Schlagwort-Archive: Heyne

Kurt Singer (Hg.) – Horror 4: Klassische und moderne Geschichten aus dem Reich der Dämonen

singer horror 4 cover kleinFünf angejahrte aber bis auf eine Ausnahme nicht klassische, sondern eher derbe Gruselgeschichten, die einfach nur unterhalten wollen, verfasst von Haudegen der Pulp-Ära und einer großen alten Dame der (phantastischen) Literatur. Kurt Singer (Hg.) – Horror 4: Klassische und moderne Geschichten aus dem Reich der Dämonen weiterlesen

Fredric Brown – Die grünen Teufel vom Mars

brown-teufel-cover-kleinDie Marsianer kommen! – kleine grüne Männchen, die nicht kriegerisch sondern gemein und lästig sind und sich nicht loswerden lassen, bis die irdische Zivilisation sich in einen Scherbenhaufen verwandelt … – Dieser Klassiker der humorvollen Science Fiction hinterfragt den (US-typischen) Alltag (der 1950er Jahre), indem er dessen Normen und Regeln außer Kraft setzt und sich ausmalt, welche Folgen dies haben könnte. Gewaltfrei, ideenreich und erfreulich respektlos (wenn auch aus heutiger Sicht harmlos) spielt der Verfasser seinen Plot durch und kann damit auch im 21. Jahrhundert noch zum Lachen und zum Nachdenken reizen.
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John Scalzi – Krieg der Klone

Die Weltraumkriege der Zukunft werden von körperlich regenerierten Greisen geführt. Sie lernen schnell zu kämpfen, um nicht als Kanonenfutter verheizt zu werden, denn die Aliens des Alls kennen keine Diplomatie … – Robert A. Heinlein lebt bzw. wurde offenbar als John Scalzi wiedergeboren: „Krieg der Klone“ präsentiert nicht dumpfe „Military-SF“, sondern erzählt ein rasantes und irritierend unterhaltsames Garn für die Freunde des autoritären Denkens.
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James Tiptree jr. – Warme Welten und andere

_Coole Storys: respektlos, witzig, spannend und ganz anders_

Diese klassische Geschichtensammlung der amerikanischen SF-Erzählerin versammelt ein Dutzend Erzählungen, die aus der Zeit stammen, als Tiptree alias Sheldon für gehörig Furore sorgte. Unter anderem bildete ihre Geschichte „Paradiesmilch“ den krönenden Abschluss von Harlan Ellisons legendärer Tabubrecher-Anthologie „Again, Dangerous Visions“ aus dem Jahr 1971. Die vorliegende |Heyne|-Ausgabe umfasst eine aufschlussreiche Einleitung von Robert Silverberg, in der er darüber spekuliert, wer dieser geheimnisvolle „Mister Tiptree“ sein könnte.

_Die Autorin_

Alice Hastings Bradley Sheldon alias James Tiptree jr. alias Raccoona Sheldon wurde 1915 in Chicago geboren. Ihre Mutter war eine Reiseschriftstellerin, ihr Vater Anwalt. Sie lebte in ihrer Jugend in Afrika und Indien, aber anscheinend war sie lange Jahre für die Regierung, die CIA (bis 1955) und das Pentagon tätig. Im Jahr 1967 machte sie ihren Doktor in Psychologie. Obwohl sie bereits 1946 ihre erste Story veröffentlicht hatte, machte sie die Schriftstellerei erst 1967 zu ihrem Hobby, und nach ihrer Pensionierung schrieb sie weiter bis zu ihrem Tod 1987. Sie beging Selbstmord, nachdem sie ihren todkranken Gatten erschossen hatte.

Obwohl sie einige Romane schrieb, wird man sich an sie immer wegen ihrer vielen außergewöhnlichen Erzählungen erinnern. Ihre besten frühen Storys sind im |Heyne|-Verlag unter dem Titel „10.000 Lichtjahre von Zuhause“ (1973) und „Warme Welten und andere“ (1975) erschienen. Unvergesslich ist mir zum Beispiel die Story „Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod“, die den |Nebula Award| 1973 errang. Weitere Geschichten sind in „Sternenlieder eines alten Primaten“, „Aus dem Überall“ und schließlich „Die Sternenkrone“ gesammelt. Ihr Roman „Die Feuerschneise“ (Up the walls of the world, 1978, dt. bei |Heyne|) erhielt ebenfalls viel Lob.

_Erzählungen_

1) _All die schönen Jas_

Die Aliens haben die Erde entdeckt, aber ihre Xenologen schätzen ihre Attraktivität als Nistplatz als recht gering ein. Nach mehreren (unbemerkten) Besuchen materialisiert sich schließlich ein reicher Jüngling, der auf der Flucht ist und sich eine Menschengestalt hat geben lassen: mitten in Washington, unweit des Weißen Hauses. Das wäre an sich nichts Besonderes, wäre er dabei nicht völlig nackt und fünf Meter groß!

Die ausgelöste Panik unter den Erdlingen sagt ihm, dass etwas nicht stimmt. Ein Rundblick lässt ihn sich verkleinern und ein paar Klamotten anziehen. Nun sieht er aus wie ein junger Dandy aus dem Fernsehen. Sofort schnappt ihn sich eine junge Frau: Filomena. Ein kurzer Blick in ihren Geist verrät ihm ihren Namen. Er fragt sie, ob sie mit ihm nisten will. Nicht gleich an Ort und Stelle, signalisiert sie ihm, aber sie brauchen auf jeden Fall einen Wagen – den einer Freundin. Zusammen mit dieser und anderen Studenten fahren sie zum Arlington-Heldenfriedhof. Am Kennedy-Grab holt der Fremdling sein „Gepäck“: eine silberne Kapsel. Unterdessen versinkt Washington in Chaos …

Der Fremdling und seine vier Begleiter finden einen Unterschlupf, wo sie ungestört sind. Die beiden Frauen, Filomena und Greg, machen ebenso Liebe mit ihm wie RT, der Marxist und UFOloge, der schon immer an Außerirdische glaubte. Der Vierte im Bund ist zufrieden mit geistiger Übereinkunft. Danach kommuniziert der Fremde mithilfe seines „Gepäcks“: mehrere Aliens antworten und es wird den Erdlingen klar, dass die Alien-Invasion bereits in vollem Gange sein muss. So etwa sinkt der Sauerstoffgehalt in New York City zusehends zu jenem Wert, an dem er für anaerobe Wesen freundlich genug ist …

Da eröffnet ihnen der Fremdling, dass „er“ schwanger sei und in ungefähr einer Minute oder so etwa 30.000 Junge bekommen werde …

|Mein Eindruck|

Die Story arbeitet auf indirekte Weise mit dem Hintergrund der späten sechziger Jahre: |Pink Floyd|s „Umma Gumma“ und |Gandalf| sind en vogue, und die vier Hippies stehen auf Räucherstäbchen und freie Liebe. Da erfolgt die Alien-Invasion durch den Fremdling, und es sind weder die Geheimdienste noch das Militär, die die Welt vor seiner Brut retten, sondern eben unsere vier Hippies. Nicht Hass rettet die Welt, sondern Liebe.

Die Story ist wie so viele von Tiptrees Texten voller amüsanter oder boshafter Anspielungen, mit vielen Leerstellen, die der intelligente Leser mühelos füllen kann. Tiptree schrieb einmal, dass er/sie in seinen/ihren Geschichten eines um jeden Preis vermeiden wollte: Langeweile. Das ihm ihm/ihr vollauf geglückt.

2) _Das ein- und ausgeschaltete Mädchen_ (HUGO Award 1974)

In der Zukunft ist öffentliche Werbung außer auf dem Produkt selbst verboten. Was ist also zu tun? Natürlich Product placement. Aber bitte nicht so plump wie in den 2D-Filmen, nein, man kreiere einen Promi, mit dem sich dann ein paar Millionen der 15 Milliarden Erdenbürger identifizieren können, und lasse ihn oder sie ganz unauffällig die beworbenen Produkte benutzen. Ungefähr so wie in der „Truman Show“, nur noch etwas unauffälliger. Alles klar?

Allerdings muss das Risiko, das die Werbeträger mit diesem Promi eingehen, auf ein absolutes Minimum begrenzt werden. Die Lösung lautet „Fernsteuerung“. Man braucht also zwei Dinge: eine lebende Puppe – die lässt sich problemlos klonen oder in Fleischtanks züchten und dann verdrahten. Zum anderen muss sie von einer geeigneten Steuerperson während aller Wachzeiten kontrolliert werden. Nicht so einfach. Diese Person müsste schon ziemlich aufopferungsvoll sein und sich selbst als stark benachteiligt sehen. Das ist im Fall der jungen Frau P. (für „Philadelphia“) Burke der Fall.

Die General Transmission Corporation, kurz GTX, heuert das Mädchen, nachdem es gerade einen Selbstmord versucht hat, an und offeriert ihr, dass sie in ihrer neuen Stellung an die Promis ihrer Träume herankäme, so wie sie es sich erhofft. P. Burke ist überglücklich. Sie ist arm und hässlich und hätte nie in ihrem Leben auch nur den Hauch einer Chance, ins Götterland aufzusteigen, in dem sich ihre Idole tummeln.

Monatelang läuft alles nach Plan, und der Rubel rollt. Doch dann kreuzt der Sohn des Konzernchefs auf, Paul Isham III. Er ist unzufrieden mit seinem privilegierten Sohnesstatus. Er verliebt sich in die Puppe, die den schönen Namen „Delphi“ trägt, und glaubt doch tatsächlich, sie sei ein echter Mensch. Damit beginnt eine Tragödie, die auch P. Burke ganz persönlich treffen wird.

|Mein Eindruck|

Diese ganze herzergreifende Story wird von einer Person unbestimmten Geschlechts in einem solchen Schnodderton erzählt, dass man sie eigentlich nur durch die Brille der tragischen Ironie ernst nehmen kann. Unser Erzähler, der den Leser mit „Oller“ und „Döskopp“ anredet, erklärt aber zum Glück auch, wie die Dinge in der Zukunft laufen, so dass man, ein Quäntchen Grips vorausgesetzt, alles richtig schön auf die Reihe kriegt. Dem Leser bleibt die Wahl: Soll er lachen oder weinen oder beides?

Am Schluss können wir jedoch über den Drahtzieher hinter dieser Sache lachen. Nachdem das Projekt „Hirnleiher“ so schweinemäßig in die Binsen ging, kramt er ein neues Projekt heraus, das Profit verspricht: Es geht um Zeitanomalien, und im ersten Test wird er mitten in die Nixon-Ära versetzt. Gratulation zur demnächst fälligen Einberufung nach Vietnam!

Diese Novelle wurde 1974 mit dem |HUGO Award| ausgezeichnet.

3) _Am letzten Nachmittag_

Vor Jahren sind die ersten Siedler auf dieser Welt mit ihrem Raumschiff abgestürzt. Sie fanden zum Glück eine der wenigen Lichtungen auf der von Wald bedeckten Insel, machten sich aber keine Gedanken darüber, warum es diese Lichtung überhaupt gab. Sie bauten ihre Siedlung auf, überwanden Probleme und vermehrten sich.

Mysha ist ein Mann der ersten Stunde und hat inzwischen mit seiner Frau Bethel einen erwachsenen Sohn, Piet, und eine jüngere Tochter, die schöne Melie. Mysha ist aber auch ein Seher, der geistigen Kontakt mit einer fremden Lebensform hat, dem „noion“, das als verschrumpelter Beutel an einem Baum hängt. Mit der Hilfe des „noion“ überwand er eine gesundheitliche Krise der Siedler, entdeckte aber auch den langen Zyklus der größten einheimischen Lebensform: der Zerstörer.

Es sind Lichtungen wie diese, zu denen die im Wasser lebenden Zerstörer alle Jahre wieder ziehen, um sich zu paaren und ihre Eier zu legen. Heute ist der Tag, an dem Mysha die Herden von Zerstörern heranziehen sieht, wenn er auf seinem Hügel über der Siedlung sitzt. Die Siedlung ist inzwischen mit Palisaden befestigt, und sogar eine Laserkanone konnte aus dem Raumschiffwrack geborgen, an Strom angeschlossen und aufgestellt werden. Doch wird das reichen? Mysha fleht das „noion“ an, ihnen zu helfen. Als der „Angriff“ rollt, muss er erkennen, dass sein Preis für das Überleben diesmal sehr viel höher sein wird …

|Mein Eindruck|

„Am letzten Nachmittag“ liest sich, als hätte man die biblische Geschichte von Noah zu einem Actiondrama verarbeitet. Der Angriff der Zerstörer hat titanische Cinemascope-Dimensionen und ist höchst dramatisch dem Ringen eines einzelnen Mannes, Mysha, gegenübergestellt, der das „noion“, ein Ersatz für den alttestamentarischen Gott Jahwe, um Beistand anfleht. Der Beistand wird zunächst auch gewährt, doch natürlich um einen Preis. Und da das „noion“ bereits selbst stirbt, ist fraglich, ob die Hilfe ausreicht. Und ob Mysha überleben wird.

Der Leser mag sich fragen, warum die Siedler nicht einfach in die Berge ausweichen und der Herde der Zerstörer ihren Willen lassen, bis sie wieder abgezogen ist. Das ist der Knackpunkt für Myshas Verhalten, seinen Pakt mit dem quasi-göttlichen „noion“. Dieses Zurückweichen würde die Vernichtung von altem Wissen, der Bibliothek, und moderner Technik, des Generators und des Labors, bedeuten, insgesamt also einen Rückfall auf eine weitaus primitivere Zivilisationsstufe.

Diesen Fall ist Mysha nicht bereit hinzunehmen. Denn er weiß, dass dann das Wissen der alten Erde verschwinden und die Entwicklung der Siedler einen ganz anderen Verlauf nehmen wird. Sie werden vielleicht in die Barbarei zurückfallen. Myshas Kampf ist ein Kulturkampf. Das macht ihn zum Helden. Seine Geschichte ist, wie gesagt, dramatisch und spannend zu lesen, wie der Auftakt zu einem Planetenroman.

4) _Und irrend hab ich dies gefunden_

Die Forscher sind auf dem Planeten Delphis Gamma Fünf gelandet, haben aber nur primitive Eingeborene gefunden. Nur Evan Dilwyn, der junge Kulturforscher, ist überzeugt, dass der Berg der Eingeborenen, den sie „Der Berg-des-Weggehens“ und „Der Clivorn“ nennen, ein Geheimnis birgt. Er bricht alle Regeln und Beziehungen ab, um Den Clivorn zu ersteigen. Selbst die Eingeborenen hindern ihn vergeblich daran, den Berg, wo sie ihre Toten bestatten, zu besteigen, denn sie glauben, er wolle dort sterben und ihnen seine Kleider vorenthalten. Weil sie ihn verletzen, verliert er an Kraft.

Er findet, was er vom Schiff gesehen zu haben glaubt: eine horizontale Linie, die eine Energiebarriere verbirgt. Doch darüber gibt es eine zweite Energiebarriere, und erst dahinter offenbart sich ihm das Geheimnis Des Clivorn. Leider zu spät …

|Mein Eindruck|

Diese schöne Erzählung ist in bester Le-Guin-Tradition geschrieben, und sogar die Namen Clivorn und Ardhvenne erinnern an Le Guins frühe [Hainish-Romane]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=328 wie etwa „Rocannons Welt“. Das Thema ist der Widerspruch zwischen moderner, computerbasierter Wissenschaft, die nur auf technische Daten vertraut, und der alten Feldforschung, die auf Erfahrungen aus erster Hand basiert.

Das Brechen der neuen Regeln hat natürlich seinen Preis: Offenbarung und Tod. Aber wir lernen daraus, dass nichts die unmittelbare Erfahrung aus erster Hand ersetzen kann. Man sollte bedenken, dass diesen Text eine Wissenschaftlerin geschrieben hat, und sie nimmt darin eine sehr kritische Haltung ein.

5) _Amberjack_

Eine Boy-meets-girl-Story. Amberjack, ein Arzt, hat *Rue, eine Künstlerin, kennen gelernt, aber sie weigern sich, es „Liebe“ zu nennen. Eines Tages gesteht sie ihm auf dem oberen Ende der Feuerleiter ihre Schwangerschaft und sagt, sie wolle ihn verlassen. Da passiert etwas Merkwürdiges in der Zeitstruktur, oder ist es ein Verkleidungstrick? Amberjack sieht in die Zukunft: Sein Sohn tritt ins Zimmer, aber dann kommt noch eine Frau: *Rue, wie sie als Mutter dieses Sohn ausgesehen hätte. Die Frau auf der Feuerleiter stürzt in die Tiefe, und die Frau im Zimmer zieht ihre Perücke ab …

|Mein Eindruck|

Noch so eine von Tiptree/Sheldons verrückten Geschichten, auf die man sich keinen Reim machen kann. Aber durch die Brechung in der Zeitstruktur qualifiziert sie sich durchaus als eine SF-Story.

6) _Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod_ (Nebula Award 1973)

Der Ich-Erzähler ist ein Alien, eine Mischung aus Panzerechse und Spinne. Die ganze Story dreht sich um Überleben und Fortpflanzung, auf sehr ungewöhnliche Weise.

Unser junges Monster wird wie seine Geschwister von der veränderten Mutter plötzlich verstoßen. Wer nicht schnell davonläuft, wird von ihr gefressen. Vorbei sind die Tage, da sie Schutz und Nahrung bot. Unser Monster schafft es, diesem ersten Verrat zu entkommen. Doch der Plan ist groß, und so ist das stetig wachsende Monster mit effektiven Waffen und starkem Panzer ausgestattet. Das Überleben klappt, doch seine Artgenossen weisen es drohend fort.

Auf der Suche nach Gesellschaft stößt es eines Tages auf eine kleine rosa schimmernde Kreatur, die ständig „Lieliluu“ piept und gurrt.. Doch statt sie zu fressen, wickelt er sie ein, denn er hat sich in das Wesen verliebt. Damit er mit seinem Liebling überleben kann, zieht er in eine Höhle, die er mit Beute vollstopft.

Von einem alten, gebrechlichen Artgenossen hat er erfahren, was der Plan vorsieht. Dass nämlich die Artgenossen in dem kommenden harten Winter, der jährlich länger wird, einander jagen und fressen. Nur der Gierigste wird überleben. Der Plan mag zwar groß sein, doch unser Monster gedenkt, sich ihm zu widersetzen, denn es ist ja intelligent, und die Kälte des Winters macht dumm. Auf diese Weise, so hofft es, werde es zusammen mit seinem rötlichen Liebling den langen Winter überstehen, bis die Tage wieder länger werden.

Als es so aussieht, als sei der Plan überwunden worden, beginnt sich der kleine Liebling zu verlieben, und es kommt zu einer Paarung und Befruchtung. Auf eine geradezu unheimliche Weise verändert sich der Liebling. Und da er nun Junge zu versorgen hat, braucht er viel Nahrung …

|Mein Eindruck|

Wenn es je so etwas wie eine antike Tragödie für Aliens geben sollte, so ist dies sicherlich der Prototyp dafür. Unser Jüngling hofft, mit seiner Intelligenz dem Diktat des „Plans“ widerstehen zu können. Doch das Diktat der Liebe macht ihm einen dicken Strich durch die Rechnung, und so wird des Monsters Intelligenz ausgehebelt, um der Herrschaft des Plans, d. h. der Triebe und des Instinktes, zur Geltung zu verhelfen.

Die Story ist sowohl ironisch, weil unser junger Held allen Illusionen der Jugend von Größe und Intelligenz erliegt, als auch tragisch, weil die Herrschaft des Triebes jedes Lernen, Weiterdenken und die Entwicklung der Art verhindert. Es ist ein ewiger Kreislauf, aus dem es keine Chance auf Entkommen gibt. Das ist einer der Gründe, warum die Story zeitlos wirken kann und in ihrer Emotionalität und subjektiven Darstellung den Leser direkt anspricht.

7) _Paradiesmilch_

Das Imperium des Menschen hat sich ausgebreitet und dabei den Lebensraum der Crots vereinnahmt, die zwar Zweibeiner sind, aber geistig sehr unterbelichtet. Nun taucht auf einer Orbitalstation der junge Timor auf, der Sohn eines bekannten Pioniers der Erdflotte. Er verhält sich recht seltsam, so möchte er beispielsweise keinen Sex mit dem Mädchen Seoul haben, und die Anspielungen zweier gleichaltriger Jungen versteht er nicht. Daher nimmt sich ein Erwachsener seiner an, um herauszufinden, was mit ihm los ist.

Der Erwachsene ist ein Schwarzer, Santiago, und wie Timor – es ist nicht sein richtiger Name – zu spät erkennt, verfügt Santiago über ausgeklügelte Verhörmethoden. Die braucht er auch, denn Timor wurde offenbar geistig konditioniert. Er setzt sogar Hypnose ein, um aus Timor herauszuholen, wo er in den letzten sieben Jahren war. Auf „Paradies“, gesteht Timor, und dort gebe es tolle Städte, in denen elfenhafte Wesen leben. Aber von einer solchen Alienrasse hat niemand etwas gehört. Seltsam, nicht?

Timor ist unter Hypnose in der Lage, die ungefähre Lage von „Paradies“ anzugeben. Santiago fliegt mit ihm hin. Als sie auf dem Strand vor dem Dschungel landen, ist von Städten nirgendwo etwas zu sehen, und von Elfen schon gleich gar nicht. Doch da tauchen wirklich Wesen aus dem Dschungel aus, und nun schlägt Timors Herz höher – allerdings ekelt es Santiago nun wirklich …

|Mein Eindruck|

Man sollte berücksichtigen, dass Alice Sheldon einige Jahre für die CIA als Psychologin tätig war. Daher ist sie mit Techniken wie Gehirnwäsche, Hypnose und Dekonditionierung (also das Gegenteil von Gehirnwäsche) vertraut. Alle Techniken kommen in dieser Story am jungen Timor zum Einsatz. Die Gehirnwäsche wurde ihm auf „Paradies“ verpasst, ebenso die Konditionierung für das Überleben unter Menschen (aber von wem, verrät die Story nicht).

Santiagos Aufgabe besteht darin, den Weg Timors zurückzuverfolgen – eine in Tiptrees Storys häufige Richtung der Handlung. Ob sich die Thematik der Gehirnwäsche à la [„The Manchurian Candidate“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1069 auch auf damalige Vietnameinsätze der CIA (ca. 1969) anwenden lässt, wäre eine Frage der guten Recherche, aber die Assoziation wird nahegelegt, so etwa durch das Dschungelambiente am Schluss der Geschichte.

8) _Nachts blüht der Saurier_

Eine Museumsdirektorin erzählt einem befreundeten Besucher von ihrer ersten Zeitreise-Expedition, die sie vor vielen Jahren nach Ostafrika zu den Hominiden führte. Sie waren sieben Leute und hoffnungsvoll, doch als ihr Techniker von einem Kurztrip in die Gegenwart zurückkehrte, erfuhren sie, dass man ihnen die Gelder streichen werde – einfach zu teuer. Doch Fitz, der Techniker, hat eine irrwitzige Lösung des Problems. Er hat dem maßgeblichen Senator, der im Bewilligungsausschuss das Sagen hat, vorgeflunkert, es gäbe hier einen riesigen Saurier zu schießen!

Natürlich sind die Saurier schon 80 Millionen Jahre ausgestorben, aber herrje, man könne ja einen echten Saurier in dessen Zeit erlegen und die Beute nach Ostafrika transferieren. Dann müsse man aber dafür sorgen, dass alles echt aussieht: die Spuren am Ufer des Sees, ja, und vor allem der Dung des Dinosauriers, der den Senator von dessen Echtheit überzeugen soll. Tja, und von da an futterten die Expeditionsmitglieder jede Menge Grünzeug …

|Mein Eindruck|

Die Saurier-Story ohne Saurier ist natürlich ein einziger riesiger Witz, eine Schnurrpfeiferei, wie sie nur erzählt werden kann, wenn eine Menge Alkohol im Spiel ist. Andererseits aber belegt sie mehrere Aspekte. 1) Senatoren lassen sich leicht auf den Arm nehmen. 2) Selbst eine Zeitreise garantiert nicht, dass die „wissenschaftlichen Ergebnisse“ echt sind, z. B. versteinerte Exkremente. 3) Wissenschaftler sind für ihre Forschungsgelder zu absolut allem bereit. Und obendrein macht die Story irrsinnig Spaß.

9) _Doktor Ains letzter Flug_

Dies ist der Bericht von Dr. Ains Flug und den bemerkenswerten Umständen seines Todes. Schon als er von Omaha/Nebraska nach Cicago flog, will man eine Frau neben ihm gesehen haben. Jedenfalls sprach er mit einer. Und er redete ständig mit ihr, als habe er sie direkt vor sich. Doch niemand kann sich später an sie erinnern. Auf allen Zwischenstationen fütterte er die Vögel auf den Flughäfen aus einer Futtertüte.

Er flog von Chicago über New York und Glasgow nach Moskau auf eine Konferenz von Mikrobiologen. Dort hielt er erst eine miese Rede mit unwissenschaftlichen Klagen über den schlechten Zustand der Erde und brach dann auch noch alle Geheimhaltungsvereinbarungen, als er von seiner Arbeit erzählte. Er habe, so sagte er zum Erstaunen der Zuhörer, einen Leukämievirus mutieren lassen, so dass nur höhere Säugetiere davon betroffen würden. Deren Immunsystem würde ausgeschaltet.

Als er in Hongkong landete, nahmen ihn die Amis fest und brachten ihn wieder nach Omaha, ins Militärhospital. Da war es aber bereits zu spät, für ihn und für die Welt. Die Menschen überall auf seiner Reiseroute und zusätzlich auf den Wanderrouten der Zugvögel, die er gefüttert hatte, begannen zu sterben …

|Mein Eindruck|

„Dr. Ain“ ist eine der erstaunlichsten Geschichten der SF überhaupt. Sie enthält mehrere Rätsel. Was verfüttert er an die Vögel? Wer ist er überhaupt? Und wer ist die Frau, mit der er sich ständig unterhält? Die Antwort: Diese Frau ist die Erde: Gäa Gloriatrix, seine erotische Geliebte, die er retten will, indem er den Menschen ausrottet. Und der Flug dient der Aussaat dieses Mittels zur Ausrottung. Im Grunde ist Dr. Ains Flug also ein Horrortrip …

10) _Fehler_

Bei einem Frachtflug zum Planeten der Shodars rastet der Matrose Mitchell leider aus. Captain John, unser Chronist, hätte den impulsiven Mann nie mitnehmen sollen, aber nun ist es zu spät: Mitchell reißt einem der Shodars die Fühler ab! Es kommt zu einem Prozess, zu einer Verurteilung wegen Kastration und zu einer Strafe.

Zunächst spürt Mitchell nichts, und Captain John ist schon froh, aber dann erweist sich die Strafe als unvorstellbar grausam. Die Shodars haben nicht seine Haftung im Raum verändert, sondern seine Haftung in der Zeit. Folglich erfolgt seine Reaktion immer eine Sekunde zu spät. Zu anfangs jedenfalls. Zwei Jahre später sind aus den Sekunden 20 Stunden geworden. Maggie, Mitchells Frau, unternimmt heldenmütig – oder liebevoll – alles, um ihrem Mann in diese 20-Stunden-Vergangenheit (oder Zukunft?) zu folgen …

|Mein Eindruck|

Die Story enthält eine verblüffend geschickt ausgeformte Idee, auf die man erstmal kommen muss. Ein Rutschen in der Zeit, dessen Ausmaß allmählich anwächst. Bis die Liebe zwischen Mann und Frau tragische Ausmaße annimmt und sie an Orpheus und Eurydike erinnern, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen: Sie folgt ihm in die Unterwelt des time-slips. Bewegend und mit einer netten Pointe versehen.

11) _Ein Kommen, ein Gehen_

Maltbie Trot ist ein Mitarbeiter bei einem Zeitungsverlag, der Leserbriefe an die „Liebe Candy“ beantwortet, sollte sich also mit Beziehungsfragen auskennen. Aber mit dem Mädchen, das aus dem Nichts bei ihm erscheint, ist er mit seinem Latein am Ende. Sie stammt aus dem 22-69, sagt sie, stammt aus Shago (= Chicago?) und hat schon einige Beziehungsformen ausprobiert. Aber weder Kommune à la Gangbang noch Harem noch Multikulti-Ehe sind etwas für sie. Da verschwindet sie wieder, aber wenigstens sah sie gut aus. Maltbies Stuhl hat sie mitgenommen. Sauerei.

|Mein Eindruck|

Die superkurze Story von gerade mal sechs Seiten nimmt satirisch die Leserberatungsseiten der Zeitungen und Frauenzeitschriften auf die Schippe. Nicht nur, indem ein männlicher Schreiberling sich als „Candy“ ausgibt – das kann man schon vermuten, wenn man Dr. Sommer in „Bravo“ liest. Nein, auch die komplizierten Beziehungsformen im 23. Jahrhundert sind eine Nummer zu schwierig für unseren 08/15-Ratgeber. Das Mädel redet in einem schnoddrigen (Berliner?) Gossenjargon, der mir sehr sympathisch ist. Und eigentlich willse ja gar nich zu Candy, sondern bloß aufn Lokus …

12) _Die Einleitung von Robert Silverberg und Wolfgang Jeschke_

99 Prozent dieses Textes stammen von Silverberg, von Jeschke kommen nur wenige Zeilen der Erläuterung hinzu. Erst 1977 wurde das Geheimnis um „James Tiptree jr.“ gelüftet, doch weil Silverbergs Text bereits 1974 (in „Phantasmicom“) erschien, spekuliert er noch, der Autor von „Paradiesmilch“ und anderen irren Geschichten müsse wohl ein Mann sein.

Was ich am ehesten aus seinem Text mitzunehmen bereit war, sind seine kurzen Wertungen der Erzählungen und besonders der Sammlungen, in denen sie zusammengefasst veröffentlicht wurden. So fehlt beispielsweise „Your haploid heart“ in der erste Sammlung „10.000 Lichtjahr von Zuhause“ aus dem Jahr 1973, wohl weil die Novelle dafür zu lang war. Sie erschien erst in „Sternenlieder eines alten Primaten“ (ebenfalls bei |Heyne|). Silverberg weist auf diesen bemerkenswerten Umstand hin.

Ebenfalls von Interesse, zumindest für den literaturhistorisch interessierten SF-Fan, ist sein Bericht über das Auftauchen des „Phänomens“ James Tiptree jr., denn daran lässt sich ablesen, wie sehr die alte Garde von diesen umwerfenden Storys beeindruckt, wenn nicht sogar geschockt war. Es war unausweichlich, dass Tiptree auch in Harlan Ellisons Anthologie „Again, dangerous visions“ aufgenommen wurde. Ellisons wollte ja alles, was irgendwie rebellisch und ungewöhnlich aussah, aufnehmen. Schon 1969 hatte er mit „Dangerous Visions“ die Leser aufgeschreckt. Wir warten heute noch auf seine Anthologie „Last dangerous visions“: Die Beiträge sind alle bezahlt, aber das Buch noch nicht erschienen. Vielleicht klappt’s ja, wenn Ellison unter der Erde ist.

_Die Übersetzung_

… von René Mahlow ist leider nicht ganz das Gelbe vom Ei. Zwar wird man – selten genug – von Druckfehlern verschont, aber die meisten der rund ein Dutzend Zweifelsfälle sind in der Regel stilistischer Natur. „Ein delikater Augenblick“ ist zum Beispiel nicht etwas Schmackhaftes, sondern etwas Zerbrechliches, das auf der Kippe steht. Statt „Quetchuan“ sollte die Sprache der Inkas „Quetchua“ heißen. Ich wünschte, der Verlag würde die Übersetzung nochmals durchsehen und neu veröffentlichen.

_Unterm Strich_

Von allen originellen Geschichten ist mir vor allem die kurze Story „Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod“ in Erinnerung geblieben, weiß Gott, warum; vielleicht wegen ihrer – durchaus nicht vorhersehbaren – Unausweichlichkeit, die an die antike Tragödie erinnert, aber auch wegen der intensiven sinnlichen Gefühle, die in der Beziehung der Echse zu ihrem „Liebling“ zum Ausdruck gebracht werden. Zu Recht ist die Erzählung mit einem wichtigen Preis des Genres (|Nebula Award|) ausgezeichnet worden.

Science-Fiction hat ihre Allgegenwärtigkeit vor allem dadurch erreicht, dass sie einerseits ein Sammelbecken für alle Arten von mythischen Helden und Heldinnen ist, andererseits aber auch eine Literaturgattung ist, die ständig neue Ideen hervorbringt. Hervorbringen muss, denn der Wettbewerb innerhalb der SF und ihrer zahlreichen medialen Erscheinungsformen ist heute immens hart.

Anno 1970/73, als diese Erzählungen erschienen, war die SF zwar schon als TV-Serie über die Bildschirme geflimmert („Star Trek“), hatte sich aber erst vierzig Jahre von ihren amerikanischen Groschenheft-Anfängen entfernt – und der große Durchbruch stand mit „Star Wars“ (1977) noch bevor. Tiptrees Erzählungen und ihre abgefahrenen Ideen trugen mit zu einer Veränderung des SF-Genres bei, nicht wie die New Wave sozialkritisch, sondern wie Le Guin in Richtung „weicher“ Wissenschaften und dabei besonders aus weiblicher Sicht – obwohl man das ihren Storys lange Zeit nicht ansah. Aber es ist auffällig, wie oft Frauen und Mädchen in diesen hier gesammelten Geschichten im Mittelpunkt stehen – oder als Gegenüber auftreten. Dass dies den männlichen Autoren der SF, stellvertretend sei Silverberg genannt, nicht auffiel, verwundert noch heute.

Für mich ist dieser Erzählband einer der persönlich wichtigsten in der SF, viel wichtiger als irgendetwas von Heinlein oder Asimov oder Herbert. Denn Tiptree alias Alice Sheldon wagt sich auf respektlose Standpunkte und und kritische Blickwinkel vor, die ihre Kollegen nie auch nur einzunehmen gewagt hätten – und die deshalb bis heute zu faszinieren wissen.

Taschenbuch: 220 Seiten
Originaltitel: Warm worlds and others, 1975
Aus dem US-Englischen von René Mahlow
Illustriert von Thomas Heston, Titelbild von Karel Thole
www.heyne.de

Graysmith, Robert – Zodiac. Auf der Spur eines Serienkillers

Ab 1968 wird in und um San Francisco der „Zodiac“ aktiv – ein Serienmörder, den nach eigener Auskunft pure Mordlust dazu bringt, vor allem junge Paare zu überfallen und niederzumetzeln. Er raubt nicht, er vergewaltigt nicht – er schreibt Briefe an die Presse, in denen er sich seiner Taten rühmt, sie detailliert schildert und die Fortsetzung seiner Mordserie ankündigt. Die Öffentlichkeit ist ebenso alarmiert wie fasziniert: Der „Zodiac“ weiß um seine Medienwirksamkeit und inszeniert sich als mysteriöse, böse Macht.

Die Polizei fahndet fieberhaft nach dem „Zodiac“. Dass sie ihn trotz zahlreicher Indizien nicht fassen kann, fördert den Nimbus des Serienkillers, der seine Jäger mit immer neuen Botschaften und auch telefonisch verhöhnt. Die Abstände zwischen seinen Mordattacken werden kürzer, seine Angriffe gewagter. Doch nie verliert der „Zodiac“ die Kontrolle, und die zeitgenössischen Ermittlungsmethoden reichen nicht aus, ihn zu finden. Nachdem er mindestens fünf Menschen getötet hat, kündigt er eine Änderung seiner Mordmethode an und taucht unter, schickt aber weiterhin Briefe mit neuen Mordgeständnissen.

Der Journalist Robert Graysmith gehört zu denen, die von Anfang an die „Zodiac“-Morde verfolgten. Die Zeitung, für die er Ende der 1960er Jahre arbeitete, wurde vom Killer mit Briefen und Karten „beehrt“. Graysmith konnte und wollte die Einstellung der Ermittlungen nicht akzeptieren. Viele Jahre sichtete er die vorhandenen Beweise, entdeckte neue Indizien und Zeugenaussagen, erstellte eine Liste möglicher Täter und fand schließlich „seinen“ Hauptverdächtigen, der alle Voraussetzungen erfüllte, der „Zodiac“ zu sein.

1986 veröffentlichte Graysmith sein Buch „Zodiac“, das erst jetzt in Deutschland erscheint. (Dazu mehr weiter unten.) Auf den Seiten 9-458 schildert der Verfasser in chronologischer Reihenfolge die Morde und die Ermittlungen der Polizei, ihre Erfolglosigkeit und seine eigene Odyssee in die Welt des „Zodiac“, die nach endlosen, immer wieder in Sackgassen endenden Bemühungen in der plausiblen Benennung des wahrscheinlichen Killers gipfelte. Freilich reichten die Beweise nie aus, diesen wirklich zu überführen. In einem Epilog muss Graysmith dies zugeben, bekräftigt aber noch einmal die Richtigkeit seiner Nachforschungen und fasst seine Argumentation zusammen.

In einem ausführlichen Anhang (S. 463-479) listet Graysmith sämtliche Äußerungen und Botschaften auf, die der „Zodiac“ hinterlassen hat. Seine Aufzeichnungen umfassen „Zodiacs“ Handschrift, seine Stimme und Sprechweise, seine Ausdrucksweise, Beschreibungen seiner Person, seines Autos, seiner Waffen, Geräte und Hilfsmittel, seiner (möglichen) Ausbildung und Kenntnisse, seiner Vorgehensweise. Abschließend folgt ein psychologisches Profil.

Das perfekte Verbrechen gibt es offenbar tatsächlich. Wie sonst ließe sich der „Erfolg“ des „Zodiac“ erklären, der scheinbar ungestört von einem bemerkenswerten Polizeiaufgebot seine Schreckenstaten verübte und von der Bildfläche verschwand, als er – und nur er – so entschied?

Der „Zodiac“ blieb freilich auch deshalb unvergessen, weil er seine Mordtaten stolz und dreist der Presse und der Öffentlichkeit präsentierte. Das haben nur wenige Serienmörder gewagt. „Jack the Ripper“ ist einer von ihnen und gehört bis heute zu den Kultfiguren seiner üblen Art. Der „Zodiac“ war noch wesentlich mitteilsamer, während er gleichzeitig die Kunst kultivierte, zwar viel zu sagen, aber keine relevanten Hinweise auf seine Person zu geben – eine beachtliche Leistung, die ihn als entweder sehr cleveren oder wirklich intelligenten Menschen kennzeichnet.

„Zodiac“, das Buch von Robert Graysmith, belegt freilich auch, dass der Mörder von den Beschränkungen der zeitgenössischen Kriminalistik profitierte. Noch definierte der Fingerabdruck die Möglichkeit einer Identifizierung – von den Möglichkeiten, die der DNA-Test beinhaltet, wagte man nicht einmal zu träumen. Auch die Vernetzung der beteiligten Behörden, der gemeinsame Zugriff auf zentrale Datenbanken, die beschleunigte Kommunikation – das gesamte Arsenal, das uns „CSI“-geschulten Laien heute so vertraut ist, war vor vier Jahrzehnten noch unbekannt. Auch die Frage, wie die Story, die Graysmith uns erzählt, im Zeitalter des Handys abgelaufen wäre, bleibt nicht aus: „Zodiac“ ist auch eine Reise zurück in die kriminalistische Vergangenheit.

Darüber hinaus ist es natürlich die Geschichte eines großen Versagens. Der „Zodiac“ wurde nie vom Arm des Gesetzes erreicht. Am mangelnden Einsatz der Beteiligten hat es sicher nicht gelegen; Graysmith vermag zu vermitteln, was er bereits in seinem Vorwort andeutet: „Wenn man die Geschichte rund um den Zodiac mit einem Wort charakterisieren müsste, so wäre dieses Wort ‚Besessenheit‘.“ (S. 12) Die Jagd kostete viele Beteiligte ihre Gesundheit und Karrieren, während der „Zodiac“ seine hämischen Kommentare abgab. Graysmith selbst gehört zu denen, die dem Rätsel verfielen – seine Ehe wurde geschieden, weil der „Zodiac“ zu seiner Obsession geworden war.

In den 1970er Jahren kamen die offiziellen Ermittlungen allmählich zum Erliegen; es fehlten neue Spuren. Graysmith rückt sich in seiner Darstellung nun selbst ins Zentrum, denn er gab nicht nach und siebte in Eigenregie das gut bestückte Feld der Verdächtigen – eine frustrierende Aufgabe, da die meisten Spuren wie gehabt ins Leere führten. Irgendwann trugen Graysmith‘ Mühen allerdings doch ihre Früchte – und dies ist der Zeitpunkt, an dem es für den Leser heißt vorsichtig zu werden. Graysmith ist überzeugt von seiner Lösung, die er uns detailliert vorstellt. Bei nüchterner Betrachtung kann man ihm glauben, muss es jedoch nicht: Die Jagd auf den „Zodiac“ litt immer unter einem Zuviel an viel versprechenden Andeutungen und einem Zuwenig an aussagenkräftigen Indizien.

Wie alle am „Zodiac“-Fall Beteiligten drehte und wendete Graysmith wieder und wieder die bekannten Belege. Diese sind indes oft ohne Verbindung und deshalb vielfältig interpretierbar, so dass sie sich leicht zu einem Bild fügen lassen, das sich der Fahnder wünscht. Mit der Realität muss es nicht identisch sein. Graysmith ist dieses Problem durchaus bekannt, doch er mag sich ihm offenbar nicht wirklich stellen. Verständlich ist das, denn er hat Jahre seines Lebens auf die Jagd nach dem „Zodiac“ verwendet und will eine Lösung, weil er sie nach allem Aufwand und Mühen „verdient“ hat. So funktioniert das wirkliche Leben freilich nicht. Graysmith legt letztlich nur eine weitere Vermutung vor, die er mit Fakten untermauern, aber definitiv nicht beweisen kann.

Der „Zodiac“ ist ein Serienmörder-Mythos wie Jack the Ripper geblieben. Das hat ihn „frisch“ gehalten: Wer hätte z. B. gedacht, dass sich die Plots von Filmklassikern wie „Dirty Harry“ (1971) oder „Exorzist III“ (1983) aus dem „Zodiac“-Fall speisen? Aktuell kommt im Frühling 2007 „Zodiac“, der Spielfilm, in die Kinos. David Fincher hat ihn inszeniert, der mit „Fight Club“, „Sieben“ oder „Panic Room“ Filmgeschichte schrieb. Das Drehbuch stützt sich stark auf Graysmith‘ Buch (ohne jedoch auf den „Hollywood-Touch“, d. h. die Verdrehung von Tatsachen des filmischen Effektes wegen, zu verzichten), das deshalb auch dort, wo es bisher unveröffentlicht blieb, als „Buch zum Film“ aufgelegt wird.

Was theoretisch eine erfreuliche Tatsache ist, erweist sich in der Praxis als Mogelpackung. Die Hauptkritik an der deutschen Ausgabe von „Zodiac“ gilt nicht Graysmith und seinem inzwischen inhaltlich wie formal angejahrten Werk, sondern dem |Heyne|-Verlag, der dieses Buch auf dem Stand von 1986 veröffentlicht. 2007 kommt wie gesagt David Finchers Thriller in die Kinos; ein weiterer Blockbuster ist zu erwarten, von dem sich der Verlag mit dem „Buch zum Film“ eine Scheibe abschneiden möchte. An sich nicht zu tadeln, doch in diesem Fall eine Zumutung, da mehr als zwei Jahrzehnte verstrichen sind, seit Graysmith sein „Zodiac“-Buch schrieb. Dieses markiert indes keineswegs den Endpunkt aller Ermittlungen. Seit 1986 wurde der Fall mehrfach wieder aufgerollt – zuletzt Anfang 2007. Der Fortschritt der kriminalistischen Wissenschaften und Techniken ermöglichte und forderte das.

Was zwischen 1986 und 2007 diesbezüglich geschah, bleibt uns jedoch vorenthalten. Dazu gehört die nicht unerhebliche Tatsache, dass jener Hauptverdächtige, dem Graysmith das Pseudonym „Robert Hall Starr“ gab, längst als Arthur Leigh Allen identifiziert ist. Der mutmaßliche „Zodiac“ starb 1992 und darf deshalb jetzt mit seinem richtigen Namen genannt werden. Auch sonst hat sich das Bild vom „Zodiac“ seit 1986 erheblich geschärft. Das quasi zu ignorieren und ein zwanzig Jahre altes Buch ohne entsprechende Nachträge auf den Markt zu bringen, ist deshalb eine Unverfrorenheit.

Natürlich musste sich Graysmith zu Allens Lebzeiten auch mit dem Bildmaterial zurückhalten. Wir sehen also nie ein Foto vom möglichen „Zodiac“. Die Fotostrecken beschränken sich auf die Wiedergabe der zodiacschen Schmähbotschaften, doch was sollen sie dem Leser in ihrer Häufung sagen? Darüber hinaus ist die Wiedergabequalität der Abbildungen auf dem Stand von 1986. Die Fotos sind schlecht belichtet, unscharf, oft so verkleinert, dass Details verschwinden. In der deutschen Ausgabe werden sie nicht einmal auf Fotopapier gedruckt.

Den deutschen Lesern, die sich über den aktuellen Status der „Zodiac“-Ermittlungen informieren möchten, bleibt deshalb nur das Internet; http://www.zodiackiller.com ist hier als erste Anlaufstelle zu nennen. Stets aktuell und mit reichem Fotomaterial garniert, wird man über den Stand der „Zodiac“-Forschungen in Kenntnis gesetzt. Dazu gibt es zahlreiche Links auf weitere Websites, was darauf hinweist, dass der „Zodiac“ auch im 21. Jahrhundert seinen festen Platz in der US-Alltagsgeschichte einnimmt. (Dies unterstreicht die Tatsache, dass der „Zodiac“-Stoff schon vor Fincher 1971, 1996 und 2005 verfilmt wurde.)

Robert Graysmith wurde als Robert Gray Smith am 17. September 1942 in Pensacola im US-Staat Florida geboren. Zum Zeitpunkt der „Zodiac“-Morde arbeitete er als politischer Karikaturist für den „San Francisco Chronicle“, die größte Zeitung in Nordkalifornien. Der Killer wandte sich mit seinen Botschaften gern an dieses Blatt, so dass Graysmith quasi einen Logenplatz hatte, was die polizeilichen Ermittlungen betraf. Er schaltete sich deshalb selbst journalistisch in die Suche ein und setzte sie fort, nachdem die erfolglos bleibende Fahndung abgebrochen wurde. Seine Ergebnisse schrieb Graysmith in zwei Büchern nieder. Er blieb dem „True Crime“-Genre treu und verfasste mehrere Werke über weitere mysteriöse Mörder.

http://www.heyne.de
http://wwws.warnerbros.de/zodiac/

Lynch, Scott – Lügen des Locke Lamora, Die (Locke Lamora 1)

|Locke Lamora / Der Gentleman-Bastard:|

Band 1: _“Die Lügen des Locke Lamora“_
Band 2: [„Sturm über roten Wassern“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5172
Band 3: „Die Republik der Diebe“ (11.10.2011)
Band 4: „The Thorn of Emberlain“ (noch ohne dt. Titel)
BAnd 5: „The Ministry of Necessity“ (noch ohne dt. Titel)
Band 6: „The Mage and the Master Spy“ (noch ohne dt. Titel)
Band 7: „Inherit the Night“ (noch ohne dt. Titel)

„Scott Lynch“ ist keinesfalls der neue Roman des Autoren Locke Lamora – dass es dennoch so erscheint, liegt an der völlig unpassenden Titelbildgestaltung, die leider an ältere |Dungeons & Dragons|-Romane erinnert. Es ist vielmehr umgekehrt: Der 1978 in Minnesota geborene Scott Lynch ist der Autor von „Die Lügen des Locke Lamora“, einem Edelganovenroman im Fantasymilieu. Diese recht seltene Kombination bescherte ihm großen Verkaufserfolg und gute Kritiken in den USA. _Anmerkung:_ Der Heyne-Verlag hat mittlerweile das Erscheinungsbild der Serie zum Besseren verändert, [hier]http://www.jagve.org/jpg/dldll.jpg zum Vergleich das alte Cover, auf das sich die Kritik bezieht.

Mag der Dieb als Charakter auch ein Archetyp der Fantasy sein, so ist er doch meistens eher eine Nebenfigur. Zumindest in den |Forgotten Realms| (Vergessenen Reichen) pflegen die werten Langfinger sich in mächtigen Gilden zusammenzurotten und gewissen Klischees zu huldigen, mit denen Lynch jedoch zu brechen versucht durch ein italienisch angehauchtes Szenario mit britischem Einschlag. Der Stadtstaat Camorr, in dem die Handlung spielt, ist zwar auch die Heimat vieler organisierter Banden (und deutlich an die Camorra und Neapel angelehnt), im Gegensatz zu Calimhafen im |D&D|-Universum jedoch wesentlich detailverliebter dargestellt. Es herrscht ein „Geheimer Friede“ zwischen dem Oberhaupt der Banden, Capa Barsavi, und dem Adel von Camorr. Auch die Gendarmerie ist in diesen eingeweiht. Diebe dürfen mehr oder weniger ungestraft ihr Unwesen treiben, solange die Aristokratie von ihnen verschont bleibt.

Doch der gewitzte Locke Lamora, ein Lehrling von Vater Chains, einem angeblich halbblinden Bettelmönch des Perelandro, hält sich selten an den Frieden. Nicht ganz in Robin-Hood-Manier stiehlt er von den Reichen. Allerdings nicht, um es unter den Armen zu verteilen, die lässt man einfach in Ruhe und genießt selbst das süße Leben, das die reiche Beute den Gentleman-Ganoven ermöglicht. Hier liegt auch der Unterschied zum britischen Edelganoven: Locke und seine Bande sind Waisen und keine bereits reichen Snobs mit Attitüde. Was sie von den übrigen Schlägern und Gaunern Camorrs unterscheidet, sind ein gewisses Schauspieltalent und eine umfassendere Bildung. So kann sich Locke als Edelmann verkleiden und überzeugend als Geschäftsmann auftreten, denn er versteht etwas von Buchhaltung und den Sitten am Hof von Herzog Nicovante und anderen Herrschern.

Die Geschichte beginnt mit der Überstellung Locke Lamoras an Vater Chains, der seine besonderen Talente erkannt hat. Gleichzeitig hat ihn ein gewisser Übermut in eine gefährliche Lage gebracht. Denn Locke hat bereits in seiner Ausbildung beim „Lehrherrn der Diebe“ im „Hügel der Schatten“, der junge Waisen aufsammelt und sie für die Banden Camorrs ausbildet, über die Stränge geschlagen. Er hat sich mit den Ordnungshütern der Stadt angelegt und sie bestohlen, was eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Bewegung setzte, die mit dem Brand eines Wirtshauses, Verhaftungen und dem Tod einiger seiner Gefährten endete. Grundsätzlich ist auch er des Todes. Denn Capa Barsavi kann nicht dulden, dass irgendjemand den „Geheimen Frieden“ bricht. Der Lehrherr ist gezwungen, beim Capa um seinen Tod zu bitten und ihn dann auch zu töten, doch Vater Chains fordert den verwegenen Bursche für sich an. Zusammen mit den Zwillingen Calo und Galdo Sanza, Bug, Jean Tannen und Sabetha bildet er sein Team von Gentleman-Ganoven. Locke entwickelt sich zum Kopf der Bande, in der jedes Mitglied seine besonderen Talente hat. Der kurzsichtige aber starke Jean zum Beispiel ist ein gefährlicher Schläger mit aufbrausendem Temperament, aber da er aus bürgerlichem Hause stammt, auch der beste Rechner der Bande, mit der bei weitem schönsten Handschrift.

Scott Lynch erzählt die Ausbildung von Locke Lamora parallel zum ersten Coup Lockes, einem Betrug an Don Salvara, dem gegenüber er sich als ein Bevollmächtigter des Hauses bel Auster, bekannt für seinen weltberühmten Austershalin-Kognak, ausgibt. Doch die Geschichte wird noch komplexer, denn in Camorr tobt ein Bandenkrieg. Der „Graue König“ versucht, Capa Barsavi die Vormachtstellung abzunehmen. Er intrigiert gegen Locke und bringt ihn unter seine Kontrolle. Er soll für ihn mit Capa Barsavi verhandeln. Dank eines Soldmagiers aus Karthain konnte er bisher der geballten Macht der Banden widerstehen, doch nun möchte er ihn sprechen. Locke vermutet zu Recht eine List – er wird als Köder einer raffinierten Falle missbraucht, die ihn fast das Leben kostet. Viele Anhänger Barsavis und Freunde Lockes sterben auf bewusst brutale und grausame Art und Weise, der „Graue König“ ist jedoch damit nicht zufrieden. Er will nicht nur Herr über die Unterwelt Camorrs sein, auch mit dem Adel hat er ein Hühnchen zu rupfen …

Ab diesem Zeitpunkt gewinnt das Buch deutlich an Klasse und Fahrt, denn die ersten 238 Seiten bis zum Beginn des zweiten Buches „Komplikationen“ sind ziemlich langweilig. Lockes Ganovenabenteuer und Genialität werden zu oft gepriesen, ohne dass Lynch einen genialen Coup folgen ließe. Die Rückblenden in die Vergangenheit wirken hier besonders bremsend und störend. Im weiteren Verlauf der Handlung, sobald sie an Komplexität und Witz gewinnt, erzeugt diese Erzähltechnik jedoch durchaus eine gewisse Abwechslung und Steigerung der Spannung. Die Zwischenspiele und Sprünge sind kürzer als zu Beginn, nicht mehr so willkürlich, sondern haben Bezug zur Haupthandlung.

Der Charakter Locke Lamora ist eine bewusste Leerstelle des Autors. Wir erfahren mehr über Vater Chains, Capa Barsavi und Jean Tannen als über Locke selbst und seine unglückliche Liebe Sabetha. Geschickt offenbart Lynch häppchenweise Details. Erst erfahren wir, dass Locke in Sabetha verliebt war, dann, dass sie über einem halben Kontinent geflüchtet ist – warum auch immer. Dann indirekt ihre Haarfarbe, dass sie eine perfekte Verführerin und Schönheit ist … und mehr nicht. Sabetha könnte in weiteren Romanen eine wichtige Rolle spielen. Locke selbst ist ein eher schmächtiger und nicht gerade gutaussehender junger Mann, dem man die Spuren der Unterernährung in der Jugend noch ansieht. Seinen wahren Namen – er heißt weder Locke noch Lamora – flüstert er am Ende des Romans Jean Tannen ins Ohr. Dem Leser bleibt er vorenthalten.

Camorr selbst, der einzige Schauplatz der Handlung, ist eine Hafenstadt, die, wie bereits erwähnt, an Neapel angelehnt ist. Magie spielt weitgehend keine Rolle, stattdessen Gift, List und Tücke. Ein sehr italienisches Szenario, mit einigen britischen Spritzern wie dem Gentleman-Aspekt und den Waisenkinderbanden. Lynch ließ es sich jedoch nicht nehmen, noch eine Hai-Variante des Stierkampfs und gläserne Bauwerke der Eldren, mystischer und ausgestorbener Vorfahren der Menschen, einzubauen. Nebenher erzählt er über weit entfernte Gebiete und zwielichte Organisationen, wie die Soldmagier von Karthain. Diese Welt ist auf Expansion angelegt, und so wundert es nicht, dass Locke am Ende des Buchs gezwungen ist, Camorr auf dem Seeweg zu verlassen. Der nächste Band wird unter dem Titel „Sturm über roten Wassern“ erscheinen.

_Fazit:_

Ganz so originell, wie die vielen Rezensionen und Pressestimmen auf dem Buchrücken behaupten, ist „Die Lügen des Locke Lamora“ sicher nicht. Das Szenario mag einem Amerikaner exotisch vorkommen, einem Europäer dürfte es wesentlich geläufiger sein. Italienisches Mittelalter beziehungsweise frühe Neuzeit treten immer häufiger in der englischsprachigen Fantasy auf, wie bereits in [„Der venezianische Ring“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1401 von Cherith Baldry. Das soll nicht heißen, „Locke Lamora“ sei ein Langweiler, ganz und gar nicht. Ein sehr verhaltener Start und ein unausgereifter Spannungsbogen sowie starke Qualitätsschwankungen machen den Roman zu einem Wechselbad der Gefühle. Auf wirklich vorzügliche Passagen folgen Kapitel, die an Trivialität und Banalität kaum zu überbieten sind. Der sehr indirekte und vage Stil der Charakterisierung Lockes ist ausgeprägte Geschmackssache, ebenso die Erzählweise mit den vielen Zwischenspielen in der Vergangenheit.

Doch mit viel Witz und Liebe zum Detail macht Scott Lynch einiges wett, und im Genre der Fantasyganoven ist Locke Lamora ohne Zweifel bereits jetzt der unangefochtene Capa. Auf seine weiteren Abenteuer kann man gespannt sein, denn Locke hat sich in diesem Buch mehr Feinde als Freunde geschaffen. Sehr gefährliche Feinde.

|Originaltitel: The Lies of Locke Lamora (Teil 1) – The Gentleman Bastard Sequence Bd. 1
Originalverlag: Gollancz
Aus dem Englischen von Ingrid Herrmann-Nytko
Deutsche Erstausgabe
Paperback, 848 Seiten, 13,5 x 20,6 cm|
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Peter Straub – Schattenstimmen

Straub Schattenstimmen Cover 2008 kleinSchriftsteller Underhill hat einen Serienkiller verunglimpft, dessen Geist rachsüchtig aus dem Jenseits zurückkehrt; gleichzeitig stellt der Autor fest, dass er einen Riss im kosmischen Gefüge verursacht hat, der Realität und Fiktion bizarr zusammenfließen lässt … – Erneut schreibt Peter Straub vom unmerklichen Einbruch des Phantastischen in den Alltag. Das gelingt ihm vor allem im ersten Teil, doch obwohl der Verfasser dann auf ausgefahrene Horror-Geleise einbiegt, wahrt er seine stilistische Brillanz und ringt dem Plot manche Überraschung ab: Genrefreunde dürfen freudig zugreifen.
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Thomas Harris – Hannibal Rising

Das geschieht:

Litauen im Winter des Jahres 1945: In seinen letzten Wochen erreicht der II. Weltkrieg auch das Jagdhaus, in dem sich die Familie des Grafen Lecter bisher verbergen konnte. Die Eltern und das Gesinde kommen um, nur Sohn Hannibal und seine kleine Schwester Mischa überleben, bis eine versprengte Gruppe litauischer Nazi-Kollaborateure das Jagdhaus entdeckt und besetzt. Als die Lebensmittel knapp werden, schlachten und fressen die Eindringlinge Mischa. Verzweifelt kann Hannibal fliehen; der hochintelligente Junge wird das Erlebte nie vergessen und schwört den Mördern Rache.

Der im Schock stumm gewordene Hannibal kommt in ein Kinderheim. Dort spürt ihn sein in Frankreich lebender Onkel Robert auf. Der berühmte Maler nimmt ihn auf, aber Hannibals Liebe gilt vor allem seiner Gattin, der Japanerin Lady Murasaki, die ihn zum Sprechen bringt, fördert, als der Onkel stirbt und sogar seine Geliebte wird. Thomas Harris – Hannibal Rising weiterlesen

Kitty Fitzgerald – Pigtopia

Jack Plum wird mit einer Entstellung geboren, die ihn ähnlich aussehen lässt wie ein Schwein. Sein Kopf ist deformiert, er hat Sprachschwierigkeiten und für seine Mutter, die nach der schweren Geburt bleibende Schäden zurückbehielt und inzwischen im Rollstuhl sitzt, ist er ein Monster. Jacks Vater, ein Metzger, schützt seinen Sohn dagegen und weiht ihn in die Grundlagen der Schweinezüchtung ein. Doch nach Jacks zwölften Geburtstag verschwindet Daniel Plum spurlos und kehrt nicht zurück. Von nun an lebt Jack allein mit seiner depressiven Mutter, abgesperrt von der Außenwelt.

Kitty Fitzgerald – Pigtopia weiterlesen

Lee Child – Ausgeliefert

Das geschieht:

Jack Reacher, ehemaliger Elitesoldat und Militärpolizist, nun Türsteher in einem Musikclub in Chicago, will einer jungen Frau behilflich sein und gerät in eine Entführung! Drei Männer zwingen ihn, gemeinsam mit der Frau in einen Lieferwagen zu steigen. Reachers unfreiwillige Gefährtin heißt Holly Johnson, 27 und arbeitet für das örtliche Büro des FBI. Sie ist aber auch die Tochter von General Johnson, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs und damit ranghöchster Soldat der Vereinigten Staaten und das Patenkind des Präsidenten! Entsprechend fällt die Reaktion der Behörden aus. FBI Abteilungsleiter McGrath und die Agenten Brogan und Milosevic bilden nur die Spitze eines vielköpfigen Ermittlungsteams. Es nimmt die Spur der Kidnapper auf, die eher durch ihre Brutalität als durch kriminelle Professionalität auffallen.

Das verwundert nicht, als sich herausstellt, wer hinter der Entführung steckt: Beau Borken ist der „Kommandant“ der „Montana Militia“. In dieser militanten Gruppe fanden jene zusammen, für die sich der amerikanische Traum nicht erfüllt hat, die mit der Gegenwart einer globalisierten Alltagswelt nicht zurecht kommen und die sich nach der Zeit zurücksehnen, als der redliche, einfache und natürlich weiße Mann das Sagen hatte. Lee Child – Ausgeliefert weiterlesen

Iain Banks – Der Algebraist

In einer Welt, in der die Menschheit in hauptsächlich zwei Wellen in die Galaxis vorgestoßen ist, steht das System Ulubis kurz vor einer Invasion. Man reist entweder dicht unterhalb der Lichtgeschwindigkeit und braucht Jahrzehnte für eine intergalaktische Reise, oder man benutzt die aufwändig installierten Wurmlöcher der Merkatoria, dem politischen Zusammenschluss der meisten Völker. Im Ulubis-System haben Angriffe von Merkatoria-Feinden das Systemwurmloch in einer spektakulären Aktion zerstört. Uralte Hinweise auf ein geheimes Wurmlochnetzwerk, dem die meisten Sonnensysteme angehören, gewinnen bei verschiedenen galaktischen Interessengruppen plötzlich an Bedeutung. Eine algebraische Formel, eine Transformation auf diese uralten Hinweise, soll den Zugang zu diesem Netzwerk ermöglichen – und diese Formel wird im Ulubis-System vermutet. Nicht nur die Invasoren schicken eine gigantische Flotte, auch die Merkatoria bringt ihre Streitkräfte auf den Weg. Ulubis bereitet sich auf schwere Zeiten vor …

Der »Langsamen«-Seher Fassin Taahk bekommt den Auftrag von höchster Priorität, auf dem Gasriesen Nasqueron nach der Transformation zu suchen. Fast alle Gasriesen der Galaxis werden von einem äußerst langlebigen Volk bewohnt, das bereits seit Milliarden Jahren existiert und den Aktionen der von ihnen sogenannten »Schnellen« – aller Völker mit Existenzerwartung von wenigen tausend bis Millionen Jahren – gelassen gegenübersteht. Selbst die Individuen dieses Volkes, der Dweller, leben oft mehrere Millionen Jahre. In ihren Forschungen verlangsamen sie ihre Denkgeschwindigkeit um ein Vielfaches, und »Langsamen«-Seher beherrschen diese Fähigkeit ebenfalls. Sie forschen in den unendlichen Bibliotheken der Dweller, um Wissenswertes für die Merkatoria zu entdecken.

Fassin Taahk ist einer der begabtesten Seher und entdeckte auf einem seiner Trips eben jene Hinweise auf die Transformation. Nun ist er derjenige, der mit Hilfe der Dweller oder auch gegen ihren Willen die algebraische Formel sicherstellen soll. Während dieses Einsatzes muss er sich mit vielen Problemen herumschlagen. Die Dweller führen ihn an der Nase herum, die Merkatoria attackiert ihn versehentlich und setzt ihn unter Druck, selbst unter den Dwellern gibt es Saboteure und nebenbei wird das System von einer Invasion heimgesucht …

Was sofort auffällt, ist die Komplexität dieses Romans und des Universums, in dem er spielt. Hier entwickelt Iain Banks eine Welt, die es sicher mit seiner »Kultur« aufnehmen kann. Vergleiche zwischen beiden mögen noch unangebracht sein, da sich das Kultur-Universum aus vielen Romanen zusammensetzt, allerdings kommt man aus eben diesem Grund nicht daran vorbei und ist beinahe genötigt, Banks an seinem umfang- und erfolgreichen Werk zu messen. Erleben wir hier den Beginn einer neuen großen Reihe, oder bleibt »Der Algebraist« ein eigenständiger Roman? Anfang und Ende packen die Geschichte ein und schließen sie ab, doch ist es wie bei so vielen guten Romanen, aus denen eine Serie gemacht wurde: Die Geschichte ist eingebettet in ein hochkomplexes, vielschichtiges, wundervolles und rätselhaftes Universum, dass es fast zu schade ist, nicht mehr hierüber zu erfahren.

Es gibt Aspekte, die unangebracht und wie Beiwerk wirken; zum Beispiel tritt schon auf den ersten 50 Seiten ein grausamer Diktator auf, dessen Grausamkeit Banks sehr deutlich beschreibt, wie es für ihn typisch ist. Im Zusammenhang mit der Geschichte wirkt diese Grausamkeit deplaciert. Es erweist sich aber als nötiges Element, um die Handlungen des Diktators bei seiner Invasion zu erklären und ebenso die Gelassenheit der Dweller und ihre Überlegenheit in Höchstform darzustellen.

Dagegen sind die Erlebnisse von Taince, Saluus und Fassin auf dem verbotenen Raumschiffswrack wirklich nur Beiwerk, was sich erst am Ende erschließt. Daraus entwickelt sich zwar eine schöne Geschichte über verschiedene Charaktere und ihren Weg, bis hin zur Rache (die Banks übrigens in ausnehmend gelungenem Stil schildert), trägt aber nicht ausschlaggebend zum Geschehen bei. Als Erklärung könnte man anführen, über diese Charaktere hätte man Einblick in die verschiedenen Bereiche wie Merkatoriaflotte, Ulubissystem kurz vor der Invasion und Dwellerwelt mit der Suche nach der Transformation. Die Beziehung zwischen diesen Charakteren ist interessantes Beiwerk, aber letztlich »ist es halt nur da, was das Gleiche ist, als wäre es nicht da«, um einen guten Freund zu zitieren. Vielleicht das i-Tüpfel. Aber: Während seiner Suche trifft Fassin mehrfach auf den Hinweis auf das »zweite Schiff«, auf dem die Transformation gefunden werden könnte. Dem Leser drängt sich der Verdacht auf, jenes Wrack, das Taince, Saluus und Fassin verbindet, könnte mit dem zweiten Schiff identisch sein, und man erwartet dadurch eine höhere Bedeutung für diese Episode. Vorstellbar wäre zum Beispiel, dass Saluus nun im Besitz der Transformation ist und es darüber zu einer Tragödie zwischen den Bekannten kommt. Diese Erwartung wird in keiner Weise erfüllt (auch nicht im Entferntesten), obwohl – es liegt im Ulubis-System, die Transformation wird im Ulubis-System vermutet – wer weiß? Vielleicht ist es ja wirklich das »zweite Schiff« …

Auch wenn der Umfang des Romans abschrecken mag oder Längen erwarten lässt, es lohnt sich uneingeschränkt, ihn zu lesen und in seinen phantastischen Tiefen zu versinken. Er ist spannend, unterhaltsam und steigert sich von der ersten Seite an bis zum Epilog, der nach altem griechischen Vorbild die Spannung ausklingen lässt. Mit diesem Roman hat Iain Banks ein Universum erschaffen, in dem die Fantasie keine Grenze findet.

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Stephen Woodworth – Das Flüstern der Toten

Ein Serienkiller wütet unter den „Violetten“, die über die Fähigkeit verfügen, Kontakt mit den Seelen der Toten aufzunehmen. Ein psychisch angeschlagener FBI-Agent und eine der bedrohten Violetten nehmen seine Spur auf und geraten in ein mörderisches Intrigenspiel … – Genremix aus Phantastik und Krimi, der seine wenig originelle aber sauber entwickelte Handlung durch die sorgfältige Figurenzeichnung vertiefen und dem obskuren Plot bis auf ein recht plattes Ende Glaubwürdigkeit verleihen kann.
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Rainer Schmitz – Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen

Einleitung: Der Schriftsteller, das (un-) bekannte Wesen

Die Literaturgeschichte ist ein Forschungsfach, das sich bekanntlich überaus wichtig nimmt. Große Geister äußern bekanntlich große Gedanken, und diese dem gemeinen Leservolk, den noch viel gemeineren Kritikern sowie den chronisch mit Blindheit geschlagenen wissenschaftlichen Kollegen zu erklären, ist eine todernste Aufgabe, nein, eine Mission, zu der sich zahlreiche Spezialisten berufen fühlen. Noch die scheinbar unwichtigste biografische Einzelheit fließt in die Werksanalyse ein, bis aus einem Schriftsteller schließlich ein Ausnahmemensch wird, dessen Leben das Werk und umgekehrt spiegelt.

Dabei sind Schriftsteller auch nur Menschen – in der Regel sogar recht schwache i. S. von gar nicht vorbildlichen Zeitgenossen. Darüber hinaus sind sie weder vor den Tücken der Geschichte oder des Objekts gefeit. Lächerliches und Peinliches stößt ihnen mindestens ebenso häufig zu wie Erhabenes oder Dramatisches. Wieso auch nicht, denn der Schriftsteller lebt nicht für seinen Nachruhm, sondern im Hier & Jetzt mit allen Konsequenzen, die Spielsucht, Impotenz, Inkontinenz, alkoholbedingte Ausfälle und alle sonst möglichen (und unmöglichen) Profanitäten einschließen. Rainer Schmitz – Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen weiterlesen

Ursula K. Le Guin – Rocannons Welt

_Verhängnisvoll: Vampire, als Engel verkleidet_

Dieser Roman gehört zu den frühen Science-Fiction-Romanen des Hainish-Zyklus der mehrfach preisgekrönten amerikanischen Schriftstellerin.:

1) Rocannons Welt (1966)
2) Das zehnte Jahr (1966)
3) Stadt der Illusionen (1967)

_Die Autorin_

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist meiner Ansicht nach eine bessere Schriftstellerin als C. S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Ihr Stil zeichnet sich durch anmutige Eleganz aus. Sie gehört zu den höchstdekorierten amerikanischen Schriftstellern überhaupt.

Ursula K. Le Guin – Rocannons Welt weiterlesen

Douglas Adams – Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele (Dirk Gently’s Holistische Detektei)

Dirk Gently, der holistische Privatdetektiv, schlittert durch den merkwürdigen Tod eines neuen Mandanten wieder in einen skurrilen Fall. Erneut gerät er an Polizisten, die ihn schon kennen und nicht mögen, plagt sich mit seinem chronischen Geldmangel und einem kaputten Kühlschrank herum und schließlich noch mit einem rabiaten goldenen Adler. Auch Kate Schechter, eine in London lebende Journalistin, hat eine Pechsträhne. Als sie nach diversen Widrigkeiten endlich am Flughafen Heathrow ankommt, fliegt sie mitsamt dem Schalter und einem sturen Fluggast in die Luft. Bei ihren anschließenden Recherchen nach dem verschwundenen Mann gerät sie an Dirk Gently und in eine haarsträubende Geschichte.

Die Hauptfigur des Romans ist der Privatdetektiv Gently, den der Leser schon aus [„Der Elektrische Mönch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3097 kennt. „Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele“ ist allerdings keine Fortsetzung, sondern ein eigenständiger Roman. Das sehr individuelle Romanpersonal umfasst nordische Gottheiten, eine praktisch veranlagte Journalistin, einen Psychologen, der sich selbst der beste Patient sein könnte, ein fernsehsüchtiges Kind und ein typisches Yuppiepaar. Die Charaktere sind größtenteils recht schräg, wie es für Adams typisch ist.

Wie schon im ersten Buch mit Dirk Gently ist die Handlung Nebensache. Während jedoch im Vorgänger einiges noch nachvollzogen werden konnte, dient die Handlung in „Fünfuhrtee“ nur noch dazu, den Zeitgeist aufs Korn zu nehmen. Der Geschichte fehlt jede Logik, alles ist sinnlos absurd. Adams schildert erneut seine Sicht auf diese Zeit durch witzig-überspannte Gedanken zu alltäglichen Situationen, die jeder Leser kennt. Natürlich gibt es auch wieder den bekannten Sprachwitz, aber vor allem sehr viel Absurdes.

Die ebenso irre wie wirre Handlung beleuchtet das Leben der nordischen Götter, die in dieser Welt zurechtkommen müssen. Auch sie können sich den Zeichen der Zeit nicht entziehen: Donnergott Thor wird von Schwindel, Schuldgefühlen und allerhand Modekrankheiten geplagt, gegen die in der Fernsehwerbung Mittel angepriesen werden. Odin ist ein müder alter Mann, der mit einem Anwalt einen Vertrag abschließt, damit ihm ein gemütliches Dasein als umhegter Patient in einer Privatklinik garantiert ist. Fast alle Götter haben Alkohol- und Psychoprobleme, denn die Menschen, von deren Welt sie abhängen, glauben nicht mehr an sie.

Wer sich nicht an der völlig konfusen und von Zufällen vorangetriebenen Handlung stört, kann sich am bewährten Witz von Adams erfreuen. Einer der Höhepunkte der Geschichte ist sicher die Fähigkeit des Autors, zahlreiche Begriffe für unfreundlich herumlungernde Kellner zu finden. Aber auch die Situationen, die sich aus der Überschneidung der Welt der nordischen Götter mit jener der Menschen aus dem heutigen London ergeben, bieten gute Unterhaltung, zum Beispiel wenn Gently einen goldenen Adler in seiner Küche durchs Schlüsselloch ausspionieren will:

|“Zuerst meinte er, er könne gar nichts sehen, es sei offenbar von irgendwas verstopft. Ein leichtes Flackern und Glänzen ganz dicht an der anderen Seite enthüllte ihm dann plötzlich die erschreckende Wahrheit, dass auch der Adler ein Auge am Schlüsselloch hatte und zu ihm hinüberspähte.“|

Zwar kommt die Geschichte abrupt zum Ende und wirkt so, als habe Adams das Buch eben beenden müssen, doch wer sich für absurde Ideen und bissige Beschreibungen des Alltags begeistern kann, wird sich bei dieser Zeitgeistsatire gut unterhalten.

http://www.douglasadams.com/
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_Maren Rhea Fanenbruck-Pelgrim_

Alan Dean Foster – Die Eissegler von Tran-ky-ky (Icerigger 1)

Humorvolles Planetenabenteuer mit Tiefgang

Die auf einem Eisplaneten gestrandeten Passagiere eines Rettungsbootes treffen auf eine Kultur von großwüchsigen Humanoiden, die auf einer mittelalterlichen Stufe eine Feudalgesellschaft aufgebaut haben. Und die sind scharf auf das Metall des Fliegers. Dafür gewähren sie Gastfreundschaft. Doch wenn die Schiffbrüchigen zum nächsten Stützpunkt der Menschen weiterreisen wollen, gibt es eine kleine Bedingung: Sie sollen helfen, den alljährlichen Angriff einer Barbarenhorde abzuwehren. Zunächst sieht das für die Menschen wie ein Klacks aus, doch der Eisplanet hat seine Tücken.

Der Autor

Alan Dean Foster – Die Eissegler von Tran-ky-ky (Icerigger 1) weiterlesen

Andreas Brandhorst – Feuervögel (Kantaki: Graken-Trilogie 1)

»Feuervögel« ist der erste Roman aus der zweiten Trilogie, die Andreas Brandhorst im Kantaki-Universum ansiedelt. Nach der Trilogie um Diamant, Valdorian und die Temporalen, die in einer umfassenden Neuordnung der Realität gipfelte, setzt der vorliegende Roman in einer Zeit an, die tausende von Jahren in der Zukunft des Zeitkriegs spielt.

Die Situation in der Milchstraße

Nach der zweiten Großen Lücke (einer einhundert Jahre umfassenden Zeit, über die es keinerlei historische Daten gibt) tauchten die Graken auf, unbeschreibliche Wesen, die mit ihren anscheinend symbiotisch lebenden Hilfsvölkern in die Galaxis eindrangen und eine Welt nach der anderen eroberten. Dabei ist das Vorgehen dieser Wesen, die Gedanken der Menschen und anderen Völker in ihre Träume einzugliedern und ihnen über diesen Weg das sogenannte Amarisk, die Lebensenergie und Seele, auszusaugen. Die Graken gelten als Seelenparasiten.

Um die weitere Ausbreitung zu verhindern, bleiben den Milchstraßenvölkern nur wenige Möglichkeiten. Den technisch weit überlegenen militärischen Hilfsvölkern der Graken haben sie nichts entgegenzusetzen. Die Graken, die sich auf Planeten festsetzen, beherrschen das Umfeld durch ihren Geist und ihre Träume, so dass sich »freie« Wesen nur unter speziellem Schutz (zum Beispiel dem Gegenträumer) nähern können, ohne in den Einfluss des Graken zu geraten. Hundertprozentigen Schutz bietet nur der Verzicht auf alle Gefühle durch einen operativen Eingriff ins Gehirn. Für wen das nicht in Frage kommt, der muss sich auf biotechnische Symbionten verlassen, die für die Zeit eines Einsatzes die Gefühle unterdrücken.

Jeder Graken lässt seine Brut heranreifen, um sie auf neue Systeme und Planeten loszulassen. Diese Brut ist der einzige bisher erfolgreiche Ansatzpunkt, nicht um die Graken zu besiegen, aber um sie an der weiteren Ausbreitung zu hindern.

Tako Karides ist Kommandant eines Trupps der galaktischen Streitkräfte, der auf eine Welt (Kabäa) vorstoßen soll, um die dortige Brut zu vernichten. Mit dabei ist eine Großmeisterin der Tal Telassi. Ihr geheimes Ziel ist, dem Graken einen »fatalen Traum« zu implantieren, der sich als Geschwür über möglichst viele Graken im Umfeld ausbreiten und sie vernichten soll.

Zwar wird die Brut vernichtet, aber auch die Großmeisterin kommt zu Tode und ihr fataler Traum zeigt keine Wirkung. Dafür entdeckt Tako Karides einen Jungen, der die einzigartige Gabe besitzt, in den Grakentraum einzudringen und dort frei zu bleiben, sogar, Wesen in seiner Umgebung vor der Grakenpräsenz zu schützen. Ihn rettet Karides vor dem Eintreffen von sieben weiteren Graken von Kabäa, bevor sie einen »Schwarm« bilden können.

Die Milchstraße muss immer stärkere Rückschläge hinnehmen, die Graken breiten sich dank der plötzlichen Schwarmbildung immer schneller aus. Bleibt die Hoffnung auf den Jungen Dominic, dessen Macht von den Tal Telassi geschult wird und dessen Schicksal es ist, die Grakenbedrohung zu bekämpfen.

Kritik

Es gibt wenig zu kritisieren, scheint mir. Die psychosoziale Seite der Protagonisten ist konsequent und nach einem erfolgversprechenden Schema erarbeitet. Tako Karides verlor Frau und Kind durch die Graken, das machte ihn zu ihrem erbittertsten Gegner und ermöglicht ihm, weitere Schicksalsschläge wie den Verlust großer Teile seines Körpers hinzunehmen und trotzdem mit unverminderter Härte gegen sich und andere an der Bekämpfung der Graken mitzuwirken. Durch seine Erfahrung und sein »Glück« – er ist regelmäßig an den Brennpunkten des Krieges – und trotz seiner wiederkehrenden sehr freien Auslegung von Befehlen erklimmt er die Rangleiter innerhalb der Streitkräfte. Vom einfachen »Keil« – einem Einsatzleiter – wird er zur »Lanze« mit hohen Befugnissen und erhält schließlich das Kommando über das letzte große Projekt, durch das die galaktischen Völker gerettet werden sollen. Unter seiner Leitung wird die zweihundertjährige Vorbereitung des galaktischen Exodus geplant und mit ihrer Umsetzung begonnen. Denn in Andromeda nebenan wurden bislang keine Graken gesichtet. Hauptziel seiner persönlichen Bemühungen ist aber Dominic, den Karides vor den Graken rettet und damit etwas vollbringt, was ihm beim eigenen Sohn nicht gelang. Er sieht in Dominic einen Sohnersatz und kämpft darum, bei ihm bleiben zu können.

Dominic ist der unwissende Schüler mit den überragenden Fähigkeiten, was ihn zu einem leicht formbaren Werkzeug der Tal Telassi macht. Aber entgegen ihrer Maxime verzichtet er nicht auf seine Gefühle und lernt im Zuge seiner Ausbildung ein Mädchen kennen, in das er sich verliebt. Das wirft die vorhersehbaren Probleme auf, bestärkt ihn aber in der Richtigkeit seiner Handlungen. Schneller, als die Lehrerinnen es erwarten und bemerken, entwickelt er seine Fähigkeiten weiter und kann dem Gefängnis der strengen Ausbildung entkommen. Im Endeffekt lastet auf ihm die gesamte Verantwortung, denn |nur er| kann – mit Hilfe der Tal Telassi und seines Freundes Tako Karides – der Gefahr der Graken Herr werden. Er muss seine Liebe in tragischer Weise aufgeben und erkennt schließlich, dass er die Wiedergeburt der mächtigsten Tal Telassi ist, die es bisher gab.

Auf Seiten der Tal Telassi gibt es die Großmeisterin Norene, die einen sehr konservativen Weg beschreitet und Dominic für diesen Zweck einspannen will. Sie übernimmt seine Ausbildung und zeigt sich als kalte, emotionslose Lehrerin, allerdings ohne die hintergründige Anteilnahme und Zuneigung des klischeehaften Lehrers. Schließlich unterliegt sie Dominics Geist, der in seiner Inkarnation und seinem Einblick in das Wesen des Seins den einzig gangbaren Weg gefunden hat – natürlich konträr zu Norenes Absichten.

So erleben wir das klassische Spiel vom Soldaten, der alles verlor und plötzlich eine neue Aufgabe erkennt, dem Jungen mit der verlorenen Liebe und der ausweglosen Zukunft und dem mächtigen Gegner in den eigenen Reihen, der wie stets von seiner Mission überzeugt ist und eigentlich nur einen anderen Weg gegen die Bedrohung beschreitet.

Trotz dieses im ersten Moment simpel und althergebracht erscheinenden Aufbaus enthält der Roman Spannung und Unterhaltung und Kreativität und Faszination von hohem Anspruch. Es ist vorhersehbar, dass am Ende ein Erfolg stehen würde. Aber die Komplexität der Geschichte und ihre Rätsel – und nicht zuletzt der atemberaubende Hintergrund – verbergen gekonnt den Weg zu diesem Erfolg und die damit verbundenen Konsequenzen. Außerdem führt doch die Mehrzahl aller Romane zu einem Erfolg.

Lange Zeit ist man enttäuscht, dass die Kantaki keine Rolle spielen, wo sie doch in der ersten Trilogie das faszinierendste Volk darstellten. Ein großes Rätsel dieses Zyklus ist das Verbleiben der »Großen K«, wie sie heute in Legenden genannt werden. Wer die Trilogie um den Zeitkrieg kennt, wird erstaunt sein, Schiffe der Kantaki im Zentrum der Grakenträume zu finden. Es bleibt noch ein Rätsel, wie sich aus den Kantakipiloten die Tal Telassi entwickelten. Auf den wichtigen Welten der Tal Telassi gibt es Mausoleen, in denen Kantakipiloten begraben liegen und ihr Andenken gewahrt wird. Auf diesem Weg stoßen wir auch auf unsere Bekannten: Diamant und Esmeralda. Was wurde aus Valdorian?

Und wem Olkin der Spieler noch ein Begriff ist: Auch er hat seinen kurzen Auftritt, auch wenn er sich mit Dominic konfrontiert sieht, der seine »Spiele« gar nicht lustig findet.

Es ist erstaunlich, dass schon der erste Roman eine Geschichte zum Ende bringt, nämlich den Krieg gegen die Graken. Doch die vielen Zusammenhänge bedürfen noch der Verknüpfung, und so bleibt die Spannung auf die beiden Folgebände auf einem hohen Niveau. Andreas Brandhorst kann erzählen!

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 4,00 von 5)


 

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