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Card, Orson Scott – Der Ruf der Erde (Homecoming 2)

_Angriff auf die heilige Stadt_

Dies ist der zweite Band von O. S. Cards fünfbändiger „Homecoming“-Saga, die mit dem Band [„Die verlorene Erde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1688 begann. Nun müssen die auserwählten Männer von Basilika noch Gefährtinnen für die lange Reise zur Erde suchen. Und das Schicksal ihrer Stadt Basilika erfüllt sich.

_Handlung_

Nafais Brüder und sein Vater, die nun im Exil in der Wüste campen, sind im Besitz des Index und erfahren, dass sie weiterziehen sollen. Doch zuvor haben sie noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: Sie müssen sich Frauen besorgen, am besten ihre Schwestern und Nichten und vielleicht noch ein oder zwei Seherinnen. Schließlich kann man ein Generationenraumschiff schlecht nur mit einem Geschlecht bemannen, oder?

Doch die Dinge stehen nicht günstig in ihrer Stadt Basilika, denn es wurden zwar die zwei Anführer der verfeindeten Parteien der Stadt getötet (einer davon von Nafai), doch weiterhin versetzen Söldner die Frauen und Kinder in Angst und Schrecken. Zu allem Überfluss hat Nafais Mutter einen Fehler begangen: Sie schickte den Wachsoldaten, der Nafai durchs Tor aus der Stadt ließ, zum falschen Nachbarvolk, zu den Gorajni.

Nun sind die Gorajni zufällig gerade dabei, eifrig ein Imperium aufzubauen. Der Imperator betrachtet sich als keinen Geringeren als den von Gott Gesandten. Und sein General, zu dem der Wachsoldat flieht, ist sein bester Feldherr. Muuzh, so heißt dieser verschlagene Bursche, kann zwar insgeheim den großkotzigen Imperator nicht ausstehen, weil dieser Muuzhs Volk unterworfen hat. Doch hindert dieser Umstand Muuzh nicht daran, sofort die günstige Gelegenheit zu ergreifen, das verängstigte und gespaltene Basilika mit tausend Soldaten anzugreifen.

So hofft er sich in eine strategisch günstige Position zu bringen, um das wichtigste Nachbarvolk in Schach zu halten und schließlich erobern zu können. Nach dieser Eroberung könnte er weitere Truppen um sich sammeln und so schließlich den Imperator in Bedrängnis bringen. Gegen die Stadt Basilika hat Muuzh also im Grunde gar nichts. Im Gegenteil: Nachdem er die einflussreiche Herrin Rasa, Nafais Mutter, in der Stadt durch Diffamierung isoliert hat, macht er sich daran, die Bürgerehre Basilikas zu erwerben. Dies geht am besten, indem er eine der angesehensten Frauen nach Rasa ehelicht: die „Wasserseherin“ Luet oder die „Entwirrerin“ Huschidh.

Als Nafai den General besucht, eröffnet er ihm, dass Nafai selbst bereits Luet geheiratet habe. Und dass zweitens die Überseele den General nach Basilika geführt habe. Muuzh staunt nicht schlecht und streitet alles ab: Er habe stets gegen Gott gehandelt, so sehr dieser ihn auch mit Vergessen und Dummheit schlagen wollte. Genau das, so entgegnet Nafai, war die Strategie der Überseele: Sie musste Muuzh nur etwas verbieten und sofort tat er es, einfach um ihr zu trotzen!

Nun bleibt Muuzh als letzte Chance noch Huschidh, um sich mit Basilika zu vereinigen. Die 16-jährige Seherin willigt ein, doch als es zur Eheschließung kommen soll, tritt eine unvorhergesehene Person auf. Muuzh könne ja schlecht seine eigene Tochter heiraten …

_Beobachtungen_

Dieser zweite Band befasst sich hauptsächlich mit den Beziehungen zwischen den Mitgliedern des bedeutendsten Clans der Stadt, den Auserwählten aus Rasas Sippe. Sie müssen sich zusammenraufen, Gefährtinnen finden und mit diesen den Exodus wagen. Allerdings spielt hier Nafai, der in Band 1 im Mittelpunkt stand, nur eine untergeordnete Rolle. Das ist etwas unbefriedigend. Zudem wird enthüllt, dass diese Auserwählten Produkte eines jahrtausendelangen Zuchtprogramms der Überseele sind.

Die zweite Haupthandlung entspinnt sich natürlich um den General Muuzh, denn er befreit die Stadt zunächst, um ihr dann ein anderes Schicksal aufzuzwingen. Allerdings hat er dabei ein klein wenig seine eigene Vergangenheit außer Acht gelassen. Auch er ist ein Teil jenes Zuchtprogramms.

Ein drittes, völlig neues Element sind Botschaften vom Hüter der Erde. Muuzh ist überrascht, dass nicht nur er diesen Traum hat, sondern auch Luet und Huschidh. In diesen Träumen – sie entsprechen dem „Ruf der Erde“ aus dem Titel – erscheinen Menschen, die von behaarten Engeln mit Lederflügeln angegriffen werden. Die zu Fall gebrachten Menschen werden von übergroßen Rattenwesen attackiert. Muuzh interpretiert den Menschen als den Imperator, doch die Seherinnen wissen’s besser: Der Hüter der Erde erzählt vom Notstand auf der Erde, wo alle drei Rassen miteinander im Widerstreit liegen.

_Fazit_

Auch in Band 2 der Homecoming-Saga verknüpft Card geschickt die Schicksale der Auserwählten inklusive Muuzh miteinander, so dass ihnen nichts anders übrig bleibt, als den Willen der Überseele zu erfüllen. Und um es weiter spannend bleiben zu lassen, tritt ein neues rätselhaftes Element auf: der „Ruf der Erde“. Um wen oder was handelt es sich bei diesem mysteriösen „Hüter der Erde“? Wo sind die Raumschiffe auf Harmonie, wie bedient man sie, wie findet man die Erde und wie überstehen die Auserwählten die lange Reise über tausend Lichtjahre hinweg? Diese Fragen sind gute Gründe, die nächsten Bände zu lesen.

|Glaubensfragen|

Den Leser beschleicht immer ein ungutes Gefühl, wenn eine höhere Macht so mir nichts, dir nichts über das Schicksal von Personen verfügt (siehe das Alte Testament). Den Figuren in diesem Buch ergeht es nicht anders. Ganz besonders den Leuten, die Nafai, der absolut von der Überseele erfüllt ist, davon zu überzeugen sucht, dass sie deren Willen ebenfalls erfüllen müssten. Da ist Luet, seine Braut, die um ihrer Selbst willen geliebt werden will und nicht aus Gründen einer höheren Art von „Staatsräson“; und da ist General Muuzh, der noch viel schwerer von der „Wahrheit“ zu überzeugen ist, denn er hat zeit seines Lebens den Willen Gottes geleugnet.

In diesem Gespräch wird Nafais Glaube auf eine harte Probe gestellt. Und es sagt viel über Cards eigene Glaubensauffassung aus, wie Nafai seinen Glauben verteidigt: Der Glaube erkläre alle von der Überseele erzeugten Phänomene so überzeugend, dass es besser ist, nach diesem Glauben ein erfülltes und bedeutungsvolles Leben zu führen statt ein Leben, dessen Bedeutung nur von einem General und dessen Plänen gestiftet wird. Dagegen ist nichts zu einwenden, doch andererseits kann Nafai nicht von der Hand weisen, dass auch die Argumente des Generals gegen die Existenz einer Überseele Glauben verdienen. Doch er, Nafai, wähle den Glauben an die Überseele. Es ist eine freie Willensentscheidung. Er beugt sein Haupt nicht vor einem eifersüchtigen Gott Jahwe, sondern er glaubt aus Gründen, die direkt mit seinem eigenen Leben zu tun haben.

|Religion und Science Fiction?!|

Religion und Science Fiction also? Ein unheilige Allianz? Keineswegs. Denn auch in so hochgelobten „Kultromanen“ wie [„Der Wüstenplanet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1662 von Frank Herbert gehen Religion (Muad’dib als der verheißene Messias), Ökologie und politische Herrschaft eine Allianz ein, wie immer man sie auch bewerten mag. Und es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele, beispielsweise Mary Doria Russells zwei Jesuitenromane „Sperling“ und „Gottes Kinder“.

Wer sich mit diesem Themenkreis nicht befassen möchte, blendet wichtige Fragen wie etwa moralische Prinzipien und Verantwortung, Glaubensvorstellungen von einer besseren Zukunft usw. aus. Wer dagegenhält, dass diese Dinge heute von den Politikern und den Wissenschaftlern geregelt würden, der hat bereits kapituliert: Denn beide Eliten haben bereits mehrfach ihren moralischen Bankrott unter Beweis gestellt.

|Originaltitel: The Call of Earth, 1993
Aus dem US-Englischen übertragen von Uwe Anton|

Card, Orson Scott – Die verlorene Erde (Homecoming 1)

_Exodus vom Planeten der Frauen_

Der Autor der erfolgreichen „Ender“-Saga und des Alvin-Maker-Zyklus erzählt in seiner fünfbändigen „Homecoming“-Saga von einem fernen Planeten und wie dessen Bewohner wieder zurück zur verlassenen Erde gebracht werden. Bibelfeste Leser werden sich schon bald an das Alte Testament („Buch Mose“) erinnert fühlen.

_Handlung_

Vor 40 Millionen Jahren wurde der Planet Harmonie von Menschen der Erde besiedelt, die dem von Atomkrieg und Umweltzerstörung zugrunde gerichteten Planeten entflohen, um eine bessere Welt zu gründen. Um das Gedeihen ihrer Kolonie sicher zu stellen, installierten sie den gigantischen Computer Überseele, um über die Friedlichkeit der Kolonie zu wachen. Mit seinen Satelliten im Orbit vermag er bewusstseinsverändernde Strahlen in entsprechend genmanipulierte Gehirne zu schicken. Diese Gehirne sollen nie auf den Gedanken kommen, Wagen und Waffen zu erfinden, Dinge, die die Erde zerstören halfen. Und die Bewohner von Harmonie haben eine Kultur errichtet, in der ihnen wie selbstverständlich Träume, Visionen und Eingebungen geschickt werden. Alles in Butter also.

Denkste! Nun sieht sich der Computer Überseele selbst in Gefahr; seine Systeme drohen zusammenzubrechen, und die Zahl seiner Satelliten ist auf ein Viertel ihrer Sollstärke gesunken. Revolutionäre, gewalttätige Gedanken entstehen und greifen um sich. Um der Vernichtung seiner selbst und seiner Schützlinge zu entgehen, muss Überseele auf die Erde zurückkehren, denn nur dort kann der Master Computer repariert werden. Und nur dort gibt es den Hüter der Erde …

Überseele hat keine andere Wahl, als die ahnungslosen Menschen seines Planeten langsam an die Geheimnisse der Raumfahrt heranzuführen. Doch zuallererst müssen sie natürlich einen Grund sehen, überhaupt Harmonie verlassen zu wollen. Allerdings scheint sich Überseele einen sehr unbedeutenden und nutzlosen Knecht als Werkzeug für seine Pläne ausgesucht zu haben: Nafai ist gerade mal 14 Jahre alt und träumt davon, mal Schauspieler zu werden wie sein Bruder Mebbekew.

Doch Nafai ist ein aufgeweckter und rebellischer Geist, der etwas von Computer und Datenbanken versteht, genau wie sein behinderter Bruder Issib, der alle Sprachen ausforscht. Issib, so findet Nafai verblüfft heraus, hat sich inzwischen immun gegen die Strahlen von Überseele gemacht und kann Dinge denken, die Nafai vor Schmerz aufschreien lassen. Und Issib vergisst nicht alles gleich wieder.

Daher ist Nafai der ideale Agent, um für den Hauptcomputer die wichtigste Datenbank schlechthin zu besorgen: den Palwaschantu-Index. Dumm nur, dass der Index im Besitz des Todfeindes von Nafais Familie ist. Wär ja auch sonst zu einfach gewesen.

_Beobachtungen und Anmerkungen_

Die Stadt, in der sich das Geschehen dieses Bandes abspielt, ist Basilika (die Bezeichnung für eine Kirche). Basilika liegt zwischen Wüste, Bergen und dem „Pfadlosen Wald“. In ihr regieren die Frauen, und in ihren mittelalterlichen Mauern darf ein Mann nur wohnen, wenn er mit einer Frau verheiratet ist. Um ein wenig Abwechslung in die Gesellschaft zu bringen, können sich Frauen schon nach einem Jahr von ihrem Mann scheiden lassen und einen Ehevertrag mit einem anderen schließen. Heiraten können sie schon mit 15 Jahren. Will sich ein Mann die Hörner abstoßen, hält er sich an die „Wilden Frauen“.

Und die Frauen haben sogar noch mehr Macht über die Männer, weil nur sie am Spaltsee leben dürfen, der in der Mitte der Stadt liegt. Sein Anblick ist den Männern verboten, und dort empfangen die Frauen die Visionen und Eingebungen der Überseele: das spirituelle Zentrum Basilikas. Kein Wunder, dass die Stadt so friedlich ist. Sie widmet sich den Künsten, dem Handwerk und dem Handel.

Es ist erstaunlich, wie durchdacht die Struktur und die Gesellschaft Basilikas sind. Dies trägt erheblich zur Glaubhaftigkeit des Geschehens bei, in das zahlreiche Bewohner der Stadt verwickelt werden. Schließlich werden so dem Leser die psychologischen Motive für die seltsamen Handlungen klar, die hier vor sich gehen.

Es ist aber auffällig, wie stark manche Figuren und ihre Motive denjenigen im Alten Testament der Bibel ähneln – da wird ständig um Erbschaft und Vorherrschaft und Rangfolge der Söhne gestritten. Das rührt natürlich daher, dass Card das „Buch Mormon“ in neuem Gewand erzählt. Das Buch Mormon, die Bibel der „Heiligen der Letzten Tage“, erzählt vom Exodus der Heiligen aus Israel, von ihrer Aufspaltung und Konfrontation und ihrer letztlichen Ankunft auf dem amerikanischen Kontinent. Diesmal führt der von der Überseele veranlasste Exodus allerdings „heim“ zur Erde – zumindest in den folgenden vier Bänden.

_Fazit_

„Die verlorene Erde“ ist durchaus spannend und glaubhaft erzählt. Lediglich solche Leser, die absolut nichts mit Träumen, Visionen, Propheten und der „Überseele“ anfangen können bzw. wollen, werden vom Geschehen nicht gefesselt sein. Denn Card erzählt Nafais Geschichte keineswegs wie ein Evangelist, sondern so, als sei er dabei gewesen, als sich Nafai mit seinen Brüdern und Nichten in den Haaren lag und sie einander schier die Haare ausrissen.

Natürlich kommen auch romantische Liebesmomente vor und eine Exkursion über den verbotenen Spaltsee. Doch vor allem ist es der Umstand, dass sich dem Leser immer wieder neue Geheimnisse offenbaren, der dazu beiträgt, dass er weiterliest.

Natürlich ist Nafai eine Moses- oder Jesus-Gestalt – warum auch nicht? Vermutlich waren diese Figuren auch einmal Menschen. Und als sie ihrer Berufung folgten, da hatten sie ebenso wie Nafai schreckliche Gewissensbisse, als sie Taten begehen mussten, die sie sonst nie begangen hätten. Card macht es äußerst deutlich, dass und warum Nafai keine Schuld trifft, als er im Auftrag der Überseele einen Mord begeht, um Millionen weitere Tote zu verhindern.

Card ist keineswegs ein selbstgerechter Evangelist, sondern vielmehr ein aufmerksamer Beobachter der conditio humana. Sein Erfolg kommt nicht von ungefähr, und wir dürfen noch etliche gute Romane erwarten. In letzter Zeit hat er die Vorgeschichte von „Ender“ erzählt ([„Enders Schatten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=951 und „Shadow of the Hegemon“). Aber seine Fantasy ist ebenfalls vom Feinsten, beispielsweise „Enchantment“.

|Originaltitel: The Memory of Earth, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Uwe Anton|