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Gregory Benford – Im Meer der Nacht (Contact-Zyklus, Band 1)

Schnark & Wächter: Blick in ein seltsames Universum

Anno 1997 registrieren die Astronomen auf dem Kleinplaneten Ikarus, den sie seit 1949 kennen, einen rätselhaften Gasausbruch, der ihn auf Kollisionskurs zur Erde bringt. Astronauten sollen ihn mit H-Bomben sprengen, um die Gefahr abzuwenden. Doch sie machen die Entdeckung, dass es sich um ein getarntes, automatisch gesteuertes Raumschiff handelt. Im Augenblick der Sprengung setzt es einen Hilferuf ab – an wen? 15 Jahre später taucht ein Robotspäher im Sonnensystem auf …

Der Autor

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist nicht nur einer der besten Science-Fiction-Autoren, sondern auch renommierter Physikprofessor und einflussreicher Berater der US-Regierung in Sachen Raumfahrt und Energieversorgung. Diese Tätigkeit hat ihm sicherlich wertvolle Erkenntnisse vermittelt, die er in Romanen wie „Eater“ und [„Das Rennen zum Mars“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1223 verarbeitet hat.

Benford forscht und lehrt noch heute an der Uni von Kalifornien in Irvine bei L.A. Sein wichtigster früher Roman war „Zeitschaft“. Darin stellte er erstmals überzeugend die wissenschaftliche Arbeit in der Physik dar (siehe meinen Bericht). Mit seinem sechsbändigen CONTACT-Zyklus, in dem eine Expedition die Tiefen des Alls erforscht, und dem in der nahen Zukunft angesiedelten Roman [„Cosm“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1224 hat er der naturwissenschaftlich ausgerichteten Science Fiction einen höheren Stellenwert verschafft, als ihr in den 70er und frühen 80er Jahren zugestanden wurde.

Der CONTACT-Zyklus:

1) Im Meer der Nacht (1977, dt. 1980 und 2000)
2) Durchs Meer der Sonnen (1984, dt. 1987 und 2000)
3) Himmelsfluss (1987, dt. 1994 und 2001)
4) Lichtgezeiten (1989, dt. 1994 und 2001)
5) Im Herzen der Galaxis (1994, dt. 2000)
6) In leuchtender Unendlichkeit (1995, dt. 2000)

Handlung

1949 wurde durch Walter Baade auf dem Mount-Palomar-Observatorium der Kleinplanet Ikarus entdeckt, der seine exzentrische Bahn zwischen Mars und Merkur zieht und sich der Erde bis auf 6,4 Millionen Kilometer nähern kann.

Im Jahr 1997 registrieren die Astronomen einen rätselhaften Gasausbruch auf dem Himmelskörper, der seine Bahn verändert und ihn auf Kollisionskurs mit der Erde bringt. Ein Astronautenteam wird hinausgeschickt, um ihn mit Wasserstoffbomben zu sprengen. Nigel und Len machen die sensationelle Entdeckung, dass es sich um ein getarntes, automatisches Raumschiff handelt. Nigel soll eine Wasserstoffbombe zünden, um das potenziell bedrohliche Schiff zu vernichten.

Doch Nigel zögert, die offensichtlich intelligent gebauten Artefakte zu zerstören, von denen die Menschheit lernen könnte. Als er durchschaut, dass ihn der Mann von der NASA anlügt, weigert er sich offen – und löst auf der Erde einen Sturm der Empörung aus. Doch Nigel hat Recht. Wenn Ikarus völlig hohl ist, können seine Bruchstücke entweder in der Erdatmosphäre verglühen oder beim Aufschlag kaum Schaden anrichten. Erst nachdem er alles Interessante mitgenommen hat, haut er ab und zündet Bombe.

Im Augenblick seiner Sprengung setzt das fremde Raumschiff einen Hilferuf ab, der gehört wird. Denn 15 Jahre später – Nigel arbeitet immer noch bei der NASA, aber jetzt in Pasadena am JPL – taucht ein Robotspäher im Sonnensystem auf. Der Engländer Nigel Walmsley, der mit Lewis Carrolls Nonsensgedichten aufgewachsen ist, nennt ihn den Schnark. Aus den Bewegungsmustern leitet er ab, dass der Späher erst sämtliche Planeten absucht und sich erst danach auf die Erde konzentriert. Schließlich kommen von dort jede Menge Radiowellen. Aber wie können Schnark und Erde kommunizieren?

Die NASA bildet ein sogenanntes Exekutivkomitee, das von einem Mann namens Evers geleitet wird und dem auch Nigels Boss Lubkin angehört. Nigel, der seit der Ikarus-Sache weltberühmt ist, darf immerhin beraten. Er ist durch die tödlich verlaufende Krankheit seiner Geliebten Alexandria schwer abgelenkt. Um die Kranke besser überwachen und ihr im Notfall sofort helfen zu können, trägt er ein Kontrollgerät, das per Funk mit Alexandrias eigenem Diagnosegerät verbunden ist.

Als er merkt, dass die Leute um Evers nicht vorhaben, mit dem Schnark Kontakt aufzunehmen, stellt er ihn selbst her. Es kommt zu einer Krise. Der Schnark sendet Daten, die über Nigels Kontrollgerät an Alexandrias Gerät weitergeleitet werden. Da aber Alexandria in diesem Augenblick – von dem Nigel noch nichts ahnt – bereits klinisch tot ist, übernimmt der Schnark den „unbewohnten“ Körper. Wie durch ein Wunder erwacht Alexandria wieder zum Leben. Ihre Religionsbrüder von den allgegenwärtigen „Neuen Jüngern“ sind entzückt und präsentieren sie als Prophetin. Nigel lehnt dies ab, kann aber nichts unternehmen. Aber es gibt ihm gegenüber Evers eine gute Entschuldigung für seine Insubordination.

Evers bittet ihn als den versiertesten Astronauten, den Schnark auf dem Mond persönlich zu treffen. Doch es ist eine von den Militärs um Evers fein ausgetüftelte Falle, um den Robotspäher zu vernichten. Dem Schnark fällt es leicht, die erste Atomrakete unschädlich zu machen und mit Nigel zu kommunizieren. Doch als eine zweite Atomrakete abgefeuert wird, muss auch das Schiff des Spähers verschwinden. Er entkommt in die Tiefen des Alls. Nigel kann Evers bloßstellen und sich selbst retten. Allerdings nicht vor einem kleinen Souvenir, das der Schnark zurückgelassen hat …

2018 entdeckt die Mondforscher Nikka im Marginis-Krater das Wrack eines Fremdraumschiffs. Sie überlebt um Haaresbreite, denn das automatisch gesteuerte Raumschiff verteidigt sich wirkungsvoll. Untersuchungen ergeben, dass es mindestens eine halbe Million Jahre alt sein muss. Nachdem sie die Verteidigungsanlagen umgangen haben, untersucht Nigel zusammen mit Nikka die Datenbanken dieses Schiffes. Der Einfluss der „Neuen Jünger“ im Forschungsteam und auf der Erde ist inzwischen massiv. Nigel wird daran gehindert, seine Funde zu veröffentlichen. Wieder handelt er auf eigene Faust und sendet sie mit Hilfe seiner Geliebten Nikka. Doch da macht sich die Computeranlage des Schiffes selbständig und nimmt Kontakt mit Nigels Gehirn auf. Er verändert sich …

Mein Eindruck

„Im Meer der Nacht“ ist das Vorspiel zur Kontaktaufnahme mit einem Universum, in dem ein beständiges Ringen zwischen organischem und anorganischem Leben bzw. den entsprechenden Lebensformen stattfindet. Und es sieht so aus, als behielten selbstreproduzierende Maschinenwesen, die Mechanos aus dem Sternbild Adler, die Oberhand. Aber das Raumschiff auf dem Mond gehört einer Wächterrasse an, die das organische Leben im Universum vor den Mechanos schützen will und zukunftsträchtigen Spezies zu höherer Intelligenz verhilft.

Gefahren

Das CONTACT-Universum ist kein leeres und erst recht kein freundliches Universum, das auf die Eroberung durch den Menschen wartet. Vielmehr sieht sich die Erdexpedition im zweiten Band schon bald in höchster Lebensgefahr. Die Abenteuer sind von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen stets spannend und geben dem Leser auch in philosophischer Hinsicht eine Reihe bemerkenswerter Einsichten.

Da Benford Physiker ist, habe ich erwartet, dass er wissenschaftliche Kenntnisse bei der Leserschaft voraussetzt, um physikalisches Wissen in seiner Erzählung anbringen zu können. Damit hatte ich überhaupt kein Problem, zumal uns viele der Konzepte, die er präsentiert, mittlerweile völlig geläufig sind: Datenbanken, Funkübertragung, die Mensch-Maschine-Schnittstelle und vieles mehr. Schließlich wurde der Roman in Etappen zwischen 1972, als Clarkes schöner Roman „Rendezvous mit Rama“ erschien, und 1977 geschrieben. (Dies erklärt auch die harten Brüche zwischen den Buchteilen.)

Liebesgeschichten

Ich erwartete, dass der Schwerpunkt der Handlung weniger auf Romanze und Abenteuer läge als vielmehr auf den technischen Abläufen und dem kognitiven Neuland, das sich dem Menschen durch den (vorerst vermasselten) Erstkontakt erschließt. Aber der Anfang des Romans ist eine wunderbare und traurige Liebesgeschichte zwischen Nigel, Alexandria und ihrer beider Geliebten Shirley. In diesem ersten Drittel verändert sich Nigel von einem neutralen Rädchen im Getriebe zu einem aufmüpfigen Burschen, der selbständig handelt. Und zwar ausdrücklich auch gegen die Befehle seiner sogenannten Vorgesetzten. Sie hintergehen ihn nämlich regelmäßig.

Auch im letzten Drittel des Romans erlebt Nigel eine wunderbare Liebe, denn Nikka ist ein sehr kluge und mutige Japanerin, die ihm gegen die religiös verbrämten Verwaltungsaffen hilft. Mit ihr gelangt er zu bahnbrechenden Erkenntnissen, die er aus den Daten des Raumschiffwracks bezieht. Demzufolge haben die Wächter vor mindestens einer halben Million Jahren versucht, Hominiden zu Intelligenz zu verhelfen. Die Wächter wurden von den Mechanos abgeschossen. Die letzten Hominiden sind in Oregon anzutreffen. Sie sind als Sasquatch oder Bigfoot bekannt (es gibt sogar einen Amateurfilm davon). Nigels Freund Mr. Ichino macht mit ihnen nähere Bekanntschaft.

Experimentell

Die letzten Seiten, die von den Szenen in Oregon erzählen, stellen den traditionellen Erzählstil einem völlig andersartigen gegenüber. In diesem experimentellen Still sind alten Einheiten von Subjekt und Objekt aufgehoben. Dies entspricht nun Nigels Weltsicht und -empfinden. Das Lesen ist zwar mühselig, aber die Anstrengung lohnt sich, um herauszufinden, wie Nigel nun „tickt“. Ich fand dies eine unvertraute, aber keine unangenehme Erfahrung, im Gegenteil.

Unterm Strich

An manchen Stellen im ersten Drittel fragte ich mich, ob dies überhaupt ein Science-Fiction-Roman sei. Er ist nur im letzten Drittel mit Clarkes oben erwähntem Roman „Rendezvous mit Rama“ zu vergleichen. Am Anfang scheint Benford ein Gesellschaftsporträt im Sinn gehabt zu haben. Das erweist sich erst im späteren Verlauf als sinnvoll, denn nur so wird deutlich, welche wichtige Rolle die Neuen Jünger auf der Erde für Politik und Wissenschaft spielen. Heute würde man vielleicht Kreationisten oder Fundamentalisten zu ihnen sagen.

Die Konstruktion des Romans ist noch sehr uneben, mit harten Brüchen zwischen manchen Teilen. Der Leser muss eben die fehlenden Übergänge selbst leisten. Die späteren Buchteile sind wesentlich besser geschrieben als die ersten, die dafür mehr Spontaneität und Unmittelbarkeit an den Tag legen. Aber anders als in „Zeitschaft“ konzentriert sich der Autor selten auf den Wissenschaftsbetrieb, denn Nigel Walmsley ist ja in erster Linie Astronaut, also Ausführender. Erst im letzten Teil spielt er die Rolle des Wissenschaftlers, der eine Botschaft weiterzugeben hat. Die Botschaft, so erfahren wir allmählich, hat ihn bereits massiv, aber zum Guten hin verändert. Es ist klar, dass er auch in der Fortsetzung eine wichtige Rolle zu spielen haben wird.

Ich fand den Roman spannend, denn ich wurde mit immer neuen Rätseln konfrontiert, die mich neugierig machten. Ihre Lösung führt stets zu Konflikt und Konfrontation innerhalb der Handlung, aber zu einem Informationssprung für mich. Der größte solche Sprung erfolgt im Epilog, denn hier erst fallen die vielen verschiedenen Puzzlesteine an ihren Platz. Man sollte also unbedingt bis zum Schluss durchhalten. Es lohnt sich.

Taschenbuch: 382 Seiten
Originaltitel: In the Ocean of Night, 1972-77
Besprochene Auflage: Juni 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Gerd Hallenberger, das Interview von Denis Scheck
Illustriert von Giuseppe Festino

Clive Barker – Galileo

Die Geschicke der Familien Barbarossa und Geary sind seit jeher miteinander verknüpft; die geheimnisvollen = übernatürlichen Wurzeln sind beinahe in Vergessenheit geraten, doch die Verbindung setzt sich konfliktreich in der Gegenwart fort … – Clive Barker verzichtet auf harten Horror und erzählt stattdessen eine (leicht fantasylastige) Romanze, die vor allem durch ihre Länge in Erinnerung bleibt, während die Handlung recht ereignis- und spannungsarm vorüberplätschert: Lektüre für hartgesottene Romantiker.
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Buzz Aldrin / John Barnes – Begegnung mit Tiber

Mit Buzz Aldrin http://www.buzzaldrin.com wagte sich wieder einmal ein Fachmann der bemannten Raumfahrt an einen SF-Roman – das kann ein Vor- oder ein Nachteil sein. Aldrin betrat nach Neil Armstrong als zweiter Mensch den Mond. Nach dieser Apollo-11-Mission promovierte er über Astronautik und gilt auch als Experte für Raumfahrtpolitik. Bereits auf den ersten Seiten merkt der Leser, dass hier jedes einzelne Detail, jeder Handgriff im Umgang mit einem Raumfahrzeug bekannt und belegbar ist. Man kann sich beruhigt zurücklehnen und genießen, wenn man ein Technikfan ist. Andere Leser dürfte eher anöden, wenn sich der Experte seitenlang über eine Unzahl von Raumfahrzeuge und Flugmanöver auslässt.

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John Brunner – Morgenwelt

Vision von morgen – ein Buch wie ein Film

In „Stand on Zanzibar“ verwirklichte John Brunner ein gewagtes stilistisches Experiment: die Welt von morgen einzufangen wie in einem Film. „Morgenwelt“ ist ein ernst zu nehmender Roman für Erwachsene. „Wenn John Dos Passos Science Fiction geschrieben hätte – ein Buch wie dieses wäre das Ergebnis gewesen.“ (Washington Post)

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Ian Banks – Träume vom Kanal

_Mit Cello und Bazooka in die Apokalypse_

Eine junge japanische Cellistin gerät im Panamakanal in die Wirren des lokalen Bürgerkriegs. Unter dem Druck tragischer Ereignisse an Bord der festsitzenden Schiffe wandelt sich ihre Persönlichkeit zu etwas Schrecklichem, das schon lange in ihr schlummerte.

|Der Autor|

Iain Banks ist der wahrscheinlich bedeutendste schottische Schriftsteller der Gegenwart. Seine Mainstream- und Science-Fiction-Romane befassen sich mit aktuellen Themen, sein SF-Zyklus über das Culture-Universum gehört zu den wichtigsten Werken des Genres.

_Handlung_

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Brian W. Aldiss – Graubart

Ein Roman mit Mümmelgreisen als Hauptfiguren? Das soll wohl ein Scherz sein! So dachte ich zumindest, bevor ich mich an dieses wundervolle Buch von 1964 herantraute. Und das Wagnis hat sich gelohnt: Dies ist nicht nur eine unterhaltsame, sehr menschliche Geschichte, sondern sie ist auch humorvoll und skurril. Doch die Botschaft ist ernst.

Handlung

Viele Wissenschaftler hatten eindringlich davor gewarnt, doch die Militärs glaubten, nicht auf sie verzichten zu können. Also wurden die Atomtests 1981 außerhalb der Erdatmosphäre durchgeführt. Die Befürchtungen schienen grundlos gewesen zu sein, doch nach einigen Jahren ließ es sich nicht länger vertuschen: Es kamen keine Kinder mehr zur Welt. Um genau zu sein: Es kamen auch keine Jungen von Haustieren mehr zur Welt. Die Menschheit hatte es fertiggebracht, sich selbst zu sterilisieren. Seuchen rafften viele der Überlebenden dahin. Die Welt ist beinahe leer.

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Ben Bova – Rückkehr zum Mars

In „Mars“ erzählte Ben Bova mit großem Erfolg die Geschichte der ersten Expedition zum Mars. Darin fand der Navaho-Halbindianer Jamie Waterman einen Hinweis auf eine außerirdische Zivilisation, und seine Kollegen fanden Leben: winzige Flechten im Marsboden – ein Riesenerfolg.

Nun müssen Jamie, der aktuelle Leiter, und seine Kollegen auf der zweiten Marsexpedition erst ihre Funde untermauern und ihre Hoffnungen belegen. Ohne dabei erneut fast umzukommen, wie beim ersten Mal.

_Der Autor_

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Richard Matheson – Die seltsame Geschichte des Mr. C

matheson mr c cover kleinDas geschieht:

Ein Mann wird gejagt: Scott Carey, Mann der Mittelklasse wie aus dem Bilderbuch, wollte bei seiner Jagd nach dem American Way of Live nur einen Ruhetag einlegen. Mit seinem Bruder unternahm er einen Bootsausflug – und wurde vom radioaktiven Niederschlag eines Atombomben-Tests getroffen. Seitdem schrumpft Carey jeden Tag konstant um 3,6 Millimeter. Sein Leben hat sich in einen ewigen Albtraum verwandelt. Die Ärzte können ihm nicht helfen, die Medien verfolgen ihn, Ehefrau und Kind werden ihm zusehends fremd: Vater ist nicht mehr der Beste in der Familie Carey, und das bedrückt Scott mindestens ebenso wie sein ungewisses Schicksal.

Mehr als ein Jahr währt der Horror, der Carey Stück für Stück seines normalen Lebens beraubt. Die Menschen betrachten ihn als kuriose Missgeburt, und der zunehmend paranoide Mann wird emotional immer instabiler. Ins gesellschaftliche Abseits gedrängt, leidet Carey unter der Einsamkeit. Er fühlt sich schuldig, als seine Familie in wirtschaftliche Not gerät, weil er, der doch die Position des Oberhauptes und Brötchenverdieners ausfüllen müsste, in seiner Aufgabe ‚versagt‘. Dennoch kommt die finale Krise rascher als befürchtet, als die Hauskatze die Gelegenheit nutzt, sich für einige Unfreundlichkeiten ihres einstigen Herrn zu rächen. Dieser entkommt dem Untier zwar knapp, verirrt sich dabei jedoch in den Keller des Hauses. Richard Matheson – Die seltsame Geschichte des Mr. C weiterlesen

David L. Robbins – Tage der Entscheidung

Das geschieht:

Europa im Frühjahr 1945: Nazideutschland liegt am Boden. Auch wenn es sich noch heftig wehrt, beginnt es der Übermacht seiner mutwillig selbst heraufbeschworenen Feinde zu erliegen. Im Westen macht sich die Armee der amerikanisch-britischen Alliierten bereit, die Rheingrenze zu überspringen und gen Elbe zu stürmen: Der Krieg hat das deutsche Kernland erreicht. Im Osten fiebert ein gewaltiges Heer darauf, Hitler heimzuzahlen, was er und seine verblendeten Untertanen dem russischen Volk angetan haben.

Der endgültige Sieg der einen und die vollständige Kapitulation der anderen Seite ist nur mehr eine Frage von Monaten. Aber noch bevor der Wolf erlegt ist, beginnen die Jäger um sein Fell zu streiten. Wer wird die Nazis vor den Augen der Welt endgültig zur Strecke bringen? Dreh- und Angelpunkt solcher Überlegungen ist Berlin, die Reichshauptstadt, in der Hitler und sein Mord-Regime sich verschanzt haben. Wer Berlin nimmt, wird der Geschichte als eigentlicher Sieger dieses Weltkriegs gelten. David L. Robbins – Tage der Entscheidung weiterlesen

Isaac Asimov – Die Stahlhöhlen (mit: Die nackte Sonne) [Foundation-Zyklus 2]

Der Heyne-Verlag bringt derzeit den „erweiterten Foundation-Zyklus“ neu in einer einheitlichen Ausgabe heraus – ohne dabei allerdings chronologisch vorzugehen. So erschienen die Bände, die direkt mit der Foundation in Verbindung stehen, zuerst, und erst nach und nach folgen die frühen Romane, mit denen Asimov den Brückenschlag zwischen seinen beiden großen Werken vollführte: Robotergeschichten und Foundation. Der erste Band der Reihe, „Meine Freunde, die Roboter“, umfasst die wichtigsten und bekanntesten Robotergeschichten, in denen Asimov „Die drei Gesetze der Robotik“ formulierte und in jede denkbare Richtung diskutierte.

Erstes Gesetz:
„Ein Roboter darf keinem menschlichen Wesen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.“

Zweites Gesetz:
„Ein Roboter muss Befehlen gehorchen, die ihm von menschlichen Wesen erteilt werden, es sei denn, diese Befehle stünden im Widerspruch zum Ersten Gesetz.“

Drittes Gesetz:
„Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, es sei denn, dies stünde im Widerspruch zum Ersten oder Zweiten Gesetz.“

Im zweiten, vorliegenden Band „Die Stahlhöhlen“ finden sich die zwei Romane „The Caves Of Steel“ und „The Naked Sun“. Hier sind bereits zwei menschliche Gesellschaften anzutreffen, aus denen Asimov das spätere Galaktische Imperium entwickeln sollte. Die so genannten „Spacer“ sind Nachkommen der ersten großen Siedlungswelle der Menschheit, sie besiedeln fünfzig fremde Planeten, die so genannten „Äußeren Welten“. Durch Genmanipulation sind sie sehr langlebig, da einigermaßen keimfrei, allerdings auch sehr anfällig bereits gegenüber für Erdenmenschen unbemerkbaren Bakterien. Daraus entwickelte sich eine Angst vor Ansteckung, die schließlich zur Isolation der Erde führte. Außerdem benutzen die Spacer Roboter und entwickelten sie weiter, so dass sie auch technisch der Erde überlegen sind. Ihre Isolationspolitik und ihre instabile Immunität verhindert eine weitere Ausbreitung der Spacer über die bewohnbaren Welten der Galaxis.

Auf der Erde werden Roboter gehasst. Man sieht in ihnen vor allem Konkurrenten um die Arbeitsplätze, aber die Regierung kooperiert mit den Spacern, die sich für eine langsame Einführung der Roboter in die irdische Gesellschaft aussprechen.
Die Menschen leben in gigantischen Städten, riesige Bauten aus Stahl (= die Stahlhöhlen) und haben schon seit Generationen kein natürliches Licht oder die Freiheit unter offenem Himmel gesehen. Hier hat sich sogar eine Phobie entwickelt.

Es gibt eine kleine, abgegrenzte Siedlung der Spacer auf der Erde, und genau dort geschieht ein unerhörtes und für die wackeligen Beziehungen gefährliches Verbrechen: Ein Spacer wird ermordet! Elijah Baley, Ermittlungsbeamter der Polizei, wird auf den Fall angesetzt. Ihm zur Seite steht der absolut menschliche Roboter R. Daneel Olivaw, der ursprünglich dazu gebaut wurde, sich unauffällig unter den Menschen zu bewegen.

Baley fängt an, Informationen zu sammeln, tappt aber mehrmals in Sackgassen, ehe sich Licht am Horizont zeigt. Und plötzlich findet er sich in einer Intrige wieder, durch die ihm eine schlimme Bestrafung droht.

Der Autor

Isaac Asimov wurde 1920 in der Sowjetunion geboren, 1923 schon wanderten seine Eltern nach New York aus. Asimov studierte Chemie und arbeitete zeitweise als Dozent; bereits im Studium schrieb er seine ersten Kurzgeschichten. Er war ein sehr produktiver Autor, der neben Science-Fiction-Erzählungen auch populärwissenschaftliche Bücher veröffentlichte. Neben Robert A. Heinlein und Arthur C. Clarke zählt man Asimov zu den bedeutendsten SF-Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts. Er starb im Jahr 1992.

Ein „typischer Asimov“

Stilistisch gesehen, ist Asimov ein Unikat. Seine Romane sind geprägt durch Dialoge, die nur skizzierte Beschreibungen und beschriebene Handlung zulassen und trotzdem eine farbige Welt für die Vorstellung des Lesers entwerfen, in die er sich versenken kann. Gleichzeitig stellen sich den Protagonisten oft knifflige Aufgaben, die meist eine Jagd nach Informationen nach sich ziehen und im Kopf gelöst werden, ehe der Protagonist in einer verbalen Konfrontation die Lösung präsentiert und etwaige Täter überführt. Asimovs Geschichten erhalten dadurch oft den Anstrich einer Kriminalgeschichte, zumal die Protagonisten meist im Auftrag einer gerechten Organisation handeln (wie zum Beispiel Lucky Starr die Robotpsychologin Susan Calvin, die wiederum Anfang 2005 in dem ansonsten recht stimmigen Film „I, Robot“ sehr untypisch dargestellt wurde).

Elijah Baley ist Ermittlungsbeamter, passt also hervorragend in das typische Asimov-Muster. Im ersten Teil kommt Baley etwas christlich daher, kennt scheinbar die gesamte Bibel auswendig und zitiert mehrmals moralische Stellen. Es lässt sich aber zum Glück bemerken, dass dieser Charakterzug einen wichtigen Teil in der Stimmung der Geschichte ausmacht, indem er dem unpersönlichen R. Daneel einen Hauch Menschlichkeit verleiht.

Asimov stellt dem Leser nacheinander die Charaktere vor und fängt uns in einem Netz aus Indizien, die fast jeden für die Tat (es handelt sich in beiden Teilen um Mord) denkbar erscheinen lassen. Im ersten Teil ist das Rätsel sogar noch undurchsichtiger für uns, das tut dem zweiten Band allerdings keinen Spannungsmangel an, denn gekonnt werden wir durch die Details geleitet, aus denen sich die Welt der Menschen (Erdlinge und Spacer) zusammensetzt, und viele von Baleys Gedankengängen bleiben uns ebenso verborgen wie seinem Partner Daneel oder den Außenstehenden. So werden wir von Asimovs immer bestechender Logik überrascht, mit der er Baley die Fälle aufdröseln lässt, bis sich die Erkenntnis einstellt.

Es ist erstaunlich, wie detailliert Asimov eine Welt zu beschreiben vermag, indem er eine Ermittlung in einem Mordfall durchführen lässt. Dass dabei wieder einmal die Gesetze der Robotik attackiert und überprüft werden, macht erstens die Geschichte für den interessierten Leser noch lesenswerter und spricht außerdem für Asimovs Ehrgeiz, seine ambitionierteste Entwicklung hieb- und stichfest zu untermauern.

Es gibt ein paar kleine Schönheitsfehler, von denen einige wahrscheinlich in der Übersetzung gesucht werden müssen. So heißt Baleys Frau, genannt Jessie, zuerst noch „Jezebel“, was in biblischer Form „Isebel“ bedeutet. Am Ende des ersten Bandes wird es so dargestellt, als heiße sie wirklich Isebel. Noch härter ist, dass sie im zweiten Band plötzlich mit „Jessica“ vorgestellt wird … Einzig wirklich geärgert hat mich, als mir ein gedrucktes „frägt“ in die Augen sprang. Bisher war ich der Meinung, so was gäbe es wirklich nur umgangssprachlich, aber keinesfalls sollte es in einem Buch auftauchen! Nun, dagegen verblassen Kleinigkeiten wie „dass er neben mir gesessen war“ und solche Dinge.

Bleibt als Fazit zu ziehen, dass der Doppelroman wirklich außerordentlich unterhaltsam ist, für jederman empfehlenswert, der sich an der interessanten Art von Asimovs Stil und Logik erfreuen kann. Und glücklicherweise bleibt uns die Gewissheit, dass ein Roboter uns nicht ersetzen kann, denn „er ist zwar logisch, aber nicht vernünftig“.

Der erweiterte Foundation-Zyklus

Meine Freunde, die Roboter
Die Stahlhöhlen
Der Aufbruch zu den Sternen
Das galaktische Imperium
Die frühe Foundation-Trilogie
Die Rettung des Imperiums
Das Foundation-Projekt
Die Foundation-Trilogie
Die Suche nach der Erde
Die Rückkehr zur Erde

J. M. Dillard – Star Trek V: Am Rande des Universums

Das geschieht:

„Nimbus III“ ist ein Wüstenplanet, der die Grenze zwischen der Föderation und den Imperien der Romulaner und Klingonen markiert. Die drei latent verfeindeten Mächte verwalten „Nimbus III“ gemeinsam. Auf einen Notruf von dort schickt die Sternenflotte das Raumschiff „Enterprise“ unter Captain James T. Kirk. Aus dem klingonischen Reich naht das Schlachtschiff „Okrona“. Kapitän Klaa würde sich gar zu gern das Kopfgeld verdienen, das nach dem „Genesis“-Vorfall (vgl. „Star Trek III – Auf der Suche nach Mr. Spock“) auf den legendären Kirk ausgesetzt wurde.

Auf „Nimbus III“ wartet der vulkanische Messias Sybok. Aus seiner Heimat als Rebell und Ketzer vertrieben, weil er sich der für sein Volk so typischen Gefühlskontrolle nicht unterwarf, jagt er seit Jahrzehnten seinem Traum von Sha-ka-Ree hinterher, dem mythischen Paradies der Vulkanier, wo Gott höchstpersönlich residieren soll. Sybok glaubt, diesen Ort endlich lokalisiert zu haben: im Zentrum der Galaxis und hinter der Barriere aus Staub und glühendem Plasma, das jedem Raumschiff den Einflug verwehrt. Aber Gott hat zu Sybok gesprochen und ihm verraten, wie dieses Hindernis zu überwinden ist. Dazu benötigen er und seine Anhänger ein Schiff, und so locken sie eines nach „Nimbus III“. J. M. Dillard – Star Trek V: Am Rande des Universums weiterlesen

Robert Bloch – Amok

bloch-amok-cover-kleinWer die kleine Statue der Hindu-Göttin Kali besitzt, entgeht auch in der amerikanischen Provinz nicht der Mördersekte der Thugs. Ein junger Mann will seine gemeuchelte Tante rächen, doch stets findet er seine Verdächtigen tot vor … – Thriller vom Verfasser des Kult-Reißers „Psycho“, der seine Mittelmäßigkeit hinter dem exotischen Plot gut versteckt und bis auf das nur mühsam überzeugende Ende zu unterhalten weiß.
Robert Bloch – Amok weiterlesen

Hubert Haensel – Die längste Nacht (Perry Rhodan. Lemuria 6)

Man befindet sich wieder in der Gegenwart. Perry Rhodan und sein kleines Team kämpfen in der Bestien-Station um ihr Überleben und stoßen dabei auf ein schreckliches Geheimnis: In tausenden von Tanks wurden seit Jahrtausenden Bestien gezüchtet, doch erst bei Bedarf erweckt. Das überschüssige Material wurde in einem ewigen Zyklus wieder aufgelöst und zur erneuten Zucht verwendet. Jetzt stehen auf mehreren Planeten hunderttausende Bestien für den erneuten Krieg bereit, und die Maschinerie produziert unablässig Kampfraumschiffe.

Aufgrund der mehrdimensionalen Strahlung durch das Hyperkristallvorkommen gibt es keinen Funkkontakt zur PALENQUE, Rhodan will eine Funkzentrale in der Station finden, deren stärkere Geräte hoffentlich ausreichen, um Hilfe herbeizurufen. Derweil wird Sharita Coho, die Kommandantin des Schiffes, ungeduldig und setzt ein Team auf dem Planeten ab, um nach Rhodan zu suchen. Sie stoßen auf die gelähmte Bestie, die sich gerade aus ihrer Erstarrung befreit. In einer Hetzjagd erreicht das Team vor der Bestie das Landungsboot und startet, doch die Bestie klammert sich an den Rumpf und beginnt mit ihren strukturveränderten Gliedmaßen, sich eine Öffnung zu schaffen.

Im Akon-System versucht Levian Paronn, sich Zugang zu den akonischen Zeitumformern zu verschaffen, um sein Vorhaben doch noch auszuführen. Aber gerade sein größter Förderer und väterlicher Freund Admiral Mechtan von Taklir bringt ihn ins Grübeln über sein beabsichtigtes Zeitparadoxon. Sowieso ist es fast zu spät, denn die Bestien schlagen los.

Hubert Haensel, Exposéeautor des Minizyklus, beendet mit dem vorliegenden sechsten Band den bisher besten Spin-off-Zyklus der Perry-Rhodan-Serie. Ihm ist es in Zusammenarbeit mit Frank Borsch zu verdanken, dass bei der Konzeption neue Wege beschritten wurden, dass von dem platten Schema der Vorgängerzyklen (wo es vor allem um Action und unschlagbare Gegner ging) abgewichen wurde. Der Lemuria-Zyklus behandelt eines der beliebtesten Themen der Serie, nämlich den Exodus der ersten Menschheit. Die Lemurer bergen noch immer phantastische Geheimnisse, um sie ranken sich kosmische Rätsel und wundervolle Abenteuer. Statt rasanten Verfolgungsjagden schildert „Lemuria“ die Jagd nach der Wahrheit um das Rätsel der Sternenarchen. Allen Autoren ist es hervorragend gelungen, individuelle Romane beizusteuern, so dass ein buntes Bild und wundervolle Charakterisierungen zustande gekommen sind.

Haensel führt alle Fäden zusammen und offenbart damit einen größeren Komplex, als bisher geahnt werden konnte. Rhodan ist nur vordergründig allein aufgebrochen, um mit den Akonen Kontakt aufzunehmen. Sein eigentliches Anliegen betraf Informationen, die mit merkwürdigen Gerüchten zusammenhingen. Rückblickend ist klar, dass es sich dabei um die neuen Aktivitäten der Bestien handelte. Ein erstaunlicher Zufall also, dass Rhodan ausgerechnet jetzt auf die erste Sternenarche trifft und sich so an den Hinweisen entlanghangeln kann, bis sich ihm die Wahrheit offenbart.

Übrigens spielten die Menttia, die Hans Kneifel im zweiten Band einführte, tatsächlich eine große Rolle und sind nicht nur von Kneifel erfunden worden. Mit ihrer Unterstützung ließ Haensel die Akonen jene ultimate Waffe gegen die Bestien entwickeln, durch die Paronn erst auf den Gedanken des Zeitparadoxons gebracht wurde.

Ziegler schilderte die große Enttäuschung Paronns und seine Kurzschlussreaktion, die nach der bisherigen Charakterisierung nicht zu dem überlegten Mann passt. Haensel vertieft sich in Paronns Zwiespalt und lässt uns teilhaben an seinen Problemen; er sieht selbst ein, kurzsichtig gehandelt zu haben, ja sieht sogar seine Handlungsweise als ihm nicht geziemend. Und nicht zuletzt befreit sich der Zyklus aus einem Schwarz-Weiß-Denken, das ein oft kritisiertes Problem der Perry-Rhodan-Serie ist. Die Pro- und Antagonisten haben ihre Schattierungen, entwickelt durch die sechs unterschiedlichen Autoren; selbst die gezüchteten Bestien, die aufgrund ihrer Konditionierung durchaus einseitig beschrieben werden können, erhalten neue Facetten. Schwierigstes Objekt ist sicherlich Perry Rhodan selbst, eine seit über vierzig Jahren beschriebene Gestalt, der neue Glaubwürdigkeit zu verleihen ein großes Problem ist. Er ist der große, unnahbare Unsterbliche mit allumfassendem Durchblick. Und endlich einmal gelang es wieder, ihn in einen Menschen zu verwandeln, mit Gefühlen und Schwächen, und ihm trotzdem seine große Erfahrung zu belassen.

Fazit

Mit dem Lemuria-Zyklus ist den Autoren ein Abenteuer gelungen, das trotz des gigantischen Serienhintergrundes auch für interessierte Science-Fiction-Leser geeignet ist, denen die Perry-Rhodan-Serie bisher abging. Vor allem der phantastische Roman von Andreas Brandhorst liest sich schön auch ohne Zusammenhang. Ihm ist hier das beste Ergebnis gelungen, allein schon, wenn man bedenkt, dass er sich für dieses Werk völlig neu in die Serie einarbeiten musste. Jeder der Autoren hat einen hervorragenden Beitrag geleistet, nicht ein Roman erscheint überflüssig oder langatmig, wie das bei Vorgängern nicht ausgeschlossen werden kann. Bei dem erreichten Niveau fällt es schwer, qualitative Abstufungen zu machen. Der Roman von Leo Lukas fällt um eine Nuance zurück, was nur im Vergleich mit den anderen gesehen werden kann. Insgesamt hat mir der Zyklus hervorragend gefallen.

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 3,00 von 5)

Marzi, Christoph – Lycidas

Das alte London war seit jeher Schauplatz von Legenden und hat ein ganz eigenes Flair. Der deutsche Autor Christoph Marzi lässt den viktorianischen Charme der Metropole in seinem Roman „Lycidas“ neu aufleben. Dabei bedient er sich freizügig bei berühmten literarischen Vorbildern: Charles Dickens‘ Waisenhaus, John Miltons Elegie „Lycidas“ sowie Neil Gaimans Idee eines „Unter-London“, einer Stadt unter der Stadt, greift er auf. Auch Rabbi Löws Golem und Jack the Ripper geben sich die Ehre … und damit sind die Querverweise auf literarisch Werke, geschichtliche Ereignisse und bekannte Autoren bei weitem nicht erschöpft.

Heldin der Geschichte ist die einäugige Emily Laing, die in dem Waisenhaus des bösartigen Reverend Dombey aufwächst. Dort spricht sie eines Tages eine Ratte an, die sich als Lord Hironymus Brewster vorstellt. Er bittet sie, auf die kleine Mara aufzupassen. Diese wird kurze Zeit später von einem Werwolf entführt, Emily selbst bekommt Ärger mit Dombey und läuft weg. Sie wird von dem etwas verdrießlichen Wittgenstein, einem Gentleman alter Schule, und seinem Freund Maurice Micklewhite aufgenommen.

Diese offenbaren ihr ungeahnte Geheimnisse über ihre Herkunft und die Welt, in der sie lebt, über Elfen und deren Wechselbälger sowie über die uralten Familien Manderley und Mushroom. So existiert unter London eine nahezu exakte Kopie der Oberstadt, in der Fabelwesen und alte Götter sich ein Stelldichein geben. Im Tower der Unterstadt residiert der mysteriöse Meister Lycidas, in dessen Auftrag zahlreiche Kinder in die Unterwelt verschleppt werden.

Dies ist nur der Auftakt eines der drei Bücher, in die „Lycidas“ (das zweite heißt „Lilith“, das dritte „Licht“) unterteilt ist. Eine gewisse Kenntnis der literarischen Vorbilder ist zwar nicht notwendig, schadet jedoch nicht. So bestimmt John Miltons Version der Schöpfungsgeschichte große Teile der Handlung; wer sie kennt, kann erahnen, wer sich hinter dem Namen „Lycidas“ verbirgt. Die große Stärke des Buches sind zweifellos das stimmungsvolle Ambiente und seine trotz zahlloser Referenzen eigenständige Storyline. Die Charaktere sind durchweg tiefgründig; kein Bösewicht ist nur böse, alle haben gute Gründe und Motive, oft entpuppen sich die vermeintlichen Schurken als menschlicher und warmherziger als einige Engel wie Uriel – ja, auch Engel hat es nach London verschlagen …

Das Buch sprüht vor Ideenreichtum und Phantasie; ein weiterer Pluspunkt ist der dem altmodischen Ambiente entsprechende Humor der Figuren. So ist besonders Wittgensteins trockene Art sehr stilvoll und amüsant, seine Lieblingsredewendung „Fragen Sie nicht!“, meist als Antwort auf Emilys bohrende Fragen, ist jedoch ein zweischneidiges Schwert und kann auf Dauer auch etwas ermüden.

Einige Schwächen lassen sich einfach nicht leugnen. So hat das Buch einen deutlichen Hänger und Spannungsabfall in der Mitte, denn der namensgebende „Lycidas“ wird bereits am Ende des ersten Buchs ausgeschaltet, um erst im späteren Handlungsverlauf wieder herausgekramt zu werden. Die folgenden zwei Bücher wurden von Marzi erst auf Bitte des Verlags geschrieben, er wollte ursprünglich erst einmal nur den ersten Teil veröffentlichen, und sie sind deutlich weniger spannend als dieser. So tritt an die Stelle einer ständig neue Elemente einführenden, flotten Handlung eine lange Zeit relativ ziellose und träge, viel zu oft wiederholt dasselbe reflektierende Erzählung. Dafür bieten diese beiden Bücher philosophische Überlegungen, die vermeintliche Engel in einem schlechten und die Übeltäter des ersten Buchs in einem sehr positiven Licht erscheinen lassen. Die Erzählperspektive ist sicher auch nicht jedermanns Geschmack: Weitgehend ist Wittgenstein der Erzähler. Jedoch werden oft Orte und Personen gewechselt, der Wechsel von Wittgenstein auf einen neutralen Erzähler und wieder zurück ist des Öfteren abrupt und verwirrend. Desweiteren verwirrt der zeitliche Aspekt: So spielt die Geschichte im modernen London, es gibt McDonald’s und sonstige Aushängeschilder unserer Zeit. Doch merkwürdigerweise sind nicht nur das Waisenhaus in Rotherhithe, sondern auch Personen wie Wittgenstein und Micklewhite komplette Anachronismen. Die Unterstadt selbst befindet sich wohl seit Ewigkeiten in einem Zustand kurz vor der industriellen Revolution. Man fragt sich, warum Marzi die aufgesetzt wirkende und selten gebrauchte Neuzeit nicht ganz gestrichen hat und stattdessen die Geschichte vollständig in dieses Zeitalter verlegt hat.

Fazit: Neue Ideen braucht das Land. Was Marzi aus alten Klassikern macht, ist wirklich bemerkenswert. Man mag sagen, er habe alles nur geklaut – aber wer es schafft, Charles Dickens‘ Waisenkinder mit der Geschichte um Jack the Ripper zu verbinden, ohne dabei ins Absurde abzugleiten, sondern vielmehr zu begeistern, der muss sich nicht verstecken. Man merkt Marzi noch eine gewisse Unerfahrenheit an, schließlich ist „Lycidas“ sein erster größerer Roman. Die Wege die er beschreitet, sind frisch und unverbraucht, so dass man über einige Haken und Ösen hinwegsehen kann. Für Winter 2005 ist bereits ein Folgeband mit den Arbeitstitel „Pequod“ geplant, die Reihe ist laut Marzi eine Trilogie. Man darf gespannt sein, ob Marzi auf Walfang geht und sich zu China Miéville ([Perdido Street Station)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=695 nun auch noch Herman Melville gesellt … nur eines verrät der Autor: Das verschlagene Kopfgeldjägerduo Mr. Fox und Mr. Wolf wird wieder mit von der Partie sein.

Eine Leseempfehlung nicht nur für Fantasyfreunde – „Lycidas“ hat Stil, Charme und Niveau.

Homepage des Autors:
http://www.christophmarzi.de/

Marzi, Christoph – Lycidas

Ein zeitloses Stück London hat Christoph Marzi mit seinem Roman „Lycidas“ auf Papier gebannt. Eine Geschichte, die zwischen den Zeiten zu spielen scheint – mal in unserer ganz normalen Gegenwart, mal in längst vergangenen Tagen. Es lässt sich viel herauslesen aus diesem Roman, mit seinen unzähligen Querverweisen auf alte Legenden und bekannte Autoren. Marzi hat sich reichlich in der Literaturgeschichte bedient, um aus den verschiedensten Versatzstücken eine ganz eigene Geschichte zu zaubern, die einerseits viel Licht enthält, aber auch einige Schatten wirft.

Die Geschichte beginnt in einem Waisenhaus in Rotherhithe, in dem der grausame Reverend Dombey ein strenges Regiment führt. Dort erhält die kleine Emily Laing den rätselhaften Besuch einer Ratte, die wundersamerweise auch noch zu ihr spricht und sich als Lord Hironymus Brewster vorstellt. Die Ratte trägt ihr auf, ein Auge auf den Neuzugang, die kleine Mara, zu halten und schon bald kreuzen weitere wundersame Wesen Emilys Weg, als die kleine Mara von einem Werwolf entführt wird.

Emily trifft kurz darauf auf den etwas mürrischen Alchemisten Wittgenstein und den steinalten Elfen Maurice Micklewhite. Zusammen mit der Ratte und dem Irrlicht Dinsdale machen sich die Drei auf die Suche nach der entführten Mara, denn zwischen Mara und Emily scheint es einen Zusammenhang zu geben. Die Spur führt in die uralte Metropole unterhalb Londons. Für Emily wird es die erste Bekanntschaft mit einer völlig neuen Welt, in der sprechende Ratten schon zu den am wenigsten verwunderlichen Wesen zu zählen sind. Sie trifft gefallene Engel, antike Gottheiten, sonderbare Fabelwesen, obskure Monstrositäten der Unterwelt und erfährt so allerhand über den Lauf der Welt.

Auf der Suche nach Mara macht die Gruppe schon bald die höllisch aufregende Bekanntschaft von Lycidas, dem mysteriösen Herrscher, der unterhalb des Towers von London sein Reich hat. Eine folgenschwere Begegnung, die dafür sorgt, dass Emilys Leben sich von Grund auf ändert …

Ziemlich viel positive Kritik hat Christoph Marzi für „Lycidas“ einheimsen können und das, obwohl man (ganz böswillig natürlich) behaupten könnte, er habe sich sein Werk nur munter kreuz und quer durch die Literaturgeschichte zusammengeklaut. Das Waisenhaus in Rotherhithe könnte direkt einem Dickens-Roman entsprungen sein, denn zeitlich muss es irgendwo auf Höhe der beginnenden Industrialisierung stehen geblieben sein.

Mr. Dickens (mittlerweile steinalt) taucht dann obendrein noch höchstpersönlich auf, natürlich als Besitzer eines Raritätenladens (in Anspielung auf Dickens gleichnamiges Werk). Dort arbeitet auch der Junge Little Neil Trent (in Anspielung auf die Dickens-Figur Little Nell Trent). Und wer denkt nicht an China Mièville, wenn Emily und Wittgenstein erstmals in der Londoner Unterwelt dem Tunnelstreicher Mièville gegenüberstehen? Derlei Querverweise gibt es in rauen Mengen und sie hier alle aufzulisten, würde den Rahmen sprengen, so sehr die Suche noch Marzis Vorbildern auch Spaß macht. Marzis Vorbilder liegen allesamt im angelsächsischen Raum, bei größtenteils viktorianischen Autoren: Dickens, Doyle oder auch Poe und Wilde.

Überschneidungen gibt es (schon aufgrund des Titels) auch mit John Milton. Marzi verweist mehrfach auf Miltons „Das verlorene Paradies“. Miltons Variante der biblischen Schöpfungsgeschichte spielt im Geschehen um „Lycidas“ eine maßgebliche Rolle. Erwähnt werden muss auch die auffällige Parallele zu Neil Gaiman, der mit seinem Roman „Niemalsland“ bereits eine Welt beschrieben hat, von der Marzis Werk leicht abgekupfert wirken kann. Gaiman erzählt die Geschichte eines „Unter-London“, einer Welt unterhalb der Stadt, in der allerlei phantastische Gestalten hausen und Gefahren lauern.

Mit dem Wissen um diese Vielzahl an Inspirationsquellen, die sich vor allem in Handlungsorten und Storyline niederschlägt, scheint seine Welt ein kleines bisschen von ihrer Faszination einzubüßen. Marzi fügt die unterschiedlichen Elemente zwar gerade anfangs und zum Ende hin sehr schön zusammen, aber ein wenig vermisst man dabei auch die Eigenständigkeit. Zu wissen, dass das teilweise schon mal irgendwie dagewesen ist, hinterlässt eben doch einen dezenten faden Beigeschmack, auch wenn Marzi keinen Hehl daraus macht, wer seine Vorbilder sind und man seinen Roman eben nicht einfach als „zusammengeklaut“ ansehen kann, sondern eben auch als Hommage an eine Reihe wichtiger und großartiger Autoren würdigen muss.

Dabei enthält der Roman einige Komponenten, die zunächst einmal auf ein spannendes, unterhaltsames Lesevergnügen hoffen lassen. Marzi baut die Atmosphäre sehr gut auf, findet die passenden Worte, um das düstere Waisenhaus in Rotherhithe fast schon in Dickens-Tradition zum Leben zu erwecken und führt die Figuren mit dem Abstieg in den Untergrund gut in die Handlung ein. Die Ideen, die er dabei in die Geschichte einspinnt, sind teilweise wirklich bemerkenswert: ein steinerner Ritter, der erst nach dem Rezitieren diverser Gedichtverse die Passage über eine Brücke freigibt, ein Irrlicht mit Manchester-Akzent, zwei Werwölfe, die aussehen wie Rowan Atkinson. Marzis Geschichte sprudelt über vor Ideen.

Was auch zu überzeugen weiß, sind die Handlungsorte. Marzi zeichnet eine kontrastreiche Welt mit vielen Facetten. Oberirdisch skizziert er das London von heute, während sich unterirdisch eine Phantasiewelt offenbart, in der die Zeit anscheinend stehen geblieben ist. Der Abstieg in den Untergrund und das Wandeln durch die unterirdische Welt der uralten Metropole entsteht lebhaft vor dem Auge des Lesers. Die Bilder, die Marzi erzeugt, sind beeindruckend und ausdrucksstark. Der Leser trifft auf Figuren, die den unterschiedlichsten Mythologien und Legenden entsprungen sind: Anubis, Lilith und Uriel, um nur einige zu nennen. Marzi fügt diese Legenden größtenteils ganz stimmig in die Geschichte ein. Das Auftauchen bekannter mythologischer Figuren wie Anubis an einem Handlungsort wie London mag im ersten Moment befremdlich erscheinen, wird aber überzeugend erklärt.

Was dabei besonders überzeugend ausfällt, ist Marzis Umgang mit Gut und Böse. In vielen Romanen sind Gut und Böse klar umrissen und von einander getrennt, aber bei „Lycidas“ sind die Übergänge fließend. Manche Figuren sind nicht eindeutig gut oder böse und Marzi polarisiert nicht mit diesen Begrifflichkeiten. Die Figurenzeichnung ist nicht ganz simpel auf Schwarz/Weiß-Malerei ausgelegt. Das lässt die Verteilung realistischer und glaubwürdiger erscheinen, macht einen Teil des Reizes der Geschichte aus und gibt vor allem mit Blick auf die Figur des Lycidas Stoff für Gedankenspielereien.

Sprachlich garniert Marzi seine Geschichte immer wieder mit einem recht eigenwilligen, feinsinnigen, staubtrockenen Humor, der sich besonders in der Figur des Alchemisten Wittgenstein äußert. Als Running Gag (der aber im Verlauf der 860 Seiten schon mal nervt) streut Marzi immer wieder Floskeln ein, die Wittgenstein bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Besten gibt („Fragen Sie nicht!“).

Das klingt alles zunächst sehr vielversprechend. Eine phantasievolle Geschichte in einer kontrastreichen Welt und mit einer passenden Figurenzeichnung. Dennoch gibt es ein paar Schwächen, vor allem handwerklicher Natur, die sich nicht wegdiskutieren lassen und die hier und da ein wenig die Freude an der Lektüre trüben. Da wäre zunächst einmal die Erzählperspektive. Die Geschichte wird von Wittgenstein erzählt, der als Ich-Erzähler auftritt. Grundsätzlich ist gegen einen Ich-Erzähler nichts einzuwenden, aber wenn die Geschichte immer wieder in unterschiedliche Handlungsstränge aufgesplittet wird und unterschiedliche Figuren begleitet, deren Erlebnisse in Abwesenheit von Wittgenstein geschildert werden, dann mag das nicht zur gewählten Perspektive des Ich-Erzählers passen. Der Erzähler schildert Gedanken und Erlebnisse anderer Figuren und auch wenn Wittgenstein übernatürliche Fähigkeiten besitzt, so wird eine Fähigkeit zum Gedankenlesen nie erwähnt. Somit wirkt die Erzählperspektive irgendwie falsch gewählt.

Zweiter Makel der Geschichte ist der Spannungsbogen. Marzi teilt die Geschichte in drei Bücher auf. Am Ende des ersten Buches scheint der Bösewicht zunächst besiegt. Der Spannungsbogen nimmt sofort einen sehr steilen Verlauf, woraufhin die Spannung mit Beginn des zweiten Buches wieder rapide abfällt und erst einmal komplett neu aufgebaut werden muss. Mir erscheint der Spannungsbogen im ersten Romandrittel daher etwas überreizt, denn dadurch entsteht mit Beginn des zweiten Buches zunächst einmal eine kleine Durststrecke, die auch noch dadurch genährt wird, dass man über die ersten fast einhundert Seiten von Buch zwei fortwährend überlegt, ob die Geschichte fortgesetzt wird oder ein komplett neuer Handlungsfaden geknüpft wird. Buch eins ist fast schon ein in sich abgeschlossener Roman, und das mag nicht so ganz in die Gesamtkomposition hineinpassen.

Ein drittes Problem, das die Lesefreude ein wenig trübt, sind die häufigen Wiederholungen. Oft werden Sachverhalte mehrfach, teils von verschiedenen Personen erklärt. Oft blickt Marzi zurück auf frühere Ereignisse und fasst diese noch einmal zusammen. „Die Hölle ist die Wiederholung“, wie Marzi im Laufe des Romans mehrfach seine Figuren betonen lässt. Aber selbst beherzigt er das leider nicht. So erklärt Wittgenstein Emily auch schon mal Dinge, die er ihr fünf Seiten vorher bereits erklärt hat. Das wirkt in einem 860-Seiten-Roman auf die Dauer etwas ermüdend und dadurch bremst Marzi die Handlung immer wieder ein bisschen aus. Hier und da scheint es nicht so recht voranzugehen und gerade im Mittelteil des Buches hat man immer mal wieder das Gefühl, dass eigentlich gar nicht viel passiert. Erst mit Buch drei kommt wieder eine richtig dichte und spannende Atmosphäre auf, die dann bis ins dramatische Finale zu überzeugen weiß.

Fazit: „Lycidas“ ist ein Ideenfeuerwerk, das kontrastreiche Bilder erzeugt. So faszinierend der Roman in seinen Einzelkomponenten ist, so fehlt Marzi hier und da offensichtlich noch ein wenig der Blick fürs große Ganze, fürs stimmige, kontinuierliche Fortführen der Geschichte. Dass das Werk sich vieler Quellen bedient, mag man nicht so recht als Abkupfern schelten, denn immerhin setzt Marzi die verschiedenen Einflüsse sprachlich und atmosphärisch geschickt zusammen, so dass daraus eine recht facettenreiche Hommage wird und nicht einfach ein billiger Abklatsch berühmter Werke.

Der Autor arbeitet übrigens zurzeit am zweiten Band zur uralten Metropole, in der der Leser Emily und Wittgenstein wiedertreffen kann. Geplanter Erscheinungstermin ist Ende November 2005. Und wem das immer noch nicht genug ist, der kann sich auch noch auf einen dritten Band freuen. Bleibt nur zu hoffen, dass Marzi die handwerklichen Schwächen, die die Freude an „Lycidas“ ein wenig trüben, in den Folgewerken noch ausmerzt.

Richard Condon – Der Manchurian Kandidat

Das geschieht:

1951 gerät in Korea ein US-amerikanischer Spähtrupp in einen chinesisch-sowjetischen Hinterhalt. Die Männer werden in die nordostchinesische Mandschurei verschleppt, wo sie der Neurologe Yen Lo einer neuen Form der Gehirnwäsche unterzieht. Aus jungen Patrioten werden kommunistisch programmierte „Schläfer“, die als Kriegshelden in die USA zurückkehren, während sie weiterhin geistig „ferngesteuert“ werden.

Sergeant Raymond Shaw ist ein idealer (mandschurischer) Kandidat für dieses Projekt. Als Sohn einer einflussreichen Familie hat er Kontakte bis ins Weiße Haus. Er sieht gut aus und kommt in den Medien an. Das verschafft ihm die notwendige Bewegungsfreiheit. Richard Condon – Der Manchurian Kandidat weiterlesen

Ursula K. Le Guin – Die Erzähler (Hainish-Zyklus)

Wieder erzählt Ursula Le Guin eine Geschichte aus ihrem „Hainish“-Universum, dem Universum der Liga, die hier Ökumene¹ heißt. Die junge Terranerin Sutty arbeitet als Beobachterin der Ökumene auf Aka, einem Planeten, der zweiundsiebzig Jahre vor der erzählten Zeit zum ersten Mal angeflogen wurde – von einem terranischen Schiff. Die Umstände des Besuches bleiben lange im Dunklen, aber die Folgen liegen sofort klar vor Augen: Die Körperschaft (die herrschende Beamtenschicht Akas) propagiert den rückhaltlosen Fortschritt, macht aus der Wissenschaft eine Quasireligion und aus der Mitgliedschaft in der Ökumene das Paradies; andererseits dürfen sich nur vier Fremdweltler auf Aka aufhalten, noch dazu in ihrer Bewegungs- und Informationsfreiheit sehr eingeschränkt.

Ursula K. Le Guin – Die Erzähler (Hainish-Zyklus) weiterlesen

Isaac Asimov – Die Rückkehr zur Erde (Foundation-Zyklus 10)

Golan Trevize wurde von Gaia, dem komplexen Planetenorganismus mit starken mentalistischen Fähigkeiten, dazu ausersehen, das Schicksal der Galaxis zu bestimmen. Gaia erkannte in Trevize die Fähigkeit, ohne ausreichende Daten die richtigen Schlüsse zu ziehen, was ihn geradezu prädestiniert, intuitiv zwischen den verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden: Dem zweiten Imperium nach Vorstellung der Foundation oder der zweiten Foundation, die im Hintergrund die Fäden ziehen würde, oder einem galaxisweiten Superorganismus nach Gaias Vorbild, ein Galaxia, ein allumfassendes Wesen, in dem der Mensch als Individuum keine Rolle mehr spielen wird, sondern jedes Wesen Teil des Ganzen wäre.

Trevize entschied sich für Galaxia, doch vertraut er selbst nicht auf seine von Gaia erkannte Fähigkeit, sondern will wahrhaftig wissen, warum er sich so und nicht anders entschied, da ihm persönlich die Vorstellung, alle Individualität aufgeben zu müssen, nicht erstrebenswert erscheint. Doch mit der gleichen Intuition, die ihn zu dieser Entscheidung trieb, weiß er, dass er die Gewissheit nur auf der Erde, dem vergessenen Ursprungsplaneten der Menschheit, erhalten wird. Also setzt er seine Suche nach der Erde mit dem gravitischen Raumschiff der ersten Foundation fort, begleitet weiterhin von Dr. Pelorat, dem Mythologen und Historiker, und Wonne, einem menschlichen Teil Gaias, die mit ihren durch Gaia vermittelten Fähigkeiten für Trevizes Sicherheit sorgen soll. Da sie immer mit Gaia in Verbindung steht, erfährt Gaia gleichzeitig den Fortschritt der Suche.

Trevize ist der Überzeugung, irgendwo in den gigantischen Bibliotheken der galaktischen Menschheit müssten sich Hinweise auf die Erde finden, da fast jeder Planet mit Mythen und Legenden um diese Welt aufwarten kann. Durch Gendibal, den Sprecher der zweiten Foundation, erfuhr er, dass selbst auf der Hauptwelt des ersten Imperiums alle Informationen über die Erde entfernt wurden, und das unter den Augen der Mentalisten von der zweiten Foundation, was auf eine größere Macht hindeutet. Die Hinweise der Mythen über die Erde, die in allerlei Variationen von einer unerreichbaren, radioaktiven Erde erzählen, überzeugen den ehemaligen Ratsherr Trevize endgültig: Jemand oder etwas von der Erde versucht, ihre Existenz zu verheimlichen – mit mächtigen Mitteln.

Nur auf den verbotenen Welten der ersten Siedlungswelle, den fünfzig Planeten der so genannten Spacers, finden sich vergessene oder übersehene Informationen, die Trevize und seinen Begleitern einen mühseligen Weg in Richtung Erde zeigen. Unterstützt durch den fortschrittlichen Computer des Raumschiffs scheint das Ziel endlich erreichbar zu sein …

Mit dem vorliegenden Roman bringt Asimov seinen Zyklus um die Foundation zu einem fulminanten Abschluss. Schon im vorhergehenden Band „Die Suche nach der Erde“ versuchte er einen Ringschluss mit einigen seiner früheren Werke, indem er die bisher im Foundation-Universum gänzlich fehlenden Roboter behutsam erwähnte. Diese Maschinenintelligenzen und eine großartig angelegte Geschichte der galaktischen Menschheit bilden einen wichtigen Punkt im Hintergrund des Abschlussromans. Mit den zwei Siedlungswellen der Spacers und Settlers wirft er einen Blick zurück und bindet weitere Ideen in das Universum ein, wie auch die Ansatzpunkte der Stahlhöhlen (hier noch in Mythen und Legenden verankert) oder die Radioaktivität der Erde. Auch der Lenker im Hintergrund, der Überroboter Daneel Olivav, stellt eine Anekdote der Vergangenheit und ein Verbindungsglied zu früheren Werken dar, so dass Asimov tatsächlich ein geschlossenes Werk seiner Eroberung des Weltraums schafft.

Asimov ist bekannt für sein Bestreben, jede Geschichte in absoluter Logik zu entwickeln. In Golan Trevize fand er einen herrlich passenden Protagonisten für diese seine Leidenschaft, über ihn konnte er die verschiedenen losen Enden des großen Zyklus’ verknüpfen und die angelegten Rätsel befriedigend entwirren. Obwohl Trevize dadurch manchmal wie ein Übermensch oder antiker Held wirkt, ist er nicht ohne menschliche Schwächen und dadurch durchaus sympathisch. Vielleicht merkte Asimov erst nach dem Ende des Vorgängerromans, welche Probleme ein Galaxia für die Individualität bedeuten würde, vielleicht war aber die Lösung durch die Rückkehr bereits geplant. Jedenfalls greift er genau diesen Punkt mit den ersten Worten des Romans auf und widmet die Geschichte einer befriedigenden Lösung. Ob die Lösung, die er ansteuerte, wirklich befriedigend ist, mag jeder für sich entscheiden, logisch ist sie allemal.

Mit dem 0. Gesetz der Robotik schiebt Asimov einen Punkt nach, der einige Probleme in der Robotpsychologie hervorruft oder auch eindeutiger löst. Hier hätte seine Psychologin Susan Calvin sicherlich ihre Freude gehabt: Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass ihr Schaden widerfährt. Die drei anderen Gesetze müssen entsprechend abgestuft werden. Ist das wirklich wünschenswert? Mit diesem Gesetz, das die Roboter selbst entwickelten, können sie sich zur Unabhängigkeit von einzelnen Menschen entwickeln, je nach Auslegung. Daneel geht sogar so weit, sein Jahrtausende altes Gehirn mit dem eines Menschen zu verschmelzen, der unabhängig von den Robotergesetzen ist, um eben diese Gesetze umgehen zu können (natürlich zum Wohl der ganzen Menschheit!).

Gaia ist eine durch Roboter entwickelte Entität, das Ausbreiten dieses Wesens auf die Galaxis würde auch durch Roboter gefördert werden. Demnach wäre Galaxia eine künstliche Entwicklung nach Vorstellung der Roboter, die für die Sicherheit der Menschheit handeln und dabei die Individualität des Einzelnen hintanstellen. Trotzdem hat sich Trevize für diese Variante entschieden, und in diesem Buch gibt Asimov Antwort, warum.

Ganz in Asimovs typischem Stil gehalten, dominieren lange Dialoge den Roman. Mag er manchem Leser anstrengend oder gestelzt erscheinen, fasziniert mich diese Art der Erzählung und bietet mir Asimovs Gedanken und Ideen in Form wunderbarer Unterhaltung dar, die spannender nicht sein könnte. Die Geschichte um die Foundation kommt endgültig zu einem Abschluss, und mit den Anspielungen auf frühere Werke (die hinten im Buch als erweiterter Foundation-Zyklus aufgelistet sind) macht Asimov Lust auf mehr. Wer eintauchen möchte in die Welt der Psychohistorik und asimovschen Erzählweise, dem möchte ich die Foundation wirklich ans Herz legen. Allerdings muss erwähnt werden, dass „Die Rückkehr zur Erde“ nicht für sich allein steht, sondern den direkten Anschluss an „Die Suche nach der Erde“ bildet. Empfehlenswert ist der Einstieg mit der Foundation-Trilogie oder nach Asimovs Zusammenstellung mit dem Sammelband „Meine Freunde, die Roboter“.

Isaac Asimov ist einer der bekanntesten, erfolgreichsten und besten Science-Fiction-Schriftsteller, die je gelebt haben. Neben ihm werden oft Robert A. Heinlein und Arthur C. Clarke genannt. Asimov wurde 1920 in der Sowjetunion geboren und wanderte 1923 mit seinen Eltern nach New York aus. Seine erste Story erschien 1939. Zwischenzeitlich arbeitete er als Chemie-Professor in den USA, er schrieb neben seinen weltbekannten Romanen auch zahlreiche Sachbücher. 1992 verstarb er.

Zum Foundation-Zyklus

Meine Freunde, die Roboter
Die Stahlhöhlen
Der Aufbruch zu den Sternen
Das galaktische Imperium
Die frühe Foundation-Trilogie
Die Rettung des Imperiums
Das Foundation-Projekt
Die Foundation-Trilogie
Die Suche nach der Erde
Die Rückkehr zur Erde

Colin Falconer – Zorn der Meere

1629 sinkt das Handelsschiff „Batavia“ im Indischen Ozean. Die Überlebenden retten sich auf eine öde Insel. Dort reißt ein Mann die Macht an sich, regiert durch Mord und Terror und ist zum Äußersten bereit, um seine Schandtaten zu vertuschen … – Auf der Basis historisch belegter Tatsachen erzählt Autor Falconer eine Geschichte, die als Fiktion mit der Realität kaum mithalten kann. Einschlägige Klischees passieren vor den Leseraugen Revue, doch insgesamt dominiert die fesselnde Story. Colin Falconer – Zorn der Meere weiterlesen

Thomas Ziegler – Die letzten Tage Lemurias (Perry Rhodan. Lemuria 5)

Auf einer abgelegenen Welt des 87. Tamaniums – so etwas wie Staaten im lemurischen Imperium, dem Großen Tamanium – soll sich die geheime Temporalforschungsstation des lemurischen Suen-Clans befinden, protegiert durch den Tamrat Markam. Zwar wurden diese Forschungen verboten, doch jetzt, kurz vor der endgültigen Niederlage der Lemurer gegen die Bestien, greift man zum letzten Ausweg: Ein kleiner Kreuzerverband mit dem lemurischen Chefwissenschaftler an Bord soll diese Welt aufsuchen und die Gerüchte um eine Zeitmaschine überprüfen – um im Falle ihres Zutreffens eine Flotte in die Vergangenheit zu schicken, die den Heimatplaneten der Bestien vor deren Aufbruch ins All vernichten soll. Ein unglaubliches Zeitparadoxon.

Der kleine Verband wird unterwegs von Raumschiffen der Bestien aufgehalten und fast aufgerieben, ehe ein größerer Verband eingreift. Der Befehlshaber weiß nichts von dem Geheimauftrag und beordert die Überreste des Verbands zur Abwehr über einen bedrohten Planeten. Zufällig ist Levian Paronn oberster Technad des Planeten und erhält als solcher Einblick in die Berichte der Offiziere. Er erfährt von dem geplanten Zeitexperiment und erkennt, dass hier seine Bestimmung liegt, die ihm vor wenigen Jahren von einem Überwesen prophezeiht wurde. Er übernimmt den Auftrag und fliegt den bewussten Planeten an.

Icho Tolot, der halutische Freund Perry Rhodans und später Nachkomme der Bestien, erscheint in eben dieser Zeitstation auf dem Planeten aus dem Zeittransmitter und versetzt unwillentlich die Besatzung in Angst und Schrecken, die ja in ihm eine Bestie sehen muss. Um seine Loyalität zu beweisen, greift Tolot persönlich in einen Angriff der Bestien ein, die auf dem Planeten ein Blutbad anrichten. Er tötet einige seiner Vorfahren und hofft ständig, kein Zeitparadoxon zu verursachen.

Levian Paronn taucht auf und versucht, Tolot als letzten vermeintlichen Überlebenden der Bestien zu töten, dieser kann sich aber entziehen und gestikuliert wild, um Paronn auf den Atombrand aufmerksam zu machen, der, von den Bestien gelegt, die Welt vernichten wird. Paronn lässt den Zeittransmitter abbauen, doch bevor er ihn von der Welt transportieren kann, vernichtet ein weiteres Schiff der Bestien seinen Raumer. Auf der einen Seite der wütende Atombrand, auf der anderen Seite die gelandeten Bestien, scheint es für Paronn und seine Mission keine Zukunft zu geben. Es sei denn, die Fremde Bestie (damit denkt er an Tolot) griffe nochmals zu seinen Gunsten ein …

Thomas Ziegler wurde 1956 in der Nähe von Uelzen als Rainer Zubeil geboren, zog nach Wuppertal und Köln und verfasste phantastische Romane, in denen er immer wieder auf grundlegende Motive zurückkam: Seine Warnung vor rechtsradikalen Bewegungen, Kritik an von demokratischer Kontrolle entzogener Wirtschaft, seine Skepsis den Medien gegenüber und seine Betrachtungen von Natur, Umwelt, Ökologie. Ziegler sprudelte über vor Fantasie, was auch von seinem Autorenkollegen und späteren Rhodan-Autor Uwe Anton belegt wurde, mit dem er einige Romane in Kooperation schrieb. Zwischenzeitlich, nach seiner kurzen Einlage als Exposéautor bei Perry Rhodan, zog sich Ziegler aus der Phantastik zurück und widmete sich anderer Literatur, in der immer wieder Köln zum Schauplatz wurde. Erst in den letzten Jahren kehrte er zu seinen Wurzeln zurück und es war sogar ein Wiedereinstieg bei Perry Rhodan geplant. Kurz nach Fertigstellung des Manuskripts zum vorliegenden Roman verstarb Rainer Zubeil/Thomas Ziegler viel zu früh am 11. September 2004.

Mit seinem letzten Roman hat Ziegler seinen Beitrag zu neuen Einblicken in die lemurische Geschichte geleistet und gleichzeitig zur Lösung der letzten Fragen in diesem Minizyklus beigetragen. Levian Paronn, dessen Herkunft bisher im Dunkeln lag, kommt aus der Epoche des Niedergangs der lemurischen Zivilisation, vom Ende des Kriegs gegen die Bestien. Er ist Wissenschaftler und Technad; die mysteriöse Übergabe des Zellaktivators wird von Tolot so interpretiert, dass ES seine Finger im Spiel hat. Anscheinend hat ES noch etwas vor mit den Lemurern, oder es hätte ihnen nicht durch Paronn und die Zeitschleife um Tolot eine zweite Chance, die Überbrückung der Jahrtausende mit Generationsschiffen in die Gegenwart, gewährt. Also taucht ein neues Rätsel auf: Was bezweckt die Superintelligenz ES mit diesem Vorgehen? Allzu schwerwiegende Auswirkungen dürfte es nicht haben, oder im nächsten und letzten Band des Zyklus schlägt die Mission doch noch endgültig fehl, denn meines Wissens tauchen diese neuen Lemurer in der Heftserie bisher nicht auf.

Ziegler verarbeitet die bei Zeitreisegeschichten immer auftauchenden Fragen nach Paradoxa und der logischen Probleme sehr zufriedenstellend (auch dieses Themas nahm er sich oft und gern an in seinen Werken): Während man in den letzten Zyklen der Heftserie zu einer wenig erbaulichen Logik kam, nach der die Protagonisten bei Zeitreisen machen können, was sie wollen, ohne Paradoxa hervorzurufen, da „alles geschieht, weil es bereits geschah“, lässt Ziegler seinen Protagonisten Tolot viel über diese Problematik nachdenken und kommt eben nicht überzeugt zu diesem Ergebnis. Tolot ist der Meinung, man müsse sich durchaus vorsehen als Zeitreisender, um keine schwerwiegenden Fehler zu machen. Er zum Beispiel könnte in der Epoche durchaus doppelt existieren und es wäre fatal, seinem anderen Ich zu begegnen. Oder wenn er die Zerstörung des Zeittransmitters nicht verhindert hätte, wäre Paronn nicht in die Frühzeit der Lemurer gelangt, um dort die Sternenarchen auf die Reise zu schicken. Durch sein Wissen um die Zukunft (aus seiner Sicht eigentlich der Gegenwart) versucht Tolot, Veränderungen der Vergangenheit zu verhindern oder die Vorraussetzungen für eben die bekannte Zukunft zu schaffen. Paronn dagegen arbeitet bekanntlich darauf hin, über den langen Weg einer Jahrtausende währenden Zeitschleife doch noch das große Paradoxon hervorzurufen, um die Bestien seiner Zeit zu vernichten. Dass er damit die Nachfahren der Lemurer, die Terraner und so weiter auslöschen würde, interessiert ihn nicht, denn aus seiner Sicht sind sie nur eine mögliche Zukunft, die nicht eintreten muss (Ziegler beschreibt Paronn als Entwickler einer Multiversumstheorie, und nach diesen Gesichtspunkten ist Paronns Einstellung sogar nachvollziehbar – bis zu dem Punkt, dass er über die Zeitschleife die Zukunft ja erleben wird und sie dann nicht mehr eine Möglichkeit ist, sondern eben Realität).

Man sieht, Ziegler schafft mit diesem Roman eine befriedigerende Ansicht der Zeitproblematik als seine Kollegen in der Hauptserie, obwohl er sich schwerpunktmäßig auf die Erzählung seiner Geschichte konzentriert und so ein spannendes, sehr unterhaltsames Abenteuer um Icho Tolot entstehen lässt. Dabei hatte er eine denkbar schwierige Aufgabe, denn durch die vorhergehenden Romane ist in groben Zügen klar, wie Tolot in der Vergangenheit eingreifen muss.

Insgesamt kann Ziegler an das hohe Niveau von Andreas Brandhorst anknüpfen und dem Zyklus eine weitere Facette verleihen, die ihn über die Vorgänger „Odyssee“ und „Andromeda“ erhebt. Bleibt zu hoffen, dass Zieglers Ansichten über die Zeit von seinen Kollegen aufgegriffen werden und er damit dem unbefriedigenden „es geschieht, weil es geschah“ ein Ende setzt, denn eindeutig lässt sich so eine spannendere Geschichte erzählen. Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, und damit bewahre ich Rainer Zubeil in bestem Andenken.

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