keine zweite Ferro!

Fazit:

Als perfekt inszenierte Tragödie präsentiert sich „Königsklingen“, nur an Details kann ich mäkeln. Das Verhalten von zwei Nebencharakteren war für mich nicht wirklich nachvollziehbar motiviert; auf diese Weise die Geschichte einen Haken schlagen zu lassen, ist leider zu willkürlich und aufgesetzt. Wo in den ersten beiden Bänden Faszination über Abercrombies bemerkenswerte Charaktere den Leser in den Bann zog, ist es diesmal der Automatismus der jeweils persönlichen Katastrophe, der sie scheinbar nicht entgehen können, der den Leser mitleiden lässt und mich tief beeindruckt hat.

Mitleiden und genießen! Eine leichte Verstimmung wegen eines Übermaßes an schwarzem Humor und Zynismus muss der eine oder andere Leser aber unter Umständen befürchten. Ein wenig vermisse ich die Innovation – will Abercrombie das bewährte Schema wirklich in einer weiteren Trilogie und den „Racheklingen“ erneut breittreten? Viele Kritiker vermissten eine Handlung, einen roten Faden, dem sich Abercrombie aber konsequent verweigern muss. Seine Welt ist dynamisch und überraschend, nicht determiniert mit einem klassischen Endkampf, wie es traditionell oft der Fall ist. Ist unter solchen Voraussetzungen überhaupt ein klassisches Ende möglich? Tendenziell müsste „Racheklingen“ vielleicht gerade das bieten, aber wird uns Abercrombie wirklich eine erfolgreich vollzogene Rache präsentieren? Ich wage das zu bezweifeln.

So sehr ich mich auch auf eine Fortsetzung der Abenteuer Logens, Gloktas und Co. freue, Abercrombie hat sie bereits durch den seelischen und körperlichen Fleischwolf gedreht, und bei aller Tragik hat er die Charaktere nicht nur weiterentwickelt, sondern faktisch ebenso zurückentwickelt, insbesondere Logen, der wieder einmal ins Bodenlose fällt – ein zyklisches Schema mit Wiederholungsgefahr. Angesichts der Begeisterung, mit der ich alle Romane Abercrombies bisher verschlungen habe, möchte ich mich darüber jedoch nur auf sehr hohem Niveau beklagen.

Originaltitel: Last Argument of Kings
Übersetzt von Kirsten Borchardt
Mit Illustrationen von Dominic Harman
944 Seiten Paperback

http://www.heyne-magische-bestseller.de
http://www.heyne.de

Homepage und Blog des Autors:
http://www.joeabercrombie.com/

Dmitry Glukhovsky – Metro 2033

Die Welt, wie wir sie heute kennen, gibt es nicht mehr in Dmitry Glukhovskys Roman „Metro 2033“, denn die Errungenschaften des letzten Jahrhunderts sind ganz in der Tradition der negativen Utopie nicht zur Verbesserung des menschlichen Lebens genutzt worden. Sie haben im Gegenteil zu Kriegen und der kompletten Vernichtung der Erde geführt. Wie im Laufe des Romans deutlich wird, hat ein Atomschlag alles bekannte Leben auf der Erde ausgelöscht. Zurückgeblieben sind zerstörte Geisterstädte, in denen sich in den vergangen Jahrzehnten Lebensformen entwickelt haben, die den vormaligen Herrscher über die Erde trotz nachlassender Strahlung in die U-Bahnnetze zwingen und selbst dort noch seine Existenz bedrohen.

Auch in der Moskauer Metro haben Menschen überlebt; unter ihnen der zwanzigjährige Artjom. Dieser wohnt mit seinem Ziehvater Suchoj in der Station WDNCh. Man hat sich in dem neuen Leben eingerichtet und es so organisiert, dass das Überleben gesichert ist und ein Mindestmaß an menschlicher Kultur bewahrt werden kann. Artjom ist zwischen seinen Freunden, alten Büchern, Schweinezucht und Pilztee aus dem Samowar behütet aufgewachsen. Abgesehen von einem verbotenen Ausflug an die Oberfläche nahe seiner Metrostation, hat er die WDNCh nie verlassen. An die Außenwelt hat er nur noch vage Erinnerungen, und auch die Dimensionen der Moskauer U-Bahn-Anlage haben sich ihm längst nicht erschlossen, obwohl über Reisende (vornehmlich Händler) Nachrichten aus anderen Stationen und deren Beschreibungen bis in die eher als abgelegen geltende Heimat des jungen Mannes gelangen.

Als jedoch eine ganze U-Bahn-Station von den so genannten Schwarzen massakriert wird und diese sich auch in der Nähe der WDNCh zeigen, wird schnell klar, dass nicht nur diese Station, sondern die gesamte Metro bedroht ist. Plötzlich ist es an Artjom, die Metro zu durchqueren und Hilfe zu holen. Aber neben der Tatsache, dass er die gesamte Strecke auf sich allein gestellt zu Fuß bewältigen muss, kommt erschwerend hinzu, dass sich die Menschen selbst nach der atomaren Katastrophe nicht zu einer Einheit zusammengeschlossen haben, sondern die Kriege unter der Erde fortgeführt wurden, bis sich verschiedene Macht- und Einflussgebiete herauskristallisierten, welche nun mit Hilfe von Abkommen, Kontrolle und notfalls auch nackter Gewalt gehalten werden. In den finsteren Tunneln zwischen den Stationen verschwinden oder sterben Menschen auf unerklärliche Weise. In den Stationen selbst regieren Angst, Hass und Grausamkeiten, die jedoch nicht weniger beängstigend wirken als die aufgesetzte Liebenswürdigkeit der Zeugen Jehovas, welche Artjom zu bekehren versuchen, oder das nur für einige Menschen Bildung verheißende Kastenwesen der Polis.

Auf knapp 800 Seiten beschreibt der russische Autor Dmitri Glukhovsky solchermaßen nicht nur Artjoms Weg durch die Tunnel und die verschiedenen Metrostationen, sondern auch Begegnungen mit Menschen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsformen sowie mit verschiedensten Lebensentwürfen. Die Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens werden überwiegend von Strömungen, die noch im 20. Jahrhundert existierten, abgeleitet: Kommunismus, Nationalsozialismus oder religionsbegründete Gemeinschaften. Außerdem hat man tief im Inneren der Metro die neue Religion um den „großen Wurm“ erschaffen.

Somit entwirft der Autor neben einer spannenden Handlung ein komplexes Bild der in Grüppchen zerfallenen Gesellschaft, welche sich nach der Katastrophe in den Stationen der Metro geformt hat. Ein solches räumlich abgeriegeltes System zur Darstellung einer möglichen zukünftigen Gesellschaft, in welcher Ursachen und Wirkungen vom Autor genau berechnet werden können, kennt die Literatur seit Thomas Morus‘ Insel [„Utopia“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1841 (1516). Glukhovskys Metro-Universum funktioniert als ebensolche Insel, auf der sich das alte Leben zu erhalten versucht, während ringsum die Bedrohung durch Mutanten und neue Lebensformen verhindert, dass die Menschen aus ihrem selbst gewählten Exil ausbrechen können. Alle übergeordneten Energien werden dazu verwendet, dieses Universum zu schützen, während die Stations-„Kleinstaaten“ auch individuell gegen Eindringlinge und Veränderung vorgehen.

Erst zum Schluss wird offensichtlich, dass die alten Fehler der Menschheit wiederholt werden und in erneuter Vernichtung gipfeln. Es bleibt außen vor, ob eine Kooperation mit den auf noch wenig erklärliche Weise kommunizierenden neuen Lebewesen vielleicht hilfreicher als ihre Vernichtung gewesen wäre, denn immerhin ist es ihnen vergönnt, auf der Erdoberfläche existieren zu können. Doch mit dem Tod der weiterentwickelten Spezies wird es auch in dieser negativen Utopie keine Entwicklung geben können. Es besteht wenig Hoffnung auf Veränderung oder gar eine Verbesserung der Lebensumstände der Menschen, selbst wenn eine Figur namens Kahn dem Helden versichert, dass wer kühn und beharrlich genug sei, ein Leben lang in die Finsternis zu blicken, darin als Erster einen Silberstreif erkennen würde.

Den Menschen in Glukhovskys Metro-Universum steht Technik nur noch in Form von Relikten aus der Vergangenheit zur Verfügung; ausgehend vom weit entwickelten technischen Verständnis unserer Tage, sind sie damit auf die Stufe der Produktion von Nahrungsmitteln zurückgeworfen worden. Der kulturellen Entwicklung ist es nicht anders ergangen. Alte Bücher sind wertvolles Handelsgut, und selbst die erbärmlichste Schwarte wird gehegt und gepflegt, denn auch sie ist zum vergänglichen Bewahrer des Wissens der Menschheit und des Wissens um eine vormalige bessere Zeit geworden, welche in der Erinnerung bereits märchenhafte Züge annimmt. Sie sind ein Symbol der Errungenschaften des menschlichen Geistes, in denen sich die gegenwärtige menschliche Existenz der sich unter die Erde verkrochen habenden Würmer auf groteske Art spiegelt.

Die Klassiker bilden dabei den größten Schatz, denn sie tragen moralische Werte und nähren den Wunsch nach Veränderung. Sie können jedoch nur die Keime anlegen, welche in Menschen wie Artjom, Khan oder Melnik, den Artjom zur Hilfe holen soll, zur Entfaltung kommen. Es gibt nur wenige Menschen wie sie, die nicht ihren gesamten Antrieb und ihre Struktur aus einer der gesellschaftlichen Strömungen angepassten Lebensweise erhalten. Diese Menschen werden zu Helden, denn so verführerisch der Halt oder die Orientierung der angebotenen Lebensweisen auch erscheinen mögen, ist es ihnen vergönnt, darüber hinauszuwachsen. Dazu trägt die Tatsache maßgeblich bei, dass sie sich sowohl in der gesamten Metro als auch außerhalb bewegen. Die so gewonnenen Erfahrungen erlauben ihnen einen kritischen Außenblick auf das gesamte Metro-Universum. Kommen sie dabei der Frage nach der Wahrheit auch nicht wesentlich näher, so können sie dennoch erkennen, dass alles Dargebotene nicht der Wahrheit entsprechen kann.

Besonders interessant gestaltet Glukhovsky die unbekannte Kultur, welche sich in Nebentunneln der U-Bahn formiert hat. Dort haben die veränderten Lebensbedingungen der Menschen eine an die Situation unter der Erde angepasste Religion hervorgebracht. Diese basiert auf dem Mythos des „Großen Wurms“ als sich durch die Erde bohrendem Schöpfer. Er gilt als Vater, der alle Anhänger der Religion erschaffen haben soll. Diese fürchten ihren Gott und suchen durch seine Anbetung doch gleichzeitig seinen Schutz. In der archaischen Erscheinung des „Großen Wurms“ erkennt der Leser sofort, dass es sich um die ‚Personifizierung‘ eines U-Bahn-Zuges handeln muss. Die Erfinder hatten sicherlich noch lebhafte Erinnerungen an Züge, deren geöffnete Türen die Fahrgäste ausspeien. Diese zunächst lächerlich-zwanghaft anmutende Religion bildet traurigerweise die einzige Innovation unter Tage und wurde auch nur dazu erfunden, die geistig und körperlich degenerierten Menschenwesen, welche in einem von der Strahlung stark betroffen Bereich der Metro leben und sich fortpflanzen, unter Kontrolle zu halten und ihnen einen Lebenssinn zu geben, damit ihre charismatischen Anführer ihre Version einer besseren Menschheit verwirklichen können. Doch outet der von Artjoms Truppe gefangene Priester sich und seine Religion alsbald als vom Hass auf alle anderen überlebenden Menschen zerfressene und ebenso große Bedrohung für die restliche Metro wie die Schwarzen, die es jedoch zunächst zu bekämpfen gilt.

Leider wirken alle Geschehnisse ab der Bekanntschaft mit dem „Großen Wurm“ auf eine Fortsetzung ausgelegt, denn zu vieles wird nur noch angedeutet. Die Reise durch die Metro erscheint plötzlich als eine lange Einführung in die „neue Welt“. Werden sich die Menschen weiterhin gegenseitig aufreiben? Gibt es den „Großen Wurm“ vielleicht tatsächlich? Existiert er als etwas völlig anderes in der Metro – zum Beispiel als großer Bohrer, der dazu benutzt wird, neuen Lebensraum anzulegen? Da man nicht weiß, was alles möglich sein könnte, ist nichts unmöglich – selbst ein riesiges Tier oder ein noch fahrtüchtiger Metro-Zug.

Die Vernichtung der Schwarzen wirkt im doppelten Sinne unbefriedigend. Abgesehen von der moralischen Komponente (alles Fremde wird wie immer ausgelöscht), hat Artjom seine „Auserwähltheit“ als Vermittler zu spät begriffen. Doch ebenso gut könnte die Auslöschung der Fremden nur auf der Erdoberfläche erfolgt sein. Da man von den Wesen so gut wie nichts erfährt, können sie durchaus in einem Zusammenhang mit den Bohr- oder Zuggeräuschen stehen, welche Artjom in einem der Nebentunnel gehört haben will. Außerdem hat sich ein aus einer wabernden Masse bestehendes Wesen im Kreml eingenistet, das die Menschen hypnotisch anzieht und verschlingt.

Und nicht zuletzt heißt es auf der letzten Seite vor einem umfassenden Anhang mit Begriffserklärungen: |“Die Reise geht weiter“|. Hoffen wir es, und hoffen wir auch, dass die mögliche Fortsetzung ebenso fesselnd und originell wird wie „Metro 2033“. Der Roman hat jedenfalls so stark eingeschlagen, dass ein auf ihn basierendes Computerspiel in Planung ist, und denkt man an die „Wächter“-Trilogie des auf dem Umschlag des recht robusten |Heyne|-Paperbacks zitierten Sergej Lukianenko, dann kann man eine Verfilmung wohl ebenso wenig ausschließen.

|Originaltitel: Metro 2033
Aus dem Russischen von M. David Drevs
783 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-53298-4|
http://www.metro2033.org
http://www.heyne.de

Sax Rohmer – Die Feuerzunge

rohmer-feuerzunge-cover-kleinEin bizarrer Mord entpuppt sich als erster Streich eines finsteren Geheimbundes, dessen Anführer nach der Weltmacht greift. Nur ein mutiger Millionär, ein wackerer Geheimdienstmann und eine geheimnisvolle aber schöne Frau stellen sich den Schurken in den Weg … – Überaus altmodisches aber nostalgisches Garn, das gerade aufgrund seines wunderlichen Plots, seiner kuriosen Ideen und seines zwar trivialen aber nüchternen Stils lesbar geblieben ist: ein Spaß für die Freunde heimtückischer Fallen und ebensolcher Geheimbünde.
Sax Rohmer – Die Feuerzunge weiterlesen

Marzi, Christoph – Somnia (Die Uralte Metropole, Band 4)

Es geschehen seltsame Dinge in New York. Scarlet Hawthorne erwacht in einer eisigen Winternacht im Battery Park und erinnert sich an gar nichts mehr – weder daran, wie sie dorthin gelangt ist, noch wer sie überhaupt ist. Und noch bevor sie herausfinden kann, was mit ihr geschehen ist, wird sie von Wendigo gejagt, boshafte Wolfskreaturen aus Schnee und Eis. Nur mit der Hilfe Anthea Atwoods, einer liebenswürdigen alten Dame, die ihr unverhofft zu Hilfe eilt, gelingt Scarlet die Flucht vor den Wendigo.

Atwood nimmt Scarlet mit zu sich nach Hause, in eine verzauberte Mühle mitten in New York, wo Scarlet erfährt, dass Anthea sie nicht zufällig vor den Wendigo gerettet hat: Scarlet ist in dunkle Machenschaften verstrickt, welche die ganze Uralte Metropole, die Stadt unter der Stadt, in Atem halten. In der Stadt wimmelt es von Eistoten, seit einiger Zeit verschwinden Kinder spurlos und es ist die Rede von einer Dame namens Lady Solitaire, die Scarlet zu suchen scheint. Wer ist sie und was spielt sie für eine Rolle für Scarlet und ihren Vater, den sie nie kennenlernen durfte?

Ohne zu wissen, was sie mit alldem zu tun hat, möchte Scarlet ihre Erinnerung wiederfinden und der Sache zusammen mit Anthea Atwood, dem Biker Jake Sawyer und dem Streifenschwanzmungo Buster Mandrake auf den Grund gehen – und schon bald müssen die vier erkennen, dass die Rätsel um Lady Solitaire und die verschwundenen Kinder bis weit in die düstere Vergangenheit New Yorks reichen …

_Eindrücke:_

„Somnia“ ist nun der Folgeband zu den ersten drei Büchern um die Uralte Metropole, der allerdings einige Änderungen mit sich bringt. So sind nicht mehr Emily Laing, das rothaarige Waisenmädchen mit dem Mondsteinauge, und der mürrische Alchimist Mortimer Wittgenstein die Protagonisten der Geschichte, sondern komplett neue Charaktere. Wir treffen auf eine junge Frau namens Scarlet Hawthorne, die vielleicht der eine oder andere Marzi-Fan schon aus seiner Anthologie „Nimmermehr“ kennen dürfte. Schon dort konnte man in der Geschichte „Scarlet“ einen kurzen Blick in das Leben unserer neuen Protagonistin werfen, das sich lange vor den Ereignissen in „Somnia“ abspielte, und man erfuhr, dass sie die Tochter von Mortimer Wittgenstein ist, von der er aber nichts weiß.

Und nun treffen wir auf Scarlet Hawthorne im Battery Park in New York, völlig verängstigt und zudem noch ohne Gedächtnis. Alles, was sie bei sich hat, sind ein eigenartiger Flickenmantel und ein Amulett, von dem sie ahnt, dass es eine große Bedeutung besitzt. Alles andere hat sie vergessen; es ist wie aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht. Sie ist verwirrt, weiß nicht, wohin sie gehen soll, und hat große Angst, da sie aus irgendeinem Grund weiß, dass die Kreaturen, deren Heulen ganz aus der Nähe an ihre Ohren dringt, nach ihr jagen.

Sofort versetzt man sich als Leser in Scarlet hinein und fiebert mit. Und obwohl ich anfangs wirklich große Bedenken dabei hatte, ob eine völlig neue Protagonistin und neue Nebencharaktere dem Buch so gut tun würden und ob es dann noch mit den vorigen Bänden würde mithalten können, war ich letztendlich positiv überrascht. Während mir Scarlet in der Kurzgeschichte in „Nimmermehr“ nicht besonders sympathisch erschien, mochte ich sie in „Somnia“ von Anfang an, und die Magie der Geschichte, die den Leser an das Buch bindet, sowie die düster-magische Atmosphäre, die in den Büchern um die Uralte Metropole so typisch ist, gehen durch sie in keiner Weise verloren.

Ein weiterer, wichtiger neuer Aspekt in „Somnia“ ist die veränderte Erzählperspektive. Nun mimt nicht mehr der mürrische Alchimist Mortimer Wittgenstein den Erzähler, sondern Anthea Atwood, eine lebhafte und liebenswürdige alte Dame, die Scarlet bei der Wiederfindung ihrer Erinnerungen und der Aufdeckung der rätselhaften Ereignisse in New York hilft. Als ich entdeckte, dass nun jemand Neues der Erzähler ist und nicht mehr Mortimer Wittgenstein, hatte ich auch in diesem Punkt zunächst meine Zweifel – die sich allerdings ebenfalls als unbegründet herausstellten. Anthea Atwood ist charakteristisch gesehen das vollkommene Gegenteil von Wittgenstein, aber deshalb ist sie keine weniger gute oder stimmige Erzählerin. Sie passt sogar mit ihrer lebhaften und etwas verrückten Art sehr gut in die Geschichte und lenkt diese in eine narrativ etwas andere Richtung als die vorherigen Bände.

Auch die anderen neuen Charaktere sind einzigartig und dem Leser sofort sympathisch. So lernen wir zum Beispiel noch Jake Sawyer kennen, ein junger Biker, der Scarlet ebenfalls zur Seite steht, während die beiden sich auch schon bald ein wenig näher kommen. Der Streifenschwanzmungo Buster Mandrake scheint hingegen so etwas wie ein ‚Ersatz‘ für die Ratten zu sein, was zwar nicht vollkommen gelingt, aber dennoch ist er ein ganz lustiges Kerlchen und passt gut als Begleiter Anthea Atwoods.

Doch obwohl die Protagonisten und die meisten Charaktere völlig neu sind, trifft man in „Somnia“ auch ab und zu noch auf alte Bekannte. Wie Christoph Marzi in seinen Journaleinträgen auf seiner Homepage bereits prophezeite, spielt Emilie Laing zwar keine große Rolle mehr, aber dennoch gibt es mit ihr und Tristan ein Wiedersehen. Auch Mr. Fox und Mr. Wolf durften in dem Buch natürlich nicht fehlen, ebenso wie der Lichtlord und Lilith. Und zu guter Letzt kommt auch noch Mortimer Wittgenstein vor, der ebenfalls in die Rätsel um Lady Solitaire und Lord Somnia verstrickt ist (ob Scarlet und Mortimer sich jedoch auch treffen, wird nicht verraten!).

Die meisten Wiedersehen mit alten Bekannten aus den vorigen Bänden verliefen gut und fügten sich stimmig zur restlichen Geschichte. Nur eines hat mich ziemlich gestört: das Wiedersehen mit Emily und Tristan. Leider haben die beiden überhaupt nicht mehr zu „Somnia“ gepasst, und ich hab die beiden Charaktere, mit denen ich in den vorigen Bänden mitgefiebert habe, nicht wirklich wiedererkannt. Beide haben sich im Gegensatz zu den anderen Bänden stark verändert und wirken nun irgendwie falsch und einfach fehl am Platz.

Etwas, das schon die Vorbände und jetzt auch „Somnia“ zu etwas Besonderem macht, sind die tollen Ideen, welche Christoph Marzi in seine Geschichte einbaut. Zwar muss man dazu sagen, dass bei weitem nicht jede Idee seine eigene ist, aber das, was er aus den vielen Ideen erschafft, ist einfach fabelhaft. Die Ideen mit der Uralten Metropole, den sprechenden Ratten und Mr. Fox und Mr. Wolf stammen hauptsächlich von Neil Gaimans „Neverwhere“, doch das, was Christoph Marzi aus diesen teilweise durchaus ‚entliehenen‘ Ideen macht, ist einfach absolut perfekt. Es gibt ein Labyrinth, das aus einem großen Drachen besteht, Wendigo, wölfische Kreaturen aus Schnee und Eis und eine Hölle, die ein Eispalast ist, in dem seelenlose Kinder mit Spiegelscherbenaugen herumlaufen. Christoph Marzi scheint es an passenden Ideen nie zu fehlen.

Was Christoph Marzi in seine Geschichte auch ganz bewusst einbaut, sind Mythen, Legenden und alte Geschichten. So trifft man während der Lektüre nicht nur auf die Geschichte vom Rattenfänger von Hameln oder Peter Pans Krokodil, welches einen tickenden Wecker verschluckt hat, sondern auch auf den Zauberer von Oz. Alle möglichen Geschichten sind in „Somnia“ eingearbeitet, was eine weitere Besonderheit des Buches darstellt.

Der Verlauf der Geschichte in „Somnia“ war zu keiner Zeit vorhersehbar. Als Leser stapft man sozusagen mit einer Taschenlampe im Dunkeln, sodass man immer nur einzelne Bruchteile des Ganzen sehen kann. Erst nach und nach fügen sich die einzelnen Puzzleteile zusammen. Dabei schafft es Christoph Marzi, seine Geschichte so zu gestalten, dass man als Leser nie weiß, was auf der nächsten Seite passieren wird. Erst am Ende, wenn alle Bruchstücke zueinander gefunden haben, kann der Leser schließlich einen Blick auf das Ganze werfen.

Etwas, das an den Büchern der Uralten Metropole generell einzigartig und besonders ist, ist der Schreibstil. Zunächst eben die außergewöhnliche Erzählperspektive, welche weder allwissend noch in Ich-Form aus der Sicht der Protagonistin gewählt wurde, sondern in Ich-Form aus der Sicht eines anderen Nebencharakters. Dann kommt noch hinzu, dass der Aufbau mit den Erzählzeiten ein wenig anders und komplexer ist als in ähnlich gelagerten Büchern. Der Schreibstil ist wunderschön, da Christoph Marzi mal poetisch, mal spannend und mal lustig schreibt und durch verschiedene sprachliche Mittel einen einzigartigen Schreibstil erschafft, den man sofort wiedererkennt.

Das Einzige, was ich noch ein wenig zu bemängeln habe, ist das etwas kurz geratene und geraffte Ende. Zum Schluss kommt alles auf einmal zusammen, und den Details wird somit kaum noch richtige Beachtung geschenkt, sodass diese etwas schnell abgehandelt werden. Da aber laut des Nachworts Christoph Marzis die Hoffnung auf weitere Fortsetzungen besteht, sehe ich dies als nicht weiter schlimm an.

_Fazit:_

„Somnia“ ist ein absolut würdiger Folgeband zu den Büchern der Uralten Metropole und gehört wie die Vorbände zu meinen Lieblingsbüchern. Die Geschichte, die Charaktere und der Schreibstil sind absolut perfekt und die vielen Neuheiten, die Christoph Marzi in „Somnia“ eingebaut hat, schaden dem Buch in keiner Weise.

_Der Autor:_

Christoph Marzi ist ein neuer deutscher Schriftsteller. Er wuchs 1970 in Obermending nahe der Eifel auf. Danach studierte er Wirtschaftspädagogik in Mainz, heute lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im Saarland und arbeitet dort hauptberuflich als Lehrer an einem Gymnasium. Außerdem schreibt er phantastische Literatur, in der man seine Lieblingsschriftsteller von Boyle über Dickens bis Gaiman wiederfindet. Mit „Lycidas“ hat er seinen ersten Roman bei |Heyne| veröffentlicht, dicht gefolgt von „Lilith“. Mit „Lycidas“ gewann er den Deutschen Phantastik-Preis und wurde über Nacht zum Shootingstar der deutschen Phantastik.

http://www.christophmarzi.de

|Die Uralte Metropole:|

Band 1: [Lycidas]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1081
Band 2: [Lilith]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2070
Band 3: [Lumen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3036
Band 4: Somnia

Weitere Bände sind in Planung.

Mehr von Christoph Marzi auf |Buchwurm.info|:

[Interview mit Christoph Marzi]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=90
[Fabula]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4503
[Malfuria]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3398
[Malfuria – Die Hüterin der Nebelsteine]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4167

Iain Banks – Die Sphären

Nach seinem letzten großartigen Roman »Der Algebraist«, der ein neues Universum mit Leben füllt, widmet sich Iain Banks mit dem vorliegenden Buch wieder seinem KULTUR-Universum. Der Heyne-Verlag preist diese Erzählung als »Opus Magnum« des Autors an und bietet mit dem Trade-Paperback eine schöne Plattform zwischen Taschenbuch und Hardcover. Die Titelbildgestaltung bedient sich eines Motivs aus dem Prolog des Romans und veranschaulicht wunderbar die Arbeit einer wichtigen Person des Geschehens.

Das war’s dann auch schon an Pluspunkten für den Verlag. Man schlägt das Buch auf und sieht große, angenehm lesbare Schrift auf dickem Papier, dem ein breiter unbedruckter Rand gelassen wird. Schon allein ohne diesen Rand bleibt die Größe eines Taschenbuchs, was sich natürlich im Preis widerspiegeln würde, denn mit 16 Euro ist er doch sehr hoch gesteckt.

Wie man bei der Lektüre feststellen wird, trifft der Klappentext in seinen wichtigen Aussagen daneben. Der Roman ist kein Trip durch die Galaxis in diesem Sinne. Wichtigste Bühne ist die Welt Sursamen. Die KULTUR, zu der auch die Menschen und ihre Modifikationen gehören, besteht keineswegs nur aus Menschen und widerlegt so die Behauptung, die Menschheit wäre bei ihrem Aufbruch ins All auf die Schalenwelten gestoßen. Und die Schalenwelten sind nach dem Tenor des Romans keinesfalls eine gigantische Falle für die menschliche Zivilisation.

Vielmehr handelt es sich um eine königliche Familiengeschichte voller Intrigen, Flucht und Suche nach Hilfe, in deren Begleitung eine äonenalte Gefahr für die ganze Welt befreit wird und bekämpft werden muss. Dabei entwickelt Banks neue interessante Facetten der Gesellschaftsform der KULTUR und der galaktischen Gemeinschaft und wirft neue Fragen auf, die nicht alle in dieser Geschichte beantwortet werden.

Trotz Banks‘ unbestreitbaren Hangs zu wortreichen Beschreibungen gibt es in Bezug auf technische Details keine unnötig pseudowissenschaftlichen Abhandlungen. Es wird nicht die Funktion beschrieben, sondern der Effekt, so dass von dieser Seite der Erzählfluss nicht verzögert wird. Anders ist es mit anderen Beschreibungen: Vor allem die Örtlichkeiten werden so detailliert und weitschweifig geschildert, dass man sich zeitweise gebremst fühlt und versucht ist, den Absatz zu überspringen. So wandern die Protagonisten mal durch einen endlosen Gang und verlieren sich in Gedanken über die Vergangenheit (teilweise wichtig zur Charakterisierung der Figur) oder komplett zusammenhangslosen Überlegungen. Hier hätte man sich einen rotstiftverliebteren Redakteur gewünscht.

An Sprache, Vokabular, Kreativität, Individualität und bewundernswerter Fantasie gibt es nichts zu kritteln. Es ist eine typisch Bankssche frische Erzählung von hohem Unterhaltungswert und mit diesem Adrenalin ausschüttenden Sog, der keine Müdigkeit zulässt.

Betrachtet man den Erzählungsverlauf, fällt Folgendes auf: Es läuft alles ganz zielgerichtet und flüssig und dreht sich auf zwei Ebenen um den Versuch der zwei Parteien, sich zu treffen. Hintergrund ist der Mord am König und Vater der beiden Personen. Der Weg dieser beiden Gruppen ist natürlich mit Problemen gepflastert. Ab dem Moment ihres Treffens strebt alles plötzlich dem Finale entgegen und wandelt sich in das kosmisch umfangreiche Thema, das nicht nur diese Familienkrise betrifft, sondern die ganze Galaxis. Es taucht ein unbemerkt eingeführter Gegner auf und fordert komplexen hochtechnischen Einsatz. Durch gnadenlose Vernichtung von Menschen löst sich der familiäre Konflikt auf und wandelt sich auf diesem letzten Abschnitt in den verzweifelten Versuch, diesen Gegner auszuschalten. Damit wird ein Großteil der erzählerischen Vorarbeit und Entwicklung des Romans in einem Schlag beiseite gewischt. Natürlich erhält das Ende durch seine kosmische Gültigkeit das wahre Flair der Science-Fiction-Erzählung gegenüber einem banalen Aufeinandertreffen von Mörder und Rächer. Aber der Weg dorthin liegt etwas zu sehr versteckt hinter dieser oberflächlichen persönlichen Geschichte.

Auf den Epilog kann man verzichten. Er dient nur als Rechtfertigung für die emotionale Entscheidung der Protagonistin im Prolog und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Dem Ende selbst fügt er keine spannende oder zu mehr Befriedigung führende Facette hinzu.

Insgesamt bietet der Roman ein sehr schönes, spannendes und befriedigendes Leseerlebnis in der grandiosen Welt von Iain Banks‘ KULTUR.

Originaltitel: Matter
Übersetzt von Andreas Brandhorst
Paperback, Broschur, 800 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52500-9

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 4,00 von 5)

Michael Connelly – Kalter Tod [Harry Bosch 13]

Terroristen stehlen radioaktives Material aus einem Krankenhaus und ermorden einen Arzt. Nicht nur die Mordkommission, sondern auch diverse Bundesbehörden machen sich an die Aufklärung und verursachen vor allem ein heilloses Durcheinander, das dem Gegner gefährlich viel Zeit lässt, die Polizist Harry Bosch im Alleingang einholen muss … – ‚Normale‘ Polizeiarbeit trifft auf moderne Terroristen-Hysterie: Beide Aspekte weiß der Verfasser zu einem spannenden Roman zu verschmelzen, der trotz seines geringen Umfangs zu den besseren der Bosch-Reihe zählt.
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Gordon D. Shirreffs – Der Silberschatz von La Barranca

Shirreffs Silberschatz Cover kleinDrei Männer ziehen im Jahre 1868 durch die Wüste von Mexiko, um in einer sagenhaften Silbermine reich zu werden. Stattdessen finden sie Hitze, mörderische Indianer und Wahnsinn: den Fluch von La Barranca … – Western vor ungewöhnlicher aber authentischer Kulisse; in einer grandios geschilderten Landschaft spielt sich ein fast kammerspielartiges Drama um Freundschaft, Gier und Verrat ab: ein kantiger Roman mit viel Spannung und ohne Sentimentalitäten.
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David Gerrold – Die Bestie

Per Zeitmaschine reisen acht Männer und Frauen in die Kreidezeit. Sie wollen das ultimative Jagderlebnis und pirschen auf den Tyrannosaurus Rex. Interne Streitigkeiten, Desorganisation und Selbstüberschätzung lassen sie scheitern. Plötzlich jagt die gewaltige Bestie sie – und das mit tödlicher Unerbittlichkeit … – Die vom Plot simple Geschichte ist nicht nur ein spannendes Abenteuergarn, sondern erzählt auch vom Menschen einer technisch fortgeschrittenen Zukunft, der geistig der (unreife) Alte geblieben ist: ein vergessener aber lesenswerter SF-Roman.
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Cory Doctorow – Upload

Das Internet bevölkern vor allem Menschen aller Länder auf der Suche nach Kommunikation mit Gleichgesinnten. Oder auf Konfrontationskurs in der Anonymität des Netzes, versteckt hinter ihren Konsolen. In »Upload« bilden sich auf diesem Wege Gemeinschaften heraus, so genannte Stämme, deren Zustand sich nach der Zeitzone (und damit der Zeit der größten Aktivität des Stammes) der meisten Angehörigen definiert. Dadurch kommt der Schlaf-Wachrhythmus der nicht in diesen Zeitzonen lebenden Stammesangehörigen gehörig durcheinander, da sie sich in ihrem wirklichen Leben nach den Gewohnheiten ihres Umfeldes richten müssen und womöglich ihre Schlafzeit zur Kommunikation mit dem Stamm auf der anderen Seite der Erde nutzen.

Art ist ein »Agent« seines Stammes. Er ist in London für eine Kommunikationsfirma tätig, nutzt aber seine Position, um gute Ideen an seinen Stamm weiterzuleiten und gleichzeitig in der Firma schlechte oder bremsende Ideen an den Mann zu bringen. Art ist ein genialer Kopf, und so stößt er eines Tages auf eine geniale Lösung des Musikdownloadproblems in PKW. Sein Kollege und Stammesgenosse hintergeht ihn und macht sich mit dieser Idee selbstständig, dazu entschärft er Art auf die beste Weise: Er lässt ihn einweisen.

So findet Art Ruhe in der Anstalt, Zeit zum Überlegen, und er erkennt die Zusammenhänge und seine Möglichkeiten …

Schon Doctorows Erstling »Backup« war ein Roman, wie er kreativer und unterhaltsamer kaum sein kann. Und dabei bedient sich Doctorow am heutigen Stand der Informationsgesellschaft und den Möglichkeiten des Internets und interpoliert glaubwürdig eine nahe Zukunft. War in »Backup« noch das Hochladen von Bewusstseinsinhalten und Seelen utopisches Wunschdenken, so greift »Upload« aktuelle Entwicklungen (wie das Filesharing) sehr realitätsnah auf.

Der Charakter des Art, Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, begreift sein Schicksal voller Selbstironie und gibt Doctorow damit die Berechtigung für eine locker-humorvolle und sarkastische Stilistik. Über Art greift der Autor einige aktuelle Schattenzonen in der internet-ischen Rechtssituation an – ein Thema, dem eigentlich jeder Nutzer begegnen sollte und hinter dem sich vor allem Lizenzstreitigkeiten und Copyright-Bestimmungen verbergen.

Der Verlag schreibt über den Autor, er lebe im Internet. Damit ist Doctorow wohl einer der fortschrittlichsten Architekten der Zukunft und befindet sich offenbar selber in der Problematik der »Stämme«, die er in diesem Roman thematisiert. Es sind die Grundprobleme der aktiven Internetgeneration, mit denen er sich beschäftigt. Also zukunftsträchtige Themen, mit deren fiktiven Lösungsansätzen er vielleicht den Grundstein für spätere Entwicklungstendenzen legt. Richtig bearbeitet, ist dies sicherlich das erfolgversprechendste Gebiet für orakelige Offenbarungen.

Das Ganze ist verpackt in erfrischend schlanken Erzählungen ohne hunderte Seiten umfassende Beschreibungen. Sie lesen sich flüssig schnell und übertragen Merkmale der Kurzgeschichte auf den Roman; zum Beispiel durch die Entwicklung des Verständnis für komplexe Hintergründe aus dem Kontext und dem Anker in unserer Zeit lässt das Buch sich leicht auf ausschweifende Erklärungen verzichten.

Entscheidet man sich in der Buchhandlung vor dem Bücherregal mit ziegelsteindicken Schinken für diesen unzeitgemäß dünnen Roman auffallend futuristischer |Heyne|-Aufmachung, wird man positiv von hoher Qualität, hohem Unterhaltungswert und erzählerischer Dichte überrascht.

Doctorow ist ein neuer Autor in der Science-Fiction-Landschaft, den es sich lohnt zu beachten, da er neben Charles Stross einer der kreativsten und innovativsten Schriftsteller ist, die sich mit einer vorstellbaren Entwicklung unserer Informations- und Kommunikationszivilisation beschäftigen. Das Leben im Internet – heute schon Realität für viele Söhne und Töchter darunter leidender Mütter.

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Sanderson, Brandon – Alcatraz und die dunkle Bibliothek

Alcatraz ist schon ein wirklich merkwürdiger Name für einen Jungen. Andererseits ist Alcatraz Smedry auch ein ziemlich seltsamer Junge. Immerhin geht nahezu alles zu Bruch, was er in die Hand nimmt, von komplizierter Technik bis hin zu einfachsten Dingen wie Kochtöpfen und Türklinken. Und als würde ihm diese absonderliche Tatsache im alltäglichen Leben nicht schon genug zu schaffen machen, steht eines Tages auch noch ein alter Mann vor der Tür und behauptet, sein Großvater zu sein. Innerhalb von Minuten verwandelt sich Alcatraz‘ Leben in völliges Chaos, gerade so, als hätte er es selbst in die Hand genommen …

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Buch ist schlicht nur schräg!

Alcatraz scheint im Grunde ja ein recht normaler Teenager zu sein. Seine Kindheit bestand darin, ständig von einer Pflegefamilie zur nächsten abgeschoben zu werden, und die daraus resultierenden Verlustängste haben dazu geführt, dass er sich gegenüber seiner Umwelt komplett abgeschottet hat. Was natürlich nicht heißen soll, dass er sich nicht immer noch ein intaktes, stabiles Zuhause wünscht, nur scheint dieser Wunsch angesichts der Schäden, die Alcatraz bei jeder Gelegenheit anrichtet, völlig unerfüllbar.

Sein Großvater ist da schon ein wenig abgedrehter. Der wuselige und stets gutgelaunte kleine Mann mit dem weißen Haarkranz und Schnauzbart trägt nicht nur einen Frack und ständig wechselnde Brillen mit bunten Gläsern, er fährt auch einen Oldtimer, der gerade mal Schrittgeschwindigkeit schafft, und hält das Wort „schön“ für einen Fluch.

Außerdem wäre da noch Sing Sing erwähnenswert, ein Hüne von einem Mann, der in einem blauen Kimono herumläuft, aber statt eines Samuraischwertes ein Gewehr auf dem Rücken mit sich herumträgt, zusätzlich zu einer ganzen Anzahl großkalibriger Hand- und Schnellfeuerwaffen, die er in diversen Halftern an Arme und Beine geschnallt hat.

Das mürrische, junge Mädchen in Alcatraz‘ Alter dagegen hat außer seiner scharfen Zunge nur eine kleine Handtasche dabei, die sie, wenn sie sich ärgert, den Leuten um die Ohren haut.

Ihr Gegenspieler wirkt in seinem eleganten schwarzen Anzug und mit seinem verbindlichen Lächeln neben dieser seltsamen Gruppe geradezu gewöhnlich. So lange er vor sein verbliebenes Auge nicht ein Monokel hält, dessen Glas farbig ist …

Und das ist erst der Anfang. Denn mit den bereits mehrfach erwähnten bunten Brillengläsern hat es eine Bewandtnis. Sie sind das Werkzeug der Okulatoren. Und je nachdem, woraus diese unterschiedlichen Linsen hergestellt wurden, kann der Okulator sie für das Verfolgen von Spuren, das Auffinden von Auren, aber auch als Waffe benutzen. Überhaupt scheint Glas der Rohstoff schlechthin zu sein, denn aus ihm werden nicht nur Linsen, sondern auch dehnbare Wände, unzerstörbare Gefängnisgitter und einbruchsichere Tresore hergestellt. In Anbetracht dessen wundert es den Leser kaum noch, dass man die Fahrzeuge, die Großvater Smedry und seine Truppe benutzen, weder betanken noch lenken muss.

Spätestens hier wird klar, dass der Leser es mit Magie zu tun hat. Und natürlich stürzt Alcatraz, der in einer völlig nichtmagischen Welt aufgewachsen ist, erst mal in ziemliche Verwirrung, als er erfährt, dass das ständige Demolieren von allem Möglichen seine magische Gabe ist, so wie es die Gabe seines Großvaters ist, stets zu spät zu kommen, oder die seines Vetters Sing Sing zu stolpern.

Schließlich, als wäre das alles noch nicht skurril genug, stellt sich heraus, dass Alcatraz‘ wohlbekannte, nichtmagische Welt nur deshalb so ist, weil die Bibliothekare dabei sind, die Welt zu erobern, indem sie Wissen unterdrücken. Die Ausmaße dieser Verschwörung nehmen mit fortschreitender Enthüllung immer aberwitzigere Züge an und stellen bald sämtliche Verschwörungstheorien, die je auf dieser Welt in Umlauf waren, völlig in den Schatten.

Nicht minder aberwitzig als die Verschwörung sind die Versuche des Autors, den Leser davon zu überzeugen, dass er nicht nur kein Held, sondern sogar ein ziemlich schlechter Mensch ist, was er hauptsächlich dadurch zu beweisen sucht, dass er der Autor eines Buches ist. Die regelmäßig eingestreuten Kommentare des Erzählers dienen zum einen dazu, dem Leser klarzumachen, was für linke Tricks Autoren anwenden, wenn sie ihre Geschichten erzählen, aber auch dazu, ihn von der geschilderten Verschwörung zu überzeugen.

Das Schräge an der Sache ist, dass Brandon Sanderson dabei so ziemlich alles verdreht und ins Gegenteil verkehrt. Nicht nur, dass Alcatraz sich ständig mit der bissigen Bastille darüber streitet, ob nun Schwerter oder Schusswaffen, Feuer oder elektrisches Licht, Treppen oder Aufzüge moderner und fortschrittlicher sind. Auch die Bezeichnung von Büchern, die in der wirklichen Welt spielen, als Fantasy und umgekehrt gehört dazu. Diverse Absurditäten wie die mit den Dinosauriern (selber lesen!) runden die ganze Sache ab.

Um ehrlich zu sein: Ich würde das Buch nicht als spannend bezeichnen. Aber es ist so verrückt und gleichzeitig so trocken erzählt, so voller Überraschungen und voller ironischer Anspielungen – sei es nun auf den Boom der Verschwörungstheorien, den |american way of thinking| oder die Literatur im Allgemeinen und ihre Produzenten im Besonderen – dass ich mich jederzeit köstlich amüsiert habe und gelegentlich laut lachen musste. Das Lesen dieses Buches hat wirklich Spaß gemacht.

Brandon Sanderson gehört zu denjenigen, die bereits als Kinder phantastische Geschichten schrieben. Sein Debütroman „Elantris“ erschien 2005, seither hat er weitere Romane geschrieben. „The final Empire“ und „The Well of Ascension“ sind Teile seiner Trilogie Mistborn. Außerdem arbeitet der Autor an zwei weiteren Serien, Warbraker und Dragonsteel. „Alcatraz und die dunkle Bibliothek“ ist der erste Band einer Jugendbuchserie, deren Fortsetzung unter dem Titel „Alcatraz und das Pergament des Todes“ im November dieses Jahres erscheint.

Originaltitel: Alcatraz Versus the Evil Librarians
Übersetzt von Charlotte Lungstrass
 Paperback, 304 Seiten

ISBN-13: 978-3-453-52414-9

www.brandonsanderson.com
http://www.heyne.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

 

Briggs, Patricia – Rabenzauber

Tieragan kommt aus dem Krieg. Er hat einen weiten Weg hinter sich, das Wetter ist mies, und der junge Mann freut sich auf ein trockenes Gasthaus und eine warme Mahlzeit. Stattdessen platzt er mitten in eine prekäre Situation: Auf dem Marktplatz brennt ein Scheiterhaufen, und im Wirtshaus ist der Wirt gerade dabei, die Schwester des Hingerichteten zu verkaufen, weil sie die überhöhte Rechnung nicht begleichen kann.

Spontan kauft Tieragan das junge Mädchen und macht sich mit ihm aus dem Staub. Dass der andere Interessent ihnen folgt und versucht, Tieragan zu töten und das Mädchen in seine Gewalt zu bringen, dem misst der junge Soldat zunächst keine Bedeutung bei. Erst viel später wird er sich daran erinnern, als es fast schon zu spät zu sein scheint …

Patricia Briggs hat mit den meisten Figuren in diesem Roman keine reine Charakterzeichnung abgeliefert. Der Großteil der Personen besitzt dafür besondere magische Begabungen, die so stark ausgeprägt sind, dass sie die eigentliche Persönlichkeit massiv beeinflussen.

Bei Seraph, dem Mädchen aus dem Wirtshaus, hält es sich noch am ehesten in Grenzen. Der Rabe ist das Symbol für den Zauberer und seine Gabe mehr mit Fähigkeiten gleichzusetzen als mit Eigenschaften. So kann Seraph – neben allgemeinen Kleinigkeiten wie einen Bann weben, mit Magie Feuer anzünden und Ähnliches – in einer Art Vision die Vergangenheit von Dingen sehen, die sie berührt. Allerdings ist für die Ausübung dieser Gabe Selbstbeherrschung notwendig, die Seraph sich immer wieder neu erarbeiten muss, denn eigentlich ist sie sehr gefühlsbetont, und ihre Gefühle, vor allem Trauer und Angst, neigen dazu, in Zorn umzuschlagen.

Die Eule dagegen, Symbol für den Barden, verleiht die Macht der Musik. Ein Barde kann durch seine Magie dem Inhalt seiner Lieder zusätzliche Substanz verleihen in Bildern, Geräuschen, ja sogar Gerüchen. Er kann die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer an sich binden, sie beeinflussen und im Extremfall sogar seinem Willen unterwerfen. Niemand kann einen Barden anlügen, ohne dass dieser es merkt. Bei einer solchen Macht stellt sich schon die Frage, ob Tieragans ausgeprägte Menschenkenntnis und seine überdurchschnittlichen diplomatischen Fähigkeiten zu seiner Person gehören oder zu seiner magischen Gabe.

Noch extremer ist es beim Adler. Der Adler ist der Beschützer und gegen Magie von außen nahezu unempfindlich. Seine eigene Magie jedoch, die Gabe des Hüters, ist zornig, aufbrausend und kann ziemlich mörderisch werden. Gleichzeitig sind alle Adler Empathen, also Menschen, die andere, vor allem deren Gefühle, spüren und verstehen können. So kann der Leser nie ganz sicher sein, ob das Einfühlungsvermögen von Jes Tieraganssohn oder seine Reizbarkeit in der Nähe von Menschenmengen oder bei Streit Aspekte seines eigenen Wesens sind oder eine Folge der Tatsache, dass er Adler ist.

Die Personen ohne Gabe, wie Tieragans zänkische Schwester, sein gutmütiger Schwager oder der freundliche Prister seines Heimatdorfes, sind eher Randfiguren. Nur einer davon ist wirklich wichtig: Phoran, der Kaiser des Reichs. Ein noch junger Mann, durchaus intelligent, aber einsam, ohne jedes Selbstbewusstsein und seit einiger Zeit schier erstarrt in Angst vor einem Geist, der ihn jede Nacht heimsucht. Er vertut seine Tage mit Gelagen und Huren, bis ihm irgendwann der Verdacht kommt, dass der einzige Mann, den er seinen Freund nennt, ihn womöglich ebenso verachtet wie der Rest seiner Umgebung.

Mir haben eigentlich alle Figuren in dieser Geschichte gut gefallen. Selbst die Nebenrollen besitzen ziemlich viel Persönlichkeit und wirken lebendig. Und auch die enge Verbindung zwischen Gabe und Charakter bei den Protagonisten empfand ich eher als Vorteil. Dadurch, dass die Übergänge fließend sind, wird die Magie mehr zu einem Teil der Person, was vor allem im Falle von Tieragan und Jes zu sehr exotischen und faszinierenden Ergebnissen geführt hat.

Dem Entwurf ihrer Welt hat die Autorin zunächst scheinbar wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Kaiserreich, ein beendeter Krieg, Fürsten, denen das Land gehört, Dörfer, Städte, der Palast in der Hauptstadt Taela … nichts Ungewöhnliches. Außerhalb dieses Gefüges aber gibt es noch die Reisenden, die von der übrigen Bevölkerung beargwöhnt, abgelehnt, ja oft genug sogar gehasst werden. Die Reisenden sind nicht etwa vergleichbar mit fahrendem Volk, sie sind kein Jahrmarkt oder Zirkus. Die Reisenden sind nur deshalb unterwegs, weil sie vor Jahrhunderten ihre Heimat verloren. Eine riesige Dummheit hatte grausame Konsequenzen, und nun versuchen die Reisenden, mit Hilfe ihrer magischen Gaben die angeschlagene Balance der Schöpfung zu erhalten. Nur ganz allmählich entwickelt die Autorin diese fantastische Seite ihrer Welt, weitet sie aus über Legenden und altes Wissen der Reisenden, bis sie irgendwann bei der Historie angekommen ist und schließlich den Kern der Geschichte stellt.

Bis dahin haben Tieragan, Seraph und ihre Kinder einige Turbulenzen zu überstehen. Denn ein Geheimbund versucht nicht nur, die Macht des Kaisertums auszuhöhlen, sondern auch, die Gaben der Reisenden an sich zu bringen – durch Entführung, Magie und Mord. Gleichermaßen durchtrieben und hinterlistig wie auch mit roher, rücksichtsloser Gewalt strebt irgendwo jemand nach unbeschränkter Macht. Die Familie macht sich auf die Suche, und tatsächlich begegnen ihr genügend Leute, die in die geheimen Machenschaften des Geheimbunds verwickelt sind. Doch keiner dieser Solsenti-Zauberer – der Unbegabten, die Magie nur mit Hilfe von Formeln und Ritualen beherrschen können – scheint der Anführer zu sein …

Tatsächlich hält die Autorin ihren obersten Bösewicht lange Zeit geheim. Auf ziemlich gemeine, höchst gelungene Art streut sie erst einen Verdacht, um ihn dann gleich wieder zu entkräften, und das macht sie so oft, dass der Leser den einen, entscheidenden, aber ziemlich unauffälligen darunter irgendwann zu übersehen droht. Das macht den Bösewicht nur umso interessanter, denn erst beim Showdown zeigt er das wahre Ausmaß seiner Boshaftigkeit. Es ist, als säße die ganze Zeit eine lauernde Spinne im Raum. Aber man sieht sie nicht. Nicht etwa deshalb, weil sie sich versteckt oder sich nicht rührt, sondern weil sie keinerlei sichtbare Ähnlichkeit mit einer Spinne hat.

Dieser Spannungsbogen trägt allerdings vor allem den zweiten Teil. Der erste Teil lebt von den diversen kleinen Scharmützeln gegen größere und kleinere Bedrohungen, die nicht mal alle dem Geheimbund angehören. Sie alle bieten Spannung, die nach dem Duell zwar schnell wieder abebbt, aber jedes Mal weitere und natürlich schwierigere Kämpfe in Aussicht stellt. Und wenn tatsächlich mal kein Kampf in Sicht ist, dann widmet sich die Autorin den Konflikten zwischen Reisenden und dem Rest der Bevölkerung oder zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Gruppe, was aufgrund der ungewöhnlichen Persönlichkeiten niemals langweilig ist.

Alle diese Bestandteile – die faszinierenden Charaktere, die Details ihrer Welt, die Spannungsbögen der Handlung – hat die Autorin lückenlos zusammengefügt. Alles ist überall miteinander verbunden, alles hängt miteinander zusammen, ohne dass es irgendwo knirscht oder knackt. Eine runde Sache, die ich sehr gerne gelesen habe.

Als sehr positiv empfand ich auch, dass Heyne, anstatt Bücher auseinanderzureißen, wie andernorts zur Zeit Mode, lieber zwei Teile zusammengefasst hat. Wie „Drachenzauber“ ist auch „Rabenzauber“ im englischen Original ein Zweiteiler. Und obwohl die Autorin zu Beginn des zweiten Teils noch gelegentlich Hinweise auf den ersten gibt, um das Verständnis zu erleichtern, war sie damit nicht allzu großzügig. Das Wegfallen einer größeren Veröffentlichungspause kommt dem Leser hier zusätzlich entgegen. Und auch das Lektorat war diesmal ausgesprochen gut.

Patricia Briggs schreibt bereits seit fünfzehn Jahren. Neben den Zweiteilern „Drachenzauber“ und „Rabenzauber“ schrieb sie einige Einzelromane wie „When Demons Walk“ oder „The Hob’s Bargain“ und wirkte in Anthologien mit, darunter „Silver Birch, Blood Moon“ und „On The Prowl“. Einige ihrer Bücher sind bereits wieder out of print. Außerdem schreibt sie derzeit an ihrer Mercedes-Thompson-Serie, die im englischen Original inzwischen bis Band vier gediehen ist. Der erste Band ist auf Deutsch bereits erschienen unter dem Titel „Ruf des Mondes“. „Bann des Blutes“ soll im Juli dieses Jahres, „Spur der Nacht“ im Februar 2009 in die Buchläden kommen.

Taschenbuch 990 Seiten

Originaltitel: „Raven’s Shadow“ und „Raven’s Strike“

Deutsch von Regina Winter

ISBN-13: 978-3453523159

http://www.heyne.de
http://www.hurog.com
http://www.patriciabriggs.com

 

John Niven – Kill Your Friends

Darum geht’s:

Nur Erfolg zählt im Musikbusiness. Als ein bisher erfolgreicher Manager nicht mehr mithalten kann, bringt er einen Konkurrenten um. Was zunächst funktioniert, entwickelt eine verhängnisvolle Eigendynamik mit verheerenden Folgen … – Eher Gesellschafts-Komödie als Krimi, besticht „Kill Your Friends“ durch das Insiderwissen des Verfassers und die brutale Konsequenz der Handlung, die sich bar jeglicher Illusionen in nackter Gier und Bösartigkeit wälzt: eine Lektüre, die man einfach nicht aus der Hand legt. John Niven – Kill Your Friends weiterlesen

C. J. Cherryh – Pells Stern. Ein Alliance-Union-Roman

Absprung ins Allianz-Union-Universum

Das 24. Jahrhundert: Die Raumstation im Orbit von Downbelow, einem Planeten des Sterns Pell, liegt als bislang neutraler Punkt zwischen den Einflusssphären der Erde und der Union, einer Föderation ehemaliger Kolonien der Erde. Pells Stern ist der Schlüsselpunkt im Konflikt des Einflussbereiches der Erde und ihrer Flotte einerseits und den rebellischen Unions-Kolonien andererseits. Pells Station ist der Schlüssel zum Verteidigungsgürtel der Erde und der Absprungpunkt eines irdischen Angriffs auf die Unions-Kolonien. Pell will in diesem Konflikt auf jeden Fall neutral bleiben, doch der Preis ist hoch.

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Richard S. Prather – Blaue Bohnen zum Frühstück

Ein Privatdetektiv gerät zwischen die Fronten eines örtlichen Gangsterkriegs. Beide Parteien halten ihn für einen Handlanger des Gegners und schicken ihm ihre Revolvermänner auf den Hals, während er nicht nur sich selbst, sondern gleich zwei junge Frauen retten muss … – „Hard-boiled“-Krimi aus einer lang laufenden Serie, die praktisch sämtliche Klischees vom eisenharten Schnüffler und Frauenhelden bedient und heute eher vergnüglich als spannend wirkt, wenngleich der Autor seinen Job versteht und gutes Handwerk abliefert. Richard S. Prather – Blaue Bohnen zum Frühstück weiterlesen

Isaac Asimov – Meine Freunde, die Roboter

Der künstliche Mensch mit einem Gewissen

In diesem Band liegen sämtliche Roboter-Erzählungen gesammelt vor, die noch heute verfilmt werden, z. B. mit Will Smith in der Hauptrolle. In der fünften Geschichte „Liar!“ formulierte Asimov die ersten drei Gesetze der Robotik, die noch heute die Grundprinzipien des Baus von Robotern darstellen. In Japan werden Roboter inzwischen als Kindermädchen eingesetzt.

Später ergänzte er die drei Gesetze um das nullte Gesetz, das nicht nur Einzelmenschen, sondern auch die Menschheit als Ganzes schützen soll (ob das immer gelingt, steht auf einem anderen Blatt). Asimovs Robotergeschichte sind ein wichtiger Beitrag, den die Sciencefiction zum Thema Künstliche Intelligenz geleistet.

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Johanna Driest – Das Blaue vom Himmel

Vielleicht liegt es ja wirklich in der Familie, das Schriftstellerdasein. Johanna Driest ist die Tochter von Burkhard Driest, der unter anderem auch Romane und Drehbücher geschrieben hat. Ihre ersten Schreibversuche veröffentlichte die damals Fünfzehnjährige mit „Crazy for Love“ im Jahr 2005. Drei Jahre später ist die damalige Protagonistin Mona immer noch aktuell. Mittlerweile sechzehn Jahre alt, lernt Mona in „Das Blaue vom Himmel“ weitere Hoch- und Tiefpunkte des Teenagerdaseins kennen.

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Poul Anderson – Zeitpatrouille

Hinab durch die Zeit zu den Wurzeln der Nibelungen

Manche Menschen müssen den korrekten Verlauf der Geschichte erhalten, um die Gegenwart zu schützen und die Zukunft zu retten. Aber so ehrenhaft und interessant es auch sein mag, in den Dienst der Zeitpatrouille berufen zu werden, es ist manchmal der traurigste und härteste Job, den ein Mensch tun muss. Der vorliegende Band enthält zwei ihrer besten Abenteuer.

Die Hauptperson ist Manse Everard, der in der Ära der Zeitreise als Unabhängiger Agent der Zeitpatrouillen-Organisation darüber wacht, dass die Knotenpunkte der Vergangenheit unangetastet bleiben, und der jeden Versuch vereiteln soll, die Geschichte zu ändern, da dies unabsehbare Folgen hätte.

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David Nicholls – Ewig Zweiter

Bereits in seinem ersten Roman [„Keine weiteren Fragen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3258 hat der Brite David Nicholls bewiesen, dass er sich auf sympathischen Losertypen versteht. Der Titel hat sich gut verkauft und die Filmrechte wurden bereits an Tom Hanks‘ Produktionsfirma |Playtone| abgetreten. Man darf also zu Recht erwarten, dass sich Nicholls auch mit seinem zweiten Roman „Ewig Zweiter“ gut schlägt – vor allem auch deswegen, weil es diesmal um eine Thematik geht, die auch Parallelen zu seiner eigenen Biographie offenbart – Nicholls hat jahrelang als Schauspieler gearbeitet, bevor er sich aufs Schreiben verlegte.

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